Das Guru-Schüler Verhältnis
Vortragsreihe von Swami Krishnananda
Als Buch im Englischen veröffentlicht von Swami Padmanabhananda (Divine Life
Societa - Rishikesh, Indien) anlässlich des 10. Jahrestages des Punjatithi
Aradhana (Todestag 23.11.2001) von H.H. Sri Swami Krishnananda Maharaj
bearbeitet
von Divya Jyoti
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
Inhaltsverzeichnis
Nach alter Tradition ist das Mönchstum Ausdruck einer Gesellschaftsform, eine
Art geistiger Vollkommenheit. Sannyasa (Mönchstum) wurde nicht als zufällige
Laune gesehen oder um damit Aufsehen zu erregen.
In alter Zeit, vor Manu Smriti (ca. 200 v. Chr.), existierte kein Mönchsorden.
Mönche gab es schon, doch keine Orden wie heutzutage. Zu Zeiten der Upanishads
(ca. 700 – 500 v. Chr.) fand man natürlich Mönche und Nonnen, die jedoch keiner
Organisation angehörten. Es existierten weder Klöster (Ashrams) noch
Organisationen. Obwohl man Gurus (Lehrer) in so genannten Ashrams fand, die
jedoch nur ein oder zwei Schüler hatten. Diese Ashrams beherbergten nicht
hunderte von Mönche und Nonnen wie heutzutage.
Zu Zeiten der Upanishads und auch danach kannte man nur Individualisten,
Novizen, die ihrem Guru jahrelang dienten. Bevor jemand Mönch werden konnte,
wurde erwartet, dass er seinem Guru (Lehrer) zwölf Jahre lang diente, so als
würde er diesem Guru, wie ein „Sklave“. Ein Schüler war nicht unabhängig,
sondern Teil seines Gurus. Der Wille des Gurus war Gesetz. Vom Schüler wurde
erwartet, dass er seinem Meister blindlings folgte, ohne jeden individuellen
Gedanken. Er war kein Interpret des Gurus. Die Anweisungen des Gurus wurden in
keiner Weise angezweifelt, egal ob sie angenehm oder unangenehm, vernünftig oder
unvernünftig schienen.
Manchmal wurde der Schüler auf die Probe gestellt, bis hin zur Todeserwartung.
Schüler sind natürlich bei solch einer Gelegenheit niemals zu Tode gekommen,
Doch die Schüler wurden geprüft, ob sie dieser Belastung standhalten und nicht
weglaufen würden. Gurus waren sehr noble Persönlichkeiten, die ihre Schüler
lediglich strengen Prüfungen unterzogen. Nach zwölf Jahren ließen sie die
Schüler ohne vorherige Ankündigung zu
sich kommen und weihten sie ein.
In den Upanishads finden sich einige Anekdoten bezüglich des Lebens dieser
Schüler jener Zeit. In der Chandogya Upanishad z.B. wird das Leben von Upakosala
beschrieben, der seinem Guru Satyakama diente. Upakosala wurde selbst nach
vielen Jahren des Dienens nicht eingeweiht, sodass selbst die Götter Mitleid mit
ihm hatten. Sie sahen das beschwerliche Leben, das Upakosala führte und
offenbarten sich in unterschiedlichen Formen und weihten ihn ein. Als Upakosala
das Vieh seines Gurus in einen Wald trieb, wurde er auf diese mystische Weise
von den Himmelswesen eingeweiht und ging zurück zu seinem Guru. Als sein Guru
ihn erblickte sagte dieser: „ Wie kommt es, dass du so strahlst. Das habe ich
bis heute noch nie bei dir gesehen, als ob du etwas wüsstest, was du zuvor nicht
wusstest. Wie hast du es erfahren? Wer hat es dich gelehrt?“ Die Antwort des
Schülers kam prompt: „Es war kein menschliches Wesen.“ Der Guru war ein Mann der
Innenschau und erkannte in seiner Vision, dass die Himmelswesen seinen Schüler
eingeweiht hatten und sagte: „Ich muss nichts mehr hinzufügen. Du weißt genug
und ich kann es nur bestätigen.“
Ein anderes Beispiel für ein Guru-Schüler-Beziehung jener Zeit: Uttanka diente
seinem Guru und Lehrer über viele Jahre, zwanzig, vierzig und mehr. Sein Guru
ließ nie ein Wort über Einweihung verlauten. Eines Tages, als Uttanka Feuerholz
aus dem Wald holte, verfing sich eine Haarsträhne im Holz. Er erkannte, dass er
ergraut und alt geworden war und fing an zu weinen. Er war seinem Guru ergeben
und hatte nicht bemerkt, dass er darüber alt geworden war. „Ich bin alt
geworden“, sinnierte er, „und bin nicht unterwiesen worden.“ Als der Guru ihn so
in seiner Trauer sah, hatte er Mitleid mit ihm und weihte ihn ein.
Auch außerhalb Indiens gab es solche Beispiele. Man muss sich mit einer Arbeit
von Professor Evans Wentz aus Oxford befassen, wo er sich mit tibetanischer
Mystik befasste und eine Übersetzung der Biografie von Milarepa (einem Yogi aus
Tibet) anfertigte. Wenn man über Milarepa liest, fängt
man zu weinen an. Es ist unvorstellbar, dass ein Schüler solche
Entbehrungen, Qualen über sich ergehen lassen musste. Es klingt wie Folter. Doch
Gurus haben ihre Gründe. Einen Tag vor seiner Einweihung erzählte ihn sein Guru:
„Ich will nichts von dir. Ich habe dich nicht den schrecklichen Torturen
ausgesetzt, um etwas von dir zu bekommen. Ich bekomme alles durch göttliche
Gnade. Doch du hattest dich vieler Sünden schuldig gemacht, die gesühnt werden
mussten. Darum habe ich dich immer wieder geprüft und diesem Martyrium von
harter Arbeit und wenig Essen ausgesetzt.“ Bei seinem Guru war er oft ernsthaft
krank, konnte sich kaum aufrichten oder gar aufstehen und wurde dennoch
hinausgeschickt, um das Vieh zu hüten, musste sogar ein Haus bauen usw.
Schüler leben für mehrere Jahre bei einem Guru im Ashram, meist aus
psychologischen Gründen, weit von zu Hause weg, um sich von
Familien-Traditionen, Freunden oder anderen Beziehungen zu befreien. Die zwölf
Jahre, die er bei seinem Guru lebt, sind nicht genau festgeschrieben, mal
bleiben sie längere oder auch kürzere Zeit.
Der Grund für die Abwesenheit des Schülers von zu Hause war die psychologische
Trennung von häuslichen Zwängen, Besitz, mein und dein. Ein anderer Grund war,
den Schüler mit dem spirituellen Leben vertraut zu machen, ein Leben, das sich
vom gesellschaftlichen Leben außerordentlich unterscheidet. Man kann es nicht
beschreiben, sondern muss diese Erfahrung des Ashram-Lebens selbst machen. Erst
dann wird man verstehen.
Der Ashram der ‚Divine Life Society‘ in Rishikesh ist so ein Ort mit vielen
Menschen, wahren Freunden, Swamijis usw. Wir sind alle wie Brüder, und doch auch
nicht. Genau hier liegt der Unterschied, - schwer zu verstehen. Die Beziehung zu
wirklichen Geschwistern, Eltern usw. ist eine Blutsverwandtschaft und
unterscheidet sich von der Beziehung zu Brüdern in einer spirituellen
Einrichtung. Jeder im Ashram weiß davon, egal ob in Puna, Rishikesh oder
anderswo. Diese Gemeinschaft ist keine Familie, und doch ist sie in gewisse
Weise eine.
Aus philosophischer Sichtweise von Acharya
Shankara spricht man von drei Formen
der Beziehung/ Bindungen:
1. Bhramanaja, Bindung an eine
Illusion, die einer Vorstellung/ Idee entspringt.
2. Sahaja, eine natürliche, normale
Bindung und 3. Karma aus Zwängen der
Handlungen vorheriger Leben geboren.
Doch welche Bindung wird durch Vorstellung verursacht? Es ist die bewusste
Vorstellung von Individualismus, d.h. individuell zu sein. Doch Bewusstsein kann
nicht individuell sein, weder in Raum und Zeit lokalisiert noch anderweitig
isoliert werden. Bewusstsein ist weder teilbar noch isolierbar. Der Gedanke,
dies ist Herr bzw. Frau Soundso, dies ist das oder auch nicht, ist reine
Vorstellung. Die Identifikation des Bewusstseins mit dieser psychologischen
Individualität, Verbindung entsteht aus Vorstellungskraft (Bhramanaja),
als wäre der Geist verwirrt oder etwas wird nicht richtig verstanden. - Eine
andere Bindung wird als natürliche Bindung zum Individuellen gesehen. Dies wird
akzeptiert und als Gnade angenommen. Ob diese Sichtweise richtig oder falsch
ist, hängt von der philosophische Betrachtung ab. Doch nach
Acharya Shankara kann dies aufgrund
der eigenen Vorstellungswelt nicht korrekt beurteilt werden.
Wenn man hinnimmt individuell zu sein, dann folgt die Natur automatisch nach. In
dem Augenblick, wo Bewusstsein als individuell angenommen wird, folgt
konsequenterweise die Bindung an Körper und Gesellschaft.
Vieles, so heißt es, ist den Menschen widerfahren, nachdem sie von Gott
herabgestiegen sind. Es gibt eine ausführliche Geschichte darüber, nachzulesen
im Buch „Gods in Exile“, von einem Australier. Dort heißt es, wir seien
Götter im Exil, aus irgendwelchen Gründen vom Himmel herabgestiegen/
herabgefallen. Dies wird in diesem Buch bzgl. verschiedener Traditionen und mit
theologischem Hintergrund ausführlich erklärt. Die Verbindung des Bewusstseins
mit unterschiedlichem Medium wird in der
Vedanta als Abhasa bezeichnet, und
von Acharya Shankara als natürliche
Verbindung gesehen. Abhasa bedeutet‚
Reflexion des Bewusstseins im Individuum oder Intellekt des Menschen. In dem
Augenblick, wo die Reflexion stattfindet, wird das Absolute (Universale) im
Individuum reflektiert, das Individuum identifiziert sich mit seinem Körper und
sagt sich: „Dies ist mein Körper“. Der Körper ist das ‚Ich‘ und steigt weiter
hinab. Dies ist karmaja, Handlung, die
nach unserem Glauben und psychologischer Analyse aus Bindung entsteht.
Karmaja besteht nicht aus den
physischen Elementen, wie Erde, Feuer, Wasser, Luft usw., sondern betrifft das
individuelle Karma des Individuums.
Man mag sich fragen, warum sie nicht aus der Materie hervorgegangen ist. Das hat
mit der Begriffsbestimmung, Umgangssprache zu
tun. Materie ist überall,. Die Wand,
die Decke usw. Die Berge sind Materie, der Boden, auf dem man steht. Doch warum
spricht vom ‚Ich‘, wenn es um einen einzelnen Erdklumpen geht? Warm sagt man
nicht dasselbe von einer Wand? Wie kommt es, dass man eine bestimmte Formation
(den Körper) als ‚Ich‘ ansieht. Es liegt daran, dass diese bestimmte aus Atomen
zusammengesetzte Materie aus vergangenen Handlungen (Karma) getrieben wird. Karma ist wie Zement. Zement hält die
vermauerten Steine als Wand zusammen, ohne Zement würde die Wand in einen Haufen
Steine zerfallen. Überall sind Atome. Warum kleben sie an einem bestimmten Punkt
im Raum zusammen und werden als Körper bezeichnet? Das Klebemittel, der Zement,
ist Karma. Darum wird dieser Körper
als Karma gesehen. Wenn dieses
Karma zum Ende kommt, wird der Mörtel
entfernt, der Zement aufgelöst und die Steine fallen herunter. Dann stirbt der
Körper.
Auf diese Weise wird das Bewusstsein mit dem Körper identifiziert. Dies führt
weiter in die Familie, Ehemann, Frau und Kinder, die Gesellschaft. Man geht über
den eignen Körper weit hinaus. Dass man in dem Köper ist, ist schon schlimm
genug. Doch man bewegt sich weiter, indem es heißt: „Dies ist Herr So-und-so,
mein Vater, meine Mutter usw.“ Schlimm! Man gewährt niemand seinen Frieden. Das
ist die Karmaja-Gesellschaft.
Dieses Denken muss von der Wurzel her, mit allen anhängigen Faktoren,
schrittweise ausgemerzt werden. Dies kann nur in einem Ashram geschehen. Darum
geht man in Ashrams. Hier heißt es auch, dieser oder jener ist mein Freund. Doch
es besteht ein feiner Unterschied, ob man es im Ashram oder außerhalb davon
sagt. Jeder im Ashram kennt diesen Unterschied. Wenn im Ashram ein Bruder
stirbt, weint niemand.
Dies ist ein interessanter Punkt. Warum weint niemand im Ashram?
Bhramaja ist ausgeschaltet. Die
Bhramaja-Gesellschaft, die
psychologische Bindung ist ausgeschaltet.
Man kennt die körperliche, gesellschaftlich oder soziale, psychologische
Bindung, aber nicht das, was Brüder, Vater, Mutter, Kinder wirklich
zusammenhält. Das natürliche Band ist zerrissen. Innerlich mag man sich
unabhängig fühlen, doch äußerlich gehören alle zur Gruppe. Darum weint niemand
im Ashram, wenn ein Bruder stirbt. Diese Verfeinerung wird in den Ashrams durch
eine neue Art der Ausbildung erreicht.
Die Verbindung mit dem Guru ist ein Segen. Dies ist meine persönliche Erfahrung.
Man fühlte sich durch die Beziehung zu Swami Sivanandaji Maharaj gesegnet. Ich
weiß nicht, wie man dieses Gefühl ausdrücken kann. Ich habe weder eine solche
Persönlichkeit wie ihn zuvor gesehen noch hoffe ich, jemand anders in diesem
Leben zu begegnen. Er wirkte überaus unpersönlich. Er war ein Mensch wie jeder
andere, und doch war er eine außergewöhnliche Erscheinung.
Wenn er auf einem zukam, hatte man nicht das Gefühl, dass ein Mann daherkam; er
wirkte irgendwie unpersönlich, aufgrund seiner Ausstrahlung weder Mann noch
Frau. Man musste sich klar machen, dort kommt ein Mann. ‚Unpersönlichkeit‘ hat
kein Geschlecht. Es gibt keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. So eine
Persönlichkeit war er. Doch auf diesen Gedanken kam man damals nicht, wenn man
ihn erblickte. Es war merkwürdig fremdartig. Wenn man ihn so sah, ihm begegnete,
bekam man ein Gefühl unendlicher Zufriedenheit oder erfuhr einen Rausch von
Glückseligkeit.
Es gibt diese Gurus, die die Spiritualität in sich tragen, ihre Seele wirkt
durch sie. Es sind weder Geist noch Intellekt oder gar Wissenschaft gefordert.
Wenn sie sprechen, dann ist es nicht Ihr Intellekt, sondern ihre Seele, die zum
Ausdruck kommt. Als Schüler sollte man darauf vorbereitet sein. Der Guru ist
Seele und nicht Körper.
Die Seele des Gurus stirbt nicht. Das ist ein anderer wichtiger Aspekt im
Guru-Schüler Verhältnis. Niemand sagt: “Mein Guru ist gestorben.“ Das wäre
unüberlegt, Der Guru stirbt nicht, denn weder Guru noch Schüler sind Körper. Die
Guru-Schüler Beziehung findet nicht auf körperlicher Ebene statt. Selbst wenn
der Guru tausende Kilometer entfernt sein sollte, ist der Schüler glücklich. Er
schreit nicht: „Oh mein Gur ist weit weg. Ich habe niemanden.“ Auf spiritueller
Ebene spielen Entfernungen keine Rolle. In Wirklichkeit gibt es auf dieser Welt
keine Entfernungen. Sie sind nur eine räumliche Idee. Wie bei Fernsehen und
Rundfunk kennt das Bewusstsein – die Seele – keine Distanzen. Es ist so, als
existierten sie nicht. Obwohl dies ein weit fortgeschrittener Zustand ist, ist
es die Wahrheit. Guru und Schüler sind auf mystische Weise miteinander
verbunden. Diese Beziehung bleibt über den Tod hinaus bestehen.
In den Chandogya und
Brihadaranyaka Upanishads heißt es, wenn eine weit fortgeschrittene
Seele die physische Welt verlässt, entwickelt sie sich immer weiter und macht
verschiedene Stufen der Erfahrung durch. Sie erreicht nicht auf direktem Weg das
Absolute, obwohl es einen Weg gibt. Es findet eine progressive Befreiung statt,
Karma
mukti genannt. Karma
mukti ist eine schrittweise Befreiung
von der Bindung an die Individualität. Man spricht von 14 bzw. 15 Stufen. In den
Upanishads heißt es, dass die Seele an der zehnten oder elften Stufe das
Persönlichkeits-Bewusstsein verliert. Von da ab kann die Seele nicht allein
weiter. Sie benötigt Unterstützung durch eine Führung. ‚Amanava
purusha‘ (Übermensch) ist der Begriff, der in den Schriften verwendet wird.
Ein Übermensch kommt, nimmt die Seele an die Hand und führt sie weiter. In der
Tradition heißt es, dies ist der Guru, der in das Leben des Schüler tritt. Es
ist keine soziale Beziehung, keine körperliche und auch keine psychische, wie
bei Freud beschrieben.
Wenn ein Arzt einen psychisch Kranken behandelt, benutzt er die Psychoanalyse,
dabei muss sich der Patient geistig dem Willen des Arztes unterwerfen. Der Wille
des Arztes wird zum Willen des Pateinten. Der Arzt lenkt seinen Patienten, wobei
der Patient gewissermaßen sein krankhaftes Persönlichkeits-Bewusstsein verliert.
Dieser Verlust ist durch die Krankheit bedingt und nicht spirituell.
Einige Psychologen des Westens glauben, dass die zwanghafte Guru-Schüler
Beziehung genauso wieder beendet werden müsste wie eine Arzt-Patienten
Beziehung, wenn der Patient geheilt ist. Wenn das geistige Problem des Patienten
kuriert ist, die zwanghafte Besessenheit beseitigt ist, kann die Beziehung
zwischen Arzt und Patient aufgelöst werden. Beruht die Hingabe des Schülers zum
Guru nicht auch auf eine zwanghafte Vorstellung? Diese Frage wurde von einigen
Psychologen aufgeworfen. Ist diese Beziehung gesund oder muss diese Anhaftung
ebenfalls wieder beseitigt werden?
Die Antwort: es ist nichts Zwanghaftes in der Guru-Schüler Beziehung! Dies ist
für normale Psychologen nur schwer zu verstehen. Es geht vielmehr um das
Verlangen der Seele nach weiteren Dimensionen. Nur Menschen auf dem spirituellen
Pfad wissen, worum es geht. Es ist nirgendwo nachzulesen. Es ist außerordentlich
mystisch und ein großes Geheimnis. Dieses Geheimnis sollte der Allgemeinheit
nicht unbedingt zugänglich gemacht werden. Darum sind auch die Upanishads nicht
für alle Welt geeignet. Diese Anmerkung findet man auch in den Upanishads. ‚Upanishad‘
bedeutet, geheime Führung für die individuelle Seele, damit sie voranschreiten
kann. ‚Upanishads‘ sind nicht für jeden Geist, Verstand oder jede Seele
geeignet. Moderne Geometrie ist für einen Büffel auch nicht sinnvoll, selbst
wenn man versuchen würde, sie ihm jeden Tag aufs Neue vorzubeten. Viel Lärm um
nichts!
Darum sollte man Büffeln keine Geometrie beibringen. Das ist sinnlos,
vergebliche Mühe. – „Die Seele ist unsterblich,“ sagen einige Schüler und fahren
fort, Fische zu angeln und zu verzehren. „Schau dir diese Burschen an. Sie haben
die Vedanta völlig missverstanden, “
sagte Sri Ramakrishna Paramahamsa.
Bedeutet es, die Seele ist unsterblich und darum kann man Fisch essen? Ist dies
der Vedanta zuzuordnen? Nun, es ist
auch ein Aspekt der Vedanta: „Die
Seele wird nicht getötet, warum sollte ich den Fisch nicht essen? Ich esse nur
den Körper, nicht die Seele.“ Darum sagte
Sri Ramakrishna: „Schau dir diese
Vedantins an!“
Heutzutage wird die Vedanta auf diese
Weise gelebt, verdreht. Das ist schlimm! Man sollte
Vedanta nicht lehren, der Geist der
Schüler ist dafür nicht geeignet. Sie werden in die Irre geführt. Entweder wird
nichts oder es wird falsch verstanden. Darum sind mystische Lehren nichts für
die Allgemeinheit. Sie sollten nur einem ausgewählten Schülerkreis zugänglich
gemacht werden.
Elektrische Energie fließt nur durch dafür geeignete Kabel. Bambus- oder
Platanenstämme sind dafür nicht geeignet. Es gibt drei Arten von Schüler:
vergleichbar mit Platanen, Feuerholz und Schießpulver. Schießpulver fängt sofort
Feuer, explodiert, wenn es mit einem entzündeten Streichholz in Berührung kommt.
Dies entspricht den hochklassigen
Schülern. Es reicht, ihnen einmal etwas zu erzählen. Ihr Geist nimmt die Lehren
wie Schießpulver auf. Die zweite Kategorie von Schülern ist wie Feuerholz. Man
muss dem Feuerholz viel Luft zuführen bis es Feuer fängt. Ein Streichholz reicht
nicht. Wenn man das entzündete Streichholz an das Holz hält verglüht es, bevor
es Feuer fängt. Mehrere Versuche sind notwendig, bis es anfängt zu brennen. Die
dritte Art von Schüler ist wie Platanenholz. Er wird niemals entzündet werden
können, was man auch anstellt. Diese Kategorie von Schüler wird bald von dannen
ziehen, weil sie nichts versteht. Bei den anderen muss man vorsichtig dosieren,
was man sagt, damit sie verstehen. Das Lehren ist eine Wissenschaft für sich und
der Lehrer muss besonnen und intelligent vorgehen, darf nicht die Unwahrheit
sagen.
Die Gegenwart hat großen Einfluss auf den Schüler. Das, was man menschlich ist,
hängt von der persönlichen Verbindung zum Guru und nicht vom Studium der
Schriften oder irgendwelchen Lehrreden ab. Gelesenes und Gehörtes sind nur
Schale. Es ist die Gnade des Gurus Swami
Sivananda Maharaj, das man irgendwie in die Lehre eingetaucht, sie
getrunken, in sich aufgenommen hat. Durch seine Gnade wurde ER für jeden von uns
zu Vater, Mutter und Bruder, einfach alles. Als ER starb, war es so, als würde
der Boden unter den Füßen wegzogen. Man hatte niemanden mehr.
Doch ER wirkt immer noch. Irgendwelche spirituellen Kräfte wirken immer noch,
woher auch unsere/ meine Kraft kommt. Doch mein durch Asthma geschwächter Körper
kann nicht mehr so agieren wie er möchte, ich bin krank. Wenn nötig, kommt
irgendwo die Kraft her, die Kraft des Guru oder spirituelle Kräfte. Guru und
Gott sind eins. Man sieht den Guru nicht als menschliches Wesen. ER ist nicht
Körper, und darum stirbt ER auch nicht. Der unsterbliche Guru bleibt für den
Schüler eine unsterbliche Beziehung. Der Schüler wird zu einem unsterblichen
Teil, zu einem Strahl des Göttlichen.
Die Entstehung der
Sannyasa-Organisation
(Mönchs-Orden)
Die Sannyasa-Organisation entwickelte
sich nach Buddha. „Sangha saranam gacchani,“ wie es die
Buddhisten nennen. Vor dieser Zeit hatte jeder
Sannyasin seine eigene Behausung (Kutir), wanderte umher, teilweise als Bettelmönch, lebte von
Almosen. Klöster kannte man nicht. Erst
Buddha organisierte Gruppen, später folgte
Sankaracharya seinem Beispiel. Beide
waren Gründer des Sannyasa-Systems. Im
Gegensatz zu Buddha ließ
Shankara keine Frauen in den Klöstern
zu. Buddha mochte auch keine Frauen in
seinen Klöstern, akzeptierte sie jedoch.
Mahaprajapati, Buddhas Mutter und
Königin, wollte Sannyasin werden.
Eines Tages stand sie vor dem Tor des Kloster. Dreimal machten seine Schüler
darauf aufmerksam, doch Buddha schwieg
zunächst. Armada, einer seiner
Schüler, sagte schließlich zu ihm: „Das Kloster ist doch nur für Männer oder für
alle menschlichen Wesen?“ „Lass sie herein.
Buddhas
dharma wird nicht 500 Jahre andauern,“
antwortete Buddha. Damit war
Mahaprajapati die erste Nonne in
seinem Kloster. Doch bei dem Vorfall ging es nur um eine philosophische
Sichtweise. Nach der Zeit Buddhas kam
man es schwierigen Situationen.
In der Geschichte gab es viele Gründe, warum der Buddhismus in Indien
zurückgedrängt wurde. Es heißt:
Shankaracharya war ein Grund, Kumarila
Bhatta ein anderer, die Gupta-Eroberer
usw. Es gibt so viele Gründe. Keine Krankheit hat nur eine Ursache. In der
Folgezeit kam es in den Klostergemeinschaften zwischen Nonnen und Mönchen immer
wieder zu Spannungen, weil man irgendetwas missverstanden hatte.
Shankaracharya nahm daraufhin keine Frauen auf. Er hatte keine
weiblichen Schüler. Viele Jahrhunderte lang wurden in den
Shankara-Klöstern keine Frauen geduldet. Aufgrund der Tradition
wollte niemand Nonnen in den Orden einweihen.
In der Entstehung findet man drei Stufen. Der erste fand zu
Buddhas Zeiten statt, die zweite Stufe
nach Buddha. Bis zu
Buddha gab es keine Regeln, alles war
individuell. Es gab weder Gemeinschaften noch
Sannyasa-Bruderschaften. Nach
Buddha bildeten sich zaghaft erste Bruderschaften, Klöster wurden gegründet.
Mit Swami Vivekananda kam eine
Neuerung, eine dritte Stufe in der Entwicklung, eine neue Atmosphäre. Eine
größere soziale Komponente wurde eingeführt. Bei
Shankaracharya war die soziale
Komponente von geringerer Bedeutung, auch wenn es ein Orden war. Bei
Shankara wie bei den Buddhisten gab es
viele wichtige Zentren, doch der soziale Aspekt bei tausenden von Mönchen, die
dort lebten, war dem spirituellen Streben untergeordnet, nahezu bedeutungslos.
Die Mönche befassten sich ausschließlich mit der Befreiung, nur mit ihren
eigenen spirituellen Studien und dem Dienst am Guru. Sie hielten sich von der
außerhalb der Klostermauern lebenden Gesellschaft fern, Laien wurden als nicht
spirituell angesehen.
Swami Vivekananda
veränderte das Verhalten
der Mönche. Die Mönche erhielten, aufgrund der Situation in der Bevölkerung,
neben ihren Studien soziale Aufgaben. In der Zeit der
Upanishads und
Vedas gab es dafür keine
Notwendigkeit. Als die Zahl der Sannyasins
zunahm, wurde eine Organisation notwendig.
Buddha nannte sie Sangha,
Shankaracharya
Maths. Die moderne Wissenschaft und das Zeitgeschehen haben die
Gesellschaft grundlegend verändert. Die Menschen mussten immer mehr
zusammenrücken. Die Bettelmönche konnten keine Almosen mehr erwarten und nur
ihren Studien nachgehen. Die Unterstützung der Klöster durch die Könige blieb
ebenfalls aus, denn das Land wandelte sich und die Königreiche verschwanden, mit
ihnen die Potentaten. Die Gesellschaft rückte mehr und mehr in den Vordergrund.
Darum wurden die Aufgaben der Mönche und das Klosterleben durch
Swami Vivekananda verändert. Diese Veränderung war notwendig und
richtig.
So kamen Sozialarbeit und spirituelle Aktivitäten zusammen, wurden miteinander
verwoben. Die Mönche mussten Sozialarbeit in ihre spirituellen Aktivitäten
einbinden. Dies war zunächst schwierig. Es gab Widerstand, selbst in der
Umgebung von Swami Vivekananda. Zu
jener Zeit gab es für Sannyasins keine
Gehorsamspflicht. Als Swami Vivekananda
die Swamis zu einem geregelten Tagesablauf verpflichten wollte, lehnten sie sich
dagegen auf. Swami Abhutananda, auch
ein Schüler Sri Ramakrishnas, weigerte
sich morgens um sieben zu meditieren, weil es von ihm auch früher nicht
gefordert wurde. Swami Abhutananda
wollte sogar den Ashram verlassen. Daraufhin milderte
Swami Vivekananda die strikten Regeln etwas ab. Die Swamis taten
sich mit den neuen Regeln außerordentlich schwer, wollten in der Gemeinschaft
ihre eigenen Wege gehen, angestammte Pfade ungern verlassen.
Nachdem Swami Vivekananda gestorben
war, war gegen alle Widerstände die erste soziale Mönchs-Organisation ins Leben
gerufen, die Ramakrishna-Mission. Es war die erste
Organisation, die sich mit Laien außerhalb der Klostermauern befasste, was es
zuvor nicht gab. Die Ramakrishna-Mission
legte großen Wert auf Sozialarbeit: Schulung, medizinische Versorgung, Speisung
der Armen usw. Sie machten eine wundervolle Arbeit. Der Anstoß kam von
Swami Vivekananda, denn mit der
Gesellschaft veränderte sich auch das Leben der
Sannyasins.
Man kann nicht den ganzen Tag meditieren und die Hände in den Schoß legen. Man
muss es einmal ausprobieren! Wenn man immer nur sitzt, kommen irgendwann
tausenderlei Gedanken in den Kopf, auf jeden Fall unerwünschte. Spirituelles
Leben ist wirklich nicht einfach. Aus diesem Grund muss zuerst
Tamas (Trägheit) durch
Rajas (Aktivität) überwunden werden,
und schließlich Rajas durch
Sattva (Licht, Reinheit,
Wirklichkeit). Am Ende muss auch Sattva
durchdrungen werden. Raga (Ablenkung),
dvesha (Abneigung, Hass), karma (Handlungen), krodha (Ärger), lobha (Gier), moha
(Selbstzufriedenheit), matsarya (Eifersucht), irsha (Allmacht), asuya (Hass,
Neid), dambha (Selbstkasteiung), darpa (Stolz) und
ahimkar sind die Begriffe für die
tamasischen Gunas. „Wie kann man mit
diesen Problemen im Kopf meditieren?“ fragte
Swami Sivananda seine Schüler.
Swami Vivekananda ebnete den Weg für diese
Denkweise. Man braucht nicht zu behaupten, man würde meditieren,
Mantra-japa übern. In Wirklichkeit meditiert man nicht, vergeudet
seine Zeit. Warum sollte man nicht Gutes tun, anstatt seine Zeit zu
verschwenden? Es isr besser die Energien auf
gute Taten zu lenken. Übe Rajas!
Sattva bedeutet Meditation. Man kann
nicht direkt von Tamas zu
Sattva gehen, unmöglich! Erst
Rajas, dann
Sattva! Wer sich um Rajas
drückt, macht einen Fehler, erleidet einen Rückfall zu
Tamas. Tamas und Sattva scheinen manchmal ähnlich. Man schläft und
träumt, man würde meditieren.
Meditation sieht wie Schlaf aus und umgekehrt. Man glaubt man wäre weit
fortgeschritten, und doch befindet man sich auf der untersten Stufe. Wenn man
jemand anschubst, erkennt man ihn. Er mag weit fortgeschritten erscheinen, doch
wenn man ihn berührt, erfährt man, was er wirklich ist. Für traditionelle
Vedantins ist Karmayoga
abscheulich, für Bhakti- oder
Jnana-Yogis ebenfalls. Beide hassten
soziale Einmischung in die Gesellschaft, von der sie sich bereits zurückgezogen
hatten. Warum sollte man sich neben dem Dienst an den Guru um die Gesellschaft
kümmern? Das war ihre Argumentation.
Shankaracharya war gegen eine bestimmte Form von
Karmayoga, doch niemand verstand ihn.
‚Sprich nicht über Karmayoga,‘ hieß es bei den Schülern ebenso wie bei den
Philosophen. Beide lehnten Karmayoga ab.
Einerseits ist die Ablehnung verständlich, andererseits ist es realistisch
betrachtet unpraktisch. Man kann nicht zu Gott beten und den ganzen Tag in
voller Hingabe verbringen. Ein Philosoph kann ebenfalls nicht den ganzen Tag
fortwährend bewusst im Absoluten sein. Nichts davon ist möglich. Darum kam es
bei den modernen Lehrern zu den Ergänzungen, alternativen Verfeinerungen.
Karmayoga, sozialer Dienst an die Gesellschaft wird nicht deshalb ausgeübt, weil
man nicht meditieren kann, auch wenn es einer der Gründe sein könnte, sondern
vielmehr um Energien bei positiver Arbeit zu verfeinern und zu kanalisieren.
Obwohl Rajas nicht Sattva ist, so
ist es besser als Tamas. 15 Stunden
Schlaf am Tag ist für niemand gut, besser ist, ein bisschen Dienst am Nächsten.
Was verliert man schon? Man gewinnt eher psychologisch, übt soziales Verhalten,
gewinnt an Spiritualität, wenn man es richtig macht. Heutzutage sind die Ashrams
in dieser Form auf den Mix einer Gesellschaft ausgerichtet, wo es sozialen
Dienst, spirituelles Streben und Meditation gibt.
Die
Einweihung geschieht immer noch auf die gleiche Weise wie zu Zeiten der
Upanishads. Es hat sich nichts geändert, obwohl die Gurus nicht mehr auf eine
zwölfjährige Vorbereitungszeit und Dienst bestehen, auch wenn es heißt, zwölf
Jahre seien notwendig. Die Gurus beobachten ihre Schüler sehr genau und geben
die Einweihung nicht sofort nach Ende der Vorbereitungszeit. Selbst die
Einweihung zum Novizen (Naishtika
Brahmacharya) erfolgt nicht immer sofort wie gewünscht. Es gibt zwei Arten
des Brahmacharya: Upakurvana
und Naishtika Brahmacharya. Naishtika
ist absolutes Brahmacharya. Ein
Upakurvana Brahmacharya lebt bei einem
Guru, studiert die Vedas, heiligen
Schriften usw. und kehrt schließlich zu seinen weltlichen Aufgaben zurück. Dies
gilt nicht für Naishtika Brahmacharyas.
Sie bereiten sich auf den Sannyasa-Orden
vor. Der Unterschied zeigt sich auch
in der Kleidung. Upakurvana Brahmacharyas
sind weiß und Naishtika Brahmacharyas
gelb gekleidet. Nach einigen Jahren werden die Schüler zu ihrem Guru
gerufen, um in den Sannyasa-Orden
eingeweiht zu werden. (Die Einweihung im
Sivananda-Ashram erfolgt an bestimmten Festtagen; Gurupurnima, Maha Sivaratri
etc.)
Nach der Tradition müssen die
Brahmacharyas vor der Einweihung eine Woche oder einen Tag lang fasten. In
der Nacht vor ihrer Einweihung müssen sie wach bleiben. Es wird weder gegessen
noch geschlafen. Kranke und Schwache müssen dieser Prozedur nicht folgen. Doch
die Mindestanforderung bedeutet, einen Tag fasten, eine Nacht wachen und
Gayatri
oder Ishta Mantra singen. -
Diese beiden Arten des Brahmacharya
gibt es noch immer. Eine unterschiedliche Behandlung entsprechend der „Kaste“
(Herkunft) ist heutzutage nicht mehr vorherrschend, doch die Unterscheidung
bzgl. des spirituellen Aspekts sind üblich.
Gayatri Mantra Japa ist zum Beispiel
insbesondere Brahmanas, Kshatriyas Vaishyas
vorbehalten, auch wenn die Gurus nicht
mehr auf dieses Mantra bestehen. Sie
sagen: „Singe die Nacht vor deiner Einweihung dein
Ishta Mantra. Egal, an welche Gottheit
du dich wendest.“ Gayatri
Mantra wird nicht an Frauen
gegeben. Sie singen ihr Ishta Mantra.
Am nächsten Morgen findet ein Bad im kalten Wasser des Ganges, einem Bassin oder
Fluss statt. Der Kandidat wird rasiert. Traditionell lässt man am Hinterkopf ein
kleines Büschel Haare stehen. Danach erfolgt wieder ein Bad in kaltem Wasser.
Jetzt folgt Shraddha. Dies ist eine
Opferhandlung (mit Reisbällchen, Sesam),
verbunden mit einem Trankopfer, Waschung, Mantrasingen für die scheidende Seele
(dies gilt auch für befreite Seelen).
Shraddha
wird in der Regel von
nahen Angehörigen eines Verstorbenen zelebriert. Für Kandidaten des
Sannyasa gibt es ein besonderes
Shraddha, ‚Atma Shraddha‘ genannt. Die
Kandidaten führen diese Zeremonie an sich selbst durch. Der Grund ist: wenn ein
Sannyasin stirbt, wird niemand für ihn
da sein, der diese Zeremonie für seinen toten Körper und seine Seele durchführen
wird. Darum macht er es selbst. „Bevor ich sterbe, reserviere ich schon jetzt
etwas für mich selbst.“ Es ist ein Opfer an den eigenen körperlosen Geist. –
Nach ‚Atma
Shraddha‘ wurde in der Tradition ein
Bad genommen. Heutzutage wird jedoch nur ein Bad genommen. Besonders im Winter
ist es nicht ratsam, mehrmals hintereinander in kaltem Wasser zu baden.
Danach werden die Kandidaten gebeten, sich an ein heiliges Feuer zu setzen. Das
Feuer (Yajna – Opferfeuer) wurde zuvor
nach einem bestimmten Ritual unter Begleitung heiliger Mantras zu diesem Anlass
entzündet. Yajna, das
Opfer zur Befreiung von Rajas
(Leidenschaften) wird von den Kandidaten zelebriert. Danach darf es keine
Leidenschaften, keinen Hass, keine Gier, keine Wünsche, keine persönlichen
Bindungen, keine persönliche Liebe mehr geben, nur universale Liebe.
Die Kandidaten singen Mantras und
opfern dabei ihre Leidenschaften in das Opfer-Feuer, insbesondere Lust, Ärger
und Gier. „Mein Ärger, meine Lust und meine Gier nach Besitz wurden dem heiligen
Feuer geopfert und zu Asche verbrannt.“ Am Schluss opfert der Kandidat seinen
Körper, seine Lebensenergie, Sinne, seinen Intellekt dem Feuer. Schließlich
bleibt nach dieser Ideologie reines Bewusstsein, Geist,
Atman. Befreit von allen Lastern
strahlt der Sannyasin wie Gold.
Nun tritt der Guru in Erscheinung, der
sich zuvor im Hintergrund gehalten hatte, und setzt sich seinem Schüler
gegenüber. Zwischen beiden entsteht eine spirituelle Kommunikation, Seele
spricht mit Seele. Die Einweihung beginnt mit dem Mantra ‚OM‘, viele andere
Mantras folgen, die alle in das Bewusstsein des Schülers einfließen. Das
universale und das individuelle Bewusstsein sind Eins. Der universale
Atman ist Brahman, beide
sind ein und dasselbe.
Der Guru bittet seinen Schüler, sich so zu verhalten, dass alle Menschen und
Tiere ihn fürchten müssen „Von mir wird hiernach keine Furcht mehr ausgehen. Ich
werde weder eine Schlange, noch einen Skorpion oder irgendein anderes Tier töten
oder einen Menschen angreifen. Ich werde selbst durch Worte niemanden
attackieren oder gar verletzen.“ Dies nennt man
Abhaya: wenn man einen
Sannyasin sieht, kann man sich
glücklich schätzen, denn er ist ein Freund.
Sannyasins sind die Freunde aller
Menschen. Sie haben keine Feinde, niemand braucht sich vor ihnen zu fürchten.
Sie werden niemand verletzen oder mit Wörtern kränken. Selbst Tiere fürchten
sich nicht vor fortgeschrittenen
Sannyasins. Vor Sannyasins braucht
sich niemand zu fürchten, sie werden niemanden Furcht einflößen.
Dann verzichtet der Kandidat laut rufend auf die drei Welten: die physische, die
astral und die himmlische Welt. Die physische Welt kann mit den Sinnen erfasst
werden, die Astralwelt und die himmlische Welt dagegen können nicht mit den
Sinnen wahrgenommen werden. Der angehende
Sannyasin will auch kein himmlisches Vergnügen, Darum widerruft er diese
Welten, denn er will damit in keiner Weise verbunden sein. „Ich bin frei von
allen Übeln des Lebens, dem Verlangen nach Sex, Besitz und Ruhm. Dies sind die
Fallen des Sannyasin.
Normalerweise ist niemand wirklich frei von allem. Irgendwann wird er von
irgendeinem Übel heimgesucht. Doch wenn er ein Leben als
Sannyasin führen möchte, muss er von
allen Übeln frei sein. Darum spricht er laut ein Gelöbnis und berührt dabei das
Wasser des Ganges: „Ich werde von diesen Übeln frei sein, den Leidenschaften des
individuellen Seins. Die Sonne ist mein Zeuge.“
Dann sagt der Guru: „Geh, wohin auch
immer du möchtest. gesegnet sei deine Seele, und möge sie zur rechten Zeit
befreit werden.“ In alter Zeit verließ der junge
Sannyasin seinen
Guru und kehrte nicht zurück, ging
nach Norden zu den Himalajas. Heutzutage kommt dies selten vor. Die jungen
Sannyasins möchten bei ihrem Gurus
bleiben, ihm weiter dienen.
Im Laufe der Zeit besteht die Gefahr, dass diese Gelöbnisse vergessen werden,
besonders die drei zuvor erwähnten: Sex, Besitz und Ruhm. Manchmal bedarf es
großer Mühe und ein umfassendes Studium der heiligen Schriften, der
Upanishads etc., um sich zu befreien. - Der Guru sagt: „Wenn du
nicht gehen möchtest, bleib bei mir und studiere die
Upanishads. Meditiere auf die glorreichen Upanishads des Absoluten.
Verbringe so viel Zeit wie möglich mit dem Studium und meditiere auf die
Inhalte, Lehren, und sieh dich selbst als das unbedeutendste Wesen.
Swami Vivekananda veränderte den
Sannyasa-Orden. Die Schüler
Swami Sivanandas hatten den Vorteil, sehr viel über
Swami Vivekananda, seine Methoden, Ideen über
Sannyasa usw. zu erfahren, obwohl sie ihn nie kennengelernt haben.
Swami Sivananda war ein schwieriger
Mensch. Er war nicht weich wie Butter. Er sagte: „Ich bin beides:
Vishnu und
Rudra.“ Vishnu zu sein bedeutet, rücksichtsvoll zu sein, sich zu kümmern.
Rudra bedeutet, jemand ‚nieder‘ machen
wollen (seelisch wie körperlich). Er maßregelte seine Schüler vor allen
Anwesenden, und kurz darauf gab er ihnen einen Apfel. Man konnte ihre
Betroffenheit sehen. Schließlich gab er ihnen eine Apfelsine und schickte sie
zum Mantrasingen. Man kann den Umgang mit seinen Schülern nicht beschreiben.
Diese Dinge sind in keiner Autobiografie nachzulesen, sind nur im Kopf seiner
alten Schüler.
Swamiji Krishnananda kam 1944 in den
Ashram und wusste bereits alles über die Entstehung. Es lebten kaum zwanzig
Leute im Ashram. Swami Sivananda
behandelte Swamiji nicht gut. Swamiji
Krishnananda wunderte sich immer
wieder, warum er im Ashram geblieben ist. Ohne
Swami Sivananda wäre er davongelaufen.
Es war einfach nur schlimm. Die Schüler
Swami Sivanandas mussten viel arbeiten, manchmal 14 Stunden am Tag und
Swamiji
Krishnananda litt unter Asthma.
Swami Sivananda besorgte ihm
Medikamente, doch er musste auch arbeiten.
Swamiji arbeitete in allen Abteilungen. Zu Beginn der 60iger Jahre
arbeiteten fünf Leute in jeder Abteilung. Anfangs musste
Swamiji Krishnananda alle Arbeiten
allein erledigen. Swamiji war in der Abteilung für Mitglieder-Organisation, dem
Monatsmagazin, Vishwanath Mandir und hielt Vorträge.
Swami Sivananda mochte
Swamijis Vorträge. Eines Tages sagte
er: „Heute sprichst du beim Satsang.“ Swamiji Krishnananda
dachte: ‚Worüber soll ich sprechen‘? Doch da half kein Zaudern.
Gurudev Swami Sivananda bestand
darauf, würde sagen: „Sag etwas. Angenommen, du ärgerst dich, dann bist du nicht
in der Lage etwas zu sagen. Und jetzt bringst du kein Wort heraus? Sprichst du
erst nach der Gott-Verwirklichung? Doch du musst jetzt etwas sagen. Nach der
Gott-Verwirklichung musst du nichts sagen, doch jetzt musst du, Halte deinen
Vortrag.“ – Doch wenn Ideen und Sprache ausbleiben, hat man normalerweise ein
Problem. Swami Sivananda war ein
großartiger Trainer.
Swamiji
Krishnananda sagte: „Selbst in
mehreren Leben kann ich meine Schuld gegenüber
Gurudev nicht begleichen. Er hat uns
nicht nur in den Augen der Menschen zu etwas gemacht, sondern auch in unseren
Herzen. Als ich in den Ashram kam fragte er mich: ‚Warum bist du
hierhergekommen‘? Ich antwortete: ‚Ich möchte Yoga studieren‘, und er sagte:
‚Bleib hier bis zu deinem Tode. Ich werde Regierende, Würdenträger, Minister und
Fürsten dazu bringen zu deinen Fußen zu fallen‘. Ich dachte, er macht nur Spaß,
doch seine Worte wurden allmählich wahr.“
Swami Sivanandas Philosophie war ein
Sannyasa der Demut. Der
Sannyasin ist der einfachste und unbedeutendste aller Menschen. Jeder kann
ihn ‚prügeln‘, ohne Gegenwehr erwarten zu müssen. Ein
Sannyasin gehört allen, ist die
unbedeutendste Persönlichkeit, ist der Letzte, den man nach seinen Bedürfnissen
fragt, und der Erste, der anderen Menschen zu Hilfe eilt, wenn es notwendig ist.
Swami Sivananda gab seine
Meditationsmethode gern an andere weiter, wenn sie darum baten. Er sagte:
„Krishnananda Swamiji, kennst du mein
Sadhana (Übung)?“ In späteren Jahren als er nicht mehr in der Lage war zu
gehen, sagte er weiter: „Den ersten Menschen, dem ich morgens begegne, ist die
Reinigungskraft, die mein Bad säubert. Was glaubst du, woran ich dabei denke?
Ich denke nicht an den Menschen, der seit Jahren seinen Dienst tut, sondern
glaube, der HERR ist gekommen. Ich sehe einen der Köpfe der
Virat Purusha (Allseele) in ihm,
opfere eine Blume für seinen Kopf und singe
Mantras, die das kosmische Sein beschreiben. Wie könnte das
kosmische Sein eine Reinigungskraft ausschließen. Er ist Teil des kosmischen
Seins. Siehst du, was ich sehe? Ich sehe in ihm keine Reinigungskraft. Dann
treffe ich den Koch und opfere ebenfalls eine Blume. Dann stehe ich auf, und mir
wird klar, dass ich meine Füße auf Mutter Erde stelle und sage mir: ‚Ich verehre
dich liebe Mutter Erde. Entschuldige, dass ich meine Füße auf deine Brust
setze‘. Dann nehme ich ein Bad, trinke drei Schluck Ganges-Wasser. Warum drei
Schluck? Beim ersten Schluck denke ich: mögen alle gesegnet sein, die diese Welt
verlassen haben. Beim zweiten denke ich, gesegnet seien alle, die auf dieser
Welt sind, und beim dritten Schluck; Befreiung für alle Seelen“.
Man kann dieses Training nicht mit wenigen Sätzen beschreiben. Es war ein
Training über viele Jahre, mit Höhen und Tiefen, sozial wie psychologisch. Doch
man hat das Gefühl, dass er immer noch lebendig ist. Woher kommt sonst die
Kraft, eine derartige Organisation am Laufen zu halten, die so viele Menschen
von überall her anzieht. Die Menschen würden sonst sicherlich woanders hingehen.
Besucher und Anhänger Swami Sivanandas
fragten manchmal: „Woher bekommst du so viel Geld, um diesen Ashram zu
betreiben? Jeden Tag bekommen so viele Menschen zu essen. Woher kommt all das
Geld“? Die schlichte Antwort lautete, dass Spenden von überall herkämen. Doch
manchmal war seine Antwort merkwürdig: „Es tropft wie Regen (Segen) vom Himmel:“
Seine Gedanken waren wunderschön. Er sagte nicht, dass das Geld von Menschen aus
aller Welt gespendet wurde. Manchmal wiesen die Ashram-Bewohner darauf hin, dass
es schwierig sei den Ashram zu managen. Seine Antwort war dann: „Dies ist nicht
euer Ashram. Wer seid ihr denn? Dieser Gedanke muss auch ausgelöscht werden.
Derjenige, der diesen Ashram gegründet hat, managt ihn. Wenn er das nicht
möchte, wird ER es tun. Wo ist euer Problem“? Selbst bei großen Problemen
beruhigte er seine Schüler mit solchen Antworten. Dann gingen alle ihrer Arbeit
nach und alles regelte sich irgendwie von selbst. Er gab immer wieder schlichte
und prosaische Antworten und alle waren beruhigt.
Heutzutage ist der Ashim schuldenfrei, doch damals war es anders. Damals hatte
der Ashram nur geringe Einnahmen und der Schuldenberg wuchs ständig. Es war eine
schlimme Situation. Der Sekretar ging zu
Swami Sivananda und schilderte ihm das Problem. Doch
Swami Sivananda sagte nichts. Stattdessen orderte er bestimmte Dinge
und verschärfte damit die Situation. Die Ladenbesitzer kamen zum Sekretär, um
Geld einzutreiben und gingen nicht zu Swami Sivananda. “Ich lasse kein ausgeglichenes Konto zu, denn
danach folgt die Bindung daran. Ich lasse keinem Cent auf dem Bankkonto, sonst
denkt ihr nur daran. Ich will, dass ihr nicht daran denkt,“ sagte er.
Kurz vor seinem Tod traf er Regelungen, um die Schulden zu begleichen. Das war
ein weiteres Wunder. Nachdem Swami
Sivananda gestorben war, änderte sich die Atmosphäre im Ashram abrupt. Viele
dachten, der Ashram würde schließen, denn wer sollte ihn jetzt leiten? Doch
nichts dergleichen geschah. Einen Monat bevor er starb waren die Schulden
getilgt und er traf alle Vorbereitungen für seine Beerdigung, seine Weihe, das
Essen usw. Hilfe dafür kam von vielen Seiten. Erst als alles geregelt war,
verstarb er.
Dies das Drama eines Lebens als Mönch im Ashram, eines Lebens zur
Gott-Verwirklichung. Genau dies trieb
Swami Sivananda in die Herzen, tief in das Unterbewusstsein seiner Schüler.
Dies ist das Ziel des Lebens. Der erste Satz in all seinen Büchern würde lauten:
„Das Ziel des Lebens ist Gott-Verwirklichung. Dienst an den Menschen, Dienst am
Guru und alles andere dient der Vorbereitung.“ Er hat diesen Satz sehr oft
gebraucht.
Am Ende wird einem klar, dass Gott-Verwirklichung das wirkliche Ziel des Lebens
ist. Nur dieser eine Satz bleibt. Selbst wenn man körperliche, gesellschaftliche
oder finanzielle Probleme hat, bleibt dieser eine Satz bestehen. Das macht alle
froh. Der Geist Gottes ist selbst beim schlimmsten Leiden allgegenwärtig. Dieser
Gedanke verlässt uns niemals. Gott ist groß. Gott segne euch!
Om TAT SAT.