Maha-Sivaratri

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Einführung
Die Geschichte von König Chitrabhanu
Die spirituelle Schönheit des Rituals
Die Versicherung von Lord Siva


 

Alle auf dieser und den folgenden Internet-Seiten von Divya Jyoti (Hans-J. Schröer) veröffentlichten Texte und Übersetzungen unterliegen dem © Copyright "The Divine Life Trust Society" (Rishikesh, Indien)

Einführung

Der Feiertag fällt auf den 13. / 14. Tag der dunklen Hälfte von Phalgun (Februar - März). Der Name bedeutet: die Nacht Sivas. Die Zeremonien finden hauptsächlich in der Nacht statt. Das Fest findet zu Ehren von Lord Siva statt. Siva wurde an diesem Tag mit Parvati vermählt.

Die Siva-Anhänger halten an diesem Tage ein strenges Fasten ein. Einige von ihnen nehmen nicht einmal einen Tropfen Wasser zu sich. Sie bleiben die ganze Nacht über wach. Sie verehren den Siva-Lingam, indem sie ihn alle drei Stunden mit Milch, Joghurt, Honig, Rosenwasser usw. übergießen, wobei das Singen des Mantras "OM Nama Sivaya" ununterbrochen fortgesetzt wird. Bael-Blätter werden über den Lingam gestreut. Diese Blätter werden als Heilig angesehen, denn es heißt, dass Lakshmi in ihnen wohnt.

Lord Siva wird mit Hymnen wie die Siva Mahimna Stotra von Pushpadanta, Ravana's Siva Tandava Stotra oder OM Nama Sivaya mit großer Hingabe gepriesen. Derjenige, der die Namen Siva's mit vollkommener Hingabe und Konzentration aufsagt, wird von allen Sünden befreit. Er geht in die Heimstatt Siva's ein und lebt dort glücklich und zufrieden, und er wird von Samsara, der ständigen Wiederkehr von Geburt und Tod, befreit.

 

Die Geschichte von König Chitrabhanu

In der Shanti Parva der Mahabharata bezieht sich Bhisma, während er auf einem Bett aus Pfeilen ruht, bezüglich der Gebote Gottes bzw. die Pflichten der Menschen auf die Geschichte von König Chitrabhanu zu Maha Sivaratri. Sie lautet wie folgt:

In längst vergangener Zeit nahm König Chitrabhanu aus der Ikshvaku Dynastie, der über das gesamte Jambudvipa regierte, mit seiner Frau an dem Fasten zu Maha Sivaratri teil. Der Heilige Ashtavakra kam, um den König an dessen Regierungssitz zu besuchen.

Der Heilige fragte: "Oh König, warum fastest du heute?"

Der König erklärte ihm den Grund. Er hatte die Gabe, sich an Vorkommnisse früherer Geburten zu erinnern.

Der König sagte: "In meinem letzten Leben war ich Jäger in Varanasi. Ich hieß Susvara. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt mit dem Töten und Verkaufen von Vögeln und anderen Tieren. Eines Tages wanderte ich durch die Wälder auf der Suche nach dem Wild. Ich wurde von der hereinbrechenden Dunkelheit überrascht. Zum Schutz kletterte ich auf einen Baum. Es war ein Baelbaum. Am Tage hatte ich ein Tier erlegt, konnte es aber auf Grund der Dunkelheit nicht mehr nach Hause bringen. Ich verschnürte es zu einem Bündel und band es an einen Zweig des Baumes. Da ich von Hunger und Durst geplagt wurde, blieb ich die ganze Nacht über wach. Ich vergoss eine Flut von Tränen, wenn ich an meine Frau und Kinder dachte, die ängstlich auf meine Rückkehr warteten. Um die Zeit totzuschlagen, pflückte ich Blätter vom Baelbaum und warf sie zu Boden.

Der Tag dämmerte herauf. Ich kehrte nach Hause zurück und verkaufte das Tier. Ich erstand für mich und meine Familie ein paar Früchte. Ich wollte gerade mein Fasten abbrechen, als ein Fremder auf mich zukam und mich um Nahrung anbettelte. Ich gab ihm zuerst und aß dann selbst etwas.

In der Todesstunde sah ich zwei Boten Lord Sivas. Sie kamen herunter, um meine Seele zur Heimstatt Sivas zu bringen. Ich hörte zum ersten Mal etwas über mein unbewusstes Verehren Lord Sivas in der Nacht von Sivaratri. Sie erzählten mir, dass am Fuße des Baumes ein Lingam stünde. Die von mir abgepflückten Blätter landeten auf dem Lingam. Meine vor Kummer über die Familie  vergossenen Tränen reinigten den Lingam. Außerdem hatte ich den ganzen Tag und die ganze Nacht gefastet. Auf diese Weise hatte ich unbewusst den Herrn verehrt.

Ich habe lange Zeit in der Heimstatt Sivas zugebracht und mich der göttlichen Glückseligkeit erfreut. Jetzt wurde ich als Chitrabhanu wiedergeboren.

 

Die spirituelle Schönheit des Rituals

In den Schriften ist folgender Dialog zwischen Sastri und Atmanathan nachzulesen, die die innere Bedeutung der o.a. Geschichte wiedergibt:

Sastri: Sinnbildlich ist das vom Jäger gejagte Wild wie der Kampf gegen die Lust, Angst, Gier, Vernarrtheit, Missgunst und Hass zu verstehen. Der Dschungel stellt den vierfachen Geist dar, der aus dem Unbewusstsein, dem Intellekt, dem Ego und dem bewussten Geist besteht. Im Geist irrt dieses scheinbar freie Wild umher. Es muss abgetötet werden. Unser Jäger verfolgte es, denn er war ein Yogi. Wenn man wirklich ein Yogi ist, muss man diese üblen Neigungen erobern. Erinnerst du dich an den Namen des Jägers?

Atmanathan: Ja, er hieß Suswara.

Sastri: Richtig! Es bedeutet "melodisch". Der Jäger hatte eine wunderschöne melodische Stimme. Wenn jemand Yama und Niyama praktiziert und seine üblen Neigungen erobert, entwickelt er automatisch die äußeren Merkmale eines Yogi. Die ersten Merkmale sind seine leuchtende Ausstrahlung, Gesundheit, Stabilität, Klarheit in der Haltung und eine wohlklingende Stimme. Diese Stufe wird ausführlich in der Swetaswatara Upanishad beschrieben. Der Jäger oder Yogi hatte über viele Jahre Yoga praktiziert und die erste Stufe erreicht. Darum wurde ihm der Name Suswara gegeben. Erinnerst du dich daran, wo er geboren wurde?

Atmanathan: Ja, er wurde in Varanasi geboren.

Sastri: Die Yogis bezeichnen das Ajna Chakra als Varanasi. Dieses ist der Punkt zwischen den Augenbrauen. Es ist der Punkt, wo die drei Nerven, Ida, Pingala und Sushumna zusammentreffen. Suchern wird empfohlen, sich auf diesen Punkt zu konzentrieren. Das hilft, um Wünsche und üble Neigungen, wie Angst usw. zu erobern. Hier erhält er eine Vision des inneren göttlichen Lichts.

Atmanathan: Das ist sehr interessant! Doch wie erklärst du dir das Klettern auf den Baelbaum und all die anderen Einzelheiten seiner Verehrung?

Sastri: Hast du dir die Bahelblätter schon einmal genauer betrachtet?

Atmanathan: Ein Blatt ist eigentlich ein dreifaches Blatt mit einem Stängel.

Sastri: Richtig! Der Baum ist wie ein Wirbelsäulenkanal. Die Blätter sind dreifach. Sie stehen für Ida, Pingala und Sushumna, die die Aktivitäten des Mondes, der Sonne und des Feuers darstellen oder als die drei Augen Sivas gelten. Das Klettern auf den Baum bedeutet das Aufsteigen der Kundalini Shakti, der Schlangenkraft, die vom untersten Nervenzentrum, dem Muladhara, zum Ajna Chakra aufsteigt. Das ist das Werk eines Yogi.

Atmanathan: Ich habe von der Kundalini und den verschiedenen psychischen Zentren im Körper gehört. Bitte fahre fort; ich möchte gern mehr erfahren.

Sastri: Gut. Der Yogi war wach als er mit seiner Meditation begann. Er bündelte die getöteten Vögel und Tiere und band sie an einen Zweig, wo er sich ausruhte. Dies bedeutet, er hatte seine Gedanken vollkommen erobert und hielt sie in Schach. Er war durch die Stufen von Yama, Niyama, Pratyahara usw. hindurchgegangen. Auf dem Baum praktizierte er Konzentration und Meditation. Das er sich schläfrig fühlte, bedeutet, dass er nahe daran war, sein Bewusstsein zu verlieren und drohte, in den Tiefschlaf zu fallen. Darum beschloss er wach zu bleiben.

Atmanathan: Das ist mir jetzt klar. Doch warum weinte er um seine Frau und seine Kinder.

Sastri: Seine Frau und seine Kinder symbolisierten die Welt. Wenn jemand die Gnade Gottes sucht, muss er zur Verkörperung der Liebe werden. Er muss eine vollkommen ergreifende Sympathie genießen. Sein Tränenfluss war ein Indiz für seine universale Liebe. Auch im Yoga kann keine Erleuchtung ohne die Göttliche Gnade erlangt werden. Ohne Universale Liebe zu praktizieren, können wir keine Gnade bekommen. Man muss das eigene Selbst überall wahrnehmen. Die Voraussetzung ist, dass man den eigenen Geist mit dem Geist aller Geschöpfe identifiziert. Daraus ergibt sich die Sympathie. Dann muss man die Grenzen des Geistes überschreiten und sich mit dem Selbst vereinen. Dieses geschieht erst im Samadhi und nicht vorher.

Atmanathan: Warum pflückte er die Ba elblätter und ließ sie herunterfallen?

Sastri: Dieses dient in der Geschichte dazu, um zu zeigen, dass er überhaupt keine nach außen gerichteten Gedanken hatte. Er war sich nicht einmal bewusst, was er tat. All seine Aktivitäten waren auf die drei Nervenstränge (Nadis) beschränkt. Die Blätter, wie zuvor erwähnt, repräsentierten diese drei Nadis. Es handelte sich um die zweite Stufe, die Traumphase, bevor in den Tiefschlaf einging.

Atmanathan: Es heißt, er sei die ganze Nacht wach gewesen.

Sastri: Ja. Dieses bedeutet, dass er erfolgreich durch die Tiefschlafphase gekommen war. Das Heraufdämmern des Tages symbolisierte den Eingang in die vierte Phase, Turiya oder das Überbewusstsein.

Atmanathan: Es heißt, dass er vom Baum herabstieg und den Lingam sah. Was bedeutet das?

Sastri: Dieses bedeutet, dass er im Turiya-Zustand den Siva-Lingam sah oder ein Zeichen von Siva in Form eines inneren Lichts wahrnahm. Mit anderen Worten, er hatte eine Vision des Herrn. Das war für ihn ein Indiz, dass er auf diesem Weg die absolute ewige Heimstatt von Lord Siva erreichen wird.

Atmanathan: Verstehe ich richtig, dass die Lichtvision nicht die Endstufe ist?

Sastri: Oh, es ist nur eine Stufe auf der Leiter, wenn auch eine sehr schwierige. Nun denke an den Fortgang der Geschichte. Er geht nach Hause und gibt einem Fremden von seinen Früchten. Es ist ein Fremder, den er zuvor noch nie gesehen hatte. Der Fremde ist niemand anderes als der Jäger selbst, der sich in eine neue Persönlichkeit verwandelt hatte. Die Nahrung symbolisierte das Mögen und das Nichtmögen, das er die Nacht zuvor getötet hatte. Doch er hatte beide noch nicht vollständig vernichtet. Ein wenig war immer noch geblieben. Darum wurde er als König Chitrabhanu wiedergeboren. Wenn man in die Heimstatt Sivas (Salokya) eingeht, heißt das nicht, dass eine Wiedergeburt verhindert werden kann. Es gibt noch andere Stufen neben Salokya. Dieses sind Samipya, Sarupya und letztendlich Sayujya. Kennst du nicht die Geschichte von Vijaya und Jaya, die von Vaikunta zurückkehrten?

Atmanathan: Jetzt habe ich es verstanden!

 

Die Versicherung von Lord Siva

Als die Schöpfung vollkommen war, gingen Siva und Parvati zum Berg Kailas, um dort auf der Spitze des Berges zu leben. Parvati fragte: "Oh, ehrenwerter Lord! von welchem der vielen Rituale fühlst Du Dich am meisten geehrt?"

Der Herr antwortete: "Die 14. dunkle Nacht nach dem Vollmond im Monat Phalgun (Februar - März) ist mir der liebste Tag. Er ist als Sivaratri bekannt. Meine Anhänger machen mich durch Fasten glücklicher als durch zeremonielle Bäder, Blumenopfer, Süßes oder Weihrauch.

Die Devotes halten an diesem Tage strikte spirituelle Disziplin und verehren mich auf vierfache Weise während der vier aufeinander folgenden Zeiträume von jeweils drei Stunden in der Nacht. Das Opfer einiger Baelblätter wird von mir mehr geschätzt als Juwelen und Blumen. Meine Devotes sollten mich zuerst während der ersten Periode in Milch baden, in Joghurt in der zweiten, in flüssiger Butter in der dritten und in Honig in der vierten Periode. Am nächsten Morgen sollte man zuerst den Brahmins zu Essen geben und, nachdem man die Zeremonien abgeschlossen hat, mit dem Fasten aufhören. Oh Parvati! Es gibt kein vergleichbares Ritual, was sich mit dieser einfachen Routine an Heiligkeit messen kann."

Parvati war von den Ausführungen Sivas tief beeindruckt. Sie gab sie an ihre Freunde weiter, die als Regenten zur Erde zurückkehrten.

Es gibt zwei große natürliche Kräfte, die die Menschen berühren, d.h. Rajas (die leidenschaftliche Handlung) und Tamas (die Trägheit). Die Sivaratri Vrata hat zum Ziel, diese beiden vollständig unter Kontrolle zu bringen. Der ganze Tag wird zu Füßen des Herrn verbracht. Fortgesetztes Verehren von Lord Siva setzt die ständige Präsenz der Devotes voraus. Gefühle werden kontrolliert. Übel, wie die Lust, die Angst und die Eifersucht, die aus Rajas hervorgehen werden ignoriert und unterdrückt. Die Devotes bleiben während der ganzen Nacht auf und erobern auch Tamas. Der Geist bleibt im Wachzustand. Alle drei Stunden wird der Siva-Lingam verehrt. Sivaratri ist eine vollkommene Vrata.

Die formale Verehrung besteht aus dem Bad des Herrn. Lord Siva wird als Licht betrachtet, das der Siva Lingam repräsentiert. Er verbrennt das Feuer der Strenge. Er wird darum am besten durch kühlende Bäder besänftigt. Während des Lingam-Bades betet der Devote: "Oh Herr! Ich will Dich mit Wasser, Milch usw. baden. Bitte sei so lieb, und bade mich mit Deiner Weisheit. Wasche mich von Sünden rein, sodass das weltliche Feuer, das mich verbrennt, für immer verlöscht, damit ich direkt Eins mit Dir werde."

Im Sivananda Ashram in Rishikesh wird Sivaratri wie folgt zelebriert:

  1. Alle spirituellen Sucher fasten den ganzen Tag, viele ohne einen Tropfen Wasser zu sich zu nehmen.

  2. Ein großes Opfer wird für den Frieden und das Wohlergehen aller vorbereitet und gegeben.

  3. Der ganze Tag wird im Japa von "Om Nama Shivaya" und der Meditation auf den Herrn verbracht.

  4. In der Nacht versammeln sich alle im Tempel und singen "Om Nama Shivaya".

  5. Während der vier Viertel der Nacht (alle drei Stunden) wird der Siva Lingam mit tiefer Hingabe verehrt.

  6. Sannyas Diksha wird aufrichtigen Suchern gewährt.

Verehre Lord Siva täglich: "Ich verehre das Juwel meines Selbst, Siva, der im Lotus meines Herzens wohnt. ich bade Ihn mit meinem reinen Geist aus dem Fluss des Vertrauens und der Hingabe. Ich verehre Ihn so sehr mit dem Duft der Blumen des Samadhi, dass ich nicht mehr in diese Welt wiedergeboren werde."

Hier ist noch eine andere Formel der absoluten Verehrung von Lord Siva: "Oh Siva! Du bist mein Selbst. Mein Geist ist Parvati. Meine Pranas sind Deine Diener. Mein Körper ist Dein Haus. Mein Handeln in dieser Welt dient Deiner Verehrung. Mein Schlaf ist Samadhi. Meine Bewegung ist ein ständiges 'um Dich herumgehen'. Mein Sprechen ist Dein Gebet. Auf diese Weise opfere ich Dir alles, was ich bin.

Om Tat Sat!

Friede sei mit Dir!