Auszüge aus dem Buch "Guru Tattva" von Swami Sivananda
(übersetzt und ergänzt von Divya Jyoti)
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
Gurudom
Die Rolle des Guru
Der Satguru
Das Bedürfnis nach einem Guru
Mysteriöse Hilfestellungen durch den Herrn
Bleibe bei einem Guru
Die Einweihung und ihre Bedeutung
Shakti-Sanchara
Gnade und Selbstbemühung
Der Schüler
Gurudom
(Scharlatane, Möchtegerne und Sektierer)Indien, das geheiligte Land der Advaita-Philosophie und das Land, das Sri Sankara, Dattatreya, Vamadeva und Jada Bharata hervorbrachte, die von der Ganzheit des Lebens und von der Einheit des Bewusstseins predigten, ist nun voller Sektierer. Man kann vielleicht die Sandkörner an der Küste zählen, doch ist es schwierig, die Vielzahl der weltweit aktiven Sekten zu erfassen. Jeden Tag setzen sich neue selbsternannte so genannte "Gurus" in Szene. Die Sekten und Yogaschulen bekämpfen sich gegenseitig, Religionen beäugen sich mit Argwohn. Zwietracht und Spaltungen, Prozesse vor den Gerichten, Geplänkel, Handgemenge und Skandalhändel gewinnen mehr und mehr die Oberhand. Das hat nicht viel mit Frieden und Harmonie zu tun. -
Ein junger Mensch mit ein bisschen Übung, gelenkigem Körper und sprachlicher Ausdruckfähigkeit steigt auf ein Podest und demonstriert seinen Schülern stolz seine gymnastische Gelenkigkeit, was dann als Hatha-Yoga verkauft wird. Die Übungen hat er irgendwo auf der Welt erlernt. Er hetzt von Seminar zu Seminar bzw. von einem Lehrer zum nächsten, um neue Übungen aufzuschnappen, mit denen er bei nächster Gelegenheit wieder etwas Neues bieten möchte. Der eine oder andere "Übungsleiter" war auch schon einmal 10 Tage bei einem "Guru" in Indien und schimpft sich dann nach kurzer Einführung in das Yogasystem bei einem Inder als "Lehrer" in dieser Disziplin, - auch Inder sind nicht unbedingt bessere Meister, nur weil sie Inder sind. - Und das Lesen eines Buches über Yoga macht noch keinen Yogi. -
Wenn man sich diese selbsternannten "Yogalehrer" etwas genauer anschaut, wird man feststellen, dass sie sehr gelenkige Vegetarier sind, Schulwissen weitergeben und dabei ohne jede innere Ausstrahlung über etwas reden, was sie selbst nicht verinnerlicht haben! Yoga ist eine ganzheitliche Disziplin, die den ganzen Menschen mit Leib und Seele und all seinen Lebensprozessen einschließt, wobei der Körper und eine gesunde Ernährung nur ein Teil davon sind. Was wäre ein Körper ohne Geist und Seele? - ein toter Körper! Was wäre eine Handlung ohne Seele? - seelenloses Handeln! Was wäre eine Körperhaltung ohne seelisches Bewusstsein? usw. - Viele der so genannten "Yogalehrer" oder selbsternannten Gurus wirken oftmals wie Professoren an der Universität: ohne Charisma, aber mit viel trockenem Wissen, und - wichtig! -
Yoga ist längst mit allem Kommerz zur Freizeitindustrie avanciert und, wie die Übungsstunden in modernen Sportstudios, für viele Menschen kaum noch erschwinglich. Eine vierwöchige Schulung oder eine zwei- oder dreijährige Ausbildung in dieser Disziplin macht aus einem Yoga-Interessierten noch keinen "Yogalehrer" oder Guru, auch wenn diese Seminare eine gute Grundlage für die Yoga-Disziplin bilden. Die wenigen wirklich guten Lehrer und Meister, die Yoga verinnerlicht und erfahren haben, weil sie nach der Yogaphilosophie leben, sind rar. Doch woran erkennt man einen wirklich guten Yogalehrer und was macht einen Guru aus? Was ist ein Guru?
... eine andere Situation aus Indien
Sie schlendern am Ganges entlang, stehen unmittelbar vor dem Eingang zur Post und, wie aus dem Nichts, baut sich vor Ihnen ein schmächtiger Inder auf, reicht Ihnen die Hand und sagt fröhlich in einem höflichen Englisch: "Hallo, I am your Guru!" - In vielen alten Geschichten ist immer wieder zu lesen, dass der Guru bei vielen Heiligen sehr plötzlich ins Leben getreten ist. Diese Geschichte hat er sich zunutze gemacht. Dieser selbsternannte "Guru" hatte schon die ganze Zeit an der nächsten Ecke auf ein Opfer gelauert. - Was tun? Normalerweise geben wir aus alter Gewohnheit reflexartig die Hand und lassen uns von dem "Neugierigen" in ein Gespräch verwickeln. Erst später stellt sich dann heraus, dass die Yogakenntnisse unseres freundlichen Gesprächspartners mehr als dürftig sind. Sein einziges Ziel war und ist es, zunächst unser Interesse zu wecken, auch wenn allen Indern die Neugierde gegenüber allem Fremden angeboren ist. Man möchte diese "Fremden" nur allzu gern einmal berühren, um sich bei Freunden später damit zu brüsten, und für sofort braucht man einen Sponsor, der zum Essen einlädt usw. -In dem Augenblick, wo wir stehen bleiben, uns in ein Gespräch verwickeln lassen, nicht einfach weggehen und ihn stehen lassen, haben wir schon verloren, denn unser Mitleid wird für seine vermeintlich "schwierige" Situation geweckt. Er wird zu einer Klette, die sich gern aushalten aber nicht abschütteln lässt, und von Yoga, keine Spur mehr! - Wenn man also in dieser Art angesprochen wird, sucht man am besten gleich das Weite, d.h., nicht die dargebotene Hand erwidern, 90° oder 180° Kehrtwendung und ab durch die Mitte. Wenn dieser Jemand keine Ruhe gibt, hilft nur noch ein deutlich lautes "Verschwinde"! Das wirkt meistens. Denn nichts ist diesen Scheinheiligen mehr zuwider als die Öffentlichkeit, denn das würde schließlich ihren Ruf schädigen. Manchmal reicht auch eine abwehrende Handbewegung und schon verschwindet der vermeintliche Guru. - Doch wer ist ein richtiger Guru?
Die Rolle des Guru
(Der Guru ist ein Lehrer geistiger Disziplinen auf dem Weg zur Selbsterkenntnis.)Der Guru ist Gott selbst, der sich in einer persönlichen Form offenbart, um den Strebenden zu führen. Die Gnade Gottes nimmt die Gestalt des Guru an. Den Guru zu sehen, bedeutet Gott zu sehen. Der Guru ist mit Gott vereint. Er inspiriert zur Hingabe in anderen. Seine Gegenwart reinigt alles. Der Guru ist wahrlich ein Bindeglied zwischen dem Individuum und dem Unsterblichen. Er ist ein Wesen, das sich selbst von "Diesem" in DAS erhoben hat, und damit freien und ungehinderten Zugang zu beiden "Welten" hat.
Er steht sozusagen auf der Schwelle der Unsterblichkeit, - und sich niederbeugend erhebt er die kämpfenden Individuen und hebt sie in das Reich immerwährender Freude und unendlichen Bewusstseins von Wahrheit und Wissen.
Der Satguru
(der existierende wirkliche Guru)Das bloße Studium von Büchern macht noch keinen Guru. Nur einer, der die Veden studiert hat und das unmittelbare Wissen des Atman erfahren hat, kann als Guru anerkannt werden. Der wirkliche Guru oder spirituelle Lehrer ist ein Jivanmukta, d.h. ein befreiter Weiser. Er ist der Satguru. Er ist identisch mit Brahman oder dem höchsten Selbst. Er ist ein Kenner Brahman's.
Der Besitz von Siddhis (übernatürlichen Fähigkeiten) genügt nicht als Beweis für die wahre Größe eines Weisen und auch nicht als Beweis für dessen Selbstverwirklichung. Satgurus stellen ihre Fähigkeiten nicht zur Schau. Sie benutzen sie nur, um ihre Schüler von der Existenz übernatürlicher Dinge zu überzeugen, und um sie zu ermutigen, und um ihnen den Glauben an etwas Höheres (Gott) in ihre Herzen zu träufeln. Ein Satguru ist häufig mit zahllosen Siddhis ausgestattet. Der Satguru ist wie ein Ozean der Glückseligkeit und Barmherzigkeit. Er ist wie ein Kapitän der Schülerseele, ein Quell der Freude. Er beseitig allen Kummer, alle Sorgen und Hindernisse. Er weist den göttlichen Weg und zerreißt den Schleier der Unwissenheit. Er ist wie das Seil des Wissens und rettet seine Schüler, wenn dieser im Ozean der Samsara (Wiedergeburt) zu ertrinken droht. Der Satguru ist nicht nur Mensch, sondern vielmehr wie ein höheres Wesen, das der Schüler wie Gott selbst verehrt. Guru ist Gott!
Sein Wort ist das Wort Gottes. Er braucht nicht irgendetwas zu lehren, denn allein seine Gegenwart ist erhebend, beglückend und bewegend. Allein seine Gesellschaft ist Selbst-Erleuchtung. In seiner Gesellschaft zu leben, ist spirituelle Erziehung. Der Mensch kann nur von Menschen lernen, und darum lehrt Gott durch einen menschlichen Körper. Im Guru findet man sein menschliches Ideal der Vollkommenheit.
Er ist das Modell, in das man selbst gern aufgehen möchte. Der eigene Geist ist bei der Begegnung davon überzeugt, dass solch eine große Seele dazu geeignet ist, angebetet und verehrt zu werden. Der Guru bildet das Tor zum transzendentalen Wahrheitsbewusstsein. Doch ist es der strebende Schüler, der durch dieses Tor gehen muss. Der Guru hilft, doch der Handelnde ist der strebende Schüler!
Für den Anfänger auf dem spirituellen Weg ist ein Guru notwendig. Um eine Kerze anzuzünden bedarf es Feuer. Darum kann auch nur eine erleuchtete Seele eine andere Seele erleuchten. Manche meditieren für einige Jahre allein, doch eines Tages spüren sie die Notwendigkeit eines Guru's. Sie begegnen einigen Hindernissen auf dem Weg und wissen nicht, wie sie diese Hindernisse beseitigen oder umgehen sollen. Dann beginnen sie nach einem Meister zu suchen. Wenn man ins Hochgebirge geht, sollte man sich unbedingt einem Bergführer anvertrauen. Auf dem spirituellen Pfad ist es noch schwieriger, den richtigen Weg zu finden. Nur ein Guru, der den Weg bereits beschritten hat, ist in der Lage, Hindernisse zu beseitigen oder zu umgehen.
Die spirituellen Schriften sind z.B. wie ein Wald. Da gibt es vieldeutige Passagen. Es gibt Aussagen, die scheinbar im Widerspruch zueinander stehen, und wieder andere, die verborgene Sinngebungen beinhalten oder von unterschiedlicher Bedeutung sind, die einer Erläuterung bedürfen. Man braucht einen Guru oder guten Lehrer, der die richtigen Erklärungen geben, Zweifel und Zweideutigkeiten beseitigen und auf das Wesentliche hinweisen kann.
Nur der Guru kann die Denkfehler seiner Schüler erkennen, die diese selbst nicht sehen können. Ein Schüler benötigt Hilfestellung, um seine Irrtümer richtig einzuschätzen und dann beseitigen zu können. Der Strebende kann sicher sein, dass er unter der Führung eines wirklichen Meisters nicht vom Wege abkommt. Satsanga oder die Verbindung mit einem Guru ist wie eine Rüstung oder Festung, die den Schüler vor allen Versuchungen und ungünstigen Kräften der materiellen Welt schützt. Man darf die Beispiele, die ohne ein Studium unter einem Guru Vollkommenheit erreicht haben, nicht als Maßstab nehmen, denn diese Menschen bilden die absolute Ausnahme im spirituellen Leben. Sie erleben auf Grund von Studien unter einem Meister in einem früheren Leben lediglich eine fortsetzende spirituelle Wirkung. Doch die Wichtigkeit des Gurus wird dadurch nicht geringer.
Manche Lehrer verleiten ihre Strebenden. Sie sagen zu allem: "Denk' an dich selbst. Gib dich nicht irgendeinem Guru hin." Wenn er sagt: "Folge nicht irgendwelchen Gurus", beabsichtigt er selbst, der Guru des Zuhörers zu sein. Man sollte besser solche Lehrer bzw. Pseudo-Gurus meiden und auch nicht dessen Vorträge beachten. Alle Großen hatten ihre Lehrer. Alle Weisen, Heiligen, Propheten, Weltenlehrer, Inkarnationen und erhabenen Menschen hatten ihren eigenen Guru, - wie groß sie auch immer gewesen sein mögen. Lord Krishna saß zu Füßen seines Guru Sandipani. Lord Rama hatte Guru Vasishta. Lord Jesus suchte Johannes an den Ufern des Jordan-Flusses auf, um von ihm getauft zu werden.
Ein Anfänger muss zunächst einen persönlichen Guru haben. Er kann nicht mit Gott als Guru beginnen. Er muss einen reinen Geist haben. Er muss ethische Vollkommenheit besitzen und tugendhaft sein.
Mysteriöse Hilfestellungen durch den Herrn
Die folgenden Beispiele zeigen, wie der Herr seinen ergebenen Schülern geholfen hat: Ekanath hörte eine Stimme vom Himmel, die sagte: "Achte an Deva Giri auf Janardan Pant. Er wird dich auf den geeigneten Weg bringen und führen." Er handelte danach und fand seinen Guru. Tukaram empfing sein Mantra 'Rama Krishna Hari' in einem Traum. Er wiederholte dieses Mantra und hatte Darshan bei Lord Krishna. Lord Krishna führte Namadev nach Mallikarjuna, damit dieser dort seine höhere Einweihung von einem Sannyasin erhielt. Königin Chudalai nahm die Gestalt von Kumbha Muni an, erschien ihrem Ehemann Sikhidhvaja im Wald und weihte ihn in die Mysterien des Kaivalya ein. Madhura Kavi sah an drei aufeinander folgenden Tagen ein Licht am Firmament. Dieses führte ihn und brachte ihn zu seinem Guru Nammalvar, der sich im Samadhi sitzend unterhalb eines Tamarind-Baumes befand. Vilvamangal fühlte sich sehr von Chitamani, einer tanzenden Frau, angezogen. Diese Frau wurde sein Guru. Tulsidas empfing durch ein unsichtbares Wesen Anweisungen, Hanuman zu sehen, um durch ihn den Darshan von Sri Rama zu erhalten.
Tüchtigen Schülern fehlt es niemals an einem fachkundigen Guru. Verwirklichte Seelen sind nicht so selten. Nur wenige geistig entwickelte Menschen, die rein und tugendhaft sind, können diese verwirklichten Seelen erkennen oder gar verstehen, und nur sie werden in deren Gesellschaft gesegnet sein.
Solange es eine Welt gibt, wird es Gurus und Veden geben, um die suchenden Seelen auf dem Pfad der Selbst-Verwirklichung zu führen. Lass jeden Menschen gemäß seiner Aufnahmefähigkeit, seinem Temperament und Verstand den Pfad gehen. Sein Satguru wird ihm auf dem Weg begegnen.
Wenn man im Krankheitsfall von einem Arzt zum nächsten rennt, erhält man von jedem Arzt eine andere Beratung bzw. Therapie oder ein anderes Medikament verschrieben. Am Ende weiß man nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Genauso verwirrt ist man, wenn man von einem Guru zum nächsten läuft. Auch hier weiß man nicht, was richtig oder falsch ist. Der eine Guru gibt dieses Mantra, ein anderer Guru schlägt etwas Anderes vor. Am besten man hört sich alles an, aber folgt nur einem Guru. Dann macht man wirklich Fortschritte.
Die Einweihung und ihre Bedeutung
Ein Bhakta wird auf dem Pfad der Hingabe durch einen Bhakta-Heiligen eingeweiht werden. Ein Jnani wird einen Schüler der Vedanta in die Mahavakyas einweihen. Ein Hatha -Yogi oder Raja-Yogi wird seinen Schüler auf diesen besonderen Pfad einweihen. Ein Weiser, der besondere Verwirklichung erreicht hat, d.h. ein Purni-Jnani oder Purna Yogi, kann auf jedem beliebigen Weg Einweihung geben. Der Guru wird durch verschwiegenes Studium des Strebenden dessen Neigungen, Temperamente und Fähigkeiten herausfinden und den für ihn richtigen Pfad bestimmen. Wenn sein Herz unrein ist, wird der Lehrer selbstlosen Dienst für die Dauer einiger Jahre vorschreiben. Dann wird der Guru herausfinden, für welchen besonderen Weg der Schüler geeignet ist und ihn darin einweihen.
Einweihung bedeutet nicht, jemandem ein Mantra ins Ohr zu flüstern. Als Kama von den Gedanken Krishna's beeinflusst wurde, hatte er bereits die Einweihung durch den IHN erfahren. Wenn ein Suchender die Schriften eines Heiligen in sich aufsaugt und verfolgt, ist dieser Heilige bereits sein Guru geworden.
Spirituelles Wissen wird vom Lehrer auf die Schüler übertragen, was als Guru-Parampara bezeichnet wird. Die meisten großen Heiligen haben auf diese Weise ihr Wissen von ihrem Meister - von Herz zu Herz - erfahren dürfen. Damit wird auch das spirituelle Schicksal der Schüler bestimmt. Es war Lord Krishna, der es ermöglichte, dass sich Arjuna und Uddhava auf ihrem spirituellen Pfad festigen konnten, um die Schlachten aller Schlachten zu schlagen. Auch Ramakrishna hat sein Wissen an Swami Vivekananda weitergegeben und damit dessen Schicksal gelenkt, und so gibt es viele Beispiele in der Geschichte großer Heiliger.
So wie man jemandem ein Stück Obst reicht, so kann auch spirituelle Kraft von Einem zum Anderen übertragen werden. Diese Methode der Übertragung spiritueller Kräfte wird als Shakti-Sanchara bezeichnet. Im Shakti-Sanchara wird eine bestimmte spirituelle Schwingung des Satguru dem Geist des Schülers übermittelt. Diese Kraftübertragung findet nur statt, wenn der Guru seinen Schüler wirklich dafür als geeignet erachtet.
Der Guru kann den Schüler durch einen Blick, eine Berührung, einen Gedanken, ein Wort oder durch den Willen verwandeln. Es ist ein verborgenes mystisches Wissen, das dem Schüler anvertraut wird. Ein Schüler von Samartha Ramdas übertrug seine Kraft auf die Tochter einer Tänzerin, die ihm leidenschaftlich zugetan war. Dieser Schüler starrte sie aufmerksam an und verhalf ihr zum Samadhi. Ihre Leidenschaft verschwand. Sie wurde sehr religiös und spirituell. Lord Krishna berührte die blinden Augen von Suradas. Er erfuhr Bhava-Samadhi (die Reinheit des Geistes und der Gefühle). Lord Gauranga erzeugte in vielen Menschen durch seine Berührung einen göttlichen Rausch und bekehrte sie. Durch seine Berührung tanzten selbst Atheisten auf den Straßen in Ekstase und sangen Lieder von Lord Hari.
Ein Schüler sollte mit einer solchen Hilfestellung nicht zufrieden sein, sondern muss sich weiterhin um Vollkommenheit und Kenntnisse bemühen. Sri Ramakrishna Paramahamsa berührte Swami Vivekananda. Swami Vivekananda machte überbewusste Erfahrungen. Selbst nach dieser Erfahrung musste er sich noch weitere sieben Jahre bemühen, um Vollkommenheit zu erreichen.
Selbst-Verwirklichung kommt von einem Guru nicht wie durch ein Wunder auf uns zu, sondern man muss sich darum bemühen. Wenn man Wasser aus einer Quelle trinken möchte, muss man sich hinunterbeugen. Ebenso muss man, wenn man den spirituellen Nektar der Unsterblichkeit trinken möchte, der von den Lippen des Gurus fließt, eine Verkörperung von Demut und Sanftmut sein. Alle großen Heiligen mussten sich der Sadhana (den Übungen) unterziehen. Lord Krishna bat Arjuna Vairagya (Leidenschaftslosigkeit) und Abhyasa (wiederholte Praxis) zu entwickeln. Er sagte nicht zu ihm: "Ich werde dir nun Mukti (Moksha - Erlösung) schenken." Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass der Guru Samadhi und Mukti gewährt, sondern man muss selbst daran hart arbeiten und meditieren.
Die Gnade des Guru ist zweifellos notwendig. Das bedeutet aber nicht, dass man deshalb untätig herumsitzen darf, sondern man muss üben, sich bereit machen. Häufig wenden sich irgendwelche Interessierten an einen Heiligen, setzen sich zu seinen Füßen und warten auf Samadhi. Sie sind nicht darauf vorbereitet, sich irgendwelchen Übungen zur Läuterung und Selbstverwirklichung zu unterziehen. Ihr 'Nervenkostüm' ist auf die Erfahrung von Samadhi überhaupt nicht vorbereitet. Sie wollen ein 'Wundermittel', das sie in Samadhi versetzt. Mit solch einer Einstellung wird es nichts mit der Selbst-Verwirklichung!
Ein Guru kann den Weg weisen und irgendwelche Zweifel beseitigen, doch den Rest muss man sich selbst erarbeiten und verdienen. Kein Zweifel: der Segen des Gurus kann alles bewirken, doch dazu muss man sich seinen Anweisungen, Übungsanleitungen usw. blind unterwerfen. - Wer jedoch glaubt, man könne schnell mal zu einem Meister gehen, um sich selbst in Rede und Antwort zu bestätigen oder zu beweisen, sollte die Angelegenheit besser gleich vergessen (siehe auch Gurudom)!
Wir erwarten immer ein schnelles Heilmittel führ eine kleine Unpässlichkeit, doch das hat überhaupt nichts mit einem Guru-Schülerverhältnis zu tun!
"Demjenigen, dessen Hingabe zum Herrn und zum Guru groß ist, steht die Tür zu den heiligen Schriften offen. Er wird diese Texte verstehen." (Upanishad)
Ein Schüler ist, wer den Anweisungen seines Guru nach dem Buchstaben und Geist folgt, und der die Lehren des Gurus anderen dürstenden Seelen bis zum Ende seines Lebens vermittelt. Ein wahrer Schüler ist nur an der göttlichen Natur des Gurus interessiert. Die Handlungsweisen des Gurus sind nicht Angelegenheit des Schülers, auch wenn diese Handlungen manchmal unkonventionell erscheinen mögen. Man sollte seine göttliche Natur nicht mit dem unzulänglichen Maßstab der eigenen Unwissenheit messen. Wahre Schülerschaft öffnet den Blick. Sie entzündet das spirituelle Feuer. Sie erweckt die schlummernden Fähigkeiten. Guru und Schüler werden eins. Der Guru segnet, führt und inspiriert den Schüler. Er überträgt, verwandelt und spiritualisiert ihn.
Um sich einem Guru zu nähern, sollte man ein richtiges Verständnis und Leidenschaftslosigkeit entwickelt haben. Man sollte heiteren Gemüts und zurückhaltend sein, ihm Vertrauen schenken und ihm und Gott ergeben sein. Der Guru wird nur dem Strebenden Anweisungen erteilen, der nach Befreiung dürstet, der aufrichtig ist, einen ruhigen Geist hat, der mitfühlend ist, voller Liebe, Geduld, Demut und Ausdauer ist. Die Einweihung in die Geheimnisse Brahmans werden nur fruchtbar sein und Jnana entwickeln lassen, wenn der Schüler wunschlos ist.
Durch lang anhaltenden Dienst am Guru sollten Strebende ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Beseitigung der Ich-Haftigkeit richten. Man sollte dem Guru mit göttlicher Hingabe dienen. Wer dem Guru wachsam, aufopferungsvoll und ohne selbstsüchtige Ziele dient, dient der ganzen Welt. Der Dienst am Guru muss ohne Erwartung auf Name, Ruhm, Kraft, Wohlstand usw. verrichtet werden. Gehorsam gegenüber dem Guru ist besser als Verehrung. Gehorsam aus Liebe zum Guru ist in sofern eine edle Tugend, da unser Ego, unser größtes Hindernis auf dem Wege der Selbstverwirklichung, entwurzelt werden muss. Wer gehorchen lernt, lernt auch befehlen. Wenn man lernt, ein Schüler zu sein, lernt man auch, wie man ein Guru wird. -
Dieses hat nichts mit Selbstversklavung zu tun, sondern eine Selbstversklavung liegt im eigenen Geist, im Ego. Derjenige, der den Sieg über den eigenen Geist und das Ego erringt, ist ein wahrhaft freier Mensch. Diesen Sieg gilt es zu erlangen, indem sich der Schüler der höheren spirituellen Persönlichkeit des Gurus unterordnet.
Der spirituelle Pfad ist nicht mit einer Doktorarbeit oder wissenschaftlichen Arbeit vergleichbar. Es ist etwas völlig Anderes. Die Hilfe eines Lehrers ist in jedem Augenblick notwendig. Junge Strebende sind heutzutage selbstzufrieden und selbstbehauptend. Sie achten nicht auf irgendwelche Anweisungen eines Gurus. Sie sind nicht an Gurus interessiert. Sie glauben, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen, wenn sie einen Meister von weitem einmal gesehen haben, obwohl sie nicht einmal das ABC der Spiritualität oder der Wahrheit beherrschen. Sie sehen 'ihren eignen Weg der Selbstbehauptung' als Freiheit. Darum machen sie keine Fortschritte in der Spiritualität. Sie vertrauen nicht der Wirksamkeit der Übungen, die die Meister ihnen geben. Sie wandern erfolglos von einem Meister zum nächsten in der Hoffnung auf einen schnellen Erfolg!
Wenn man jedoch die Gnade des Gurus erlangen will, muss man zu einer Verkörperung von Demut und Sanftmut werden. Wie sollte man etwas aufnehmen oder annehmen können, wenn das Ego im Wege steht und nicht aufgegeben wird? Man muss sich gegenüber seinem Guru geistig völlig entkleiden, ihm sein ganzes Herz öffnen, damit er den Nektar der Unsterblichkeit wie ein Samenkorn in das Herzen pflanzen kann. Nur auf diese Weise wird der Schüler die Gnade seines Gurus erfahren. Wenn ein wirklicher Durst nach dem glückseligen Gott vorhanden ist, der Schüler als geeignet angesehen wird, wird er auch die Gnade empfangen können. Demut, Hingabe, Glaube und Vertrauen an den Guru sind jedoch unbedingte Voraussetzungen dafür.
Der Guru lehrt durch sein persönliches Beispiel. Die tägliche Führung des Gurus ist dem achtsamen Schüler ein lebendiges Ideal. Durch das Vorbild des Gurus wird der Schüler sanft nach seinen Möglichkeiten allmählich geformt. Der Guru erkennt die spirituellen Bedürfnissen seiner/s Schüler/s. Er wird dem Temperament und den Fähigkeiten seiner/s Schüler/s Rechnung tragen. Jeder Schüler bekommt die Anweisungen, die für ihn von Nöten sind. Eine Diskussion unter den Schülern - über die jeweiligen Rechte und Pflichten - schürt lediglich Neid und Missgunst. Jeder Schüler möchte seinem Guru natürlich besonders gewogen sein. Insgeheim fühlt sich jeder ihm etwas näher als er den Mitschüler sieht, was jedoch zu noch mehr Neid führt. Man sollte sich aus solchen Gedankenspielchen und Diskussionen tunlichst heraushalten, denn jeder bekommt, was er verdient!
Der beste Schüler ist wie leicht entzündliches Benzin. Selbst aus großer Entfernung wird er sofort auf spirituelle Unterweisungen des Gurus reagieren. Zweitklassige Schüler sind wie Kampfer. Eine Berührung weckt ihren inneren Geist und entzündet in ihm das Feuer der Spiritualität. Drittklassige Schüler sind wie Kohle. Der Guru muss sich schon große Mühe geben, um deren Geist zu wecken. Viertklassige Schüler sind wie schwer entflammbares Material. Alle Bemühungen sind vergebens, was auch immer der Guru unternimmt.