Brahmacharya
Was
bedeutet Brahmacharya?
Hintergründe, Verhaltensweisen, Techniken
Von
Swami Sivananda Maharaj,
von
Divya Jyoti aus den Monatsheften des Sivananda Ashram, Rishikesh,
zusammengestellt
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien –
Inhaltsverzeichnis:
Brahmacharya und Urdhvareta Yogi
(Ein Yogi, bei
dem die abwärtsfließende Energie aufwärts zum Kopf geht)
1.
Wer ist ein
Brahmachari?
2.
Akhanda
(ausschließlich) Brahmachari
3.
Urdhvareta Yogi
1.
Wer ist ein
Brahmachari?
Ein Brahmachari ist jemand, der versucht Gott
(Brahman) zu verwirklichen, indem er ehelos bleibt. In den alten Schriften heißt
es: ‚Als Brahmachari wird bezeichnet, wer über alle Disziplinen hinausgewachsen
ist und wie Gott selbst auf Erden wandelt.‘
Man unterscheidet zwei Arten von Brahmacharins:
1.
Jemand, der sich
für Ehelosigkeit entscheidet, ein Zölibat ablegt oder
2.
Jemand, der sich
für Ehe und Familie entscheidet, nachdem er seine religiösen Studien
abgeschlossen hat.
Ein wahrer Brahmachari kann entweder den Weg des
Bhakti (Hingabe) oder den Weg von Jnana (Wissen) beschreiten. Ohne aufrichtige
Lebensdisziplin sind keine Fortschritte möglich. Darum werden nachstehend
Methoden und Hindernisse auf dem Weg beschrieben.
Brahmacharya bedeutet Loslösung von Sexualität,
in Gedanken, Wort und Tat. Er hält sich von allem Erotischen fern. Es heißt:
‚Wer sich lustvoll umschaut, riskiert bereits einen Ehebruch.‘ Ein Brahmachari
empfindet keinen Unterschied bei der Berührung einer Frau bzw. einem Stück Holz.
2. Akhanda (ausschließlich) Brahmachari
Ein Akhanda Brahmachari, der zwölf Jahre lang
kein (Sperma/ Samen) abgegeben hat, wird mühelos Samadhi erlangen. Lebensenergie
und Geist sind unter absoluter Kontrolle. Ein Akhanda Brahmachari beherrscht
absolute Konzentration, Gedächtnisleistung und Wissen über die Natur. Er braucht
weder zu meditieren noch zu reflektieren. Sein Intellekt ist rein, sein
Verstehen einfach und klar. Akhanda Brahmacharins sind sehr rar, doch es gibt
sie. Jeder kann ein Akhanda Brahmachari werden, wenn er es richtig und ernsthaft
angeht. Ungepflegtes langes Haar, Asche auf Stirn und Körper machen noch keinen
Brahmachari. Jene, die scheinbar ihren Geist und Körper kontrollieren, sich
jedoch ständig mit sexuellen Gedanken befassen, sind Scheinheilige. Solchen
Leuten darf man nicht trauen. Sie können sogar zu einer Bedrohung werden.
Werde zu einem Brahmachari auf Lebenszeit, bleibe ehelos, lebe im Zölibat, werde Sannyasa, Mönch. Man benötigt nicht die Erfahrung von Ehe und Familie um Samadhi zu erlangen. – Letztendlich verneigt sich die ganze Welt vor dir.
3. Urdhvareta Yogi
Bei einem Urdhvareta Yogi fließt die
Samen-Energie aufwärts zum Kopf und wird als Ojas Sakti (spirituelle Energie)
zur Kontemplation genutzt. Die Samen-Energie wird in spirituelle Energie
umgewandelt. Dieser Prozess wird durch Eindämmung der Sexualität hervorgerufen.
Ein Urdhvareta Yogi hat keine ‚feuchten Träume‘. Der Umwandlungsprozess wird
durch yogische Kräfte, Reinheit der Gedanken, Worte und Taten, sowie Behinderung
der Verwandlung der Samenzellen in Sperma ermöglicht. Einige Leute behaupten,
die Samenzellen würden bei diesen Yogis im Blut absorbiert, doch das ist nicht
der Fall. Allein durch Kontrolle von Körper und Geist wird der Samenfluss
verhindert.
In der Wissenschaft heißt es, der Samen befindet
sich in subtiler Form im gesamten Körper. In grobe Form umgewandelt,
hervorgerufen durch sexuellen Willen, wird er in Erregung über das Sexual-Organ
abgegeben. Ein Yogi verhindert nicht nur die Abgabe des Samens in der Erregung,
sondern bereits die Verwandlung des Samens in seine gröbere Form (Sperma).
Der Urdhvareta Yogi möchte schnell Brahman
verwirklichen. Das Studium der Schriften ist ihm anfangs genug, um
Selbstverwirklichung erlangen zu wollen. Sexual-Energie wird durch spirituelle
Übungen in spirituelle Energie umgewandelt, indem sexuelle Gedanken durch
erhebende Gedanken an das Selbst oder Atman ersetzt werden. Dies geschieht
mithilfe von Meditation, Japa, Verehrung, Asanas und Pranayama-Praxis. Die
verwandelte Energie wird zur göttlichen Kontemplation und zum Streben nach
Gottverwirklichung genutzt.
Ärger und muskuläre Energie wird ebenfalls
umgewandelt. Die in Spiritualität verwandelte Energie kann zur geistigen Arbeit
genutzt werden. Diese Yogis haben eine wundervolle Aura und leuchtende Augen.
Mit wenigen Worten können sie ihre Zuhörer in den Bann schlagen und Gutes, gar
Wunder bewirken. Sankara, Jesus Christus waren derartige Brahmacharins. Es
heißt, dass Snakara landauf, landab erhitze Debatten führte und seine Zuhörer zu
einem besseren Leben führte. Von Jesus Christus ist Ähnliches bekannt, wie der
Bibel zu entnehmen ist.
Man sollte mit seiner Lebensenergie sorgfältig
umgehen. Wer Selbstverwirklichung erlangen möchte, muss sich in Keuschheit,
Reinheit in Wort und Tat üben. Diese Yogis verbreiten bei ihrem Erscheinen einen
angenehmen Lotus-Duft. Durch Pranayama gewandelter Samen kommt als Nektar
zurück, als würde er durch die Haut verdunsten.
Willentlich hervorgerufener Samenerguss kann zu
Spannungen im Nervensystem führen, auch wenn eine Ejakulation als Entlastung
empfunden wird. Als Höhepunkt gegenseitiger Liebe von Mann und Frau, zur Zeugung
von Nachkommen, kommt es selten zu Spannungen. Ein plötzlicher Samenerguss im
Traum ist ebenfalls spannungsfrei, wenn auch in der Folge meist als unangenehm
empfunden. Beim Träumen wirkt der Geist im Astral-Körper, greift plötzlich in
den physischen Körper über, und es kommt zum Erguss, wobei wenig Samen, sondern
mehr Flüssigkeit aus der Prostata abgegeben wird. Durch Kontrolle des Geistes,
der Sinne und durch Unterscheidungsfähigkeit, Leidenschaftslosigkeit, Pranayama,
Japa etc. kann man selbst diese scheinbar eigenwillige Situation allmählich in
den Griff bekommen und das Lebensziel (Gottverwirklichung) erreichen. – Möge der
innewohnende Gott helfen, die notwendigen spirituellen Kräfte zu erlangen, um
Geist und Sinne zu kontrollieren.
Der Mensch hat viele Wünsche, doch sein stärkster
Wunsch ist der Wunsch nach Sexualität. Alles hängt an diesem zentralen Thema,
alles andere ist nachgelagert. Die ganze Schöpfung muss erhalten bleiben, darum
hat Gott den Wunsch nach Fortpflanzung derart stark gemacht. Es ist schwieriger
den Sexualtrieb zu beherrschen als einen Universitätsabschluss zu erlangen. Wer
diesen Sexualtrieb überwunden hat, ist wie Brahman.
Es kommt bei den Brahmacharins bzgl. der
Überwindung dieses Triebes immer wieder zu Zweifeln bzgl. des Erfolges des
Bemühens oder die richtige Praxis. Manche werden in ihrem Bemühen entmutigt,
geben leider auf. Wer einmal den Entschluss zur Enthaltsamkeit gefasst hat, darf
niemals aufgeben. Irgendwie, irgendwann wird das Bemühen und der Fortschritt
innerlich wie auf einer ungeschriebenen Erfolgsleiter registriert. Man darf
niemals in seiner Sadhana nachlassen oder gar aufgeben. Wer hinfällt muss wieder
aufstehen. Irgendwann wird das Bemühen von Erfolg gekrönt sein. Man muss Gott
entgegen gehen, damit ER auf den Übenden aufmerksam wird. Ohne Bemühen ist kein
Entgegenkommen zu erwarten. ER kommt, wenn die Zeit reif ist, unerwartet mit all
seiner Schönheit und Kraft.
Selbst täglich, nur eine halbe Stunde Japa mit
‚OM‘, wird innerlich, tief im Herzen registriert. Man merkt zunächst nichts,
doch irgendwann erhält man ein positives Echo von innen aus dem Herzen, wo Gott
wohnt. Wer einige Monate täglich übt, wird irgendwann eine Veränderung in sich
wahrnehmen. Diese positive Veränderung nimmt zu, je weiter man voranschreitet.
Man stellt eines Tages fest, dass man von der Umwelt anders, positiv
wahrgenommen wird. Das Wort gilt etwas, wo man früher nur Kopfschütteln erntete
usw., - eine völlig neue Erfahrung. Man hat plötzlich das Bedürfnis, sein Essen
umzustellen, Freundschaften verändern sich. Man spürt Ruhe, wo früher Hektik
war, spürt eine innere Reinheit, stahlt mehr und mehr Zufriedenheit aus.
Möge Gott, Brahman alle Leser und Übenden segnen
und auf ihrem Weg begleiten.
OM TAT SAT