Visionen des Lebens
Vortragsreihe von Swami Krishnananda 1987
bearbeitet von Divya Jyoti
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
Inhaltsverzeichnis:
Die Vision des Lebens und seine Enthüllung
Materialistische und humanistische Vision
Die psychologische und psychoanalytische Vision
Die universale Vision
Die vedische Vision
Die religiöse Vision
Die yogische Vision
Vorwort des Herausgebers
Der vorliegende Text wurde 2005 als Buch in englischer Sprache von Swami Vimalananda, dem Generalsekretär der Divine Life Society veröffentlicht. Die Vorlage entstand aus einer Vortragsreihe, die Swami Krishnananda vom 2. bis 8. August 1987 gehalten hat. Der Inhalt befasst sich mit den verschiedenen Aspekten bzw. Sichtweisen des Lebens. Das erste Kapitel hat Swami Krishnananda noch selbst korrigiert, als feststand, dass dieser Text im Jahre 2001 hätte veröffentlicht werden sollen. Doch es kam anders, denn Swamiji Krishnananda verstarb im November 2001. Darum konnte das Original „The Vision of Life“ erst im Jahr 2005 erscheinen.
Die Vision des Lebens und seine Enthüllung
Im täglichen Leben besteht wenig Gelegenheit, mit dem eigenen Selbst allein zu sein und genügend Zeit dafür zu haben darüber nachzudenken, wie man sein Leben gestaltet oder wie man überhaupt leben sollte bzw. möchte. Man wird Tag und Nacht eher spontan getrieben, was unter der Bezeichnung einer sinnvollen Existenz abläuft. Es ist jedoch offensichtlich, dass diese Art zu leben, nicht viel Zeit für eine Vernunft übrig lässt. Man spürt den täglichen Druck, dem man sich nur für wenige Minuten entziehen und nutzen kann, um das eigene Leben unter die Lupe zu nehmen oder zu hinterfragen.
Doch irgendwann fühlt man sich gezwungen, über seine Lebensumstände nachzudenken, doch die Richtung ist unbestimmt. Dennoch dieses Überdenken der Lebenssituation scheint ein Grundbedürfnis im Leben zu sein, das tief im Menschen verankert ist und irgendwann an die Oberfläche kommt.
Man fühlt sich offenbar nicht wohl, wenn man ein Leben lebt, das im Gegensatz zu dem steht, was man in Wirklichkeit ist, auch wenn man nicht weiß, wer oder was man ist. Was man ist, bleibt jedoch eine unwiderlegbare Tatsache und besteht in der individuellen Selbstbehauptung, obwohl man sich dieser Selbstbehauptung im Unterbewusstsein im Klaren ist. Diese Selbstbehauptung ist so unmittelbar mit der eigenen Existenz verbunden, dass sie nicht zur bewussten Betrachtung oder Untersuchung auffordert oder einlädt, sie bedarf auch keines besonderen Beweises.
Man lebt mit einer Art von Vorsorge von dem, was man erreichen möchte. Bei dieser Vision handelt es sich nicht notwendigerweise um anspruchsvolle Strukturen mit intellektuellen Vorsätzen, sondern sie entspringen vielmehr einer gewissen Spontaneität. Man selbst ist ein einfaches unteilbares Element, nicht sonderlich kompliziert. Eigentlich ist der Mensch nur ein aus verschiedenen Zutaten zusammengesetztes Element. Der menschliche Körper besteht aus anatomischen und physiologischen Elementen, doch im Wesen ist er recht einfach aufgebaut.
Insoweit wie diese grundlegenden, unteilbaren und simplen Elemente einfach zu sein scheinen, so ist auch der Mensch, bezogen auf die äußeren Umstände, in seinen spontanen Aktionen und Reaktionen als einfach zu betrachten. Diese spontanen Reaktionen, mit denen Menschen in reiner Einfachheit an den Wurzeln ihres Daseins agieren oder reagieren, sind die realen Sichtweisen, die sie auf die Dinge haben. Diese Form des spontanen Denkens darf man nicht mit den logischen Denkprozessen in einen Topf werfen, mit denen Häuser, Brücken oder sonstiges von Ingenieuren, Architekten usw. konstruiert werden.
Die Tatsache, dass der Mensch im Grunde einfach und kein Bündel komplizierter Elemente ist, vereinfacht das Leben ein wenig, wenn die äußeren Einflüsse ihn zu beherrschen drohen. Doch solche Situationen sind Gott sei Dank selten. Nur wenige mögen den Druck oder Zwang im Leben derartig intensiv empfinden, sodass sie sich völlig übermannt fühlen. Solche Extremsituationen kann einen Menschen derart in eine Ecke treiben, sodass er in sich geht und fühlt, dass er am Ende nichts weiter außer sich selbst benötigt. Dieses sollte nur eine Illustration der Bedingung sein, wann man in sich selbst geht.
Wer nicht in sich selbst geht, kann diese Position im praktischen, modernen Leben nicht so ohne weiteres akzeptieren. Meistens ist man etwas Anderes als man wirklich ist. Man geht seinen Geschäften nach, von morgens bis abends, und ist in ein äußeres Umfeld im Gegensatz zum eigenen Selbst engagiert. Man ist in einem sonderbaren Netz von Geschäftigkeit involviert, was für den Menschen nichts weiter als ein Einstieg in die zusammenhängende Atmosphäre der Welt vieler Dinge bedeutet, d.h. physikalisch, sozial, politisch usw.
Jeder ist gezwungen, praktisch etwas anderes zu sein als das, was er in Wirklichkeit ist. Der Mensch muss aus sich herausgehen, um seinen Geschäften nachzugehen. Womit sollte man sich sonst beschäftigen? Die Beschäftigung ist die so genannte Einbindung in etwas, was man nicht selbst ist. Wenn man so etwas hört, ist das sicherlich schockierend, nämlich wenn diese Beschäftigung, dieses Abenteuer des Lebens, eine Einbindung in etwas ist, das man nicht selbst ist. Egal, ob man nun darüber glücklich ist oder nicht. Dieses ist eine Tatsache! Und diese besondere Situation, die den Menschen Tag für Tag in eine Form einer zusammenhängenden Struktur einer äußeren Welt hineinbringt, ist das Dilemma des wahren Lebens, das den Menschen in ständige Angst versetzt.
Angst erhebt sich, weil der Mensch von seiner eigenen Natur entfremdet wird. Man muss ständig auf der Hut sein, um mit den Bedingungen, die draußen in der Welt herrschen, zu Recht zu kommen. Warum hat man so viel Angst? Angst erhebt sich aufgrund des eigenen wahren Seins, das ein einfaches spontanes Wissen ist, das sich von den Sinnesorganen unterscheidet, und das in einem Morast von Zwängen und Arbeit gefangen ist, was nicht mit dem eigenen Selbst in Einklang steht. Wenn der Menschen bedingungslos mit sich allein wäre, wenn er Zeit für sich selbst hätte, wäre er nicht Tag für Tag so begierig in seinen Geschäften der Welt involviert und würde diese Szenerie der Bindungen mithilfe von Zufriedenheit verwerfen, die man glaubt aus den Aktivitäten zu gewinnen.
Wie kann man zufrieden sein, wie kann man geistigen Frieden finden, was kann man überhaupt erwarten, wenn man ständig in verschiedene Situationen mit unterschiedlichen Bedingungen verwickelt ist, die mehr oder weniger auf den Menschen einwirken, durch die man zu einem hohen Prozentsatz nur verliert und vollständig zu einem anderen Menschen wird? Künstlich verändert man sich in etwas, das nichts mehr mit der ursprünglichen Persönlichkeit zu tun hat. Diese Form des Lebens entfremdet, wenn man sich in seinen Aktivitäten nur nach außen auf die Welt richtet.
Doch man muss auch zugeben, obwohl man sich nach außen hin scheinbar verliert, dass man sich nicht wirklich verlieren kann. Sich vollständig zu verlieren, ist unmöglich. Man kann nicht etwas Anderes sein als man ist, obwohl es scheint, man würde ständig anders handeln. Ständig wird man in etwas Anderes verändert als man ist. Und doch gibt es in einem selbst eine unveränderbare Wurzel, die nicht völlig in etwas Anderes verändert werden kann und damit letztendlich aufhören würde zu existieren.
Mann kann sich nicht völlig auflösen. Äußerlich ist es scheinbar möglich, oberflächlich, und gilt nur für Emotionen, gesellschaftliche Einbindung usw. Das berührt aber nicht den Kern. Wenn die Einbindung in Dinge, die Teilnahme am Weltlichen, völlig real wäre, gäbe es kein entrinnen. Wenn man sich durch seine Aktivitäten im Weltlichen absolut verändern würde, wäre es wie ein Ausverkauf seines eigenen Selbst. Man würde zum Diener der äußeren Natur. Wenn es wirklich so wäre, dann könnte man überhaupt keine Freiheit oder Befreiung im Leben erwarten. Die Befreiung wäre einfach unvorstellbar und unerreichbar weit entfernt.
Doch das individuelle Bemühen frei zu sein, das Streben nach Vollkommenheit und ständige Rütteln an den Grenzen des Lebens, ist ein Beweis für die Basiskräfte im Menschen. Im Inneren des Menschen befindet sich eine schier grenzenlose Kraft, die unaufhörlich brodelt, um sich explosionsartig, wie eine Feuersbrunst, in ihre wirkliche Dimension auszudehnen, doch sie wird durch den täglichen Druck auf diese Körperhülle und ihre physischen Verbindungen daran gehindert.
Dieses etwas, was man ist, was auch immer es ist, ist das ‚Ich’, das auf die Welt blickt. Die Aktivitäten des ‚Ichs’, das ein Bewusstsein der Atmosphäre hat, in die es platziert ist, sind seine Visionen, seine Sichtfelder. Im Menschen ist ein Wissen von den Dingen, die um ihn herum existieren. Er sieht Dinge und handelt dann. Er, d.h. das ‚Ich’ denkt, bevor es sich in ein Abenteuer stürzt, wobei es häufig überhastet handelt; und obwohl das ‚Ich’ übermotiviert zu Werke geht, erkennt es plötzlich, dass es teilweise schon zuvor bei einer ähnlichen Angelegenheit zu einer näheren Betrachtung gekommen war.
Man befindet sich immer am Ende einer Handlungskette, selbst wenn sie spontan oder unerwartet kommt, denn selbst dringende Handlungen sind Prozesse in der Zeit. Man ist sich der Zeit und der Zeitprozesse bewusst, und darum kann man nicht ‚rechtzeitig’ sein. Vorübergehende Handlungen, selbst wenn diese schnell, spontan oder plötzlich kommen, sind bezogen auf das eigene Selbstsein nachgelagert, da das Selbstsein bei allen Handlungen vorrangig in Bezug auf das Handeln, Betrachten, Denken und Sehen ist, und darum ist es zeitlos.
Normalerweise ist des Menschen Sichtweise der Dinge physikalisch oder gesellschaftlich ausgerichtet. Vielleicht verfügt man über ein kleines Stück Land, ein wenig Geld, besitzt ein Haus, Familie – das hauptsächliche Umfeld – Besitz, was der Materie zuzuordnen ist, oder Beziehungen, die man gesellschaftlich einordnen muss. Dieses ist das Minimum, was den Menschen erwartet, und selbst, wenn der Umfang zunimmt, so handelt es sich nur um eine quantitative Vervielfachung der zuvor genannten Aufgaben. Angenommen man wäre Herr der ganzen Erde, so bleibt es dennoch nur eine Ausdehnung der zuvor erwähnten Basisaufgaben.
Dieses ist die unvollständige Vision einer falschen, unausgereiften Konstitution der nach außen gerichteten menschlichen Persönlichkeit, die, entsprechend den Anforderungen, körperlich und gesellschaftlich gebunden zu sein scheint. Aufgrund dieser angestammten Verhaltensweisen, befasst man sich beinahe ausschließlich mit den äußeren Dingen des Lebens, andere Sichtweisen werden ausgeschlossen. Man geht mit der Überzeugung zu Werke, dass man nur Körper ist, und die Bedürfnisse nur den Körper betreffen. Man glaubt, es gäbe keine anderen Bedürfnisse, obwohl man gelegentlich durch den Einfluss natürlicher Umstände eines anderen belehrt wird.
Seher und Philosophen haben die Geschichte des menschlichen Denkens über einen langen Zeitraum betrachtet und kamen zu dem Schluss, dass die Menschen ihr Leben weitestgehend in Respekt zur äußeren Welt einrichten. Die Menschen leben in einer Welt. Die Bedeutung des Wortes ‚Welt’ scheint so klar, dass man nicht über irgendwelche Einflüsse nachdenkt. Erde, Himmel, Sonne, Mond und Sterne, Flora, Fauna usw. sind die Welt. Dieses ist die Vorstellung von dem, was man Leben und Welt nennt. Doch in Wirklichkeit existiert noch etwas mehr als man sich vielleicht vorstellt. Vielleicht ist zum Beispiel die Erde nicht nur eine feste Masse von Materie. Das Gleiche betrifft die Sterne am Himmel. Da muss es noch etwas Anderes im Leben geben. Das Verstehen des Lebens ist die Vision/ Sichtweise des Lebens, und beides verändert sich in ihrer Intensität, ihrer Qualität, ihrer Quantität und ihrer Beziehung zu den Umständen folgender Faktoren, wie z.B. der Anthropologie, Ethik, Geographie, Geschichte, Kultur, Sprache, Religion, Wirtschaft, Gesellschaft usw. Es gibt für alle Menschen keine allgemein gültige Wahrnehmung der Dinge, die auf alle Situationen oder Lebensumstände gleichermaßen zutrifft und dieselbe Reaktion bei allen Menschen im Denkorgan, Bewusstsein usw. hervorruft. Es ist allgemein bekannt, dass weder irgendwelche Lebewesen noch Menschen auf Grund des Evolutionsprozesses einander gleichen. Darum wäre es falsch, gleiche Lebenseinstellungen und noch viel weniger ein gleiches Verständnis der Dinge zu erwarten.
Ist es nicht sinnvoller, sich zu Lebzeiten mit dem menschlichen Dasein zu befassen, als mit dem weiten Umfeld aller Lebewesen? Sieht man nicht die Vielzahl verschiedener Menschen? Es gibt so viele verschiedene Menschen und deren Qualitäten, Denkweisen, psychischen Reaktionen in Bezug auf die äußeren Bedingungen und deren Streben nach einem besseren Leben.
Bei einigen Menschen ist das Streben nach Höherem derart tief verborgen, sodass es nicht mehr erkannt werden kann. Vielleicht verhält es sich wie ein Stein, der kein Bewusstsein vom Jenseits hat. Doch selbst in der Pflanzenwelt kann man eine Art von Streben nach einem Jenseits erkennen, obwohl nicht so klar ausgeprägt, wie auf menschlicher Ebene. Pflanzen versuchen über sich selbst hinaus zu wachsen, und bemühen sich auf bestmögliche Weise selbst durch Ausnutzung anderer Verwandtschaften zu existieren. Der Wunsch zu überleben, indem man gegenwärtige Bedingungen überwindet, kann man selbst in einfachsten Formen der Pflanzenwelt erkennen.
Man kann auf verschiedenen menschlichen Ebenen unterschiedliche Arten von Visionen erkennen, die aus ihrer Sicht gerechtfertigt zu sein scheinen. Die Art der jeweiligen Vision, der man folgt, entspricht der Persönlichkeit, und diese adäquate Vision hindert daran, mit anderen Menschen harmonisch oder kooperativ umzugehen, denn jeder Mensch verhält sich nur gegenüber sich selbst/ seiner Sichtweise in angemessener Art und Weise. Eine Notwendigkeit zur Kooperation entsteht nur, weil man innerlich eine Art Unangemessenheit spürt. Wer sich innerlich im Einklang fühlt, empfindet keine Notwendigkeit für eine äußere Betrachtung. Wenn eine bestimmte Lebenseinstellung dazu führt, dass man sich selbst genug ist und glaubt, keine Kontakte nach außen pflegen zu müssen, kann diese Vision zu Fanatismus führen. Die Konflikte, die man im Leben beobachten kann, und die man so sehr verabscheut, scheinen offensichtlich unvermeidbar zu sein, wenn man akzeptiert, dass es diverse Ebenen im Evolutionsprozess gibt und eine gleiche Sicht der Dinge nicht möglich ist. Das liegt daran, dass eine Evolutionsebene, die sich von anderen derart weit entfernt hat, nur schwer in der Lage ist, mit anderen zu kooperieren. Je näher man einem anderen Standpunkt kommt, desto größer ist die Chance, sich einer anderen Sichtweise anzugleichen, sodass man miteinander kooperieren und friedlich miteinander leben kann. Doch wenn man an seiner eigenen Lebenseinstellung bzw. Philosophie des Lebens klebt, mit ‚meine Vision ist von deiner weit entfernt’ argumentiert, als würden zwei völlig verschiedene Welten aufeinander treffen, und einander nicht zuhört, wird man niemals zusammenkommen. Gesellschaftliche Konflikte, Reibungen im täglichen Miteinander treten zutage, weil unterschiedliche Lebenseinstellungen nicht toleriert werden, und weil viele Menschen unfähig zu sein scheinen, andere Vorstellungen über die Dinge zu akzeptieren, und das nur, weil man glaubt, man sei sich selbst genug oder der eigene Weg ist der einzig richtige! Mit solch einer Sichtweise, solch einer Weltanschauung, ist man in sich selbst, im eigenen Kokon, gefangen und diese harte Schale der ‚Ich-Nuss’ kann nur durch erlebtes Elend geknackt werden.
Je tiefer man auf der Evolutionsleiter steht, desto gröber ist die Vision der Dinge, desto selbstsüchtiger erscheint sie und entsprechend eingeschränkter erscheint diese Lebensphilosophie. Die menschliche Natur offenbart die inneren Fähigkeiten entsprechend ihres Evolutionsgrades, indem sie umfangreichere Lebensvisionen unterhält, die nicht nur all die vorherigen Evolutionsstufen beinhaltet, sondern auch die Möglichkeit einer höheren Sichtweise zulässt, womit sie sehr leicht innerlich auch einer höheren Vernunft Platz bieten kann.
Der Verstand ist ein besonderes inneres Instrument, das sich nicht nur in der Lage sieht, niedere Naturelemente zu verwandeln, die er überwunden hat, sondern die er auch durch seine logische Einmischung in seine Betrachtung mit einbeziehen kann, selbst bei Lebensbereichen, die er bisher weder erreicht hat noch mit denen er bisher konfrontiert wurde, doch die er aus gegebenen Anlass für sich selbst zur Einmischung, Ableitung für die Schlussfolgerung als notwendig erachtet.
Diese Art logischer Prozesse, die zu Konsequenzen eines gegenwärtigen Standpunktes führen, ist ein Privileg von bestimmten Evolutionsstufen und nicht auf allen Ebenen möglich. Es heißt, dass solche Fähigkeiten zur Erschließung von Konsequenzen, durch die Einbeziehung bestehender Konditionen, nicht für niedere Naturen möglich seien. Eine gewisse Logik findet man selbst in der Pflanzen- und Tierwelt. Sie verfügen über ein Verstehen der Dinge im unmittelbaren Umfeld, was sich im Allgemeinen durch instinktives Handeln ausdrückt; dennoch ist es auch eine Art von Logik. Doch den Begriff ‚Logik’ benutzt man für eine bestimmte Art von Bewusstsein, ein Verstehen, und der Fähigkeit zu erschließen, was man nur mit dem menschlichen Sein verbindet.
Ein wahrer Mensch ist nicht nur Zweifüßler; man kann nicht behaupten, dass eine Person voll und ganz Mensch sei, nur weil er über alle biologischen Features verfügt, die ein menschliches Wesen ausmachen. Mensch zu sein bedeutet nicht nur, dass man anatomisch ein Mensch ist, sondern in der Lage ist, innerlich jene Qualitäten zu offenbaren, die einen Menschen ausmachen. Jeder hat bestimmte Vorstellungen über menschliche Qualitäten. Daneben gibt es die Notwendigkeit andere so zu behandeln, wie man selbst gern behandelt werden möchte. Man sollte anderen die gleiche Aufmerksamkeit schenken, wie man möchte, dass man sie selbst erfährt, was man von aufrichtigen Menschen erwarten kann. Neben dem sozialen Aspekt im Menschen gibt es noch etwas Anderes, d.h. die Logik innerer Nähe. Dieses ist eine höhere menschliche Natur, ein Segen für die Natur des Menschen, den er durch die Vorsehung im Evolutionsprozess empfangen hat.
Der Mensch hat die Fähigkeit sich in alles und jedes einzubringen, wenn man sich aufgrund höherer Vernunft darin übt, in Demut gesegnet zu werden. Meistens jedoch verbannt der Mensch diese höhere Vernunft ins Unterbewusstsein, unterdrückt sie, obwohl selbst Pflanzen und Tiere in ihrer Natur instinktiv einen Drang danach haben. Wenn man sich eingesteht, dass das Leben alles einschließt, d.h. von den niederen bis zu den höheren Ebenen des menschlichen Lebens, das z.B. ein Baum anfangs nur aus einem Samenkorn besteht, dann muss man aber auch akzeptieren, dass sich in einem Baum bis zu einem gewissen Grad die Saat erahnen lässt, aus dem diese Baumstruktur hervorgegangen ist, auch wenn man sie im Baum nicht wirklich sieht. Man sieht nur den Baum, sein weit ausladendes Geäst, das den gesamten Baum ausmacht, doch seine Saat, die im Baum nicht sichtbar ist, verleiht ihm in jeder Faser das Gefühl, ein Baum zu sein, was man bei reiner Analyse akzeptieren muss.
Auf ähnliche Weise ist unser gegenwärtiges Leben nicht völlig frei von den vorhergehenden Bedingungen früherer Lebensformen, die die menschliche Evolution durchlaufen hat. Auf diese Weise kann auch die heutige menschliche Sichtweise der Dinge ebenfalls durch frühere Visionen gefärbt sein, die vielleicht selbstsüchtig, fanatisch, ungehobelt und animalisch anmuten mögen. Die Gegenwart dieser Reste früherer Entwicklungsstufen des heutigen Menschen lässt ihn manchmal unmenschlich erscheinen. Wenn bei einzelnen Menschen derartige Reste aus alten menschlichen Entwicklungsstufen verblieben sind, kann man diese Menschen nicht als vollwertige Menschen bezeichnen. Es ist wie ein subtiler Rest von Krankheit in einem offenbar gesunden Körper. „Mir geht es gut,“ heißt es manchmal, und doch ist derjenige nicht völlig gesund, denn es gibt noch einen kleinen Rest, der die Krankheit wieder ausbrechen lassen könnte.
Ein wirklicher Mensch ist nicht jene bestimmte Persönlichkeit, die immer noch Reste früherer Entwicklungsstufen in sich trägt, die er durchlaufen oder überwunden hat, denn man kann nicht immer Mensch sein, auch wenn man manchmal Mensch ist. Wenn die so genannten nicht-menschlichen Elemente aus früheren Stufen im gegenwärtigen menschlichen Dasein unterbewusst noch bestehen, wer hätte dann eine korrekte Sichtweise der Dinge? Ein Mensch, der wirklich Mensch ist, dürfte keine Charakterzüge aus früheren Entwicklungsstufen mehr aufweisen.
Jeglicher Fanatismus, sei er philosophisch, ideologisch, religiös, gesellschaftlich, familiär, politisch oder kommunal begründet, gehört nicht zur menschlichen Natur. Welcher Natur dieser Instinkt des Festhaltens an die eigene Position sein mag, ungeachtet dessen, welche Position andere einnehmen, um welchen Standpunkt es immer gehen mang, er bleibt für das menschliche Dasein ungerechtfertigt.
Wie bereits erwähnt, dieses besondere Instrument, das als der höherer Verstand gesehen wird, ist eine Verbindung zwischen der gegenwärtigen menschlichen Sichtweise der Dinge und der Möglichkeit anderer Visionen, die man durch Einmischung in die gegenwärtig vorherrschenden Bedingungen als Vorstellung entwickeln kann. Man kann nicht nach Höherem streben, wenn eine logische Ableitung unmöglich erscheint, denn dieses Streben ist nichts weiter als ein Hinterfragen nach etwas, was man derzeit nicht hat, doch in Zukunft haben könnte. Die Möglichkeit, in der Zukunft etwas zu erreichen, was man derzeit nicht hat, kann nur durch ein Ableiten durch die Einmischung in die gegenwärtigen Bedingungen gerechtfertigt werden, Dieses ist die Wirkungsweise einer höheren Vernunft. Ein niederer Verstand hingegen rationalisiert lediglich den instinktiven Prozess. In der Psychoanalyse kennt man den Begriff ‚Rationalisierung’, wobei es nur um das logische Argumentieren derzeitiger Bedingungen geht, denen man angeblich wegen der Instinkte unterworfen sei.
Doch die höhere Vernunft ist etwas völlig Anderes. Sie strebt, - sie rechtfertigt nicht nur. Sie erhebt sich über sich selbst in die Möglichkeit, etwas Höheres zu erreichen. Doch dieses Höhere ist weit von dem Jetzigen entfernt, und nur durch Einmischung vorstellbar, und auch nur logisch und nicht praktisch. Wenn man sich sicher ist, wirklich Mensch zu sein, dann würde man auch argumentativ erkennen, inwieweit es möglich ist, eine höhere Zukunft im Leben zu erreichen, die die gegenwärtige Situation bei weitem übersteigt.
Die philosophische oder spirituelle Vision des Lebens beruht auf einem Akt der Vernunft. Es ist jedem selbst überlassen, wie er die Dinge sehen möchte, und wie weit für ihn vollkommenes menschliches Leben geht. Niemand kann sich auf Grund eines Rests von irrationaler Natur den ganzen Tag über ausschließlich als Mensch verhalten. Die höhere Vernunft steht zwischen der niederen und der höheren Welt, zwischen der Welt der Erfahrungen durch die Sinne und der Welt reiner Intuitionen. Die höhere Vernunft, der reine Verstand, die Möglichkeit menschlichen Urteilsvermögens, befindet sich zwischen der sichtbaren Welt und der Welt, die man unmittelbar ohne die Sinne berührt, d.h. intuitiv.
Es heißt, man sei ein spiritueller Sucher, Schüler eines Gurus, Anhänger des großen Meisters Swami Sivanandaji Maharaj und Heiligen usw. Was soviel bedeutet, dass man ein wirklicher Mensch ist, weil man sich selbst als spirituellen Sucher sieht, sich entsprechend einschätzt, akzeptiert, ansonsten könnte man nicht göttlich sein. Im Evolutionsprozess gibt es keine zweigleisige, sondern immer nur eine schrittweise Entwicklung, wobei jede Stufe auf die vorherige aufbaut. Man wird kaum mehrere Stufen auf einmal nehmen können.
Als spiritueller Sucher ist man überzeugt, dass die höhere Vernunft in einem wirkt. Man ist sich der Gegenwart von etwas Höherem, das über der Welt steht, bewusst. Man hat eine Vision, die nicht von dieser Welt ist. Wenn man keine derartige Vision hätte, würde man nicht in einen Ashram gehen, um dort zu meditieren oder einen Guru und Meister aufsuchen. Man wäre völlig mit seinem Umfeld, Familie, Beruf, Haus und Hof zufrieden. Doch niemand, der bewusst einen Ashram aufsucht, ist wirklich zufrieden, denn die höhere Vernunft wirkt im Menschen und lässt ihn fühlen, dass es noch etwas Anderes gibt.
Die Welt ist nicht genau so, wie sie für die Sinne erscheinen mag. Die Vision befähigt den Sucher zu transzendieren, über sich selbst hinauszuwachsen. Die Vernunft macht gleichzeitig die niedere Natur sichtbar, die der Sucher überwunden hat, und die höhere Vernunft, die es zu erreichen gilt. Diese Vernunft ist wie ein Körper mit zwei Beinen. Das eine Bein ist die Ebene, die sie überwunden hat, das andere Bein weist in die Zukunft, zeigt jene Vision, jene Möglichkeit einer neuen Erfahrung.
Auf diese Weise beschreitet das menschliche Leben einen Mittelweg zwischen dem Niederen und dem Höheren. Manchmal erfährt man sarkastisch oder poetisch, wer oder was man ist, d.h. beides, nämlich Gott und Teufel zugleich. Der Teufel im Menschen ist auf Grund der Gegenwart niederer Elemente, und der Gott im Menschen ist auf Grund dessen, was sich über ihm befindet. Doch niemand ist ein Teufel, da kann jeder sicher sein. Wer teuflische Elemente in sich trägt, würde weder einen Ashram noch einen Guru und Meister aufsuchen, um ihn um Hilfe zu bitten, oder würde nach etwas Höherem streben. Niemand, der sich mit diesem Text beschäftigt, kann von teuflischer Natur sein. Es gibt ein Element des Göttlichen in jedem Menschen, nur man muss den ersten Schritt machen, um sich in Richtung auf die höhere Vernunft zu überwinden. Man bewegt sich auf Grund einer inneren Vision, eines intuitiven Zugreifens, auf einer Linie hin zu einer völligen Vereinigung mit einer Welt, die jenseits des Weltlichen ist.
Materialistische und humanistische Vision
Ein lebender Organismus kann nur überleben, weil er in der Lage ist, seine Umgebung anzunehmen. Dieses Annehmen liegt in der Natur des Organismus als Vision des Lebens. Dieses Sichtbarmachen der Atmosphäre des Lebens ist die Philosophie des Lebens. In der Geschichte der Philosophie gibt es eine Vielzahl solcher Bedingungen, Visionen, Sichtweisen. Diese enorme Zahl der Standpunkte kann nur dort in der Form angenommen werden, wo man die Struktur seines Umfeldes, seiner Umwelt, näher untersuchen kann.
Jeder hat eine allgemeine Sicht der Dinge, um sein Leben so gut es geht einzurichten. Man möchte weder Schmerz noch gesellschaftliche Abneigung oder politische Unsicherheit erleben, was als Einstellung zum physischen Umfeld des Lebens empfunden wird. Wer völlig auf diese Einstellung eines annehmlichen Lebens und physische Zufriedenheit begrenzt ist, wer nur auf Besitz, Geld oder seine gesellschaftliche Stellung achtet und dessen Vision des Lebens nur auf diese Dinge beschränkt ist, kann als Materialist betrachtet werden. Doch Materialismus ist nicht ausschließlich eine Philosophie vom angenehmen Leben, sondern in sich eine besondere Vision des Lebens, und ob sie die erwünschten Annehmlichkeiten hervorbringt steht auf einem ganz anderen Blatt.
Die Grundfrage betrifft die Vision, die Vorstellung, die Idee und die Ausdehnung der charakteristischen Wirklichkeit, die man in der gegenwärtigen Sichtweise wahrnimmt. Jedem ist der Begriff ‚Materialismus’ bekannt. Wie erwähnt, sollte man diesen Begriff nicht nur in Verbindung mit Geld, Besitz usw. sehen, denn Materialismus ist eine Philosophie. Es ist eine Vision des Lebens, die alles das, was nicht fühlbar oder spürbar ist, als unbekannt ausschließt. Etwas, was völlig unbekannt ist, braucht nicht als existent bestätigt zu werden, denn die Existenz eines bestimmten Objektes ist mit dem Umfang des Wissens über das Objekt verbunden.
Die Welt existiert, ein Objekt ebenfalls, dieses oder jenes existiert. Diese Aussage hat nur insoweit einen Wert, wenn mit dem wahrgenommenen Element Wissen verbunden ist, da ein vollkommen unbekanntes Objekt nicht in Betracht kommen kann. Ein Objekt ist nur insoweit existent, wie es das Wissen darüber zulässt. Doch wodurch fühlt man sich in die Lage versetzt zu bestätigen, dass etwas existiert, wenn es völlig unbekannt ist und auch nicht bekannt sein könnte? Das einzige, wessen man sich scheinbar sicher sein kann, ist das, was man mit eigenen Augen sieht, was man berührt bzw. mit den Sinnesorganen in irgendeiner Form wahrnimmt.
Die erwähnten Sinne, die mit irgendetwas in Kontakt kommen, sind in besonderer Weise berührt. Mit dieser Empfindung werden materielle Objekte betrachtet. Wann immer man etwas sieht, handelt es sich um etwas Konkretes, dasselbe gilt für das Hören, Riechen, Schmecken oder Berühren. Eine Substanz, etwas Konkretes oder vielmehr etwas Materielles muss vorhanden sein, wenn die Sinne etwas wahrnehmen sollen, mit denen sie in Berührung kommen. Insoweit wie man nur diese Form der Erkenntnis oder Wahrnehmung zur Verfügung hat und keine andere Kontaktaufnahme, begrenzt durch die Sinne, möglich ist, bleibt man in seinem Weltbild nur auf diese Sinneswahrnehmungen der materiellen Welt beschränkt und die Einbeziehung der Existenz darüber hinaus gehender Substanzen wäre eine ungerechtfertigte Annahme, vollkommen theoretisch und unhaltbar.
Diese Vision der Betrachtung, Substanzen als einzige Wirklichkeit, Materie als Essenz der wahren Existenz zu sehen, findet in ihrem philosophischen Repertoire dieser Verfechter subtile Argumentationsebenen und kuriose Methoden der Beweisführung. Mit dieser Doktrin wird versucht, eine vollkommene Sichtweise des Lebens zu bekommen, andere Ideen über das Leben in dieser Welt werden ausgeschlossen. Die Argumentation, dass die Existenz der materiellen Welt durch ein Wissens-Subjekt bestätigt werden muss, wird einfach beiseite geschoben. Doch von Materie kann nur gesprochen werden, wenn sie durch ein solches Wissens-Subjekt in der Materie, verbunden mit einem Erkenntnis-Prozess, begriffen wird. Nur dadurch bekommt man einen Eindruck von einer unabhängigen Existenz und einer Bewertung der Materie. Das gesamte astronomische Universum ist in seiner Natur materiell, und das ganze Wissen seines Seins ist Teil seines Wirkens und Bestandteil dieser Materie. Aktive Wellenbewegungen auf einem Gewässer sind untrennbar mit dem eigentlichen Gewässer verbunden. Das gilt auch für alle Aktivitäten des Wissens; auch sie können nicht isoliert und als etwas Äußerliches, Unabhängiges vom Körper der Materie, unabhängig vom physischen Universum gesehen werden.
Dieses ist ein interessanter Standpunkt, außerordentlich befriedigend für den gesunden Menschverstand. Die materialistische Doktrin hat heutzutage derartige Höhen erreicht, dass sie ihre Bezeichnung verändert und einen neuen Namen angenommen hat, d.h. wissenschaftlicher Materialismus. Das Wort ‚Wissenschaft’ wirkt auf Grund der Präzision und der Unfehlbarkeit ihrer Prozeduren verzaubernd, sodass sich nur wenige dieser Umklammerung entziehen können. Die wissenschaftliche Untermauerung des Materialismus entspringt der historischen Entwicklung hinsichtlich der Untersuchung des Inneren von Materie, obwohl es den Materialisten früher ausreichte, wenn Substanzen, wie Erde, Wasser, Feuer oder Luft spürbar waren, um sie so als Materie zu akzeptieren.
Einer Vielzahl von Denkern des Materialismus war es möglich, die Vorgänge aus dem Inneren der Materie zu beobachten, denn es erfordert wenig Zeit, um zu erkennen, dass jeder materielle Körper zu kleinen Staubkörnchen und zu noch feineren Elemente reduziert werden kann, sodass diese mit dem bloßen Auge kaum noch sichtbar sind. Man kann sie eigentlich nicht mehr als Sinnesobjekte bezeichnen, und doch handelt es sich immer noch um Materie. An dieser Stelle liegt der wissenschaftliche Aspekt der Materie-Doktrin verborgen. Ursprünglich dachte man, dass Materie alles das ist, was man berühren, schmecken, riechen usw. kann, doch ein Fortschritt im Konzept der wahren Natur der Materie kam zu feineren Schlussfolgerungen. Materialismus wurde zu einer fortschrittlichen Philosophie, was nahezu alle Menschen in der Welt zufrieden stellte und stellt. Materie muss nicht notwendigerweise berührbar, fest, konkret wie ein Stein sein, sondern man kam zu dem Schluss, dass Materie alles sein kann, was als Subjekt bekannt ist. Jeder erkannte Inhalt ist Materie. Selbst lediglich konzeptionell bekannte Dinge sollten als Materie angenommen werden, selbst wenn sie nicht durch die Sinnesorgane wahrgenommen werden kann. Auf diese Weise führt die Reduktion/ Verkleinerung von Elementen, so heißt es, nicht dazu, dass die Doktrin des Materialismus widerlegt werden kann.
In einer Veröffentlichung der wissenschaftlichen Gesellschaft hieß es von einem Autor, dass in den meisten Köpfen eine falsche Vorstellung über Materialismus herrsche: Der Materialismus ist durch die Entdeckungen in der Mathematik und Physik nahezu explodiert, was allerdings auch bedeutet, dass Materie, wie sie von den Sinnesorganen erfasst wird, in Wirklichkeit nicht existiert, und dass die Welt möglicherweise so überhaupt nicht existiert, wie man sie sich vorstellt. Dieses kann wohl kaum aus den fortgeschrittensten Formen physischer Entdeckungen gefolgert werden, heißt es weiter in der Veröffentlichung, selbst wenn die feinste, unteilbare Form der materiellen Welt auch noch so feinstofflich wäre, dass sie auf ewig mit allem verbunden wäre und sich über alles ausdehnte, bliebe immer noch etwas, was dem ‚Prinzip des Wissens’ bekannt wäre. Obwohl es eigentlich im Gegensatz zum ‚Wissen’ steht, bleibt es ein Objekt, d.h. Materie. Auf diese Weise erhält sich der Materialismus. Man kann dem Materialismus so nicht beikommen, denn wie feinstofflich die Welt für die Augen eines modernen Physikers auch sein mag, sie bleibt Materie. Selbst Atome, Neutronen und Elektronen sind Materie, Energie ist Materie, elektrischer Strom ist Materie. Für all diese Wissenschaftler gibt es nichts, was nicht Materie wäre.
Das weitere Argument der Materialisten ist, dass der Wissensprozess ebenfalls der inneren Aktivitäten der Materie zuzuordnen ist. Doch diese Situation erfordert eine weitergehende Betrachtung. Es heißt, dass das materialistische Prinzip in der reinsten und feinsten Form der Materie abrupt und ohne zu zögern die Form des Wissens annimmt, bis hin zu einer Art von Gewebsflüssigkeit (Lymphe). Dieses ist der philosophische Aspekt des Materialismus, neben seinem rein wissenschaftlichen bzw. technologischen Aspekt. Keine Doktrin kann standhalten, wenn sie keine eigene Philosophie hat, welcher Nutzen sie auch immer für das tägliche Leben haben mag. Der Materialismus hat offensichtlich eine unerschütterliche Philosophie, die für einen Außenstehenden kaum verständlich scheint.
Diese Vision ist für die Welt der Sinne und die körperliche Sicherheit zufrieden stellend. Es macht sicherlich glücklich, all diese Dinge zu wissen. Doch hinter dieser Selbstgefälligkeit verbirgt sich ein großes Fragezeichen, nämlich, der Status des Wissenden in der Welt der materiellen Wahrnehmung. Was bedeutet Wissen? Und was bedeutet es überhaupt irgendetwas zu wissen? Reicht es nicht aus, wenn es heißt, dass es eine wissende oder wahrnehmende Existenz gibt, die mit etwas in Berührung kommt, was man als materielles Objekt bezeichnet. Nun gut! Doch was für ein Prozess findet dort statt, wenn etwas durch jemand erkannt wird?
Im Wissen scheint verborgen in eine Aktivität eingebunden zu sein. Wissen ist ein Zustand des Bewusstseins, ein Zentrum, eine ‚Person’. Ein Subjekt, das man wie ein beobachtendes Bewusstsein von etwas ansehen kann, ist wirklich ein faszinierendes Element. Dieses Erfassen eines Objektes, einer Materie oder äußeren Form erfordert die Aktivität eines solchen Bewusstseins, das von den Materialisten als verfeinerte Form der Materie betrachtet wird. Wenn die Fähigkeit zu wissen, selbst-bewusst zu sein, ein Attribut materieller Form ist; wenn Materie, die ein Stoff des Universums ist, in ihrer feinsten Form den Zustand wachen Bewusstseins annimmt, sodass es auf diese Weise möglich wird zu erkennen, dass Materie existiert; wenn das also möglich ist, dann ist Materie selbst-bewusst, denn die Natur des Bewusstseins ist im Grunde Selbst-Bewusstsein. Obwohl Bewusstsein immer ein Erkennen von etwas Äußerem voraussetzt, steht es über dem Erkennen dieses Äußeren, - ein selbst-identisches Bewusstsein von sich selbst. Die wissende Existenz, das Subjekt des Wissens, weiß von sich selbst, dass es existiert. Dieses Subjekt, das sich selbst bewusst ist, muss sich über sich selbst im Klaren sein. Die Klarheit, die das Bewusstsein von sich selbst hat, unterscheidet sich von dem Bewusstsein, das es von einem äußeren Objekt hat. Angenommen, Bewusstsein hätte die Fähigkeit, Materie als etwas zu erkennen, die von Materie ausgeht, fühlt man sich da nicht gezwungen, daraus zu schließen, dass die gesamte Welt aus Materie besteht, und dass das Universum der Materie die Fähigkeit des Wissens in sich trägt und insgesamt ein Zentrum des Selbstbewusstsein ist? Eine wirklich gefährliche Schlussfolgerung, denn das würde das ganze Konzept der Materialisten - von einem Vorhandensein der Materie überhaupt – aushebeln. Die Abschaffung des Konzeptes vom ‚Vorhandensein der Materie’ als die letztendliche Wirklichkeit ist die Konsequenz daraus, da es unmöglich ist, die Existenz der Materie zu erkennen, ohne dass überhaupt ein Bewusstsein, und ohne dass dabei auch eine Klarheit über sich selbst vorhanden ist.
Wenn es sich um Selbst-Bewusstsein handelt, was bezeichnet man denn dann als Materie? Der Charakter von Selbst-Bewusstsein ist Nicht-Objektivität, denn man sieht sich selbst nicht als etwas Anderes als sich selbst. Die Natur von Bewusstsein ist so subtil, so schwer zu erfassen, da es die Einführung von irgendwelchen objektiven Elementen in sich selbst vermeidet. Bewusstsein kann von niemand anderen erkannt werden, denn um Bewusstsein zu erkennen, bedarf es eines weiteren Bewusstseins, und dass würde zu einer lustigen Situation führen, wobei es eine unendliche Kette von Bewusstseins geben müsste, eines hinter dem nächsten, nur um das vorhergehende erkennen zu können. Das, was erkennt, ist in dem Sinne selbst-identisch, da es sich selbst als nichts anderes als sich selbst erkennt.
Der materielle Aspekt der Lebenseinstellung kann so nicht stehen bleiben, wenn diese Position eingenommen wird. Es ist für einen eingefleischten Materialisten unmöglich, der sicherlich daran festhält, dass das ganze Universum aus Materie besteht, aber der Möglichkeit zustimmt, dass Materie Selbst-Bewusstsein ist. Wenn das Selbst-Bewusstsein kein Attribut der Materie ist, kann die Materie auch nicht als existent erkannt werden. Doch wenn das Selbst-Bewusstsein Teil der Materie ist, wird der eigentliche Sinn und Zweck der Doktrin der Materialisten ausgehebelt. Sie besiegt sich selbst, - sie wird zu einer Doktrin, die sich selbst besiegt.
Als Ergebnis bleibt letztendlich nicht nur ein haarsträubender Materialismus, der daran festhält, dass die Welt aus einem Bündel fester Objekte besteht; das gilt auch bei der verfeinerten Form der Objekte, die bei der materialistischen Doktrin wissenschaftlich untermauert ist. Der wissenschaftliche Aspekt des Materialismus kann so lange nicht bestehen bleiben, wie die Natur von Materie nicht wirklich definiert wurde. Es macht keinen Sinn, von einem Konzept zum anderen zu springen, nur um den Schwierigkeiten früherer Schlussfolgerungen zu entkommen. Das Gespenst der Materie, dass etwas außerhalb des Bewusstseins existieren soll, hält den Betrachter gefangen; es verfolgt ihn, wohin er sich auch wenden mag. Die Äußerlichkeit von Materie ist ein besonderes Merkmal von allem, was als Materie bezeichnet wird. Alles, was vollkommen außen steht, kann nicht in ein bewusstes, wissendes Subjekt absorbiert werden. Darum gibt es letztendlich keine Chance für einen Erfolg der materialistischen Doktrin, einerseits auf Grund seiner Unfähigkeit zu erklären, wie Materie erkannt wird, wenn es kein wissendes Subjekt gibt, und andererseits ist sie gefährlich nahe der höchst unerwarteten Schlussfolgerung, dass Materie potenzielles Bewusstsein ist. Keines dieser Aspekte ist für Materialisten akzeptabel, doch eine dritte Alternative gibt es nicht. Bei jedem dieser Wege kommt man zu dem Schluss, dass es mehr in den Dingen geben muss, als was man oberflächlich zu erkennen vermag.
Die Schwierigkeiten, denen sich die Menschen bei der Akzeptanz der materialistischen Doktrin im Lauf der Jahrhunderte gegenübersahen, und in denen die Menschen durch diese Denkweise geprägt wurden, haben allerdings dazu geführt, dass sie nicht vollkommen mit diesen Doktrin verhaftet sind. Die Menschen haben sich langsam Werten des Nicht-Materiellen zugewandt, wie z.B. der Güte, Zuneigung, einem Geist der Kooperation, dem gegenseitigen Dienen, der Gegenwart von Pflichten und dem Sinn und Zweck ihrer Existenz. Doch nichts dergleichen kann der Materie zugeordnet werden. Man kann auch nicht behaupten, dass es irgendeine Materie gibt, die gut oder schlecht ist, doch es gibt hübsche und hässliche Materie, kooperierende und nicht-kooperierende Materie, nützliche und unnütze Materie. Nicht alles, was man für die menschliche Existenz als wichtig ansieht, ist unbedingt von materieller Art. Die materielle Existenz scheint nicht alles im Leben zu sein, denn man akzeptiert heutzutage immer mehr menschliche Werte. Die unnachgiebige Bekräftigung der haarsträubenden Materialisten weicht allmählich einer mehr humanistischen Betrachtung der Werte. Man spricht heutzutage sehr häufig von diesem Humanismus. Man bemüht sich in dem Sinne um den Weltfrieden, wie es dem Frieden für die Menschheit dient. Es gibt eine Vielzahl internationaler Foren für das Wohl der Menschen. Menschliche Werte werden als die wirklich wichtigen Werte angesehen. Das Überleben der Menschheit ist das Ziel allen Strebens, - der Mensch ist das letzte ‚Wort’ der Schöpfung. Was auch immer letztendlich zum Überleben der Menschen beiträgt, wird als Ausweg für schwierige Situationen festgeschrieben, alles Andere wird vernachlässigt. Man kann alles für das Überleben der Menschen opfern, was auch immer es sei. Es gibt kein Zögern, diese Sichtweise anzunehmen. Wenn irgendetwas das Leben der Menschheit bedroht, dann würde man sogar andere Erdbewohner, wie z.B. Tiere, links liegen lassen. Eine menschliche Vision des Lebens hat die Menschen derart gepackt, sodass man nichts Anderes als die Menschen in dieser Welt akzeptiert.
Doch diese so genannte humanistische Sichtweise ist in ihren Grundfesten ebenso wackelig wie die letztendliche Begründung der unhaltbaren materialistischen Doktrin. Der Makel am Materialismus ist offensichtlich. Man kann solch einen offensichtlichen Makel auch bei der allgemein akzeptierten und vergötterten Vision des menschlichen Seins über alles feststellen. Der Mensch soll der Mittelpunkt aller Werte sein. Nun, was sagt man dazu? Kann man wirklich sagen, dass der Mensch der Mittelpunkt aller Werte ist? Es ist sicherlich notwendig zu überleben, und man muss Himmel und Erde in Bewegung setzen, um in dieser Welt irgendwie zu existieren. Das muss man aus den bekannten Gründen akzeptieren. Es ist nicht richtig, den Tod einzuladen, um sich selbst zu vernichten oder sein Leben zu beenden. Darum gibt es im Menschen einen Instinkt, um irgendwie, manchmal mit Haken und Ösen, zu überleben, selbst wenn andere Kreaturen dabei draufgehen sollten. Doch für diese Betrachtung gab es schon zuvor Gelegenheit, denn auch der Mensch hat seine Abstufungen, Kategorien. Und wenn man keinen Ausweg mehr hat, und an diesem Konzept der Menschheit als letztendliche Wertvorstellung festhält, zögert man wahrscheinlich nicht, im Notfall scheinbar weniger wertvolle Menschen für sich selbst zu opfern. Diese Möglichkeit ist schockierend, überraschend, nur schwer zu schlucken, doch genau das hat man vor Augen, - menschliches Sein wird legal zum Wohlergehen einer Nation oder anderer Mensch geopfert. Das Wohlergehen von Menschen mag das Opfer anderer, zum Beispiel bei kriegerischen Auseinandersetzungen, erfordern. Kein Soldat zieht mit der Überzeugung in den Krieg, dass alle überleben, heil und gesund nach Hause kommen werden. Bei jeder dieser Art von Abenteuer schwingt immer diese Art von Spirit mit. Darum werden immer wieder Menschen sterben, damit andere überleben können.
Das führt zu der Überlegung, was menschliches Leben überhaupt bedeutet. Bedeutet es, dass 50 Prozent sterben müssen, damit die anderen 50 Prozent überleben können? Sicherlich ist das nicht beabsichtigt. Es geht darum als Menschheit zu leben. Alle Menschen sollen leben, und nicht nur 50 Prozent, obwohl 50 Prozent in dem tragischen Überlebenskampf umkommen. Der Himmel möge alle davor bewahren, und dennoch geht es um das Abenteuer des Überlebens der Menschheit. Die Menschheit hat überlebt. Sie hat einen Sieg errungen, doch 50 Prozent der Menschen haben es mit ihrem Leben bezahlt.
Das Konzept vom Humanismus steckt voller Schwierigkeiten, denn man weiß nicht, was man unter Menschsein, Menschheit, wirklich verstehen soll, um die man sich hier bemüht. Im täglichen Leben sorgt man für sich selbst und steht bereit, das Wohlergehen mit Klauen und Zehen gegen Menschen zu verteidigen, mit denen man sich gleichzeitig umgibt. Jeder ist mehr oder weniger von dem Geist des gesellschaftlichen Dienens beseelt. „Ich widme mich dem Wohlergehen anderer Menschen.“ Diese Einstellung ist höchst ehrenwert. Nichts ist höher einzuschätzen, als sich für andere aufzuopfern. Doch was sind das für Leute? Menschen dieser Welt. Und wovor fürchtet man sich? Menschen, die in dieser Welt leben. Warum stellt man Waffen her, rekrutiert Armeen, Polizisten und bemüht Gerichte, um die Gesetze zu wahren? Weil man sich vor Menschen fürchtet. Wem dient man? Menschen. Wovor fürchtet man sich? Menschen. Vor welche Art von Menschen fürchtet man sich? Will man sein Leben denen opfern, die man hasst, von denen man bedroht wird? Oder will man denen dienen und sich aufopfern, die man nicht zu fürchten braucht? Die Antwort ist nicht so einfach, denn selbst jene, die man bedroht oder von denen man bedroht wird, sind Menschen.
Wenn man das Menschsein, die Menschheit, nun als ein Objekt von Vergötterung wahrnimmt, den Humanismus als die endgültige Philosophie ansieht, wird man erkennen, dass die Definition von Menschheit oder Menschsein eine völlig neue Definition erfordert, so wie zuvor das Konzept des Materialismus. Man lebt weder in einer rein materiellen noch in einer rein menschlichen Welt. Das liegt daran, dass die Werte, seien sie ethischer, gesetzlicher, moralischer oder gesellschaftlicher Natur, nicht nur auf menschliche Individuen beschränkt zu sein scheinen. Ein Prinzip von Gerechtigkeit, aus Sicht des Gesetzes, muss nicht die Werte eines Individuums berühren. Wenn das Individuum, welcher Art es auch immer sein mag, genauso heilig, bedeutungsvoll wie jedes andere ist, dann gäbe es zum Wohlergehen anderer, keine Möglichkeit ein Individuum einzusperren oder zu bestrafen. Das Wohlergehen von Menschen erfordert jedoch die Bestrafung anderer. Das würde bedeuten, dass die Bestraften keine Menschen wären. Warum? Es sind doch Menschen. Doch die Gesetze, die gesellschaftliche Norm oder moralische Tradition, die den Menschen ein bestimmtes Verhalten abverlangen, und die nicht auf alles Sein anwendbar sind, gehen über das Konzept der Individualität hinaus. Vielleicht denkt man in dem Sinne an das Wohlergehen der Menschen, dass es nicht nur auf das Menschsein überhaupt beschränkt ist, denn wenn das Menschsein, die Menschheit, nur auf das menschliche Individuum beschränkt wäre, gäbe es weder ein System der Rechtsprechung noch eine rechtliche Form und noch viel weniger irgendeine Art von Bestrafung.
In den Köpfen der Menschen herrscht eine Wertvorstellung, die übermenschlich ist. Man denkt vielmehr an ein Konzept über die Bedeutung des Lebens als an ein körperliches oder gar an ein humanitärisches Konzept, wenn man das Menschsein nur auf eine Vision isolierter Individuen untereinander beschränken muss. Die Welt der Natur kümmert sich nicht um Individuen. Die Individuen haben der Geschichte keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, doch die Geschichte steht für Prinzipien, die über den Individuen stehen. Das gilt für Nationen und das steht in dem Sinne für das weltliche Wohlergehen, als es sich völlig vom individuellen Wohlergehen unterscheidet. Die Gerechtigkeit einer Ursache kann das Opfer eines Individuums erforderlich machen, auch wenn dies der Tatsache widerspricht, dass alle Menschen gleichwertig sind, und dieses Verhalten bzgl. dieser Gleichwertigkeit zum Wohle aller von jedem akzeptiert wird.
All das führt tiefer in die philosophischen Konzepte von Gerechtigkeit, Rechtswirksamkeit, ethische Lebensführung und moralische Werte. Man lebt weder in einer materiellen noch menschlichen Welt. Werte können weder als Materie noch als menschliches Sein identifiziert werden. Sie übertreffen Materie, und es scheint, dass sie auch über das menschliche Dasein als Individuum anzusiedeln sind. Man hat nicht immer die Zeit, genau auf diese Denkrichtung zu achten, wenn man im Allgemeinen über Prinzipien nachdenkt. Außerdem vermischt man die individuellen Menschen im täglichen Leben mit den Prinzipien, die Sünde mit dem Sünder, wie es heißt. Es ist auch schwer, die Verkörperung des Prinzips von dem Prinzip selbst zu unterscheiden. Ein Mensch bewahrt zweifellos ein Prinzip, doch der Mensch als physische Verkörperung oder als gesellschaftliche Einheit wird nicht immer mit dem Prinzip als solches identifiziert. Manchmal empfindet man jemand unsympathisch und umgekehrt, doch beide sind Menschen. Da sich jedoch die Menschen für das Wohlergehen aller einsetzen, dürfte niemand niemanden verabscheuen oder über Gebühr zugetan sein. Doch dieses Mögen oder Nicht-Mögen, das durch die Betrachtung im Sinne von Gerechtigkeit, Rechtsempfinden, Ethik, Moral oder was auch immer sonst entsteht, scheint ein bestimmtes Verhalten zu rechtfertigen. Dieses Gerechtigkeitsempfinden kann es nur geben, wenn es in der Vision des Lebens seinen Ursprung hat. Diese Vision ist weder auf ein bestimmte Individuum beschränkt und noch viel weniger auf materielle Objekte.
Das Gute oder Schlechte eines Menschen macht ihn nicht deshalb zu einem Untermenschen. Diese Vorstellung über einen Menschen sollte man sich zunächst klar machen. Ein schlechter Mensch ist auch ein Mensch; das Gleiche gilt für einen guten Menschen. Es werden Unterschiede zwischen den Menschen gemacht, gleichzeitig haben immer alle das Wohlergehen aller im Kopf. Werte werden durcheinander geworfen, - Liebe und Hass treffen wie zwei gegenläufige Wellen aufeinander. Es ergeben sich Schwierigkeiten, weil man nicht in der Lage ist, das Prinzip des Lebens, den Spirit des Lebens im Allgemeinen und den individuellen Menschen richtig einzuordnen.
Die humanistische, wie auch die materialistische Philosophie sind fehlerhaft. Die Überbetonung des Wohlergehens der Menschen und den Dienst am Menschen ist nur ein Slogan, ein Schlagwort, das einen göttlichen Anstrich hat, doch eine völlige Misskonstruktion seiner wahren Bedeutung ist. Die Idee des humanistischen Gedankens hält einfach den eingehenden Prüfungen nicht stand. Der humanistische Gedanke ist großartig, ein Leben in der physischen Welt ist großartig; doch Leben bedeutet noch ein wenig mehr als physische Materie und ein Leben in einer rein humanitären Welt, in der die menschliche Natur auf ein menschliches individuelles Dasein begrenzt wird. Die Idee vom Menschsein ist ein faszinierendes Konzept. Man nimmt alles als selbstverständlich hin, als wäre alles klar, sodass man beim Versuch, zur Erfüllung seiner Ambitionen, immer humanitär handeln würde.
Niemand kann das menschliche Dasein wirklich lieben, es sei denn er ist übermenschlich. Ein normaler Mensch kann nicht verstehen, was Menschsein wirklich bedeutet, denn ein Mensch, der nichts weiter als das ist, ist auf seine menschliche Natur beschränkt. Insoweit wie jeder individuelle Mensch auf den körperlichen Käfig begrenzt ist, besteht die Möglichkeit, dass er selbstsüchtig wird und gelegentlich die Existenz anderer ignoriert und nur noch sich selbst sieht. Die Möglichkeit, in der Betrachtung körperlicher Existenz, sich egoistisch auf sich selbst zu beschränken, kann nicht völlig verworfen werden, denn jeder Mensch ist immer eine isolierte Einheit, getrennt von anderen. Um die Menschheit als Ganzes zu betrachten, und sich sogar der menschlichen Natur in korrekter Weise bewusst zu sein, ohne dabei in das Durcheinander zweier, von einander getrennter, unterschiedlicher Prinzipien und dem Individuum als Mensch (das Prinzip des Lebens an sich, den Spirit des Lebens im Allgemeinen und dem individuellen Menschen) zu gelangen, muss man ein wenig mehr als ein Mensch sein.
Das Übermenschliche scheint bei allen menschlichen Betrachtungen, selbst gegen den eigenen Willen, mitzuspielen, da es im Unterbewusstsein eingebettet ist und das Selbst-Bewusstsein ausmacht. Dies betrifft auch den materiellen Körper aus Sicht des Materialismus. Das Menschsein umfasst etwas mehr als nur das Menschsein. Die Philosophie des Materialismus und des Humanismus scheitern an dem Punkt, wo sie sich selbst als Selbstvollkommen in sich selbst betrachten. Wenn Materie alles und nichts weiter als Materie wäre, wenn der Mensch alles und nichts weiter als ein Mensch wäre, könnten weder der Humanismus noch der Materialismus bestehen.
Angesichts dieser Probleme, wenn man sich der grundsätzlichen Schwierigkeiten bei der Akzeptanz von Materialismus und Humanismus bewusst ist, machen Psychologen eine Kehrtwendung und skizzieren ihre Vision des Lebens, indem sie mehr noch den Geist des Menschen als die Individualität oder seine physische Umgebung in Betracht ziehen. Dieser Standpunkt, der sich von dem Materialismus und dem reinen Humanismus unterscheidet, ist psychologisch oder eher psychoanalytisch. Diese Betrachtung führt zwangsläufig zum Geist und zum Denkprozess des Menschen.
Alle Werte scheinen psychologisch, mental und innerlich. Alle Werte scheinen im Wesentlichen psychologisch zu sein, obwohl sie auch ihre physische und humanistische Seite haben. Diese Form der Vision des Lebens führt tiefer in die menschliche Natur hinein, d.h. zum wahrnehmenden Individuum. Dieses Thema wird im nächsten Kapitel abgehandelt.
Die psychologische und psychoanalytische Vision
Die Notwendigkeit vor einer Handlung zu denken, erhebt sich auf Grund der zu erwartenden Konsequenzen, die einer Handlung folgen könnten. Dieses ist die Logik des Geistes, die nur ihm auf Grund eines Ablaufs interner Argumente bekannt ist, wobei er sich die Folgen aus den derzeitigen Umständen bewusst macht. Diese Fähigkeit des Geistes, über sich selbst hinauszuwachsen, ist es wert näher zu betrachten.
Jede Schlussfolgerung bedeutet die Annahme eines Zielpunktes, den man gegenwärtig noch nicht eingenommen hat. Man kann die Zukunft nicht erfassen, denn man lebt in der Gegenwart. Doch die Gegenwart als Angelegenheit einer Zukunft, selbst die Natur dieser möglichen Zukunft, wird zum Inhalt einer gegenwärtigen Betrachtung, wobei die Gegenwart auch in der möglichen Zukunft verborgen liegt, was vielleicht sogar darauf hindeutet, dass es weder eine Vergangenheit, noch eine Gegenwart, noch eine Zukunft gibt. Durch die Kontinuität, in der man lebt, muss man sich bewusst machen, dass es auch so etwas wie eine Vergangenheit gibt, die man sich in der Gegenwart bewusst machen muss. Genauso verhält es sich mit der Zukunft. Das, was noch nicht ist, doch sein wird, kann nur erkannt werden, wenn man es sich gegenwärtig bewusst macht.
Die Vorstellung bestimmter Umstände, und die Schritte, die man bis zu dieser möglichen Zukunft nehmen muss, führen tiefer in den eigenen Geist hinein. Es gibt so etwas wie einen Geist, der manchmal unterschiedlich begriffen wird. Philosophie oder was auch immer, - eine Vision des Lebens oder woran man auch immer denken mag, - d.h. alles, in jede Richtung, scheinen Aktivitäten des Geistes zu sein, wobei es sich um ein faszinierendes Konzept handelt, das eine Vorstellung ist bzw. war oder vielleicht auch sein wird. Wenn man nicht weiß, wie der Geist funktioniert, was er in Wirklichkeit erwartet, wird es schwierig, zu irgendwelchen sinnvollen Schlussfolgerungen zu kommen. Eine richtige Beurteilung einer durch Erkenntnis gewonnenen Schlussfolgerung findet nur statt, wenn diese im Einklang mit der mentalen Empfindung steht, - ein Prozess mentaler Aktivitäten, der ohne eigenes Zutun abläuft.
Häufig wird angenommen, dass alle Erfahrungen durch die Funktionen des Geistes beschränkt sind. Doch auch die gesamte Welt als ein Objekt der Erfahrung sollte durch die Brille der eigenen mentalen Operationen als ein farbiges Ganzes verstanden werden. Diese Betrachtungsweise hat die Menschen dazu gebracht, dass die Welt lediglich eine subjektive Form der Einschätzung ist. Wenn alle Dinge in der Welt, um was es sich auch immer handeln mag, dem Geist durch dessen Aktivität und auch durch die Art und Weise seiner Aktivität bekannt sind, dann kommt man zu der Schlussfolgerung, dass alle Erfahrungen subjektiv sein müssen. Die Objektivität einer Erfahrung, obwohl sie manchmal aus bestimmten Gründen zugestanden wird, muss ebenfalls der Vision des Geistes mit seiner inneren Verfassung zugeordnet werden. Die Erfahrungen haben dasselbe Muster bzw. denselben Charakter wie der erfahrende Geist.
Jeder Mensch verfügt über eine andere Geistesform. Darum erfährt jeder die Welt auch anders. Man macht nicht nur, philosophisch betrachtet, unterschiedliche Erfahrungen, sondern hat auch verschiedene Wertvorstellungen. Jeder lebt in einer völlig unabhängigen Welt, sodass jeder Mensch in seiner Existenz vom Schmerz und Vergnügen anderer kaum berührt wird. Selbst wenn jemand stirbt, wird dieser Tod das Leben eines anderen nicht wesentlich beeinflussen oder verändern. Derart eng ist der Geist mit dem eigenen Körper verbunden.
Die historischen Gegensätze über die Natur der Dinge, aus Sicht des Materialismus und Sozialismus, müssen zuerst in einem Muster für den funktionierenden Geist beschrieben werden. Die Vision des Lebens ist eine mentale Vision. Dazu finden sich Parallelen in der Natur. In einem der Kapitel des Werkes Panchadasi des Heiligen Vidyaranya werden zwei Tatsachen dargelegt, d.h. wie sie sind oder möglicherweise sein könnten bzw. wie sie vom Geist der Menschen aufgefasst werden.
Aus bestimmten Gründen muss man akzeptieren, dass es so etwas wie eine äußere Welt gibt, - doch die Welt da draußen ist nicht Inhalt der tagtäglichen Erfahrungen. Die täglichen Pflichten, Ängste und Handlungen sind eine Art Abstrakt dieser Welt, wie sie vielleicht existiert, jedoch abstakt genug, um in den in seinem eigenen Muster wirkenden Geist einzufließen. Liebe und Hass, die alle Erfahrungen dominieren, können nicht in den äußeren Objekten präsent sein. Grundbesitz, Haus, materielle Werte, die den Geist in Form von Mögen und Nicht-Mögen erregen, tragen diese Qualitäten nicht in sich selbst. Man weiß nicht, ob ein Stück Land irgendjemand liebt, ein Haus jemand berührt oder Besitztum irgendeinen Sinn für Werte hat, was man ihnen zuschreibt. Ein liebenswertes Objekt oder ein Objekt, das in jeder Hinsicht verabscheuungswürdig ist, skizziert die Besonderheit eines Objektes mit einer einseitigen Einschätzung durch den individuellen Geist oder durch eine Gruppe Gleichgesinnter, sonst müsste man tatsächlich annehmen, dass Gold oder Silber, Grundbesitz oder Häuser in sich selbst eine Art von Qualität besitzen, die man als Unglück oder Glück ansieht.
Das Glück und Unglück der Menschen, was das ganze Leben ausmacht und alle Erfahrungen beeinflusst, kann man nicht in der Welt finden. Der Heilige Vidyaranya macht in seinen Schriften einen Unterschied zwischen Ishvarasrishti und Jivasrishti. Mit Ishvarasrishti bezeichnet er die Welt der aktuell wahrnehmbaren Objekte, und mit Jivasrishti bezeichnet er die Reaktion der wahrnehmenden Individuen in Bezug auf die wahre existierende objektive Welt. Alle Menschen sind anatomisch, körperlich und biologisch gleich, doch psychologisch sind alle verschieden. Mein Verwandter, mein Freund, mein Feind, jemand, der zu mir eine Beziehung hat oder mit mir verbunden ist usw.; all das kennt man auch in Bezug auf materiellen Besitz.
Die Erfahrungen des Lebens sind in ihrer Natur psychologisch bedingt zu verstehen. Alle Bemühungen, die über die wahre Natur der Dinge hinausgehen, sind zum Scheitern verurteilt, egal ob es sich dabei um die materielle Welt, die Gesellschaft, die Wirtschaft etc. handelt. Diese Argumente scheinen insoweit abwegig, da sie letztendlich vollkommen von der Funktionsweise des menschlichen Geistes abhängig sind. Es gibt keine ökonomischen Bedingungen für Tiere im Wald, und auch für viele andere Dinge nicht, die der Mensch z.B. für niedere Kreaturen als letztendlich wichtig erachtet, obwohl es sich ebenfalls um lebendige Wesen handelt, die vielleicht denselben Hunger, Durst und Instinkt wie die Menschen für das Überleben empfinden. Der Geist kann augenblicklich einen Himmel, eine Erde oder eine Hölle erschaffen. Plötzlich fühlt man sich im Himmel, wenn er in diese Richtung wirkt, obwohl sich die physische Welt, Ishvarasrishthi, nicht verändert hat. Ein Schock der Freude, der Sorge, eine rein mentale überdimensionale Wertschätzung, kann die ganze Welt der Erfahrung eines Individuums derart verändern, dass selbst Hunger, Durst oder Schlaf davon berührt werden. Selbst das Leben kann durch exzessive mentale Aktivität abrupt beendet werden, d.h. entweder durch außerordentliche Freude oder außerordentlichen Kummer. Von der Art ist die Macht des Geistes.
Doch wo ist der Geist? In der Geschichte der Psychologie hat man immer wieder versucht, den Geist irgendwo zu lokalisieren. Diejenigen, die spirituelle Texte, Schriften, Philosophien und psychologische Abhandlungen studiert haben, haben ihre eigenen Vorstellungen von dem, was der Geist sein könnte. Wie gut diese Menschen auch immer ausgebildet sein mögen, meistens sind ihre Vorstellungen eher primitiv anzusehen, d.h. primitiv in dem Sinne, dass sie sich dem Gefühl nicht entziehen können, dass der Geist irgendetwas sein muss, was sich im Körper befindet. Er muss im Körper sein, obwohl man diese Vorstellung nicht bis zum Ende zufrieden stellend argumentieren kann. Instinktiv hat man das Gefühl, dass er sich im Körper wie ein Ball in einer Quecksilbersäule auf und ab bewegt oder seine Position wie ein flexibles flüssiges Element von einem Körperteil zum anderen ständig verlagert. Ein derart kindliches Gefühl haben viele Menschen in Bezug auf das Wirken des Geistes.
Wenn der Geist das ganze Leben ist, wenn alle Erfahrungen mental bedingt sind, scheinen Leben und Tod völlig vom Wirken des Geistes abzuhängen. Wenn man dann gleichzeitig fühlt, dass der Geist sich im Körper befindet, scheint es, dass man sich selbst innerhalb des Körpers befindet. Doch das ist nicht wirklich so. Man ist niemals wirklich zu einer zufrieden stellenden Schlussfolgerung gelangt, selbst heutzutage, wo man den Geist lokalisiert und seine Beziehung zum Körper erkennt, doch man kann weder sagen, der Geist ist dasselbe wie der Körper, noch kann man behaupten, er würde sich von ihm ganz unterscheiden. Eine strikte Abgrenzung zwischen Körper und Geist würde zu der prekären Situation führen, dass der Geist nicht mehr über den Körper bestimmen könnte, obwohl man genau das empfindet, nämlich, wo innerlich psychologisch bedingt, chemische Operationen ausgelöst werden und umgekehrt, die die psychologischen Bedingungen ständig verändern und natürlich auch den Geist berühren.
Darum kann man nicht behaupten, dass der Geist sich irgendwo an einer bestimmten Stelle im Körper befindet. Er ist lebendig mit dem Körper verbunden, als würde er jeder Zelle beiwohnen. Es wird insoweit keine parallele Existenz von Körper und Geist zugestanden, da tagtäglich Aktionen und Reaktionen zwischen und Körper und Geist stattfinden, als wären sie ein und dasselbe, und als wären es zwei Phasen eines handelnden Elementes. Viele halten deshalb daran fest, dass es keine Trennung zwischen Körper und Geist gibt, da es sich um eine Handlung dreht, die man als ‚psycho-physikalisch’ oder auch ‚psychosomatisch’ bezeichnen könnte. ‚Psycho’ und ‚somatisch’ sind keine verschiedenen Konzepte; es handelt vielmehr um zwei Wörter, die eine Handlung ausdrücken, die nicht zum einen Teil physisch und zum anderen Teil mental ist, sondern zur selben Zeit psychologisch und physikalisch ist.
Man ist beides gleichzeitig: Körper und Geist, ein Geist-Körper-Komplex. Das ist mit ‚psycho-physiklaische’ gemeint. Der menschliche Geist ist auch menschlicher Körper und umgekehrt. Der menschliche Körper ist auch menschlicher Geist, denn der Körper scheint nichts anderes zu sein, als eine Konkretisierung des Geistes. Der Geist wiederum scheint eine ätherische, verdünnte und verdichtete Form des Körpers zu sein.
Die Vorstellung der fünf Koshas oder Hüllen, wie es bei der Vedanta heißt, scheinen dieses Gefühl zu rechtfertigen. Bei den Koshas handelt es sich um Annamaya, Pranamaya, Manomaya, Vijnanamaya und Anandamaya Kosha. Diese Koshas werden so beschrieben, als handelte es sich um Hemden, die über der Seele liegen, wie die übereinander liegenden Schalen einer Zwiebel. Diese Schalen liegen jedoch nicht wirklich wie Kleidung oder Zwiebelschalen übereinander. Es handelt sich vielmehr um Verdichtungen bestimmter Aktivitäten, die als die Individualität bekannt sind. Eine bestimmte Abgrenzung der einzelnen Schalen untereinander ist nicht möglich. Die Verdichtung geschieht schrittweise, von innen nach außen, die Verdünnung entsprechend umgekehrt. Es findet eine Modifikation in der Konkretisierung einer Erfahrung vom Zentrum der Persönlichkeit ausgehend nach außen hin statt, die mit dem mit dem physischen Körper aufhört.
Ähnlich verhält es sich mit der Körper-Geist Beziehung. Die Psychologie ist in ihrer Geschichte bis heute zwar auf dem richtigen Weg, doch in ihren Studien bis heute nicht vollständig. Untersuchungen hinsichtlich des inneren Aufbaus führen immer wieder zu erstaunlichen Ergebnissen. Der Mensch ist ein großes Mysterium und Wunder. Der Mensch ist kein so ganz einfaches Individuum, als würde er in seiner Aktivität nur aus Spazierengehen, Nahrung-zu-sich-nehmen und Schlafen bestehen. Nichts dergleichen trifft wirklich zu. Die wesentliche Natur des Menschen ist weitaus interessanter, komplizierter und unzugänglicher.
Meistens ist der Mensch, wie es heißt, in einer bewussten Ebene, in einem Zustand einer bewusst mental vollkommenen Aktivität. Was auch immer man im Augenblick denkt, scheint alles zu sein, was man denkt. Das allerdings ist nur ein oberflächliches Verstehen des Geistes und dessen Funktionsweise. Der Geist hat unheimlich viele Möglichkeiten, die dazu führen können, dass man auf Grund von Erfahrungen, zur eigenen Überraschung, im Handumdrehen zu einer völlig neuen Persönlichkeit wird. Im menschlichen Geist sind Fähigkeiten verborgen, die ihn sich verhalten lassen können, wie alle anderen Wesen der Schöpfung. In der menschlichen Natur sind potenziell alle Spezies eingebettet, die höheren wie auch die niederen. Die bewussten Aktivitäten des Geistes sind also nicht alle seiner potenziellen Möglichkeiten.
Das menschliche Leben wird weitestgehend durch den Druck von außen bestimmt, sodass man sich nie wirklich frei fühlt. Die Einschränkungen in der mentalen Freiheit erheben sich, weil es auch noch andere Menschen mit ähnlichen Erwartungen bzgl. Freiheit in der Gesellschaft gibt. Das Zugeständnis an Freiheiten bei anderen, die man lieber selbst für sich in Anspruch nehmen möchte, bedeutet eine Einschränkung der eigenen Freiheit. Man kann selbst nicht frei sein, wenn andere gleichermaßen frei sind, denn die Existenz anderer, bedeutet eine Einschränkung des eigenen Selbst. Nicht alle können völlig frei sein, denn absolute Freiheit für jeden hieße, die Freiheit für alle abzuschaffen. Freiheit scheint etwas Besonderes zu sein, denn sie setzt Beschränkungen voraus, die mit ihr einhergehen.
Auf diese Weise scheint man im bewussten Leben niemals völlig frei zu sein. Jeder ist irgendwie eine gebundene Seele, auch wenn man manchmal glaubt, frei zu sein. Kann man an der Straße entlang gehen, wie man will? Das ist unmöglich. Selbst wenn man an der Straße entlang geht, unterliegt man irgendwelchen Beschränkungen. Glücklicher oder unglücklicherweise ist jeder Mensch Teil der Gesellschaft und unterliegt damit nicht nur seinen eigenen inneren Zwängen. Der soziale Aspekt der Erfahrungen eines Individuums bedeutet die Beschränkung der Erfahrungen oder Freiheiten jeden Individuums. Diese Einschränken machen den Menschen nicht immer glücklich, obgleich jeder weiß, dass es unmöglich ist, in einer Welt absoluter Freiheit zu leben, da es noch andere Menschen und Dinge in der Welt gibt. Man fühlt sich deshalb unglücklich, manchmal verbittert, da es noch andere Menschen gibt. Man wünscht sich, sie wären nicht da, denn nur dann wäre man wirklich frei. Doch das hieße Luftschlösser bauen; es kann nicht sein, dass andere nicht da sind, - sie müssen sein, so wie alles Andere. Darum muss die Freiheit beschränkt sein.
Diese Erkenntnis der eingeschränkten Freiheit hat einen derartigen Einfluss auf den Geist zur Folge, dass er die Konsequenzen dieser sorgenvollen Erkenntnis tief in sich eingräbt. Jede Handlung erzeugt Reaktionen, wobei eine gedankliche Erkenntnis auch als Reaktion betrachtet werden kann. Die Konsequenzen daraus, als Ergebnis dieser mentalen Handlung, haben ihren Einfluss, doch diese werden in einer selbst erschaffenen Kammer tief im Unterbewusstsein versteckt, auch wenn sich der Geist selbst damit betrügt, so als hätte dies für ihn überhaupt keine Folgen. Man verhält sich, als wäre man völlig frei, auch wenn einem bewusst ist, dass dies nicht der Fall ist. Dieses ist ein Selbstbetrug, was zu einer inneren Quälerei führt. Diese Quälerei, dieser innere Kampf, wird jedoch nicht bewusst wahrgenommen, denn er würde auf der bewussten Ebene zwangsläufig zum Todesstoß eines jeden existierenden Individuums führen. Darum werden die Sorgen, die sich aus der Beschränkung menschlicher Freiheit auftun, in einer dunklen Kammer verborgen gehalten, unerreichbar für den bewussten Geist, als herrsche dort ein völlig anderer Geist, der sich vom bewussten Geist unterscheidet. Tatsächlich handelt es sich um denselben Geist, auf den das Bewusstsein basiert, aber als Unterbewusstsein oder unbewusst handelt. Wie auch immer man es bezeichnet, es ist das Rückgrad des Geistes. Diese Felder, die als Speicher des Kummers gelten, liegen dort als Saatgut verborgen, das nur auf den Regen oder andere Bedingungen wartet, um dann langsam aufzugehen und zur eigenen Überraschung zu handeln beginnt, denn es ist dem Menschen unbekannt, dass es überhaupt existiert hat. Die Überraschung entsteht, weil sich das menschliche Leben in eingeschränkter Form für ihn nur auf bewusster Ebene abspielt, nicht wissend, dass im Hintergrund noch verborgene Kammern mentaler Aktivitäten existierten.
Die erwähnten Oberflächenschalen, Koshas, sind die Ebenen oder Kammern des menschlichen Geistes. Es ist eben dieser Geist, der sich in Form dieser verschiedenen Ebenen, Koshas genannt, offenbart. Diese inneren Ebenen kommen nicht immer an die bewusste Oberfläche, sondern bleiben tief im Inneren verborgen, unbefriedigt, schlafend mit ihren eigenen Sorgen. Man könnte meinen, man wäre unfreundlich zu ihnen gewesen, denn ein unbewusster Freund ist kein wirklicher Freund. Diese inneren Kammern des Geistes wurden bislang noch nicht zu den bewussten bekannten Freunden. Aus diesem Grund protestieren sie lauthals. Wenn irgendjemand in einer Menge nicht richtig wahrgenommen wird, protestiert er auch und will erkannt werden. Dieser Wunsch nach bewusster Anerkennung ist in jeder Faser der Gefühlswelt mehr oder minder vorhanden. Doch wenn dies auf Grund des Drucks der Gesellschaft von außen nicht möglich ist, bleibt man immer zu einem gewissen Prozentsatz dem Kummer verhaftet, obwohl man äußerlich lächelt, als wäre alles in Ordnung. Niemand kann in dieser Welt wirklich glücklich sein, denn auf jeden Menschen lasten, entsprechend den Umständen von außen, irgendwelche Beschränkungen.
Diese fortgesetzten Repressionen, die für den Geist unbefriedigend sind, werden früher oder später zu einer dicken Wolke, die das Licht des Verstehens vernebelt. Hier ist der Eingang für alle psychoanalytischen Beobachtungen, dass nämlich kein Gedanke der bewussten Ebene als völlig frei angesehen werden kann, denn jeder Mensch wird auch durch die inneren Potenziale eines möglichen Saatguts bestimmt, das noch nicht an die Oberfläche der bewussten Erfahrung gelangt ist. Obwohl die Psychologie im Allgemeinen die menschlichen Aktivitäten des Geistes in Bewusstsein, Unterbewusstsein und Unbewusstsein klassifiziert, gibt es noch sehr viel mehr Ebenen. Bei diesen drei erwähnten Ebenen handelt es sich nur um die operativen Unterschiede, doch nicht um alle eingeschlossenen potenziellen Möglichkeiten. Es gibt unzählig viele Potenziale des Geistes, seine Fähigkeiten scheinen schier unendlich.
Obwohl dieses die allgemeine Lebenssituation des Menschen beschreibt, so ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende. In der Psychologie und Psychoanalyse heißt es, dass sich der Mensch selbst betrügt. Im Bemühen findet sich keine Ehrlichkeit. Das ist so, und muss auch so sein, denn man wird zu einer doppelten Persönlichkeit gezwungen, zum einen bewusst, zum anderen aus dem Unterbewusstsein bzw. Unbewussten heraus. Das bewusste Verhalten im täglichen Leben, in der Familie, im Büro usw. ist bekannt. Doch es gibt auch etwas Privates, das nur jeder von sich selbst weiß. Doch dieses Private ist auf Grund der Flut der bewussten Aktivitäten, die häufig die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, nicht bekannt, da man dem inneren Rufen keinen Glauben schenkt. Ein geschäftiger Mensch, der sich für sich selbst keine Zeit nimmt, weil ihm seine Arbeit, seine Familie, zu wichtig erscheint, weiß nicht einmal, dass er noch eine andere Persönlichkeit im Inneren hat, die erst zum Ausdruck kommt, wenn die täglichen Geschäfte zur Ruhe kommen oder die Familie ihn in Ruhe lässt, und er plötzlich allein vor sich selbst steht. Erst dann, in diesem Augenblick, kommt seine wahre Persönlichkeit zum Vorschein. Spirituelle Sucher erwarten in der Regel keinen derartigen Rückschlag ihrer psychischen Natur, obwohl ihnen bekannt ist, dass ein derartiger Schicksalsschlag früher oder später jeden treffen kann, wenn man den Potenzialen im eigenen Selbst nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt.
Darum erschaffen spirituelle Sucher eine künstliche Atmosphäre des Alleinseins in sich selbst. Dabei handelt es sich nicht um ein wirkliches Alleinsein, als hätte man allen Besitz oder seinen Job verloren. Sie gehen vielmehr an einen stillen Ort, wie die stillen heiligen Orte in Indien, und bleiben mit sich allein, ohne Kontakt zu anderen, irgendwo verborgen. Wer so über einen längeren Zeitraum, über Monate oder Jahre, lebt, erschafft in sich eine Atmosphäre, die der ähnelt, als hätte man wirklich alles verloren. Zu diesem Zeitpunkt, wenn das Bewusstsein seine intensive Arbeit einstellt, treten die inneren Rufe, das unausgereifte Saatgut ins aktive Bewusstsein, und man fühlt, wer man wirklich ist. Man fühlt sich plötzlich unglücklich. Nach einigen Jahren an einem abgeschiedenen Ort fühlt man sich total unglücklich. Man sollte nicht dem Trugschluss unterliegen, dass man sich nach einer tiefen Meditation unbedingt wie ein Engel fühlt. Nichts ist unmöglich. Manchmal beschleichen den Meditierenden irgendwelche Schreckensvisionen aus unbekannter Quelle. Manchmal kommen die Menschen nach einiger Zeit von abgeschiedenen Orten zurück in die Städte, nur um nicht verrückt zu werden, denn sie können dem Druck der frustrierenden Gefühle, die sie übermannen, nicht mehr standhalten. Ansonsten hätten sie den inneren Wünschen nachgeben müssen, die sie an diesen abgeschiedenen heiligen Orten nicht hätten erfüllen können.
Doch trotz allem lohnt es sich zu erfahren, wer man ist. Die Notwendigkeit, all die inneren Potenziale zu erkennen, tritt zutage, weil man aus all diesen Potenzialen besteht. Unbekanntes existiert nicht. Unbekannte Potenziale sind auch nichts anderes als das, was man ist. Darum ist es notwendig, sein eigener Psychologe zu sein. Man sollte sich dabei nicht wie ein Lehrer zu seinem Schüler verhalten, sondern man sollte erkennen, wie der eigene Geist funktioniert. Wenn man glücklich ist, warum ist man dann glücklich? – was geschieht dabei im Geist? Wenn man plötzlich depressiv wird, was passiert dann? Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Häufig ist der Mensch derart mit seinem bewussten Leben beschäftigt, sodass er sich missmutig fühlt, melancholisch oder gar depressiv wird. Er kann dann nicht in sich gehen, um herauszufinden, was in ihm vorgeht. „Ich fühle mich nicht. Ich mag nicht essen. Lasst mich in Ruhe. Ich will mich hinlegen oder spazieren gehen, einen Ausflug machen.“ Diese Gedanken erheben sich auf Grund eines plötzlichen Schattens, der sich auf den Geist legt, nur weil man ihn nicht versteht.
Doch es ist notwendig zu verstehen, was im Geist vorgeht. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht oder ist keine Entschuldigung. Wenn man unglücklich ist, muss man wissen, warum man unglücklich ist. Ein ‚Ich weiß nicht’ hilft kein Stück weiter. Jeder muss das Naturgesetz kennen lernen; das gilt für die Gesellschaft und für die eigene Persönlichkeit. Darum befasst sich die Psychoanalyse mit den Tiefen dieser mentalen Funktionen und klärt den Menschen über seine selbstzufriedene Sichtweise auf, der glaubt, es wäre alles in seiner Ordnung. Der Mensch ist nicht der Engel, der er glaubt zu sein, oder den er in der Gesellschaft darstellt. Der Mensch ist im Inneren eine ungehobelte Materie, die nur zum Vorschein kommt, wenn man hart an ihr rüttelt. Dieses Rütteln an den inneren Potenzialen findet statt, wenn entweder die bewussten Aktivitäten aufhören, weil man im Augenblick erschöpft ist, oder weil bewusste Aktivitäten auf Grund der äußeren Umstände in der Gesellschaft unmöglich sind, Die Psychologie, besonders auf dem Feld der Psychoanalyse, hat festgestellt, dass man vielmehr aus einer Wolke von Unwissenheit als aus strahlendem Wissen besteht. Insoweit wie der Intellekt, der rationale Verstand, vernebelt und die Ausbildung unzureichend ist, kann man sagen, dass selbst die Kultur, in der man lebt, auf eine Vernebelung hinweist, die man augenscheinlich selbst offenbart, d.h. Bedingungen für eine Unwissenheit darstellen, sogar für das Erkennen bzw. Wissen.
All das Wissen, die ganze Ausbildung, die Kultur, ist eine Art Spiegelbild für die Unwissenheit über die Werte des Lebens. Hierin liegt der Grund, egal ob gebildet, Kultur oder nicht, für das Unglücklichsein, das sich früher oder später einstellt. Die Menschen haben weder die Macht, die sie glauben zu haben, noch sind sie in der Weise glücklich, wie sie es gern wären, oder gar wertvoll, - für nichts gibt es irgendwelche Vorrechte. Dieses ist eine Seite der menschlichen Persönlichkeit, die die Psychologie zutage fördert. Man ist das, was man im sozialen Leben darstellt, und man ist auch das, was man im persönlichen Leben ist.
Der indische Gegenpart der westlichen Psychologie hat seine eigene Theorie, die weit ausführlicher die Inhalte der tieferen Potenziale beschreibt, was im Westen als ‚Unbewusstsein’ bekannt ist. In der östlichen Philosophie bezeichnet man die ‚Anandamaya Koshas’ als die tiefsten Winkel des individuellen Selbst. Diese ‚Anandamaya Koshas’ oder die unbewussten Ebenen der eigenen Persönlichkeit sind nicht etwas, was nur in diesem Leben entstanden ist. Man wird nicht plötzlich aus dem Nichts in diese Welt geboren. All die Erfahrungen, Vergnügen und viele andere Dinge werden durch Handlungen und Reaktionen nicht nur in diesem Leben erschaffen. Westliche Psychologen können nicht akzeptieren, dass ein vorangegangenes Leben stattgefunden haben könnte, das für die gegenwärtigen Erfahrungen verantwortlich ist. ‚Anandamaya Kosha’ oder das tiefste Unbewusstsein ist der Speicher der Potenziale, Gefühle, die man im eigenen Selbst verwahrt, und die man in vorangegangenen Geburten erfahren und seit Urzeiten durchlaufen hat.
Die gespeicherten Potenziale im ‚Anandamaya Kosha’ oder Unbewusstsein blühen nicht alle urplötzlich auf, jedoch schrittweise, so als würde es in nur einigen Teilen der Welt regnen, während andere davon verschont blieben. Auch das auf dem Acker verteilte Saatgut, das im Frühjahr ausgebracht wird, geht nicht immer überall gleichzeitig auf, d.h., die Bedingungen sind nicht überall gleich gut. Ähnlich verhält es sich mit den gespeicherten Potenzialen, die sich unter bestimmten Bedingungen im bewussten Leben offenbaren. Der Prozentanteil, der sich unter bestimmten Aspekten aus dem tiefen Speicher offenbart, wird als ‚Prarabhda Karma’ bezeichnet. ‚Prarabhda’ ist nur ein einzelner Artikel eines Geschäftes, der vom Verkäufer besonders feilgeboten wird. Im Inneren des Geschäfts gibt es ein weitaus größeres Spektrum von Waren. Das, was man erfährt, nennt man ‚Prarabhda Karma’, was bedeutet, dass dies nicht alles ist, was man im derzeitigen Leben erfährt. Es bedeutet auch, das man nicht alles erfahren kann, was gespeichert ist, da die weltlichen Bedingungen derzeit die Offenbarungen all dieser Potenziale nicht zulassen.
Der Mensch sollte ein kosmisches Individuum sein, seinen Geist auf den ganzen Kosmos ausdehnen, damit alle im Kosmos gespeicherten Potenziale in Aktion treten können, doch der Mensch ist nicht kosmisch und darum können kosmische Potenziale nur eingeschränkt wirksam werden. Der individuelle Mensch verfügt nur über eine begrenzte Kapazität und kann deshalb nicht alle Potenziale offenbaren. In zukünftigen Geburten können andere Potenziale in Erscheinung treten, und man wird dann eine völlig andere Persönlichkeit sein. Das nächste Leben wird sicherlich ganz anders verlaufen als das jetzige, auch die Erfahrungen werden andere sein, vielleicht ist man nicht männlich oder weiblich wie jetzt, sondern umgekehrt. Man wird ein völlig anderer Mensch sein, ob man es will oder nicht. Im Kern des Menschen sind so viele Möglichkeiten verborgen.
Darum sollte man sich, wie es in der indischen Psychologie heißt, nur auf das jetzige Leben mit all seinen bewussten Möglichkeiten konzentrieren. Ähnliche Anmerkungen findet man auch in der westlichen Psychologie, wobei man hier nicht so tief hinabsteigt, nämlich, dass die Vision der im menschlichen Geist offenbarten Dinge eine künstliche Projektion sind und nicht einmal alles widerspiegeln, was möglich wäre. Darum gibt es für das Individuum, wenn die Gelegenheit günstig ist, eine Chance, zu den Basisinstinkten zurückzukehren, obwohl sich der Mensch nicht immer wie ein instinktives Tier verhält.
Ein neugeborenes Kind scheint die geistigen Komplikationen nicht zu haben, denn all die Instinkte schlafen noch tief verborgen, und es kennt auch keine bewussten Wünsche. Es verfügt hauptsächlich über eine biologische und kaum über eine psychische Existenz. Es lebt, es atmet, doch kann es noch nicht wie mit einem entwickelten bewussten Geist denken. Schrittweise entwickeln sich die Fähigkeiten zur Offenbarung dessen, was latent in ihm verborgen liegt. Im Leib der Mutter hatte sich das Kind biologisch entwickelt, und die Frage psychischer Funktionen hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erhoben. Schrittweise offenbaren sich seine Möglichkeiten je mehr es sich der Gesellschaft bewusst wird, und erkennt, was in seinem eigenen Selbst verborgen liegt.
Hunger und Durst sind die primären Instinkte des menschlichen Individuums. Alles Andere kommt danach. Wenn alles vergeht, dann bleibt nur das. Der Mensch will essen, trinken und atmen, - das sind seine Grundbedürfnisse, nichts Anderes. Unmenschliche Lebensbedingungen können ihn zurück zu diesen Grundbedürfnissen bringen, - Essen, Trinken und Atmen. Diese Grundbedürfnisse und die biologische Existenz kann man im Neugeborenen beobachten. Doch im Laufe seines Lebens wird alles immer konstruierter, nämlich dann, wenn sich die nach außen strebenden Impulse auf Grund intensiver Aktivitäten zum Selbstschutz und zur Selbsterhaltung offenbaren. Das Kind bewegt Himmel und Erde, um zu sehen, ob es überlebt, und es will und muss unter allen Umständen überleben. Aus Sicht der westlichen Psychologie ist der entwickelte Geist lediglich eine Art von Instrument, das biologische Instinkte nutzt. Aus dieser Sicht ist der Mensch, selbst beim heutigen Verständnis, von Grund auf biologisch, animalisch, voller Instinkte, wie ein Untermensch, und die so genannten Kulturen der Menschheit und die Ausbildung der Menschheit sind lediglich äußere Umstände, die auf Grund biologischer Bedingungen, zum eigenen Überleben erschaffen wurden. Das ganze soziale Leben ist egoistisches Leben. Dieses wäre die Schlussfolgerung der Psychoanalyse. Grundsätzlich ist jeder insoweit selbstsüchtig, wie er von Tieren nicht unterschieden werden kann.
Die Vision des Lebens bedarf hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Verwicklungen einer besonderen Betrachtung, mehr noch als das gesellschaftliche, kulturelle Leben oder die Ausbildung des Menschen, wie sie heutzutage verstanden wird. Es ist nicht zu leugnen, dass es einige Entdeckungen in der heutigen Psychologie oder Psychoanalyse für ein privates Leben in der modernen Welt gibt, wenn man überhaupt von einem Privatleben sprechen kann. Man ist niemals wirklich privat. Man ist immer mit jemand zusammen, sei es in der Familie, im Büro, in der Stadt, im Zug, im Flugzeug oder sonst irgendwo. Man ist niemals wirklich allein. Man ist niemals nur mit sich allein, und darum kennt man sich selbst auch nicht wirklich richtig.
Die Probleme, die die Menschheit heutzutage plagen, werden, durch dieses System des Herausfindens von Ursachen - als Resultat versteckter Potenziale - des Unglücklichseins, bedingt durch das soziale Leben, nicht bewusst, wodurch der individuelle Mensch nicht so frei handeln kann, wie er es vielleicht gern wollte. Es ist unbestritten, dass es innere Potenziale in der Anandamaya Kosha, der unbewussten Ebene, gibt. Manchmal macht man Erfahrungen, die aus dieser unbewussten Ebene durchscheinen, was bzgl. der Traumwelt nicht immer richtig erkannt wird. Die indische Psychologie geht tiefer als die westliche und sagt, dass im Menschen etwas Ewiges wirken muss, was psychologisch nicht immer begründbar ist.
Und doch ist die Vision der Psychologie, aus dem Winkel, aus dem sie schaut, vollkommen wahr. Sie ist wahr. Sie ist jedoch in ihrer Sichtwiese individualisiert und bezieht nicht die nicht-individualisierten Beziehungen des Menschen mit ein. Zu einem früheren Zeitpunkt wurden bestimmte Aspekte der menschlichen Natur betrachtet, die nicht individualistisch waren. Aus Sicht der Psychologie und Psychoanalyse sind die Menschen nur Individualisten, wie Tiere. Das ganze menschliche Leben ist aus Sicht der tief verborgenen Kräfte mental konstruiert, sodass das bewusste Leben eine Arena tiefer Sorgen darstellt, was allerdings den Menschen glücklich zu machen scheint.
Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. In all den vergänglichen Besitznahmen und Erfahrungen befindet sich im Inneren etwas Ewiges. All die Probleme und Sorgen des Leben sind falsch wahrgenommene Anordnungen oder vielmehr Gestörtheiten im Verhalten des individuellen menschlichen Geistes. Grundsätzlich besteht der Mensch in seinem Wesen nicht nur aus Sorgen. Die menschliche Natur ist kein Bündel, das nur aus Kummer besteht. Im Grunde ist sein Dasein eine Vorbereitung für ewiges Glück. Doch dieses Glück kann nicht unter den Bedingungen eines persönlich empfundenen Drucks erfahren werden, der durch alle Arten falscher Manöver seines eigenen verhaltensgestörten Geistes situationsbezogen zum Ausdruck kommt. Darum scheint die Betrachtung des Materialismus, Humanismus, der Psychologie nicht alle Möglichkeiten der menschlichen Natur abzudecken. Darüber hinaus ergeben sich weitere Fragen. Wenn die menschliche Existenz von all ihren Problemen befreit wäre, sie in seinem sozialen Umfeld glücklich wäre, sie alle irdischen Werte besäße, d.h., inklusive all dieser Dinge, ergeben sich weitere Fragen. Ein ‚Mehr’ befindet sich hinter dem ‚Mehr’, das dem Menschen zur Verfügung steht. Das Leben besteht aus ‚immer mehr’ und die Frage nach immer mehr Möglichkeiten mit einem Ende, das niemand erreichen kann. Unendlich scheinen die Potenziale des Individuums, und er verfügt nicht bloß über eingeschränkt soziale Möglichkeiten.
Auf diese Weise scheinen die Betrachtungen der verschiedenen Visionen des Lebens offensichtlich interessant, sehr scharfsinnig in den Untersuchungen und für bestimmte Lebensumstände zutreffend und umfassend zu sein. Welche Beschreibung man auch immer man über den Menschen hat, auch wenn sie in sich vollständig zu sein scheint, so ist sie es doch nicht. Niemand kann wirklich beschreiben, was menschliches Sein ausmacht oder ist. Obwohl es Beschreibungen aus Sicht des Körpers, der sozialen Beziehungen, der Werte, des Besitztums usw. gibt, d.h., all diese Definitionen und auch die Bio-Daten des individuellen Menschen gäben kein umfassendes Bild des menschlichen Individuums ab. Es gibt noch etwas mehr über ihn, was das menschliche Gehirn kaum erfassen kann. Es gibt eine Maskerade des Unendlichen im Individuum, einen unendlichen Ruf nach Erkennung, selbst in der Mitte des steten vergänglichen Wandels.
Die universale Vision
Eine tiefergehende Wahrnehmung des Lebens fand man in alter Zeit mit einem Konzept, das als vierfaches Ziel der menschlichen Existenz bekannt wurde. Das Streben der menschlichen Seele ist mit keiner Art von Philosophie oder Evolution von Objekten vergleichbar, egal ob man es nun gesellschaftlich, materiell oder anders betrachtet. Die menschliche Seele verweigert Vergleiche mit irgendwelchen Dingen in dieser Welt, obwohl sie offensichtlich mit allen Dingen in der Welt in Verbindung steht. Einerseits durchdringt sie alle wahrnehmbaren Werte des Lebens und steht andererseits über ihnen. Die Ziele des menschlichen Lebens können zu einem wohl durchdachten vierfachen Muster des Strebens zusammengefasst werden, d.h. dharma, artha, kama und moksha.
Alle materiellen Werte des Lebens kann man als artha bezeichnen. Alles, was durch die Sinnesorgane berührt werden kann ist artha. Alles, was man besitzen kann, ist artha. Alle materiellen Dinge/ Werte, die dazu dienen, den Körper zufrieden zu stellen, sind artha. Artha ist ein Begriff aus dem Sanskrit, er bedeutet: ein Objekt der Wahrnehmung und letztendlicher Inhalt des Bewusstsein. Artha ist das Endergebnis aller Formen aus den sinnlichen Aktivitäten. Kama ist der psychologische Wert menschlichen Lebens. Dharma ist der menschliche Wert, der sich gleichzeitig selbst übertrifft, über sich selbst hinauswächst und mit einem übermenschlichen Zugriff eines kosmischen Prinzips einen Punkt über sich selbst erreicht. Durch eine intelligent angelegte Untersuchung in diese Struktur, d.h. in das gleichzeitige Zusammenkommen von dharma, artha und kama, wird es letztendlich bestätigt.
Der spirituelle Wert des Lebens wird im Allgemeinen als moksha bezeichnet, ein schwieriger Begriff, der linguistisch sowie von seinem philosophischen Inhalt nur schwer zu verstehen ist. Die Evolution des menschlichen Lebens ist von diesem Standpunkt aus eine Evolution allen Lebens. Wenn sich das menschliche Individuum auf die Ebene des spirituellen Strebens erhebt, hört der Mensch auf, eine beschränkt individuelle und soziale Einheit zu sein. Er wird zu einer Verkörperung, zu einem Instrument, das über allen individuellen Werten oder sozialen Beziehungen steht.
Es gibt eine vielschichtige Betrachtung der Anforderungen im Leben, wenn man sie aus Sicht der individuellen menschlichen Seele betrachtet. Die individuelle Seele bietet ein umfassendes Feld an Erfahrungen, - man kann es nicht anders bezeichnen, - sie lässt nichts außerhalb von sich selbst zu. Die Seele ist alles und jedes, obwohl das menschliche Verständnis auf eine physische Evolution der Dinge beschränkt ist, wird angenommen, dass die Seele etwas ist, was sich im Inneren des individuellen Menschen befindet.
Das, was man Seele nennt, ist auch als Spirit bekannt, das dem Menschen innewohnt und dem Leben die Bedeutung verleiht. Spiritualität ist der Charakter des Spirits. Es ist die Natur des tiefsten Wesens allen lebendigen Seins. Es ist das, was jeder Art des Strebens, des Wünschens oder des Engagements auf allen Gebieten des Lebens die Bedeutung verleiht. Obwohl es wahr ist, dass auf einer bestimmten Ebene der Erfahrungen, das Leben in physischer Materie involviert und in einer physischen Persönlichkeit verkörpert ist, so ist man auch als Seele in dieser sichtbaren Form, diesem Tabernakel, verkörpert. Insoweit wie man das Einmischen der Seele in den physischen Körper zulässt, muss man auch ihre physischen Anforderungen zulassen und akzeptieren. Die Seele hat Bedürfnisse und niemand sonst. Jedes Bedürfnis, alles Rufen, alle Anforderungen, jeder Wunsch, alles Streben sind Aktivitäten der Seele.
Es ist nur schwer zu verstehen, was das Wort ‚Seele’ wirklich bedeutet. Insoweit wie ihre Bedeutung mit dem Begriff ‚Seele’ verbunden wird, ist sie an die körperlichen Beziehungen gebunden, und doch kann die Seele nicht aus sich selbst heraus betrachtet werden. Man kann die Seele nicht erkennen, ausgenommen man wäre die Seele selbst. Nichts und niemand Anderes als die Seele selbst ist kompetent genug um zu erkennen, was die Seele ist. Keine psychologische Operation oder intellektuelle Aktivität, nicht einmal auf höchster Ebene, ist zu diesem Zweck geeignet. Das Verständnis der seelischen Aktivitäten ist derart umfassend, dass es überhaupt nichts im Leben gibt, wo sie nicht eingebunden wäre, was ihren Geltungsbereich überschreiten würde oder sich ihrer Beurteilung verschließen kann.
Es gibt in Wirklichkeit keine charakteristischen Züge im Leben, wie Materie, Psychologie, Mensch usw. Dieses sind Phasen von Operationen einer einzigen Vision der Dinge, die sich auf Grund der besonderen Betonung einer Ebene, eines bestimmten Aspektes, scheinbar voneinander unterscheiden. Wenn man sich auf die Wahrnehmung einer durch die Sinnesorgane erfassten Sache konzentriert, scheint man nur diese eine so genannte Sache (Materie), diesen einen Wert des Lebens zu erkennen, denn die Sinne können nur damit in Berührung kommen, was sie als Materie ansehen. Doch damit, was sich als Materie bei der Berührung durch die Sinne offenbart, ist der Bedarf der Sinnesorgane bei der Betrachtung der Dinge nicht ausgeschöpft. Selbst die Sinnesorgane können nicht vollständig durch materielle Objekte zufrieden gestellt werden. Wenn Nahrungsmittel als Materie von den Sinnesorganen erfasst werden, selbst im Übermaß genossen und mit völliger Sättigung verbunden, wird diese Situation noch nicht die Wünsche der Sinnesorgane beenden.
Auf diese Weise ist die Wahrnehmung der Sinne, die sich von Grund her nur auf Materie und Objekte richten, nicht zufrieden gestellt, selbst für die Sinne nicht. D.h., was auch immer den Sinnen zur Verfügung gestellt wird, stellt sie nicht zufrieden. Doch der zufrieden stellende Charakter von Objekten, die den Sinnen zur Verfügung stehen, deutet auf einen Zustand hin, der sich jenseits der bestimmten Ebene der Zufriedenheit befindet. Das Sehnen nach Sinnesobjekten ist natürlich ein Rufen nach einer Art von Glück, wobei man glaubt, dass man dieses Glück, von den äußeren materiellen Objekten bekommt. Doch die Unzufriedenheit, die der Zufriedenheit durch die Berührung der Sinne mit den Objekten letztendlich folgt, ist ein Hinweis auf eine höhere Verwicklung.
Warum ist man unzufrieden, selbst wenn man zunächst durch die sensorische Berührung zufrieden gestellt war? All die Materie in der Welt, nach denen sich die Sinne als ihre Kost sehnen, hinterlässt keine Zufriedenheit. Dieses artha, nach dem man sich gesehnt hat, wurde durch eine innere Operation, genannt kama, in gewisser Weise zum Stillstand gebracht, doch sie hinterlässt gleichzeitig eine Lücke, ein Vakuum. Nach all der Zufriedenheit, nach Erfüllung eines Wunsches, der Zufriedenstellung des kama (Verlangen) durch das Erreichen von allem (artha); nach dieser so genannten Erfüllung, dem Zustand, wo man voller Freude über das Erreichte ist und die Sinne durch ihre Berührung eines Objektes überwältigt hat, indem man sie zufrieden stellte, empfindet man letztendlich eine Leere.
Die Sinnesobjekte, die Dinge, die man sich auf Grund des Karmas wünscht, rauben Energie, saugen den Menschen aus und hinterlassen ein Gefühl von Leblosigkeit. In der Brihadaranyaka Upanishad findet man für die Sinnesobjekte einen interessanten Namen, während für die Art und Weise, in der die Sinnesorgane in Bezug auf ihre Objekte wirken, ein anderer Name zum Tragen kommt. Der Griff der Sinne, - deren einzige Absicht es ist, Sinnesobjekte zu ergreifen, - und weil sie alles ergreifen, was um sie herum zur Verfügung steht, bezeichnet die Upanishad diese Sinnesaktivität als ‚graha’. Sie verhalten sich wie ein Krokodil, das alles festhält, was ihnen vor das ‚Maul’ kommt, wobei die Sinne kein Ende finden.
Doch die Objekte, nach denen die Sinne greifen, haben ihre eigene Art der Begegnung. Interessanterweise werden die Objekte in der Upanishad als ‚atigraha’ bezeichnet, d.h. der größere Fänger. Wenn die Sinne die Objekte fest zupacken, greifen die Objekte die Sinne noch fester zu. Man kann sich nur schwer vorstellen, warum man die Objekte ergreift, und warum die Dinge, scheinbar gewollt, den Menschen in derart angreifen, dass sie den Menschen letztendlich entkräften. Das liegt an einer Unterströmung, die unter der Oberfläche des operierenden Geistes stattfindet, das ‚Verlangen nach Sinnesobjekten’, - kama verlangt nach artha.
Kama ruft nach artha (Objekt). Während es notwendig ist, dass der Ruf nach dem Objekt stark genug sein sollte, um die Bewegung des Objekts zu wecken, sollte das Objekt auch in der Lage sein, in die Natur des Anrufens hineinzupassen. Ein Magnet muss stark genug sein, um Eisenspäne anzuziehen, - die Anziehungskraft wird sich jedoch nicht auf trockenes Stroh auswirken. Die magnetische Anziehungskraft wird nur von bestimmten Elementen, wie z.B. Eisen, wahrgenommen. Darum sollte das Objekt von einem Charakter sein, der der Natur der Operation der Sinnesorgane entspricht. Es muss ein Geben und Nehmen zwischen den Sinnesorganen und dem Objekt stattfinden können. Beide müssen ein Verhältnis zueinander haben.
Es muss eine Art von innerer Beziehung zwischen dem Rufenden, als Zentrum der Zufriedenheit, kama oder Wunsch, und den äußeren Objekten geben. Es gibt eine gegenseitige Beziehung zwischen dem Wunschzentrum und den Objekten, aus denen die äußere Welt besteht. Die innere Beziehung einer gegenseitigen Natur zwischen der subjektiven und der objektiven Seite, die es für jedes Individuum so schwer macht, zum vollständigen Besitzer jeder Art von Objekt zu werden. Diese Situation macht es auch für die Fähigkeit der Objekte schwer, die Sinnesorgane zufrieden zu stellen. Weder können die Objekte jemand vollkommen zufrieden stellen, noch kann irgendjemand alle Objekte der Welt kontrollieren. Das liegt an der Tatsache, dass es bei dem Wahrnehmenden einen nicht-individualen Hintergrund und bei den Objekten der Welt auch einen nicht-objektiven Charakter gibt. Die Objekte sind nicht nur Objekte, und der individuelle Sucher, der Wünschende, ist auch kein vollkommenes Individuum. Es gibt einen unsichtbaren Hintergrund, sowohl bei den Individuen als auch bei den gewünschten Objekten. Dieses führt bei der Berührung zwischen den Sinnen und den Objekten zu einer ungleichen Operation, die nicht bis ins Mark geht, und tatsächlich nicht die Zufriedenheit verspricht, wie es für die Sinne den Anschein hat. Die Aktivität des Geistes mit den Sinnen in Bezug auf die Objekte, bekannt als artha, durch die Operation, die als kama bekannt ist, ist letztendlich ein vergeblicher Versuch, bis ein anderes Prinzip in Aktion tritt, um Beides zu einem Miteinander zusammen zu führen.
Dieses zementierende Prinzip belässt weder die subjektive noch die objektive Seite als beziehungslose Elemente. Das Prinzip, das Beide zu einer lebendigen Beziehung zusammenführt, wird als dharma bezeichnet. Das ist ein anderer seltsamer Begriff, dessen Bedeutung auf verschiedenste Weise interpretiert wird. Das Gesetz eines Dings wird dharma genannt. Das Prinzip, das sich an der Wurzel von allem befindet, ist dharma. Das Wesen der Dinge wird dharma genannt. Das, was allem die Stabilität gibt und bewahrt, ist dharma. Wenn man sich selbst als ein selbst-identisches Individuum fühlt, dann geschieht dies auf Grund der Wirkungsweise von dharma. Jede Art von Gesetz kann als dharma bezeichnet werden. Ein Gesetz beinhaltet Ordnung und System. Chaos wird durch das Wirken von dharma verhindert.
Dharma wirkt automatisch, - es ist kein Instrument, durch das jemand Einfluss nimmt. Die Welt scheint auf Grund eines spontanen Charakters als Ganzes stabil und durch sich selbst zusammengehalten zu werden. Dharma ist der selbst-geltendmachende Charakter der Welt, des ganzen Universums, durch das sich die Welt selbst als ein vollkommenes Individuum erhält. Dharma lässt es nicht zu, dass das Universum chaotisch wird oder in Unordnung gerät. Es ist das Prinzip, das derart wirkt, dass die Dinge so sind, wie sie sind, und nicht anders sein können. Die Stabilität der Dinge kommt durch ein unsichtbares Gesetz, das man als dharma bezeichnet.
Konflikte werden durch dharma vermieden, wann immer es in irgendeiner Ebene wirkt. Es gibt Abstufungen und unterschiedliche Intensitäten des dharma-Prinzips. Es wirkt sich auf bestimmten Ebenen nur milde aus, und bei anderen Gelegenheiten sehr stark und mächtig. Mit der Intensität, wie der Körper wahrgenommen wird, die Heftigkeit, mit der die Gefühle zum Ausdruck kommen, dass man nur eine kleine Person und nichts weiter darstellt, ist ein Beispiel für die Intensität, mit der dharma handelt, um zum Beispiel eine Art von Untrennbarkeit von einer bestimmten Örtlichkeit zu bewerkstelligen.
Doch die Kraft von dharma ist bei sozialen Bindungen nicht so intensiv. Die Art und Weise, in der sich ein Individuum durchsetzt, indem es sich als eine ganz besondere Persönlichkeit behauptet und als nichts anderes, ist in seiner Selbstbehauptung weitaus intensiver als er sich als Mitglied der menschlichen Gesellschaft behauptet. Es fühlt sich in seiner körperlichen Form zur menschlichen Gesellschaft gehörig, doch diese Beziehung ist nicht sehr intensiv, wie das Gefühl bzgl. des eigenen Selbst. Die Aktivität des dharma, diese Kraft von Geschlossenheit in der Bewahrung der Individualität einer Sache, steht an erster Stelle, wenn man sie mit den sozialen Beziehungen, Zu- und Abneigungen zu anderen Formationen, Artgenossen, vergleicht.
Es existiert ein Band zwischen Dingen, ein Band, das mit Handlungen und Gegenhandlungen agiert bzw. reagiert, d.h. in beide Richtungen, gelenkt durch Mögen und Nichtmögen. Diese Kraft der Aktionen und Reaktionen beruht auch auf der Aktivität von dharma. Es verursacht eine Beziehung zwischen den Dingen, entweder durch Anziehung oder durch Abneigung. Doch dieses ist nur eine Art von künstlicher Handelungsweise, indem es beispielsweise eine soziale Verbindung vorschlägt, - alle Beziehungen, die von ihrer Natur aus nach außen gerichtet sind, sind von Grund auf keine natürlichen Dinge. Das individuelle Ziel im Leben beruht nicht auf befehlsmäßige Arrangements mit Dingen, die man als etwas Äußeres betrachtet, das gilt auch für Beziehungen wie bei der Familie, Gesellschaft usw. Selbst bei sozialen Beziehungen herrscht ein ständiges übergeordnetes Gezerre vor, sodass soziale Beziehungen nicht alles sein können.
Dharma ist nicht nur eine Kraft, die in der materiellen Welt mithilfe der Gravitation wirkt, sondern es ist weitaus mehr als das. Es wirkt als biologische Verbindung in einem lebendigen Sein, als psychologische Verbindung, wo Verstand und Intellekt arbeiten, und es ist eine universale Verbindung, wo Spirit direkt wirkt. Darum ist dharma auf allen Ebenen des Lebens gegenwärtig. Dharma findet man in der physischen Welt. Es wirkt, wie erwähnt, durch die Gravitation bei der Anziehungskraft von Körpern, beim Leben auf Erden und im planetaren Raum gleichermaßen. Selbst Liebe und Hass, psychologische Gefühle usw. sind ebenfalls eine Art von Anziehungskraft, ebenso das Antreiben oder Abwehren.
Jedes zweckmäßige Zusammenkommen von Partikeln, die sich zur Formation eines intelligenten Ganzen bilden, sei es auf materieller, biologischer, psychischer oder rationaler Ebene, beruht auf dem Handeln von dharma. Dharma ist das, was standhält, beschützt, bewahrt und stabilisiert. Überall findet eine faszinierende Operation statt, die von den Sinnesorganen nicht erfasst werden kann. Die Wechselwirkung zwischen den Sinnesorganen und den Objekten, das gegenseitige Geben und Nehmen, ist ein Indiz dafür, dass es etwas geben muss, das sich jenseits des Zugriffs von Individuum und Objekt befindet. Der Mensch neigt dazu, sich auf Objekte zuzubewegen. Er bedarf der Dinge in der Welt, nicht weil den Dingen irgendetwas Wertvolles anhaftet, sondern weil er ein Rufen fühlt, das von diesen sichtbaren äußeren Formen ausgeht, ein Rufen, das nicht von den Dingen selbst ausgeht, sondern von etwas, das ihnen innewohnt und auch bei der Wahrnehmung gegenwärtig ist.
Dieses Bedürfnis zusammenzukommen ist die Liebe des Lebens und die Furcht vor dem Tod. Es wirkt auf dreifache Weise, d.h. in dem inneren Wunsch nach irgendwelchen Dingen, in der Anziehung der äußeren Objekte und in der Wahrnehmung der Dinge, die man in einem völlig anderen Licht sieht. Der Wissende, das Wissen und der Wissensprozess sind die drei Phasen, in denen die Anziehungskraft wirkt. Was ist das für eine Anziehungskraft? Sie kommt weder allein von innen noch allein von außen oder gar aus der Mitte zwischen beiden. Es ist vielmehr eine Kraft, die von überall herkommt. Tatsächlich bezieht sich die Liebe des Lebens nicht nur auf einen bestimmten Körper, obwohl es manchmal so scheint. Es ist auch keine Liebe für äußere Objekte, keine Liebe für den Besitz von Dingen. Es ist eine völlig andere Liebe, die von allen Ecken und Winkeln ausgeht, aus allen Richtungen kommt und über Zeit und Raum steht. Liebe existiert sozusagen überall. Die Menschen rufen nach Gott, dem Zentrum der Liebe, identifizieren Liebe mit Gott und Gott mit Liebe. Es gibt einen ganz wichtigen Punkt dabei, denn es ist der Ruf des Selbst nach sich selbst.
All dieses soll eine ungefähre Vorstellung davon vermitteln, was dharma als zementierender Faktor zwischen den Objekten steht, d.h. den arthas (Objekten) und dem kama, dem Ruf/ Verlangen nach ihnen. Dharma deutet auf die Befreiung der rufenden Natur von der Umklammerung der Objekte und auch auf die Befreiung von diesem Impuls des eigentlichen Rufens hin. Der Mensch ist in zweifacher Weise an diese Welt gebunden, d.h. durch den Druck des Rufens nach Dingen, das sich aus dem Inneren des Menschen erhebt, und auch durch die Anziehungskraft, die von den Objekten ausgeht. In der Sprache der Upanishads heißt das: sie sind atigrahas, größere Fänger oder Greifer.
Man weiß eigentlich nicht und kann auch logisch nicht erfassen, was wirklich geschieht. Was geschieht eigentlich im Menschen? Warum sind die Dinge, was sie sind? Warum muss die Welt genau so sein, wie sie ist, sichtbar oder unsichtbar? Warum findet die Schöpfung so statt? Warum ist man glücklich oder unglücklich? Warum will man heute dieses und morgen das? Warum hat man den Wunsch, lange zu leben und warum fürchtet man sich vor dem Tod? Was ist mit dem Menschen los? Warum gibt es im Leben dieses Gemisch von Ordnung und Unordnung, die den Menschen von einem Augenblick zum anderen in Angst und Schrecken versetzen kann, wobei niemand weiß, was eigentlich vorgeht, und niemand weiß auch, was man wirklich in dieser Welt benötigt?
Diese schwierige Frage, ‚was das Leben ist?’, die sich über den Menschen erhebt, kann von niemand beantwortet werden, der diese Frage stellt. Denn diese Frage kommt von einem Zustand der Existenz, der sich jenseits des gegenwärtigen Zustands befindet. Der Wunsch, nach Beantwortung dieser Frage, wohnt in jedem lebenden Sein, ist Teil seiner Natur und steigt aus tiefstem Winkel seines Seins empor. Diese Frage kann nicht durch den Besitz von Dingen zufrieden gestellt werden, artha; sie übersteigt auch das Rufen der Psyche, kama; und übersteigt auch das Gesetz von dharma; - dieses unerklärliche Rufen kann weder dem handelnden Gesetz in der Welt noch der Gegenwart der Dinge oder dem Wünschen zugeordnet werden. Diese unergründliche, unbekannte, unvorstellbare, unerklärliche, unbeantwortbare Position, die das Leben einzunehmen scheint, ist gleichzeitig die Antwort auf diese Frage des Lebens, - in einer rätselhaften Art und Weise, genannt moksha oder Befreiung.
Die Sehnsucht nach Freiheit ist der Hintergrund des Wünschens nach dem Besitz von Objekten, artha. Man wird zum subjektiven Handeln gedrängt, das sich aus der wünschenden Natur in Bezug auf die Dinge erhebt, was das Wünschen tatsächlich von der äußeren Welt erwartet. Man wird durch das innere Rufen zum subjektiven Handeln gedrängt. Das ist keine Freiheit. Zu einem Subjekt auf inneren Druck in Form eines Wunsches zu werden, ist vielmehr Sklaverei als freiheitliche Entscheidung zu nennen. Man kann nicht fei entscheiden, ob man sich etwas wünschen möchte. Man agiert nicht frei, wenn man nach Objekten verlangt, sondern man macht genau das Gegenteil: man unterliegt dem Druck des Wünschens.
Selbst wenn Objekte gefunden wurden, nach denen die Wünsche zu ihrer Erfüllung verlangt hatten, wird man weiterhin zum Subjekt einer anderen Art gepresst, d.h. bezüglich der Vielzahl der Objekte, auf die sich der Wunsch richten kann. Die Vielzahl ähnlicher Dinge in der Welt ist also eine weitere Schwierigkeit, die sich ergibt, Zufriedenheit zu finden, selbst wenn die gefundenen Objekte dem Wunsch entsprechen könnten. Eine unendliche Zahl von Objekten breitet sich vor dem wünschenden Individuum aus. Auf der einen Seite ist eine Beschränkung, gefühlt durch den Druck, ausgelöst in Form des Wunsches, kama, und auf der anderen Seite tut sich eine viel größere Schwierigkeit in Form der scheinbar unzähligen möglichen Objekte auf, die sich vor den Sinnesorganen ausbreiten. Auf keiner Seite kann man von Freiheit sprechen.
Die wirkliche Freiheit, die man von der Befriedigung der Sinne erwartet, stellt sich aus den erwähnten Schwierigkeiten nicht ein, - der innere Impuls von innen versiegt genauso wenig wie die schier endlose Vielzahl von Objekten außen. Worin liegt die Lösung? Die Lösung liegt darin zu akzeptieren, dass Freiheit die Natur des Lebens ist, und dass sie sich von jeder Art von nach außen gerichteten Zielen oder psychologischen Operationen unterscheidet, denn es ist die Freiheit vom Wünschen, überhaupt etwas zu berühren. Die Freiheit, die man scheinbar durch die Freude der Berührung mit äußeren Dingen empfindet, ist in Wahrheit keine Freiheit, sondern Freiheit ist das Ende vom Wünschen. Wenn man sich frei fühlt, weil man erreicht hat, was man wollte, dann ist man nicht wirklich frei. Man ist nur frei, wenn man feststellt, dass man eigentlich nichts braucht. Darum liegt die Freiheit der Seele nicht in der Akquisition von Objekten, sondern Freiheit ist der Zustand, wo man keinen Kontakt mehr mit Objekten benötigt.
Wie kann man Freiheit überhaupt in einem Zustand erkennen, wenn man überhaupt keinen Kontakt zu irgendwelchen Objekten benötigt? Dieses liegt an der Tatsache, dass die Welt nicht wirklich aus Objekten besteht. Die Natur der Welt, in der wir leben, ist nicht nach außen gerichtet, sondern universal. Die Welt ist eine Schöpfung Gottes. In den Schriften steht geschrieben, dass Gott der Allmächtige sich selbst als diese Schöpfung offenbart. Gott, der alles-in-Allem ist, vollkommen und unendlich, hat sich selbst als Kosmos offenbart.
Das Unendliche hat sich selbst durch einen Prozess in andere Formen verloren, die ebenfalls unendlich sind. Diese Bündelungen von Unendlichem, eines über dem Anderen, in geheimnisvoller Weise gestapelte Vollkommenheiten, werden in einem Mantra der Brihadaranyaka Upanishad beschrieben: purnam adhah purnam idam purnat purnam udacyate; purnasya purnam adaya purnam evavasisyate. Die Fülle ist das Allmächtige, die in Handlungen Fülle hervorbringt, die in sich selbst vollkommen ist und als Universum bezeichnet wird, wobei der Wille der Schöpfung, die Fülle ist, in keiner Weise durch die Projektion einer anderen Fülle an Vollkommenheit verliert, das ist das Universum oder sein Handeln als Schöpfung, der Prozess der Offenbarung des Universums, - selbst das verliert nicht an Fülle/ Vollkommenheit.
Die Maßnahmen oder Schritte, die Gott in der Schöpfung des Universums unternimmt, sind ebenfalls in sich selbst vollkommen. Die Schöpfung ist eine innere Selbsterfüllung der großen Vollkommenheit, und die große Erfüllung ist das Ziel aller Existenzen; das ist die Bedeutung dieses ‚purnam adah purnam idam’ Mantras. Nichts Partielles, weder Fragmentiertes noch Lokalisiertes kann Individuen zufrieden stellen. Dharma, das alles in seine Handlungen einschließt, versucht alle Dinge zusammenzubringen, um alle Dinge zu erfüllen, denn es beruht tatsächlich auf das Wirken Gottes. Dharma ist Gott selbst, der in der Welt wirkt. In den Vedas wird ein bestimmter Begriff für die Art und Weise gebraucht, in welchem dieses Gesetz wirkt. ‚Rita’ lautet der Begriff, - das kosmische Gesetz. In der Bhagavadgita findet man hierfür das Wort ‚visarga’. Das Universum ist die Projektion eines vollkommenen Musters eines Ganzen, vom Ganzen kommt der Schöpfungs-Wille. Das ist die letztendliche Bedeutung des Dharmas des Universums, - eine Ewigkeit offenbart sich selbst, inklusive Vergänglichem. Selbst die Zeit, die in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft segmentiert ist, und die auf Grund des historischen Prozesses, den sie durchläuft, begrenzt zu sein scheint, ist in sich selbst vollkommen.
Die ganze Schöpfung ist selbst-erfüllt. Diese Selbst-Erfüllung, die Notwendigkeit, eine Vollkommenheit bis ins kleinste Detail dieser fühlbaren Schöpfung zu behaupten, ist die Konsequenz, die überall gegenwärtig ist. Selbst in kleinsten Dingen findet man diese Vollkommenheit, die das Gefühl vermitteln, dass alles-in-allem, vollkommen ist. Eine kleine Ameise ist kein Lebensfragment, sondern ein vollkommenes Sein, alles-in-allem, unabhängig, glücklich und benötigt nichts außerhalb seines Selbst. So verhält es sich mit der ganzen Schöpfung. Selbst ein Atom versucht seine Stabilität durch die Aktivität der Neutronen und Elektronen um seinen Kern herum zu bewahren. Diese Erfüllung ist eine Reflexion Gottes durch kleinste Formen der Erfüllung, Schritte der Schöpfung, bis sie die kleinste Ebene eines Atoms erreicht hat, die auch eine Erfüllung durch sich selbst darstellt.
Das Ganze ist Vollkommenheit, Erfüllung, - purnam, purnam. Alles ist vollkommen. Es gibt keine Fragmente. Fragmente sind unbekannt. Selbst so genannte isolierte zu vernachlässigende Materie ist auch eine Erfüllung in sich selbst. Sie ist vollkommen. Diese Behauptung im Sinne von Selbst-Genügsamkeit und Selbst-Vollkommenheit ist in allen Dingen, auch wenn es sich um kleinste Partikel handeln mag, eine Reflexion der Ganzheit, ein direktes Wirken des Ewigen in allen Dingen. Das Handeln Gottes ist das Wirken des Ewigen, selbst wenn es sich dabei um eine scheinbar vergängliche Operation handelt.
Moksha ist die Seele und dharma ist das Handeln dieser universalen Seele. Satya, der Zustand des Ewigen in absoluter Befreiung, wirkt in dieser Welt als rita oder das Gesetz des Kosmos. Verkörperte Befreiung, moksha, ist dharma. Die Seele des dharma ist moksha, die, wenn sie entweder auf subjektiver oder objektiver Seite segmentiert erscheint, als individueller Wunsch einerseits oder als Objekt der Sinne andererseits zutage tritt. Das vollkommene Universale wird als materielles Universum wahrgenommen, adhibhuta, und die subjektive Seite, adhyatma, ist das Individuum. Das Segmentieren auf der einen Seite dieses Ganzen dient dazu, um sich mit ihm vertraut machen, und auf der anderen wissenden Seite ist der Verstand, der hinter den Wünschen des Lebens steht. Die Aktivität des dharma deutet darauf hin, dass sich die Wünsche - vom Individuum ausgehend - in Richtung auf die äußeren Objekte so offenbaren, dass die Dinge missverstanden werden müssen. Jedes Gesetz in dieser Welt weist darauf hin, dass die Handlungsweise der Individuen von ihrem Standpunkt aus gegenüber anderen Individuen unzulänglich ist. Soziale, politische, ökonomische, psychische Gesetze oder jede Art von Institution oder von System sind ein Indiz dafür, dass es etwas gibt, das den so genannten Fragmenten individueller isolierter Existenzen innewohnt, und dass es etwas sein muss, das über den Individuen steht.
Leben in jeder Form ist ein Ausdruck des Universalen im Individuum, - eine Transzendenz, die durch das wirkt, was aus praktischen Gründen an einem bestimmten Ort handelt. Etwas Örtliches im Raum und eine Begrenzung in der Zeit sind nicht alles. Der Ort ist unerklärlich, wenn er nicht durch bestimmte Bedingungen anderer Formen der Örtlichkeit definiert wird. Man wird sehen, dass letztendlich keine individuelle Existenz wirklich etwas bestimmen kann. Niemand kann überleben, wenn es nicht zu einer Kooperation mit anderen Individuen kommt, was bedeutet, dass sogar die so genannte selbst-behauptende individuelle Existenz etwas ist, das sich jenseits individueller Existenzen befindet. Darum sind soziale Formationen erforderlich, - die Individuen sind mehr noch etwas Anderes, als sie selbst. Es ist unmöglich, sein eigenes Selbst zu beschränken. Es würde zu einer Verkümmerung der Individuen kommen, wenn eine extreme Selbstbehauptung des Individuums erhalten bliebe, ungeachtet jeder Beziehung zu anderen Individuen. Das kooperative Zusammenwirken von Individuen in sozialer Weise beruht auf einer Behauptung des universalen Prinzips, das über den Individuen steht. Darum stehen soziale Gesetze über den Gesetzen des Individuums. Je umfangreicher die Wirkungsweise dieses Gesetzes ist, desto wichtiger, respektabler wird es, und desto erträglicher ist es, und desto mehr Gültigkeit hat es auch, bis diese operativen Gesetze, die vom Individuum ausgehend in immer größeren Dimensionen ihren Höhepunkt erreichen, wo durch ein Gesetz alle Gesetze zusammengenommen verstanden werden. Ein Gesetz steht dann als einziges wirkendes Gesetz und nichts anderes kann außerhalb davon existieren. Es ist ein Gesetz, das niemals geändert werden muss, denn es ist die Ewigkeit, die sich in der Zeit ausdrückt.
Das Konzept der Werte des Lebens, d.h. von dharma, artha, kama und moksha, ist ein geniales indisches Meisterstück, das nichts auslässt, selbst die kleinsten menschlichen Zellen nicht, doch sie stellen das Rufen der menschlichen Natur nicht vollends zufrieden. Während all das menschliche Wünschen in gewisser Weise verständlich ist, so ist dennoch kein Wunsch wirklich vernünftig. Alles, was der Mensch zum Leben braucht, alle Gedanken, Gefühle, Visionen des Lebens dienen der Einschätzung und Beurteilung der Dinge und sind darum für den Menschen als zulässig zu betrachten, doch letzten Endes sind sie es wiederum nicht. Alle Phasen der Vision des Lebens sind aus menschlicher Sicht gültig. Jede Religion ist richtig, eine korrekte Vision der Dinge, und jedes Vertrauen ist auf seine Weise in Ordnung. Jede Vision ist vollkommen, jeder Standpunkt für sich ist richtig und alle Gedanken sind, individuell betrachtet, richtig, dennoch bleiben sie unzulänglich.
Hier muss man sich selbst gegenüber eine gewisse Großzügigkeit entgegenbringen, wenn man seinen eignen Standpunkt verteidigt. Alle menschlichen Standpunkte haben ihre Richtigkeit, doch die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, d.h. der Standpunkt des Ganzen. Es existiert etwas jenseits der Visionen der Dinge, obwohl jede Vision in sich selbst vollkommen erscheint. Da gibt es diese Notwendigkeit eines kooperativen Lebens. Das Leben, das die Welt vom menschlichen Individuum erwartet, ist vielmehr auf Kooperation als auf Konkurrenz ausgerichtet. Die Dinge Welt argumentieren nicht gegeneinander. Sie konkurrieren nicht, wie in der Geschäftswelt, sondern akzeptieren ihre eigenen Beschränkungen und stimmen darin überein, die korrelierenden Aspekte der eigenen Unzulänglichkeiten gegenüber anderen Dingen in der Welt, gegenüber anderen Menschen, d.h. allem, zu akzeptieren. Alles ist sakrosankt, alles ist heilig, jeder ist vollkommen und jeder Mensch ist genauso vollkommen und wertvoll wie alle anderen Menschen. Menschliches Leben ist ein allgegenwärtig, gleichberechtigt aufgeteiltes Streben, um zu existieren, doch kein menschliches Leben ist in sich selbst vollkommen.
Diese ist die Summe aller Gesichtspunkte der so genannten vierfachen purusharthas, d.h. von dharma, artha, kama und moksha. Es sind keine vier Ziele, sondern die vierfache Vision eines einzigen Zieles der Existenz. Jeder befindet sich materiell in seinem eigenen Körper, man operiert psychologisch durch den Geist, man existiert in sozialer Hinsicht inmitten aller Menschen und man ist auch ein Fahrzeug oder Arm einer Ewigkeit, die permanent zur Erfüllung seiner eigenen Selbst-Verwirklichung handelt.
Artha gilt als die objektive Welt, kama als das psychologische Verlangen und dharma will alles in einer kooperierenden Welt am Leben erhalten, - und sie alle zusammen wirken wie Finger in Raum und Zeit einer nicht-vergänglichen Ewigkeit, und deren Namen werden in den Religionen der Welt verehrt. Die Religionen sind wie die verschiedenen Straßen, die zum Zentrum führen, dem Gipfel ewigen Lebens, den man als Befreiung bezeichnet. Doch diese Befreiung (moksha) scheint sich dem mentalen Zugriff zu entziehen. Obwohl es so viele tausendmal beschrieben wurde, bleibt es ein unergründliches Etwas. Welche Vorstellungen über Befreiung bzw. moksha auch immer entwickeln werden, letztendlich scheinen alle falsch zu sein. Es ist in der beschränkten menschlichen Psychologie schwierig, richtige Vorstellungen über wahre Freiheit zu entwickeln, eine Freiheit, ein ewiges Leben, nach dem man strebt. Es erfordert eine ungeheure Disziplin, ein außergewöhnliches Training, das man sadhana marga nennt, den Pfad spiritueller Praxis, der den Menschen für diesen Segen der Ewigkeit vorbereitet, der irgendwann den Übenden von allen Seiten her überschwemmt, - ein Rufen der zentralen Eltern, demgegenüber man Taub und psychologisch dumpf ist, sodass man das Rufen nicht wahrnehmen kann. Spirituelles Leben ist keine philosophische Theorie, es hat nichts mit der Sicht der Dinge zu tun, und es ist auch kein religiöses Ritual, sondern bedeutet ein aktives Leben der wahren Seele, d.h., was man in vollkommener Praxis ist. Es bedeutet Leben und kein bloßes darüber Nachdenken.
Die gegenwärtigen vier Säulen, d.h. dharma, artha, kama und moksha, stehen nicht für vier Beine des Strebens, sondern deuten auf die unterschiedlichen Erfüllungen durch die verschiedenen Schritte des Aufstiegs im Leben hin, um letztendlich mit einer einzigen Sache erfüllt zu sein, die man mit dem menschlichen Verstand nicht zu erahnen vermag.
Die vedische Vision
Die Vedas, Upanishads und die Bhagavadgita bilden zusammen ein Trio, dessen Inhalt man als die höchst möglichen Offenbarungen betrachten kann, die die Menschheit je zu erreichen vermochte. Das Ergründen der Natur allen Lebens, das von den früheren vedischen Sehern beherrscht wurde, ist ein unvergleichliches Abenteuer in der Geschichte der Menschheit. Die Vedas sind als die Samhitas bekannt, bestehend aus Anrufungen, Gebeten, Verwirklichungen des Spirits und eine Vision der Dinge, die ein einheitliches und vereinheitlichendes Prinzip vom Höchsten bis zum Niedrigsten beinhalten; sie beziehen sich auf alles, was sichtbar oder unsichtbar ist, was sich auf das menschliche Individuum bzw. nicht auf ihn bezieht, egal ob körperlich, natürlich, religiös, oder ob es das tägliche Leben betrifft. All dies war im Fokus der großen Seher der Vedas. Was nicht normaler Weise erkannt wurde, wurde durch die Vedas ergründet. Die Vedas werden in ihrer Fähigkeit als über-körperlich bezeichnet, während all die normalen Wahrnehmungen körperlich, persönlich oder gesellschaftlich gesehen werden.
Die Verbindung der Inhalte der vedischen Mantras mit dem tatsächlichen Leben wurde derart vergöttert, dass eines der Aphorismen der Brahma Sutras darauf hinweist, dass die Wahrheit des Lebens nur von den Vedas zu erfahren sei. In einer Upanishad heißt es, dass die Vedas nicht nur eine Quelle des Wissens sind, mit der man mit der absoluten Wirklichkeit des Lebens in Berührung kommen kann, sondern das dieses Wissen wie der göttliche Atem sei, eine andauernde Ausatmung, die von der großen Wirklichkeit ausgeht. Die Rig-, Yaju-r, Sama- und Atharva - Vedas sind die Ausatmung der großen Wirklichkeit des Universums, was bedeutet, dass das Wesen des Wissens, der Inhalt der Absoluten Wirklichkeit, in den Vedas als erreichbarer Weg, letztendlich und unfehlbar, sichtbar verkörpert wird.
Die Mantras der Vedas sind nicht nur eine reine Textvorlage, deren Bedeutung und Interpretationen mithilfe eines Wörterbuches verständlich gemacht werden kann, sondern sie sind von einer spezifischen Charakteristik. Das liegt daran, dass diese Mantras, Kompositionen, nicht von irgendeinem Menschen aufgeschrieben wurden. Die Quelle der Vedas ist nicht menschlicher Natur, sondern übermenschlich und spirituell. Woher stammen die Vedas? Wie sind sie in das Sein gekommen? Das übermittelbare Wort, auf deren Basis die großen Textbücher entstanden sind, ist dafür verantwortlich, dass das Klang-Prinzip, das als Überträger des Wissens der Vedas gilt, ursächlich auf den Schwingungen der Ewigkeit beruht. Wenn es heißt, dass die Vedas von Ewigkeit sind und nicht aus vergänglichen gebundenen Textbüchern bestehen, dann ist damit das nicht-vergängliche inhaltliche Wissen gemeint. Das Nicht-Vergängliche dieses Wissen kommt daher, weil dieses Wissen der Vedas in der Lage ist, verschiedene Ebenen einer offenbarten Schwingung zu durchdringen, die letztendlich als Substanz des gesamten Kosmos anzunehmen ist.
Das Universum ist eine Schwingung und keine feste Substanz. Am Anfang fand eine große Schwingung statt, - das ist die Doktrin der spotavada. In der modernen Wissenschaft wird angenommen, dass es am Anfang kein Universum der Galaxien und Sternensysteme gab, doch das es so etwas wie ein Potenzial dafür gab, Staubnebel mit einem großen Knall (Urknall) zu offenbaren. Es gibt viele andere Doktrin über die aufkommende Kraft, der Konkretisierung dieser großen Schwingung. Es ist nicht einfach zu definieren, was eine Schwingung ist, weil man normalerweise annimmt, dass eine Schwingung eine Ursache haben muss. Etwas muss in Schwingung geraten, um sie hervorzurufen. Doch bei der kosmischen Schwingung war das nicht der Fall, denn diese Schwingung ist selbst der letztendliche ‚Stoff’ der Dinge. Diese Position ist aufgrund der menschlichen Mentalität und Vorstellung über das Energiemuster des Kosmos unvorstellbar, denn in menschlicher Auffassung stellt Energie ein Potenzial dar, hat aber nicht die Kapazität, durch etwas Anderes als eine Substanz offenbart zu werden. Die Energie des Universums ist jedoch selbst eine Substanz. Elektrizität ist selbst, was es ist. Sie ist keine Offenbarung, die von etwas ausgeht, - sie ist alles in sich selbst. Sie ist Offenbarung ebenso wie Substanz.
Die Klangtheorie wurde in Indien bis ins Kleinste untersucht. Wenn man spricht, verursacht man einen Klang. Der Ausdruck der Sprache entsteht durch Artikulation. Dieses äußere Erscheinungsbild der Offenbarung einer inneren Absicht mithilfe des vokalen Ausdrucks ist die gröbere Form der Offenbarung des Klangs. Dieses wird im Sanskrit als die vaikhari Form des Klangs bezeichnet. Der hörbare Klang ist die gröbste, am höchsten verdichtete Form, die die Schwingung annehmen kann. Doch diese vaikhari Form des Klanges, die hörbare, ausdrückbare Natur des Klangs hat einen Inhalt, der in vier Klassen aufgeteilt werden kann. Diese vier Klassen des Klangwesens, die nicht nur mit dem Hörbaren identifiziert werden dürfen, werden in mystische Kreise designiert, die man im Sanskrit als para, pasyanti, madhyama und vaikhara unterteilt. In der Mandukya Upanishad, die sich u.a. mit dem OM-Klang befasst, werden die Klangstufen mit den Abstufungen der Wirklichkeit in Verbindung gebracht, d.h., dass die höchste Form des Klangpotenzials nicht physischer Natur ist, sondern eine höchst verfeinerte Form der Universalität darstellt, genauso wie die Wirklichkeit selbst. Die vier Klangstufen, die pranava oder omkara bilden, werden letztendlich mit den vier Offenbarungen des Absoluten im Einklang gebracht, d.h. mit Virat, Hiranyagarbha, Ishvara und Brahman. Diese Identifikation der Abstufungen der Offenbarungen des Klangs mit den Abstufungen der Offenbarungen der Wirklichkeit geben einen Hinweis darauf, warum es heißt, dass die Vedas, die das höchste Wissen in Form des Klangpotenzials verkörpern, ein Ausströmen des Absoluten Seins selbst sind.
Wissen ist nicht nur ein leeres Wort, sondern es birgt ein Potenzial, eine Möglichkeit, eine Fähigkeit, sich in einer bestimmten Form auszudrücken. Die vaikhari-Form des Klangs, die gröbste Form des Artikulierens, wird durch eine viel subtilere Schwingung hervorgebracht als sie selbst ist. Dieser subtile Hintergrund der vaikhari-Form ist unhörbar. Das unhörbare Potenzial des hörbaren Klangs vaikhari ist madhyama. Madhyama wiederum wird auf Druck von etwas noch Subtilerem hervorgerufen, d.h. von pasyanti. Die höchst verfeinerte Form des Klangs ist letztendlich para. Dieses Wort ist wirklich bedeutsam, - es bedeutet das Absolute.
‚Amatra ist das Wort, um in der Mandukya Upanishad diese unhörbare klanglose Verfeinerung zu designieren, wobei das Sichtbare zum kosmischen Inhalt wird. Es ist damit nicht mehr länger Klang, sondern Hintergrund für die Offenbarung des Klangs. Man hat fünf Sinnesorgane. Ein Sinnesorgan erfährt die Schwingungen in Form von Farben, das sind die Augen. Ein anderes Organ empfängt die Schwingungen in Form des hörbaren Klangs. Ein weiteres Organ empfängt die Schwingungen in Form des Schmeckens usw. Man empfindet davon ausgehend fünf Dinge in dieser Welt, - das, was man sehen, hören, ertasten, schmecken oder riechen kann. Es handelt sich allerdings nicht um fünf verschiedene Dinge, sondern um fünf verschiedene Eindrücke einer einzigen Energie, die man unterschiedlich wahrnimmt. Man erfährt den Inhalt des Kosmos auf fünf verschiedene Weisen, als würde man Ströme von Energie auf unterschiedliche Weise leiten können, - als Hitze, Kälte, Bewegung oder Wasser.
Das Singen des OM, das Rezitieren des pranava, erzeugt beim Menschen eine mitfühlende Schwingung, die mit der tiefsten universalen Schwingung im Universum einhergeht. Wenn man OM systematisch rezitiert, konzentriert richtig singt, fühlt man, dass eine Verfeinerung vom gröberen zum subtileren Klang stattfindet, bis man einen Zustand erreicht, wo er eins mit dem Gedanken geworden ist. Der selbst erzeugte Klang wird eins mit dem Gedanken und eins mit dem ganzen Sein.
Je größer das Potenzial einer homöopathischen Medizin, desto besser wirkt sie, denn nur größere Potenziale können die tieferen Ebenen des menschlichen Seins beeinflussen, wohingegen geringere Potenziale nur weniger tiefe Ebenen des Körpers erreichen können. Der menschliche Körper ist ein Abbild der systematischen Abstufungen der Wirklichkeit, und dieselben Abstufungen kann man im Kosmos beobachten. Virat, Hiranyagarbha, Ishvara und Brahman sind die Offenbarungen des Absoluten Seins. Eine vergleichbare Aufteilung der vierfachen Offenbarungen findet sich im eigenen Selbst, d.h. das Bewusstsein im Wachzustand, im Traumzustand, im Schlaf und in einem durchdringenden Etwas, dem Atman, rein und einfach.
Der Atman im Menschen, das Selbst, das jeder darstellt, das wahre Sein, sein Mikrokosmos korrespondiert mit dem Makrokosmos Brahman. Beide haben ein Verhältnis miteinander. Der Zustand des Tiefschlafs birgt das Potenzial für äußere Offenbarungen in Form des Traums und des Wachzustands. Dieses individuelle Potenzial des Kausalzustandes hat eine Beziehung zum universalen Kausalzustand, der als Ishvara bekannt ist. Im Traum hat eine durchscheinende Offenbarung des Geistes, die weder kausal ist noch irgendwie zum Ausdruck kommt. Er ist entfernt vergleichbar mit der offenbarten Bedingung des Universums, die als Hiranyagarbha bekannt ist. Der Wachzustand, wo man sich des Äußeren in allen Farben gewahr ist, kann man als Virat annehmen. Virat ist mit dem Menschen in Form der Visualisierungen durch die Sinnesorgane verbunden. Der Mensch berührt die kosmische Wirklichkeit jeden Tag, jeden Augenblick, in Form von Viratsvarupa. Die vielen Köpfe, Augen und Ohren, die Virat zu haben scheint, wie es in den Vedas, der Bhagavadgita usw. heißt, sind die menschlichen Köpfe, Augen und Ohren. Sie befinden sich nicht irgendwo. Ein Transport der eigenen individuellen Wahrnehmung hin zum Kosmischen bringt den Menschen von einer Sekunde zur anderen zu Virat. Es bedarf nur eines Augenblicks, um sich in die Bedingung von Virat zu versetzen, und nicht Jahre des Bemühens, wie immer angenommen wird.
Die Vedas als Verkörperung ewigen Wissens ist kein Textbuch für die Universität, sondern hat einen spirituellen Inhalt zur täglichen Meditationspraxis. Neuzeitliche Untersuchungen der Vedas haben ergeben, dass die innere Bedeutung der Mantras nicht nur für die Anrufung des Göttlichen geeignet ist, sondern es sind auch Anweisungen zur Erfüllung der täglichen Bedürfnisse des Menschen, das gilt auch für die politischen gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Erfordernisse. Die Vedas sind bzgl. ihrer vierfachen bzw. fünffachen Implikationen nur schwer zu verstehen. Schüler und große Meister sind zu den Veda Vyasa (Meister der Vedas) gegangen und haben immer wieder um Instruktionen gebeten. Eine kryptische Antwort dieser Meister lautete: „Die Vedas sind ewig.“ Die Bedeutungen der Veda-Mantras sind unendlich. Die Endlosigkeit der Inhalte der Vedas stimmt nicht grundsätzlich mit dem menschlichen Sein überein. Die objektive Welt repräsentiert sich für das Bewusstsein auf eine bestimmte Art und Weise. Dieses ist auch eine Methode der Wahrnehmung der Wirklichkeit, d.h. die Welt präsentiert sich für die Sinnesorgane, den Geist und Intellekt als etwas Äußeres. Doch diese Sichtweise der Welt beinhaltet nicht alles, denn sie ist auch etwas Inneres, so wie das subjektive Individuum ist. Das adhyatma oder Individuelle ist ein Gesichtspunkt, von dem aus das Wissen der Vedas interpretiert werden kann; das adhibhuta oder die äußere Form ist eine völlig andere Sichtweise. Es gibt noch eine dritte Sichtweise, die als adhidaiva-Interpretation bekannt ist, wobei die Mantras zur Anrufung des transzendenten Inhalts benutzt werden, der sich zwischen adhayatma und adhibhuta befindet und beide miteinander verbindet.
Dieser unsichtbare Inhalt, der alles Objektive ebenso wie alles Subjektive durchdringt, ist Gott, der in den Mantras der Vedas als Indra, Mitra, Varuna, Agni usw. verehrt wird. Bahu oder der vielfache Name des Göttlichen ist Ausdruck der verschiedensten Offenbarungen dieser Wirklichkeit. Die objektive Seite ist Eine, adhibhuta genannt, die subjektive Seite ist eine Andere, adhyatma genannt, und die transzendente Seite ist eine Dritte, die adhidaiva genannt wird. Es gibt noch eine vierte Seite, adhidharma, das Prinzip der verbindenden Aktivität, wie zuvor beschrieben. Die Wirklichkeit wirkt auch als Regent, Gesetz, Ordnung, Symmetrie, Rhythmus usw. in diesem Universum. Adhidharma ist ein Aspekt der Offenbarung der Wirklichkeit. Es existiert noch eine fünfte Form, d.h. adhiyajna, die Aktivitäten des Kosmos, die Offenbarungen, die direkt von der Schöpfung ausgehen und bis hinab zum Sandkorn hier auf Erden reichen, was die persönlichen täglichen Aktivitäten einschließt. Die rituellen Aktivitäten der Individuen in Bezug auf ihre Umgebung sind die yajnas (Opfer). Dieses sind Opfer, Versuche der Menschen, um mit der äußeren Wirklichkeit durch soziale Kontakte, Beziehungen, Kommunikation, Arbeit, Dienen, Wohltaten, Sympathie, Liebe, Zuneigung usw. in Verbindung zu treten. Unter den vielen Formen, wo das Wissen der Vedas wahrgenommen werden kann, können die beschriebenen fünf als Grundformen gelten, d.h. adhibhuta, adhyatma, adhidaiva, adhidharma und adhiyajna.
Diese wahre innere Bedeutung der Veda-Mantras kann durch eine normale sprachliche Übersetzung nicht korrekt wiedergegeben werden. Viele Jahre mussten vergehen bis Heilige wie Vasishtha, Gautama oder Vishvamitra die wirkliche Bedeutung des absoluten Seins dieser Mantras ans Licht brachten.
Die Vedas sind kein historisches Dokument, wie sie heutzutage manchmal interpretiert werden, sondern es handelt sich vielmehr um ein abgestuftes Gesamtwerk, d.h., dass die Vision des Lebens durch die Vedas ein vollkommenes Ganzes und keine Chronologie im historischen Sinne darstellen. Ein Abschnitt baut auf den vorhergehenden, ausgehend von einer Quelle. Die Möglichkeiten dieser Offenbarungen der Vision des Lebens werden parallel aufgefächert, nicht nacheinander.
Das menschliche Sein findet simultan statt, die Wahrnehmungen, Beziehungen zu den Dingen sind simultan. Die Welt handelt simultan. Es gibt keine wirkliche Chronologie in der Geschichte. Darum kann man auch nicht behaupten, Gott erschuf die Welt irgendwann in der Vergangenheit zu einem bestimmten Zeitpunkt, wie man es sich als Kind vielleicht einmal vorgestellt hat, so als hätte es nach einem historischen Muster eine allmähliche Niederkunft der Dinge gegeben. Es handelt sich vielmehr um eine logische Entwicklung, es ist eher eine Ableitung von einer Prämisse (Voraussetzung) und weniger etwas Chronologisches wie z.B. bei Menschen, die in einer Schlange daherkommen, wobei einer dem anderen folgt. Es ist eine Prämisse: ein Prozess folgt zweifellos dem nächsten Schöpfungsprozess, doch es ist eine logische Folgerung und keine chronologische Folge.
All dies macht es schwierig, die Veda-Mantras zu verstehen. Aus diesem Grund werden die Vedas heutzutage nicht in Form von Lehrreden oder in anderen modernen Unterrichtsmethoden weitergegeben, sondern die Weitergabe erfolgt als heiliges Yajna gegenüber besonders ausgewählten Schülern, die zu Füßen ihrer Meister sitzen. Am Anfang steht die Hingabe, - der Spirit durchdringt selbst den demütigen Schüler zu Füßen des Meisters. Es gibt Techniken des Lehrens der Vedas. Es gibt besondere Techniken, wie man Chanten nicht nur in Form des Rezitierens aufnimmt, sondern wie man darauf kontempliert. Die Veda-Mantras sind nicht nur Gebete, die sich verbal an Gott richten, obwohl dieses eines ihrer Bedeutung ist, sie sind ein Indiz für die höchst möglichen Meditationsformen.
Die Upanishads sind ein Extrakt für die Möglichkeiten der Meditation auf das innere Wunder der Veda-Mantras. Auf diese Weise wird man vor einem Dschungel möglicher Verwicklungen über die Bedeutungen dieser Mantras bewahrt. Die Heiligen der Upanishads waren sehr freundlich, denn sie haben die Arbeit getan. Diese Verwicklungen verschiedenster Art in Bezug auf die Veda-Mantras werden in den Upanishads behandelt. Tattva (Wahrheit) ist die Quintessenz für das Aufsaugen der Veda-Mantras. Auf diese Weise stehen die Vedas und die Upanishads nicht als zwei getrennte oder verschiedene Ziele da, sondern ergänzen und erklären einander, wobei sie sich aufeinander sogar beziehen.
Die Upanishads sind die Wahrheit, die innere Absicht der Veda-Mantras. Da es verschiedene Ziele durch die Vedas gibt, sind auch die Upanishads ebenfalls vielfältig und nur schwer verständlich. Sie sind nicht nur Philosophie, Theorie, Argumentation oder logische Gedanken, sondern gewähren in tiefer Meditation einen möglichst direkten intuitiven Zugriff. Die Vedas und die Upanishads bedürfen einer korrekten Meditation. Die Spiritualität wird in diesen heiligen Texten verkörpert. Die Vedas, Upanishads und die Bhagavadgita bilden zusammen einen Körper freundlicher Ziele, die miteinander verbunden sind. Jedes einzelne Werk bzw. Ziel ergänzt das andere und lässt das eine oder andere Werk klarer, verständlicher werden.
Die Veda-Mantras sind höchstmögliche Visionen und Verwirklichungen. Aus diesem Grund gelten die Veda-Mantras als die heiligsten Texte der indischen Hindu-Religion. Es gibt nichts Vergleichbares. Keine Philosophie kann an die Inhalte der Vedas heranreichen. Doch aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten empfinden die Menschen es als schwierig, deren innere Bedeutung in die tägliche Praxis umzusetzen. Das Visualisieren der inneren Tiefen der Veda-Mantras ist eigentlich eine Upanishad. Das ist das Geheimnis der Vedas, und das ist die Bedeutung des Wortes ‚Upanishad’. Das Wort ‚Upanishad’ hat viele Bedeutungen, doch dieses ist eine davon, d.h. eine ‚geheimnisvolle Doktrin’ ist eine Upanishad. Eine Visualisierung in spiritueller Form der absoluten Wahrheit, angewendet auf das tägliche Leben, sind die Veda-Mantras in Aktion.
Je mehr man über eine bestimmte Doktrin erfährt, desto schwieriger wird es, deren fragmentierten Inhalte auf lange Sicht zu verstehen. Dieses liegt an der Unfähigkeit des menschlichen Geistes, sie in die richtige Verbindung mit der Gesamtlehre zu bringen, die so umfassend und auf ein derart großes Ziel ausgelegt ist, dass man sie in den kleinen Fragmenten, in denen der Geist arbeitet, nicht verstehen kann. Die Bhagavadgita ist das letzte Wort in der Interpretation des spirituellen Inhalts einer vollkommenen Vision des Lebens, die in verständlicher Weise den Menschen zur Verfügung steht. Das vollkommene Wissen der Vedas und der Upanishads wird von dem Meister selbst in perfekter Art und Weise präsentiert. Es heißt, die Bhagavadgita sei die Milch der Upanishads. Wenn die Upanishads die Milch der Veda-Mantras darstellen, dann ist die Bhagavadgita die Milch der Upanishads, d.h. das letztendliche Wesen der spirituellen Lehre. Die verschiedenen Ziele, wie adhibhuta, adhyatma, adhidaiva usw. sind implizit, jedoch nicht explizit in den Veda-Mantras enthalten, doch deren Bedeutung findet sich aus rein meditativer Sicht in den Upanishads und steht damit dem Menschen in detaillierter Form für das tägliche Leben zur Verfügung.
Heutzutage erscheint selbst die Bhagavadgita als schwierig. Die Vielzahl der Kommentare zur Bhagavadgita sind ein Indiz dafür, dass selbst diese offene Lehre, die verständlicher als die Upanishads und die Veda-Mantras ist, doch so schwierig zu sein scheint, wie das letzte Wort ‚Gita’ selbst ausdrückt. Die Schwierigkeit, die man im täglichen Leben empfindet, liegt in der Ordnung der inneren Rufe an die objektive Wirklichkeit. Man kann nicht alle Aspekte des Lebens gleichzeitig auf einen Schlag bedenken. Spirituelles Leben ist eine vollkommene Vision des Lebens. Die Vollkommenheit als Ziel macht es so schwer, alles gleichzeitig zu bedenken und in die Praxis umzusetzen. Man kann eine Sache berücksichtigen, aus einer Sicht bedenken, doch alle Aspekte gleichzeitig in Betracht zu ziehen scheint unmöglich. Spiritualität ist das Ziel der Seele. Es ist keine Aktivität des Geistes, des Intellekts oder des Verstandes, und es ist auch keine Arbeit, die vom eigenen Körper bewältigt werden kann. Es ist die Seele, die sich erhebt, um auf einer für sie erstrebenswerten Ebene erfüllt zu werden, die innere Seele ruft nach der universalen Seele.
Wenn die Seele nach der über ihr befindlichen absoluten Seele ruft, ist man im Zustand von Spiritualität. Alles spirituelle Leben ist ‚Seele in Aktion’. Das menschliche spirituelle Leben ist nur auf bestimmte Aktivitäten beschränkt, wie das Bewegen der Arme oder Beine, die Aktivität der inneren Organe oder mentale Prozesse. Die Spiritualität einer Annäherung muss an der empfundenen Zufriedenheit/ Erfüllung abgelesen werden, die man durch diese Annäherung erreicht. Japa, Meditation, inneres Zusammen sein als spirituelle Praxis, müssen in die Fähigkeit zu einem größeren Verstehen des eigenen Selbst, einer größere Strenge, Disziplin, einem größeren Gefühl an Sicherheit, einer Besserung, körperlich wie gesundheitlich und mental in Form von Zufriedenheit, münden. Wenn eine Meditation im Ergebnis unbefriedigend ist, ist das ein Indiz für eine mangelhaft ausgeführte Meditation. Für die spirituelle Praxis sollte man sich auch heutzutage auf das alte System der Vorbereitung beziehen. Niemand kann von hier auf jetzt die Pfade des Spirits betreten, obwohl er sich vielleicht früher oder später dazu bereit fühlt, vorausgesetzt er hatte sich der notwendigen Disziplin unterzogen. Jeder ist zu allem fähig, doch unter der Bedingung der erforderlichen Disziplin, die in einem erst aufbereitet werden muss.
Ein spirituelles Leben ist das erstrebenswerteste Ziel im Leben, es gibt nichts Vergleichbares, denn das Konzept der Spiritualität ist grundsätzlich nicht vergänglich. Die Seele des Menschen ist nicht vergänglich; sie bewegt sich nicht in der Zeit. Die Wurzel des Menschen ist nicht im Fluss mit der vergänglichen Schöpfung. Das Streben des Menschen nach Ewigkeit, nach unendlichem Leben ist etwas, was dem eigenen Selbst entspringt und in sich unendlich ist. Gott spricht durch das menschliche Gewissen mit der Stimme seines eigenen spirituellen Strebens. Das menschliche Gewissen ist die Stimme Gottes. Auf diese Weise werden die Prüfsteine der Wirklichkeit durch die Vedas, die Upanishads und die Bhagavadgita offenbart. Es handelt sich hierbei nicht nur um irgendwelche Bücher, sondern sie sind ein Ausdruck des Göttlichen selbst. Darum hat man einen derartigen heiligen Respekt gegenüber diesem Wissen der Vedas, der Upanishads oder der Bhagavadgita. Sie bilden eine verbale Verkörperung höchster Offenbarungen der vedischen Heiligen, der Meister der Upanishads und bzgl. der Bhagavadgita, die große Vision von Bhagavan Sri Krishna selbst.
Selbst ein Studium der Veda-Mantras oder ein Rezitieren dieser Mantras, ist in der Lage den Menschen zu reinigen. Ein Mantra ist das, was schützt, unterstützt und Sicherheit gibt, selbst wenn man nur an eines denkt oder rezitiert. Durch ein Kontemplieren wird man ständig beschützt. Die Veda-Mantras sind wie ein Talisman, den man ständig mit sich führt.
Die spirituelle Vision des Lebens ist darum als die höchst mögliche Vision des Lebens zu betrachten. Sie ist nicht nur im Sinne der erreichbaren Spitze beim Aufstieg vom Niederen zum Höheren anzusehen, sondern es handelt sich um die höchst mögliche allseitige Vision. Sie ist all-inhaltlich, all-substanziell, all-selig und alles-erfüllend. Darum sieht man sie als Seele aller Dinge. Spirituell zu sein, hat nichts mit einem Zustand von Besitztum zu tun. Sie muss auch nicht mit einer Religion einhergehen, und sie vermittelt auch keinen Gefühlszustand, von einer anderen Welt zu sein, sondern sie ist wie eine Reinigung der eigenen Persönlichkeit in der Weise, dass alle zum Freund und Mitarbeiter werden – er wird ein Freund, Philosoph und geistiger Führer, der im tiefsten Spirit eins mit allen Dingen ist. Ein spiritueller Sucher ist nicht mehr länger ein gewöhnlicher Mensch. Wenn die spirituelle Suche aufrichtig ist und von der Seele ausgeht, wird der Sucher von einem gewöhnlichen Menschen zum Übermenschen transformiert. Spirituelle Suche bedeutet absolute Ehre und Schönheit. Durch spirituelle Suche wird Großes erreicht. Spirituelle Suche ist wie ein großer Schatz, den man besitzt, und von nichts übertroffen werden kann. Gesundheit und Werte sind die Folge einer aufrichtigen spirituellen Vision des Lebens. Es heißt in den Upanishads, von allen Ecken der Erde fließt dem Suchenden Schutz zu. Die große Seele, die aufgrund einer spirituellen Vision der Dinge mit der kosmischen Seele verbunden ist, erfährt alle Ehre von allen Ecken der Welt. So wie jeder beschützt werden möchte, so wir jeder diesen großen Sucher beschützen. Die ganze Schöpfung wünscht diesem Sucher Wohlergehen, denn durch sein spirituelles Streben hat er seine eigene Persönlichkeit aufgegeben, er ist zu Allem geworden. Durch das spirituelle Streben bleibt der Sucher nicht er selbst, sondern wird zu allen Menschen, jeder wünscht diesem Sucher Wohlergehen. Er ist nicht nur der Freund aller Menschen, - alle sind auch sein Freund. So wie Kinder um ihre Mutter herum sitzen und um Nahrung bitten, so sitzen alle um eine derartige Persönlichkeit, der die höchst mögliche Spiritualität verkörpert, und wünschen ihr Wohlergehen.
Der Vishva, das Individuum, wird durch den schrittweisen Aufstieg zum Kosmischen, dem Vaishvanara, - vishva, taijasa, prajna und Atman oder turija, individuell betrachtet, und kosmisch betrachtet durch Virat, Hiranyagarbha und Ishvara. Diese große spirituelle Vision wird in direkter Erfahrung materialisiert. Auf diese Weise ist die spirituelle Vision des Lebens auch der eigentlich wichtige Punkt der täglichen Aktivitäten des Lebens. Die spirituelle Vision ist die aktuelle Konstitution des Kosmos, und die Administration des Universums wird von diesem Gesichtspunkt dieser großen spirituellen Vision dirigiert, wobei die innere Absicht und die verschiedenen Annäherungsmöglichkeiten in den Vedas, Upanishads und der Bhagavadgita behandelt werden.
Die religiöse Vision
Wenn das Spirituelle in das tägliche Leben Eingang findet, wird es zur Religion. Eine völlige Überantwortung der Führung der eigenen Persönlichkeit in das Licht einer spirituellen Vision, ist praktische Religion. Man darf nicht vergessen, dass Religion das Leben ist, was man führt, und nichts anderes. Jede Führung im Leben ist eine Offenbarung einer Vision, die man in Übereinkunft mit der gesamten Atmosphäre eingeht.
Das Wissen darüber, wonach man wirklich sucht, steht im Hintergrund dessen, was man im Leben tun muss. Insoweit wie alle Aktivitäten ein Bemühen hinsichtlich der Erfüllung der Grundbestrebung der eigenen Persönlichkeit darstellen, und auch aufgrund der Tatsache, dass alles Streben letztendlich spirituell ist, so weit wird das Leben in seiner Vielfalt auch spirituell. Alles, was man tut, der Beruf, alle Unternehmungen, usw. sind verschiedene Auswirkungen des zentralen Strebens, die Konstitution der Existenz unmittelbar zu erfahren.
Man vermisst manchmal, dass das Leben, was man in dieser Welt führt, vollkommen im Einklang mit der Welt als Ganzes steht, und dass man, durch welche Aktivität auch immer, mit nichts in dieser Welt wirklich in Verbindung treten kann. Die Welt ist in sich selbst ein Ganzes, und man selbst ist ebenfalls ein Ganzes. So kommt man mit der Welt als Ganzes in Berührung. Doch die Art und Weise, in der der Mensch aufgrund seiner persönlichen Wünsche denkt, hindert ihn in seiner wirklich vollkommenen Persönlichkeit daran, der Welt als Ganzes in ihrer Wirklichkeit zu begegnen.
In diesem Sinne gehört man zur Welt als Ganzes, und nicht nur zu einem kleinen Segment der Existenz. In der Schöpfung gibt es nirgendwo nur Fragmente. Selbst kleinste Organismen sind keine Fragmente, auch Atome sind in sich vollkommen. Persönliche Erwartungen im Leben sind nicht fragmentiert. Man wünscht sich nicht ein kleines etwas, sondern man möchte das ganze etwas. Da der Mensch jedoch unfähig ist, diesen Hintergrund richtig zu erfassen, glaubt er, nichts Erbauliches, nur Bruchstückhaftes zu erhalten, wobei dieses Gefühl von Unzufriedenheit, das sich als Ergebnis immer wieder in ihm breit macht, nur an seiner abgelenkten Annäherung an die Inhalte dieser Welt liegt.
Religiös zu sein, ist nicht einfach im Leben. Religion ist eine Lebensweise. Es erfordert einen Prozess der Umwandlung der eigenen Persönlichkeit, um den Platz seines Lichts in der Struktur der Welt zu finden. Wenn das Religion ist, wird jede Aktivität, die nicht den Kern des Menschen berührt, eine oberflächliche Bewegung sein, alle Aktivitäten, jegliche Arbeit, kommt nicht aus dem eigenen Selbst, berührt nicht sein Inneres, und führt deshalb letztendlich auch nicht zu Zufriedenheit. Man bekommt insoweit nichts aus dieser Welt, wie sich die Arbeit nicht aus der Tiefe des eigenen Selbst offenbart. Eine Handlung ist offensichtlich eine Offenbarung der eigenen Absicht. Eine Absicht ist nicht nur ein Behelf. Sie ist keine politische Anordnung oder irgendein Manöver, sondern sie ist ein sich Erheben aufgrund einer Gelegenheit des Ganzen, das man selbst ist.
Alle Spiritualität ist in ihrer Natur erbaulich. Spiritualität ist die Natur des Spirits, und Spirit ist das Wesen von jedem und allem. Insoweit wie ein Wesen in allen Dingen vorhanden ist, d.h. im Kern, existiert auch ein Verlangen in allem. Im Grunde ist alles Bitten spirituelles Bitten. Doch dieser Ruf des Spirits, diese Erwartung der Seele, passiert die Sinnesorgane, den Geist, den Intellekt und sogar körperliche Beziehungen, und wird auf diesem Wege verändert, ausgedünnt, aufbereitet, in eine Form für äußere Kontakte und verliert dabei seine Vitalität, mit der alles begann. Es wird dabei seiner wahren Absicht, des Zwecks, beraubt, - der Grund, wofür man alles in dieser Welt unternimmt, geht durch diese Veränderungen verloren, die diese ursprüngliche Absicht auf dem Weg nach draußen durchläuft.
Menschliches Verlangen ist keine nach außen gerichtete Bewegung. Wünsche sind keine wirklich körperlichen Aktivitäten. Es ist nicht nur die Haut, die nach letztendlicher Freiheit oder Zufriedenheit verlangt. Es ist ein tieferer Kern, der unzufrieden ist, nur er möchte von diesem ewigen Verlangen befreit werden, denn er ist die Ursache der Unzufriedenheit. Manchmal ist es schwer, sich von dem Grundbedürfnis des Strebens nach den Inhalten der äußeren Formen zu befreien, wenn es die Hüllen (koshas) des Körpers der eigenen Persönlichkeit durchläuft. So wie das Sonnenlicht, das verschiedene Farbgebungen wie durch ein Prismenglas annimmt, so ist das wirkliche innere Bitten, das vollkommen spirituell ist, scheinbar ein körperliches Bedürfnis, ein gesellschaftliches Erfordernis, ein äußerlicher Trost, den man sich wünscht.
Dieses nach Nach-außen-gerichtet-sein, in das dieses Grundverlangen involviert ist, ist die Schwierigkeit, der man im Leben begegnet. Im Menschen ist nichts wirklich nach außen gerichtet. Der Mensch ist er selbst. Er wird niemals zu irgendetwas Äußerem. Alles, was von ihm ausgeht, kann deshalb auch keine äußere Handlung sein. Keine Handlung kann wirklich äußerlich sein. Die Bhagavadgita sagt genau das aus, d.h., Arbeit ist keine äußere Angelegenheit, es sein denn, man ist in der Lage, sich die Nicht-Äußerlichkeit einer Handlung, die man Arbeit nennt, so vorzustellen, dass sie zum Gottesdienst wird. Das Göttliche der täglichen Praxis ergibt sich aufgrund des Göttlichen, das sich im Hintergrund des menschlichen Strebens abspielt. Im Wesen ist der Mensch göttlich. Die Seele ist das Symbol des Göttlichen im Menschen. Ihr Verlangen ist wahres Verlangen. Worum sie bittet, ist das, wonach jedermann verlangt. Dieses Streben nennt man spirituelles Verlangen, eine Suche nach der Wahrheit, und darum kann es sich nicht um eine zeitbezogene nach außen gerichtete Handlung drehen. Doch scheint es, als sei alles durch den Zeitprozess bedingt. Der Körper steht im Mittelpunkt dieser Zeitbewegung, aufgeteilt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Körper ist ein dreidimensionaler Raum. Weil dieses so ist, und weil man ihn als etwas Falsches sieht, als das, was er wirklich ist, wird das spirituelle Verlangen durch den Druck von Raum und Zeit bestimmt. Dadurch scheint das Verlangen eher körperlicher als spiritueller Natur zu sein.
Möchte man sich nicht in einem körperlich behaglichen Zustand fühlen? Obwohl es wahr ist, wie jeder weiß, dass körperliche Annehmlichkeiten nicht das einzige sind, was man in dieser Welt benötigt. Und doch sehnt man sich nur nach körperlicher Zufriedenheit. All das Verlangen bei den Aktivitäten im täglichen Leben dient körperlicher Behaglichkeit. Selbst die Erwartungen an die Gesellschaft und an die Gesetzgebung sind körperlich. Es ist ein Unglück, dass man offensichtlich nur an körperlicher Zufriedenheit, Sicherheit, Schutz vor Verderben oder körperlicher Unversehrtheit interessiert scheint. Man kümmert sich nur darum, obwohl dieses nicht dem Bedürfnis der Seele entspricht. Die menschliche Seele ist weder in Raum noch Zeit oder wirklich im Körper platziert, - sie ist Teil eines ausgedehnten Wirkens, das über das Zeitliche hinausgeht und in jeder Ecke der Schöpfung stattfindet. Spiritualität ist eine universale Operation. Spirituelles Suchen ist nicht die Arbeit eines einzelnen Menschen. Es gibt nichts, was jemand allein unternimmt, unabhängig, beziehungslos in Verbindung mit den Lebensbedingungen im Allgemeinen.
Spirituelles Bitten, spirituelles Suchen, spirituelles Leben, die religiöse Führung der Existenz ist keine persönliche Angelegenheit allein. Sie ist nicht persönlich, denn Spiritualität ist nicht auf einen menschlichen Körper begrenzt. Wie bereits erwähnt, scheint man bzgl. religiöser Praxis nur auf sich selbst bezogen zu sein. Es sieht so aus, als wäre man, zum Hohn dieses Ereignisses, in seiner spirituellen Praxis irgendwo unabhängig, denn das innere Verlangen durchläuft die körperlichen Hüllen, die sie bedecken. Insoweit wie es sich so verhält, nimmt sie manchmal psychologische und zeitweise körperliche Formen an. Es ist ein Unglück, dass die unendliche Freude, die von der ewigen Suche erwartet wird, und die von dem eigenen Inneren ausgeht, die Form eines Sicherheitsbedürfnisses mithilfe von Name, Ruhm, Macht und auch physischer Sicherheit annimmt, die sich in Behaglichkeit und äußerem Schutz äußert. Das universale Verlangen, das vom universalen Zentrum ausgeht, das unsere Quelle ist, nimmt offensichtlich die Form menschlichen Wünschens und gesellschaftliche Bedürfnisse der Persönlichkeit an. Man sollte sich von diesem Dilemma mit größter Anstrengung durch intensives Nachdenken und genügend Zeit zur täglichen Meditation befreien.
Mann muss zu aller erst davon überzeugt sein, mehr zu sein, als man scheinbar ist. Man ist normalerweise damit zufrieden, Sohn oder Tochter irgendwelcher Eltern zu sein, gesellschaftlich eingebunden, Mensch im Kern, nicht mehr und nicht weniger. Wenn man sich nur als individuelle Einheit in menschlicher Gesellschaft sieht und als nichts anderes, dann beziehen sich die Wünsche auch nur auf dieses Umfeld. Doch diese Art von Umfeld gibt dem Menschen nicht die ersehnte Freiheit, denn man weiß, dass letztendlich die kalte Hand des Todes über einem schwebt und früher oder später nach einem greift. Da hilft auch kein psychologischer oder physischer Schutz, niemand ist dagegen gefeit.
Es existiert offensichtlich ein Gesetz, dass den Argumenten des physischen Körpers und der menschlichen Gesellschaft widersteht. Dieses Gesetz besagt, dass man durch das Engagement in körperliche und soziale Aktivitäten schmerzhaft verdreht wird. Die Frage nach Gott scheint nur religiösen Menschen vorbehalten zu sein. Insoweit wie die spirituelle Vision der Dinge, wie bereits erwähnt, eine universale Vision der Dinge ist, - und es kann auch nichts anderes sein, - ist die tägliche religiöse Praxis als übermenschlich anzusehen. Es handelt sich nicht um eine gesellschaftliche Aktivität, sondern vielmehr um ein persönliches Glaubensbekenntnis. Religiöse Praxis hat also keinen gesellschaftlichen Charakter. Diese Praxis ist nicht geographisch, ethnisch, linguistisch usw. bedingt. Sie entspricht dem allgemeinen Wunsch von allem Lebendigen, allem Menschlichen. Die gesamte Menschheit hat eigentlich nur ein Verlangen, d.h., zu überleben, und zwar auf höchst möglichem Niveau.
Doch es scheint, dass es unzählige Formen von Religionen gibt. Es gibt keine universale Religion in dieser Welt. Das wiederum liegt am universalen Aufwallen der menschlichen Seele bzgl. eines grundsätzlichen Bedarfs an Religion, ist abhängig von geographischen Faktoren, historischen Bedingungen und ethnischen Beziehungen. All dieses sind nur Highlights, über die man nicht hinwegsehen darf. Außerdem kann man nicht einfach die körperlichen Beschränkungen, die sozialen Aspekte, die allgemeinen Vorstellungen in einem Land oder einer Region, die sehr kleinlich ausgelegt werden können, einfach übergehen. Deshalb kann sich in bestimmten Gemeinschaften, sogar in Familienverbänden, Religion in ein fanatisches Glaubensbekenntnis wandeln.
Man muss zunächst einmal die Schwierigkeiten bei einer wirklichen Bedeutung einer spirituellen Vision betrachten, die Schwierigkeiten, ein religiöses Leben zu führen, den besonderen disziplinären Prozess, dem sich eine suchende Seele zunächst bei einem Meister unterziehen muss. Der religiöse Sucher bedarf offensichtlich einer religiösen Universität, die gut geführt sein muss, was sich bzgl. Spontaneität und Verwicklung von Spiritualität und Religion im Allgemeinen unterscheidet. Göttliches Streben kann also in ungöttliche Situationen geraten, was auch geschieht, wenn man sich die historische Entwicklung von Religionen in der Welt anschaut.
Eine disziplinäre Annäherung zur Erfüllung des spirituellen Verlangens ist als Yogapraxis bekannt. ‚Yoga’ ist inzwischen auch in den westlichen Ländern bekannt. Viele besuchen regelmäßig Yogalehrer, um unterwiesen zu werden. Doch um die Früchte des Yoga zu ernten, muss es zur wahren Umsetzung einer wirklichen Religion kommen, die man in seinem Leben als eine Offenbarung einer vollkommenen spirituellen Vision des Leben erwartet. Es heißt, dass Yoga zu einer Art von Vereinigung führt, einer Vereinigung mit allen Ebenen des eigenen Seins und in allen Beziehungen mit anderen Menschen.
Es gibt verschiedene Formen des Yoga, mit denen man als Schüler konfrontiert wird. Diese verschiedenen Formen einer möglichen Annäherung sind mithilfe unterschiedlichster Yogapraktiken je nach individuellem Temperament, Lebensbedingung usw. möglich. Unabhängig von diesen verschiedenen Wegen ist Yoga ein Marsch zu den tiefsten Wurzeln des Lebens. Dieser Marsch ist ein systematischer Prozess der individuellen Ausdehnung einerseits und des Aufstiegs andererseits.
In der täglichen Yoga-Routine wird man allmählich zu einer ausgedehnteren Persönlichkeit, weit umfangreicher als man körperlich eigentlich ist, d.h., man wird rücksichtsvoller, liebevoller gegenüber anderen Menschen, schätzt die Umstände, in denen andere leben, ist kooperativ, verletzt oder betrügt niemanden, greift nicht nach anderen Besitztümern, hortet keine Besitztümer mehr als den Lebensumständen entsprechend notwendig und lebt in tiefer Aufrichtigkeit. Auf diese Weise dehnt sich die eigene Persönlichkeit zu anderen Menschen der Gesellschaft aus und verändert auch das Verhalten anderer Menschen der Gesellschaft gegenüber der eigenen Persönlichkeit. Die Welt tritt hinter dem Rücken des Suchers in eine Beziehung voller Freundlichkeit, Sympathie und Zuneigung mit ihm. Die Yamas und Niyamas des Pantanjali Yoga-Systems betreffen das Beziehungsgeflecht der Welt in der man lebt, sodass man nicht als Fremder, sondern als Bürger dieses Universums lebt.
Gleichzeitig findet eine Ausdehnung in der Yoga-Praxis statt, nicht im Zusammenhang mit einer horizontalen Dimension in Punkto sozialer Kooperation oder einer Vermehrung von Werten. Es betrifft vielmehr den aufsteigenden Aspekt der Yoga-Praxis. Man sagt auch, dass Yoga eine zweifache Praxis beinhaltet, bekannt als vairagya und abhyasa. Die horizontale Ausdehnung bedeutet, dass man sich allmählich von Verhaftungen löst, wenn man die Grenzen des physischen Körpers überschreitet, die Zuneigung für die Dinge dieser Welt nehmen ab, eine Kooperation mit den Dingen wird schwieriger (vairagya).
Abhyasa ist die nach innen in Richtung auf die Seele gerichtet Praxis, d.h. auf die Aufwärtsbewegung. Yoga ist ein Aufsteigen und Loslösen von den Verwicklungen physischer Materie und den äußeren Bedingungen in Richtung auf etwas, was über dem Menschen steht. Man betrachtet sich selbst nur körperlich, bis man sich darüber klar wird, dass man alles Andere als nur körperlich ist. Die Einbeziehung des Geistes macht den Menschen erst lebendig. Der Körper muss dabei wohl eher als ein Instrument von etwas Höherem betrachtet werden. Man darf den Körper aber auch nicht als etwas Überflüssiges ansehen. Es gibt nicht wirklich Unnötiges, wenn man mental oder intellektuell bewusst mit bzw. in seinem Körper lebt. Selbst scheinbar unmöglichste Illusionen können zur Wahrheit werden, wenn man sich mit ihnen identifiziert. Eine Illusion hört auf zu existieren, wenn man geistig, bewusst mit ihr verbunden ist, - nur auf diese Weise wird selbst Unwirkliches wirklich. Ist es nicht so, dass gerade Illusionen den Menschen zufrieden stellen? Dies geschieht aufgrund der Verwicklung des Bewusstseins in die Struktur von Illusionen. Darum darf man nicht sagen, der Körper sei nur eine Illusion. Da der Körper es fertig bringt, sich selbst über das Einschleichen in die Gefühle anzuzweifeln, muss er in der Yoga-Praxis benutzt und darf nicht abgewiesen werden. Diese gesunde, sympathische, intelligente Verwandlung der eigenen körperlichen Verbindung mit dem Körper in eine tatsächliche Yoga-Praxis ist als Hatha-Yoga bekannt. Die Asanas, Stellungen und verschiedenen Disziplinen der Muskulatur und des Nervensystems sind zweifellos körperlich, doch es sind besondere Disziplinen, die Muskeln und Nerven derart stabilisieren, wieder richtig ausrichten, sodass die chaotische Einmischung der Psyche in den Körper durch die Pranas, was täglich Kummer hervorruft, weitestgehend unterbunden wird. Gesundheit aller Körpersystem, Muskeln wie Nerven, ist die Folge dieser Yoga-Praxis, und außerdem trägt diese Körperdisziplin wesentlich zur Vitalität bei.
Viele Menschen sind krank, auch wenn sie nicht in einem Krankenhaus bzw. zu Hause im Bett liegen müssen. Es handelt sich also nicht um eine Krankheit im medizinischen Sinne, sondern es handelt sich vielmehr um ein innerlich gefühltes Unbehagen, dass von einer Unordnung zwischen Geist und Körper hervorgerufen wird, was wiederum von einer Unachtsamkeit bzgl. eines im Körper wirkenden Mechanismus herrührt. Man ist gedanklich nur Körper, und manchmal ist einem nicht einmal bewusst, über einen Geist zu verfügen, da man vollkommen mit den physischen Beziehungen in körperlichen Aktivitäten befasst ist.
Der Aufstieg des Yoga verankert im eigenen Selbst ein innerliches Bewusstsein. In Wirklichkeit ist der Aufstieg ein Aufstieg des inneren Bewusstseins. Bei dem Aufstieg handelt sich nicht um einen räumlichen Aufstieg als würde man eine Gerüstleiter Sprosse für Sprosse erklimmen. Doch diese Leiter ist nicht gemeint, wenn man vom Aufstieg im Yoga spricht, sondern es ist ein Aufstieg durch das eigene Selbst. Der Übende, der Sucher ist seine eigene innere Leiter.
Gegenwärtig, am Anfang, steht man am Fuß der eigenen inneren Leiter. Es heißt, man befindet sich dann am Eingang, muladhara chakra, d.h. man ist ausschließlich mit der physischen Welt befasst, und Wünsche und Gedanken sind rein materiell bedingt. Frustrationen sind durch die Unfähigkeit des Geistes verursacht, ausreichend physische Zufriedenheit und materielle Annehmlichkeiten zu sichern. Die Instinkte sind animalisch ausgerichtet. Auf dieser niedrigsten Lebensstufe liegt die ganze Befriedigung in der sinnlichen Wahrnehmung physischer Objekte. Man ist unfähig, sich an irgendwelchen Dingen zu erfreuen, die nicht sensorisch bedingt, physischer Natur oder materiell sind. Insoweit wie man in materiellen Objekten Trost sucht, so weit ist man auch von spirituellen Anforderungen entfernt.
Die körperlichen Übungen, Asanas, sind daher eine notwendige Disziplin, um die Aktivitäten des Körpers zu stabilisieren, und um das Durchdringen der Lebensenergie durch die Poren oder Körperzellen zu erleichtern, was den Körper zunächst gesunden lässt und in der Folge den Geist entgiftet. Diese Yoga-Praxis sind Übungen, die der Gesundung der eigenen Persönlichkeit und der Gesundung der Beziehungen zu anderen Menschen dienen.
Das erwähnte Ziel, durch die Ausdehnung der eigenen Dimension durch soziale Koordination zu erreichen, ist auch kein einfaches Unterfangen. Im Allgemeinen wendet man sich Yoga-Asanas, Pranayama, Konzentration und ähnlichen Praktiken zu, in der Annahme, man wäre auf derartiges Üben vorbereitet. Das ist nicht immer richtig, denn die Beziehung nach außen, die Sicht der Dinge, die Auffassung in Bezug auf die Dinge in der Welt, sind nicht immer so, wie sie sein sollten. Liebe und Hass, meistens durch das soziale Leben und die persönlichen Beziehungen bedingt, zeigen auf, wie weit man selbst von den Grundanforderungen der Yoga-Praxis entfernt ist. Man muss betonen, was man im Yoga als Yamas bezeichnet. Es sind keine so unbedeutende oder gar nur ethische Anweisungen, wie sie häufig leichtfertig abgetan werden. Yamas sind keine ethischen oder moralischen Anforderungen, sondern es sind direkte Anforderungen an das tägliche Leben, den tagtäglichen Beziehungen zu den Mitmenschen.
Yamas sind keine Anweisungen oder Lehren für moralisches oder ethisches Verhalten, sie sind kein Rezept oder gar Verfügungen, die man, um Freiheit zu erreichen, annehmen sollte. Man verhält sich moralisch und ethisch einwandfrei, im Sinne der sozialen Anforderungen, um die eigene Gesundheit zu erhalten. Jede Art von anti-ethischem oder anti-sozialem Verhalten, dass von der inneren Natur ausgeht, wäre nicht nur anti-sozial, sondern steht auch der eigenen körperlichen Gesundheit entgegen. Alles, was äußerlich ‚anti’ ist, trifft den Menschen auch innerlich ‚anti’, denn die Beziehungen mit der Welt sind weder ausschließlich innerlich noch äußerlich, sondern jede Handlung richtet nach innen wie außen.
Und doch muss man nicht seine ganze Zeit mit Hatha-Yoga oder Pranayama verbringen, ohne zu wissen, wo man in seinen äußeren Beziehungen, mit seiner Meinung, seinen Philosophien, seinem Mögen und Nichtmögen steht. Der Prüfstein liegt im persönlichen Verhalten im täglichen Leben. Die Disziplin eines Menschen und sein Charakter offenbaren sich bei den Situationen, die einem von außen her widerfahren. Ansonsten ist die Natur einer Persönlichkeit tief vergraben und kaum auszumachen. Obwohl man keinen wirklichen Widerstand aus der Gesellschaft erwartet, so kann man sich wie bei allen Dingen intelligent, rational, spontan in eine Atmosphäre der Kooperation begeben, die bewusst im Gegensatz zum empfundenen Inneren stehen mag, was wiederum der instinktiven Natur entgegensteht. Wenn dieser Umstand nicht in die menschliche Natur injiziert wurde, wird man immer wieder durch die höheren Ebenen des Yogas herausgefordert.
Man muss außerordentlich vorsichtig mit diesen Ebenen des Yoga umgehen. Es heißt, wer hastig vorgeht verliert. Es gibt keinen Grund zu eilen oder ängstlich in Richtung Yoga-Praxis weiterzugehen, doch je höher man aufsteigt, desto schwieriger wird sie. Die Zunahme der Schwierigkeiten beim Aufsteigen kommt von dem wackeligen Untergrund der Eingangsstufen. Die Struktur kann nicht auf einem wackeligen Untergrund aufgebaut werden. Die Grundlagen kann man nicht selbst erschaffen, denn man weiß nicht, was vor einem liegt. Die Geheimnisse der Natur sind dem menschlichen Auge verschlossen, und darum bedarf es eines Gurus. Als Schüler muss man bescheiden sein. Das Studium unter einem Lehrer ist eine lebendige Kommunikation, die einer höheren Verantwortung unterliegt, einer Natur, die sich über dem Schüler befindet. Ein Guru, Lehrer oder Meister ist eine besondere Persönlichkeit, ein Über-Mensch, ein Objekt der Verehrung. Ein Guru oder Lehrer dieser Art ist aus Sicht des Schülers eine herausragende Persönlichkeit. Manchmal möchte man sich als Schüler verändern und Schüler eines anderen Gurus werden, doch das ist nicht möglich, wenn man versteht, was ein Guru wirklich ist.
Ein Guru ist eine spirituelle Einheit, eine Offenbarung einer höheren Dimension der Verwirklichung, die die Dimension des Schülers einschließt. Heutzutage ist es sehr schwierig, einen kompetenten Lehrer zu finden, und doch ist die Welt nicht so schlecht, dass es unmöglich ist. Es gibt noch gute Tugenden in dieser Welt, nicht alles ist schlecht. Gott existiert noch immer; es gibt noch Hoffnung.
Darum ist es notwendig, schrittweise voranzugehen, Stufe um Stufe. Man sollte sich genug Zeit für sich selbst nehmen, nicht zu viel mit den Aktivitäten des Lebens befassen. In seinem täglichen Programm sollte man sich um Wesentliches kümmern, Unwesentliches beiseite lassen. Nicht alles, was man von morgens bis abends unternimmt, ist wirklich wichtig. Manchmal möchte man die Dinge gern auf die leichte Schulter nehmen, frei sein von körperlichen und sozialen Pflichten. Darum muss man sich Freiräume schaffen, indem man sich kleine Beschränkungen auferlegt und sich nicht um alles und jedes kümmern wollen, - das ist möglich und notwendig, um ein bisschen mehr Zufriedenheit im Alleinsein zu finden. Man muss nicht immer im Mittelpunkt von Gesellschaft und Familie stehen.
Wer es nicht gewohnt ist, fühlt sich in der Einsamkeit unwohl. Man fühlt sich wie ausgewrungen. Man möchte einkaufen gehen, jemand die Hand schütteln, möchte Kaffeetrinken gehen, denn es ist schwierig allein zu sein. Die soziale Natur macht den Menschen plötzlich trübsinnig, denn er hat heutzutage aufgehört, er selbst zu sein. Doch als spiritueller Sucher, als gesunder Mensch, sollte man erkennen, dass man nicht nur von äußeren Dingen abhängig ist. Im Menschen steckt ein Potenzial. Er ist gesund. Als spiritueller Mensch kann man gesund sein, ohne Dinge von außen zu borgen. Früher oder später ist es wichtig, mit sich allein sein zu können. Alleinsein kommt und geht auch wieder, - das muss einem klar sein. Darum ist es notwendig zu erkennen, dass man selbst im gesellschaftlichen Leben, im Familienleben, in einer Gemeinschaft, in Wahrheit allein ist; Freunde sind nicht wirklich Freunde. Es ist wichtig, ein bisschen weise zu sein, denn man sollte nicht unbedingt auf einen Anstoß von der Natur warten, einen Zeitpunkt, wo man plötzlich gezwungen wird allein zu sein.
Man sollte sich ein bisschen Zeit nehmen, um mit sich allein frei zu sein, sich der göttlichen Schöpfung zu präsentieren, morgens, wenn man erwacht, mit niemand, außer mit der Schöpfung, sprechen darf. Vor dem Sucher befindet sich dann nur die göttliche Schöpfung. Um diese Zeit sieht man nicht das eigene Haus, die Küche, das Zimmer, kein Familienmitglied, kein Studium, kein Büro, sondern allein die Schöpfung. Möglich, dass man seine Sicht ein wenig erweitert. Es ist so einfach, wenn man sich dabei ein wenig bemüht, tief in die Verwicklungen der täglichen Wahrnehmungen einzutauchen. Doch all dies ist für einen individuellen Sucher, ohne die Hilfe spiritueller Führung, einem kompetenten Meister, kaum machbar.
Die Schüler Swami Sivanandas, Swami Chidanandas und Swami Krishnanandas hatten das Glück, wie durch einen Schirm dieser Heiligen gesegnet zu werden. Körperlich sind die Meister nicht immer sichtbar, haben teilweise sogar ihre sterbliche Hülle verlassen, und doch wirken sie für das menschliche Auge unsichtbar in den Suchenden weiter. Wenn die Seele tatsächlich aufstrebt, ein Sucher aufrichtig ist, sich wünscht spirituell zu sein, und wenn er sich auf dem Pfad zur Suche nach der Wirklichkeit bewegt, steigen Heilige und Meister aus höheren Regionen herab, um diesen aufrichtigen Sucher zu schützen. Niemand ist wirklich tot in dieser Welt, weder Swami Sivananda noch Swami Krishnananda oder sonst irgendwer. Sie befinden sich auf höherer Ebene, einer höheren Potenz der Existenz, von wo aus sie in einer größeren und mächtigeren Weise wirken als durch ihre Körper hier auf Erden. Wenn Gott helfen kann, warum nicht auch Gottesmenschen? Die Welt ist nicht weit weg, sie ist nicht völlig außerhalb. Sie ist in allem, was der Mensch ist, verwickelt, und menschliche Aufrichtigkeit ruft und ist in der Lage, den Segen aller Heiligen, seien sie sichtbar oder unsichtbar, zu wecken. Große Meister in höheren Regionen werden herabsteigen und den rufenden Sucher segnen, egal ob er sich des Segens bewusst ist oder nicht, denn göttliche Gnade geht seine eigenen Wege und kommt nicht auf die Weise, in der sie erwartet wird.
Göttliche Inkarnationen kommen immer wieder in diese Welt. Sie finden von einem Augenblick zum anderen statt, egal ob man sie erkennt oder nicht. Das ganze Wunder der göttlichen Schöpfung, der Weg der Natur, der Prozess der Entwicklung der Menschen ist eine ewige Inkarnation, die permanent stattfindet. Das alles ist eine Demonstration dafür, dass Schutz und Hilfe von allen Seiten zufließt, die für jeden jederzeit zugänglich ist, selbst jetzt, wenn man vom Grund seines Herzens wirklich um Schutz und Gnade bittet.
Die yogische Vision
Der spirituelle Sucher, diese aufstrebende Seele, wird von überall her beschützt. Dieses suchende Zentrum wird zu einem Anziehungspunkt aller beschützenden Engel. Die Welt öffnet ihre Augen und schaut aufmerksam auf eine aufrichtig aufstrebende Seele. Spirituelles Streben ist wie ein Wunder besonderer Art. Es ist nicht mit irgendeiner Beschäftigung oder Arbeit dieser Welt vergleichbar. Es ist wie ein Erwachen aus einem Schlaf, mit der Wahrnehmung einer neuen Dimension, einer völlig neuen Welt. Der Sucher wird überrascht sein, wenn die Welt diese Aufrichtigkeit, die von dieser Suche ausgeht, in Besitz nimmt.
Anfangs scheint es, dass sich der spirituelle Sucher von der Welt abkapselt, hilflos ist, und mit seiner individuellen religiösen Praxis isoliert lebt. Es finden unvermeidliche Zustände, Situationen, Begebenheiten statt, die man als spiritueller Sucher anfangs durchlaufen muss, und wo man besser allein ist.
Man wird in eine Familie geboren. Man wird nicht plötzlich, individuell oder isoliert in einer Wüste geboren. Man hat Mutter und Vater, andere Familienmitglieder um sich, die die Familie ausmachen. Von Geburt an befindet man sich in menschlicher Gesellschaft, man ist niemals wirklich allein. Sicherheit, Zufriedenheit, das Teilen von Freud und Leid, der traditionelle Zusammenhalt an diese Umgebung ist derart im Menschen verwurzelt, dass man nicht einmal davon träumen mag, ein isoliertes Leben ohne gesellschaftliche Beziehungen führen zu wollen. Wenn der Drang nach spiritueller Erweckung beginnt die Seele zu aktivieren, fühlen die meisten Menschen, dass sie sich von der menschlichen Gesellschaft entfernen möchten. Warum dieses Gefühl entsteht, ist für das eigene Selbst von Interesse. Was ist so falsch an der Beziehung zur menschlichen Gesellschaft, wenn man gleichzeitig ein spiritueller Sucher ist? Kein spiritueller Sucher mit dem inneren Verlangen allein zu sein, konnte sich je von diesem starken Wunsch nach Alleinsein befreien.
Es gibt ein merkwürdiges Nebeneinander von Faktoren, die diesen Impuls nach dem Alleinsein verursachen, und es existiert ein Gefühl eines lästigen Unglücklichseins, wenn man gezwungen ist, inmitten von vielen Menschen zu leben, auch wenn die Menschen um einem herum nicht schlecht oder gegen den spirituellen Sucher voreingenommen sind. Die Aktivität der Seele ist die Antwort auf diese Frage des komplizierten und faszinierenden Strebens nach dem Alleinsein. Einerseits empfindet man eine Unsicherheit und fürchtet sich vor dem Alleinsein. Die Gesellschaft gibt einem ein Gefühl von Sicherheit. Doch hier hat man es mit einer Form von Besorgnis zu tun, die Unwohlsein hervorruft, denn wenn man völlig allein ist, weiß man nicht, was morgen geschieht, auch wenn klar ist, dass nichts Schlimmes geschehen kann, da man durch die menschliche Gesellschaft im Umfeld geschützt ist, dessen Mitglied man ist. Spirituelle Suche jedoch geht mit der Notwendigkeit einher allein zu sein.
Es ist ein Zusammenkommen von zwei Faktoren, d.h. einerseits der Wunsch nach dem Alleinsein, und andererseits auch ein Gefühl von Unbehagen im Alleinsein. Dieses Durcheinander von Gefühlen entsteht aufgrund einer Vermengung im Inneren der eigenen Persönlichkeit. Man ist weder nur ausschließlich Seele, noch nur ausschließlich Körper. Wenn man nur ausschließlich Seele wäre, dann wäre man über die Gefühle des Körpers im täglichen Leben erhaben. Wenn man nur Körper wäre, gäbe es keine inneren Impulse hin zur Spiritualität. Man ist zu einem Teil körperlich und zum anderen Teil nicht körperlich. Die körperliche Existenz zwingt den Menschen, inmitten körperlich bezogener Gesellschaft zu sein. Die Furcht vor Zerstörung und Schmerz nimmt den Körper, die physische Existenz und die physischen Werte in Besitz. Der andere nicht physische Aspekt ist daher unsozial, möchte allein sein, denn der Spirit ist immer allein.
Der Spirit kann keine soziale Einheit bedeuten. Er kennt keine Gesellschaft. Er ist auch kein Mitglied einer Familie. Die Natur des Spirits ist über-sozial, ewiges Sein ist seine wesentliche Natur, und darum erfordert er das Alleinsein und eine nicht nach außen gerichtete Unabhängigkeit. Daher rührt der innere Druck, mit sich allein zu sein, wenn der Drang nach einem höheren Leben aufkommt. Doch der andere Aspekt bedarf der Berücksichtigung, d.h., wenn Schwierigkeiten durch die Befreiung von der Verwicklung mit dem physischen Körper und den Beziehungen zur menschlichen Gesellschaft gespürt werden. Auf diese Weise existiert eine Kombination zwischen dem Inneren und dem Äußeren; der Sucher verspürt eine Art von Widerspruch. Er kann weder allein noch in Gesellschaft sein.
Die ersten Stufen spiritueller Praxis sind in gewisser Weise die schwierigsten, denn es ist nicht so einfach, eine richtige Gewichtung für das Alleinsein und für die Gesellschaft zu finden. Der Rat an die Sucher liegt im schrittweisen Zurückziehen von menschlichen Beziehungen und physischen Notwendigkeiten und in einer schrittweisen Anbindung an den Ruf des inneren Spirits.
In der Yoga-Vasishtha heißt es, dass in den ersten Stufen religiöser Praxis nur ein sechzehntel des Geistes auf Gott gerichtet werden kann. Der Rest muss sich weiterhin mit der Welt befassen, denn die Verhaftung mit der Welt ist derart tief greifend, dass jeder Versuch, sich gleich zu Beginn der Praxis vollständig von der Welt zu lösen, zum Scheitern verurteilt und unmöglich wäre. Der Geist ist derart in den Körper involviert, dass er keine Ablenkung von seinen Wünschen zulässt, die sich durch den Körper und die sozialen Beziehungen offenbaren. Ein sechzehntel des Geistes, d.h. ein sechzehntel seiner Zeit kann er sich Gott zuwenden. Da ein hoher Prozentsatz der sozialen Zufriedenheit, der physischen Erfüllung der Wünsche und allen Arten von empirischem Verlangen dient, hat der Geist nicht viel Zeit für das so genannte andere weltliche bzw. göttliche Verlangen übrig. Die Kontrolle Geistes wird häufig mit der Kontrolle eines wilden Tieres verglichen. Niemand kann sich einem wilden Tier nähern. Es ist unberechenbar, denn es wird entweder die Flucht ergreifen oder sich verteidigen oder gar angreifen. Der Geist hat in allen Dingen das Sagen, alles muss nach seinem Verständnis, entsprechend seiner Bindung, seiner Vorauswahl und seinem Instinkt vonstatten gehen. Keine Anforderung aus der mentalen Natur kann durch Logik, soziale Verstrickungen oder religiöse Formen widerlegt werden. Darum bedarf es großer Anstrengungen und viel Übung, den Geist von äußeren Einflüssen zurückzuhalten. Man muss sich wie ein Dompteur in der Zirkusmanege verhalten, der versucht wilde Tiere zu kontrollieren, sie mit einstudierten Kunststücken zu präsentieren, und er muss sich gleichzeitig selbst vor jeglicher Attacke dieser unberechenbaren Biester schützen.
Man kann die Welt nicht als völlig schlecht ansehen, wenn man sie aus tiefstem Winkel wünscht. Es wäre scheinheilig, etwas zu fühlen und etwas anderes darüber zu erzählen. Das, was die Sinne fühlen in Bezug auf Dinge in der Welt, und das Erleben der menschlichen Natur hinsichtlich der sozialen Beziehungen sind derart einladend, anziehend und wohltuend, dass es ein vergebliches Bemühen wäre, gegen die Illusion dieser Welt anzukämpfen oder eine Nichteinmischung in diese Welt zu proklamieren. Solange man der Wahrnehmung der Welt nicht entkommen kann, solange ist man in die Welt involviert. Die Welt ist vollkommen im menschlichen Selbst in Miniaturform als Makrokosmos in Form dieses Körpers gegenwärtig. Wohin man auch geht, man schleppt die Welt mit sich, auch wenn man ihr entsagt hat. Man kann der Welt nicht entsagen, wenn man den Körper mit sich trägt, denn die Welt ist nicht irgendwo außerhalb des Körpers. Dieser Körper wird als Welt bezeichnet. Er hängt so schwer an Geist und Bewusstsein, und wurde so zu einem Teil und Paket dessen, was den Menschen ausmacht. Das ist die Welt des Menschen.
Wer kann einer Welt entsagen, die man selbst ist? Insoweit wie man Freiheit im eigenen Geist und Körper erzeugen kann, insoweit erzeugt man auch Freiheit zur äußeren Welt. Wohin man auch immer geht, man befindet sich in der Welt. Dieses gilt auch dann, wenn man sich auf einer Bergspitze oder weit von seiner Heimat entfernt befindet. Niemand kann der Einbindung in die Welt entfliehen, denn spirituelle Suche kommt stets aus dem eigenen Inneren, aus der Einbindung in den physischen Körper. Die Notwendigkeiten des Körpers sind wie das Rufen des Teufels. Man will den Teufel nicht besänftigen, denn er kann weder besänftigt werden, noch wäre es weise, das Geschrei eines Dämon zu verhätscheln. Doch es gibt eine Möglichkeit, sich vom Dämon zu befreien, indem sich auf einen intelligenten Dialog einlässt, d.h. nicht, dass man verweigert, wonach er fragt, aber auch nicht, dass man seinen Forderungen uneingeschränkt nachgibt. Man gibt, wonach er verlangt, wenn auch nicht mit der Absicht, seinen Forderungen für immer nachzukommen.
Ständig ist der Geist damit beschäftigt, die potenziellen Wünsche zu erfüllen. Er bedarf tagtäglich ständig neuer ‚Nahrung’, und diese ‚Nahrung’ muss er sich vor Augen führen. Man sollte den Wünschen nachkommen, obwohl man genau weiß, dass man die Wünsche nicht bis in alle Ewigkeit erfüllen möchte. Wie eine weise politische Aussage, die sich erst allmählich in der Zukunft auf die Regierungsarbeit eines Landes auswirkt, während die Administration in der Gegenwart handelt, gibt es auch eine Art von spiritueller Entschlossenheit, eine Gewandtheit, im Verhalten des spirituellen Suchers. Der Sucher prescht nicht einfach in eine Region voller Fallstricke wie ein Dummkopf voran. Er schreitet vielmehr festen Schrittes, jedoch mit aller Vorsicht voran, denn er will sich schließlich nicht selbst zerstören.
Gurudev Swami Sivananda Maharaj hat einmal einen wundervollen Vorschlag gemacht, nämlich, dass man einen spirituellen Kalender über die tägliche Routine führen sollte. Dieses ist eine persönliche Kontrolle darüber, dass man den eingeschlagenen Weg weitergeht und dabei allmählich eine Kontrolle über die inneren Wünsche, Bedürfnisse, gewinnt. Obwohl man dem Rufen der inneren Natur seine sorgfältige Aufmerksamkeit schenken sollte, - den Augen, die sehen, den Ohren usw. – sollte dies jedoch nur insoweit geschehen, wie es im Augenblick als gegeben erscheint. Ein zu intensives Verhätscheln sollte vermieden werden. Hunger und Durst gehören zu den täglichen Bedürfnissen, doch man muss nicht ständig trinken oder essen, sodass man ausschließlich damit beschäftigt ist.
Ein Hungergefühl zu stillen ist notwendig, doch nur bis der Hunger wirklich gestillt ist, d.h., man braucht nur zu essen, wenn man hungrig ist, und nicht, wenn man nicht hungrig ist. Viele Menschen jedoch essen, auch wenn sie nicht hungrig sind. Im Augenblick verspürt man z.B. gerade keinen Hunger, die Mahlzeit wurde vielleicht vor kurzem erst eingenommen. Doch wenn zwischen den Mahlzeiten etwas Süßes, ein Snack, Prasad, angeboten wird, greift man zu. Es gibt eigentlich keinen Grund dafür, doch die Sinne werden verführt, d.h. man greift zu, was irgendwann zu einer dauerhaften Gewohnheit wird. Die Sinne gewinnen die Macht anstatt umgekehrt und so wird es zur Gewohnheit.
Soziale Beziehungen sind notwendig. Man kann sich nicht einfach irgendwo in die Ecke setzen und vor sich hin brüten, sich selbst bedauern, weil man alles verloren hat. Die Welt hilft nicht. Vielleicht wurden sogar Haus, Freunde und Besitztümer verlassen, um Gott zu finden, doch er kommt nicht, obwohl man gerade deshalb alles hinter sich gelassen hatte. Das ist kein spirituelles Leben. Man sollte keine übereilten Schritte unternehmen, auch nicht, wenn man engagiert etwas Großes, höchst Wünschenswertes, Spirituelles angeht. Obwohl Gott alle spirituellen Sucher beschützt, Er im Hintergrund auf Abruf bereit ist, hat Er eine bestimmte Art und Weise des Handelns.
Die Vorstellung von Gott muss nicht immer mit dem Zweck übereinstimmen. Man mag fest davon überzeugt sein, dass Gott hier und jetzt Schutz gewährt, alles Notwendige zur Verfügung stellt und tut, doch man hat manchmal ein seltsames Gefühl, denn ein traditioneller Druck erzeugt eine Distanz zwischen einem selbst und Gott. Selbst wenn der Schutz Gottes auf diese Weise nur wenige Zentimeter entfernt empfunden wird, gibt es keine Verbindung. Wenn zum Beispiel zwischen einer Glühbirne und dem Stromkabel nur ein Millimeter Abstand herrscht, brennt die Birne nicht, auch wenn der Abstand noch so gering ist. Ähnlich verhält es sich mit dem psychologischen Abstand, den man versehentlich zwischen sich und Gott, der Schutz gewähren soll, erschafft, was IHN dann am rechten Handeln, den richtigen Maßnahmen in Richtung auf die Erfüllung des menschlichen Strebens hindert.
Woher kommt dieser gefühlte Abstand? Er hat seine Ursache in dem Druck, den die Welt, die in den Raum- und Zeitprozess involviert ist, auf den Menschen ausübt. Aufgrund des Drucks des Raumes, der das Wesen der Offenbarung der Welt darstellt, spürt man nicht den Raum zwischen sich und der Welt. Man fühlt nicht, man spürt nicht, dass Gott auf dem Schoß oder auf der eigenen Nase sitzt, - doch ist ER nicht ganz nah, sondern hat einen geringen Abstand. Dieser Abstand wird durch den Raum, der in der Welt wirkt, verursacht. Aufgrund des Drucks der Zeit, hat man das Gefühl, Gott kommt immer mit einer kleinen Verzögerung, - nur wenige Minuten, Stunden, Tage, Monate oder Jahre später. Gott kommt. Bis jetzt kam ER nicht sofort, doch ER wird kommen. Dieses in der Zukunft befindliche Ziel und die Erwartung auf Gottes Gnade ist eine subtile Aktivität des Zeitprozesses, was den Sucher Angst macht, in Erwartung dessen, was in der Zukunft stattfinden wird, jedoch noch nicht stattgefunden hat, ebenso der Raum, der den Abstand schafft. Der Sucher ist intellektuell und ehrlich davon überzeugt, dass alle Erfüllung und Gnade von der Allmacht Gottes kommt, doch er hat instinktiv ein klein wenig Zweifel, dass es nicht so einfach vonstatten gehen wird.
Um es zu wiederholen, was bereits eingangs erwähnt wurde: der spirituelle Sucher bedarf der Führung. Den spirituellen Pfad selbst unabhängig zu beschreiten, das Unmögliche zu versuchen, ist wie ein Spaziergang auf der Schneide einer Rasierklinge, die auf beiden Seiten schneidet, unsichtbar in ihrer Wirkungsweise. Die Schwäche des Fleisches, die Verwicklungen des Körpers und die geistigen Wünsche müssen angenommen werden, wie sie sind. Ein Spaten bleibt ein Spaten, wie es heißt, - man sollte nicht glauben mehr zu sein als man ist. Enthusiastisch betrachtet man sich selbst manchmal als höher stehend als man in Wahrheit ist. Die überschätzte Eigenbestimmung wird durch das Ego verursacht, das sein Ansehen durch äußerlichen Rat oder Instruktionen gefährdet sieht. Es glaubt alles selbst besser zu wissen, nicht tiefer als andere gestellt zu sein. Das Ego will nicht akzeptieren, auch nicht von einer geistigen Führung. Es nimmt alle Argumente und Instruktionen des Gurus unter die Lupe, setzt seine Vernunft ein, denn der eigene Standpunkt scheint wichtiger als selbst der reifere Rat oder die Instruktionen eines spirituell erfahrenen Gurus oder Meisters. Es gibt zig Beispiele in der spirituellen Praxis, die aus genau diesem Grund zu einem körperlichen oder psychischen Zusammenbruch von spirituellen Suchern führten.
Die meisten aufrichtigen Sucher werden immer nervöser, schnell aufbrausend, stellen sich allem entgegen, was sich vor ihnen auftut, unfähig, in Worten oder Verhalten gelassen oder großzügig zu reagieren. Eine energische Natur bricht je nach Mentalität heftiger oder weniger heftig im Sucher durch; manchmal werden sie sogar egoistischer und selbstgerechter im Umgang mit anderen spirituellen Suchern. Dieses ist eine innere Reaktion der Psyche, insbesondere des Egos, das sich bei jeder Stufe in Richtung auf eine tiefer gehende Selbstkontrolle einmischen, behaupten will. Je mehr man sich dem wilden Biest nähert, desto heftiger sind seine Reaktionen. Wenn man sich von diesem Biest entfernt, erscheint es ruhig, still daliegend, erscheint nicht als das, was es in Wahrheit ist. Die Annäherung an das Ziel lässt es zu seiner wahren Natur erwachen. So ist das Ego, so der Instinkt, so die Sinnesorgane, die Wünsche, die unmenschlich, animalisch und rein biologischer Natur sind.
Die Instinkte kann man nicht einfach als etwas gänzlich Unerwünschtes verdammen, da man aus einem biologischen Instinkt heraus geboren wurde und biologischer Körper ist. Man muss sich also zu einem gewissen Prozentsatz um die Notwendigkeiten dieser Atmosphäre körperlich, sozial, biologisch, kümmern, doch wenn man weise voranschreitet, kann man sich allmählich von diesem Druck befreien. Und wie? Angemessen gefühlvoll, nicht mit übertriebener Nachsicht oder Härte. Weder zu viel Nachsicht noch zu viel Strenge sind anzuwenden, sondern eher eine gewisse Ausgewogenheit. Man muss Vorsicht walten lassen, nämlich, Yoga erreicht nicht die Menschen, die zu extremer Handlungsweise neigen, d.h. weder exzessiv in die eine noch in die andere Richtung. Yoga erreicht auch nicht die Leute, die überhaupt nicht essen wollen oder sich vielleicht sogar ständig unkontrolliert überfressen. Yoga erreicht auch nicht die Leute, die nur gedankenlos dasitzen, nichts tun, oder im Gegensatz dazu, hyperaktiv sind, sich ständig ablenken lassen oder permanent geschäftig hin und herlaufen und nicht zur Ruhe kommen.
Die Beziehung zu Gott ist ein Zustand der Balance, den zwischen dem inneren Bewusstsein und dem Bewusstsein, das überall wirkt, aufgebaut wird. Es ist ein System der Harmonie, dass zwischen der inneren Seele und der kosmischen Seele erschaffen wird. Weil die universale Seele auf den verschiedenen Ebenen der Offenbarung in den schöpfenden Kräften dieser Welt gegenwärtig ist, muss man diesem Gleichgewicht, was auch Yoga ist, auch graduell begegnen, vom niedrigsten Grad der Verwicklung bis hin zu den höchsten Ebenen, die innerlich und natürlich sind. Manchmal bedarf es im spirituellen Streben eines geradezu wissenschaftlichen Verhaltens. Man muss akribisch über jeden Gedanken wachen, der sich im Geist erhebt. Man muss von morgens bis abends jeden Impuls beobachten, selbst Träume auf jeden Hinweis analysieren. Man wird zu seinem eigenen Wachhund.
Dieses spirituelle Tagebuch, mit dem man sich selbst überwachen kann, wurde von Swami Sivananda empfohlen. Man fühlt sich häufig abgelenkt, verwirrt oder durcheinander. Man fühlt einen inneren Groll, dessen Ursache unbekannt ist. Dieser Groll und der Widerwille, den man aufgrund äußerer Bedingungen spürt, beruht auf psychologische Gegebenheiten, die aus dem eigenen Selbst kommen, und die man näher betrachten muss. Die Ursache des Verhaltens muss zum Gegenstand einer Selbst-Analyse werden. Wenn man sich z.B. an einem bestimmten Tag sonderbar verhalten hat, muss man die Ursache erforschen. Der Fehler für ein bestimmtes Verhalten liegt nicht bei irgendjemand. Noch kann man behaupten, dass man vollkommen selbst schuld sei, denn äußere Bedingungen haben das Verhalten erst geweckt. Doch man kann auch nicht behaupten, dass die äußere Atmosphäre allein dafür verantwortlich ist, denn es bestand eine gewisse Empfänglichkeit für die Reaktion. Die Angreifbarkeit der eigenen Persönlichkeit und der Druck durch die äußeren Umstände stoßen aufeinander und verursachen bestimmte Verhaltensweisen. Darum ist ein Selbststudium keine einfache Angelegenheit. Man weiß nicht, was oder wen man als Schuldigen ausmachen könnte, ob sich selbst oder irgendjemand anders. Weder der Sucher selbst noch irgendjemand anders ist wirklich schuldig, sondern eine bestimmte Situation, die sich in das Leben eingeschlichen hat. Etwas Bestimmtes, das weder den Sucher noch irgendjemand anders wirklich betrifft, ist außerordentlich schwer auszumachen und zu analysieren. Um diese Umstände zu erfassen, muss man sehr unpersönlich an die Sache herangehen.
Man stellt sich über sich selbst und außerhalb der Umstände, und wird zum Schiedsrichter zweier Parteien. Die beiden Parteien bestehen zum einen aus der eigenen Person und zum anderen der Welt usw. Es kommt zu einer Betrachtung dessen, was in einer Situation geschah und durch ein bestimmtes Verhalten, einem Wunsch oder Impuls, zum Ausdruck kam. Diese Betrachtung ist weder aus dem eigenen subjektiven Standpunkt, noch aus Sicht anderer in der Welt möglich. Man muss einen Standpunkt einnehmen, der weder der eigene noch der von jemand anders ist, d.h., man muss zum Richter eines Falles avancieren, den man vor dem beobachtenden Ganzen präsentiert, das ist man weder selbst als Individuum, noch ist es die Welt als äußeres Element. Es ist vielmehr sakshi-chaitanya, das als Zeuge des Bewusstseins wirkt, das sich im Hintergrund des individuellen Bewusstseins befindet. Man kann es auch als das Gewissen bezeichnen. Individuell sind die Menschen jivas, doch es gibt auch einen überindividuellen Zeugen im eigenen Selbst, shakshi genannt, dass hilft, um den Grund für ein bestimmtes Ereignis zu erfahren, in das man involviert war, und es hilft auch, um den Gegenpart auszumachen, d.h. die Welt, die auch in das bestimmte Ereignis involviert war.
Diese Art der Selbst-Untersuchung sollte jeden Tag unter Führung eines spirituellen Meisters erfolgen. Man kann sich auch in einer spirituellen Gemeinschaft untereinander austauschen. Das kann mit mehreren Leuten, in der Familie, im Ashram, im Büro usw. geschehen, - wo auch immer. Vielleicht kennt man Leute, hat Freunde, die genauso denken wie man selbst, von denen man Hilfe bekommen kann, und im Rahmen eines freundlichen Dialogs bekommt man Hilfe für ein intensives Selbst-Studium.
In den Schriften heißt es, ein viertel des Wissens erfährt man durch Selbststudium, ein viertel durch einen Lehrer, ein viertel durch Erfahrungen im Lauf der Zeit und ein viertel durch eigenes Bemühen, Selbstanalyse usw. All diese Faktoren kommen zusammen, und man muss bei keinem dieser Faktoren übertreiben. Doch, wie bereits erwähnt, es bedarf einer scharfen Beobachtung des eigenen Selbst, zum Beispiel mithilfe eines Tagebuchs der Gedanken, Reaktionen auf Ereignisse, die einem widerfahren, Gedanken, die man morgens beim Erwachen bzw. abends vor dem Einschlafen hat, dabei sind der erste und der letzte Gedanke wichtig, neben den vielen Gedanken, die durch Kontakte zur Gesellschaft aufkommen.
Spirituelle Suche bedarf einer völligen Hingabe. Es ist wie ein seelenhaftes Streben, seelenhafte Hingabe. Wenn man diese Suche, dieses Streben, ernsthaft betreibt, schließt es anderes Streben mit ein, sei es ökonomisch, öffentlich, persönlich oder wie auch immer bestimmt. Was man von der spirituellen Suche erwartet, schließt alle Erwartungen und Aktivitäten anderer Kanäle mit ein. Sie bilden einen See von Objekten der Kontemplation, der sich vor dem Sucher ausbreitet, ein See, in den alle Ströme der Wünsche und außerordentlichen Erwartungen, die darin eingeschlossen sind, einmünden. Doch die sinnliche Wahrnehmung einer Vielzahl von Objekten hindert häufig daran, sich zu dieser Selbstüberzeugung zu flüchten, nämlich, dass die Objekte und Optionen spiritueller Meditationen derart umfassend sind, sodass dort alles zu finden ist. Manchmal hat man sogar Zweifel, ob nicht das Festhalten an Gott zu irgendwelchen Verlusten bestimmter Werte in der Welt führen könnte. Manchmal verliert man freundschaftliche Beziehungen, die Freude am Leben und andere Dinge, die man als wichtig ansieht. So gewichtig scheint die Welt im eigenen Kopf. Derartige Zweifel beschleichen den Sucher und rütteln am Vertrauen des spirituellen Objekts, zu dem man sich flüchtet.
Zu Anfang und auch späterhin sollte man sich von Zeit zu Zeit in freundlicher spiritueller Atmosphäre, z.B. im Sivananda Ashram in Rishikesh, zurückziehen, um den Spirit hautnah zu erfahren. Vielleicht findet man dort unter den Swamis einen liebevollen Meister, eine freundliche Führung. Man sollte niemals in seiner spirituellen Sadhana dem Irrglauben verfallen, wirklich fortgeschritten zu sein. Man braucht eine gewisse soziale Absicherung, sonst wird der Geist revoltieren, denn manchmal gerät man ungewollt aus dem gewohnten Tritt, die Gefühle geraten außer Kontrolle. Eingeschränkte soziale Kontakte sind für den spirituellen Fortschritt notwendig, doch nur für wenige geeignet. Viele Menschen sind nicht in der Lage, sich auf all diese Beschränkungen einzulassen. Aktivitäten müssen ebenfalls auf die unmittelbaren Bedürfnisse reduziert werden, nicht darüber hinaus. Diese Bedingungen, d.h. die Beschränkung auf das Lebensnotwendige in der Welt, sollten in das tägliche Leben eingebracht und erfüllt, Luxus dagegen gemieden werden.
Eine gegenseitige Unterstützung unter Gleichgesinnten ist hilfreich. Obwohl es richtig ist, dass man allein im Angesicht Gottes meditiert, so ist ein Dialog unter Freunden bei dem vorsichtigen Voranschreiten auf das große Ziel von Vorteil, doch ist es nicht notwendig, sich von dieser Gesellschaft Gleichgesinnter einwickeln zu lassen. Man kann essen, trinken, doch man muss dem nicht verhaftet sein. Man mag dem Klima angemessene Kleidung tragen, doch muss der Kleidung nicht verhaftet sein. Man mag in einem Zimmer leben, doch sollte nicht glauben, es zu besitzen. Das Umfeld und die Annehmlichkeiten, die notwendig sind, um eine gesundes Leben zu führen, müssen nicht bedeuten, dass man diese Annehmlichkeiten besitzt. Diese Einstellung bezeichnet man als ein ‚nicht verhaftetes Verhalten’, das man selbst dann bewahren kann, wenn aller Komfort zur Verfügung steht.
Im Sivananda Ashram zum Beispiel steht dem spirituellen Sucher aller Komfort zur Verfügung. Dieser Komfort, der über alle Erwartungen hinausgeht, wurde durch das große tapas von Gurudev Swami Sivananda geschaffen. Es gibt nichts, was in diesem Ashram nicht vorhanden wäre. Er bietet jede Art von Schutz und Sicherheit, gesundheitliche Fürsorge usw. Doch man besitzt nichts von dem, was man in Anspruch nehmen darf. Alle Gäste und jene, die dort leben, sind durch die Einrichtung und alle zur Verfügung stehenden Annehmlichkeiten gesegnet. Man findet dort einen Tempel, eine Bibliothek, ein Küche mit Esssaal, Unterbringungsmöglichkeit, soziale Sicherheit usw., die in dieser Gegen nicht überall zur Verfügung steht. Es gibt alles für das Leben notwendige, und dafür sollte man Gott und Gurudev dankbar sein, dass man diese Atmosphäre erleben darf, was ein Ideal für den Yogaweg darstellt, - und doch besitzt man davon nichts.
Alles zur Verfügung zu haben, ohne es wirklich zu besitzen, ist u.a. eine spirituelle Anforderung. Allein zu sein und gleichzeitig zu fühlen, dass alles in einem selbst vorhanden ist, ist ein Symbol für Spiritualität. Man führt nichts mit sich, und doch ist einem bewusst, dass man alles haben könnte, falls erforderlich. Das Alleinsein des Sprits ist unmittelbar mit einem universalen Schutz verbunden. Das Alleinsein des allmächtigen Gottes ist kein von der Gesellschaft isoliertes Alleinsein. In diese Richtung bewegt man sich, d.h. von einer niedrigeren Ebene des Alleinseins zu höheren Ebenen, die alles Andere einschließen, was sich scheinbar allein außerhalb des Spirits bewegt.
Die tägliche Yogapraxis sollte wissenschaftlich fundiert, diszipliniert und exakt ausgeführt werden, d.h. alle Ereignisse, denen man sich im spirituellen Leben gegenüber sieht, sollten klar wahrgenommen werden. Man ist sich aller zukünftigen Potenziale, in Form von Unannehmlichkeiten, Fallstricken, die sich auftun, und über die Schwierigkeiten der spirituellen Suche bewusst. Die Yogapraxis ist eine innere Angelegenheit, denn das kann einem niemand abnehmen. Die Yogapraxis ist keine soziale Angelegenheit, sondern bezieht sich auf das Individuum, wenn auch nicht ausschließlich. Wenn man mit sich allein ist, ist man nicht jemand anders; man ist Suchender aus eigenem Antrieb. Doch man hat auch viele andere Beziehungen, d.h. soziale, man ist eingebunden in die ganze Natur des eigenen physischen Körpers, man ist, in Form der eigenen individuellen Persönlichkeit, als ein Miniatur in den Gesamtkosmos eingebunden. Auf diese Weise ist das Individuum vom Standpunkt dieser Vision in seiner spirituellen Praxis eingebunden; und darum ist sie letztendlich auch universal zu betrachten.
Alles beginnt mit einer Meditation und dehnt sich allmählich bis weit über die lokalen Grenzen der individuellen Persönlichkeit aus. Man ist mehr als nur man selbst, und doch ist man auch nur man selbst. Das ist eine merkwürdige widersprüchliche Position, die man in dieser Welt innehat. Man ist nichts anderes als man selbst, und doch ist man auf die eine oder andere Art und Weise mit allen verbunden. Man ist und bleibt ein Mensch in individueller Natur; das betrifft die ganze Persönlichkeit, die ganze Schöpfung in diesem individuellen Aufbau. Aus bestimmter Sicht existiert in der Yogapraxis oder in jeder Art von Arbeit eine soziale Verbindung. Sie ist aber auch ein individuelles Ereignis und gleichzeitig eine kosmische In-Besitz-Name des Geistes. Die Verwirklichung der höchsten spirituellen Wirklichkeit, nach der man strebt, ist eine universale Verwirklichung. Es handelt sich dabei nicht allein um etwas Persönliches, dass von dem eingeschlagenen Weg anderer isoliert ist. Man hat unterschiedliche Ausgangspunkte, doch erreicht nach unterschiedlichen Aufstiegen denselben Punkt.
Auf den Stufen der Yoga-Praxis bis hin zur Ebene von Konzentration des dharana und dhyana, scheint man verschieden zu sein, doch wenn man den Punkt wirklicher Absorption berührt, die letzte Stufe des dhyana betritt, samadhi genannt, erkennt man, dass alle Pilger an einem bestimmten Punkt ankommen, - alle Yoga-Wege münden an dieser Stelle. Die Individuen der verschiedensten Yoga-Richtungen verschmelzen in einem Fluss des Alles-Einschließenden, wo alle Reisenden auf ihrem spirituellen Pilgerpfad zu einem einzigen Individual werden.
Auf diese Weise gibt es im täglichen Leben und in der spirituellen Praxis einen natürlichen, einen physischen, sozialen und einen individuellen Aspekt, doch es existiert gleichzeitig auch ein über-sozialer, über-individueller und kosmischer Aspekt. Man erhebt sich aus der individuellen Persönlichkeit schrittweise zur universalen, die im Menschen wirkt. Diese spirituelle In-Besitz-Nahme, d.h. das sadhana, das man praktiziert, sollte den Übenden genauso wie sein tägliches Frühstück oder Mittagessen beschäftigen. Man sollte und will auch keinen Tag darauf verzichten. Man fühlt sich unglücklich, wenn man diese Praxis versäumt. Die wiederholte Praxis wird durch Schwingungen erzeugt, die durch das Praktizieren entsteht. Wenn man täglich übt, wird ein Zyklus in der täglichen Meditation erzeugt; dieser Zyklus wird unterbrochen, wenn man an einem Tag nicht meditiert. Um eine Krankheit zu heilen, wird oft eine bestimmte Ration an Medizin verordnet, d.h. die Dosis, die man jeden Tag, in bestimmten Abständen, einnehmen muss. Wenn dieser Rhythmus unterbrochen wird, wird die Kette der heilenden Wirkung der Medizin durchbrochen und das gewünschte Ergebnis bleibt aus. Der Zyklus der fortgesetzten täglichen Meditations-Praxis wirkt ähnlich, und darum sollte diese Praxis zu unserem Täglich-Brot werden.
Dieses sind bestimmte Betrachtungen, die dazu dienen, dass man sich über die Prinzipien spirituellen Lebens klar wird, eine Vision, die sich in ihrem Verlangen über sich selbst erhebt, die zu keiner Zeit zufrieden gestellt wird, und bei der jeden Tag immer und immer wieder aufs Neue eine Frage bleibt, die nicht befriedigend beantwortet wurde. Dieses unendliche, zeitlose Wünschen, dem man sich im täglichen Leben gegenüber sieht, ist der innere Führer, mit dem man sich selbst führt, niemals mit dem, was man bekommt, völlig zufrieden zu sein, auch nicht, wenn einem Überfluss zuteil wird. Alle Freuden des Lebens, selbst wenn sie alle gleichzeitig aus allen Richtung auf einen zukommen, sollten dieses endlose Fragen im eignen Selbst nicht zum Verlöschen bringen. Selbst nachdem man alle Macht, Stärke und Freude eines Welteroberers erlangt hat, fragt man nach mehr.
Man mag sich die höchst menschenmögliche Freude durch Meditation vorstellen, wie sie in der Taittriya Upanishad beschrieben wird. Kann man sich einen Regenten der ganzen Erde vorstellen, einen Eroberer dieser Welt, gebildet, gesund, einen großer Lehrer, weise, eigenständig, diskret, bewundernswert und umgänglich? Kann man sich einen derartigen Eroberer der ganzen Welt so vorstellen, der diese Kontrolle innehat, der ein Meister der Schätze des Lebens ist, eines langen Lebens mit allen Dingen, die man als gut, tugendhaft, rechtschaffen und wundervoll erachtet? Kann man sich eine derartige Persönlichkeit vorstellen, obwohl ein solcher Mensch nie geboren wurde und auch in Zukunft nicht zu erwarten ist? Doch wenn man sich solch einen Eroberer der Erde vorstellen könnte, welche Freude hätte man dann an solch einem König? Undenkbar, unermesslich, selbst alle Vorstellungen übertreffend wäre die Freude und Glückseligkeit über eine derartige Persönlichkeit. Es scheint unmöglich, sich eine derartige Freude und Glückseligkeit vorzustellen. Ein Vielfaches dieses vorgestellten Glücks über einen derartigen Eroberer dieser Welt ist die Freude des astralen Seins, - pitris und gandharvas. Hundertmal größer als die Freude der gandharvas ist die Freude der Götter im Himmel, der Engel in swarga-loka. Hundertmal größer als die Freude der Götter ist die Freude des Regenten der Götter, d.h. Indra. Noch ein hundertmal größer ist die Freude des Meisters der Götter, Prajapati, denn seine Weisheit übersteigt selbst die Macht und das Wissen Indras. Unendlich viel höher als die Freude dieses großen Meister der Weisheit Prajapai ist die Freude von Virat. Noch einmal viele hundertmal größer ist die Freude von Hiranyagarbha, Ishvara, - und wie groß muss erst die Freude des Absoluten Seins sein?
Was sind dagegen die kleinen Freuden dieser Welt? Natürlich ist man glücklich. Ist man nicht auch durch kleinste Freuden im Leben beglückt? Wenn man durch ein Minimum an Erfreulichem zufrieden gestellt werden kann, was wäre es dann für eine Freude, die einem durch die Vorstellung des zuvor erwähnten Eroberers zuteil würde, und wie groß wäre erst die Freude, die man durch den allmächtigen Gott, Virat, Hiranyagarbha, Ishvara oder Brahman erführe? Wem diese Erhabenheit bewusst ist, der sollte sich von seinen alten Bindungen und Gewohnheiten lösen. Vairagya (Leidenschaftslosigkeit) sollte das tägliche Leben bestimmen. Loslösung sollte das Ziel sein, d.h. nicht, dass man die Erwartungen, Wünsche, das Verlangen usw. hassen sollte, sondern dass man das Niedere überwindet, da alles im höheren Sein enthalten ist.
Streng genommen sind all diese Stufen der Glückseligkeit im eigenen Selbst enthalten. Sie sind nicht weit weg oder gar Millionen von Lichtjahre entfernt, sondern latent, potenziell in der eigenen kleinen Persönlichkeit, im Mikrokosmos verwurzelt. Die eigene Persönlichkeit trägt den ganzen brahmananda in sich. All die Ebenen (lokas), die erwähnten vierzehn Welten, sind in den Zellen des eigenen Körpers wahrnehmbar. Die Götter im Himmel, - Prajapati, der Lehrer der Götter, Virat, Hiranyagarbha und Ishvara wirken permanent in jeder Faser der eigenen Persönlichkeit, sodass man dieses Potenzial offenbaren kann. In den Schriften heißt es, dass Hanuman von einer Minute auf die andere eine solche Macht entwickeln kann, dass er von einer kleinen Kreatur zum Berg würde. In jedem Menschen schlummern Potenziale, die mit einem Schlag erwachen oder freigesetzt werden könnten. Diese großen in den Yoga-Schriften beschriebenen erhabenen, wundervollen göttlichen Dinge, der allmächtige Gott selbst, befinden sich im Menschen, nicht wie in einem Gefäß, sondern als Teil der Muskulatur, der Nerven, Zellen und Knochen. Von der Art ist die Schönheit des eigenen Selbst.
Damit beginnt die Freude, wird als Yogapraxis über den Tag fortgesetzt, in der Hoffnung, dass sie in endlose Freude mündet. Spirituelle sadhana ist eine Bewegung von einem Zustand der Freude hin zu einem anderen Zustand der Freude. Aus Glückseligkeit ist die Welt entstanden, sie befindet sich in Glückseligkeit, durch Glückseligkeit wird sie erhalten, und in Glückseligkeit wird sie eines Tage enden. Freude ist der Anfang dieser Schöpfung, Freude erhält diese Welt, und Freude ist auch der Höhepunkt und das letzte Verlangen dieser Welt. Darum sollte man ein Leben im inneren Verlangen höchsten Spirits leben, mit einem Anfang in Freuden, mit Freuden, die man schafft, mit Fortschritten in Freuden, die vollkommene Freude als Ziel des Yoga, als Ziel der spirituellen Vision und der religiösen Praxis, - d.h. Freude ein ganzes Leben lang, Freude in dieser menschlichen Existenz als Ganzes.