Das Abendgebet

von einem unbekannten Author

 

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Ich bin Anna und schon groß, denn ich gehe bereits in die Schule. Ich liege im Bett und warte, denn am Sonntagabend liest mir mein Papa immer eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Ich bin schon ganz gespannt darauf.

 

Ach du meine Güte! Wer steckt denn da seine Nase in die Tür? Es ist der merkwürdige stets freundlich lächelnde ältere Herr aus der Nachbarschaft.

 

„Hallo!“ sagt er. Am liebsten würde ich mich zur Wand drehen, doch er ist schneller, denn er fragt rasch: „Hast du schon dein Abendgebet gesprochen?“ – ‚Was soll diese Frage’, denke ich insgeheim und entgegne dann verärgert: „Ich bete doch nicht wie mein kleiner Bruder, der noch an den Weihnachtsmann oder so was glaubt! Und außerdem kann Gott sich sowieso nicht um so viele Menschen gleichzeitig kümmern. Das ist unmöglich!“

 

„So, so“, schmunzelt er, „du glaubst also nicht an den lieben Gott im Himmel?“ Jetzt wird es mir aber langsam zu bunt. Was will der eigentlich von mir? – Dann sage ich laut: „Wo soll denn dieser Gott da oben wohnen. Da gibt es keine Häuser. Diese Gotteshäuser wurden von Menschen auf der Erde gebaut. Mein Papa sagt immer: wir müssen nicht in solche so genannten Gotteshäuser gehen oder gar an Gott glauben, wenn wir nicht wollen. Ich war einmal mit Melanie in solch einem Haus. Da ist es total langweilig.“ – Warum drehe ich mich eigentlich nicht einfach weg?

 

„Der liebe Gott wohnt in deinem Herzen“, brummelt er und setzt sich auch noch auf meine Bettkante, „dein Herz ist sein Haus. ER wohnt in den Herzen aller Menschen von Geburt an.“ – „Und wie soll das möglich sein? Mein Herz ist viel zu klein für einen so großen weisen und ehrwürdigen Mann“, gebe ich zu bedenken.  – „Er macht sich ganz klein und wohnt in der Kammer deines Herzens. Und außerdem, wer weckt dich morgens?“ fügt er unbeeindruckt hinzu. – „Meine Mama!“ entgegne ich triumphierend. – „Und wenn deine Mama nicht da ist?“ kontert er bohrend. – „Ich wache einfach auf“, sage ich unbekümmert und denke: ‚Wo nur mein Papa bleibt?’.

 

„Der liebe Gott lässt dich einschlafen und wieder aufwachen. Er wacht ständig über alle Menschen“, bemerkt er und lächelt freundlich. – „Und wie kann ich IHN in meinem Herzen erreichen?“ frage ich neugierig. – „Indem du anklopfst“, antwortet er. „Und wie klopfe ich bei IHM an?“ – „Indem du IHN bittest, die Tür zu deinem Herzen zu öffnen. Mit einem kleinen Gebet geht alles wie von selbst.“

 

„Und wozu soll das Ganze gut sein?“ frage ich den merkwürdigen Besucher auf der Bettkante. „Du kannst Ihm alles erzählen, all deine Freuden mit IHM teilen, deine Sorgen und Nöte bei IHM abladen. ER antwortet auf Seine Weise mit Zuneigung, Liebe und Zufriedenheit.“ –

 

Ich bin baff. Das habe ich nicht erwartet. Dann kann ich IHM ja alles erzählen, auch wenn Mama mit mir geschimpft hat. Dieser Gott petzt bestimmt nicht bei Papa, wie mein kleiner Bruder! Vielleicht sollte ich es doch einmal probieren: Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand darin wohnen als der liebe Gott allein!