Die Bettlerin am Ganges
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
In den letzten Februartagen des vergangenen Jahres ging ich eines Abends am Ganges entlang. Ich war auf dem Weg zu meiner Unterkunft. Die hinter mir liegenden Ausläufer der Himalaja-Berge wurden von der untergehenden Sonne in zartes Rosa getaucht. Das Rot der Abendsonne spiegelte sich auch auf den sanften Wellen des schnell dahinfließenden Ganges. Die Besucherströme vom Nachmittag waren abgeebbt. Viele Touristen saßen schon zum Abendessen in den ufernahen Restaurants, andere hatten sich zum Arati am Ganges versammelt. Die jetzt hell erleuchteten kleinen Andenkenläden an der Uferzeile waren wie immer um diese Zeit noch geöffnet. Man wartete wohl noch geduldig auf ein paar versprengte Touristen. Einige Ladenbesitzer saßen vor ihren Geschäften und schwatzten lautstark bei einem Glas süßen Tee mit ihren Nachbarn. Aus einem der Geschäfte drang lautplärrend indische Folklore.
Eine Hängebrücke, auf die ich allmählich zusteuerte, überspannt hier den Fluss. Die sonst vor und auf der Brücke so zahlreich hockenden und maffiaähnlich organisierten Bettler witterten offensichtlich zu dieser fortgeschrittenen Tageszeit kein Geschäft mehr, denn sie hatten sich zurückgezogen. Wenn man tagsüber einem der, wie an einer Perlenschnur aufgereihten Bettler ein paar Rupien gibt und dabei seinen Nachbarn vergisst, wird man beschimpft. Darum gebe ich keinem etwas. Ich erreichte nun die Brücke. Unmittelbar vor dem Aufgang zur Brücke hockte ein altes Mütterchen, das ich an dieser Stelle noch nie zuvor gesehen hatte. Unten am Wasser, gleich neben dem Brückenpfeiler, sah ich zum ersten Mal eine aus ein paar Brettern und Plastikplanen zusammengezimmerte ärmliche Behausung, offenbar ihr Zuhause. Sonst gab es keine Hütten am Gangesufer. Sie streckte mir fordernd ihre rechte verknöcherte Hand entgegen; kein Mensch weit und breit. Ich empfand Mitleid, denn die Alten werden in Indien oft von ihren Familien abgeschoben und müssen zwangsläufig betteln um zu überleben. Ich legte ihr ein paar Rupien in die dargebotene offene Hand. Sie hob sanft ihren Kopf und ein Lächeln voller Dankbarkeit huschte über ihr friedliches Gesicht. ‚Deine Abendmahlzeit ist wohl gerettet’, dachte ich. Dann erhob sie sich, legte ihre Handflächen grüßend aneinander und deutete eine höfliche Verbeugung an. Das, was sie dabei sagte, verstand ich nicht. Ich erwiderte unwillkürlich ihr freundliches Lächeln und verbeugte mich ebenfalls nach Landessitte. Dann verschwand sie wieselflink in Richtung ihrer Hütte und ich betrat die Hängebrücke.