Wahre Religion
Vortrag von Swami Krishnananda (1991) auf einer religiösen Konferenz für den
Weltfrieden – übertragen von Divya Jyoti
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien
Manchmal muss man sich sogar mit so-genannten religiösen Menschen befassen, denn
auch sie arbeiten hart für ihre Institutionen, streben nach Geltung und Geld.
Dieses Verlangen nach Geld und Geltung baut Hindernisse auf, ist Teil
menschlicher Natur und ist wie eine Haut. Diese Haut zu entfernen ist schwierig.
Es bedarf der Vollkommenheit des Spirits des eigenen Selbst. Es reicht nicht
aus, Prediger oder religiöser Lehrer zu sein, sondern man muss durch und durch
religiös sein. Jeder weiß, was das bedeutet. Es ist, als würde man das
Bewusstsein Gottes in das eigene Herz einpflanzen.
Die
Menschen müssen sich allerdings darüber klar werden, was Gott wirklich bedeutet.
Geht es um die Frage seiner Existenz oder Nicht-Existenz? Ist Gott notwendig
oder gar etwas Besonderes? Man sollte religiösen Menschen einmal folgende Frage
stellen: Worin liegt die Besonderheit in der Gegenwart Gottes? – Ist das nur
eine Frage des Zeitpunktes, der sich mit dem Morgen oder mit der Zeit nach dem
Tod befasst? Erreicht man Gott erst nach dem Tod und nicht in diesem Leben?
Alle Religionen haben eine Vorstellung von Gott, die mit dieser Welt nichts zu
tun hat. Das ist falsch! Es existiert nichts Anderes außerhalb dieser Welt, denn
Existenz ist etwas Vollkommenes, eine organische Struktur, worin es keinen
Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt. Wenn man das
Ewige des Göttlichen akzeptiert, dann gibt es auch kein Morgen. ER ist im Hier
und Jetzt, nicht irgendwo im Himmel. Wenn das klar ist, kann man die falsche
Vorstellung von Morgen und vom Irgendwo aufgeben.
Man schaue sich die Gedanken des Menschen einmal genauer an. Wie oft fragt man
sich: „Wo ist Gott eigentlich in diesem Augenblick?“ – Es ist für den Verstand
außerordentlich schwer, sich über die Tragweite dieser Frage wirklich klar zu
werden. Wenn man ihr wirklich auf den Grund ginge, geriete man völlig
durcheinander. Das Ego würde aufbegehren, denn es könnte dieser Frage nicht
standhalten. In dem Augenblick, wo sich das Ego des Hintergrundes dieser Frage
wirklich bewusst würde, würde es unmittelbar aufhören zu existieren. Es hätte
keine Existenzberechtigung mehr.
Es bedarf der Reinheit des Herzens, dem religiösen Studium, einer religiösen
Lebensführung. Es setzt einen moralischen und ethischen Lebenswandel voraus, um
wirklich religiös zu sein bzw. zu werden. Der regelmäßige Besuch des Tempels,
der Kirche, der Mosche, das Rotieren von Rosenkranz oder das Gleiten lassen der
Mala durch die Finger ist keine Religion. Religion ist das Bewusstsein Gottes,
d.h. in so weit, wie man sich der Gegenwart Gottes bewusst ist, ist man
religiös. Dies hat nichts mit politischen Aktivitäten kirchlicher Institutionen
zu tun, oder gar mit kriegerischen Aktivitäten im Namen des Glaubens für eine so
genannte „Gute Sache“ usw. Religion bedeutet nicht irgendeine Lebensweise,
sondern es gibt nur einen Lebensweg, die die ganze Persönlichkeit des Menschen
einbezieht!
Man muss in Religion baden, sodass man zur Verkörperung religiösen Bewusstseins
wird. Der Mensch ist nicht Fleisch und Blut oder Körper allein. Er besteht -
durch den Willen Gottes - aus einer angenommenen Form. Man mag sich in dieser
phänomenalen Welt als etwas Repräsentatives, als Ausdruck des Göttlichen
betrachten, d.h., wenn man geht, ist man auch Botschafter des Göttlichen. Dieser
Botschafter repräsentiert die „Regierung“. Die ganze Macht dieser Regierung
wirkt durch den Menschen. Und wenn die Macht Gottes durch ihn, den Menschen/
Gottesmann/ Kirchenvertreter, wirken kann, ist er eine Inkarnation. Auf diese
Weise ist er Krishna, Christus, Gottesmann usw. Solche Persönlichkeiten konnten/
können etwas in dieser Welt bewirken.
Politische Führer, die namentlich in den Zeitungen erwähnt werden, und die als
fundamentalistisch oder traditionell gebunden gelten, wirken nicht im Sinne
Gottes. Wer sich an Gott wendet, zu IHM geht, geht nicht als Hindu, Christ oder
Moslem, nicht einmal als Mann oder Frau. ‚Wie trete ich vor IHM hin? ‘ Man
stelle sich diese Frage!
Man muss sich darüber klar werden, dass man sich in diesem Augenblick in der
Gegenwart Gottes befindet. Und wie verhält man sich jetzt? Genau jetzt findet
Ethik und Moral statt, praktisch, nicht nur als Lippenbekenntnis, auf dem
Papier, oder als Abschlusserklärung einer politischen Konferenz. – Wie immer man
sich wirklich in der Gegenwart Gottes verhält: es ist auf jeden Fall ethisch,
moralisch oder gütig. Man muss sich in diesem Moment der Gegenwart Gottes
bewusst werden, klar darüber werden: „Ich befinde mich der Gegenwart des
Allmächtigen, des Schöpfers. ER ist hier und sieht mich!“ Was geschieht jetzt?
Man schmilzt dahin, hört auf zu existieren. Nur die Erfahrung zeigt, was jetzt
wirklich passiert. Man kann es nicht in Worte fassen.
Niemand kann diese besonderen Faktoren eines religiösen Lebens wirklich
verstehen. Wer religiös ist, kann Wunder bewirken. Ramakrishna war eine solche
Persönlichkeit. Man kann ihn nicht nur als religiös bezeichnen, sondern er war
vielmehr ein Gottmensch. Gott tanzte in seinem Herzen. Wenn er über etwas
nachdachte, war es wie ein Widerhall im ganzen Universum. So verhielt es sich
mit Ramakrishna und anderen Heiligen, im Osten wie im Westen.
Darum ist es notwendig sich davon zu lösen, dass man sich unbedingt in der
Öffentlichkeit zeigen muss. Man sollte sich vielmehr auf die Gegenwart Gottes
konzentrieren. Dies ist keine Theorie, sondern entspricht den Heiligen
Schriften. Gott ist hier, schaut auf jeden Einzelnen. Dies ist keine Doktrin
oder Einbildung. Keine Wissenschaft kann vollkommener sein als dieses Gefühl,
diese Überzeugung, dass man von Millionen von Augen beobachtet wird. Jedes Atom
ist ein Auge Gottes.
Viele Gedichte entstanden im Laufe der Zeit, die die Schönheit und Herrlichkeit
Gottes preisen. – Manchmal hat man das Gefühl, Gott spielt mit uns, wie Kinder
mit den Fliegen. – Wenn man miteinander spricht ist irgendein Etwas zwischen den
Gesprächspartnern, etwas, was niemand wahrnehmen kann, und doch ist es da. ES
ist wie ein drittes Element, ohne dass keine Verständigung stattfindet.
Es ist nicht einfach wirklich religiös zu sein, denn es ist nicht leicht Gott zu
lieben, denn es ist nicht einfach zu verstehen, was Gott ist. Doch wenn man eine
Idee hat, schrumpft ER innerhalb von Sekunden in ein Nicht-Ganzes und man ist
von IHM erfüllt. „Mache dich leer, und ER wird dich erfüllen!“ Das ist alles,
das ist die ganze Religion. Doch Menschen sind wie übervolle Mülleimer. Da passt
nicht einmal ein schöner Duft hinein.
Man redet über Gott, doch in Wahrheit schenken wir IHM kein Vertrauen. „Gibt ER
mir etwas oder sieht ER mich nicht einmal? Kann man IHN überhaupt erreichen?
Wenn ER mir nun nicht antwortet, was geschieht dann. Ich muss mich wohl doch auf
mich selbst verlassen. Gibt es eine Garantie, dass ER mich segnen wird?
Wahrscheinlich ist ER so weit weg, sodass ich IHN nicht erreichen kann, nicht
einmal in Jahren oder gar in mehreren Wiedergeburten.“ Wenn man das
Zeitbewusstsein überwindet, steigt die Ewigkeit ins Herz herab. Gott ist hier
und jetzt. Wenn ER ein Mensch dieser Welt wäre, wäre ER der Beschützer und
Retter der Menschheit.
Wenn Gott Ewigkeit ist, d.h. nicht-räumlich, nicht-vergänglich, dann gibt es
keine äußere Welt. Wenn die letztendliche Wirklichkeit zeitlose Ewigkeit ist,
kann die Welt nicht äußerlich sein. Wenn sie nicht äußerlich ist, dann ist sie
mit den Menschen identisch. Es gibt keine räumlichen Unterschiede zwischen
Mensch und Welt. Die Welt ist ein vollkommenes Ganzes, inklusive Menschen. Darum
kann man nicht auf die Welt schauen. Denn wenn man sie sehen will, muss man sie
als etwas Äußeres betrachten, als wäre sie etwas Fremdes, Außerirdisches. Doch
das entspricht nicht der Tatsache. Der Mensch ist Teil der Welt, organisch und
unentwirrbar mit ihr verbunden. Wie will man die Welt betrachten? Wenn man sagt,
man schaut auf die Welt, ist es ein Fehler. Im Augenblick der Betrachtung ist
man von der Welt isoliert, zu der man doch gehört. So wie die Welt zu denken
bedeutet, man wäre selbst die Welt, die denkt. Hier liegt der Geist der
Religion, die Spiritualität. Sie ist immer noch lebendig. Gott ist nicht tot,
wie namenhafte Psychologen und Wissenschaftler immer wieder betonen. Wenn Gott
die Welt erschaffen hat, wie man glaubt, weiß ER auch, wie man sich um sie
kümmern muss. Menschen sind Seine Instrumente, Seine universalen Organe des
Seins.
Dies ist wie eine Art von Meditation, keine Lehrrede, sondern vielmehr die
Konzentration des Geistes auf die wirkliche Bedeutung des Lebens. Es ist wie das
Bewusstsein der Allgegenwart des Allmächtigen, von dem man sich nicht absondern
kann. Der Mensch ist darin enthalten, und darum ist er wohlbehütet. „Derjenige,
der mit MIR im Geist vereint ist, um den werde ich mich in jeder Weise kümmern.“
So steht es in der Bhagavadgita geschrieben – so spricht das Absolute.
Ewigkeit spricht zur Zeit und Gott zu den Menschen. Das zuvor erwähnte Zitat aus
der Bhagavadgita ist nicht irgendein dummer Spruch. Für Gott gibt es keine
dummen Sprüche oder dummen Sachen. ER wirkt überall, selbst bei so genannten
Nichtigkeiten wie einem Löffel Zucker. Wenn man Zucker oder etwas Milch für
seinen Kaffee benötigt, gibt ER das Verlangte. Wenn der Mensch etwas möchte, ist
es so, als würde Gott etwas wollen. An dieser Stelle darf es kein Misstrauen
geben, sondern Vertrauen. - „Das kann nicht sein!“ hört man immer wieder. Doch
genau mit diesem Satz und ähnlichen Gedanken, koppelt man sich von Gott ab. Doch
wer Gott immer vertraut, wird zu einem Heiligen, wird zu einem Botschafter
Gottes und sollte solch eine Konferenz als Ziel der Religion einberufen. Doch es
sollte sich bei den Teilnehmern nur um aufrichtige Leute handeln.
Vielleicht finden sich nicht viele Teilnehmer. Lass die Heiligen Männer
zusammenkommen. Worüber werden sie denken, sprechen, wenn sie sich
zusammenfinden? – ‚Inhalte der Vedanta?‘ wie ein Besucher einwirft. - Warum
diese hochgestochenen Begriffe, die oft nicht verstanden werden. Es geht einfach
um das Prinzip des Lebens. Dieses Thema geht alle Menschen an, gehört nicht nur
zu einer bestimmten Kultur, Sprache oder Religion, sondern ist vielmehr die
Wissenschaft des Seins, ein erbarmungsloses Gesetz, das man nicht einfach
ignorieren kann. Man muss sich damit befassen, um es zu begreifen und
anzuwenden.
OM TAT SAT