Mein Guru – eine Verkörperung grenzenloser Liebe
von Tushar Kumar Chattopadhyay (Indien)
übersetzt von Divya Jyoti
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
Ich war gerade 24 Jahre alt und arbeitete an einem physikalisch technischen Institut in Kalkutta. Das Leben bedeutete für mich ein absolutes Desaster. Ich litt seit Jahren an einer chronischen Dickdarmentzündung. Ich hatte eine Freundin. Doch eines Tages machte sie plötzlich Schluss und heiratete einen Anderen. Als ich meine Situation überdachte, fiel ich in tiefe Depression. Ich wollte mir das Leben nehmen, da offensichtlich alle Freude des Lebens von mir gewichen war.
Tief im Herzen fühlte ich, dass das Leben ein schier unendliches Mysterium war. Bevor ich mein Leben ein Ende setzen wollte, musste ich jedoch der Sache auf den Grund gehen. Warum weiß ich nicht, aber irgendetwas führte mich in eine Bibliothek, und ich fand das Buch „Autobiographie eines Yogi“ von Paramahamsa Yogananda. Zuvor hatte ich schon andere spirituelle Bücher gelesen, doch dieses war irgendwie anders, denn hier waren die Erfahrungen eines Yogis niedergeschrieben. Ich sog den Text förmlich in mich auf, denn hier stand geschrieben, wie er sein Leben dafür gab, um das Absolute zu erfahren. Mich beschlich allmählich, dass es Wert sein musste, dieses Leben zu leben, denn das Mysterium des Lebens beinhaltet alle Inspirationen zum Leben. Ich wollte tief in den Ozean des Lebens eintauchen und unbedingt alle Schwingungen dieses weiten Universums erfassen. Doch wie sollte ich das anstellen? Wer könnte mir behilflich sein? Und wer hat überhaupt schon diese grenzenlose Tiefe erfahren? Plötzlich erhielt ich Antwort. An einem regnerischen Nachmittag stöberte ich in einem Buchladen am Bahnhof. Ein Buch erregte all meine Aufmerksamkeit. Es war das Buch „Yoga Asanas“ von Swami Sivananda. Es war in einer verständlichen Sprache geschrieben und die Abbildungen waren außerordentlich klar. Ich kaufte es. Nach einigen Tagen schrieb ich an Swami Chidananda, dem Präsidenten der Divine Life Society, wo das Buch veröffentlich worden war.
Swamiji war offensichtlich nicht im Hause, denn ich erhielt eine Antwort von seinem persönlichen Sekretär, der mich in den Ashram einlud. Es schrieb, ich solle die Senior-Swamis befragen. Sie würden mir all meine Fragen beantworten. Also fuhr ich nach Rishikesh. Die friedliche und stille Umgebung beruhigte meine sonst so turbulenten Gedanken und aus meinem tiefsten Inneren stieg nach langer Zeit wieder Freude auf. Viele der dort lebenden Swamis erregten auf Grund ihrer Erscheinung meine Aufmerksamkeit. Doch wen durfte oder sollte ich ansprechen und fragen?
Eines Morgens sprach ich mit einem Mann an der Rezeption. Er sagte mir, ich solle zu Swami Krishnananda’s Vortrag gehen. Er begleitete mich zu Swamijis Kutir, ‚Gurukripa’ genannt.
Beim ersten Hinsehen, war ich von Swamijis Erscheinung nicht sonderlich beeindruckt. Er hatte weder einen langen Bart, noch saß er in meditativer Haltung mit geschlossenen Augen da, wirkte nicht einmal ernst. Ein Mann von gewöhnlicher Statur, der hin und wieder sogar Witze machte. Selbst einige anwesende Swamis vielen in das Gelächter mit den anderen Besuchern ein. Er saß in einer Ecke. Der Vortrag sollte gerade beginnen.
Als Swamiji mit dem Vortrag begann, veränderte sich die Atmosphäre völlig. Es entstand eine spürbar aufgeladene Schwingung, die unbeschreiblich war. Die Wörter sprudelten von seinen Lippen und ich nahm sie freudig mit ganzem Herzen gierig auf. Es war das reinste Vergnügen ihm zuzuhören. Niemals zuvor habe ich beim Zuhören ein derartiges Glück empfunden. Ich kann mich heute nicht mehr an das Thema erinnern, doch es musste irgendetwas mit menschlichem Glück zu tun gehabt haben. Alles um mich herum war still, und Swamijis Worte kamen wie Sonnenstrahlen, die meinen Geist erleuchteten und ihn zur Ebene eines Bewusstseins emporhoben, wo Wissen allein das Objekt der Begierde ist. Ich vergaß meine körperlichen Beschwerden. Freude erfüllte meinen Geist. Als der Vortrag zu Ende war, schien es mir, als würde ich aus einem schönen Traum erwachen.
Als die meisten Zuhörer den Raum bereits verlassen hatten, ging ich zu ihm, verneigte mich in Ehrfurcht und bat darum, die Kunst der Meditation erlernen zu dürfen. Er lachte herzlich. Er wusste bereits, dass ich beruflich mit Physik zu tun hatte. Er fragte: „Wie lange hast du gebraucht, bis du die Prinzipien der Physik verstanden hattest?“ „Ungefähr neun Jahre“, gab ich kleinlaut zur Antwort. „Es kann sein, dass es länger dauert, Meditation zu erlernen!“ bemerkte er lächelnd. Ich blieb ungefähr zwanzig Minuten bei ihm. Als ich gehen wollte, schaute er mich eindringlich an und murmelte etwas, was ich nicht verstand.
Im Juni kehrte ich nach Hause zurück, doch ich konnte sein Lächeln und das Funkeln seiner Augen nicht vergessen. Zweifel über die Existenz Gottes beschäftigten mich tagein, tagaus. Ich schrieb abermals einen Brief, doch diesmal an den mir vertrauten Swami. Seine Antwort lies nicht lange auf sich warten. Es war ein langer Brief, der meinen Geist von vielerlei Fragen befreite und Licht ins Dunkel brachte. Nachstehend einige Auszüge, die mich förmlich in den Bann von Swami Krishnanandaji zogen:
„Was deine Frage zur Existenz Gottes usw. betrifft: diese Zweifel entstehen auf Grund der Unfähigkeit, die unterschiedlichen Doktrin philosophischer Gedanken mit der zentralen Frage eines philosophischen Problems in irgendeiner organischen Vollkommenheit in Einklang zu bringen.“
„Neuere Theorien über die Evolution und über Entdeckungen in der Physik, Chemie und Biologie führen lediglich zu Vermutungen, die auf empirische Beobachtungen beruhen, doch sie beinhalten nicht die ganze Wahrheit, denn alles Empirische bedarf einer gedanklichen Grundlage, eine Tatsache, die man nicht verleugnen kann.“
„Das Innere der Natur der ultimativen Wirklichkeit bedarf der Vorbereitung durch ein umfangreiches Studium und der tiefen Suche mithilfe eines kompetenten Lehrers.“
Diese Anmerkungen erschütterten mich bis ins Mark. Im Oktober 1976, auf dem Weg zurück nach Badrinath, unterbrach ich meine Reise und schaute im Ashram vorbei. Dieses Mal blieb ich sechs Tage. Ich traf Swamiji jeden Morgen. Eines Tages sagte er zu mir: „Du musst intensiv meditieren, um Gott kennen zu lernen. Ich werde dir einige Techniken geben.“ Danach war er sehr still. Die Tage verrannen. Ich musste ohne jede Führung zurückkehren.
Zwei Monate später. Es war Heiliger Abend, und ich war völlig erschöpft. „Wird er mich letztendlich doch nicht leiten? Wann erfahre ich etwas Genaueres?“ Fragen dieser Art spukten mir ständig im Kopf herum. Aus irgendeiner Eingebung heraus kaufte ich mir ein Ticket nach Haridwar und verließ Kalkutta. Ich erinnere mich, als ich in den frühen Morgenstunden im winterlichen Dezember Haridwar erreichte. Alles war noch dunkel, neblig und die Kälte kroch an den Beinen hoch. Die Atmosphäre lastete schwer auf mir, als der Bus sich in Richtung Rishikesh in Bewegung setzte. Selbst auf meinen Geist hatte sich diese düstere Stimmung gelegt. Mir war einfach nicht klar, ob ich auf dem richtigen Weg war. Swamiji war in seinem Kutir und mit verschiedenen Papieren beschäftigt. Als ich den Raum betrat, schaute er kurz auf. Sein Blick ruhte für wenige Sekunden auf mir und er sagte ruhig: „Du bist also gekommen“, er lächelte. „Dann nimm erst einmal ein Bad und ruh dich aus.“ Dann senkte er wieder den Blick und wuselte in seinen Papieren weiter.
Einige Tage später wurde ich morgens gegen acht Uhr zu ihm gerufen. Der Raum war leer. Swamiji begann über Konzentration und Meditation zu sprechen. Zu jener Zeit versuchte ich meinen Geist mithilfe einiger Hatha-Yoga-Methoden zu konzentrieren. Er sagte zu mir: „Das ist nichts für dich. Du solltest Japa praktizieren. Das ist die leichteste Form der Konzentration.“ Dann sprach er zwei Mantras. „Wähle dir eins von beiden“, fügte er hinzu. Ich wählte eines aus. „Okay“, sagte er, „das ist dein Mantra. Damit praktiziere Japa. Das wird dich zur Meditation führen.“ Er beschrieb mir nun die Technik der Meditation. All das dauerte nur zwanzig Minuten. Überraschenderweise brauchte ich allerdings zwei Jahre, bis ich verstand, dass dieses meine Initiierung war (ein Ereignis, frei von allen Ritualen), und er wurde mein seelischer spiritueller Führer.
Zwei Tage später, an einem Nachmittag, wurde ich wieder zu ihm gerufen. Spontan erläuterte er mir die Techniken von Raja Yoga, und wie man sich auf diesem Pfad der Spiritualität inmitten eines modernen Stadtlebens bewegt. Dann fragte ich ihn: „Ist Meditation immer gut für einen Menschen? Manchmal bekomme ich davon Kopfschmerzen usw.!“ Lächelnd antwortete er: „Meditation richtig ausgeführt, mithilfe eines kompetenten Führers, kann keine krankmachende Wirkung haben.“ Mit strahlenden Augen und einem spitzbübischen Lächeln fügte er hinzu: „Ich glaube, dass ich kein falscher Doktor für spirituelle Angelegenheiten bin, denn ich konnte tausenden Patienten erfolgreich helfen.“
Wochen und Monate vergingen. Ich arbeitete, doch mein Geist wollte unbedingt wieder mit diesem Menschen, mit seinem unendlichen Wissen, zusammenkommen. Ich fühlte mich auch von Yoganandas Schriften angezogen. Ich übte mich also auch in den Methoden von Swamiji Yogananda. Ich war ein bisschen verwirrt, denn die Schriften Swamijis beeindruckten mich sehr. Ich fühlte mich davon überwältigt.
Ab 1977 besuchte ich den Sivananda Ashram zweimal im Jahr, d.h. im Sommer und im Winter. Jedes Mal stellte ich Swamiji die Frage: „Wer ist mein Guru?“ Er gab nie eine klare Antwort, sondern sprach über dieses und jenes. Eines Morgens im Jahre 1977 fragte ich ihn: „Hast du mich initiiert? Es gab kein Ritual, als du mir das Mantra gegeben hast.“ Er schaute mich an und sagte: „Nun, es wurde etwas gemacht, und das war das Ritual für dich.“ Seine Worte kamen für mich mit einer derartigen Kraft, wie ein Blitzgewitter. In diesem Augenblick wurde mir klar, wer mein Guru war.
Nach diesem Ereignis wurde unsere Beziehung immer schöner, sanfter. Mehrere Male fragte er: „Warum heiratest du nicht?“ „Ist das nicht wie eine Beerdigung für mein Sadhana?“ wunderte ich mich.
„Nein, nein,“ erklärte er, „denn das Verheiratetsein würde deiner spirituellen Entwicklung helfen. Heirate eine ungebildete Frau; sie wird dir helfen.“ Ich wollte immer eine Frau, die einen Abschluss hatte; wenn überhaupt, dann nur eine Frau mit einem Examen. Darauf war ich fixiert. „Unmöglich“, sagte ich also, „wenn ich überhaupt heirate, dann nur eine gebildete Frau mit Uni-Abschluss. Und warum? Ich will überhaupt nicht heiraten.“
Mein Guru, ein Mensch, der auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig präsent war, argumentierte niemals: „Okay, wir werden die Angelegenheit später noch einmal beleuchten. Mach deine Übungen weiter.“ Dann wechselte er das Thema. Er berührte bei seinen Anweisungen alle Punkte meines Lebens. Dabei sprach er beinahe alles an, inklusive meiner Gesundheit, die akademische Laufbahn, meine Familienangelegenheiten, und darüber hinaus meine spirituellen Fortschritte. Da ich langsam Fortschritte machte, wurden die Anweisungen immer weniger, und wenn wir uns trafen, sprach er die meiste Zeit über die Verschiedenartigkeit spirituellen Lebens. Ich setzte meine Übungen fort, fühlte mich jedoch sehr allein. Es gab niemanden, mit dem ich meine Gefühle der Freude und der Sorgen teilen konnte. Außerdem stolperte ich häufig bei dem Versuch, meinen biologischen Drang unter Kontrolle zu bringen. 1977 sagte ich ihm: „Soll ich heiraten? Was würdest du vorschlagen?“ „Natürlich solltest du heiraten. Das ist für dich wichtig, “ bemerkte er ernst. Dann lächelte er wieder: „Habe ich das dir nicht vor langer Zeit schon einmal gesagt?“ Ich war wie vom Donner gerührt. Das war es also, was er schon vor langer Zeit bei mir gesehen hatte.
Zu meinem tiefen Erstaunen entwickelte sich mein Leben genau so, wie es mein Guru vorhergesagt hatte. Alles, was er sagte, wurde für mich zur Gewissheit und trat in mein Leben ein. Ich folgte ihm ohne jede Hast gehorsam gemäß all seiner Anweisungen. In mir machte sich, soweit wie ich es verstehen konnte, die Überzeugung breit, dass diese göttlich Persönlichkeit der Dirigent meines bisherigen Lebens war und ist, und dass es außerdem durch seine Gnade für mich möglich wurde zu erkennen, das Gott das höchste Gut für die menschliche Existenz ist.
Fünf Jahre waren seit meiner ersten Begegnung mit Swamiji Krishnananda vergangen. Ich habe ihn als wundervollen Vortragsredner über verschiedenste Yogaaspekte und der Vedanta erlebt. Ich habe ihn auch als effizienten Manager in der Leitung des Ashrams mit all den üblichen Problemen gesehen. Ich habe in ihm einen herzensguten Freund gefunden, der für all seine problembeladenen Besucher ein offenes Ohr hatte und immer wieder Rat wusste.
Swamiji verfügt über eine tief greifende Weisheit in allen Belangen des Lebens für Menschen in Ost und West. Sein Wissen bzgl. aller Themen im Rahmen von Yoga, Vedanta, östlicher und auch westlicher Philosophie ist bewundernswert. Es scheint, dass er über Physik mehr versteht als ich, obwohl es mein Studienfach war und zu meinem Beruf wurde. Seine Schriften haben eine Gedankentiefe, was seinen Intellekt widerspiegelt, und dennoch hat er dabei einen wundervollen Charme. Unabhängig davon gilt seine unbeschreibliche Liebe allen Lebewesen gegenüber. Äußerlich wirkt er ernst, in sich gekehrt, wenn er still dasitzt. Manchmal erscheint er dann sogar unerreichbar, wie von einer Mauer umgeben. Wenn man ihm mit der Zeit jedoch näher kommt, erscheint er wie eine schier unermesslich strahlende Quelle der Liebe und des Lichts, die jede Seele erreicht, die sich ihm nähert. Für mich ist er Gottgleich, wenn ich ihn mit den Schriften über die Beschreibung Gottes in Indien vergleiche.
Ich habe gehört, dass er einen hohen Grad der Spiritualität erreicht hat. Doch wie sollte ich das beurteilen können? Kann ein Insekt die Tiefe eines Ozeans ermessen?
Ich fühle mich mit seiner Liebe gesegnet, denn niemand auf Erden hat mich je dermaßen geliebt, niemand hat sich derart um mich gekümmert. Ein normaler Mensch, solange er nicht göttlich ist, ist einer solch selbstlosen Liebe nicht fähig. Mit den Worten der großen Heiligen der heutigen Zeit heißt es: „Die Erfahrung der göttlichen Liebe, die von Gott den Menschen zufließt, gibt das Lebenslicht. Es ist dieses Lebenselixier, das weder irgendeine Macht, Schönheit noch jegliche Sinneserfahrung auf Erden geben kann.