Der Aufstieg des Geistes

Eine Vortragsreihe von Swami Krishnananda

übersetzt von Michael Hoffmann (2000)

© THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -

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    Inhaltsverzeichnis:

  1. Einführung 

  2. Die fortschreitende Evolution des Menschen 

  3. Prinzipien für einen Neuaufbau des menschlichen Strebens 

  4. Die Stufenleiter der erzieherischen Methoden  

  5. Das Abenteuer der Erkenntnis 

  6. Gib dem Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist  

  7. Menschliche Individualität und ihre funktionellen Merkmale  

  8. Die Krise des Bewußtseins (1) 

  9. Die Krise des Bewußtseins (2)

  10. Die Krise des Bewußtseins (3)  

  11. Das Individuum und die Gesellschaft: Die Philosophie des Gesetzes 

  12. Studium der logischen Basis rechtlicher und ethischer Prinzipien 

  13. Kloster und Herd  

  14. Die Probleme des spirituellen Suchers  

  15. Die Ziele der menschlichen Existenz 1  

  16. Die Ziele der menschlichen Existenz 2  

  17. Die Ziele der menschlichen Existenz 3    

  18. Die individuelle Natur   

  19. Der Geist der spirituellen Praxis    

  20. Die Suche nach dem Geist  

  21. Die vierte Dimension in der Psychologie  

  22. Das Gesetz, das das Leben bestimmt  

  23. Die menschliche Natur und ihre Bestandteile   

  24. Das unendliche Leben  

1 Einführung

         Das Ideal der Menschheit ist spirituell. Diese These kann von keinem wirklich wachen Verstand geleugnet werden. Selbst dort, wo das Ideal offenbar das Gegenteil des Spirituellen zu sein scheint, ja selbst in den krassesten materialistischen Annäherungen an das Leben, kann hinter den äußeren Erscheinungen die spirituelle Bedeutung erkannt werden, wenn man sich die motivierenden Kräfte hinter den mannigfaltigen Lebenshaltungen und -äußerungen mit psychoanalytisch geschultem Auge bewußt macht. Selbst im schlimmsten Menschen schlummert ein spirituelles Element, auch wenn uns die bösartigen Neigungen, die man in etlichen Kreisen der Menschheit beobachten kann, manchmal daran zweifeln lassen wollen, daß die treibende Kraft hinter all den Übeltaten wirklich der als allgegenwärtig zu erachtende Geist ist. Doch er ist es tatsächlich. Selbst hinter dem unauffälligsten Ereignis liegt ein verborgener Sinn, auch wenn wir ihn nicht erkennen können. Er wirkt als Motivkraft, die sich auf rechte oder fehlgelenkte Art und Weise, über die verschiedensten Pfade innerhalb der Wüste des Lebens auf das Erwachen in das Bewußtsein dessen ausrichtet, was man wirklich sucht. Die Fehler der Menschheit sind in Wirklichkeit die Folgeerscheinungen einer tief verwurzelten Unwissenheit. Und die Unkenntnis einer Tatsache besagt nicht, daß es diese Tatsache nicht gibt. Das Fehlen eines eindeutigen Bewußtseins des Zieles des menschlichen Lebens kann grundsätzlich nicht bedeuten, daß ein solches Ziel überhaupt nicht existiert.

        Die Bewegungen des Menschen in der Welt von Raum und Zeit, innerhalb der Gesellschaft und im Ablauf der Geschichte werden durch feine, tief liegende Impulse hervorgerufen, deren Ziele im allgemeinen körperlicher, materieller, finanzieller oder sozialer Natur sind, und somit ziemlich das Gegenteil von dem, was man allgemein hin als geistig oder spirituell erachtet. Dieser anscheinende Widerspruch widerlegt jedoch nicht den eigentlichen Zweck dieser Impulse. In Wirklichkeit gibt es lediglich einen einzigen komplizierten inneren Wachstumsprozeß der menschlichen Natur in ihrem Kampf darum, sich der eigenen wahren Bedürfnisse bewußt zu werden, und dieser Prozeß, der sich in verschiedenen Formen der Bemühung äußert, stellt die Geschichte der Menschheit, angefangen bei der Schöpfung bis hin zum heutigen Tag, dar. Was wir auch immer über die erstaunlichen Bemühungen und Bewegungen der Menschheit gehört haben mögen und was wir auch immer für erstrebenswert oder sonstwie für angenehm oder unangenehm halten mögen - all dies kann ohne Ausnahme in dem einen Beweggrund, dem alleinigen und einzigen universellen Impuls, zusammengefaßt werden.

        Dieser universelle Impuls ist der eigentliche spirituelle Antrieb, und wenn wir wollen, brauchen wir nicht das Wort “spirituell” zu verwenden, um ihn zu bezeichnen. Dennoch kann man diesen alles-verzehrenden Impuls in Richtung eines allem gemeinsamen Zieles durchaus als spirituelles Streben und als grundsätzlichstes Bedürfnis der individuellen Natur bezeichnen. Dieser Impuls mag auf bestimmten vorherrschenden Ebenen der Erfahrung zwar nicht in der geeigneten Ausdruckskraft oder Verhältnismäßigkeit sichtbar sein, doch kann man ihm seine Bedeutung nicht deshalb absprechen, weil man ihn an der Oberfläche der Dinge nicht sehen kann. Wie wir alle sehr wohl wissen, kommt nicht alles, was wir sind, an die Oberfläche unseres bewußten Lebens. Und dennoch sind wir auch das, was in uns unsichtbar darauf wartet, früher oder später als treibende Kraft in unseren Leben an die Oberfläche unserer Persönlichkeit zu kommen, wenn nicht bereits in diesem, dann in den noch bevorstehenden Leben. Die Drangsale der menschlichen Natur sind ihrem Umfang nach universell und nicht individuell, nicht einmal sozial im Sinne unserer geläufigen Gesellschaftsdefinition. Welche Sehnsüchte die Menschheit auch immer haben mag, sie haben ein universelles Ausmaß, da sie in jedem Wesen gegenwärtig sind: in mir, in dir, bis hin zu den anorganischen Ebenen der Offenbarung, wobei sie verschiedene Formen und Ausdrucksarten annehmen.

        Jede individuelle Struktur kämpft darum, mit anderen solchen Zentren in Kommunikation zu treten. Und diese Tendenz, mit dem Wesen von anderen zu verschmelzen, ist der Anfang alles spirituellen Strebens. Was ist Gravitation, wenn nicht ein spiritueller Drang? Was ist die Kraft, die die Erde um die Sonne kreisen läßt, wenn nicht eine spirituelle? Wir mögen uns verwundert fragen, wieso die Gravitationskraft spirituell sein soll, da wir doch wissen, daß sie ein physikalisches Phänomen ist - doch es ist alles nur eine Frage der Nomenklatur. Wir können sie physikalisch, psychologisch, sozial, ethisch, moralisch oder spirituell nennen - ganz wie es uns beliebt. Die Frage lautet nämlich: Was ist sie ihrem Wesen nach? Warum gibt es überhaupt eine Anziehung? Die Anziehung moralischer Kraft, die Anziehung der psychischen Inhalte, der Liebe und Zuneigung? Was ist es, das eine Sache zur anderen hinzieht? Warum sollten sich zwei Zentren überhaupt anziehen? Welche Absicht, welches Ziel, welches Motiv und welches Geheimnis befinden sich hinter diesem Drang? Wenn wir die Quellen der menschlichen Natur und die Neigungen von allem und jedem in der Welt, selbst auf den anorganischen Ebenen, nüchtern untersuchen, werden wir feststellen, daß es da so etwas wie eine Art Sehnsucht danach gibt, mit Dingen in Kontakt zu treten, die sich außerhalb der eigenen Persönlichkeit befinden. Dieses “Gefühl” ist manchmal bewußt und manchmal unbewußt gegenwärtig und drängt danach, die Gefühle und Standpunkte der anderen abzuwägen und abzuschätzen, so daß man durchaus von einem Verlangen nach Vermengung der verschiedenen Standpunkte sprechen kann, wobei dieser Drang, dieses Bestreben oder Empfinden erst aufhört, wenn der allgemeine universelle Standpunkt erreicht worden ist. Ob dies jedermann bekannt ist oder nicht, ist eine andere Sache, denn nicht alle Menschen befinden sich auf derselben Entwicklungsstufe. Demzufolge wäre es unfair und unsinnig zu erwarten, daß sich ein jeder auf der gleichen Verständnisebene befinden sollte. Wenn bestimmte Teile der Menschheit nicht spirituell zu sein scheinen, heißt das noch lange nicht, daß sie Spiritualität grundsätzlich ablehnen. Sie sind lediglich noch nicht dazu fähig, die Bedeutung hinter den eigenen Bestrebungen, Aktivitäten und Motiven in ihrem Leben vollständig zu begreifen. Ihre Unfähigkeit, den Beweggrund hinter ihren Handlungen und Erwartungen zu verstehen, ist ein Punkt, der nicht als das Gegenteil des spirituellen Bedürfnisses angesehen werden muß. Letztlich kann es für die Menschheit keine zwei Ideale geben. Ganz gleich, ob jemand in China oder in Peru lebt, die Grundlagen der menschlichen Natur sind dieselben. Das Ideal der Menschheit, das Ideal aller Wesen, selbst das der unter- oder übermenschlichen, kann nicht anders als eins sein, so daß die Ursache aller Unternehmungen des Lebens auf die Rastlosigkeit zurückzuführen ist, die von der Gegenwart dieses ursprünglichen Bedürfnisses ausgeht. Der Fabrikarbeiter, der Handwerker, der Beamte und so weiter - all diese Menschen, die sich für anscheinend unterschiedliche Ziele im Leben mühen und plagen -, sie alle arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin, das ihnen im Moment nicht klar ist. Sobald wir auf einer angemessenen Verständnisebene angelangt sind, werden wir in der Lage sein, die Gemeinsamkeit zu erkennen, die sich hinter den Haltungen aller menschlichen Wesen verbirgt, selbst wenn diese Haltungen anscheinend voneinander verschiedenen Zwecken dienen.

        Die menschliche Natur durchläuft einen Entwicklungsprozeß, und nicht alle Männer und Frauen sind wirklich voll entwickelte menschliche Wesen. Häufig sind noch Elemente der Tiernatur in die menschliche Natur verwoben, die jedoch langsam im aufsteigenden Evolutionsprozeß verschwinden. So kann man mit Sicherheit behaupten, daß es selbst unter den menschlichen Wesen noch Tiermenschen gibt, wie man auch selbstsüchtige Menschen, gewöhnliche Menschen, gute Menschen, heilige Menschen und Gottmenschen finden kann. Wir können nicht sagen, daß sich alle Menschen auf derselben Stufe befinden, was es den Individuen auch nicht gestattet, dem Leben gegenüber die gleiche Haltung einzunehmen oder dieselbe Art von Bemühungen zu unternehmen. Was ist das Lebensideal einer Katze, einer Maus oder eines Büffels? Man mag denken, daß sie als Tiere keine Ziele haben, da sie ja lediglich essen und kauen und ihren Instinkten folgen. Und dennoch ist der Geist in ihnen gegenwärtig, wenn auch in einem schlafenden Zustand. Wir alle kennen den Ausspruch, daß der Geist in der Materie schläft, in den Pflanzen träumt, in den Tieren denkt und im Menschen versteht. Er ist jedoch selbst in der menschlichen Natur noch nicht vollständig zu einem umfassenden Selbst-Bewußtsein erwacht. Über die menschliche Ebene hinaus erstreckt sich noch ein beträchtlicher Aufstieg, über den wir in Schriften wie den Upanishaden[1] ausgiebig nachlesen können. Die Bemühungen eines menschlichen Wesens sind endlos, und niemand kann in Frieden ruhen, solange der universelle Standpunkt nicht zum festen Bestandteil des eigenen praktischen Lebens wird, ganz gleich wie reich oder mächtig man in dieser Welt sein mag. Dieser universelle Standpunkt wird als spirituelle Lebensanschauung bezeichnet.

        Nun, der universelle Standpunkt, von dem hier die Rede ist, muß nicht unbedingt der Standpunkt Gottes sein, da sich der höchste kosmische Geist im Leben eines Individuums vielleicht nicht unmittelbar offenbart. Dennoch kann das Ideal als solches nicht verworfen werden. Das Wesen des spirituellen Lebens oder der Spiritualität ist die Fähigkeit einer Person, sich das Ideal der universellen Harmonie und der universellen Existenz vor Augen zu halten, auch wenn dieses noch nicht vollständig zu einem integralen Teil des eigenen Lebens geworden sein mag. Wir mögen keine Gottmenschen sein und die Gottes-Erfahrung mag noch nicht über uns gekommen sein, und doch kann dieses Ideal nicht verfehlt werden. Die richtige Einschätzung von weltlichen Werten und der Bedeutung der praktischen Existenz aus dem Blickwinkel der Notwendigkeiten des höheren spirituellen Ideals heraus kann bereits als ein Schritt zum spirituellen Leben hin angesehen werden.

        Spirituelles Leben entspricht jener Lebens- und Verhaltensweise, jenem Denken und Verstehen, das jemanden dazu befähigt, jede Situation des Lebens, egal ob körperlicher, sozialer, ethischer, politischer oder psychologischer Natur, vom Standpunkt des Ideals aus zu interpretieren, das es zu erreichen gilt, auch wenn es noch in weiter Ferne liegen mag. Die Unfähigkeit, die praktischen Angelegenheiten des Lebens und die gegenwärtige Lage der eigenen Existenz vom Standpunkt des unmittelbar über uns befindlichen Ideals aus zu betrachten, würde uns im Zustand unvollständiger und unglücklicher menschlicher Wesen belassen. Zum Glück ist eine derartige Unfähigkeit jedoch nur der Tiernatur vorbehalten. Tiere und Menschen, in denen die Tiernatur überwiegt, können gegenwärtige Situationen nicht vom Standpunkt des spirituellen Ideals aus deuten, das den gegenwärtigen Zustand übersteigt. Sobald wir jedoch dazu fähig werden, das Niedere im Lichte des Höheren zu verstehen und zu erklären, können wir als wahre Menschen bezeichnet werden, da es genau diese eigentümliche Fähigkeit ist, die den Menschen über die Tiere erhebt. Daß jemand auf zwei Beinen läuft, muß nicht unbedingt bedeuten, daß er auch wirklich menschlich ist. Solange in einer Person nicht die menschliche Natur und ein typisch menschlicher Charakter manifestiert sind, ist es bedeutungslos zu behaupten, daß diese Person menschlich sei. Solche Personen mögen die körperlichen Merkmale der Menschheit vorweisen und man mag sie aus diesem Grund auch zur Gattung der Menschen zählen, psychologisch jedoch befinden sie sich noch immer auf einer niedrigeren Ebene, wofür zum Beispiel Ausbrüche von Ärger, Eifersucht und Gewalttätigkeit ausreichende Beweise sind. Alle Reibungen, Spannungen, Schlachten und Kriege in der Menschenwelt werden genau von diesem Personenkreis verursacht. Das psychologische Erwachen des Individuums in die sogenannte Menschlichkeit oder in die wahre menschliche Natur ist der tatsächliche Beginn des spirituellen Strebens.

        Zum Abschluß möchte ich darauf hinweisen, daß es nirgendwo irgend etwas völlig Unspirituelles geben kann. Es gibt keine durch und durch unspirituellen Wesen in der Welt, und selbst jene, die offenbar am Gegenteil des spirituellen Ideals festhalten und diesem womöglich entgegenarbeiten, wirken trotzdem nur für dieses eine spirituelle Ideal, wenn auch auf fehlgeleitete Art und Weise. Sie sind wie Blinde, die im grellen Sonnenschein nach Licht suchen. Grundsätzlich müht sich ein jeder auf das selbe Ziel hin, das man heutzutage das “spirituelle Ideal” nennt, auch wenn noch nicht alle in den Zustand einer wahrhaft strebenden Menschheit erwacht sein mögen und sich ihr Verstand noch nicht so weit erhoben haben mag, daß sie die Bedeutung der inneren Verwandtschaft und der Verbundenheit von allen Dingen miteinander innerhalb der Schöpfung begreifen könnten, einer Tatsache, die heutzutage zu unserem Glück selbst von der Physik wissenschaftlich zu veranschaulichen versucht wird. Wissenschaftler scheinen durch die bloße Kraft der Logik und der Beobachtung auf die weiterführenden philosophischen und spirituellen Ebenen zu stoßen, was in der Tat als ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft der Menschheit anzusehen ist. Es ist durchaus möglich, daß im Zuge der Fortentwicklung irgendwann einmal eine Zeit kommen wird, in der die Menschen in der Lage sein werden, sowohl die wahre Bedeutung hinter ihren Irrtümern, Anhänglichkeiten und Abneigungen, als auch die Ursache hinter der Rastlosigkeit und dem Unglücklichsein zu erkennen, das ihnen im Laufe ihres Lebens früher oder später die Kräfte raubt, ein Phänomen, das dem Lebensprozeß innewohnt und dem niemand entkommen kann.

        Demzufolge sollte die Errungenschaft sogenannter Internationalität, vereinter Menschheit oder globaler Brüderlichkeit, von der überall gesprochen wird und die über verschiedene Wege angestrebt wird, sei es durch soziale Wohlfahrtsverbände, durch menschenfreundliche Aktivitäten, interkulturelle Konferenzen und ähnliches mehr, ohne Zweifel möglich sein. Ich bin mir sicher, daß Gott nicht tot ist. Und wenn Er lebt, bleibt es der Menschheit gewiß erspart, in alle Ewigkeit immer nur den falschen Weg zu beschreiten, auch wenn es im Moment noch so aussehen mag, als gäbe es für die Menschheit aufgrund des unzulänglichen Erwachens des Geistigen keine Hoffnung mehr. Dieses hat sich jedoch in einigen Wesen bereits vollständig manifestiert und versucht, sich auf vielerlei Wegen als Heilmittel in jedermanns Leben Zugang zu verschaffen. Was wir gemeinhin spirituelles Erwachen nennen, ist jener innere Drang beziehungsweise jene Fähigkeit der psychischen Struktur der Individuen, in ihrem Rahmen die universelle Bedeutung zu erfassen, die zwingenderweise selbst in den scheinbar unbedeutendsten Motiven und niedersten Handlungen immer gegenwärtig ist. Erfolg liegt vor uns allen!

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2       Die fortschreitende Evolution des Menschen

        Man kann durchaus sagen, daß das menschliche Individuum innerhalb des Prozesses, in den es gegenwärtig verwickelt ist, psychologisch unterentwickelt ist. Es muß nicht extra erwähnt werden, daß die Geschichte seit jeher ein Prozeß der Wandlung ist, der in sich nicht nur die menschliche Spezies umfaßt, sondern die gesamte Schöpfung, wobei nicht einmal die physikalischen Elemente ausgenommen sind, die das astronomische Weltall bilden. Obwohl der analytische Verstand dazu imstande ist, überall in der Natur den Prozeß der Wandlungen zu beobachten, hindert ihn die eigentümliche Struktur des psychischen Organs daran, sich dieser Tatsache bewußt zu sein, und läßt ihn in der Vorstellung, die sich wandelnden Dinge seien dennoch beständig, ein Gefühl der Selbstzufriedenheit empfinden. Häufig ist man sich des Phänomens der Veränderung jedoch überhaupt nicht bewußt. Man könnte sagen, daß sich der Geist des Menschen in einem Zustand der Illusion befindet, solange er dazu unfähig ist, sich den Erfordernissen der im Weltall stattfindenden Veränderungen anzupassen, die wir für gewöhnlich Evolution nennen, und solange er sich auf ein einzelnes Merkmal des sich stets Verändernden konzentriert, in dem er Beständigkeit erblickt und auf Grund dessen er sich, wie auch immer, mit einem Band der Liebe oder des Hasses an Personen und Dinge bindet. Eine solche Situation nannten die Alten Samsara oder die Verwicklung in die irdische Existenz.

        Eine philosophisch orientierte wissenschaftliche Denkhaltung erklärt die Ursache für das eigene blinde Festhalten an der Vorstellung von der Beständigkeit der Objekte dieser Welt sowie die Unfähigkeit unseres Geistes, allen Wandel und alle Veränderung als Tatsache zu akzeptieren - was ja die Ursache für Emotionen, Anhänglichkeit, Abneigungen und dergleichen ist - damit, daß es sich hierbei um einen Kompromiß handelt, den der Geist mit einer Menge von Schwingungs- und Kräftesequenzen in einem Akt der Wahrnehmung eingeht, wobei er für seine Zwecke nur bestimmte Aspekte der Kraftmerkmale auswählt und andere Aspekte, die seinen eigenen persönlichen Zielen nicht dienlich sind, zurückweist. Die Tatsache, daß dieser Wahrnehmungsakt nur durch die Übereinstimmung jener Frequenzen möglich ist, die sowohl in der Bewegung des menschlichen Geistes als auch in jener Kraft vorherrschen, die die äußeren Objekte bildet, beschert uns inmitten der Vergänglichkeit der Objekte die Illusion von deren Beständigkeit. Diese Art der Übereinstimmung und des Kompromisses zwischen Verstand und Wahrnehmungsobjekt findet man beispielsweise, wenn auch auf andere Art, in der Wahrnehmung eines “laufenden” Kinofilms. Die Struktur der optischen Organe, durch die der Verstand währenddessen arbeitet, befindet sich hier in der Illusion einer Beständigkeit der auf die Leinwand projizierten, sich bewegenden Bilder, obwohl sehr wohl bekannt ist, daß der  laufende Film mindestens sechzehn Bilder in der Sekunde projiziert. Dies ist eine Tatsache, die der Verstand jedoch auf Grund seiner Zuordnung zu den Organen der Augen und auf Grund seiner Abhängigkeit von ihnen nicht erfassen kann. Obwohl wir wissen, daß keines der erzeugten Bilder des sich bewegenden Filmes in sich statisch ist, täuschen uns die Augen und lassen uns glauben, daß eine, wenn auch vorübergehende Statik in ihnen vorhanden sei. Obgleich in diesem Phänomen ein Widerspruch zwischen dem Verstand und der Sinneswahrnehmung vorliegt, läßt der Verstand es zu, von der Wahrnehmung der Augen getäuscht zu werden, und versorgt uns mit diesem falschen Glauben, so daß durch das ungerechtfertigte Akzeptieren dieser Täuschung seitens des Verstandes das gesamte Lebensmuster und -programm einer Person in völlig andere Bahnen gelenkt werden kann. Ein ähnlicher Sachverhalt würde unsere Wahrnehmung von den beständigen Objekten dieser Welt erklären. Die Wahrheit, die Buddha vor Jahrhunderten verkündete, daß alles unbeständig ist, wird heute durch die Beobachtungen der modernen Physik bestätigt, die innerhalb eines scheinbar statischen Objekts Partikel und Kräfte tanzen sieht, welche die eigentliche Grundsubstanz jenes Objektes bilden. Die Persönlichkeit des Menschen ist von der Wirkung dieses Gesetzes nicht ausgenommen, und man kann durchaus sagen, daß sich jede Zelle unseres Körpers in jedem Moment verändert.

        Diese Tatsache, die uns dabei hilft herauszufinden, in welchen Verstrickungen sich die menschliche Natur befindet, zeigt uns, wie notwendig es ist, sowohl die Position des Menschen innerhalb der Komplexität des Universums richtig einzuschätzen als auch den Funktionscharakter, der dem Menschen in der Anordnung der Dinge abverlangt wird. Dies birgt jedoch das Problem in sich, daß der Mensch nicht in der Lage ist, die Wirklichkeit hinter den Erscheinungen zu kennen, da die Verstandesfähigkeit des Menschen unentwirrbar in die Struktur der Erscheinungen verwoben ist. So schränken zum Beispiel die Bedingungen von Raum, Zeit und Schwerkraft die Freiheit des Verstehens ein, da diese weit tiefgreifendere Verwicklungen enthalten, als dies an der Oberfläche erscheint, die sowohl die bloße Existenz der menschlichen Persönlichkeit als auch jenes mysteriöse Etwas kontrollieren, das wir im Aufbau der Dinge für gewöhnlich als Kausalität bezeichnen. Diese Schwierigkeit bedeutet jedoch noch nicht das Ende aller Weisheit, auch wenn sie in der Tat ein anscheinend unlösbares Problem darstellt. Schließlich dirigiert sie den Verstand gleichzeitig auch zur Erkenntnis eines fundamentaleren Sachverhalts, nämlich dem, daß es keine Erscheinungen geben kann, wenn es keine Wirklichkeit hinter ihnen gibt, die sie trägt.

        Das Resultat dieser Analyse sind somit folgende zwei Entdeckungen: (1) daß sich hinter den Veränderungen der Oberflächenexistenz der Dinge irgend etwas Beständiges befinden muß, und (2) daß die bloße Tatsache, die es dem Verstand ermöglichte, zu dem Schluß zu gelangen, daß es hinter den Erscheinungen eine “Wirklichkeit” gibt, ausreichender Beweis dafür ist, daß der Verstand, obwohl er in die Welt der Erscheinungen verwickelt ist, auch in der Wirklichkeit verwurzelt ist. Andernfalls hätte er nicht zu einer derartigen Schlußfolgerung wie der Existenz einer “Wirklichkeit” kommen können. Der Mensch ist somit sowohl phänomenal als auch nominal. Er ist sterblich und unsterblich zugleich. Wie ein Philosoph es humorvoll bezeichnete, ist der Mensch Knotenpunkt von beiden - von Gott und Tier.

        Trotz der unvermeidlichen Schwächen, die wir durch unsere Verwicklung in die Erscheinungen haben, sieht es so aus, als könnten wir unser Ziel dennoch erreichen, da wir ja eine Verbindung zur Wirklichkeit haben. Und vielleicht können wir sogar Gott, das Absolute, erreichen, da Er uns mindestens so nah ist, wie uns dies in Beziehung zu irgend etwas in der Welt überhaupt möglich sein kann. Ja, vielleicht ruhen wir enger und näher an Seinem Busen, als wir ahnen, denn wie könnte das Konzept der “Wirklichkeit” in uns auftauchen, wenn wir nicht selbst in der Wirklichkeit verwurzelt wären?

        Dies markiert den Beginn sowohl der wissenschaftlichen als auch der philosophischen Abenteuerreise bis hin zur spirituellen Erleuchtung. Wir schreiten von der Wissenschaft zur Philosophie und von dort aus zur Spiritualität voran, eine Bewegung, die man im großen und ganzen als die Stufenleiter unseres Aufstiegs im Prozeß der Evolution bezeichnen kann. Diese Evolution verläuft normalerweise progressiv, obwohl es auf Grund von falschen Vorstellungen und mangelnder Weitsicht zu gelegentlichen Rückschlägen oder Rückschritten kommen kann, die die menschlichen Bemühungen in ihrer Suche nach der Wahrheit konfrontieren und sich ihnen entgegenstellen.

        Die wissenschaftliche Annäherung, die die erste Phase darstellt, beschäftigt sich vorrangig mit den äußeren Beziehungen des Menschen und studiert die physikalischen, chemischen, biologischen, psychologischen, sozialen, politischen und kulturellen Bedeutungen des Lebens, die die Grundlagen des menschlichen Fortschritts und dessen Errungenschaften darstellen. Die Physik entdeckt, daß das Universum ein materielles Gefüge aus anorganischer Substanz ist, die sich als die Grundlage der Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft, wie auch als Grundsubstanz des gesamten Sonnensystems, des kosmischen Staubes, der Sonne, des Mondes, der Sterne und Milchstraße durch den unendlichen Raum hindurch ausdehnt. Die Newtonsche Physik behauptete, daß “Raum” als eine Art Behälter für materielle Substanzen wie Sonne, Planeten und dergleichen dient und daß es eine sogenannte Anziehungskraft gibt, die zwischen diesen Objekten wechselseitig wirkt und die Objekte in ihrer Position und in ihren Umlaufbahnen hält, und daß diese Kraft darüber hinaus bis zu einem gewissen Grad auch deren Charakter und vielleicht auch ihre Zusammensetzung bestimmt. Nach Newton begannen physikalische Entdeckungen das Wirken von Tatsachen anzukündigen, die vom Newtonschen Konzept sehr weit abweichen und es transzendieren. Ihnen zufolge ist “Raum” kein Behälter für Dinge, die mit ihm nicht in Verbindung stehen, sondern eher eine Art unendliches elektromagnetisches Feld, das in die bloße Struktur und Funktion aller materiellen Objekte eingetreten ist. Diese Entdeckung führte darüber hinaus zu den noch komplizierteren Theorien der Quantenmechanik, der Wellenmechanik und so weiter, und schließlich zur Relativitätstheorie, die uns lehrt, daß Dinge nicht nur als Kräfte in einem elektromagnetischen Feld miteinander verbunden sind, sondern daß sogar das Konzept von Kraft oder Energie für ein rechtes Verständnis der wahren Natur des Universums ungeeignet ist. Man berichtet uns, daß es keine Dinge gibt, sondern nur Ereignisse, daß es keine Objekte gibt, sondern nur Prozesse, so daß wir uns in einem fließenden Universum eines vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums befinden, in dem die Relativität das oberste Prinzip ist. Das Prinzip der Relativität reduziert alles zu einer wechselseitigen Abhängigkeit sämtlicher struktureller Anlagen und Raum-Zeit-Ereignisse, so daß das Universum eher einer lebenden organischen Ganzheit gleicht, in dem die Idee der Kausalität, wie sie für gewöhnlich verstanden wird, ausgeschlossen ist. In einer organischen Struktur sind die Teile nämlich derart in einer internen engen Beziehung miteinander verbunden, daß jedes Teil gleichermaßen Ursache wie auch Wirkung ist, da hier alles von allem anderen mitbestimmt wird. Man könnte sogar sagen, daß alles überall ist. Es ist nicht nötig, in dieser großartigen wissenschaftlichen Doktrin in tiefere Details vorzudringen, da den Schülern der Philosophie und des spirituellen Lebens statt dessen ein tiefgründiges Studium von Texten wie der Yoga-Vasishtha[2] empfohlen werden kann, die ihnen die praktischen Möglichkeiten der sogenannten Relativitätsphänomene gewinnbringend vor Augen führen.

        Obwohl die Wissenschaft in ihren fortgeschrittenen physikalischen Untersuchungen ihre Schlußfolgerungen in Form solch gewaltiger Wahrheiten hervorbrachte, wie sie von der Relativitätstheorie offenbart werden, konnte sie sich nicht von der Vorstellung befreien, daß das Universum physikalisch sei, trotz der Tatsache, daß einige der späteren Genies der Wissenschaft tatsächlich über die Existenz eines universellen Geistes oder Bewußtseins stolperten, welches das “Substrat” oder, wie man es nennen kann, den “Beobachter” aller relativistischen Erscheinungen darstellt. Das physikalische Universum wird als die Basis betrachtet, von der aus die Evolution beginnt. Die indische Philosophie schloß die Tatsache nicht aus, daß die Evolution des Lebens von der Stufe der anorganischen Materie aus beginnt, obwohl sie zu den Höhen aufstieg, einen bewußten, die Erscheinungen transzendierenden Schöpfer des Universums anzuerkennen, um schließlich in ihrem System des Vedanta zu dem Schluß zu kommen, daß das schöpferische Prinzip vom erschaffenen Universum letztendlich nicht verschieden ist. Evolution wurde als ein im empirischen Reich der Erfahrung gültiger Prozeß akzeptiert, auch wenn das Ziel der Evolution die Verwirklichung des höchsten Lebenszieles ist, nämlich die Einheit des Absoluten, und somit die Existenz der Intelligenz des Schöpfungsprinzips in seiner untrennbaren Beziehung zum Universum. Leben steht über der Materie, Verstand über dem Leben und Intellekt über dem Verstand. Eine interessante und fesselnde Beschreibung der modernen wissenschaftlichen Vorstellung vom Evolutionsprozeß findet man in Samuel Alexanders Werk “Raum, Zeit und Gottheit”, in dem er eine Evolutionstheorie auf der Grundlage der physikalischen Relativitätstheorie einführt, wobei gemäß letzterer Raum-Zeit als Kontinuum den Rahmen aller Erscheinungen bildet. Raum-Zeit produziert Bewegung und Materie, die sich selbst in die physikalischen Elemente verdichtet, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Physikalische Substanzen, die auf diese Weise aus der Raum-Zeit-Bewegung hervorgegangen sind, sind mit den sogenannten Primäreigenschaften wie Größe, Gewicht und dergleichen ausgestattet. Man nimmt an, daß sie später durch Sekundäreigenschaften wie Farbe, Klang und so weiter gekennzeichnet werden, die das Ergebnis des Wahrnehmungsprozesses sind, der vom subjektiven Bewußtsein des individuellen Beobachters oder Erfahrenden ausgeht.

        Über der Materie steht das Leben. Das Leben zeichnet sich durch die Organisation von Individualität aus, durch die Suche nach Vollständigkeit im Zentrum des eigenen Wesens und durch die Tendenz zu dem, was wir “Bewußtsein” nennen könnten - ein Phänomen, das in anorganischer Materie nicht angetroffen werden kann. Das Pflanzenreich ist ein Beispiel für Leben direkt über der Materie, wobei ihm die Denkfähigkeit fehlt, die eine Funktion des Geistes ist. Das Denken steht über dem Leben. Tieren ist außer dem Leben, das sie aus der niederen Stufe ererbten, auch ein Denkorgan gegeben. Das tierische Denken ist jedoch nicht zielgerichtet und hat weder die Fähigkeit logischer Beurteilung noch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und rational zu verstehen. Diese letztgenannten Merkmale sind im Verstand anzutreffen, der die Domäne des Menschen ist. Die höchste menschliche Gabe ist der Verstand. Dies ist die Fähigkeit, die ihn über das Tier- und Pflanzenreich stellt, ganz abgesehen von den anorganischen Substanzen. Alexanders Analyse schlußfolgert die Existenz einer Gottheit, die sich auf einer höheren Stufe als der des menschlichen Intellekts befindet, auf einer Ebene, die es noch zu erreichen gilt. Und in der Tat wird jede nachfolgende Stufe als die Gottheit der vorangegangenen angesehen. Dennoch ist Alexanders Gottheits-Konzept den tiefen Bestrebungen des Menschen gegenüber unangemessen. Diese werden jedoch von den Upanishaden befriedigt, die im Kontext der Beschreibung der Abstufungen innerhalb der angestrebten Seligkeit wesentlich weitreichendere und umfassendere Ebenen andeuten als die der menschlichen Ebene. Es sieht so aus, als gäbe es  zwischen dem Intellekt und der höchsten Wirklichkeit mehrere Zwischenstufen. Die Upanishaden beschreiben in diesem Zusammenhang das Reich der Gandharva, das sich direkt über dem des Menschen befindet, danach die Pitri-, Deva-, Indra-, Brihaspati-, Prajapati- und Brahman-Ebene. Wir werden dahingehend unterrichtet, daß sowohl das Bewußtsein als auch die Glückseligkeitserfahrung des Individuums immer intensiver wird, je höher man sich über die menschliche Ebene hinaus entwickelt. Und nicht nur das: Die Individualität wird im Laufe ihres Aufstiegs auch immer transparenter und einschließender und gewinnt an Fähigkeit zur wechselseitigen Durchdringung, bis die Evolution schließlich die Stufe von Brahman (dem Absoluten) erreicht, wo sich die Individualität mit der Universalität vereint. Alexanders “Gottheit” ist zwar eine zukünftige Möglichkeit, muß aber, da sie einen Effekt innerhalb der Evolution darstellt, bereits in ihrer ursprünglichen Ursache, das heißt in der Raum-Zeit enthalten sein.

        Dem berühmten deutschen Philosophen Hegel zufolge ist die niedrigste Stufe durch eine Art urrudimentäres Bewußtsein gekennzeichnet, das von bloßer materieller Substanz nicht getrennt werden kann. Die zweite Stufe ist das darüberliegende, auf die Natur reagierende Selbsterhaltungsbewußtsein, das im Pflanzenleben seinen Ausdruck findet und dort beobachtet werden kann. Die dritte Stufe ist die der primitiven Suche seiner selbst in anderen, die sich in der Form psychologischer Begierden, Bedürfnisse und einer Liebe ausdrückt, die sich besonders im Fortpflanzungsbewußtsein konzentriert. Als vierte Stufe folgt die des Selbstbewußtseins, das ein spezielles Merkmal des Menschen ist, der sich oberhalb der Ebene bloßer tierischer Befriedigung befindet, die sich durch Selbsterhaltung und Fortpflanzung mittels Reaktion auf äußere Reize kennzeichnet. Trotzdem steckt das menschliche Leben auch hier noch in den Kinderschuhen und ist noch nicht voll entwickelt. Wir können die menschlichen Wesen in folgende Bewußtseinsstufen einteilen: Zunächst den animalischen Menschen (von dem man sagen könnte, daß er der vorher bereits erwähnten vierten Stufe entspricht), dann den selbstsüchtigen Menschen, den “guten” Menschen, den heiligen Menschen und den Gottmenschen. Die fünfte Stufe ist diejenige, in der man sich der eigenen Getrenntheit von äußeren Objekten bewußt wird und alle Veränderungen eher den Objekten als sich selbst zuschreibt. Dies ist die Stufe, in der man die Fehler nur bei den anderen sieht, aber nicht bei sich selbst, so daß das störende Objekt zum Hindernis für das eigene bequeme Leben wird, und die Gegenwart von Objekten, die nicht zur eigenen Befriedigung beitragen, nicht toleriert werden kann. Die verborgene Einheit der Dinge setzt sich jedoch durch und kann eine solch selbstsüchtige Einstellung wie die der völligen Isolierung von Subjekt und Objekt nicht dulden. So weicht die selbstsüchtige Vorstellung von der eigenen Isoliertheit, die sich in der fünften Stufe manifestiert, dem Drang nach Einheit, indem man diesen in Form von Liebe zu anderen und dem Hang, Autorität über andere auszuüben, verzerrt, was der sechsten Stufe entspricht. Auf der siebten Stufe ist man sich der eigenen negativen Abhängigkeit von anderen in Form von Liebe und dem Verlangen nach Macht und dergleichen bewußt, so daß man bestrebt ist, dieses Gefühl der sklavischen Abhängigkeit entweder durch intensive Anhänglichkeit oder intensiven Haß loszuwerden. In der Liebe manifestiert sich die Sehnsucht danach, das Objekt ganz mit sich zu vereinen, um alleine leben zu können, und im Haß besteht das Verlangen danach, das Objekt zu zerstören, so daß man auch hier wieder die Chance erhält, alleine leben zu können. Denn das “Alleinsein” - die Natur der Wirklichkeit - setzt sich irgendwie und irgendwann auf ehrliche oder unehrliche Weise durch. Auf der achten Stufe erkennt man, daß es unmöglich ist, mit diesem “Gesetz des Dschungels” zu leben, da hier jeder eine Bedrohung für die Existenz des anderen darstellt, so daß niemand in Sicherheit leben kann. Das Bedürfnis, irgendwie zu überleben und das möglichst in Sicherheit, zwingt den Menschen dazu, ein Leben der Kooperation und der gegenseitigen Kompromißbereitschaft zu führen. Dies entspricht dem Bewußtsein des sozialen Lebens, der humanitären Ideale und der Gesellschaft als einer harmonischen Organisation auf der achten Stufe.

        Diese Kooperation und Kompromißbereitschaft basiert jedoch letztlich auf Selbstsucht und auf dem Wunsch, sich selbst zu erhalten, so daß man auch im sozialen Leben Unruhen und Regelverstöße beobachten kann, was ja nur ein Zeichen dafür ist, daß die Grundlage dieser anscheinend humanitären Ideale nicht wirklich menschenfreundlich ist, sondern auf einer niedrigeren Stufe des Lebens aufbaut. Die Studien der Psychologie und der Psychoanalyse offenbaren hier, daß die meisten Bemühungen des Menschen nicht über seine biologischen Triebe wie das Verlangen nach Nahrung, Sex, Schlaf und die Furcht vor äußeren Kräften hinaus reichen, wobei diese zudem noch von den Sehnsüchten verstärkt werden, andere zu beherrschen, Macht auszuüben, den eigenen Ruhm durch die öffentliche Behauptung der eigenen Überlegenheit zu vergrößern und begierig nach Reichtum zu streben.

        All dies ist das Ergebnis der empirischen Annäherung des menschlichen Denkens an die Probleme des Lebens. Diese bietet jedoch wahrlich keine Lösung der Probleme, und die Menschheit befindet sich heute in der selben Schwierigkeit, Verlegenheit und Unsicherheit wie vor Jahrhunderten, was alles nur daran liegt, daß sich diese Annäherung des Menschen an die Dinge in ihrer Qualität und in ihrem Charakter nicht geändert hat, obgleich der geschichtliche Zeitenlauf inzwischen Tausende von Jahren durchschritten hat. Die alten Meister durchschauten diese bedrückende Situation und sahen das einzig wirksame Heilmittel darin, eine “integrale Schau” zu entwickeln und sich nicht auf eine rein empirische Wahrnehmung zu beschränken. Diese umfassende Annäherung verlangt vom Menschen, das Leben als eine einzige Gesamtheit zu begreifen, deren Teile nicht voneinander trennbar sind. Die wohlbekannte Klassifizierung der menschlichen Werte oder Lebensziele in Dharma (Verfolgung moralischer Werte), Artha (Verfolgung ökonomischer Werte), Kama (Verfolgung vitaler Werte) und Moksha (Verfolgung eines unendlichen Wertes) bildet hier den Grundriß jenes Fundamentes, auf dem man seine Lebensperspektive aufbauen kann. All diese vier Werte müssen in einem korrekten Verhältnis zueinander stehen, um eine einzige Gesamtheit zu ergeben und nicht nur eine Ansammlung trennbarer Bestandteile. Dies bedeutet, daß jede Ausübung, jeder Gedanke, jedes Wort und jede Tat eines Menschen diese eine Absicht, nämlich eine gezielte Mischung von Dharma, Artha, Kama und Moksha manifestieren sollte, was für den uneingeweihten und ungeübten Menschen in der Tat eine schwierige Aufgabe ist. Spiritualität ist jedoch kein Scherz, und ihre Praxis erfordert ein größeres Ausmaß an Erziehung und Disziplin, als man dies in einer gewöhnlichen Akademie oder in irgendeinem Lehrinstitut der Welt erwarten würde. Diese Verbindung der vier Lebensziele in einem einzigen Akt hat die Einführung der kooperativen sozialen Gruppen notwendig gemacht, die für gewöhnlich unter der Bezeichnung Varna bekannt sind - vier Klassen, die im allgemeinen Leben die spirituelle, politische, ökonomische und körperliche Kraft ausüben und somit eine vollständige Organisation des menschlichen Strebens und Wirkens bilden. Diese Lebensbetrachtung führte auch zur Anerkennung von vier Lebensabschnitten, die als Ashrama bekannt sind: (1) einem Leben der Enthaltsamkeit und des Studiums, (2) einem Leben der gemäßigten Selbstzufriedenstellung und der Ausübung von Pflichten in Übereinstimmung mit der eigenen Stellung im Leben, (3) einem Leben der Losgelöstheit von allen vergänglichen Werten und schließlich (4) einem Leben der Konzentration auf den einzigen als dauerhaft erkennbaren Wert, die letztendliche Wahrheit.

        Die Antwort auf die Frage, wie man diese Prinzipien in die Praxis umsetzen kann, ist ein “Leben des Yoga”. Yoga ist die Vereinigung mit der Wahrheit in den verschiedenen Stufen ihrer Manifestation, sowohl innerhalb der eigenen Persönlichkeit als auch in den sozialen Beziehungen und im öffentlichen Leben. Die Reichweite des Yoga ist für den Neuling schwer zu verstehen. Um der Schwierigkeit zu begegnen, daß man diese Wahrheit kaum mit einem Schlag erfassen kann, rieten Experten im Yoga zu einer gemäßigteren Annäherung an das großartige Ziel, indem man den objektiven (adhibhuta), den subjektiven (adhyatma) und den übernormalen (adhidaiva) Gottheits-Aspekt der Wirklichkeit beachtet, wobei der letztgenannte sowohl über die objektiven als auch über die subjektiven Seiten der Erfahrung Aufsicht führt. Dieser dreifache Zugang zum Yoga wird es erleichtern, noch weiter reichende Zuflucht zu den umfassenderen Wirklichkeiten zu nehmen, die in der Fachsprache des Vedanta[3] als Virat, Hiranyagarbha, Ishvara und Brahman bekannt sind und die den vierfältigen Aspekt des Absoluten andeuten, der für die eigenen Meditationen als äußerst hilfreich anzusehen ist.

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3       Prinzipien für einen Neuaufbau des menschlichen Strebens

        Letztendlich läuft alles darauf hinaus, daß das Ziel der Evolution von spiritueller Natur ist, wobei der Sinn des Spirituellen in seiner rechten Bedeutung verstanden werden muß. Zunächst einmal muß es zu einer Verschmelzung des viergliedrigen Ziels der Existenz, das heißt des moralischen, ökonomischen, vitalen und des unendlichen Wertes (Dharma, Artha, Kama, Moksha) in einem konzentrierten Brennpunkt des Denkens, Redens und Handelns kommen. Nicht selten wird Spiritualität als eine “Phase” des Lebens, als einer von vielen Aspekten menschlicher Bemühung oder gar als anders-weltliches Ziel betrachtet, an das man am Ende seines Lebens denken sollte. Nichts kann die Wahrheit jedoch mehr entstellen, als diese Art falschen Denkens und der Fehleinschätzung. Wie kann der unendliche Wert zu einem begrenzten Aspekt, einer bloßen Phase des Lebens oder einem anders-weltlichen Belang degradiert werden? Beinhaltet das Unendliche nicht alle Dinge, anders-weltliche ebenso wie diesseits-weltliche und jenseitige ebenso wie zeitliche und vergängliche? Wie könnte es ansonsten das “Unendliche” sein? Und wie könnte Spiritualität ein isolierter Aspekt des Lebens sein, wo sie doch der Hinführungsprozeß zum Unendlichen ist? Will sie nicht vielmehr die Gesamtheit des Lebens in sich umfassen, und wäre das Leben als solches ohne Spiritualität nicht gar unmöglich? Ja, der spirituelle Wert ist nicht ein Wert sondern der Wert allen Lebens, ohne den das Leben seine Bedeutung verlieren und in ein essenzloses Phantom verwandelt werden würde.

        Wenn das Unendliche die moralischen, ökonomischen und vitalen Werte in sich beinhaltet, so daß Dharma, Artha und Kama in Moksha mit eingeschlossen sind, folgt daraus, daß das Streben nach Ethik, Wohlstand und persönlicher Befriedigung im Leben notwendigerweise in den Versuch, Moksha oder Befreiung von der Sklaverei des Lebens zu erreichen, mit einbezogen werden müssen, was bedeutet, daß das Weltliche im Spirituellen enthalten ist. Der Kritik, die von unseren kommunistischen Freunden und von sozialen Wohlfahrts-Arbeitern an der Religion und an der Spiritualität geübt wird, fehlt somit jegliche Grundlage, da sie auf einer falschen Vorstellung von sowohl dem Spirituellen wie auch dem Religiösen beruht, wobei letzteres tatsächlich nur der äußere Ausdruck des Spirituellen ist. Wie bereits erwähnt, ist der menschliche Geist nicht mit der Fähigkeit ausgestattet, diese gewaltige Wahrheit hinter dem Drama des Lebens zu begreifen, so daß er sich ständig über die existierenden Umstände beschwert und selbst den logisch schlußfolgerbaren Konsequenzen mißtraut, die man aus der Beobachtung des Phänomens namens Leben vernünftig ableiten könnte. Die große Tragödie des menschlichen Lebens besteht in der ungerechtfertigten Isolierung des Spirituellen vom Zeitlich-Vergänglichen und dem daraus resultierenden Festhalten entweder an einer Überbewertung der materiellen Bedürfnisse dieser Welt oder an einem angenommenen religiösen Ideal, das sich auf eine jenseitige Welt beschränkt. Auf Grund einer völligen Fehldeutung der Wahrheit haben wir auf der einen Seite Materialisten, Atheisten und Hedonisten und auf der anderen Seite theoretisch-idealistische Religiöse, Priester und Bischöfe, die, gegeneinander rivalisierend, die Welt in einen Schauplatz der Konflikte verwandeln. Es sollte uns nicht wundern, wenn beide Seiten in ihren Bestrebungen enttäuscht werden, da die Forderungen beider Gruppen dem belustigenden Versuch ähneln, die Hälfte eines Huhnes zum Kochen zu verwenden und die andere Hälfte zum Eier legen.

        Wie großartig wäre es doch, wenn die Menschen wenigstens heutzutage begreifen würden, daß die Existenz in dieser Welt nicht von der Existenz des zentralen Zieles des Lebens abgespalten werden kann! Nach dieser Zusammenfassung unserer bisherigen Überlegungen könnten wir nun zu dem kunstvollen Unterfangen weiter schreiten, Dharma, Artha, Kama und Moksha zu einem einzigen Gebäude menschlicher Aspiration zusammenzufügen. Wie bereits angedeutet, ist dies eine schwierige Aufgabe, da wir nicht daran gewöhnt sind, auf derartig integrale Weise zu denken. Und doch muß es getan werden, und niemand kann sich dieser Aufgabe entziehen, wenn das Leben überhaupt irgendeine Bedeutung haben und nicht nur ein andauerndes unstetes Dahintreiben von einem Ziel zum anderen darstellen soll.

        Zuerst mag Artha oder das materielle Objekt der eigenen Bestrebungen Berücksichtigung finden, da es das primäre Zentrum der Anziehung im unmittelbar sichtbaren und greifbaren Feld der Lebenserfahrungen zu sein scheint. Objekt ist natürlicher weise das “physische Etwas”, das sich dem jeweiligen Sinnesorgan über das Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken oder Riechen präsentiert. Es ist unmöglich, eine richtige Vorstellung von einem Objekt zu haben, solange man nicht über ein korrektes Verständnis der Struktur der Sinne selbst verfügt. Normalerweise nimmt man an, daß die Sinnesobjekte an verschiedenen Orten im Raum verteilt sind, und daß jeder einzelne Sinn ein bestimmtes Objekt erfaßt. Auch glaubt man, daß sich das Objekt “außerhalb” des entsprechenden Sinnes befindet, von dem es erfaßt wird. Demnach sind in die Sinneswahrnehmung zwei Vorstellungen verwickelt, nämlich erstens, daß verschiedene Objekte außen im Raum verteilt sind, und zweitens, daß sich diese Objekte außerhalb der sie wahrnehmenden Sinne befinden. Ohne diese beiden Vorstellungen würden Sinneskontakte und Sinnesbefriedigungen ihre Bedeutung verlieren, da die Sinne nur auf der Basis dieser Vorstellungen ihre jeweiligen Befriedigungen und Freuden begehren können. Wenn jedoch nachgewiesen werden kann, daß es weder verschiedene Objekte gibt, noch daß sich diese wirklich außerhalb der Sinne befinden, müßte man derartige Bedürfnisse und Sehnsüchte der Sinne automatisch als töricht bezeichnen. Jegliche Befriedigung, die auf einer falschen Vorstellung beruht, kann weder lange andauern, noch kann sie als wahre Notwendigkeit des Lebens angesehen werden. Eine endgültige Untersuchung der Struktur der Dinge darf nicht auf der unreflektierten Berichterstattung der Sinne basieren, da ein klarer Verstand nach genauer Überlegung erkennen wird, daß die Wahrheit der Dinge weit von dem entfernt liegt, was uns die Sinne weis machen wollen. Man kann durchaus behaupten, daß unser Wissen von den Dingen so lange nicht als wahrhaft gültig bezeichnet werden kann, bis es im korrekten Sinne des Wortes wissenschaftlich geworden ist. Man sollte beachten, daß ein Objekt aus einer konzentrierten Gruppe von Wesensmerkmalen besteht, die durch den Einfluß von Faktoren zusammengebracht wurden, die eine universelle Bedeutung haben. Ein Objekt ist nur die äußere Form einer inneren Bündelung von Kräften, die sich zu Knoten verknüpfen, die wir dann Objekte in Raum und Zeit nennen. Die Sinne können jedoch nur die äußere Form und nicht die innere Bedeutung der subtileren Aktivitäten wahrnehmen, die in der Struktur der Dinge jenseits des Fassungsvermögens der Sinne ablaufen. Physiker ziehen es vor, Objekte als Kraftfelder zu bezeichnen und weniger als Dinge oder Substanzen. Was hierbei zum Ausdruck kommen soll ist, daß sich ein Objekt auf andere Objekte ausdehnt, so wie sich zum Beispiel eine Welle im Ozean substantiell auf die Gesamtheit des Ozeans hin erstreckt. Diese Tatsache wird in einer sehr treffenden Weise in einem berühmten Vers der Bhagavadgita[4] hervorgehoben, wo im Zusammenhang mit einer Beschreibung darüber, wie die Sinne mit Objekten in Berührung kommen, erklärt wird, daß sich “Eigenschaften” unter “Eigenschaften” bewegen. Was dieser Yogatext hiermit meint, ist, daß die “Eigenschaften” oder Gunas der Mutter aller materiellen Formationen, bekannt als Prakriti, in den Sinnen und Objekten gleichermaßen gegenwärtig sind. Oder anders ausgedrückt, daß genau dieselbe Prakriti, die sich aus den Kräften des Gleichgewichts, der Bewegung und der Trägheit (Sattva, Rajas, Tamas) zusammensetzt, sowohl in den Sinnen als auch in den Objekten vorhanden ist. Die Substanz der Struktur der Sinne ist die gleiche Substanz wie die der Struktur der Objekte, so daß nicht behauptet werden kann, daß sich die Objekte außerhalb der Sinne befinden, wie es auch keinen Sinn ergibt zu behaupten, der Ozean sei außerhalb der auf ihm befindlichen Wellen, auch wenn wir uns vorstellen können, daß die Wellen durchaus das Recht dazu haben sich vorzustellen, der Ozean sei außerhalb ihrer selbst. Wie weit dies jedoch von der Wahrheit entfernt ist, bedarf hier keines weiteren Kommentars.

        Darüber hinaus ist es nicht schwer festzustellen, daß alles in dieser Welt aus den fünf Elementen (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) aufgebaut ist, wenn auch in zahllosen Kombinationen und Proportionen. Auch die Sinnesobjekte und unser Körper, der ja die “Wohnstätte” der Sinne ist, bestehen nur aus diesen Elementen. Selbst oberflächlich gesprochen ist das, was ein Objekt vom anderen trennt, nur Raum, und Raum ist unglücklicherweise ein Bestandteil der Beschaffenheit eines jeden Objektes, einschließlich unserer Körper. Wo aber ist dann noch Platz für die Äußerlichkeit von Objekten oder die Außenbefindlichkeit von irgendwelchen Dingen? Wenn die Dinge nicht außen sind, wie kann man ihnen dann nachlaufen oder sich nach ihnen sehnen? Kama oder das Verlangen nach Objekten entbehrt jeglicher Grundlage, wenn erkannt wird, daß die Struktur der Objekte untrennbar in das Muster des eigenen Körpers und der Sinne verwoben ist. Daß all dies kein Bestandteil der Unterrichtsprogramme unserer Erziehung in den Lehrinstituten ist, belastet das Ruhmeskonto unseres Erziehungssystems, das einen Studenten auf dem stürmischen Meer des Lebens allein läßt, sobald dieser die Hochschule erfolgreich abgeschlossen hat. Sobald der Bildungsweg vervollständigt ist, beginnt den Herangewachsenen das Leben hart ins Antlitz zu starren. Wahrlich, es sieht so aus, als beginne die Erziehung erst dann so richtig! Die Bedeutung von Artha und Kama, den Objekten und dem Verlangen nach ihnen, bedarf keiner langen Kommentare, um sie im Licht der vorangegangenen Analyse zu verstehen. Die Objekte und die Sehnsucht nach ihnen, Artha und Kama, scheinen uns jedoch nur so lange zu quälen, wie wir Dharma oder “das Gesetz der Wahrheit” nicht kennen.

        Dharma, die Gerechtigkeit, die in der Struktur aller Dinge im Universum verwurzelt ist, ist der bestimmende Faktor, der die Bedeutung und den Wert sowohl der Existenz der Objekte als auch der eigenen Sehnsucht nach ihnen festlegt. Dies ist vielleicht der Grund dafür, daß Sri Krishna in der Gita[5] erwähnt, daß er selbst als alles durchdringende Gegenwart Kama oder Verlangen ist, welches Dharma oder der Gerechtigkeit nicht entgegengesetzt ist. Jenes Verlangen kann jedoch nicht als übereinstimmend mit der Gerechtigkeit oder dem Gesetz der Natur erachtet werden, da es Objekte als rein “außerhalb” der Sinne befindlich ansieht. Dies ist eine Vorstellung, die von der Bhagavadgita selbst für ungültig erklärt wurde, indem sie verkündete, daß sich “Eigenschaften” unter “Eigenschaften” bewegen. In ihrem 18. Kapitel erwähnt die Bhagavadgita auch, daß diejenige Vorstellung, die eine einzelne Sache so betrachtet, als wäre sie alles, als die schlimmste Form des Verstehens oder Wissens angesehen werden sollte. Für gewöhnlich weist jedoch jede Form der Begierde dieses Merkmal auf, und zwar insofern, als sich die Begierde entweder an ein einzelnes Objekt klammert und dieses für den höchsten Wert des Lebens erachtet, oder manchmal auch an eine Gruppe von Objekten. Eine derartige Sehnsucht, die als niederste Form des Verstehens bezeichnet wird, nennt man Kama oder Begierde nach Artha, einem Objekt. Eine solche Sehnsucht befindet sich mit Sicherheit nicht in Übereinstimmung mit dem Prinzip des Dharma, das man am ehesten vielleicht als eine Art universelles Gravitationszentrum auffassen kann, das alle Dinge zusammenhält.

        Es ist schwer, eine Wörterbuch-Definition für Dharma zu geben oder ein geeignetes Synonym dafür in der deutschen Sprache zu finden, da Dharma jenes alles durchdringende und zusammenfügende Prinzip ist, welches alle Dinge in einem harmonischen Zustand der Integration hält. Diese Harmonie und Integration ist auf jeder Ebene des Lebens zu finden. Physisch ist sie jene Energie, die den eigenen Körper zusammenhält und ihm nicht erlaubt, sich aufzulösen; vital ist sie jene Kraft, die das Prana[6] in Harmonie mit dem Körper bewegt; mental ist sie jene Kraft, die sowohl die geistige Gesundheit des Denkens aufrecht erhält, als auch den psychologischen Apparat in einer geordneten Weise arbeiten läßt und ihm nicht gestattet, in beliebiger Weise Amok zu laufen; moralisch ist sie der Drang dazu, in anderen ebensoviel Wert zu sehen wie in sich selbst und jedem den entsprechenden Status einzuräumen, den er an seinem eigenen Platz einnimmt; intellektuell ist sie das logische Prinzip des folgerichtigen Urteilsvermögens und der Übereinstimmung von Theorie und Tatsache. Im äußeren Universum wirkt sie physikalisch als Gravitationskraft; chemisch als wechselseitige Reaktion; biologisch als das Prinzip des Wachstums und der Lebenserhaltung; sozial als kooperatives Unternehmen und zu guter letzt ist sie spirituell gesehen das Prinzip der Einheit des Selbst.

        Wenn eine Sehnsucht die Sanktion des Göttlichen erhält und, wie es die Bhagavadgita in ihrem 7. Kapitel ausdrückt, folglich mit Dharma in Einklang steht, dann kann sie keine gewöhnliche Sehnsucht nach Objekten der Sinne sein, da sie die Zustimmung des Göttlichen nur dann erhält, wenn sie sich mit dem Prinzip des Dharma in Einklang befindet. Wie wir bereits gesehen haben, ist Dharma so groß und umfassend, daß es, wenn es zu einem göttlich akzeptierbaren Grundzug im menschlichen Wesen wird, keine übermächtige Leidenschaft mehr ist, wie im Falle sterblicher Begierden, sondern vielmehr dazu anregt, in allen endlichen und begrenzten Werten des Lebens das Unendliche zu erkennen.

        Diese majestätische Schau des Lebens manifestiert sich in der menschlichen Gesellschaft als die Ordnung von Varna und Ashrama, zwei Begriffe, die ebenso schwer zu verstehen sind wie das Wort Dharma. Für gewöhnlich werden Varna und Ashrama als das “Kastensystem” und die “Tradition der vier Ordnungen” des Lebens übersetzt. Diese freizügige und spontane Definition hat zu vielen falschen Vorstellungen über die Bedeutung dieser Abschnitte der Lebensführung beigetragen, so daß Varna auf Grund dieser Interpretation zu einem trennenden, äußerst unerwünschten und schädlichen Störfaktor im allgemeinen Leben wurde und Ashrama zu einem bedeutungslosen und großmütterlichen Aberglauben vorsintflutlicher Art verkommen ist. In Wahrheit liegen die Dinge jedoch anders.

        Varna bedeutet weder “Farbe”, was auf den Unterschied der Hautfarbe von beispielsweise Ariern und Draviden[7] hinweisen würde, noch deutet es auf eine Vorrangstellung in der sozialen Organisation der menschlichen Wesen hin. Dies zu denken wäre ein völliges Mißverständnis des tatsächlichen Sachverhalts. Varna ist keine für die Augen sichtbare Farbe, sondern ein geistig vorstellbarer “Grad”, womit ausgedrückt sein soll, daß wir unter dem Begriff Varna die Ausdrucksgrade von Dharma in der menschlichen Gesellschaft in solcher Weise zu verstehen haben, daß deren Koordination oder Zusammentreffen die menschliche Gesellschaft und Existenz aufrechterhält. Obwohl das Leben ein ununterbrochenes und einheitliches Ganzes ist, das in seinem Herzen Wissen, Macht, Reichtum und Energie zugleich beherbergt, kann sich all dies in derart umfassender Weise in einem einzelnen menschlichen Individuum nicht manifestieren, es sei denn, es handle sich um einen Übermenschen[8]. In gewöhnlichen menschlichen Wesen ist eine solche Vereinigung dieser vier Faktoren jedoch nicht möglich. Bei diesen ist entweder der Verstand, die Willenskraft, die emotionale Seite oder der Tätigkeitsdrang dominant ausgeprägt, wobei dies die praktischen Entsprechungen der vier wesentlichen Grundbausteine des Lebens sind, das keinen dieser vier Faktoren ignorieren kann. Da diese Faktoren des Wachstums und der Erhaltung des Lebens in verschiedenen Individuen in unterschiedlicher Gewichtung vorgefunden werden, hat sich die Notwendigkeit ergeben, die verschiedenen Gruppen von Individuen zu koordinieren, in denen je einer dieser vier Faktoren besonders stark ausgeprägt ist. Ebenso wie der Kopf nicht die Arbeit der Beine ausführen kann, die Augen nicht hören, die Ohren nicht sehen können und so weiter - was ja alles zur Aufrechterhaltung der Vollkommenheit des Organismus beiträgt -, so wird auch die menschliche Gesellschaft als ein einziger wachsender und gedeihender Organismus durch die Zusammenarbeit jener Individuen zusammengehalten, in denen eine ausgeprägte Manifestation von je einem der erwähnten Faktoren anzutreffen ist. Die Frage nach dem “höheren” oder “niedrigeren” Rang unter den Individuen stellt sich hier gar nicht, da es ja vielmehr darum geht, das Wachstum eines jeden menschlichen Individuums in Richtung einer vollständigen Lebensschau und der Errungenschaft des gesamten Lebenswertes zu unterstützen, damit jeder für sich dazu befähigt wird, an all den vier Wertfaktoren Teil zu haben, deren Verbindung allein als die komplette Erfüllung des Lebens betrachtet werden kann. Das Fehlen irgendeines dieser Faktoren oder Werte würde einen ernsthaften Defekt im Organismus der menschlichen Gesellschaft und im Organismus des einzelnen Individuums bedeuten, und wahre Glückseligkeit kann nirgends gefunden werden, wo Vollkommenheit fehlt.

        Die psychische und spirituelle Persönlichkeit eines Individuums versucht, sich im Evolutionsprozeß auszudehnen und zu wachsen. Dieser wachsende und sich intensivierende Vorgang nimmt auf bestimmten Stufen deutliche Färbungen an, so daß das Individuum dem Leben gegenüber dann jeweils eine charakteristische Form des Denkens und Verhaltens zur Schau stellt. Von diesen Stufen, die als Ashramas bekannt sind, gibt es hauptsächlich vier: Die Stufe der Überschwenglichkeit und Energie der Jugend, die Ausbildung und Disziplin benötigt und die nach Wissen sucht; die Stufe der äußeren Aktivität und der sozialen Beziehungen, in der man die normalen menschlichen Sehnsüchte erfüllt und als ein Teil der großen Menschengesellschaft seinen entsprechenden Pflichten nachgeht; die Stufe der größeren Denkreife, in der man die Vergänglichkeit der zeitlichen Werte und des materiellen Besitzes entdeckt und danach strebt, sich in die Wahrheit hinter den Erscheinungen zu vertiefen; die Stufe der Erleuchtung, in der man ein Leben der Vereintheit mit der höchsten Wirklichkeit lebt. Diese “Stufen” sind die “Ordnungen des Lebens”, die von den sich wandelnden Schwerpunkten notwendig gemacht werden, die das Leben im Verlauf der sich entfaltenden Evolution setzt.

        Yoga wurde als die Vereinigung mit der Wahrheit in ihren verschiedenen inneren und äußeren Offenbarungsstufen definiert. Indem man die eigenen Funktionen im Sinne der Gesetze und Disziplinen von Varna und Ashrama ausübt, bewegt man sich schrittweise vom äußeren zum inneren, das heißt, von den äußeren Formen zu den tieferen Bedeutungen der Dinge, und erhebt sich so vom Groben zum Feinen und vom Feinen zur letztendlichen Essenz der Existenz. Die Konzepte der vier Purusharthas (Kama, Artha, Dharma, Moksha), der vier Varnas (Klassen der Gesellschaft, die die spirituelle, politische, ökonomische und manuelle Macht verkörpern) und der vier Ashramas (die Stufen des Studiums und der Disziplin; der Erfüllung sowohl der individuellen als auch der sozialen Pflichten; des Rückzugs von der Anhänglichkeit an vergängliche Dinge; und der Vereinigung mit der höchsten Wirklichkeit) fassen die Gesamtstruktur des Lebens in seiner Integralität zusammen, wobei alles in seiner äußersten Ausdehnung mit einbezogen und nichts ausgeschlossen ist.

        Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß man sich dieses allumfassende Bild des Lebens auf einen Schlag nur schwer vorstellen kann, und so haben die Eingeweihten aus alter Zeit eine dreigeteilte Annäherung an diese Lebenswahrheit aufgestellt: Die Betrachtung des Lebens über die Konzepte des objektiven (adhibhuta), des subjektiven (adhyatma) und des übernormalen Gottheitsaspekts (adhidaiva) der Wirklichkeit, wobei letzterer sowohl die objektiven als auch die subjektiven Aspekte der Erfahrung transzendiert. Auch hier wäre es wiederum richtig, sich von außen nach innen zu bewegen, um dann nach oben weiter zu schreiten. Dies bedeutet, daß wir zunächst einmal die äußere physische und soziale Realität berücksichtigen müssen, dann unser individuelles Leben und unsere Persönlichkeit studieren und disziplinieren und schließlich zu der höheren, aufsichtsführenden und kontrollierenden Kraft emporsteigen, was dem Aufstieg zum eigentlichen Lebensziel entspricht. In unserer Eigenschaft als Inhalte der physischen Welt und als Teile der menschlichen Gesellschaft wäre es ratsam, uns auf solche Art und Weise zu verhalten, daß wir weder die Gesetze der Natur um uns herum verletzen noch die Regeln der Gesellschaft und Gemeinschaft, in der wir leben. Die Gesetze der Gesundheit und Hygiene, sowie die der Ethik und Moral in der Gesellschaft sind demnach vorbereitende Voraussetzungen in diesem großartigen evolutionären Prozeß des menschlichen Strebens. Die fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) haben ihre eigenen Gesetze und Wirkungsprinzipien, mit denen sie unser Leben auf ihre Arbeitsweisen einschränken und von uns in bezug zu ihren natürlichen Funktionen Gehorsam verlangen. Zur Aufrechterhaltung der Gesundheit bedarf es unter anderem der Reinheit von Nahrung, Wasser und Luft. Beseitigung von Hunger und Durst, Schutz vor Hitze und Kälte sowie vor den Naturgewalten sind die Grundbedürfnisse eines jeden, um ein einigermaßen behagliches Leben führen zu können. Ohne dieses Minimum an Hilfsmitteln würde die bloße Grundlage der körperlichen Existenz unsicher werden. Darüber hinaus stellt auch die Gesellschaft ihre Anforderungen an das Individuum, nämlich Loyalität und Treue gegenüber ihren Bräuchen, Verhaltensregeln und Traditionen, ganz abgesehen von einem humanen Verhalten und Benehmen gegenüber anderen im Umfeld befindlichen Individuen. Dies schließt die Erfordernisse von Varna und Ashrama mit ein und darüber hinaus auch noch die Einhaltung der Regeln, andere nicht zu verletzen, anderen gegenüber aufrichtig zu sein, die Besitztümer anderer nicht anzutasten, nicht über ein gesundes Maß hinaus in sinnlichen Vergnügen zu schwelgen und keiner Form von Gier zu verfallen. Während diese Regeln als Übungen angesehen werden können, die dem eigenen Leben in der “objektiven Welt” angehören, haben sie auch für das eigene “subjektive Leben” einige Bedeutung, da diese äußeren Verhaltensmaßnahmen den eigenen Charakter stark beeinflussen und offenbaren. Das Studium erhebender Literatur wie der Veden[9], der Upanishaden, der Bhagavadgita und anderer solch machtvoller Offenbarungen der höheren Weisheit; ein Leben in Einfachheit, hohem Denken und Hilfsbereitschaft, sind weitere regulierende Übungen im persönlichen und subjektiven Leben. Jenseits der subjektiven und objektiven Ebenen liegt die transzendentale (adhidaivika) Kontrolle, die von dem allgegenwärtigen und allmächtigen Sein durch dessen “Manifestationen” ausgeübt wird, die im religiösen Sprachgebrauch für gewöhnlich als “Götter” bezeichnet werden. Diese Götter haben ihre eigene Hierarchie und unterscheiden sich im Grad der allmächtigen Kraft voneinander, die sie durch ihre Manifestationsformen zum Ausdruck bringen. Um eine grobe Vorstellung davon zu vermitteln, wie eine solche Hierarchie aussehen könnte, sei die Taitiriya-Upanishad zitiert, in der folgende Namen für die immer umfassender werdenden Offenbarungen der Wahrheit in ihren schrittweise zunehmenden Intensitäten und in ihren aufeinanderfolgenden Stadien gegeben werden: die Reiche der “Gandharva”, “Pitri”, “Deva”, von “Indra”, “Brihaspati” und “Prajapati”. Die höchsten kosmischen Manifestationen werden Virat, Hiranyagarbha und Ishvara genannt, die den physischen, subtilen, und kausalen Zustand der Schöpfung darstellen. Das letztendliche Ziel ist das Absolute - Brahman.

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4       Die Stufenleiter der erzieherischen Methoden

        Die Tatsache, daß das menschliche Individuum die Welt immerzu als ein außerhalb seiner selbst befindliches Objekt betrachtet und sich ihr in vielfältiger Weise beinahe hoffnungslos ausgeliefert fühlt, nötigt es dazu, sie zu studieren, ihre Struktur und ihren Aufbau zu erforschen und seine Beziehung zu ihr begreifen zu lernen. Das Subjekt (Adhyatma) steht dem Objekt (Adhibhuta) als einer unbegreiflichen Größe gegenüber, von dem es manchmal unterhalten wird, indem dieses seine Bedürfnisse befriedigt und seine Sehnsüchte erfüllt, und das immer dann mit schrecklichen Konsequenzen droht, wenn sich das Subjekt nicht an die Gesetze hält, nach denen das Objekt wirkt. Diese unsichere Situation des Menschen in der Welt hat ihn dazu gezwungen, die Welt in all ihren Erscheinungen zu studieren, und dies ist es, was wir für gewöhnlich den Vorgang der Erziehung oder Bildung nennen.

        Was tun wir, wenn wir in eine schulische Institution eintreten? Direkt von den Frühstadien der Kindheit an bis hinauf zu dem, was wir als die volle Reife des Geistes erachten, wird der Schüler in eine Reihe von Studien und Untersuchungen eingeführt, deren Themenbereiche laut Lehrplan in einer stufenweise zunehmenden Komplexität und Tiefgründigkeit methodisch durchlaufen werden. Für gewöhnlich beginnen die Eltern bereits zu Hause mit der Erziehung des Kindes, bevor es in die Schule kommt, indem sie ihm das Grundwissen über die Umwelt und deren direkte soziale Bedeutung für den täglichen Ablauf zu Hause vermitteln, wie zum Beispiel die Namen der sieben Wochentage sowie die Verbindung dieser Tage mit den sieben Planeten[10], die diesen Tagen vorstehen; die Namen der zwölf Monate des Jahres und ein grobes Wissen über die Familienbräuche, Familientraditionen und die generellen Beziehungen zu den Nachbarn im Ort, in der Stadt und so weiter. In orthodoxeren Kreisen, wo die Menschen in einer religiösen Tradition aufgezogen wurden, erzählt man dem Kind, daß es Götter gibt, die die Welt regieren und denen man täglich Gebete darbringen muß, um materiellen Nutzen wie Speise, Kleidung, Behausung, Gesundheit, langes Leben, Schutz vor Schwierigkeiten und Unglück daraus zu ziehen. Ein tägliches Gebet, das Singen einer Gebetsformel oder Hymne, entweder in der klassischen Sprache des eigenen Landes oder in Mundart, die jeden Tag zu einer festgelegten Zeit rezitiert werden soll, sind Grundzüge, die das Kind in bestimmten Familien sogar schon vor seinem Schuleintritt lernt. Mehr weltlich orientierte Menschen mit moderner Einstellung ziehen ihre Kinder in einer rein materiellen Atmosphäre des Komforts, der sozialen Verhaltensregeln und der Etikette auf, ohne dabei jedoch die anderen Elemente gebührend zu berücksichtigen, die vielleicht keine direkte Beziehung zur körperlichen Bequemlichkeit und Befriedigung oder der sozialen Würde und Anerkennung haben mögen.

        Im Kindergartenalter und in der Grundschule wird man erstmals in die Bereiche des Lesens, Schreibens und Rechnens eingeführt. Man lernt, die Buchstaben des Alphabetes zu schreiben, und übt deren Aussprache, außerdem auch die einfache Addition und Subtraktion und etwas später dann die Multiplikation und Division von Zahlen. Diese Übung wird nun für einige Zeit fortgeführt, bis der junge Schüler in die bildhafte Darstellung historischer Persönlichkeiten und in die geographischen Gegebenheiten der näheren Umgebung des Wohnortes eingeführt wird. Langsam wächst das Lehrsystem nun in interessante und fesselnde Geschichten von Personen hinein, die allgemein als herausragend anerkannt werden, sei es auf Grund ihrer Taten, ihres Charakters und Verhaltens, ihres Wissens oder ihrer Macht, wobei die Erzählungen derart gestaltet sind, daß sie die Neugier des Kindes stimulieren und seine Instinkte dahingehend erwecken sollen, daß es Freude in jenen Dingen suchen möge, die seine junge Persönlichkeit anregen, die dann später zu dem heranwächst, was wir das Ego nennen. Lieder und Reime, Spiele und Theatervorführungen in der Schule helfen dabei, diese Lehrinhalte anschaulicher zu gestalten, indem sie diesen eine konkrete Form der Sichtbarkeit und Lebendigkeit verleihen.

        In etwas höheren Klassen wächst das Erziehungssystem in das einführende Studium der Grundgrammatik der eigenen Sprache hinein. Oftmals beginnt zu diesem Zeitpunkt auch das Studium einer Fremdsprache, wie es heutzutage üblich ist, wenn die anfänglichen Studien der eigenen Muttersprache Hand in Hand mit einer elementaren Einführung in Sanskrit oder Englisch angeboten werden. In anderen Ländern außerhalb Indiens mögen es je nach Vorliebe, Gewohnheit und Interesse des Landes Latein, Französisch und dergleichen sein. Die Grammatik der Fremdsprache wird für gewöhnlich, wenn auch in elementarer Form, als Notwendigkeit erachtet und kann Hand in Hand mit einfachen Lesebuch-Geschichten gehen, wobei mit einzelnen Worten begonnen wird, die später zu Sätzen führen. Sätze entwickeln sich dann zu kleinen Abschnitten, beispielsweise aus Anekdoten, Geschichten oder Beschreibungen vertrauter Umstände des sozialen Lebens. Solches Lesen kann zu entsprechenden Schreiben entwickelt werden und dazu, das Gelesene soweit wie notwendig ins Gedächtnis zu übertragen. Einfache Mathematik wird natürlich in jeder Studienklasse zu einem unvermeidlichen Fach. All diese Grundlagen entwickeln sich somit zu den Umrissen von Sprache, Geschichte, Geographie und Mathematik. Bis zu diesem Niveau kann die gesamte Struktur als Grundlagenbildung angesehen werden, die in den als Grundschulen bekannten Institutionen vermittelt wird.

        Auf den höheren Ebenen der Erziehung gibt es zur Zeit vier verschiedene Abschlüsse, die als Hauptschul-, Realschul-, Gymnasial- und Hochschulabschluß bekannt sind. Über dem Grundschulniveau finden wir im ersten dieser Erziehungsbereiche normalerweise eine Fortführung der anfänglichen Methoden vor, wobei es zu einer Vertiefung jener Fächer kommt, mit denen in der Grundschule bereits begonnen wurde. Die Themen ändern sich zunächst nur unwesentlich, doch kommt es zunehmend zu einer Detaillierung und einem Übergang zu fortgeschrittenen Studien der zuvor bereits erwähnten Themenbereiche. Grammatik, Satzkompositionen, Erzählungen und Geschichten, die dem doppelten Zweck der literarischen Anmut und der historischen Information dienen, sind die Themen, in denen die Schüler ausgebildet werden. Die hauptsächlichen Fächer sind hier die Sprache in ihrer grammatikalischen und literarischen Struktur, Geschichte, Geographie, Mathematik, eine Fremdsprache und die elementaren Naturwissenschaften, die sich mit den Grundprinzipien der Botanik, Zoologie und Physiologie befassen, und somit die groben Umrisse des Pflanzen-, Tier- und Menschenlebens behandeln. In der zweiten Stufe nach dem Grundschulabschluß kommt es zu einem weiteren Voranschreiten der früheren Lehr- und Studienmethoden. Nun wird die wahre Grundlage dessen gelegt, was als Schulbildung bekannt ist. Die behandelten Themen sind die gleichen wie in den vorangegangenen Stufen, wobei die Umrisse der staatsbürgerlichen, sozialen und politischen Beziehungen menschlicher Individuen bestimmter Nationalitäten hinzukommen, sowie Moral und Ethik, wie sie für die unmittelbaren Belange des persönlichen und sozialen Lebens anwendbar sind. In der Geographie werden nun relevante Aspekte der Astronomie, wie etwa die Sonnen- und Planetensysteme und deren Einfluß sowohl auf den Planeten Erde als auch auf das Leben im ganzen angesprochen. Die Naturwissenschaften schreiten im Studium der Grundprinzipien von Physik, Chemie und Biologie zu deren tieferen Bedeutungen voran. Bis zu dieser Erziehungsstufe werden die Studien der vorangegangenen Bereiche nicht ausgeschlossen, sondern mit immer detaillierteren und tiefgründigeren Informationen stufenweise in den Lehrplan mit einbezogen.

        Erst in den Hochschulbereichen erhält das Erziehungssystem durch die stufenweise Verringerung der Fächerzahl auf drei, zwei oder eines ein völlig neues Gesicht, und die Spezialisierung hält in den gewählten Fächern Einkehr. Die Studien umfassen die wichtigsten Themenbereiche, die dem menschlichen Geist bekannt sind, wie zum Beispiel Literatur, Mathematik, Astronomie, Geologie, Geographie, Physik, Chemie, Biologie, Psychologie einschließlich Psychoanalyse, Medizin, bildende Künste, Ökonomie, Ethik, Soziologie, Politik, Weltgeschichte, Weltkultur, Technik und all deren Anwendungsbeieriche. All dies sind rein empirische Studien. Studenten der Philosophie beschäftigen sich intensiv mit den Bereichen Logik, Erkenntnistheorie, Metaphysik, Religion und Mystizismus, wobei die letzten beiden Bereiche auch die Theorie und Praxis der als “Yoga” bekannten Techniken beinhalten. Normalerweise greift man in seinen Studien nicht all dies Themenbereiche auf. Vielmehr richtet man seine Aufmerksamkeit zur gleichen Zeit auf nicht mehr als einen oder zwei davon, so daß sich das Studium zum Schluß auf ein einziges Spezialgebiet konzentriert. Dies ist dann der letzte Schliff auf dem Weg zur Spezialisierung und Dissertation. Eine spezielle Ausbildung in Management, Technologie, Industrie, Ingenieurwesen, Wirtschaft, Landwirtschaft, Militärwissenschaft und dergleichen kann das Interesse derjenigen in Anspruch nehmen, deren Begabung dafür ganz speziell geeignet ist. Diese Aufzählung sollte uns einen ausreichenden Überblick über die Bestandteile jener menschlichen Unternehmung geben, die wir heutzutage ganz allgemein als Bildung betrachten. Und es fällt schwer, sich unter der modernen Definition des Begriffs “Bildung” irgend etwas anderes vorzustellen.

        Nun ist es für uns an der Zeit, erst einmal eine Weile darüber nachzusinnen, was dem gebildeten Menschen eigentlich widerfahren ist, wobei unter “Bildung” das Wissen all jener gewaltigen und menschlich vorstellbaren Themenbereiche gemeint ist, die oben bereits angeschnitten worden sind. Was soll man mit all diesem Wissen anfangen? Diese Frage ist kaum zu beantworten, und sie lastet entsprechend schwer auf den Schultern aller modern ausgebildeten Menschen. Was soll man nach dem Verlassen der Universität mit all diesen Qualifikationen tun, die von der Menschheit als die krönende Vollendung einer akademischen Karriere bewundert werden? Die unmittelbare Antwort auf diese Frage wäre wohl, zunächst einmal eine Arbeit oder eine Anstellung zu suchen, ein Geschäft zu eröffnen oder wenigstens einem ökonomisch gewinnbringenden Gewerbe oder Beruf nachzugehen, oder aber zu lehren. Angenommen, all diese Bestrebungen sind erfüllt. Kann sich irgend jemand vorstellen, daß das Leben mit diesen Errungenschaften bereits vollendet ist, oder fehlt in diesem Schema irgend etwas, auf Grund dessen es sein kann, daß man trotz der eigenen Qualifikationen unglücklich verbleibt? Die zentrale Frage lautet nämlich: Ist der gebildete Mensch auch glücklich? Diese Frage muß man wohl mit “nein” beantworten. Um diese Wahrheit zu demonstrieren, müssen wir nur eine repräsentative gebildete Person herausgreifen und das Ausmaß ihrer Glücklichkeit untersuchen. Wir werden überrascht sein, in welch einem Zustand sich der moderne gebildete Mensch tatsächlich befindet. Es gibt Fragen, die niemand so einfach beantworten kann, und diese Fragen werden sich dem menschlichen Geist selbst nach der Errungenschaft der höchsten erzieherischen Qualifikationen stellen. Die Probleme lauten etwa folgendermaßen: Wir wissen nicht, wie viele Wünsche und ehrgeizige Ziele wir haben, und selbst wenn wir einige von ihnen erkennen können, sieht es nicht so aus, als ob wir sie in dieser Welt jemals alle befriedigen können. Diese Tatsache macht uns niedergeschlagen und unglücklich. Es sieht nicht so aus, als würde eine Sehnsucht oder ein ehrgeiziger Plan nach seiner Erfüllung auch wirklich abklingen. Vielmehr wird dieser eher noch angeregt und verlangt nach immer größerer Befriedigung, was beweist, daß er nicht wirklich befriedigt werden konnte. Nach einer Analyse des Sachverhalts wird man feststellen, daß dieser psychologische Umstand niemals ein Ende findet. Nahezu für jedermann kommt irgendwann einmal in seinem Leben der Tag, an dem er notgedrungen einsehen muß, daß es in dieser Welt keine wahren Freunde gibt, und daß jede Freundschaft bei der geringsten Berührung der eigenen Schwachpunkte in einer Trennung enden kann, wobei die gesamte Lebensperspektive plötzlich zusammenbricht und einem die eigene Bildung auch nicht mehr weiterhelfen kann. Von den Objekten, die den Sinnen Befriedigung zu bringen scheinen, erkennt man später, daß sie einen unweigerlich in Schwierigkeiten verwickeln, so daß man sich in einem Sumpf wiederfindet, aus dem es kein einfaches Entrinnen gibt. Darüber hinaus wird man von einem beständigen Druck der Angst und Anspannung gequält, gepaart mit einem wiederholt auftauchenden Gefühl der Unsicherheit, das von allen Seiten auf uns einzudringen scheint. Zu guter letzt droht uns allen auch noch der Tod, der selbst das großartigste Genie dieser Welt nicht vom Wirken seiner Gesetze ausspart. Und niemand weiß, wann ihn der Abruf ereilt!

        Es gibt die Sprichworte: “Wissen ist Macht” und “Wissen ist Tugend”. Die indische Metaphysik verkündet darüber hinaus auf ihren höchsten Stufen, daß “Wissen Glückseligkeit bedeutet”. Ist nun Bildung der Erwerb von Wissen? Kein vernünftiger Mensch würde daran zweifeln. Doch in welchem Zustand befindet sich der gebildete Mensch der Welt heutzutage? Hat er Macht? Ist er tugendhaft? Ist er glückselig? Anhand einer Untersuchung würden wir entdecken, daß unsere Gebildeten nicht wirklich mächtige Menschen sind. Auch sind sie nicht unbedingt tugendhaft. Und Glückseligkeit scheint weit von ihnen entfernt. Wenn Ausbildung der Vorgang zum Erwerb von Wissen ist, beziehungsweise wenn Bildung dasselbe ist wie Wissen, und wenn Wissen auf die oben angeführte Weise definiert wird, wie ist es dann möglich, daß zwischen Bildung und den durch sie erhofften Früchten eine derartige Kluft besteht? Wir sehen, daß Machthaber entweder politische Führer oder Besitzer von enormen Reichtümern sind. Tugendhafte Menschen sind im allgemeinen arm, sei diese Armut nun, wie im Falle einiger, freiwillig gewählt ,oder aber, wie in der Mehrzahl der Fälle, von den Umständen aufgezwungen. Wir mögen sie als Heilige, als Asketen oder ähnlich bezeichnen, jedenfalls sind es meist Leute, die in der menschlichen Gesellschaft keinerlei Art von Macht ausüben, zumindest keine Macht, wie sie üblicherweise verstanden wird. Viele der guten Menschen auf Erden werden von äußeren Umständen, der Apathie der Gesellschaft und der Unwissenheit der Öffentlichkeit gequält, was alles nicht dazu beiträgt, eine tugendhafte Person mit Macht auszustatten, die dann auf irgendeine Weise ausgeübt werden könnte. Doch wer sind dann die glücklichen Menschen oder jene, die sich der inneren Glückseligkeit erfreuen? Vielleicht kann niemand diesen begehrten Zustand sein eigen nennen. Es ist völlig unnötig einzuwenden, daß es Menschen gibt, die sich zufrieden oder glücklich wähnen und an diese Tatsache auch selbst glauben. Nach einer genaueren Überprüfung der Sachlage wird man jedoch leicht feststellen, daß diese Einschätzung nicht mit der Realität übereinstimmt, wobei es unwesentlich ist, ob jemand aufgrund einer Ironie des Schicksals unglücklich ist, aufgrund des äußerlich vorherrschenden Unrechts oder aufgrund der Sorgen, die von dem Gefühl herrühren, seine Ziele im Leben nicht erreicht zu haben. Was auch immer die Ursache sein mag, die Tatsache bleibt die gleiche.

        Zusammenfassend kann man wohl mit Recht behaupten, daß der Erziehungsprozeß von einer ernsthaften Katastrophe befallen worden ist, es sei denn, wir sind dazu bereit, zu dem Schluß zu kommen, daß Ausbildung nichts mit Wissensvermittlung zu tun hat und daß der Schulungsprozeß nicht der Weg dafür ist, Wissen zu erwerben. Wenn man jedoch behauptet, wirkliches Wissen könne auf einem anderen Weg erworben werden als über Bildung, bewegt man sich auf schwankendem Boden. Denn wie könnte Wissen sonst erworben werden?

        Die vorherrschende Meinung ist, daß Wissen ein Mittel zum Zweck ist. Für einige Menschen ist dieser Zweck ökonomischer Wohlstand und Reichtum in Form von Geld oder gesellschaftlicher Macht. Dies ist denn auch der Grund dafür, daß qualifizierte Personen Anstellungen in Instituten, Organisationen, Firmen, der Regierung und dergleichen suchen. Dieses anvisierte Ziel beinhaltet eine subtile Hoffnung auf einen gleichzeitigen Prestige- und Autoritätsgewinn in der Gesellschaft. Eine Person in sozial hochangesehener Stellung wird automatisch auch als “wertvolle” Person geachtet, egal ob die Art dieses Wertes jedermann klar ist oder nicht. Warum aber sollte eine Person in hoher Stellung auch ein hohes Ansehen genießen? Die Antwort darauf ist sehr schwierig. Vielleicht verbirgt sich in den Köpfen der Leute die unterschwellige Erwartung, daß man eine solche Person als “Mittel” für irgendwelche anderen “Zwecke” benutzen kann. “Prestige” ist demnach ein sehr zweifelhafter Wert, der einer genaueren Untersuchung nicht standhalten kann. Der Grund dafür ist, daß das “Prestige” eine Form der Eitelkeit ist, die für das menschliche Ego so charakteristisch ist, dessen Natur an sich schon keine Überprüfung ertragen kann. Die Selbstwertschätzung bildet den Hintergrund der allgemein üblichen Form der Wertschätzung, die unter der Bezeichnung “Prestige” bekannt ist. Und “Prestige” ist eines jener Ziele, die man mit Hilfe des Wissens erwerben will, das man sich in Lehrinstituten aneignen kann.

        Warum wollen wir überhaupt gebildet sein? Warum wird der “Bildung” ein so hoher Wert beigemessen? Sollten wir in unserem Versuch, diese Frage zu beantworten, bis zu den Wurzeln der Angelegenheit vorstoßen wollen, so stehen wir einigen Problemen gegenüber. Es sieht nämlich so aus, als suchten wir alle etwas, ohne zu wissen, was wir suchen und wofür wir es überhaupt suchen. Folgen wir damit einfach dem Herdentrieb, der kein rationales Fundament unter den Füßen hat? Vielleicht sollten wir an dieser Stelle erst einmal etwas Zeit und Muße dafür aufwenden, in dieses für unsere Betrachtungen äußerst interessante Thema tiefer vorzudringen.

        Bevor wir versuchen wollen, eine einigermaßen zufriedenstellende Antwort auf dieses Problem zu finden, täten wir gut daran, uns mit dem Kummer auseinanderzusetzen, den der große Weise Narada dem mächtigen Sanatkumara präsentierte, wie wir es im 7. Abschnitt der Chandogya-Upanishad beschrieben finden:

        “O Herr, bitte lehre mich!” - mit dieser Bitte kam Narada zu Sanatkumara. Dieser antwortete ihm: “Sage mir zuerst, was du bereits weißt, dann werde ich dir weitere Unterweisung erteilen.” Narada zählte all sein umfangreiches Wissen auf, indem er erwiderte: “O Großartiger! Ich habe den Rig-Veda, den Yajur-Veda, den Sama-Veda, den Artha-Veda, altertümliche Geschichte und Religion, Grammatik, die Kunst der Befriedung der Verstorbenen, Mathematik, Wahrsagen und Zeichendeuten, Chronologie, Logik, Politik, die Wissenschaft von den Himmelswesen, die Wissenschaft von der heiligen Erkenntnis der übernatürlichen Reiche, Dämonenlehre und Physik, Verwaltung und militärische Wissenschaften, Astronomie und Astrologie, die Wissenschaft von der Schlangenzähmung und alle schönen Künste gemeistert. Herr, all dies weiß ich.”

        “O Edler! Doch obwohl ich all diese Künste und Wissenschaften beherrsche, kenne ich doch die Wahrheit nicht! Von solchen, die wie du sind, o Großartiger, habe ich gehört, daß derjenige, der die Wahrheit kennt, das Leiden hinter sich läßt. Ich leide so sehr, o Edler! Steige herab, o Herr, um mich, der ich so elendiglich bin, zu lehren, wie man auf die andere Seite jenseits allen Leides gelangt!”

        Sanatkumara antwortete ihm: “Wahrlich, was auch immer du gelernt hast, sind nur leere Worte und Vorstellungen.”

        Doch wie können all diese Studien, all diese Künste und Wissenschaften als eine bloße Angelegenheit von leeren Worten und Vorstellungen angesehen werden? Gibt es dafür eine Erklärung? Vielleicht finden wir hier einen Hinweis auf die Lösung der Menschheitssorgen.

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5       Das Abenteuer der Erkenntnis

        Das Problem des menschlichen Lebens ist in Wirklichkeit ein Problem des menschlichen Bewußtseins. Oder besser gesagt: Das Problem ist, daß der Mensch nicht begreifen kann, daß dies das Problem ist. Wissen und Handlungen sind die Früchte der Erziehung, und beide beziehen sich auf äußere Objekte. Das bedeutet, daß unsere Beziehung zu äußeren Dingen den Wert unseres Wissens und unserer Taten bestimmt. Dies deutet wiederum darauf hin, daß der Wert unserer Erziehung in der Bedeutung liegt, die unserer Beziehung zu den Objekten unseres Studiums anhaftet. Die gesamte Angelegenheit dreht sich um die Subjekt-Objekt-Beziehung. All unser Wissen und all unsere Bemühungen richten sich auf ein Ziel oder verfolgen eine Absicht. Sollte dieses Ziel verfehlt werden, der Zweck vergessen, das Subjekt vom Objekt getrennt, oder der Bewußtseinsinhalt vom Bewußtsein abgeschnitten werden, dann ist das Resultat offensichtlich. Und genau dies ist unseren Erziehungsmethoden und unserem gesamten heutigen Lehrsystem widerfahren. Wenn Wissen keinen Inhalt hat, was bleibt dann noch übrig? Bloße Worte? Inhaltsloses Wissen kann wohl mit Recht als sinnlos bezeichnet werden. Wie könnte ein Wissen dieser Art und Taten, die auf einem solchen Wissen basieren, etwas zum menschlichen Wohl beisteuern oder gar zu wahrem Wissen, Macht und Glück führen, nach denen die Menschheit letztendlich strebt?

        Es ist unmöglich, sich um die Lösung ultimativer Probleme zu bemühen, ohne sich auf fundamentale Prinzipien zu stützen. Dies bedeutet, daß man sich nicht völlig von der Notwendigkeit befreien kann, die Dinge philosophisch zu betrachten, und daß man nicht in der bequemen und falschen Vorstellung verweilen kann, daß Philosophie eine lyrische Theorie und ein unnützer Ausflug in unpraktisches Denken wäre. Philosophie ist keine bequeme Lehnstuhl-Beschäftigung, die dem weisen Alten für gewöhnlich von unerfahrenen Jüngeren angehängt wird, sondern formt die Wissenschaft der wahren Grundlagen der menschlichen Gesellschaft und des Lebens im allgemeinen.

        Die Dinge in der Welt sind nicht so einfach, wie es an der Oberfläche erscheint. Daß einige Leute Freunde und andere Feinde sind, daß einige Dinge gut und andere schlecht sind, daß einiges schön und anderes häßlich ist, ist das Ergebnis des leichtgläubigen Denkens eines Analphabetenverstandes. Derartige Beurteilungen basieren auf  einer falschen Einschätzung der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Bewußtsein und seinem Inhalt. An dieser Stelle ist es jedoch noch nicht ratsam, sich in diese Angelegenheit zu vertiefen, ohne sich zunächst einmal mit der Lage der Dinge vertraut zu machen, in der die Menschheit als Ganzes plaziert ist. In der Aitareya-Upanishad erhalten wir eine bildhafte Beschreibung dieses Sachverhalts, die, in eine für uns verständliche Sprache übersetzt, etwa folgendermaßen lautet:

        Das eine Sein, das seit aller Ewigkeit existierte und außerhalb dessen nichts war, wollte sich selbst in der Form der Schöpfung materialisieren. Es konkretisierte sich durch den universellen Willen zum Herrscher des gesamten Universums. Es verdichtete sich bis hin zur Stofflichkeit der materiellen Welten (die aus den fünf Elementen gebildet sind: Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde).

        Der ursprüngliche Manifestationsprozeß der Welten, die zum Objekt der subjektiven Erfahrung werden sollten, verlief etwa folgendermaßen: Aus dem Mund dieser universellen Person kam Sprache hervor und aus der Sprache “Feuer”. Aus ihren Nasenlöchern kam Atem und aus dem Atem “Luft”. Aus ihren Augen trat Licht aus und aus dem Licht die “Wahrnehmung”. Aus ihren Ohren kam Klang und aus dem Klang die “Himmelsrichtungen”. Aus ihrer Haut kamen Haare hervor und aus den Haaren die “Pflanzen und Bäume”. Aus ihrem Herzen entsprang der Geist und aus dem Geist der “Mond”. Aus ihrem Nabel entwich der ausströmende Atem und aus diesem das “Prinzip des Todes”. Aus ihrem Zeugungsorgan kam die Vitalkraft, und der Vitalkraft entsprangen die “Gewässer”.

        Diese Beschreibung des Ursprungs der kosmischen Differenzierung ist dazu gedacht, uns eine Idee des Bewußtseinszustandes zu vermitteln, in dem sich das menschliche Wesen im gegenwärtigen Zeitpunkt befindet. Obwohl es schwierig ist, anhand dieser Beschreibung aus der Upanishad eine vollständige Analyse des Bewußtseins vorzunehmen, gibt sie uns ohne Zweifel einen Schlüssel dafür, welche Art der Analyse wir anwenden müssen, um die Position des Menschen im Universum richtig verstehen zu können. Die Upanishad hält für uns jedoch noch eine Überraschung bereit, da sie ihre Beschreibung nicht mit diesem Gleichnis abschließt, sondern noch fortfährt, womit es für uns schwerer wird zu verstehen, was uns in diesem Zustand tatsächlich widerfahren ist, in dem wir uns heute befinden. Die Individualisierung des kosmischen Seins ist nicht nur die Absonderung eines Teils vom Ganzen, wie das einfache Abziehen einer bestimmten Menge von einer größeren Maßeinheit, denn sonst wären wir als Individuen quasi kleine Götter auf Erden. Nein: Wir sind keine kleinen Stücke dieser großen Masse Goldes, sondern es ist uns etwas viel Schlimmeres widerfahren, so daß wir nicht einmal mehr der Bruchteil dieses Goldes sind, das wir einst waren. In Wahrheit gibt es in dieser Welt nichts, was mit dem vergleichbar wäre, was uns wirklich zugestoßen ist. Metaphern, Bilder, Gleichnisse und Beispiele jeglicher Art sind hier zum Scheitern verurteilt. Der Zustand, in dem wir uns hier befinden, ist etwas völlig anderes als alles, was man mit Worten erklären könnte. Dies ist vielleicht der Grund dafür, warum wir weder uns selbst noch andere richtig verstehen können. Um uns mit einem noch größeren Mysterium zu verblüffen, fährt die Upanishad nämlich fort:

        Als das Individuum vom Ganzen abgetrennt wurde, wurde das “Feuer” zur Sprache und trat in den Mund des Individuums ein; die “Luft” wurde zu Atem und trat in seine Nasenlöcher ein; die “Wahrnehmung” wurde zu Licht und betrat die Augen des Individuums; die “Himmelsrichtungen” wurden zu Klang und traten in seine Ohren ein; die “Pflanzen und Bäume” wurden zu Haaren und traten in seine Haut ein; der “Mond” wurde zum Geist und trat in sein Herz ein; der “Tod” wurde zum ausströmenden Atem und trat in seinen Nabel ein; die “Gewässer” wurden zur Vitalkraft und traten in sein Zeugungsorgan ein.

        Wir sollten uns den gewaltigen Umkehrungsprozeß vergegenwärtigen zwischen dem, was ursprünglich zur Zeit der kosmischen Individualisierung in den Funktionen der Prinzipien stattgefunden hat, und anschließend mit Beginn der Funktionen des Individuums. Greifen wir nur einmal eine der oben erwähnten Funktionen heraus: Als die erste Trennung des Individuellen vom kosmischen Sein stattfand, kam aus dem Mund der universellen Person Sprache heraus und aus der Sprache “Feuer”. Wenn es jedoch um die Frage der Funktion des Individuums geht, so erklärt man uns, daß “Feuer” zur Sprache wurde und in den Mund des Individuums eintrat. Was während des Ursprungs der Dinge anfänglich als Ursache wirkte, wird im Individuum zur Wirkung. Während die Kraft, die wir Sprache nennen, die Auswirkung des Standorts, das heißt des Mundes der universellen Person ist, und das “Feuer-Prinzip” eine Auswirkung der Sprachkraft ist, ist dies beim Individuum genau umgekehrt. Bei ihm wird “Feuer”, das ursprünglich die letzte Auswirkung war, zur ersten Ursache, die im Individuum die Kraft der Sprache hervorruft und die Wirkung des Sprachorgans auf den Mund beschränkt. Um das Beispiel einer anderen Funktion aufzugreifen: Nasenlöcher, Atem und Luft wirkten ursprünglich der Reihe nach als Ursache und Wirkung, doch im Individuum ist der Prozeß nun genau umgekehrt, so daß Luft, Atem und Nasenlöcher die Reihenfolge in der Ursache-Wirkung-Beziehung bilden. Und so verhält es sich auch mit den anderen Funktionen.

        Überdenken wir die oben geschilderte Beschreibung der Evolution des Individuums aus dem Kosmischen, so können wir schlußfolgern, daß über den Menschen ein großes Unglück hereingebrochen ist, auf Grund dessen ihm die direkten Mittel dazu fehlen, das Kosmische unmittelbar kontaktieren zu können. In dem oben beschriebenen “Umkehrungsprozeß” der Funktionen kehrt sich nämlich die als “Auswirkung” wirkende Ursprungsfunktion beim Individuum zur “Ursache” seiner Funktion um, wie dies bei Spiegelungen der Fall ist, in denen sich die Merkmale entweder mit dem Kopf nach unten oder auf irgendeine andere Weise umgekehrt abbilden. Und wie berührt ein Spiegelbild sein Original? In gewisser Weise ähnlich zu dieser Situation ist die Bemühung der im Wasser reflektierten Sonne, mit der Originalsonne in Kontakt zu kommen. In diesem Vergleich besteht die Ähnlichkeit darin, daß die Spiegelung das Original ebenso wahrheitsgetreu darstellt, wie der Mensch angeblich nach dem Bilde Gottes geschaffen sein soll. Doch wie kann das Spiegelbild das Original kontaktieren oder gar wieder zum Original werden? Was ist seine Beziehung zum Original? Allem Anschein nach gibt es keine Beziehung, da die beiden auf Grund der Abwesenheit eines wechselseitigen tatsächlichen Kontakts weit entfernt voneinander liegen. Und doch gibt es eine Beziehung, da das Original andernfalls nicht im Spiegelbild erscheinen würde. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß die eben genannte Analogie nicht die gesamte Wahrheit der menschlichen Situation repräsentiert, und zwar deshalb, weil die Spiegelung der Sonne räumlich durch eine große physische Entfernung vom Original getrennt ist, während man sich im Falle des kosmischen Wesens und des Individuums keine physische Entfernung zwischen dem Original und der Spiegelung vorstellen kann. Die beiden überlappen sich sozusagen gegenseitig, was auch der Grund dafür ist, warum die ganze Angelegenheit nur sehr schwer zu untersuchen oder gar zu verstehen ist.

        Der Umkehrungsprozeß der Funktionen im Abstieg des Kosmischen zum Individuellen kann auch mit einer anderen Analogie erklärt werden, nämlich mit der Spiegelung unseres eigenen Gesichts in einem Spiegel, in dem das, was rechts ist links, und was links ist, rechts erscheint. Was im Kosmischen die Wirkung ist, wird im Individuellen zur Ursache. In der Terminologie der Vedanta-Philosophie durchläuft der Prozeß des universellen Wesens die Stufen von Ishvara, Hiranyagarbha und Virat, die die kosmischen Ebenen des Absoluten darstellen. Die spätere Stufe ist hierbei jeweils die Wirkung der vorherigen. Im Individuum sind diese kosmischen Ebenen jedoch in Form der Erfahrungen, die als Visva (Wachzustand), Taijasa (Traumzustand) und Prajna (Tiefschlaf) bekannt sind, umgekehrt. Während Virat der niederste Effekt im kosmischen Prozeß des Abstiegs ist, ist Visva im Individuum die höchste Ursache, so daß man zumindest in gewisser Weise sagen kann, daß das Verbindungsglied zwischen dem Individuum und dem Kosmischen, nämlich zwischen Visva und Virat, vom Wachzustand des Individuums repräsentiert wird. Doch Vorsicht! Das wache Individuum ist kein exakter quantitativer Teil des Virat, da ersteres ebenso auch ein Spiegelbild ist, so daß es nicht die Eigenschaftsmerkmale des Originals aufweist und aufweisen kann, wie etwa Allwissenheit und Allmacht, um nur zwei der hervorragenden Eigenschaften des Universellen zu nennen.

        Folgender Hinweis soll nun die weiterführenden Überlegungen erleichtern: In der Brihadaranyaka-Upanishad heißt es, daß jede individuelle Funktion vom Tod oder dem Prinzip des Wandels und der Zerstörung heimgesucht wird und daß die Funktionen, sobald sie aus den “Klauen des Todes” befreit sind, zum Original zurückkehren, von dem sie gekommen sind. Wie kann das Spiegelbild also zum Original, der Teil zum Ganzen und die Wirkung zur Ursache werden? Die Antwort lautet: Indem die Spiegelung oder der Teil von den Bedingungen befreit wird, die sie zur Spiegelung oder zu einem bloßen Teil machen. Und was sind diese Bedingungen? Es sind die Prinzipien, die Veränderung und Zerstörung verursachen. Diese Prinzipien sind die Bildungsfaktoren der Individualität und dafür verantwortlich, daß das Individuum als sterblich bezeichnet wird, während das kosmische Wesen unsterblich ist. Die Upanishad sagt, daß Sprache, wenn sie vom Prinzip des Todes befreit ist, zu “Feuer” wird. Ähnlich wird Atem, wenn er vom Prinzip des Todes befreit ist, zu “Luft”. Die Augen, wenn sie vom Prinzip des Todes befreit sind, werden zu “Licht” und mit den anderen Funktionen verhält es sich ebenso. Die Bedeutung scheint hierbei zu sein, daß der oben beschriebene Umkehrungsprozeß der Funktionen im Individuellen das Prinzip des Todes ist und daß das Individuelle zum Universellen wird, sobald es vom Prinzip des Todes oder der Zerstörung befreit ist. Werden muß sich ins Sein zurück verwandeln.

        Tod oder Zerstörung bedeuten demnach nicht Auslöschung, sondern eine Tendenz, sich von der Wirkung zur Ursache hin zu bewegen, eine Bewegung, die von einem inneren Drang des Teiles notwendig gemacht wird, um zum Ganzen zu werden, da das Ganze den Teil in einer organischen „Einsheit“ beinhaltet. Was wir im weitläufigen Sinn als Evolution bezeichnen, ist nichts als dieser Kampf des Universums, sich vom Niederen zum Höheren hin zu entwickeln. Und in diesem Prozeß ist die Tendenz des Individuums zum Universellen enthalten. Das gesamte Universum ist damit beschäftigt, seine Bestandteile für deren Selbsterkenntnis im Absoluten neu zu ordnen. Evolution ist die Bewegung des Nicht-Selbst zum Selbst, indem es seinen Zuständigkeitsbereich sowohl vertieft als auch ausdehnt, und dies sowohl qualitativ im Inneren als auch quantitativ im Äußeren, bis der höchste Zustand erreicht ist, in dem die Qualität und die Quantität in das einzige Sein des unendlichen Selbst verschmelzen. Will man über die Beziehung des Absoluten zum Individuum noch weiter nachlesen, sei auf einen interessanten und majestätischen Vortrag im vierten Abschnitt des ersten Kapitels der Brihandaranyaka-Upanishad hingewiesen. Da unser gegenwärtiges Interesse jedoch dem Erziehungsprozeß gilt, werden wir hier auf dieses Thema nicht ausführlicher eingehen, als es für unseren jetzigen Bedarf an Klärung notwendig ist.

        Erziehung kann keine wahre Bedeutung haben, solange sie keine systematisierte Kunst ist, die Wahrheit in stufenweise ansteigenden Ebenen zu berühren. Wahrheit ist mit unserem eigenen Leben und unserer eigenen Existenz untrennbar verbunden, da alles, was mit unserer Existenz nicht verbunden ist, für uns keine Wahrheit sein kann. Anhand der obigen Beschreibung von der Situation des Menschen im Universum, die uns von der Upanishad bereitgestellt wurde, sieht es so aus, als ob Wahrheit für uns eine “graduelle Annäherung der Erfahrung an umfassendere Dimensionen der Universalität” wäre. Demzufolge muß auch der Erziehungsprozeß ein stufenweiser Anstieg der Erfahrung durch die verschiedenen Ebenen hindurch sein, die unsere Existenz mit der Wahrheit verbinden.

        Der wahre Erziehungsprozeß würde von uns verlangen, zuerst einmal die unmittelbaren Tatsachen der Erfahrung als fundamentale Wahrheiten der Erziehung zu akzeptieren. Dies bedeutet, daß sich keine Erfahrung außerhalb der Wahrheit befinden kann, da jede Erfahrung ein Teil von ihr ist und somit irgendeinen Grad der Wahrheit offenbart. Erziehung ist somit eine universelle Bewegung des Geistes in Richtung Selbsterkenntnis im höchsten Zustand der Wahrheit, auch wenn sie auf den frühesten und primitivsten Stufen der Erfahrung aufbaut und von dort beginnt. Sie erstreckt sich von der einfachsten Vorstellung, die ein Kind von der äußeren Welt haben mag, bis hin zum hochtrabendsten Konzept des Wissenschaftlers oder Philosophen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, müßten in etwa folgende Themenbereiche in den Studienlehrplan aufgenommen werden: Lesen, Schreiben und Arithmetik in ihren fundamentalsten Formen; elementare  Geographie und Geschichte in Form von Geschichten und inspirierenden Erzählungen; einfache dramatische Porträtierungen; Grammatik, Sprache und Literatur in stufenweise zunehmendem Umfang und zunehmender Intensität; Mathematik, Naturwissenschaften, Botanik, Zoologie und Physiologie; Ethik, Zivilrecht, Soziologie und Politik, Astronomie, Physik, Chemie und Biologie in ihren entwickelten Formen; Psychologie, Künste, Ökonomie; die Philosophie der Geschichte und Weltkultur. Diese Aufzählung der Themenfächer umfaßt praktisch alles, was heutzutage in unseren Schulen und Universitäten gelehrt wird, und man glaubt, daß mit dem Studium dieser Themenbereiche das gesamte Spektrum des Wissens erschöpft sei.  Dies ist jedoch ein bedauernswerter Irrtum. Das Studium der Wirklichkeit kann unmöglich vollständig sein, solange es auf die empirischen Denkräume des menschlichen Geistes in einer sichtbaren Welt der Sinneswahrnehmung beschränkt ist. Um zu verstehen, warum diese Studien in sich nicht vollständig sein können, müssen wir nur zur Evolutionsbeschreibung der Upanishad zurückkehren, die wir in den vorangegangenen Absätzen betrachtet haben. Im besten Fall repräsentieren all diese Studien die schlechteste Form des Wissens, das wir hoffen können uns anzueignen, da sie nur subjektiv angesammelte Begriffe sind, die die Objekte der äußeren Welt betreffen, wobei es der Welt gelingt, ihre eigene Unabhängigkeit vom individuell erfahrenden Subjekt zu wahren. Warum aber ist die Welt so unabhängig und unhandlich? Für eine Antwort müssen wir uns nur auf die Upanishad beziehen. Die Welt der Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) ist unglücklicherweise zur Ursache unserer Erfahrungen geworden, die somit Auswirkungen sind, die von unserer Sinneswahrnehmung der Elemente hervorgerufen werden. Dies entspricht jedoch nur dem Wissen, das das Spiegelbild vom Original hat. Und dieses ist auf Grund des in der Upanishad erwähnten “Umkehrungsprozesses” weit von der Wahrheit entfernt. Wäre die Spiegelung das Original, dann wäre unsere heutige Erziehungslaufbahn bereits die Krönung aller menschlichen Bemühungen. Kein Wunder also, daß der Weise Sanatkumara all dieses Wissen nur als “leere Worte” bezeichnete, da es sich selbst vom Original entfremdet hat, das ja eigentlich Gegenstand des Wissens sein sollte. Dennoch erachtete Sanatkumara diese “Worte” als den ersten Schritt in der Untersuchung der Wirklichkeit, da das “Wort” auf etwas hinweist, das “benannt” ist, auch wenn es nichts weiter als ein bloßer Fingerzeig ist. Ebenso steht es um die Notwendigkeit und den Wert unserer empirischen Wissenschaften und Künste. Wenn Wissen von seinen Objekten getrennt ist, wie kann es dann Glückseligkeit bescheren? Wie kann Wissen mit Macht gleichgesetzt werden? Wie kann Wissen dasselbe sein wie Tugend? Glückseligkeit, Macht und Tugend sind nämlich Aspekte der Wirklichkeit. Wenn Wissen jedoch nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat und nur noch Symbol, Markierung, Spiegelbild und nicht mehr Original ist, verbleiben nur “Worte”, wenn auch im Sinne des niedrigsten Wirklichkeitsgrades. Wenn ein solches Wissen den Anspruch auf Fortschritt, Wachstum und Kultur erhebt, indem es sich über seine Begrenzungen als “Fingerzeig”, “Hinweis” oder “Spiegelbild” hinaus übermäßig aufbläht, dann maßt es sich auf diese Weise den Status des Originals unrechtmäßig an. An dieser Stelle müssen wir nun die Prinzipien des wahren Wissens gründlicher untersuchen. Was ist wahres Wissen? Wie sollten die “Ziele” und “Methoden” der Erziehung sowie ein Lehrplan aussehen, der auf die Annäherung an die Wahrheit abzielt?

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6       Gib dem Cäsar, was des Cäsars ist,
und Gott, was Gottes ist

        Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, daß das Streben nach Wissen durch Erziehung eine doppelte Funktion zu erfüllen hat, nämlich einerseits die empirischen Fakten und Erfahrungen des Lebens aufzuzeichnen und andererseits mit den Forderungen der absoluten Werte in Einklang zu stehen. Da die zeitlichen Werte untrennbar mit den zeitlosen Werten verbunden sind, muß man den Gesetzen eines jeden Bereiches gerecht werden. “Gib dem Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.” Obwohl die Erscheinung nicht mit der Wirklichkeit gleichgesetzt werden kann, ist es klar, daß die Erscheinungswelt mit der Wirklichkeit in einer gewissen Beziehung steht. Obwohl all unsere Pläne und Unternehmungen im Leben in das Phänomen der Vergänglichkeit verwickelt zu sein scheinen, kann man dennoch nicht bestreiten, daß unsere Bemühungen um die Wahrheit, nach der wir streben, eine Bedeutung haben. Empirische Erfahrung zu akzeptieren verlangt gleichzeitig nach der Anerkennung der Tatsache, daß es so etwas wie eine Wirklichkeit geben muß. Unsere Launen und Vorlieben, Hoffnungen und Bestrebungen, Kämpfe und Errungenschaften müssen, wenn auch entfernt, in Beziehung zur Wirklichkeit stehen. Die Widerspiegelung ist nicht das Original, doch deutet sie darauf hin, wie das Original sein könnte, so wie ein Schatten von etwas geworfen wird, das existiert. Der menschliche Geist braucht nicht zu fürchten, daß seine Mühen nur die Verfolgung eines Irrlichts darstellen. Unsere Erziehung und unser Wissen sind ohne Zweifel völlig empirisch, doch können sie nicht mit dem rein Empirischen enden. Sie haben nämlich eine Funktion zu erfüllen, deren Wirkung über sie selbst hinaus reicht, so wie die Medizin, die man einnimmt, um damit eine Krankheit zu heilen.

        Die wichtigste Regel der Erziehung sollte es sein, den Wirklichkeitsgrad, der in jedes einzelne Erfahrungsstadium verwoben ist, nicht zu stören. Die Bhagavadgita enthält die Mahnung, daß der Glaube des Unwissenden durch die Wissensvermittlung nicht erschüttert werden darf. Der Standpunkt des Studenten darf auf keiner Stufe der Erziehung ignoriert werden, auch wenn er im Vergleich zu einem höheren Grad der Erkenntnis als unzulänglich erachtet werden mag. Erziehung ähnelt dem kunstvollen Prozeß der sich öffnenden Blumenknospe -  allmählich und schön. Die Knospe darf auf gar keinen Fall gewaltsam und abrupt geöffnet werden, da sie durch diesen Eingriff nicht zur reifen Blüte werden, sondern zerbricht würde, so daß sie ihrem eigentlichen Zweck nicht mehr dienen kann. Der Lehrer muß hinter dem Studenten im Verborgenen bleiben, obwohl er ihn ständig begleitet. Er darf weder als Vorgesetzter noch als unangenehmer Bestandteil unter den Bausteinen in den Vordergrund treten, die auf jeder einzelnen Stufe die Gefühle, Bestrebungen und Bedürfnisse des Studenten bilden. Die Aufgabe des Lehrers ist in der Tat sehr schwer auszuführen. Jemand, der in der Kunst, durch den Geist des Studenten hindurch zu denken, nicht geschult ist, kann hier nicht erfolgreich sein. Die unmittelbare Realität muß immer zuerst angegangen werden, sei dies nun im sozialen, im erzieherischen oder im philosophischen Bereich. Die sichtbaren Objekte sind stets die konkretesten Dinge und für ein Kind die einzige Realität. Hieraus ergibt sich für die Kindergartenstufe die Notwendigkeit, durch die Darbietung konkreter Beispiele Objekt-Lektionen zu vermitteln. Wenn diese Beispiele für den Anblick und das Gehör angenehm sind, trägt dies zum Erfolg des Erziehungsprozesses bei. Eine Disziplin oder eine Ausbildung muß nicht unbedingt bitter oder unangenehm sein. Sie kann auch süß, liebevoll und erfreulich sein. Die Lehrmethode ist demnach eine Frage der Psychologie. Sie verlangt vom Lehrer nämlich nicht nur, daß er den Zweck der Erziehung auf ihren verschiedenen Stufen kennt, sondern ebenso das Wissen um die verschiedenen Methoden, die für das Lehren auf diesen unterschiedlichen Stufen angewendet werden müssen. Man sollte sich darüber im Klaren sein, daß keine Erfahrungsstufe als völlig falsch oder verkehrt angesehen werden kann, da eine jede in sich einen bestimmten Wirklichkeitsgrad birgt. Jedes Kind ist seiner eigenen Mutter lieb, ganz gleich, wer sie auch immer sein mag und in welchen Bedingungen sie auch immer leben mag.

        Aus dieser Überlegung würde folgen, daß die Studien, die heutzutage in den Lehrplänen der Lehrinstitutionen aufgelistet sind, nicht völlig unbrauchbar sind, da sie zu irgendeiner Stufe der Wirklichkeit in Beziehung stehen. Ihr Fehler ist jedoch, daß sich diese Stufen gänzlich auf das Feld der Sinnenerfahrung beschränken und nicht einmal ansatzweise das berühren, was sich jenseits des empirischen Niveaus befindet. Auch wenn eine geringere Wahrheit ebenfalls einen notwendigen Grundzug der Wahrheit darstellt, sollte man sie niemals für die gesamte Wahrheit halten. Die Themenfächer, die in den schulischen Institutionen heute gelehrt werden, sind innerhalb ihres eigenen begrenzten Rahmens ohne Zweifel Wahrheiten. Tatsächlich sind alle Erfahrungen, die auf Wahrnehmungen beruhen, Phasen der Wahrheit, die zum Zeitpunkt der Erfahrung oder der Wahrnehmung nicht geleugnet werden können. Da sie jedoch nicht die gesamte Wahrheit darstellen, bringen sie langfristig unvorhergesehene Probleme mit sich, die den Hintergrund für die Rastlosigkeit und das Unsicherheitsgefühl darstellen, die sich in die Adern des modern erzogenen Individuums einschleichen. Der Nachdruck, der auf die Notwendigkeit der niederen Wahrheit gelegt wird, sollte weder zur Unwissenheit noch zur Vernachlässigung der höheren Wahrheit führen.

        Die Erforschung der Lage des Menschen im Universum führt uns jedoch an einen Punkt, an dem uns klar wird, wie die rechte Methodik der Erziehung aussehen könnte. Und was ist das Leben anderes als ein fortwährender Lernprozeß? Wollte man sich einer ehrlichen Selbsterforschung im Spiegel der Wahrhaftigkeit unterziehen, würde man erkennen, daß man zeitlebens ein Lernender ist! Das von der modernen schulischen Psychologie angewandte gegenwärtige Lehrsystem ist innerhalb seiner Reichweite recht gut - aber eben nur, so weit es reicht. Wie wir beobachtet haben, ist es notwendig, die solideren Manifestationen der Wirklichkeit mit unmittelbarer Priorität zuerst zu berücksichtigen. Die soziale und körperliche Struktur der eigenen Umgebung ist offensichtlich die naheliegendste. Die Lebensbedingungen zwingen zu der Annahme, daß da draußen eine Welt ist mit Bergen, Flüssen, Sonne, Mond und Sternen, Sommer, Winter und Regenzeit als periodisch wiederkehrende Jahreszeiten, wie auch Menschen und Tieren, von denen manche durch Verwandtschaft mit uns verbunden zu sein scheinen und andere wiederum nicht. Dies sei erwähnt, um einen groben Überblick über all jene Vorstellungen zu geben, die wir über die astronomische Welt, die geographischen Merkmale und die sozialen Beziehungen haben, mit denen wir auf irgendeine Weise in Verbindung zu stehen scheinen, auch wenn all diese Dinge im aktiven Bewußtsein des einzelnen nicht sehr ausgeprägt gegenwärtig sein mögen. Da es sich hierbei um die unmittelbar beobachtbaren Fakten handelt, ergäben deren Merkmale natürlicherweise die ersten Themenbereiche, die in die eigenen Studien aufgenommen werden müßten, wenn auch nur in sehr begrenztem Rahmen. Wir könnten sie als das Grundwissen der Astronomie, Geographie, Soziologie und Staatsbürgerkunde bezeichnen, wobei sie als notwendige Ergänzung die moralischen Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft der menschlichen Wesen und der Tierwelt mit einschließen. Und schon betreten wir das Feld der “Ethik”, ein von den Studien untrennbarer Teil, da die ethischen Regeln nicht von den sozialen Verpflichtungen isoliert werden können, in die das eigene Leben verwickelt ist. So kommt es zur natürlichen Entwicklung dahin, daß man sich sowohl der eigenen materiellen Bedürfnisse als auch der Wege bewußt wird, wie man sich diese erfüllen kann, wobei man stets darauf achten sollte, daß auch die anderen Menschen derartige Bedürfnisse haben. Hier säen wir die Samen der “Ökonomie” in ihren tatsächlichen Grundlage. Bis zu diesem Abschnitt des Studienverlaufs kann man unsere Erziehung als “fundamental” und “elementar” ansehen.

        Eine weitreichendere Betrachtung des Lebens und seiner Verwicklungen führt uns dann zum Studium dessen, was als die “politische Struktur” des Landes bezeichnet wird. Man wird sich der ausführenden Organe des Gesetzes bewußt, die von bestimmten Personen repräsentiert werden, die als Oberhaupt der unmittelbaren Gemeinschaft des Dorfes, des Bezirkes oder noch größerer Zuständigkeitsbereiche fungieren. Dieses Wissen und die Bedeutung dieses Wissens für das eigene persönliche und soziale Leben beinhalten die elementaren Prinzipien der bürgerlichen und politischen Atmosphäre, in der man lebt. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob es wirklich notwendig ist, genau über die Gesetze und Regulierungen informiert zu sein, die die tägliche Existenz regieren, da diese im Alltagsleben nicht unmittelbar sichtbar sind. Nichtsdestotrotz kann ihr Einfluß auf das eigene Leben ebenso gewaltig sein, wie der des täglichen Sonnenaufgangs, auch wenn sich die Menschen nicht immer dessen bewußt sein mögen, daß die Sonne täglich auf- und untergeht. Darüber hinaus erwächst ein Bedürfnis danach, herauszufinden, wie sich Traditionen über die Jahrhunderte hin entwickelten, die auf historischen Ereignissen basieren, die in Beziehung zum Leben unserer Vorväter standen, was dem Studium der Geschichte entspricht. All diese Aspekte der Allgemeinbildung formen die “Kultur” der Menschen, wobei sich diese über ihre verschiedenen Manifestationen in Form des menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns offenbart. Hiermit erreichen wir die zweite Stufe der Erziehung, die wie alles bisher Genannte mag noch als “elementar” betrachtet werden mag, wobei unter “elementar” nicht “unangemessen”, sondern “fundamental” im Sinne der wesentlichsten Grundlagen des großartigen Erziehungsgebäudes zu verstehen ist.

        Nun wollen wir aber die dritte Stufe betreten, in der wir auch das Bedürfnis nach bestimmten anderen Studienaspekten zu empfinden beginnen, die sich auf ihre Weise als wesentlich erweisen, auch wenn sie nicht so wesentlich wie die oben beschriebenen unvermeidbaren Bildungsbereiche sind, die mit der eigenen körperlichen Existenz organisch verbunden waren. Die Bedürfnisse der dritten Stufe werden manchmal als “Zerstreuungen” oder “Vergnügungen” bezeichnet, da sie von den Emotionen der menschlichen Natur angestrebt werden. Hier finden wir die “Künste”, die dazu beitragen, der eigenen Persönlichkeit anhand der Vermittlung von Schönheit eine neue Art der Freude zu bescheren. “Schönheit” ist ein sehr schwer zu erklärendes Phänomen, das jeder aufgrund seiner eigenen Erfahrungen im körperlichen und geistigen Leben kennt und fühlt. Schöne Objekte ziehen die eigene Aufmerksamkeit an und geben einem sogar schon durch ihre bloße Nähe eine Befriedigung, ganz zu schweigen von ihrem tatsächlichen Besitz und Genuß. Für gewöhnlich wird Schönheit als eine Art der Wahrnehmung angesehen, die von bestimmten Anordnungsmustern innerhalb der Form eines Objekts hervorgerufen wird, das man als schön bezeichnet. Obwohl dasselbe Objekt nicht allen Personen unter den gleichen Bedingungen als schön erscheint, was darauf hindeutet, daß “Schönheit” subjektiv auf wahrgenommene Objekte projiziert wird, gibt es nichtsdestotrotz eine allgemeine Form der Schönheit, die für jedes menschliche Wesen akzeptabel und wahrnehmbar ist. Diese allgemeinen Formen der Schönheit können besonders in die Kategorien Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik, Tanz, Schauspiel und Literatur unterteilt werden. Eine nähere Bekanntschaft mit diesen Quellen der Schönheit bedürfte eines eigenen Studiums dieser Themenbereiche, einem Wissenszweig, der als “Ästhetik” bekannt ist.

        Jedenfalls würden wir in einem Zustand der Unwissenheit verbleiben, wenn wir nicht dazu in der Lage wären, tiefer in die ursächlichen Faktoren vorzudringen, die uns überhaupt erst zur Untersuchung solcher Themenbereiche wie “Ästhetik” antreiben und uns solche Studien als Bedürfnis empfinden lassen. Die Liebe zum Schönen, ob nun sichtbar wie in der Architektur, der Bildhauerei und der Malerei, hörbar wie in der Musik oder durch den Intellekt erfahrbar wie in der Literatur, ist grundsätzlich Ausdruck einer Reaktion, die vom menschlichen Geist in bezug auf die Umstände der äußeren Welt ausgelöst wird, und zwar aufgrund der eigentümlichen Beziehung, die ihn mit diesen Umständen verbindet. Der menschliche Geist als das Subjekt und die äußere Welt als sein Objekt formen einander entsprechende, sich gegenseitig ergänzende Gegenstücke, so daß man in gewisser Weise sagen kann, daß die Wahrnehmung von “Schönheit” in der gleichen Weise entsteht, wie ein runder Stab ein rundes Loch findet, das seiner Größe und Form genau entspricht. “Schönheit” ist demnach die Erfahrung eines Gefühls der Vollständigkeit, das im Erfahrenden erweckt wird, wenn dieser das exakte Gegenstück in der äußeren Welt entdeckt, sei diese Wahrnehmung nun sinnlich oder intellektuell. Die Wahrnehmung von “Schönheit” erweist sich somit als psycho-physischer Zustand, der auf subtile Weise von Faktoren herbeigeführt wird, die der Wechselbeziehung zwischen menschliche (dem Subjekt) und der äußeren Welt (dem Objekt) zugrunde liegen. Diese interessante psychologische Wahrheit kann sogar als die Grundlage von solch anscheinend selbstlosen Aktivitäten der menschlichen Natur angesehen werden, wie Beschäftigung mit der menschlichen Kultur, Interesse in den Bereichen der Geschichte, Bedürfnis nach Recht und Ordnung innerhalb der Gesellschaft und dergleichen. Der Mensch selbst ist die Grundlage und Ursache all dessen, was er macht, was er braucht und was er als die notwendigen Werte des Lebens erachtet. Mit einem Wort: Der Mensch sieht sich außerhalb seiner selbst und studiert sich selbst, wobei er sich wie in einem Spiegel unter der falschen Vorstellung betrachtet, etwas gänzlich Externes und mit ihm selbst nicht in Verbindung Stehendes zu untersuchen. Und dieses Mißverständnis ist die Ursache für das Versagen des modernen Erziehungssystems im Streben um die Verwirklichung der letztendlichen Ziele des Lebens.

        Schließlich erkennt der Mensch, daß ein Studium der Prinzipien der “Psychoanalyse” den Lehrplan eines wahren Erziehungssystems sinnvoll ergänzen würde. Das Studium der Psychoanalyse ist im wesentlichen ein Studium der “instinktiven Triebe” der menschlichen Natur, die in einem großen Ausmaß sogar die Funktion der rationalen Kräfte des Menschen bedingen. Die westlichen Psychoanalytiker dachten, daß die wesentlichen Triebe der menschlichen Natur die Instinkte der Nahrungssuche, der Fortpflanzung und der Machtausübung wären. Werden diese Triebe nun von entgegen wirkenden Kräften zurückgedrängt oder frustriert, entweder weil es an geeigneten Mitteln mangelt, um sie zu erfüllen, oder aufgrund der Wirkung von Gesetzen oder Regulierungen, die von der äußeren Gesellschaft erstellt worden sind, dann erheben sich im menschlichen Geist Schutzreaktionen, die als “Abwehrmechanismen” bekannt sind. Mit diesen Mechanismen versucht er, seine Neigungen entweder direkt zu erfüllen, indem er sich die dafür notwendigen Mittel verschafft (und sei dies auch auf rechtswidrige Art, oder indem er den von außen wirkenden Regulierungen und Gesetzen durch subtile Pläne und Tricks trotzt), oder indirekt, indem er sich auf ein niedrigeres Niveau der Befriedigung zurückzieht und sich die nächstbeste, unmittelbar unter der Ebene des begehrten Objektes gelegene und verfügbare Sache sucht. Wenn allerdings auch das Nächstbeste nicht erreichbar ist, kann die Psyche noch weitere Stufen hinabsteigen, bis die Triebe schließlich, falls alle Annäherungs- und Befriedigungsversuche vergeblich sein sollten, auf sich selbst reagieren, indem sie die Befriedigung in sich selbst suchen. Dies wird als Wahnsinn oder psychopathischer Zustand bezeichnet; ein Zustand geistiger Erkrankung, in dem jemand rein in der Vorstellung Genuß empfindet. Das Studium der Psychoanalyse ist sehr wichtig, da es meist die Unwissenheit um die Arbeitsweise der menschlichen Psyche ist, die für die Sorgen, Ängste und Spannungen verantwortlich ist, von denen die Menschen überall gequält werden. Es ist diese Unwissenheit, die den Menschen oftmals aus dem Hinterhalt heraus dazu treibt, seine Gefühle auf andere Personen und Dinge zu projizieren und sich umgekehrt die Eigenschaften anderer Personen und Dinge anzueignen, was nicht gerade als gesunder Geisteszustand betrachtet werden kann. Die Upanishaden erwähnen sogenannte Eshanas oder instinktive Begierden, nämlich jene nach Wohlstand, Sex und Ruhm, die den Trieben der Selbsterhaltung des physischen Organismus, der Fortpflanzung und der Erhaltung des Ego entsprechen. Im Westen haben sich Jung, Freud und Adler ausschließlich dem Studium dieser primären Triebe der menschlichen Natur gewidmet. Es ist unbedingt erforderlich, daß sich Studenten der Psychologie und Sucher auf dem spirituellen Pfad gut mit diesen natürlichen Trieben der menschlichen Natur auskennen, nicht nur, um sich vor den Möglichkeiten, von ihnen besiegt zu werden, zu schützen, sondern auch, um sie für einen höheren und konstruktiveren Zweck zu kanalisieren, wie dies etwa bei strömenden Gewässern der Fall ist, die unkontrolliert ganze Dörfer und Städte überfluten und zerstören können oder aber für die Bewässerung in der Landwirtschaft oder ähnlich nützliche Ziele umgeleitet werden können. Die menschlichen Handlungen sind bei weitem nicht so unpersönlich und selbstlos, wie man sie gerne erscheinen läßt, da ein sorgfältiges Studium des Menschen offenbart, daß alles, was er tut, eine äußerliche Manifestation all jener Bedürfnisse ist, die er aufgrund der Beschaffenheit seines Geistes und Körpers als komplexer lebender Organismus in sich verspürt. Auch wenn ein Mensch in dem Glauben lebt, einen “freien Willen” und freie Wahlmöglichkeiten zu haben, weiß er nicht, warum er überhaupt auf diese besondere Art und Weise “will”. Dies würde der menschlichen Freiheit den Boden unter den Füßen wegziehen und der Existenz einer unbekannten Macht die Pforte öffnen, die selbst den Willen des Individuums zu steuern in der Lage zu sein scheint.

        Die Studien der Psychoanalyse sind in sich selbst jedoch nicht vollständig, obwohl sie einen Hinweis darauf geben, wie subtile Persönlichkeitsfaktoren hinter der Kulisse der Tätigkeiten des Menschen wirken. Der Grund für diesen Umstand, der den Menschen sowohl zur Aktivität anzutreiben scheint als auch dazu, die Dinge aus seinem eigenen Blickwinkel zu betrachten und in der von seinen Instinkten auferlegten Färbung zu beurteilen, ist nämlich subtiler und verzweigter als das Wirken der Instinkte selbst. Unglücklicherweise sind die psychologischen Studien des Westens nicht über die sogenannte “Tiefenpsychologie” hinausgegangen, womit die von Freud, Adler und Jung verkündeten psychoanalytischen Forschungen gemeint sind, die von deren Schülern und Bewunderern verbreitet wurden. Es sind die Upanishaden und die Yoga-Sutras von Patanjali, in denen wir eine tiefgründige Analyse der logischen Grundlage hinter der Wirkungsweise der menschlichen Instinkte und Triebe in Personen oder in der äußeren Welt entdecken können. Hinter der “Psychoanalyse” steht die “Psychologie”, die ein umfangreicheres Feld abdeckt als jenes, das von der Psychoanalyse anvisiert wird.

        Im 1. Kapitel der Yoga-Sutras gibt Patanjali eine kurze und bündige Zusammenfassung der “allgemeinen Psychologie”, indem er erklärt, daß wahres Wissen, falsches Wissen, Zweifel[11], Schlaf und Erinnerung, die “nicht schmerzhaften Psychosen”[12] des Geistes sind, womit er ausdrücken will, daß diese Prozesse des psychischen Organs im Grunde genommen unnatürlich sind. “Die Natur der menschlichen Wahrnehmung ist die Ursache der Art und Weise, auf die die menschlichen Instinkte arbeiten”, und was menschliche Wahrnehmung ist, wird in dem oben zitierten Aphorismus angedeutet. Der entscheidende Punkt ist der, daß Zuneigungen, Emotionen, Liebeleien, Haß und alle Bewertungen des Lebens “relativ” zu den Umständen des eigenen Bewußtseins von den Objekten sind. Um nur einmal den ersten Teil der aphoristischen Verkündigung Patanjalis aufzugreifen, so ist der Prozeß der menschlichen Wahrnehmung samt der daraus resultierenden Schlußfolgerungen über die Objekte die Konsequenz einer Wechselwirkung zwischen dem Subjekt und dem Objekt des Wissens. Die Instinkte und Triebe haben somit, auch wenn sie als die subtilen inneren und ursächlichen Faktoren hinter den meisten menschlichen Handlungen und Neigungen angesehen werden können, selbst eine noch tiefere Ursache. Und diese tiefere Ursache ist die Struktur des Erkenntnisprozesses selbst. Da dieser Erkenntnisprozeß das Folgeprodukt einer zwischen dem Subjekt und dem Objekt vorliegenden wechselseitigen Beziehung ist, kann man sagen, daß hinter dem Wirken der Triebe und der Instinkte der menschlichen Natur die Kraft des gesamten Universums steht, was vielleicht der Grund dafür ist, warum die Triebe so unfreiwillig, unkontrollierbar und ungestüm in ihren Funktionen erscheinen, denn das Objekt der Erkenntnis ist nichts anderes als das Universum selbst. Die Auswirkungen all dessen, was in Patanjalis Aphorismen nur angedeutet wird, können in detaillierter Ausführung in den umfangreichen Forschungen der Vedanta-Philosophie nachgelesen werden. Patanjali faßt sich sehr kurz und erklärt nicht, was er anzudeuten versucht. Die Idee ist, daß der gesamte geistige Prozeß in seinen bewußten, unterbewußten und unbewußten Ebenen eine komplexe Verwicklung in die Eigenschaften sowohl des Subjekts als auch des Objekts der Erkenntnis darstellt, so daß sich die Studien einer umfassenden Psychologie über die bewußten Wirkungsweisen des Geistes hinaus erstrecken. Zustände des Bewußtseinsverlustes wie etwa der Tiefschlaf sind in diesen psychologischen Studien ebenfalls enthalten. Und tatsächlich befinden sich selbst die Psychopathologie und die Parapsychologie nicht außerhalb des Rahmens einer umfassenden Psychologie.

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7       Menschliche Individualität und ihre funktionellen Merkmale

        Die psychologische Struktur des Menschen ist für die instinktiven Triebe, Leidenschaften, Liebeleien und dergleichen verantwortlich, die sich in seiner Persönlichkeit zeigen. Hier sollte man sich jedoch vor Augen halten, daß das Denken als Basis aller psychologischen Funktionen nicht vollkommen unabhängig von den physischen Bedingungen des Körpers arbeitet, durch den sie wirkt. Die physikalischen, chemischen und vitalen Prozesse, die die Existenz und Funktion des körperlichen Organismus bestimmen, haben einen großen Einfluß auf die Arbeitsweise des Geistes. Dies bedeutet, daß die Studien der Biologie in erheblicher Beziehung zu jenen aus dem Feld der Psychologie stehen. Lassen wir für den Augenblick die übertriebenen Forderungen der Behaviouristen beiseite, die behaupten, daß psychologische Funktionen lediglich Effekte des Stoffwechsels, der Gehirnzellen und des Nervensystems seien - was einer rein materialistischen Annäherung an die Dinge entspricht -, so können wir wohl mit einiger Sicherheit sagen, daß körperliche Funktionen einen gewissen Einfluß auf die Funktionen des menschlichen Geistes ausüben. Es ist allgemein bekannt, daß ernsthafte körperliche Störungen die mentalen Funktionen mitbestimmen können, ebenso wie auch Unmäßigkeiten oder Störungen der mentalen Funktionen ihrerseits die körperliche Verfassung beeinflussen. Biologie und Psychologie sind somit Schwesterwissenschaften, wobei die eine in erheblichem Umfang zur jeweils anderen beiträgt. Enthusiastische Eiferer der biologischen Grundsätze sind so weit gegangen, daß sie dem Geist und dem Bewußtsein jegliche Ursprünglichkeit abgesprochen und alle Wirklichkeit allein den Vitalprozessen zugeschrieben haben, einem “Elan vital”. Dies scheint jedoch nur eine Ausschweifung des menschlichen Übereifers zu sein, da ein Lebensprozeß, selbst der “Elan vital”, weder Geist noch Bewußtsein als seine Effekte hervorbringen kann, da nie zu beobachten ist, daß Bewußtsein der Effekt von irgend etwas anderem ist. Um Bewußtsein als einen Effekt bezeichnen zu können, muß seine Ursache bereits Bewußtsein enthalten, was bedeutet, daß die Ursache selbst bereits potentielles Bewußtsein sein muß. Folglich ist die Aussage, Bewußtsein wäre ein Effekt, bedeutungslos. Nicht bewußte Ursachen können keine bewußten Resultate hervorrufen, es sei denn, diese nicht bewußten Ursachen sind selbst bereits verborgene Formen von Bewußtsein. Die Biologie trägt zwar zu den höheren Studien des Lebens bei, ist aber kein vollkommenes System, das allein die Wahrheit gepachtet hat.

        Botanik oder das Studium des pflanzlichen Lebens, Zoologie oder das Studium des tierischen Lebens, Anatomie und Physiologie oder das Studium des menschlichen Organismus sind die verschiedenen Aspekte der Wissenschaft namens Biologie. Die Instinkte zur Selbsterhaltung und Fortpflanzung sind die stärksten Triebe, die sich im Pflanzen-, Tier-, und Menschenreich manifestieren. Und es steckt durchaus Wahrheit in der Aussage, daß das Leben in der anorganischen Materie schläft, in den Pflanzen atmet, in den Tieren träumt und im Menschen erwacht. Das Studium der Biologie kann die grundsätzlichen Prinzipien der Psychologie unmöglich völlig ignorieren, da sich der menschliche Organismus seit jeher als komplexe psycho-physische Substanz verhält, in der zwischen den körperlichen Funktionen und den Arbeitsverläufen der Geisteskräfte wechselseitige Aktionen und Reaktionen stattfinden. Die Theorie der Behavioristen, daß psychische Funktionen von physiologischen Reflexen und Aktivitäten hervorgerufen werden, kann nicht akzeptiert werden, da es wohl sehr schwierig sein dürfte zu folgern, daß Gedanken aus Materie entstehen können. Darüber hinaus ist es ebenfalls nicht akzeptabel anzunehmen, daß Körper und Geist zwei völlig voneinander getrennte Existenzbereiche sind, zwischen denen keinerlei Austausch stattfindet. Extremer Dualismus ist hier hoffnungslos zum Scheitern verurteilt. Ebenso unvernünftig ist die Theorie des Parallelismus von Bewegung und Handlung durch Körper und Geist, da sich Parallelen zumindest im Bereich der empirischen Erfahrung aus der Geometrie niemals treffen und somit auch keine Vermittlung zwischen Körper und Geist, zwischen den Gedanken und den physiologischen Funktionen stattfinden würde. So ist es immer eine sehr schwierig zu beantwortende Frage gewesen, in welcher Beziehung Körper und Geist zueinander stehen.

        In der modernen Medizin sind Biologie und Psychologie vereint, da das Verhalten von Körper und Geist auf wissenschaftlicher Grundlage nicht getrennt werden kann. Vielmehr ist festgestellt worden, daß beide wechselseitig aufeinander einwirken, so daß man heutzutage bereits von sogenannten “psychosomatischen” Zuständen hört. Der Körper-Geist-Komplex wird für gewöhnlich als eine einzelne Erscheinung des menschlichen Lebens angesehen, deren Aspekte in der Biologie und der Psychologie mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung untersucht werden.

        Vielleicht finden wir die Lösung des Problems der Beziehung zwischen Geist und Körper, wenn wir die Ursprünge des menschlichen Organismus genauer untersuchen. Nachforschungen im Bereich der Astrophysik und der Biologie haben offenbart, daß das menschliche Individuum sich aus etwas entwickelt hat, was ursprünglich eine ungeteilte Substanz war, sei es ein “Atom” oder eine “Zelle”. Auf der Ebene dieser ursprünglichen Substanz erscheint es unmöglich, eine Grenze zwischen Materie und Bewußtsein, zwischen Körper und Geist zu ziehen, da sich die Existenz hier als undifferenzierte und subtile Mysterienmasse darstellt. Ist es nicht ein Wunder, daß poetisches Genie, wissenschaftliches Denkvermögen und philosophische Weisheit, die die gesamte Menschheit zutiefst bewegen, bereits latent in einer mikroskopisch kleinen Form wie Sperma, Gen oder Chromosom verborgen sein können? Wie ist die Gegenwart eines mächtigen und weitverzweigten Mammutbaumes in einem seiner unbedeutend kleinen Samenkörner erklärbar? Ist es möglich, daß die Ursprünge von Geist und Körper in Struktur und Gestaltung übereinstimmen? Könnte es sein, daß Körper und Geist nur zwei Seiten ein und derselben Medaille der einen organischen Realität darstellen, analog zu den zwei Augen eines einzelnen, durch sie hindurch blickenden Individuums? Es sieht so aus, als wäre dies die einzige vernünftige Erklärung für diese uns mysteriöse Beziehung zwischen Geist und Körper - eine Beziehung, die uns sogar zögern lassen sollte, überhaupt das Wort “und” zwischen beiden zu verwenden. Und genau diese Antwort erhalten wir auch; ganz gleich, ob wir nun der wissenschaftlichen Theorie Gehör schenken wollen, die besagt, daß aus dem kosmischen Nebel die Galaxien, Sonnensysteme, Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen hervorgegangen sind, oder ob wir auf die Doktrin der Vedanta-Philosophie hören, die uns sagt, daß aus der universellen Verbindung von Ishvara, Hiranyagarbha und Virat, in der es keine Unterscheidung zwischen Materie und Bewußtsein, zwischen Körper und Geist gibt, alle Erscheinungen bis hinunter zum Grashalm und dem Sandkorn am Meeresufer manifestiert worden sind.

        Unter den Fachgebieten, die sich ebenfalls mit den biologischen Funktionen befassen, kann auch die “Chemie” der Elemente und lebenden Körper, bekannt als anorganische und organische Chemie, aufgelistet werden. Die Erkenntnisse dieses Bereichs finden ihre praktische Anwendung in der Verabreichung künstlich hergestellter Medikamente, deren chemische Wirkungen von den Menschen teilweise sehr hoch geschätzt werden, da sie zur Erleichterung ihrer Leiden beitragen können. Und wieder einmal wird uns hier das Mysterium der wechselseitigen Beziehungen offenbart, die zwischen den chemischen, biologischen und psychologischen Funktionen herrschen. Eine Aufspaltung dieser Wissenschaften in unabhängige Fächer ohne Beziehung zueinander wäre demnach nicht richtig. “Chemie” ist das Studium der Merkmale molekularer Substanzen, die die Grundbausteine aller Materie in Form von Erde, Wasser, Feuer und Luft ausmachen, wobei es ganz gleich ist, ob man sie in der äußeren Welt oder in den individuellen Körpern in verschiedenen Strukturierungen und Kombinationen studiert. Darüber hinaus ist Chemie auch die Wissenschaft der wechselseitigen Reaktionen, die von den Substanzen immer dann erzeugt werden, wenn man sie in einer bestimmten Proportion miteinander verbindet. Während wir weiter und tiefer in diese Materie vordringen, stellen wir fest, daß ein jedes Studienfach mit den anderen in Verbindung steht, wobei alle vom einen oder anderen Standpunkt aus betrachtet unentbehrlich sind.

        Will man die Beziehung zwischen der psychologischen Entwicklung des menschlichen Individuums und seinen biologischen Merkmalen untersuchen, ist es unentbehrlich, jene wichtigen Prozesse zu berücksichtigen, die das Individuum in seiner evolutionären Entwicklung durchläuft, da diese grundsätzlich als vom menschlichen Individuum untrennbar betrachtet werden können. Man könnte sagen, daß das biologische Leben bereits in den Samenzellen beginnt, die vom Körper eines Individuums produziert werden, so daß die früheste Stufe des biologischen Lebens, soweit es das menschliche Wesen betrifft, eine Art “urrudimentäres Bewußtsein” darstellt, kaum unterscheidbar von unbelebter Existenz, dem die Vorahnung auf eine kommende Zeit des Lebens und Bewegens in einer organischen Welt bereits innewohnt. In diesem Zustand ist das Bewußtsein so tief im materiellen Gewand verborgen, daß es uns praktisch unmöglich ist, hier auch nur vage Umrisse seiner bloßen Existenz erkennen zu können. Vielleicht können wir dieses Stadium mit einem “Schlafzustand” vergleichen, aus dem das Bewußtsein allmählich erwacht. So wie der gewaltige Mammutbaum bereits latent in seinen winzigen Samen enthalten ist, liegt auch die gesamte Komplexität der menschlichen Existenz bereits potentiell im Samen seiner zukünftigen Entwicklung.

        Ein weiterer Anstieg auf die nächste Stufe der Lebensleiter ist von der instinktiven Fähigkeit charakterisiert, auf äußere Reize mit dem Ziel der Selbsterhaltung zu reagieren, wie man dies gewöhnlich im Pflanzenleben oder in den niederen Arten körperlichen Lebens wie Insekten oder Würmern beobachten kann, deren Leben nur mit Schwierigkeiten als ein bewußtes Leben im eigentlichen Sinne des Wortes bezeichnet werden kann. Ein weiterer Druck auf den Lebenswillen manifestiert sich schließlich als eine absichtliche Tendenz zur Selbsterhaltung, die man wohl als die gröbste Form der persönlichen Selbstsucht bezeichnen kann und deren einzige Absicht es ist, die eigene körperliche Individualität selbst auf Kosten anderer Individuen zu erhalten, auch wenn dies aus Gründen der eigenen Existenzsicherung den Tod von anderen Individuen bedeuten sollte. Urrudimentäre Formen dieser Tendenz können bereits im Pflanzenreich sowie bei wild lebenden Tieren beobachtet werden.

        Der Lebenstrieb ist ohne den Drang zur Fortpflanzung, der Hand in Hand mit dem Wunsch nach Erhaltung der eigenen Individualität einher geht, unvollständig. So könnte man das gewaltige Drama des empirischen Lebens auf allen Stufen seiner Manifestation im Reich der Phänomene in der ungestümen Aktivität der Zwillingskräfte “Selbsterhaltung” und “Fortpflanzung” zusammenfassen. Diese beiden Kräfte drängen sich ähnlich der rechten und der linken Hand einer einzelnen Person zur Erfüllung des großen Zieles der Vermehrung gleichzeitig nach vorne. Im Menschen, der Krönung der aus der Evolution hervorgegangenen Spezies, offenbaren sich nun “Selbstbewußtsein”, “Intellekt” und “Verstand”.

        Der Mensch ist jedoch ebenfalls noch ein Tier, wenn auch ein soziales, und kann nicht als frei von den Trieben der niederen biologischen Stadien bezeichnet werden, durch die er auf seinem Weg zur menschlichen Ebene aufgestiegen ist. Genau genommen sollte die menschliche Natur im Unterschied zu jener des Tieres in ihrer reinen und einfachen Form über solche Eigenschaften und Vorzüge verfügen, daß sie andere Individuen als ebenbürtig zu sich selbst anerkennt, und zwar sowohl in deren Schwächen als auch in deren Stärken, gegenwärtigen Bedürfnissen und künftigen Bestrebungen - ein Charakterzug, den man als wahrhaft menschlich bezeichnen kann. Der Mensch dieser Welt repräsentiert diese Form von unverfälschter “Humanität”, wie man es von seinem hochgelobten Rang als “Homo Sapiens” eigentlich erwarten würde, jedoch nicht. Die menschliche Natur, wie sie sich im persönlichen Leben und in den öffentlichen Aktivitäten offenbart, ist mit den Kennzeichen der niederen Stufen vermischt. Eine genaue Analyse der biologischen und psychologischen Struktur des menschlichen Individuums würde zeigen, daß es schlafen kann wie das Vieh, selbstsüchtig sein kann wie ein Raubtier, sich mit dämonischem Genuß seinen Leidenschaften hingeben kann und sein Ego auf solch untolerierbare Weise durchsetzen kann, wie es nur vorstellbar ist. Darüber hinaus gibt es im Menschen auch noch jene gefährliche Fähigkeit namens Intellekt, die als zweischneidiges Schwert fungieren kann. Es ist dieses seltsame Merkmal des menschlichen Geistes, das dafür zuständig ist, daß der Mensch seine niederen Leidenschaften, Triebe und Instinkte rational begründet und damit rechtfertigt. Als Beispiel: “Werde ich wütend, so geschieht dies für einen guten Zweck. Zeige ich übermäßige Liebe oder Anhänglichkeit zu einer anderen Person, dann ist dies eine platonische Liebe, die sich in göttlicher Absicht manifestiert. Verübe ich einen Racheakt, so geschieht dies im Interesse von Recht und Gerechtigkeit oder aber für den sozialen Frieden und das Allgemeinwohl. Greife ich jemanden an, so übe ich damit Selbstverteidigung”, was offensichtlich ein Rechtfertigungsgrund dafür ist. Alles Fehlerhafte, Häßliche und Mangelhafte wird von außerhalb stehenden Faktoren verursacht, jenseits der eigenen Kontrolle, während man sich angeblich selbst aufrichtig darum bemüht, vernünftig, gerecht, hilfsbereit, harmonisch und gut zu sein. Abgesehen von diesen offenkundigen Formen der Selbstrechtfertigung, die die eigenen Instinkte durch vernünftig klingende Begründungen plausibilisieren sollen, verfügt der Mensch auch noch über einige andere allgemeine “Abwehrmechanismen”, die für die Erhaltung und den Fortbestand des psycho-physischen Organismus eingesetzt werden.

        Das menschliche Selbstbewußtsein ist das Prinzip des Ego und der Individualität. Nachforschungen aus der Psychologie haben ergeben, daß das Selbstbewußtsein der Lebewesen unterhalb der menschlichen Stufe weit weniger Intensität aufweist, als dies im Menschen der Fall ist. Dies erklärt die Unfähigkeit der subhumanen Arten, logische Prozesse und Schlußfolgerungen zur Bewältigung der täglichen Aufgaben einzusetzen oder sich in mathematischer und logischer Form an Vergangenes zu erinnern oder die Zukunft vorwegzunehmen, wie dies für den Menschen charakteristisch ist. Dieses eigentümliche Geschenk, das den Menschen über die subhumanen Arten erhebt, stellt jedoch zur gleichen Zeit auch ein ernsthaftes Problem dafür dar, ein harmonisches Leben mit anderen Menschen führen zu können, da das Selbstbewußtsein oft mit einer autokratischen Form von Egoismus vermischt, der sich weigert, den Mitmenschen die ihnen gebührende Achtung zu zollen, und der sich daran erfreut, seine eigene Überlegenheit zu behaupten. Metaphysiker erklären, daß der Egoismus das unglückliche Produkt einer wechselseitigen Überlagerung von “Bewußtsein” und dem “Prinzip der Individualität” darstellt, das einerseits das Banner der unbestreitbaren Überlegenheit des Bewußtseins hißt und andererseits die Flagge der sich abtrennenden Tendenz zur Individualität.

        Der Organismus leidet unter Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Erschöpfung und Schlafbedürfnis. Diese Begleiterscheinungen der organischen Individualität sind in allen lebenden Wesen bis hinauf zur menschlichen Ebene sichtbar, so daß der Mensch hinsichtlich dieser Merkmale des Organismus auf einer Stufe mit den niederen Arten steht. Der Grund für diese instinktiven Reaktionen des Körper-Geist-Komplexes ist offenbar eine Art von verborgenem oder offensichtlichem Selbstbewußtsein, durch das sich das Individuum von den kosmischen Kräften der Natur abtrennt. Aus dieser Analyse der Ursache aller natürlichen Leiden des Individuums läßt sich leicht schlußfolgern, daß Leiden und Schmerz, die man aufgrund der Abhängigkeit von äußeren Faktoren empfindet, mit zunehmender Intensität des Selbstbewußtseins anwachsen und mit abnehmender Intensität des Selbstbewußtseins an Heftigkeit verlieren. Die psycho-physische Natur des Menschen als Individuum oder abgesonderte Einheit würde sogar eine in ausreichender Weise erklären, was unter der “Ursünde” zu verstehen ist, die den engelsgleichen Adam aus dem Garten Eden ins Exil verbannte. Dies ist die Geschichte vom “verlorenen Paradies”, jenem schicksalhaften Epos über den “Ursturz”, der durch die Auflehnung der Seele gegen das Absolute verursacht wurde.

        Die Gier nach Ruhm, Macht und Autorität ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Ego, ja ganz allgemein ein Bestandteil der menschlichen Natur. Der Drang des Ego, in allen nur möglichen Aspekten über anderen stehen zu wollen, ist ein subtiler Trick, der von einem verzerrten Bewußtsein angewendet wird, das in den Medien Raum, Zeit und Objektivität auf seiner universellen Subjektivität und Herrschaft beharrt. Demzufolge könnte man das Ego mit all seiner Gier nach Ruhm, Macht und Autorität durchaus als eine Krankheit des Bewußtseins bezeichnen, das im Delirium einer Illusion darum kämpft, ein lebenswertes Ziel anzustreben, obwohl es im Zuge derartiger Begierden in Wirklichkeit lediglich kopfüber in einen Abgrund aus Bindung und Leid stürzt. Hinzu gesellt sich noch das Phänomen des Todes, der das Individuum wie ein Schatten verfolgt. Befreiung von diesem unglückseligen Endergebnis aller menschlichen Bemühungen kann es nicht eher geben, als die Individualität an sich von dem zugrunde liegenden Irrtum befreit ist, nämlich der falschen Vorstellung, daß es überhaupt so etwas wie die eigene Trennung vom Absoluten gibt. Der Tod ist untrennbar mit der Wiedergeburt verbunden, und eine natürliche Begleiterscheinung unserer Verwicklung in den Komplex von Raum, Zeit und Objektivität. Es ist die Furcht vor dem Tod, die einen dazu zwingt, sich gegen äußere Übergriffe, gegen innere Disharmonie und gegen eine unbekannte Zukunft zu schützen - Situationen, die auf jedes Individuum im Verlauf der Evolutionsgeschichte zukommen.

        Selbstbewußtsein endet im Evolutionsprozeß nicht als letztendliche Errungenschaft in sich selbst, sondern schafft Schwierigkeiten unvorhergesehener Art. Die Behauptung der eigenen Individualität vollzieht sich parallel zu der Wahrnehmung von anderen Personen und Dingen im Sinne von Objekten, die sich außerhalb der eigenen Person befinden. Und dieses Phänomen ist vermutlich am aller schwersten zu verstehen, da die Wahrnehmung eines Objekts durch das Subjekt nicht nur ein bloßes Wahrnehmen von etwas ist, das sich außerhalb des Subjekts befindet, sondern zur gleichen Zeit auch eine “Beurteilung” beinhaltet, die das Subjekt über das Objekt fällt. Dieses Urteil ist zwar subjektiv, da es von der Konstitution des Subjekts gemäß seiner eigenen Struktur, seinen Zielen und Plänen gefällt wird, erhebt dabei aber den Anspruch darauf, grundsätzlich zu sein. Dies führt dazu, daß alle Veränderungen, Fehler, Disharmonien und Mängel eher dem Objekt als dem Subjekt zugeschrieben werden, da das Subjekt diese Mängel nicht in sich selbst erkennen kann, da es selbst ja Träger jenes “überragenden” Bewußtseins ist, das weder Rivalität noch Fehler, Mängel oder Häßlichkeit dulden kann. Demnach deutet der bloße Akt der Wahrnehmung eines Objekts auf eine Opposition gegenüber diesem Objekt hin, was vielleicht die Erklärung dafür ist, warum zwei Menschen nicht für alle Zeiten Freunde sein können. Eine dauerhafte Freundschaft zwischen zwei Personen bedürfte nämlich einer unveränderlichen charakterlichen Ähnlichkeit zwischen Subjekt und Objekt, was völlig unmöglich sein dürfte, da das Subjekt niemals zum Objekt und das Objekt niemals zum Subjekt werden kann! So verbleibt dieser “kalte Krieg” zwischen dem wahrnehmenden Zentrum und der außerhalb wahrgenommenen Form in einem unmerklich gärenden Zustand, der in einen tatsächlichen Krieg ausbrechen kann, in dem sich das Subjekt für die Zerstörung des Objekts entscheidet. Diese Entscheidung ist unvermeidlich, da die Existenz des Objekts eine ununterbrochene Verletzung und Bedrohung der Unabhängigkeit und Überlegenheit des Subjekts darstellt. Die Lage der Menschheit bedarf wohl keines ergänzenden Kommentars.

        Wie jedoch ist all dies überhaupt möglich? Kann irgend jemand das Verlangen hegen, sein Gegenüber auszulöschen, und dabei gleichzeitig mit sich selbst in Frieden verweilen? Die Antwort ist natürlich “nein”. Was aber wird aus der Tatsache, daß das Subjekt die Gegenwart das Objekts aus den bereits beschriebenen Gründen nicht tolerieren kann? Das Subjekt geht einen Kompromiß ein und sucht sich in seiner Not einen “Mittelweg”, der es ihm erlaubt, nicht das Objekt selbst zu zerstören, sondern dessen “Unabhängigkeit”, indem das Objekt entweder zu einem Teil der eigenen subjektiven Existenz gemacht wird, wie in der Liebe, oder aber durch die Ausübung von Macht und Autorität unterworfen wird. Bei primitiveren Individuen, in denen die niederen Schichten des Lebens noch die Oberhand haben, so daß sie zu diesem kultivierten psychologischen Kompromiß nur mangelhaft fähig sind, der ja eine scharfsinnige Anpassung an andere Individuen erfordert, kann sich die Untolerierbarkeit der Gegenwart eines Objekts, das der eigenen Triebbefriedigung trotzt, dagegen sogar in dem Drang zur körperlichen Zerstörung dieses Objekts niederschlagen. Hiermit stoßen wir auf die verborgenen Ursachen von Streit und Rastlosigkeit, - Phänomenen, die in der heutigen Gesellschaft überall deutlich sichtbar sind.

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8       Die Krise des Bewußtseins (1)

        Alles ist vorstellbar, nur nicht die Endlichkeit des Bewußtseins. Es ist unmöglich sich vorzustellen, daß Bewußtsein durch irgend etwas begrenzt sein kann, das sich außerhalb von ihm befindet. Der bloße Gedanke, daß außerhalb des Bewußtseins etwas existiert, enthält in sich einen völlig ungerechtfertigten und gänzlich unmöglichen Einwand, da das, was sich außerhalb des Bewußtseins befindet, auch ein Inhalt des Bewußtseins werden muß. Andernfalls könnte es nicht einmal ein Bewußtsein davon geben, daß da etwas außerhalb des Bewußtseins existiert. Auch ist es nicht möglich, daß etwas, das dem Charakter nach nicht selbst Bewußtsein ist, zu einem Inhalt von Bewußtsein werden kann, da der Bewußtseinsinhalt in Beziehung zu Bewußtsein gebracht werden muß, um überhaupt zu seinem Inhalt werden zu können. Diese Beziehung zwischen Bewußtsein und seinem Inhalt ist ebenfalls ein problematischer Punkt, da jede Beziehung zwischen Bewußtsein und seinem Inhalt auf irgendeine Art und Weise in Beziehung zum Bewußtsein stehen müßte. Es ist unmöglich, sich irgend etwas vorzustellen, das nicht in Beziehung zum Bewußtsein steht und das nicht ein Inhalt von Bewußtsein ist oder dem Wesen nach verschieden von Bewußtsein ist. Das vom Bewußtsein Verschiedene stünde sozusagen außerhalb des Bewußtseins, was zugleich bedeutete, daß dieses sogenannte “Außenstehende” irgendwie in Beziehung zu Bewußtsein gebracht werden müßte, damit es zu einem Inhalt des Bewußtseins werden kann. Das Ergebnis dieser Analyse wäre somit ganz natürlicherweise: (1) der Bewußtseinsinhalt müßte seinem Wesen nach Ähnlichkeit zum Bewußtsein selbst aufweisen, um überhaupt irgendeine Beziehung zum Bewußtsein herstellen zu können; (2) die Beziehung des Bewußtseinsinhalts zum Bewußtsein müßte ebenfalls irgendeine Art von Verbindung zum bestehenden Bewußtsein aufweisen, was bedeutet, daß die Beziehung selbst mit dem Bewußtsein in Beziehung stehen müßte. Bezeichneten wir diese Beziehung als außerhalb des Bewußtseins, so würde erneut das anfangs geschilderte Problem der Beziehung zwischen etwas “Außenstehendem” und dem Bewußtsein selbst auftauchen. Unter diesen Umständen wäre es untragbar, die Behauptung zu vertreten, daß irgend etwas von dem, was das Bewußtsein kennt, entweder ohne Verbindung zu ihm oder aber von verschiedenartigem Wesen sein kann. Da alles Wahrnehmbare oder Vorstellbare zum Inhalt von Bewußtsein werden muß, bedeutet dies, daß der Umfang des Bewußtseins so gewaltig sein dürfte, daß es in seiner wahren Ausdehnung die gesamte Existenz in sich enthält. Ist Existenz somit ein Inhalt von Bewußtsein? Wenn ja, dann müßte sich dieser Inhalt, die Existenz, durch eine Wesensähnlichkeit zu Bewußtsein auszeichnen. Existenz muß demnach Bewußtsein sein und Bewußtsein Existenz.

        Wenn Existenz und Bewußtsein ein und dasselbe sind, wie erklären wir uns dann den Drang des Bewußtseins, Objekte zu begehren, die eine eigene Existenz besitzen. Hätten die Objekte der Welt keine unabhängige Existenz, wäre es für das Bewußtsein unmöglich, sie zu begehren. Wenn sie jedoch eine eigene Existenz haben, in welcher Beziehung steht diese dann zur Existenz des Bewußtseins, das sie begehrt? Sind die Objekte außerhalb des Bewußtseins oder sind sie in die Struktur des Bewußtseins verwoben? Aus der zweiten Möglichkeit würde folgen, daß es für das Bewußtsein bedeutungslos wäre Objekte zu begehren, da diese bereits in seine Struktur eingebettet sind. Sind sie jedoch nicht auf eine solche Weise in das Bewußtsein eingebettet, so wäre sein Verlangen nach den Objekten durchaus verständlich. Ist die Existenz von Objekten nicht im Bewußtsein enthalten, so hieße dies aber, daß deren Existenz eines jeglichen Bewußtseins beraubt wäre. Doch nicht nur dies - ihre Existenz befände sich zur gleichen Zeit auch außerhalb des Bewußtseins. An früherer Stelle haben wir jedoch bereits gesehen, daß ein totales “außerhalb” des Bewußtseins unvorstellbar ist und einen unvertretbaren Standpunkt darstellt. Folglich müssen wir zu dem Schluß kommen, daß das Verlangen des Bewußtseins nach äußeren Objekten eine besondere Art von Irrtum ist, der sich in das Bewußtsein eingeschlichen hat, so daß es für das Bewußtsein auch keinerlei Rechtfertigung dafür geben kann, überhaupt irgendwelche Objekte zu begehren.

        Trotz dieser logischen Analyse des Sachverhalts wird die Verwicklung des Bewußtseins in das Verlangen nach Objekten so vollständig akzeptiert, daß man aus allen praktischen Erwägungen heraus geneigt ist zu sagen: Das Begehren des Bewußtseins ist vom begehrenden Bewußtsein nicht zu trennen. Begierde ist in der Tat eine Form des Bewußtseins, die durch ein Phänomen charakterisiert ist, das man als räumlich-zeitliche Veräußerlichung bezeichnen kann; ein Phänomen, das trotz der Tatsache existiert, daß eine derartige Veräußerlichung logisch betrachtet eigentlich ausgeschlossen ist.

        Die in der Praxis bestehende Verwicklung des Bewußtseins in das Verlangen nach Objekten ist das Problem der Menschheit schlechthin, auch wenn es dem Bewußtsein aus logischen Gründen überhaupt nicht möglich ist, irgend etwas zu begehren. Sowohl die kosmologischen Theorien der Upanishaden als auch jene der Standardphilosophien der Welt erklären, daß sich die Vorstellung von der eigenen Endlichkeit auf mysteriöse Weise in das unendliche Bewußtsein eingeschlichen hat, obwohl es überhaupt nicht begrenzt sein kann. In diesem mysteriösen Abstieg des Bewußtsein von der Unendlichkeit hin zur Begrenztheit hat, so könnte man sagen, eine schreckliche Katastrophe stattgefunden. Und genau dies trifft auch zu. Da das Bewußtsein als grenzenlos akzeptiert werden muß, ist die Existenz von Objekten außerhalb seiner selbst nur dann vorstellbar, wenn man annimmt, daß eine Aufspaltung des Bewußtsein möglich ist. Nichtsdestotrotz ist das Zugeständnis einer Spaltung die geeignete Erklärung für das menschliche Leben in all seinen Aspekten, da die Lebensprozesse ohne eine solche Spaltung zwischen Subjekt und Objekt nicht erklärt werden könnten. Die Lebensprozesse müssen demnach “Zustände” des Bewußtseins sein; Prozesse innerhalb seiner selbst, die zu einer wahrhaftigen Geschichte des Bewußtseins führen.

        Die Lebensprozesse sind, grob gesprochen, jene Themen, die in den Feldern der Politik, Weltgeschichte, Soziologie, Ethik, Ökonomie, Ästhetik, Psychologie, Biologie, Chemie, Physik und Astronomie studiert werden können. Alles, was mit der Menschheit in Verbindung steht, befindet sich sozusagen innerhalb dieses Rahmens. All dies muß jedoch mit dem Bewußtsein in Beziehung stehen, da es diese Themenbereiche sonst gar nicht erst als Studienfächer oder als Erfahrungsobjekte geben könnte. Das Problem der Menschheit ist demnach das Problem des Bewußtseins. Das Studium des Menschen ist somit das Studium des Bewußtsein.

        Da es unmöglich ist, sich eine wahre Aufspaltung des Bewußtseins innerhalb seiner selbst vorzustellen, ist es ebenso unmöglich anzunehmen, daß es für das Bewußtsein tatsächliche Objekte geben kann. Gibt es keine solchen tatsächlichen Objekte, so ist das gesamte Leben ein vom Bewußtsein im Reich seiner unbegrenzten Möglichkeiten in sich selbst aufgeführtes Drama. Die Entfremdung des Unendlichen in die Form des Universums ist als Ursprung des physikalischen Bereichs vorstellbar, der im Rahmen der Astronomie studiert wird, wobei die fünf Elemente “Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther” als Grundlage dienen. Hand in Hand damit geht die Vorstellung von den elementaren Bausteinen in Form von Molekülen, Atomen, Elektronen und dergleichen, was schließlich bis hinauf zur “Relativität” des Kosmos als einem Raum-Zeit-Kontinuum führt. Dies ist die Welt, wie sie sowohl in der Astrophysik als auch in der subatomaren Physik untersucht wird. Man nimmt an, daß sich das Leben von den anorganischen Stufen schrittweise über die organisierteren Stufen zellulärer Formationen und die verschiedenen Entwicklungsstufen des Pflanzenreichs manifestierte, bis schließlich die Ebene von Tier und Mensch erreicht wurde. In gewisser Hinsicht fällt es schwer zu akzeptieren, daß der Aufstieg des Menschen vom Tier, des Tieres von der Pflanze und der Pflanze vom Mineralreich wirklich einen Fortschritt im Evolutionsprozeß darstellt, es sei denn, wir bezeichnen Evolution als eine Tendenz zu immer größer werdender Vervielfältigung und Aufspaltung von Bewußtsein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Da der Instinkt des Tieres sich näher an der Wirklichkeit befindet als der menschliche Intellekt, fällt es schwer sich vorzustellen, daß der menschliche Intellekt dem tierischen Instinkt überlegen sein soll, auch wenn der Intellekt mit logischer Urteilskraft ausgerüstet sein mag, die im Tier nicht vorgefunden werden kann. Es ist zweifelhaft, ob die sogenannte Logik des Menschen eine Verbesserung gegenüber dem Instinkt darstellt, der in seiner einfachen Funktion der Wirklichkeit näher steht als der Intellekt. Die Tatsache, daß unwillkürliche Triebe im Zuge dieses evolutionären Vervielfältigungsprozesses immer unkontrollierbarer werden, zeigt, daß der Mensch auf seiner gegenwärtigen Stufe weiter von der Wirklichkeit entfernt ist, als dies in den Lebensprozessen der vorangegangenen Stadien der Fall war. Der Mensch hat sich der Natur gegenüber immer mehr entfremdet, so daß er inzwischen sogar damit begonnen hat, die Natur zu “bezwingen” anstatt freundlich mit ihr umzugehen, indem er sein Leben auf harmonische Art und Weise an ihre wirkenden Gesetze anpaßt.

        Der rudimentäre Drang zur Vervielfältigung, die Tendenz des “Einen”, als “Viele” zu erscheinen, muß bereits in den Formationen der Welt der Materie auf subtile Weise gegenwärtig sein. Wie könnte man andernfalls annehmen, daß das Pflanzenreich aus dem Mineralreich hervorgegangen ist? Zusammen mit dem Drang zur Vervielfältigung des “Einen” in “Viele” muß auch der parallel wirkende Trieb in Richtung “Selbst-Integration” und “Selbst-Verewigung” akzeptiert werden. Warum aber sollte das so sein? Ganz einfach deshalb, weil die Vervielfältigung des Unendlichen in verschiedene Individualitäten - die Subjekte der Erfahrung - gleichzeitig einen Bindungsverlust mit dem Unendlichen bewirkt, da “Bewußtsein von Individualität” und “Beziehung zum Unendlichen” miteinander unvereinbare Positionen darstellen. Dies würde bedeuten, daß direkt vom unwahrnehmbaren Drang nach Vervielfältigung, der als latente Kraft bereits in der Welt der anorganischen Materie zu wirken beginnt, bis hinauf zu seiner endgültigen Form, die über verschiedene Zwischenstufen der Selbstvervielfältigung erreicht wird, eine doppelte Aktivität des Bewußtseins stattfindet, die einerseits aus dem unwiderstehlichen Trieb zur individuellen Selbsterhaltung besteht und gleichzeitig aus dem ebenso unkontrollierbaren Drang danach, das zurückzugewinnen, was bei der Entfremdung vom Unendlichen verlorengegangen ist. Welcher Vorteil erwächst dem Individuum aber eigentlich aus seiner Selbstbehauptung? Der Vorteil ist die simple Befriedigung der Bestätigung, daß “Existenz” identisch mit einem “Bewußtsein dieser Existenz” ist. Es kann nämlich keine größere Freude geben, als das Bewußtsein der Identität von Bewußtsein und Existenz. Und tatsächlich ist jede Handlung des Individuums ein verdeckter oder offensichtlicher Versuch, auf das Ziel einer Identität von Bewußtsein und Existenz hinzuarbeiten, was der Erfahrung einer ungeheuren Freude entspricht. Erreicht das Individuum nun durch die Identifikation des individuellen Bewußtseins mit der individuellen Existenz die ersehnte Befriedigung? Ja und nein: ja, da bereits die Identifikation eines kleinen Teils der Existenz mit einem Funken von Bewußtsein irgendeine Art von Befriedigung hervorbringen muß, denn die Identität von Existenz und Bewußtsein bedeutet Freude. Dies ist auch der Grund dafür, warum Persönlichkeitsverehrung, Selbstachtung, sozialer Status, Ehre, Ruhm und dergleichen - allesamt Formen der Bewunderung von Individualität - dem Individuum eine derartige Befriedigung bescheren, daß es, um diese Befriedigung zu erhalten, sogar das eigene Leben opfern und all seinen Besitz aufs Spiel setzen würde. Kurzum, es geht hier um das sogenannte Prestige. Hat dieses Prestige jedoch einen wirklichen Wert? Die Antwort lautet “nein”, da es von der Beziehung zum Unendlichen abgeschnitten ist und nur das einen Wert haben kann, was sich dem Unendlichen annähert. Demnach wird sich eine Befriedigung, die man entweder durch den Erwerb von Ruhm und Einfluß oder durch irgendwelche Mittel der Selbstbehauptung gewonnen hat, nicht zum Guten für das Individuum auswirken. “Gut” ist nämlich nur die Nähe zum Unendlichen, auch wenn aus dem Akt der Selbstbehauptung ein angenehmes Gefühl hervorgehen sollte sowie der Glaube, sein Ziel erreicht zu haben. Doch das “Angenehme” und das “Gute” sind zwei verschieden.

        Es ist diese Spannung zwischen dem Drang zur Selbstbehauptung auf der einen Seite und der Sehnsucht danach, eine Beziehung zum Unendlichen herzustellen, auf der anderen Seite, die unter dem Begriff Samsara oder “weltliche Existenz” bekannt ist. Diese Spannung beginnt bereits im Pflanzenreich , ja liegt sogar schon im Mineralreich als samenartiges Potential zukünftiger Triebe verborgen. Diese Spannung hält an und verschlimmert sich im Zuge des Evolutionsprozesses noch, der immer komplexere Formen der Vervielfältigung des “Einen” in “Viele” hervorbringt. Es ist weitaus schöner, dieses Drama zu beobachten, als darin mitzuspielen. Da das Individuum jedoch in dieses kosmische Schauspiel verwickelt ist, kann es diese Aufführung nicht in seiner Ganzheit genießen, sondern erleidet es, in das Splitterbewußtsein der Selbstbegrenztheit hinein gepreßt und im Gefühl, nur ein hilfloser und isolierter Teil im kosmischen Drama zu sein. Es heißt, daß selbst individualisierte lebende Organismen ursprünglich einzellig und demnach unisexuell waren, so daß sie die später folgende Verkomplizierung der Dinge noch nicht aufwiesen, die man in der Form des zweigeschlechtlichen Triebes beobachten kann, wie ihn Organismen offenbaren, die im Prozeß der Selbstvervielfältigung weiter vorangeschritten sind. Die Uni-Zelle teilt sich selbst in die Bi-Zelle und kämpft nun darum, sich durch den Kontakt seiner beiden Teile zu reproduzieren, was uns zeigt, daß der Geschlechtstrieb weder von der Frau noch vom Mann ausgeht, sondern von einer Totalität, die der Trennung einer einzelnen Zelle in zwei Teile vorausgeht. Kann man demnach davon ausgehen, daß der Geschlechtstrieb der mächtigste aller Instinkte des Individuums ist? Es ist durchaus möglich, da ein transzendentaler Druck auf Mann und Frau ausgeübt wird, der weder im männlichen noch im weiblichen Individuum allein wirkt. Wir scheinen uns bereits sehr weit von der Unendlichkeit des Bewußtseins entfernt zu haben, was dasselbe ist wie die Unendlichkeit der Existenz.

        An dieser Stelle sollten wir jedoch zu einem anderen Punkt zurückkehren, von dem aus wir dann stufenweise durch den historischen Prozeß der Evolution voranschreiten wollen.

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9       Die Krise des Bewußtseins (2)

        Der Selbstbehauptungsdrang des Individuums ist zu listig, um sich mit einer bloßen Bestätigung seiner selbst zufriedenzugeben. Er ist wandlungsfähig und bahnt sich seinen Weg sowohl durch den persönlichen Ausdruck als auch durch die Haltung innerhalb sozialer Beziehungen. Der Selbstbestätigungsdrang, gewöhnlich “Ego” genannt, kann sowohl innerhalb der eigenen Person als auch über soziale Beziehungen dämonische Formen annehmen, wenn er sich zur Erfüllung seiner Begierde, sich selbst so vehement wie nur möglich durchzusetzen, bis an den Rand der Krankhaftigkeit steigert. Menschen können sich selbst in aller Öffentlichkeit zu außergewöhnlichen Unanständigkeiten hinreißen lassen, wenn es um ihr Prestige oder ihren Status geht, wobei es sich ja um nichts anderes als die Forderung nach Anerkennung handelt. Sollte eine solche Anerkennung ausbleiben, so kann es zu heftigen Reaktionen kommen, die sich entweder in der Form einer Verurteilung der Tugenden und des Ansehens anderer ausdrücken oder zur lautstarken Darstellung der eigenen Errungenschaften und Wichtigkeit führen. Kritik an anderen ist offensichtlich eine Form der Selbstbestätigung und eine Art der Selbstbeweihräucherung als ein unter den Mitmenschen herausragendes Individuum. Dieses Feuer wird noch geschürt, indem man sich selbst lobpreist und die eigene Position und Wichtigkeit über die von anderen Individuen herausstellt. Die Vorliebe für Ruhm, Status, Prestige, Schmeichelei und Verehrung ist eine teuflische Leidenschaft, die, wenn man ihr freien Lauf läßt, sogar noch gefährlicher werden kann als der Geschlechtstrieb. Die soziale Moral - eine Erfindung des Menschen, die ihm sehr gelegen kommt, mit der man verdammt, was angenehm vermieden werden kann, und mit der man billigt, was man nicht vermeiden kann, und die man mit einem Hauch von Heiligkeit verziert - scheint diese gierigen Formen der Selbstverehrung samt ihrer beiden Aspekte der Selbstrechtfertigung und der Abwertung anderer jedoch zuzulassen. Selbstrechtfertigung und Abwertung anderer müssen nicht immer in der offenkundigen Form einer äußeren Handlung des Individuums erscheinen. Vielmehr sind sie weitaus wirksamer, wenn sie in ihrer subtilen Verkleidung als sozial akzeptierte Haltung auftreten, wie in der Form von Taktgefühl, Gesellschaftsetikette und kultiviertem Benehmen. Der Teufel gewinnt sogar noch an Einfluß und Macht, wenn er als Heiliger erscheint, da er in diesem Fall mit etwas verwechselt wird, was er mit Sicherheit nicht ist. Auch wenn dies den Augen der leichtgläubigen Massen nicht sichtbar sein mag, kann man sich das Ausmaß der Krankhaftigkeit leicht vorstellen, die hinter jeder Art von Selbstbestätigung steht, indem man sich nur einmal die Intensität vor Augen hält, mit der man sich dadurch dem Unendlichen entfremdet.

        Der Selbstbestätigungsdrang entspringt dem kausalen[13] Körper des Individuums, er wirkt durch den feinstofflichen Körper und manifestiert sich schließlich als fertiges Produkt fachmännischer Intelligenz durch den materiellen Körper. Dieses komplexe Phänomen der Selbstbehauptung ist nicht einfach nur eine isolierte Einheit, die sich fröhlich in der Abgeschiedenheit des geschlossenen Raums der Selbstgefälligkeit bestätigt. Vielmehr ist Selbstbehauptung höchst vital mit dem sozialen Instinkt der Sehnsucht nach Anerkennung von außen verbunden, so daß der Akt der Selbstbestätigung ein unmittelbarer Effekt eines zweiseitigen Prozesses ist, der sowohl aus der größtmöglichen Selbstverherrlichung des eigenen Geistes und Körpers besteht, als auch aus dem zwingenden Verlangen danach, von anderen Mitgliedern der Gesellschaft auch die Bestätigung für diese angenommene Selbstherrlichkeit zu erhalten. Dieses Verlangen nimmt ebenfalls verschiedene  Formen an, nämlich: zu denken, daß die eigenen Gedanken, Gefühle und Entscheidungen richtig sind und niemals falsch sein können; daß diejenigen, die den eigenen Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen widersprechen, im Unrecht sind; daß die erhabenen Gefühle, die man sich selbst gegenüber hegt, logisch gerechtfertigt und sozial notwendig sind; daß das eigene Verlangen nach Anerkennung durch andere nur das Verlangen nach einer selbstverständlichen Gerechtigkeit ist, die einem die Gesellschaft schuldet; daß die verschiedenartigen Formen, die der eigene Selbstbestätigungsdrang annehmen mag, nicht Akte der egoistischen Selbstbestätigung sind, sondern tugendhafte Handlungen, die dem eigenen spirituellen Fortschritt und dem selbstlosen Dienst an anderen zugute kommen; daß man von der Welt völlig mißverstanden wird und in der Nichtanerkennung des eigenen Handelns und Verhaltens falsch beurteilt wird. Wie mysteriös die menschliche Persönlichkeit doch ist!

        In den Upanishaden heißt es, daß die unmittelbare Konsequenz eines Sturzes aus dem Unendlichen die Empfindung der eigenen Begrenztheit und ein intensives Hungergefühl sind, die einen sofort laut nach Nahrung rufen lassen. Dieser Hunger ist nichts anderes, als der außerordentlich schwer faßbare Instinkt der Selbsterhaltung. Dieser Selbsterhaltungstrieb ist nicht nur einfach ein Verlangen des Magens nach physischer Nahrung oder nach Wasser zum Stillen von Hungers oder Durst, sondern vielmehr das Verlangen nach allen Dingen, die notwendig sind, um den psycho-physischen Organismus zu erhalten, der den Körper, den Geist und das Ego umfaßt. Einige der Eigenschaften des Ego beziehungsweise der Funktion des psychischen Anteils des Organismus haben wir bereits ausführlich erörtert. Der physische Anteil verlangt nach materieller Nahrung. Die dahinterstehende Absicht ist jedoch offensichtlich eine Suche nach Faktoren, die zur Erhaltung der Individualität als Ganzheit beisteuern, die sich in der traditionellen Sprache der Veden aus dem Komplex der Panchakosas, den fünf Hüllen der Individualität, zusammensetzt, nämlich der kausalen, intellektuellen, mentalen, vitalen, und physischen Hülle. Dieser “totale Drang” zur Selbsterhaltung ist der Schrei des Individuums nach Wiedergutmachung des Verlustes, den es sich durch seine Trennung von der Lebensenergie der unendlichen Substanz zugefügt hat. Es kämpft, weint und versucht, Mittel und Wege zu finden, die ihm zur Befreiung aus diesem unerwarteten Todeskampf verhelfen, der das Individuum quasi wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Was aber kann es tun? Es kann nicht zum Unendlichen zurückkehren, selbst wenn dies sein tiefstes und intensivstes Verlangen ist. Es kann nicht zurückkehren, da dieser Sturz aus der Unendlichkeit beinhaltet, daß man nicht weiß, was tatsächlich passiert ist. Daher gibt es auch keine Möglichkeit, dorthin zurückzufinden, woher man kam. Andernfalls hätte eine sofortige Umkehr vom Begrenzten zum Unbegrenzten stattgefunden, was jedoch durch die Unwissenheit unmöglich gemacht wurde, die allen bewußten Bemühungen auf geheimnisvolle Weise vorausgeht. Folglich kann das Begrenzte nicht zum Unendlichen zurückkehren. Deshalb findet es einen Weg, sich mit einer falschen Unendlichkeit zu identifizieren, die es sich aus seiner eigenen Fehleinschätzung der Dinge heraus erschafft. Diese falsche Unendlichkeit entspricht dem Verlangen nach der größtmöglichen Menge an materiellem Besitz und dem Verlangen nach Selbstverewigung, für die man sich einer unendlichen Vielfalt von Bemühungen unterzieht.

        Um die gesamte Angelegenheit zusammenzufassen: Die Geschichte des menschlichen Sturzes ist mikroskopisch verkleinert in den tief verwurzelten Trieben nach Nahrung, Selbstbestätigung und Sexualität enthalten, wobei die ersten beiden nur Aspekte einer einzelnen Haltung sind, die in bezug zur Selbsterhaltung eingenommen wird. Die dritte dagegen ist eine unabhängige Abart der Selbsterhaltung in Form der Zeugung von Nachkommenschaft, in der man die eigene Gattung zu verewigen versucht. Wie wir an früherer Stelle bereits festgestellt haben, ist der Geschlechtstrieb in Wirklichkeit nur ein Ventil für einen wahrhaftig überindividuellen Drang, der von den aufgespaltenen Teilen einer einzelnen Zelle in Richtung Vereinigung und Selbstverewigung empfunden wird. Vielleicht verbirgt sich dahinter jedoch eine noch tiefer liegende Ursache. Da das Individuum im allgemeinen das gesamte Universum als sein Objekt betrachtet, ist es durchaus verständlich, daß das Universum einen entsprechend gewaltigen Druck auf das Individuum ausübt, der nach einer Vereinigung des Universums mit dem Individuum verlangt. Dieser Druck wird jedoch mißverstanden und dahingehend fehlinterpretiert, die psycho-physische Individualität räumlich-zeitlich fortzusetzen, wodurch der Fortpflanzungstrieb leicht als die Errungenschaft einer objektiven Unsterblichkeit und als das eigene Fortbestehen in alle Ewigkeit mißverstanden wird. Das Ewige und Unsterbliche ist dasselbe wie “Bewußtsein”, da nur Bewußtsein diese Eigenschaften haben kann. Irgendwie verirrt es sich jedoch immer wieder einmal in das irregeleitete Gefühl der Notwendigkeit, im eigenen Leben Ewigkeit zu manifestieren. Dieser blinde Drang ist allgemein als Geschlechtstrieb bekannt. Das Ewige, das die Unendlichkeit aller Existenz beziehungsweise die Unendlichkeit des Bewußtseins ist, wird vom Individuum verzerrt, indem dieses im Akt der Kinderzeugung und der daraus resultierenden falschen Selbstverewigung in Raum und Zeit die Unendlichkeit der eigenen Form sucht. Der Nahrungstrieb, der Selbstbestätigungstrieb und der Geschlechtstrieb sind die drei heftigen Formen einer hartnäckigen Verhaftung am empirischen Leben, für welches das in die Erscheinungswelt verwickelte Individuum keine Lösung finden kann. Die Liebe der Geschlechter ist nicht wirklich eine Liebe zwischen Mann und Frau, wie für gewöhnlich angenommen wird, sondern eine Tarnung des Dranges nach Elternschaft, der sich notwendigerweise in der Vereinigung der Geschlechter seinen Ausdruck sucht.

        Die Schönheit, die die Geschlechter ineinander sehen, ist der Glanz, den dieser überindividuelle Trieb in die Form der Geschlechter hinein projiziert, so daß man mit Sicherheit sagen kann, daß die geschlechtliche Schönheit, die der Mann in der Frau und die Frau im Mann erblickt, ein Ausdruck jener verlorengegangenen Identität der Unisexualität ist, die den nachfolgenden Stufen bisexueller Individuen vorausging. Aber was bedeutet dies für die geschlechtliche Schönheit? Existiert sie wirklich? Ja und nein. Sie existiert, denn man kann sie wahrnehmen; sie existiert nicht, denn das, was man wahrnehmen kann, ist nicht Schönheit an sich, sondern etwas anderes, was fälschlicherweise für die sogenannte Schönheit gehalten wird. Die sichtbare Schönheit der Geschlechter ist die Folgeerscheinung einer Ähnlichkeit der Schwingungen, die sich in den vitalen- und physischen Organismen der Persönlichkeiten ausbreiten, so daß man vom anderen Geschlecht magnetisch angezogen wird. Man sieht im anderen Geschlecht nämlich nicht nur eine Person wie sich selbst, sondern eine seltsame “Bedeutung”, die in den Körper der Person hinein gelesen wird, wobei eher diese “Bedeutung” als die Person selbst die Ursache für die Wahrnehmung von Schönheit ist. Dies zeigt sich sehr deutlich in der Beobachtung, daß sich ein Jüngling sexuell weder zu einem neugeborenen Mädchen hingezogen fühlt noch zu einer Hundertjährigen. Ein junger Mensch sucht nur andere junge Menschen und nichts anderes, da “Jugend” die Bedeutung ist, die von jungen Menschen gesucht wird und Schönheit als nicht von Jugend trennbar empfunden wird. Anhand dieser Diagnose der Ursache entdecken wir, daß der Geschlechtstrieb ein Druck der Gattung ist, der als verdecktes Motiv hinter der offensichtlichen Anziehung der Geschlechter wirkt; so wie man es in den Machenschaften gerissener Politiker sehen kann, die Studenten zu Werkzeugen revolutionärer Handlungen machen, um damit ihre eigenen verdeckten Absichten durchzusetzen, indem sie die Studenten wie Marionetten für ihre Zwecke benutzen. Das Wissen um diese Wahrheit über den Geschlechtstrieb verringert die Heftigkeit seines Ausdrucks im persönlichen Leben jedoch nicht, denn während die Analyse mit rationalen Mitteln erfolgt, äußert sich der Trieb als Ausdruck der Gefühle, die ja für gewöhnlich nicht mit dem logischen Verstand Hand in Hand gehen. Es gibt zweierlei Geschlechtsmerkmale: primäre und sekundäre. Die primären werden hauptsächlich im primitiven Stammesleben in den Vordergrund gestellt; wohingegen die moderne Zivilisation den sekundären Geschlechtsmerkmalen die Hauptaufmerksamkeit schenkt. Die primären Geschlechtsmerkmale sind jene, die direkt mit dem Fortpflanzungsakt zusammenhängen, der ja die Hauptabsicht des Triebes ist, dem in primitiven Zivilisationen auf natürlich-naive Weise die primäre Bedeutung zugemessen wurde. Der moderne Mensch ist dagegen “kultivierter”, mit dem Ergebnis, daß er absichtlich versucht, den primären Zweck seines Sexuallebens zu verbergen, so daß er die Hauptbedeutung auf die sekundären Geschlechtsmerkmale der physischen Persönlichkeit legt, obwohl diese Merkmale lediglich Anzeichen der reproduktiven Fähigkeit des Individuums sind. Dieses Verhalten hat das moderne Leben weiter von der Wirklichkeit entfernt und zunehmend künstlicher und demzufolge auch unglücklicher gemacht. Denn wie kann man die Tatsachen leugnen und dabei Frieden finden?

        Selbsterhaltung und Selbstreproduktion sind die räumlich-zeitlichen Formen, die der absolute Ewigkeitscharakter des Bewußtseins annimmt. Der “Sturz” des Menschen ist ein einziges Ereignis, das den dreifachen, nach unten führenden Druck der (1) psychischen und (2) physischen Selbstbestätigung, sowie (3) den Drang zur Selbstverewigung in sich trägt. Dieser dreifache Instinkt wirkt simultan, manifestiert jedoch jeweils nur einen einzelnen Aspekt, wenn ein Zeitpunkt mit den für ihn günstigen Bedingungen gegeben ist, so daß die psycho-physische Selbstbehauptung und der Geschlechtstrieb nur unter bestimmten Umständen eine spezielle Betonung erfahren, obwohl alle die ganze Zeit im Individuum versteckt oder sichtbar vorhanden sind. Die Situation entspricht hier der eines in die Erde gelegten Samens, der nur dann zu keimen beginnt, wenn sich die zu seinem Sprießen geeigneten Bedingungen im Ablauf der Zeit einstellen. Hierin liegt der entscheidende Punkt, der vor allem von all jenen zur Kenntnis genommen werden sollte, die ihr Leben dem Beschreiten des “Pfades der Heimkehr” hin zum Absoluten gewidmet haben, wofür einige weitere Überlegungen von Nutzen sind:

        Das Bewußtsein, das sich selbst in das erkennende Subjekt und das erkannte Objekt aufgespalten hat, wird in seinen Teilen von einem vermittelnden Aspekt verbunden, der als Aufsichtführende Gottheit (Devata) bekannt ist. Diese Gottheit überwacht die Funktionen des Individuums in bezug zu seinen entsprechenden Objekten in der äußeren Welt. Wahrheitssucher oder Yoga-Schüler haben ihre eigenen menschlichen Schwächen, aufgrund derer sie leicht in Versuchung geraten, den subjektiven Aspekten ihrer Persönlichkeit eine ungerechtfertigte Wichtigkeit zuzusprechen, ohne dabei jedoch in der Lage zu sein, die Tatsache zu berücksichtigen, daß ihre eigenen subjektiven Persönlichkeiten sowohl untrennbar mit ihren Objekten, als auch mit den Aufsichtführenden Prinzipien verwoben sind, die sie mit ihren Objekten verbinden. Diese natürliche Schwäche der menschlichen Natur, die sogar in fortgeschrittenen Suchern und Yogis oft deutlich wahrgenommen werden kann, führt dazu, daß sie das Ziel aus den Augen verlieren, das sie  ursprünglich zweifellos in frommer Absicht anvisiert haben. Doch Frömmigkeit allein wird in einer Welt der unpersönlichen Kräfte nicht zum Erfolg führen. Gute Absichten sind freilich gut, doch die Welt ist aus solchem Stoff, daß man mit noblen Absichten allein nicht sehr weit kommt. Die Welt ist niemandes Freund - zumindest nicht so, wie ein Vater oder eine Mutter, von denen man erwarten würde, daß sie ihren Kindern selbst schwere Fehler verzeihen. Auch wenn es manchmal so aussieht, als sei die Welt in bezug auf das Verhalten ihrer Bewohner viel zu nachsichtig, heißt das noch lange nicht, daß die Welt ihren Bewohnern gegenüber Zuneigung empfindet. Dies käme einer Verwechslung von “mütterlicher Zuneigung” und “Gerechtigkeit” gleich, wobei “Gerechtigkeit” oder “Fair Play” Güte und Freundlichkeit nicht ausschließen. Um dies zu veranschaulichen, kann man den Richter des obersten Gerichtshofes als Beispiel anführen. Doch was ist ehrbarer? Die Liebe einer Mutter für ihr Kind oder die Liebe des Richters für seine Mandanten? Hat die Welt die sentimentalen Zuneigungen des öffentlichen Publikums nicht ungezählte Male rücksichtslos frustriert, das sich danach sehnte, den großen Helden der Menschheitsgeschichte die Leiden des Abtretens aus ihren großartigen Rollen zu ersparen, die sie in dem schönen Drama der menschlichen Geschichte spielten? Wer kann auch nur ein einziges Beispiel dafür nennen, daß die Kräfte der Geschichte selbst dem größten Genie und der edelsten Seele gegenüber sentimentales Mitleid gezeigt hätten, die die Menschen in ihren Herzen so sehr bewundern? Warum müssen selbst die großartigsten Auftritte der Heroen aller Zeiten ein solch lächerliches Ende finden? Ist das Leben letztendlich doch nur eine Tragödie? Gibt es überhaupt so etwas wie Liebe, Freundschaft und fortwährende Kooperation von Personen? Kann die Geschichte auch nur eine dieser begehrten Ziele des menschlichen Fühlens bezeugen?

        Auf diese Frage scheint es eine einfache Antwort zu geben: Das Universum ist eine riesenhafte Arena voll wirkender Kräfte, deren einziges Ziel es ist, die Struktur der gesamten Schöpfung in die letztendliche Unteilbarkeit des Absoluten zu integrieren. Wer das Absolute sucht, würde trotz seiner ansonsten noblen und lobenswerten Bemühungen einen furchtbaren Fehlschlag erleiden, sollte er sich damit zufrieden geben, allein auf dem menschlichen Niveau der Werteeinschätzung zu verbleiben. Das Universum ist weder aus Persönlichkeiten wie Männern, Frauen und Kindern zusammengesetzt, noch aus Dingen im Sinne von Objekten, die wir gerne besitzen oder vermeiden würden. Es ist völlig anders gestaltet. Das Universum besteht nicht aus Objekten oder Dingen sondern aus dem Drang oder der Tendenz zur Selbstvereinigung in der allumfassenden Unendlichkeit der Existenz. Genaugenommen müßte man sagen, daß das Universum eher ein wirkendes Gesetz ist, als ein existierendes Etwas. Dieses Gesetz könnte man mit dem Gesetz eines Staates vergleichen, das seine Bewohner nicht als Brüder und Schwestern, Mütter und Väter betrachtet, sondern als Subjekte, die seiner unpersönlichen Ausübung gleichermaßen unterworfen sind. Sucher, die sich darum bemühen, ihr Bewußtsein auf das Absolute hin auszurichten, könnten diesen Punkt übersehen und selbst in sehr fortgeschrittenen Stufen ihrer Praxis den subjektiven Aspekt ihres Seins die Oberhand gewinnen lassen, womit der Wagen vor das Pferd gespannt und der eigentliche Zweck verfehlt würde. Es ist menschlich nahezu unmöglich, die eigene Verbundenheit mit der äußeren Atmosphäre der sogenannten Personen und Dinge um einen herum immerzu vor Augen zu haben. Man glaubt instinktiv, sich mit den Objekten in Form von Personen oder Dingen auf irgendeine Art und Weise “beschäftigen” zu müssen, das heißt, man hält sich beständig für ein völlig isoliertes Subjekt, so daß alle Bemühungen im Beschreiten des eigenen Lebensweges zum Scheitern verurteilt sind. Es scheint überall nur Versagen zu geben, ohne jegliche Hoffnung auf Erfolg. Und dies nur deshalb, weil man die eigene Beziehung zur objektiven Welt vollkommen falsch interpretiert.

        Die subjektive Selbsteinschätzung bildet die Wurzel aller Schwierigkeiten. Man betrachtet sich selbst stets als das “Ich” und handelt in allen Lebenslagen als solches. Unglücklicherweise existiert dieses “Ich” jedoch nicht wirklich. Es ist lediglich ein Emporkömmling, der ungerechtfertigterweise aus der um Subjekt und Objekt entstandenen Verwirrung hervorgegangen ist. Die Lage ist hier so ähnlich, als würde ein “Niemand” in einem der Anarchie verfallenen Land plötzlich zum Anführer der Massen werden. Dieses “Ich” ist jedoch nur eine Vorstellung und kein wirklich existierendes Etwas. Es ist die Einbildung, daß es so etwas wie ein aufgeteiltes oder gespaltenes Bewußtsein gäbe, was aber, wie bereits früher erklärt, unmöglich ist. Diese falsche Vorstellung ist äußerst trickreich und verschafft sich sogar in die Herzen von Yogis, Heiligen und Weisen Einlaß, so daß man selbst von einem himmlischen Wesen nicht sagen kann, es wäre frei von der Idee des “Ich”, dem großen Verursacher aller nachfolgenden Verirrungen und Probleme des Lebens.

        Die Vorstellung eines “Ich” läßt nicht nur ein zu kontemplierendes Objekt entstehen, sondern hat auch andere Konsequenzen, die aus dieser Sicht der Dinge resultieren. Die Triebe nach Nahrung, Ruhm und Sex können sich leichten Zutritt in den neu erbauten Wohnsitz verschaffen, in dem sich selbst die suchende Seele irgendwie mit den Dingen versöhnt, die sie ursprünglich vermeiden und transzendieren wollte. Das Bewußtsein, das sich weigert, in irgendwelche Teile aufgespalten zu werden, sucht sich von den Folgen dieser Aufspaltung zu befreien, unter der es leidet, indem es in der Yoga-Praxis und der Meditation über die höchste Wirklichkeit Zuflucht nimmt. Leider läßt sich das aufgespaltene Bewußtsein jedoch nicht so einfach von seinen Vorstellungen befreien, die aus der akzeptierten Tatsache hervorgehen, daß es so etwas wie die Aufspaltung von Bewußtsein überhaupt gibt. An diesem interessanten Aspekt scheitern meist sogar die ansonsten frommen Bemühungen von selbst aufrichtigen und hingebungsvollen Wahrheitssuchern, da sich dieses Problem mit eben dieser Aufrichtigkeit identifiziert. So kann es passieren, daß die Sehnsucht nach Ruhm und sozialer Anerkennung zum organischen Bestandteil des ehrlichen Glaubens wird, tatsächlich mit Yoga und der Meditation auf die großartige spirituelle Wirklichkeit beschäftigt zu sein. In diesem Fall hat sich genau das, was man zu vermeiden suchte, äußerst intelligent in die Zielscheibe eingeschlichen, die man zu treffen versucht. Auf die gleiche Art und Weise gelingt es auch allen anderen Impulsen, sich in das Bewußtsein des Strebens nach der letztendlichen Freiheit von all den Schmerzen und Leiden einzuschleichen, die durch eine Teilung innerhalb des unteilbaren Bewußtseins verursacht worden sind. Es gibt viele Impulse, doch sie lassen sich, wie wir oben bereits festgestellt haben, in den körperlichen Hunger nach Nahrung, das psychische Verlangen nach Ruhm und den vitalen Trieb nach Sex zusammenfassen. Im allgemeinen wird behauptet, daß das Streben nach Reichtum ebenfalls ein primärer Impuls sei. Nach einer sorgfältigen Untersuchung dieser Aussage läßt sich jedoch erkennen, daß Reichtum nicht um des Reichtums willen gesucht wird. Vielmehr begehrt man ihn als nutzbringendes Werkzeug zur Erfüllung der Haupttriebe, die nach Nahrung, sozialer Anerkennung und Sex verlangen. Man mag darüber erstaunt sein, daß ein solch enormer Wert wie “Wohlstand” plötzlich auf den Status eines simplen Handlangers der drei genannten Primärinstinkte reduziert werden kann. Ja; man wird feststellen, daß sehr viel von der Bedeutung, die wir den sogenannten wertvollen Dingen in dieser Welt zusprechen, nichts weiter ist als ein Kind ohne Eltern, das behauptet, der Thronfolger zu sein. So können wir die spezielle Bedeutung des materiellen Wohlstands im Licht der Tatsache getrost beiseite stellen, daß er dort keinerlei Bedeutung hat, wo die Gesellschaft nicht besteht, wo es also nicht zu dem Mechanismus des “Gib und Nimm” kommt. Selbst wenn wir annehmen, daß die Gesellschaft ein vom Individuum unabhängiges und selbst existierendes Etwas ist, fließt ihre Existenz in die des Individuums ein, da soziale Werte nicht verschieden von jenen sein können, die mit den Bedürfnissen des menschlichen Individuums verknüpft sind. Und worin bestehen diese Bedürfnisse? In den Instinkten und Trieben.

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10     Die Krise des Bewußtseins (3)

        Da sich die Instinkte nicht außerhalb des Lebensprozesses befinden, ist ihre Rolle im menschlichen Leben etwas schwierig zu verstehen. Da instinktives Handeln oder Begehren Bestandteile des eigenen Verhaltens sind, werden alle Bemühungen, ihren Ursprung und ihre Funktion zu untersuchen, selbst für einen guten Psychologen zu einer schwierigen Aufgabe. Für gewöhnlich hält sich der durchschnittliche Mensch für vernünftig, wobei er unbewußt davon ausgeht, daß sein Charakter, sein Verhalten und sein Handeln den unwürdigen instinktiven Impulsen aus seinem Inneren überlegen seien. Auch wenn die meisten Menschen zu dem Eingeständnis bereit wären,  daß sie gelegentlich auch in den angeblich selbstlosen Bewegungen ihrer Natur von instinktiven Trieben beherrscht werden, akzeptieren sie die Existenz von “sozialen Instinkten” nur ungern, da das soziale Leben seit jeher als eine kultivierte und großartige Korrektur der selbstsüchtigen Begierden der persönlichen Instinkte angesehen wird. Dies ist auch der Grund dafür, daß die soziale Tat und speziell das, was sozialer Dienst genannt wird, als edles menschliches Ideal verherrlicht wird, das frei und fern von den unrühmlichen Begierden der persönlichen Instinkte existiert. Eine psychologische Analyse, von der man Objektivität erwarten darf, wird jedoch nichts als selbstverständlich akzeptieren, auch nicht den Ehrenkodex des eigenen Landes, der vielleicht schon seit Jahrhunderten definiert, was edel ist und was nicht.

        Wie wir bereits beobachtet haben, befindet sich ein Instinkt nicht außerhalb der menschlichen Natur. Er ist ein aus dem Unbewußten aufsteigender Drang, der vom Verstand nicht kontrolliert werden kann und in Richtung eines speziell anvisierten Zieles wirkt, wobei er sich häufig in unvernünftigen und unüberlegten Handlungsweisen äußert, mit denen das Individuum das Ziel zu erreichen sucht, auf welches es vom Instinkt aufmerksam gemacht wurde. Lassen wir die Details dieses Themas im Moment jedoch beiseite, und richten unsere Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Es ist wahr, daß “Gesellschaft” die Bezeichnung für eine dem Charakter nach ähnliche Gruppe von Individuen ist, die zum Zweck der Erfüllung eines gemeinsamen Interesses miteinander leben und arbeiten. Aus dieser Tatsache ließe sich schließen, daß die menschliche Gesellschaft nichts enthält, was nicht auch im Individuum entdeckt werden kann, und daß letzteres nichts anderes als ein Teil des ersteren ist. Hieraus würde sich nun wiederum folgern, daß die Gesellschaft nicht frei von den Schwächen der menschlichen Natur sein kann, auch wenn viele Individuen zusammenkommen, um sowohl über die Notwendigkeit als auch über die Mittel und Wege zur gemeinschaftlichen Steuerung des Kurses nachzudenken, den das öffentliche Leben, frei von den selbstsüchtigen Grundzügen individueller Eigenarten, zum sozialen Wohle aller einschlagen soll. Diese Theorie hat natürlich einiges für sich, da man anhand einer wirklich sachlichen Beobachtung der menschlichen Natur feststellen wird, daß das kollektive Interesse die Forderungen der privaten Interessen des Individuums nicht völlig ignorieren kann. Dies ist vielleicht auch der Grund dafür, warum die menschlichen Schwächen in der Menschheitsgeschichte seit jeher in den gleichen Gewändern auftreten und die Gründe für menschliches Versagen auch heute noch die gleichen sind wie vor Jahrhunderten. Hier berühren wir den wunden Punkt des menschlichen Charakters und seiner allgemeinen Aktivitäten, so daß man schon fast zu der Schlußfolgerung geneigt ist anzunehmen, der Mensch sei im wesentlichen ein von jenseits seiner Kontrolle liegenden und unbewußten Trieben gesteuerter Automat, ein Werkzeug in den Händen von Begierden und Leidenschaften, selbstsüchtig bis ins Innerste und letztendlich vertrauensunwürdig. Und genau dies erkennt man unglücklicherweise in dem Bild, das der Mensch heutzutage in seinem Alltagsleben abgibt.

        Wäre dies jedoch die ganze Wahrheit, dann wäre das Leben ein schrecklicher Schauplatz fortwährender Sorge und Angst und womöglich letztendlich nicht einmal mehr lebenswert. Anscheinend sehen die Menschen ihre psychologische Struktur und die Rolle, die diese in der menschlichen Gesellschaft spielt, jedoch in einem anderen Licht. Psychologen halten es für notwendig, zwischen der Individual- und Sozialpsychologie zu unterscheiden und beide als verschiedene Themenbereiche zu behandeln, mit charakteristischen Unterschieden in Struktur und Funktion. Diese Unterscheidung ist einem qualitativen Merkmal zuzuschreiben, das man in der sogenannten “Gesellschaft” antreffen kann, nicht jedoch in der bloßen quantitativen Summe aller Individuen, die ihre Bestandteile bilden. Der Unterschied zwischen Quantität und Qualität ist wichtig genug, um den sozialen Werten im Leben einen Platz einzuräumen. Sie transzendieren das Reich der individuellen Instinkte, die ohne Zweifel selbst in der “Gesamtheit” aller Individuen angetroffen werden können. Obwohl die Psychoanalyse, insbesondere die mit “Freudscher Prägung”, darauf bestehen wird, daß es zwischen der menschlichen Gesellschaft und der Summe aller in den Individuen vorhandenen Triebe keinerlei qualitativen Unterschied gibt, würde die Anerkennung dieser Ansicht in ihrer gesamten Tragweite allerdings die bloße Existenz von Moral, Ethik und selbstlosem Verhalten ausschließen. Die Psychoanalyse besteht natürlich auf dem Standpunkt, dies sei die ganze Wahrheit und die unverhüllte Realität hinter der menschlichen Natur. Ob dies jedoch die ganze Wahrheit ist und ob es nicht noch andere Faktoren zu berücksichtigen gilt, sind Fragen, die im Namen derartig geächteter menschlicher Werte gestellt werden müssen.

        Bevor wir jedoch versuchen wollen, diese Fragen auf eine zufriedenstellende Art zu beantworten, wären wir gut beraten, zu einem Punkt zurückzukehren, auf dessen Bedeutung wir vorher bereits hingewiesen haben und der die Ursache für das Fortbestehen eines Gefühls der Unsicherheit und Sorge ist, das die menschliche Gesellschaft trotz ihrer wiederholten gemeinsamen Bemühungen um Errichtung des sogenannten sozialen Wohles und eines internationalen Friedens mit universellem Charakter verspürt. Es gibt einen sehr klaren und triftigen Grund für dieses unangenehme Phänomen, nämlich: Die Grundsätze der Erziehung basieren auf einer Vorstellung vom Ziel des Lebens, die von der Gesellschaftsstruktur und den vorherrschenden Umständen der Umwelt, in der wir leben, gelenkt wird. Auf Grund der mit den Methoden der empirischen Wissenschaft durchgeführten Experimente und Beobachtungen, geht man für gewöhnlich mit völliger Selbstverständlichkeit davon aus, daß das Universum aus physikalischen, biologischen und psychologischen Einzelteilen - sogenannten Dingen, Wesen und Personen - gebildet ist, die man als “Individuen” bezeichnet, wenn sie heraus gepickt und in ihrer isolierten Leistungsfähigkeit studiert werden, und die man unter dem Begriff “Gesellschaft” zusammenfaßt, wenn man sie als Gruppe von Individuen mit ähnlichem Charakter betrachtet. Der Erziehungsprozeß ist normalerweise eine Folge von Methoden, Informationen über die Objekte der Sinneswahrnehmung, von denen man annimmt, daß sie die Umwelt des Menschen bilden, zu studieren und anzusammeln.

        Auf der Vorstellung basierend, daß sich die Einheiten, die die menschliche Umwelt bilden, außerhalb des wahrnehmenden und erkennenden Subjekts befinden, haben die Lehranstalten solche Themenbereiche wie Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Psychologie, Soziologie, Wirtschaft-Recht, Ökonomie, Geographie, Geschichte und Politik in ihre Lehrpläne einbezogen. Diesen primären Studienfächern wurden bestimmte akzeptierte Vorstellungen aus der Ethik, Philosophie, Religion und Kunst hinzugefügt, stets von der Annahme ausgehend, daß alle Personen und Dinge als unabhängige Einheiten im Behälter des Universums existieren und in mechanischem Kontakt miteinander stehen, wobei jede Einheit eine individuell für sich bestehende Unabhängigkeit genießt, so daß man die Lage mit einer Handvoll kleiner Kugeln vergleichen kann, die in eine Flasche eingefüllt wurden. Diese Vorstellung vom Universum bildet praktisch die Basis der modernen Schulphilosophie und -psychologie und deren Ausübung im Lehrbereich der Institute. So fordert man die Studenten dazu auf, eine Gruppe von Themen aus den verschiedenen oben aufgelisteten Fächern auszuwählen und gibt ihnen ein Zeugnis oder einen Titel, nachdem sie etwa gelernt haben, Berechnungen im Bereich der Algebra, Arithmetik und Geometrie auszuführen, oder wie sich gewisse Körper unter Beobachtung verhalten, wie sie untereinander agieren und reagieren, was alles nur aus einer empirischen Untersuchung der sichtbaren Struktur und des Verhaltens von wahrgenommenen Objekten resultiert.

        Das gesamte System der heutigen Bildung oder Erziehung kann als mechanistisch bezeichnet werden, da es die Beziehung von Dingen als physischen Kontakt einer Ansammlung von Objekten von essentiell verschiedenem Charakter ansieht, der durch zufällige Bewegungen der Dinge entsteht oder durch einen Druck, der von gänzlich außerhalb ihrer individuellen Struktur liegenden Faktoren ausgeht. Daraus würde folgen, daß wir nicht in einer Welt leben, in der ein inneres Band freundschaftlicher Beziehungen besteht, sondern vielmehr, daß wir aus Elementen, Eigenschaften und Zielen bestehen, die sich untereinander fremd sind und letztlich nicht in einer wahren, lebendigen und geschwisterlichen Beziehung miteinander vereint werden können. Wir scheinen in einem Billardkugel-Universum zu leben, in dem die Dinge aufs Geratewohl im Raum verstreut sind und entweder durch bloßen Zufall oder aber auf Grund reiner Selbstsucht - die zur Erfüllung ihrer eigenen Absichten einer bestimmten Hilfe seitens der anderen bedarf - in Kontakt zueinander stehen, zusammenarbeiten und einander helfen. Ganz gleich, ob die Welt nun vom Zufall oder von Selbstsucht regiert wird, in beiden Fällen scheint sie nicht mehr als ein wirres Knäuel seelen- und zielloser Aktivitäten gedankenloser Kräfte zu sein, die mit undefinierbarer Absicht hinter dem innersten Kern einer jeden individuellen Einheit, ganz gleich ob anorganischer oder organischer, physikalischer, biologischer oder psychologischer Natur, zu lauern und zu kämpfen scheinen.

        Dies ist das Bild des Universums, mit dem uns die moderne Wissenschaft versorgt. Und ein Erziehungssystem, das in der Perspektive einer solchen wissenschaftlichen Analyse und Logik verwurzelt ist, kann ebenfalls nur mechanistisch, seelenlos und ziellos sein und demzufolge nichts weiter als die altruistische Tarnung einer grundsätzlich selbstsüchtigen Absicht eines jeden Individuums. Um es klarer zu formulieren: Diese Form der Schulung kann letztendlich keinem anderen Zweck dienen als dem, sich eine dem Körper und Ego angenehme Existenz zu erhalten, für die es auf der physischen Ebene des Erwerbs von Nahrung, Kleidung und Obdach bedarf, auf der vitalen Ebene der Befriedigung des Sexualtriebs, und auf der psychologischen Ebene der Errungenschaft von Ruhm und Macht. Wo man dagegen den Anschein erwecken will, als würde das Erziehungssystem auch solche Bereiche wie die Wohlfahrt und den Schutz anderer Personen anstreben, ist leicht zu erkennen, daß es sich hierbei lediglich um eine feinfühlige Erweiterung der Ziele des psycho-physischen Organismus handelt, denn wie man bereits sehen konnte, ist das Interesse an anderen Individuen sowohl für eine intensivere Befriedigung der eigenen Triebe als auch für den Erwerb von besseren Chancen für deren Erfüllung dienlich, da diese Triebe ohne die Kooperation von anderen Individuen und von äußeren Faktoren der unterschiedlichsten Art nicht angemessen erfüllt werden können. Diese Tatsache ist dem persönlichen Ego dank der Existenz des Unterbewußtseins, das tiefer reicht als das sinnesbezogene oder intellektuelle Verständnis, sehr wohl bekannt.

        Dies ist die  unangenehme Wahrheit, die nach einer genauen Analyse hinter den sogenannten edlen Bemühungen des Menschen zum Vorschein kommt, wenn diese auf der erzieherischen Weisheit basieren, die aus dem vorhin erläuterten Bild des Universums hervorgeht. Dies würde auch erklären, warum sich der Mensch seit jeher unsicher fühlt und sich in einer Umwelt wähnt, die ihm nicht freundlich gesonnen ist, obwohl er doch zur gleichen Zeit Nächstenliebe und ein Gefühl der Brüderlichkeit verspürt, das er so gerne demonstriert und für das er äußerlich auch einzutreten scheint. Denn schließlich basieren diese eigentlich noblen Tugenden auf falschen Werten und können somit auch nicht lange bestehen. Äußerlich demonstrierte Formen der Kooperationsbereitschaft und harmonischer Umweltbeziehungen, die auf einer essentiell egoistischen und unfreundlichen Haltung beruhen, können letztlich nur bedeutungslos sein. Die Wahrheit scheint zu sein, daß wir in einer Welt der Liebe und Zusammenarbeit leben, die auf einer generellen Abneigung und Unversöhnlichkeit gegenüber anderen beruht! Dies ist unsere Welt, unser Leben und unser Schicksal, wenn wir der Struktur und Zielsetzung unserer heutigen Erziehung und der daraus resultierenden allgemeinen Denkhaltung folgen. Man kann von Studenten und Lehrpersonal nicht erwarten, daß sie sich auf eine Art und Weise verhalten, die von der essentiellen Natur der Dinge nicht gefordert wird. Hier haben wir das unverblümte Bild der modernen Erziehung.

        Da wahres Interesse, Liebe und Zusammenarbeit Eigenschaftsmerkmale der Seele sind, kann man diese Qualitäten nicht von einem seelenlosen Erziehungssystem erwarten, das rein auf der physikalischen Beobachtung und dem Studium von anorganischer Materie basiert, auch wenn es dabei um das Studium der Sonnen- und Sternensysteme und des elektromagnetischen Kerns von Atomen geht, die, wie uns die Wissenschaft erklärt, die Grundbausteine des Kosmos bilden. Sollte die Wissenschaft damit recht haben, daß diese ihre Resultate die letzt endlichen Schöpfungswahrheiten sind, dann kann der Mensch niemals auf Frieden hoffen oder eine Freiheit erlangen, die diesen Namen wirklich verdient.

        Stimmen diese Erkenntnisse jedoch wirklich mit der Wahrheit überein? Die unermüdlichen Hoffnungen und Bemühungen des Menschen sind der Beweis dafür, daß die Schlußfolgerungen der materialistischen Wissenschaft und der Verhaltenspsychologie falsch sein müssen. Das menschliche Streben galt seit jeher der Errungenschaft von absoluter Freiheit und fortwährendem Frieden. Und wenn diese Ziele zu einem Inhalt des Bewußtseins werden konnten, heißt das, daß dieses auch dazu imstande sein muß, einen Zustand der Absolutheit zu erreichen, der zugleich auch ein Zustand der Unsterblichkeit und einer nichts ausschließenden Universalität ist. Ohne diese tiefreichendere Bedeutung der Ziele des Lebens, die von jedem Menschen in seinem Alltag angestrebt werden, sind die menschlichen Bemühungen völlig sinnlos und bestenfalls ein fortwährender Selbstbetrug, der ins eigene Verderben führt. Daß hinter den mechanistischen Trieben und Beziehungen der Menschen und Dinge eine vereinigende, nicht-mechanistische und universelle “Absicht” am Werk ist, läßt sich anhand der bloßen Existenz und Ununterdrückbarkeit der Bestrebsamkeit und Rastlosigkeit nachweisen. Somit sollte das Erziehungssystem umorientiert und in einen Prozeß der lebendigen Entfaltung eines beseelten subjektiven Ziels des Individuums transformiert werden. Das Leben hat einen göttlichen Kern von grundsätzlich spiritueller Natur, der in allen Dingen verborgen liegt.

        Daß das Universum primär ein “Reich der Endlichkeiten”[14] ist, in dem jedes Individuum oder jede Einheit eine Essenz der “Selbstheit” darstellt, und nicht ein Objekt der Ausbeutung durch andere Individuen; daß die kollektive Organisation von “Endlichkeiten”1 und “Selbstheiten” das grundsätzliche Ideal jeglicher Wissenssuche ist; daß die Erziehung ein systematisierter Prozeß zur schrittweisen Entfaltung dieser ewigen Tatsache des Lebens ist; daß ein paralleles Voranschreiten entlang der Linien zunehmender Selbstlosigkeit und eines immer umfassenderen Bewußtseins der Existenz verlangt ist, was zur Verwirklichung einer universellen Selbstheit führt; daß materielle Annehmlichkeiten und ökonomische Bedürfnisse (Artha) sowie die Befriedigung der eigenen emotionalen Seite (Kama) nur solange zulässig sind, wie das Gesetz (Dharma) der ewigen Wahrheit von der Befreiung des Selbsts in die Universalität des Seins (Moksha) deren Erfüllung reguliert; und daß das ganze Leben eines Individuums somit ein Leben der Schülerschaft und des Lernens im Licht einer immer weiter und umfassender werdenden Lebensperspektive ist, die mit jeder Stufe anwächst - darin liegt die Lebendigkeit und Bedeutsamkeit des Erziehungsprozesses. Erziehung bzw. Bildung ist die schöpferische Evolution des gesamten Menschen in Richtung Verwirklichung seiner kosmischen Bedeutung, die seine Persönlichkeit, die Gesellschaft und die Welt durchzieht.

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11     Das Individuum und die Gesellschaft:
Die Philosophie des Gesetzes

        Fassen wir an dieser Stelle einmal all unsere bisherigen Beobachtungen zusammen. Alle menschlichen Unternehmungen stehen in lebendiger Beziehung mit dem sozialen Leben. Die Beziehungen des Individuums zur menschlichen Gesellschaft sind hauptsächlich psychologischer und moralischer Natur, obwohl sie auch andere wichtige Aspekte aufweisen, wie den ökonomischen, gesetzlichen und politischen sowie viele andere. Die psychologische Beziehung führt jedoch die Liste an und bildet damit die Grundlage aller menschlichen Ausübungen, seien diese nun persönlicher oder sozialer Natur. Es ist eine offensichtliche Tatsache, daß keine Gesellschaft unabhängig von den Individuen existiert, aus denen sie gebildet ist, so daß man von diesem Standpunkt aus logisch schlußfolgern kann, daß alles, was im Individuum enthalten ist, ebenso in der Gesellschaft enthalten sein muß. Soziale Werte scheinen nur eine Gesamtheit aller individuellen Werte zu sein, wobei sich beide nur in ihrer Größenordnung unterscheiden, nicht jedoch in ihrer Qualität. Sollte dies die Wahrheit über die menschliche Gesellschaft sein, so wäre es nutzlos sich einzubilden, daß soziale Gesetze und Regulierungen irgendeinen Einfluß auf das Individuum ausüben können. Dies würde den sozialen Umgangsformen, der sozialen Tradition und selbst der sozialen Moral natürlich jede wirkliche Bedeutung absprechen.

        Die gesamte Thematik verlangt nach einer gründlichen Untersuchung, die nicht nur die Oberfläche der Gesellschaft in ihrer Erscheinungsform betrachtet, sondern auch hinter die Kulissen blickt. Das praktische Leben beweist eindeutig, daß selbst die sogenannten “kultivierten und moralisch wertvollen Umgangsformen” in der Gesellschaft auf der typischen Struktur des menschlichen Geistes mit all seinen Begierden und den daraus resultierenden Vorurteilen basieren. Dies bedeutet, daß sogar das scheinbar akzeptable Allgemeinwohl nur eine verdeckte Form der privaten Triebe und Sehnsüchte des Individuums darstellt. Als Beweis für diese Behauptung lassen sich verschiedene Beispiele anführen: In der Gesellschaft gelten Kooperationsgeist und Opferbereitschaft als Kennzeichen kultivierter und sozialer Beziehungen, was den Anschein erweckt, als wären Kooperation und Opferbereitschaft qualitativ höhere Formen des menschlichen Verhaltens als jene, die man im Privatleben für gewöhnlich demonstriert. Doch was sind Zusammenarbeit und Opferbereitschaft, wenn nicht subtile Vorsichtsmaßnahmen der persönlichen Interessen eines jeden Individuums, dessen Absichten und Ziele vereitelt werden würden, wenn es keine solche Zusammenarbeit und Opferbereitschaft gäbe? Ist es nicht wahr, daß soziale Opfer undenkbar wären, wenn die persönlichen Sehnsüchte des Individuums als Konsequenz dieser Opfer völlig unbefriedigt bleiben würden? Wäre man wirklich dazu bereit, irgendein Opfer für die Wohlfahrt anderer zu bringen, wenn man als Dank dafür mit seinem Leben bezahlen müßte? Würde irgend jemand einer Gesellschaft dienen, die dazu bereit ist, den Opfernden, aus welchen Gründen auch immer, dafür zu steinigen? Hat sich die Gesellschaft nicht meist gerade jenen gegenüber undankbar erwiesen, die ihr Leben dem Wohle der Allgemeinheit gewidmet haben? Ist es irgend jemandem möglich, die Gesellschaft im Zustand vollkommener Selbstverleugnung zu lieben?

        An dieser Stelle kann man als Einwand natürlich auf große Märtyrer hinweisen, die ihr Leben entweder aus sozialen oder religiösen Gründen im Interesse des Allgemeinwohles geopfert haben. Denn wie könnte jemand zum Wohle der Gesellschaft den Freitod wählen, wenn nicht aus dem Grund, daß er die Gesellschaft mehr liebt als sich selbst? Doch auch hier bedarf es einer genaueren Untersuchung. Eine sorgfältige Analyse würde ergeben, daß selbst das Märtyrertum ohne die Hoffnung auf eine eigene Befriedigung, die ein derartiges Opfer mit sich bringt, unmöglich und unvorstellbar wäre. Die freiwillige Wahl des Todes - für welchen Zweck auch immer - wird von der Hoffnung auf eine Befriedigung angeregt, die sogar über die Auslöschung der Persönlichkeit durch den Tod hinaus reicht. Obwohl der Tod für gewöhnlich als die intensivste vorstellbare Form des Leidens angesehen wird, ist es undenkbar, daß irgend jemand bereit sein könnte, den Tod willkommen zu heißen, wenn nicht aus einem Gefühl des freudigen Enthusiasmus heraus, das von verborgenen inneren Faktoren ausgelöst wird, die für andere Mitglieder der Gesellschaft unvorstellbar und unsichtbar sein mögen. Auch Selbstmord, ein Akt der freiwilligen Selbstvernichtung, kann nur anhand einer Hoffnung auf die totale Auslöschung des Leidens verständlich werden, das die Ausführung einer solchen Handlung erzwungen hat. Diese Hoffnung auf Beendigung des bisherigen Leidens ist dabei von der Hoffnung auf Frieden und Freude als Endergebnis der Tat nicht zu trennen, wobei es gleichgültig ist, wie sehr man sich in der Einschätzung des Resultats einer solch katastrophalen Beendigung des eigenen Lebens irrt. Letzten Endes ist es unmöglich, daß man irgendeinen Gedanken oder irgendeine Handlung auf ein Ziel hin ausrichtet, das einem nichts als Leiden einbringt. Der Kampf um letztendliche Freude ist das unverletzliche Gesetz des Lebens. Kooperation mit anderen und Aufopferung für andere können die Wirkung dieses Gesetzes nicht auslöschen. Vielmehr betritt man das Feld der Zusammenarbeit und der Aufopferung nur dann, wenn einem diese eine größere Befriedigung versprechen, als man zu erwarten hätte, wenn man keine solche Rücksicht auf andere nehmen würde. Dies ist vielleicht das psychologische Geheimnis hinter jeglichem menschlichen Verhalten.

        Die ethischen Überlegungen, die das Individuum der Gesellschaft gegenüber anstellt, scheinen ebenfalls nicht sehr weit von den Ergebnissen der oben durchgeführten psychologischen Analyse entfernt zu liegen. Die gesellschaftliche Vorstellung von Moral, Ethik und rechtem Handeln kann es sich nämlich nicht leisten, die geheimen Triebe und Begierden sowie die Sehnsucht nach Genuß, die jedem Individuum angeboren sind, zu enttäuschen. Offensichtlich ist die soziale Moral meist nur eine Art der Legalisierung der persönlichen Interessen des Individuums, die in allgemeiner Übereinstimmung erfolgt. Das Verlangen nach Nahrung, Kleidung und Unterkunft; nach Ruhm und Macht; nach Reichtum, Sex und ästhetischem Genuß ist das vorherrschende Prinzip, das jegliche Aktivität der Menschheit bedingt, wobei es gleichgültig ist, ob dieses die Form einer moralischen Regel, einer ethischen Notwendigkeit oder eines gesetzlichen Befehls annimmt. Auch in diesem Fall scheint die soziale Moral den Regeln jenes oben bereits enttarnten psychologischen Geheimnisses zu folgen, das hinter der menschlichen Natur und dem menschlichen Verhalten wirkt. Es ist undenkbar, daß es zu irgendeiner, der Gesellschaft akzeptablen, ethischen Regelung kommen kann, die die Befriedigungen des Individuums verhindern oder auch nur verringern würde. An dieser Stelle könnte man einwenden, daß es doch gerade die soziale Moral ist, die die unersättliche Gier des Individuums nach persönlichen Befriedigungen aller Art einschränkt und kontrolliert. Beweist das nicht, daß die soziale Moral der Gier und dem unersättlichen Verlangen des Individuums mit Macht entgegenwirkt und um eine Korrektur dieser üblen Neigungen bemüht ist? Wie kann man also behaupten, daß die soziale Moral lediglich eine Regulierung der Begierden des Individuums sein soll? Diese Fragen sind leicht zu beantworten: Die Kontrolle, die die Gesellschaft dem persönlichen Verhalten des Individuums auferlegt, beweist weder, daß diese Kontrolle gegen das Individuum ist, noch daß sie die Genußmöglichkeiten des Individuums verringert. Was sie beweist, ist lediglich das offene Geheimnis, daß jedes Individuum ein Maximum an Genuß und Freiheit sucht und es dabei keinesfalls tolerieren würde, wenn sich ein anderer der Erfüllung seiner Sehnsüchte in den Weg stellt. Gäbe es die soziale Moral und das Sozialgesetz nicht, dann käme es zu einem Krieg unter den Individuen, der uns eine ähnliche Situation bescheren würde, wie sie bei wilden Tieren beobachtet werden kann. In diesem Fall würde sich ein jeder in fortwährender und ununterbrochener Unsicherheit befinden und niemand hätte auch nur die geringste Gewißheit darüber, ob ihm auch nur ein einziger Wunsch aus dem gesamten Spektrum seiner Sehnsüchte erfüllt werden würde. Eine allgemeine Übereinkunft unter Individuen, die sich als Sozialgesetz äußert, kann deshalb nicht als eine von außen kommende Einschränkung der Freiheit des Individuums, “zu leben und zu genießen”, angesehen werden, da es ganz im Gegenteil eben auf der freiwilligen Übereinkunft von Individuen beruht, um dadurch die eigene Sicherheit zu gewährleisten, die überhaupt erst der Garant dafür erst, daß die persönliche Freiheit “zu leben und zu genießen” realisierbar wird, ohne dabei ähnliche Rechte anderer zu verletzen. Soziale Regeln haben nur diesen einen Zweck und dieses eine Ziel vor Augen, wobei es gleich ist, ob sie sich auf materiellen Besitz, persönliches Prestige und Macht, oder auf sexuelle Beziehungen beziehen. Dies ist eine Tatsache, die durch keinerlei intellektuelle Spitzfindigkeit oder geistige Akrobatik geleugnet werden kann.

        Die bisherige Untersuchung der Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft reicht bereits völlig aus, um die Wurzeln des menschlichen Verhaltens, seiner Absichten und Ziele klar erkennen zu können. Ernsthafte Psychoanalytiker, die in ihrer Analyse den Mut dazu aufbringen, den Tatsachen in die Augen zu sehen, dürften in ihrer Diagnose der menschlichen Bedürfnisse, die in der Form eines komplizierten Netzes sozialer Kultur, Ethik, Moral und Gesetzgebung erscheinen, wohl zu den gleichen Ergebnissen kommen.

        Während man all dies als unausweichliche Wahrheit des menschlichen Lebens akzeptieren muß, kann man dennoch nicht behaupten, daß dies die ganze Wahrheit wäre. Die Psychoanalyse betrachtet das Leben von einem mechanistischen Blickwinkel aus, wobei sie die Beziehung zwischen den Individuen innerhalb der Gesellschaft fast wie die Bewegungen in einer Maschine behandelt, deren unabhängige Teile die Individuen sind. Unter dieser Betrachtungsweise nehmen die Individuen an der leblosen Funktion der Maschine, die durch Zusammenwirken all ihrer einzelnen Bestandteile ermöglicht wird, ohne jegliche teleologische Initiative teil und bewegen sich nur so, wie es für ihre Funktion als Teil der Maschine charakteristisch ist. An diesem Punkt stellt sich jedoch eine pikante Frage, die sich aus der Beobachtung bestimmter interessanter Phänomene des menschlichen Lebens ergibt: Ist die soziale Beziehung eine künstlich herbeigeführte Notwendigkeit, die nur aus dem Bedürfnis des Individuums nach persönlicher Sicherheit und zur Sicherstellung von persönlicher Freiheit und Freude entstanden ist? Wenn gegenseitige Liebe und Aufopferung Tugenden mit realem Wert sind und wenn das menschliche Leben wirklich heilig und in jeder Hinsicht achtens- und beschützenswert ist, wie ist es dann möglich, daß die menschliche Gerechtigkeit, die ja mit der menschlichen Liebe und Aufopferung zusammenhängt, die Hinrichtung von Gefangenen und Kriege zwischen verschiedenen Nationen billigen kann, und der Richter, der gerade ein Todesurteil verhängt hat, oder der Feldherr, der im Krieg durch die Vernichtung der Feinde den Sieg errungen hat, dabei nicht als unredliche oder haßerfüllte Menschen angesehen werden? Wenn man eine gerichtlich angeordnete Tötung von Menschen und die Massenvernichtungen in Kriegen, die von Feldherren befohlen werden, als mit der menschlichen Liebe und Gerechtigkeit vereinbar ansehen kann, dann sind die inneren Faktoren, die die menschlichen Gedanken und Taten lenken, offensichtlich seltsam. Denn wie kann die Inhaftierung und Hinrichtung einer Person eine Form menschenfreundlicher Liebe und universeller Gerechtigkeit sein? Wenn es für den Menschen nichts Schlimmeres gibt als den quälenden Prozeß des Todes und wenn die Todesstrafe dennoch nicht als Widerspruch zu Liebe, Gerechtigkeit und Dienst am Nächsten angesehen wird, dann ist eine Klärung der allgemeinen Vorstellung von altruistischen Begriffen wie menschlicher Güte und staatlicher Gerechtigkeit dringend notwendig. Denn wie ist es sonst möglich, daß Gerichtshöfe, die selbst von den klügsten Köpfen der Welt in hohem Ansehen gehalten werden, und Armeekommandanten, die weltberühmte Schlachten gewonnen haben, frei sind vom Stigma der Rachsucht, Grausamkeit, Gewalttätigkeit, Tyrannei und Bösartigkeit - den schlimmsten Verbrechen und schwersten Sünden überhaupt? Das Studium des Menschen und seiner Beziehungen ist wahrlich ein Wunder, ein Mysterium und ein Rätsel. Es sieht so aus, als befände sich hinter der Oberfläche der Existenz ein unbekannter Faktor, der die Aufmerksamkeit des Menschen sein ganzes Leben hindurch erregt. Und niemand scheint mit der Befriedigung zu sterben, die Geheimnisse des Lebens entwirrt zu haben.

        Diese gesamte Angelegenheit kann in einer zentralen Frage zusammengefaßt werden: Geht der Mensch dem Gesetz voraus oder das Gesetz dem Menschen? Im Westen gibt es für beide Betrachtungsweisen dieses Sachverhalts berühmte Vertreter: zum einen Thomas Hobbes mit seiner “Kontrakt-Theorie des Staates” und auf der anderen Seite G.W.F. Hegel mit seiner “logischen Theorie des Staates”. Die “Kontrakt-Theorie” besagt, daß sich der Mensch ursprünglich in einem Zustand der Natürlichkeit befand und vom “Gesetz der Fische” (der große frißt den kleinen) und vom “Gesetz des Dschungels” (wer die Macht hat, ist im Recht) regiert wurde, was einer kaum vorstellbaren Verunsicherung der Individuen gleichkam. Wenn jeder jedem alles zu jeder Zeit und unter allen Umständen antun kann, ist das eigene Leben fortwährend bedroht und erweist sich letztendlich vielleicht sogar als unmöglich. Um dieser Gefahr für das Leben eines jeden zu begegnen, haben sich die Menschen zusammengesetzt und ein Gesetzes- und Regierungssystem geformt, wobei sie die Regierungsmacht einer einzelnen Person (Monarchie), einer Gruppe von Personen (Oligarchie oder Bürokratie) oder einer Versammlung von Personen übertrugen, die in periodisch wiederkehrenden Abstimmungen gewählt werden (Demokratie). Hier wird das Gesetz der Gesellschaft und der politischen Regierung von den Menschen mittels Abstimmung und Übereinkunft geschaffen, um sich den jeweiligen Umständen oder Bedingungen der Zeit anzupassen. Wenn sich die Lebensbedingungen verändern, so können und müssen auch die Gesetze durch allgemeines Einverständnis geändert werden. In diesem Fall sieht es so aus, als gäbe es das Gesetz erst dann, wenn der Mensch es will. In diesem Fall wäre das Gesetz eine Erfindung, die von den Bedürfnissen und Lebensbedingungen der Menschen notwendig gemacht worden ist. Es existiert nicht aus sich selbst. Der Mensch kann es über eine Stimmenmehrheit einführen oder abschaffen (da wohl kaum ein jeder immer allem freudig zustimmt), wobei es Fälle gab, in denen dies auf gewaltsame Art und Weise auch von einer zahlenmäßigen Minderheit vollbracht wurde. Dies deutet darauf hin, daß der Mensch Gesetze entweder aus wirklichem Verständnis für die Notwendigkeiten der Zeit einführt, was zum Wohle der Mehrheit beitragen würde, oder aber mit Hilfe von physischer Gewalt, was sehr leicht im Leidwesen der Massen enden kann. Wie dem auch sein mag, wenn man den Ursprung der sozialen Gesetzgebung aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist es der Mensch, der die Gesetze macht, und genau dies ist die Essenz der “Kontrakt-Theorie” in der politischen Wissenschaft. Hieraus würde jedoch folgen, daß auch der Gerechtigkeitssinn womöglich nur eine bloße Farce oder Laune in den Köpfen der herrschenden Mächte darstellt, da die Ausübung von Gerechtigkeit ja über die Ausübung des Gesetzes vollzogen wird. Bei genauer Betrachtung des Themas erkennt man sogar, daß die Konsequenzen der “Kontrakt-Theorie” mit dem psychologischen Hintergrund der Gesellschaft identisch sind, der von der Psychoanalyse studiert wird. Der Mensch kann durch selbstgeschaffene Gesetze unmöglich zu einem besseren Wesen werden, da er dieselben Gesetze ja mit Hilfe der Prinzipien des Kontraktes ebenso auch wieder abschaffen kann, so daß eine auf Vernunftgründen basierende Gerechtigkeit nur bedeutungsloses  Geschwätz wäre.

        Selbst wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, daß die “Kontrakt-Theorie” die Wahrheit über den historischen Ursprung der menschlichen Gesetze und Regierungen sein mag, muß selbst diese Art des Rechtsursprungs aus einem Prinzip hervorgegangen sein, das gegenüber dem von der “Kontrakt-Theorie” angenommenen geschichtlichen Ereignis des Ursprungs des Gesetzes eine logische Vorrangstellung haben müßte. Hier kommen wir zu einem sehr subtilen philosophischen Gedanken, der im Kopf eines gewöhnlichen Menschen normalerweise nicht auftaucht. Warum empfinden die Menschen überhaupt eine Notwendigkeit dafür, in gemeinsamer Übereinkunft ein Gesetz einzuführen? Die Antwort auf diese Frage bildet die logische Grundlage für die Klärung der Bedeutung und der Notwendigkeit des Gesetzes. Das Prinzip, das der menschlichen Bemühung um einen gemeinsam ausgearbeiteten Gesetzesentwurf vorausgeht, ist das zentrale Gesetz, das all die Gesetze konditioniert und reguliert, die vom Menschen dann in Folge durch Wahl und Übereinkunft erstellt werden. Dies ist der Punkt, mit dem Hegel die  Theorie von Hobbes in Frage stellt. Es ist nicht möglich, daß der Mensch der ursprüngliche Schöpfer der Gesetze ist; denn wäre dies der Fall, dann wäre es sehr schwer zu verstehen, warum der Mensch überhaupt ein Bedürfnis verspüren sollte, das Gesetz zu erschaffen. Diese vom Menschen empfundene Notwendigkeit ist der bedingende Faktor hinter den von ihm entworfenen Gesetzen und somit das “Urgesetz”, das “universelle Gesetz”, das die vergänglichen Gesetze des irdischen Staates reguliert. Wenn das Gesetz die Verhaftung, Inhaftierung oder gar Hinrichtung einer Person verlangt, so geschieht dies nicht auf Grund der Wirkung des vom Menschen erdachten Gesetzes (andernfalls könnte der Mensch sein Gesetz ja plötzlich ändern und so etwas wie eine gesetzliche Bestrafung völlig abschaffen), sondern auf Grund der Reaktion, die von einem weitreichenderen Gesetz ausgelöst wurde, das selbst der Gesamtheit aller Individuen in der Gesellschaft und den Mitgliedern der Regierung übergeordnet ist. Und was ist dieses Gesetz?

        Hier wenden wir uns dem methaphysischen Hintergrund des Gesetzes zu, der zugleich auch dessen logische Erklärung und Rechtfertigung ist. Die Beziehung zwischen Mensch und Mensch ist nicht das Ergebnis einer selbst gewählten Übereinkunft, sondern eine rationale Notwendigkeit, die von der Struktur des Universums diktiert wird. Menschliche Beziehung kann nicht je nach Laune geschaffen und aufgelöst werden, da sie in einem bestimmten Muster strukturellen Verhaltens verwurzelt liegt, welches sich in Harmonie mit der Natur des Universums in seiner Ganzheit befindet. Die Notwendigkeit für das Gesetz ergibt sich aus der Tatsache, daß man ein Bedürfnis danach empfindet, emporzusteigen und in einen höheren Grad der Wirklichkeit hinein zu wachsen als ihn derjenige darstellt, in dem man sich gegenwärtig befindet. Dieses Wachstum hinein in eine höhere Wirklichkeit ist sowohl quantitativ als auch qualitativ zu sehen, und zwar in einer Art und Weise, in der beide Aspekte nicht voneinander unterschieden werden können. Ist der Jugendliche denn nicht ein höherer Grad der Wirklichkeit als der Säugling, und zwar sowohl quantitativ an Kraft als auch qualitativ in seiner Verstandesfähigkeit? Und  können wir im Verhalten und Handeln des Jugendlichen zwischen dieser Quantität und Qualität unterscheiden? Dies ist ein alltägliches Beispiel zur Illustration des eben behandelten Themas. Ein höherer Realitätsgrad ist in seiner Erhabenheit und Bedeutsamkeit jedoch weit mehr, als es diese Illustration andeuten kann. Der höhere Wirklichkeitsgrad deutet nicht nur auf einen umfangreicheren Inhalt im Sinne eines quantitativen Maßes hin, sondern ebenfalls auf eine größere Tiefe des Begreifens und der Weisheit beziehungsweise der Einsicht in die Natur der Dinge. Betrachten wir hier zur weiteren Klärung folgendes Beispiel: Auf welche Weise transzendiert der im Wachzustand gegenwärtige Wirklichkeitsgrad denjenigen, der in der Traumwelt erfahren wird? Auf Grund der Qualität des Realitätssgrades im Wachzustand, würden sich wohl viele von uns eher dafür entscheiden, als Bettler in der “wachen Welt” zu leben denn als König in der “Traumwelt”. Die quantitative Transzendenz und Einschließlichkeit im Wachzustand bedarf keiner Erwähnung, da sie offensichtlich ist. Um ein drittes Beispiel anzuführen: Ist der Mensch nicht mehr als die bloße Gesamtheit oder Ansammlung der verschiedenen Glieder seines Körpers? Selbst wenn man alle Teile des menschlichen Körpers zusammen betrachtet, können sie nicht als der Mensch schlechthin angesehen werden, da das, was wir unter einem Menschen verstehen, eher eine “Bedeutung” oder eine transzendente “Essenz” ist, die den Körper und die Persönlichkeit erfüllt und belebt, als die Körperlichkeit selbst. Der Mensch ist eine “Bedeutung”, eine “Inhaltsfülle”, der Zustand eines “integrierten Bewußtseins” und nicht nur ein physischer Körper, eine psychologische Einheit oder eine soziale Persönlichkeit.

        Und ebenso ist es mit dem Gesetz. Es ist eine transzendente, vielschichtige Bedeutung oder Kraft, die eine sowohl quantitative als auch qualitative schrittweise Integration des Bewußtseins verlangt, bis dieses seinen Höhepunkt erreicht, den man das Absolute nennt.  Gesetz ist demnach eine Wirkung des Systems des Absoluten, das sich über verschiedene evolutionäre Stadien zunehmenden Umfangs und wachsender Perfektion ausdrückt und bereits in der letztlichen Kausalität des Universums, der Entstehung der Atome und der Schwingung von Elektronen beginnt. Soziale Gesetze und politische Rechtssysteme können sich folglich auch nicht der Notwendigkeiten entziehen, die das Gesetz des Universums bedingt. Es ist genau dieses universelle transzendente Prinzip, das die Individuen entweder belohnt oder bestraft. Es bildet die Grundlage aller noch so unergründlich scheinenden menschlichen Verhaltensweisen und ist die Erklärung dafür, warum Individuen nach gegenseitiger Liebe und Zusammenarbeit streben und sich dabei aber gleichzeitig mit einem vorsorglich in der Jackentasche versteckt gehaltenen Messer zum Kämpfen bereithalten. Hier haben wir vielleicht das Fundament der Philosophie des Gesetzes. Ethik und Moral sind somit notwendige Werte. Das Gesetz hat eine Bedeutung und weist auf eine jenseits von ihm existierende Wahrheit hin.

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12     Studium der logischen Basis
rechtlicher und ethischer Prinzipien

        Wenn wir die Prinzipien verstehen wollen, die den verschiedenen Gesetzessystemen zugrunde liegen, müssen wir zuerst jenes faszinierende “Etwas” untersuchen, das als “Beziehung” zwischen den Dingen bekannt ist. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, kann man durchaus sagen, daß alle philosophischen Systeme der Welt lediglich Gedankengebäude sind, die in den Köpfen von Denkern entstanden, die hart darum gekämpft haben, die wahre Bedeutung dieser scheinbar unsichtbaren und dennoch sehr realen und durchdringenden Essenz namens “Beziehung” zu erforschen. Wir halten die Beziehung von einer Sache zur anderen schon fast für so selbstverständlich und offensichtlich, daß wir es nicht einmal für nötig erachten, uns einmal die Zeit dafür zu nehmen, um herauszufinden, was sie wirklich ist. Eine genaue Betrachtung dieser Situation zeigt uns jedoch, daß es sich hier um eine sehr harte Nuß handelt, die selbst die besten Denker aller Zeiten nicht ohne weiteres knacken konnten. Die Schwierigkeit, die “Beziehung” zwischen den Dingen zu klären ist die Ursache dafür, daß der Mensch zu gleicher Zeit auf eine immer umfassendere Vereinigung und ein immer engeres Band des Zusammenseins aller Menschen hofft (er kann von der Erwartung nicht ablassen, daß ein derartiges Ideal vielleicht einmal erreichbar ist, obwohl er es bis zum heutigen Tag nie erreicht hat), und sich dabei trotzdem unterschwellig in einem unmanifestierten Krieg mit seinen Brüdern befindet, der nur darauf wartet auszubrechen, was ja in völligem Gegensatz zu der anfangs zitierten Hoffnung auf ein höheres Band der Einheit steht, nach dem man sich sehnt und für das ein jedes Mitglied in der menschlichen Gesellschaft zu arbeiten scheint. Diese zweischneidige und zwiespältige Haltung und Veranlagung des Menschen gegenüber dem Leben war schon immer die Quelle seiner Freuden und Leiden. Ist dies womöglich der Grund dafür, daß es dem Leben bislang gelungen ist, ein ungelöstes Mysterium zu bleiben?

        Diese rätselhafte Lage der Dinge ist nur anhand der wundersamen Natur der menschlichen “Beziehungen” erklärbar, was der Grund dafür ist, warum die zugrunde liegenden Prinzipien von Gesetz und Ethik sogar heute noch die Themen immer neuerer Nachforschungen darstellen, deren endgültiges Ergebnis noch nicht absehbar ist. “Menschliche Beziehung” ist eine quälende Notwendigkeit, Erhabenheit und Schönheit, weshalb sie seit jeher sowohl das Thema von großartigen intellektuellen Überlegungen und Konferenzen als auch das ewig heranwinkende Ziel von Philanthropen, sozialen Wohlfahrtskreisen und selbst von religiösen Idealisten war, auch wenn dieses Ziel nie verwirklicht werden konnte. Zur gleichen Zeit war “menschliche Beziehung” ein undeutliches Gespenst, das die Menschen auf Grund des unklaren Charakters ihrer innewohnenden Natur in einem ununterbrochenen Zustand der Unsicherheit festhielt, der im Kopf eines jeden immer wieder Zweifel darüber aufkommen ließ, ob der andere wirklich ein so vertrauenswürdiger Freund ist, wie es seine äußere Erscheinung vermuten läßt. So kommt es, daß die Welt in zwei Lager gespalten ist: Eine Gruppe behauptet, das Leben wäre eine herrliche Manifestation universeller Harmonie und Gleichberechtigung von allen mit allen anderen in tiefer Liebe, aufopfernder Güte und organischer Einheit, in deren Richtung sich alles bewegt und bewegen muß; und die andere Gruppe sieht das Leben als Bühne, auf der das Schauspiel des alles verwüstenden Leids aufgeführt wird, das durch die Unversöhnlichkeit der psychologischen Strukturen der verschiedenen menschlichen Individuen herbeigeführt wird. Konsequenterweise behaupten letztere, daß soziale Solidarität und vielleicht auch individuelle Befriedigung nicht erreicht werden kann, es sei denn, über die Funktion einer mächtigen gesetzlichen und moralischen Kontrollmaschine, die den Individuen von einer herrschenden Autorität auferlegt wird, wobei es ganz gleich ist, ob diese von einer einzelnen Person, einer Gruppe von Personen, einer Regierung oder einer heiligen Schrift verkörpert wird. Sind wir aber in irgendeiner Weise dem Ziel allen menschlichen Bemühens und Strebens nahe, wenn wir uns mit einem sorgenvollen Leben und angespannten Nerven zufriedengeben, die vom ewigen Konflikt dieser beiden gegensätzlichen Lager menschlicher Ideen und Handlungen verursacht werden?

        Wenn wir versuchen, etwas tiefer in diese Materie vorzudringen, werden wir bald die Notwendigkeit verspüren, darüber nachzudenken, warum es überhaupt zu diesen beiden Betrachtungsweisen des Lebens und seiner Bedeutung gekommen ist. Der Grund dafür scheint zu sein, daß zwei gewichtige Faktoren begonnen haben, das zu bilden, was wir als  menschliches Leben kennen: der Faktor der Einheit und der Faktor der Verschiedenheit. Beide scheinen im gegenwärtigen Stadium der menschlichen Evolution eine gleich starke Rolle zu spielen, auch wenn man zugeben muß, daß je einer dieser beiden Faktoren in wechselnden Proportionen in einem vergangenen Stadium der Evolution vorgeherrscht hat oder in einem zukünftigen Stadium vorherrschen wird. Der Mensch ist jeden Tag zugleich glücklich als auch unglücklich, was andeutet, daß er in sich sowohl einen unwiderstehlichen Drang zur Verwirklichung der Einheit mit der gesamten Schöpfung verspürt als auch einem gleichzeitig wirkenden Druck seitens seiner vom Ego bestimmten psycho-physischen Individualität unterliegt, der in der Sprache von Selbstsucht und Unterscheidung, von körperlichem Genuß und egoistischer Eigendurchsetzung spricht, was ihn unaufhörlich mit gleichgearteten Merkmalen, die ja bekanntlich auch jedes andere menschliche Wesen auszeichnen, in Konflikt geraten läßt. Die Welt ist sowohl ein Dharma-Kshetra, ein Feld der Rechtschaffenheit, das aus dem einheitlichen Absoluten, der einzig existenten Wahrheit, hervorgeht, als auch ein Kuru-Kshetra, ein Feld der Aktivität und des Kampfes gegen die schweren Widerstände, denen man sich täglich angesichts der schweren Opposition von anderen Menschen stellen muß, in denen ebenfalls eine unbesiegbare Leidenschaft zur Durchsetzung ihrer körperlichen Befriedigungen und Ego-Freuden wohnt.

        Dies sind die zwei bedeutendsten Akte im Drama des universellen Lebens, und solange wir nicht in der Lage sind, beide Szenen in ihrer wechselseitigen Verbindung zu beobachten, die auf die Darstellung einer geordneten Vollständigkeit des Gesamtbilds des ganzen Dramas hinzielt, können wir auch nicht für einen einzigen Moment Frieden in unserem Denken finden. Was jedoch ist die Lösung? Im Osten neigten Shankara[15] und Buddha zur Betonung des Einheitsaspekts und im Westen G.W.F. Hegel und Arthur Schoppenhauer zur Betonung des Verschiedenheitsaspekts, womit sie die letztendlichen methaphysischen und psychologischen Aspekte der Lebensbedeutung auf eine jeweils spezielle Art und Weise dargestellt haben. Es ist jedoch zweifellos notwendig, diese beiden Aspekte zusammenzubringen, was eine in der Tat herkulische Aufgabe ist.

        Hier stolpern wir erneut über die grundsätzliche Zweideutigkeit des sozialen Gesetzes, der sozialen Ordnung und der ethischen und moralischen Gebote. Die politische Theorie von Hobbes befindet sich in perfekter Übereinstimmung mit der empirischen und psychologischen Seite des menschlichen Miteinanders. Die andere und in keiner Weise weniger wichtige Seite ist der letztendliche ontologische Status des Lebens, und das war das Spezialgebiet von Hegel. Die soziale “Kontrakt-Theorie” der menschlichen Beziehungen und der politischen Organisation verlangt nach einer strikten Staatskontrolle durch die Mittel der Machtausübung, der rechtlichen Gesetzgebung und der Auferlegung einer äußeren Autorität, die die extravaganten Äußerungen der menschlichen Selbstsucht unter Kontrolle halten sollen, die immer dann ausarten, wenn unkontrollierbaren Leidenschaften und Vorurteilen freier Lauf gelassen wird. Ohne eine solche feste Kontrolle würde sich die menschliche Gesellschaft leicht in einen schmerzvollen Schauplatz voll Chaos und Unheil verwandeln, was ja wohl kaum das ehrliche Ziel oder die wahre Absicht des menschlichen Herzens sein kann. In Hinsicht auf die Natur der Umstände dieser Angelegenheit und unter den herrschenden Bedingungen ist dies zwar wahr und gerechtfertigt, doch würde das menschliche Individuum in eine unglückliche Marionette verwandelt werden, die unter dem Gewicht der äußeren Machtausübung zerdrückt wird, insgeheim leidet und mit der völlig unverwirklichten Hoffnung auf uneingeschränkte Freiheit und Freude stirbt, wenn diese Methode, den Verlauf des menschlichen Lebens zu lenken, als ganze und vollständige Wahrheit akzeptiert wird. Leider scheint dies jedoch zumindest die halbe Wahrheit über die mißliche Lage des Menschen zu sein. Muß das aber so sein?

        Vielleicht sollten wir zuerst einmal versuchen, die menschliche Notlage anhand eines alltäglichen Beispieles deutlich zu machen: Ein starkes Magnetfeld kann Tausende von winzigen Eisenspänen in einem mächtigen Band des Einklangs zusammenhalten. Solange die magnetische Kraft ihren Einfluß auf die Späne ausübt, können sich diese nicht unkontrolliert zerstreuen, da sie dazu gezwungen sind, ihre Position gemäß der von außen auf sie einwirkenden Kraft beizubehalten, auch wenn sich diese Kraft vollkommen außerhalb der inneren Struktur der Späne befindet. Obwohl die Späne nun aufgrund der äußeren Krafteinwirkung in einem Band des Einklangs zusammengehalten werden, sind sie jedoch noch immer isolierte Individuen, und niemand kann behaupten, daß ihre Individualitäten in wahrer Einheit im Sinne einer gemeinsamen Existenz verschmolzen wären. Übertragen auf die menschliche Gesellschaft ergibt sich daraus folgendes Bild: Obwohl es so aussehen mag, als könnte eine durch die Regierung ausgeübte politische Kontrolle die persönliche Gier und die egoistischen Leidenschaften der Individuen wirksam in Schach halten, indem sie ihre Freiheit beschneidet und ihre selbstsüchtigen Neigungen einem ausgleichenden durch soziale und politische Regulierungen ausgeübten Druck unterwirft, wird dadurch nur ein künstlicher Friedenszustand erzeugt, in dem die Individuen weder ihre Individualität verlieren noch ihre selbstsüchtigen Neigungen aufgeben, auch wenn diese Neigungen vorübergehend unter Kontrolle gehalten werden. Schlafende Hunde und eingerollte Schlangen hören nicht auf, das zu sein was sie sind, nur weil sie sich im Augenblick nicht bewegen. Man kann wahre Glückseligkeit und Frieden nicht einfach dadurch erreichen, daß man den Teufel, der schwer bewaffnet darauf wartet, uns zu vernichten, in Ketten legt. Diese fromme Hoffnung kann nur dann verwirklicht werden, wenn man nicht nur eine künstlich harmonische Ansammlung von essentiell verschiedenartigen Charakteren aufrecht zu halten versucht, sondern die Menschen samt ihrer Vorurteile und Neigungen in eine universelle Harmonie emporhebt, die den Charakter einer unteilbaren Ganzheit aufweist. Gesetzgebungen müssen demnach mit dem Geist einer letztendlich spirituellen Einheit der Existenz belebt werden. Die Abwesenheit dieser unentbehrlichen Erkenntnis in den Verwaltungsbereichen vergangener Regierungen war der wesentliche Grund für den Sturz von Weltreichen, für das Zerbrechen von Sozialstrukturen, für das Versagen ethischer Regeln in der menschlichen Gesellschaft und für das Scheitern der ansonsten aufrichtigen Bemühungen von großartigen Führern der Menschheit.

        Die Moral der menschlichen Gesellschaft beruht seit jeher meist auf gesetzlichen Regulierungen, so daß es aus den Tiefen der Menschenseele, die die uneingeschränkte Freiheit sucht, verständlicherweise zur Auflehnung dagegen gekommen ist. Die Torheit des Menschen liegt jedoch seit jeher darin, daß er versucht, sich die ersehnte Freiheit zu erkämpfen, indem er das gleiche Recht anderer Individuen verletzt, die sich ihrerseits um Freiheit bemühen. Wahrlich, der Mensch ist der Knotenpunkt zwischen Gott und Bestie. Der göttliche Funke in ihm drängt ihn in Richtung absoluter Freiheit, doch der Teufel, den er zur gleichen Zeit in seiner Brust beherbergt, läßt ihn in Konflikt mit seinen Brüdern geraten und Krieg mit der restlichen Menschheit führen. Diesen Krieg beginnt er aufgrund seiner Unwissenheit um die Tatsache, daß absolute Freiheit solange unmöglich bleiben muß, bis er mit entsprechendem Respekt sowohl die Stärken als auch die Schwächen und Bemühungen der anderen berücksichtigt, die ja ebenfalls in der weiten Atmosphäre der Menschheit um ihn herum existieren. Es kann kein abgesondertes “Absolutes” für jedes einzelne Individuum geben, sondern nur ein einziges Absolutes, das Leben und Bestrebungen aller Individuen in sich vereint und in einer ozeanischen Ausdehnung äußerster Vollkommenheit transzendiert. Damit der Mensch sozialen und politischen Frieden finden kann, der den persönlichen Frieden in sich umschließt, benötigt er eine Weltregierung, die in ihre verwaltende Organisation die Notwendigkeit miteinbezieht, die Umstände zu berücksichtigen, derer es bedarf, um die menschliche Natur auf ihr angestrebtes Ziel der universellen Absolutheit hin emporzuheben. Dieses Ziel kann nur eine äußerst spirituelle Essenz sein, in die die Materie des Universums in kosmischer Subjektivität verschmilzt. Darüber hinaus müßte die  Notwendigkeit berücksichtigt werden, individuelles Verhalten und Handeln durch rechtliche und gesetzliche Kontrolle zu leiten und auf dem Weg zu diesem grandiosen Lebensziel hin zu unterstützen. Wie großartig! Doch ist dies auch praktizierbar?

        Die Antwort lautet “ja” und präsentiert sich in dem leuchtendem Bild des Zeitalters der Wahrheit, das in indischer Tradition als Satya-Yuga bekannt ist und von dem es heißt, daß es sich auf Erden vor langer, langer Zeit ereignet hat und dessen periodische Wiederkehr und Wiederholung, den Überlieferungen gemäß, nach oder zu Beginn eines jeden Weltzeitzyklus erwartet wird. Dies ist das Schicksal des Menschen, das er sowohl in glorreichen Perioden konstruktiver geschichtlicher Zeiten als auch in den üblen, destruktiven  Zeiten des Krieges anstrebt. Könnte man diese beiden Aspekte als “Licht des Tages” und “Dunkelheit der Nacht” innerhalb des sich beständig wandelnden Geschichtszyklus bezeichnen, der von der ewigen Sonne des allmächtigen Absoluten erleuchtet wird? Es hilft nichts, lediglich nationale Hymnen zu singen, mittels gesetzlicher Gebote tyrannischen Druck auszuüben oder sich für menschlichen Frieden und für das Allgemeinwohl einzusetzen, wenn man diese letztendliche und grundsätzliche Bedeutung der menschlichen Natur und Geschichte in der geschäftigen Anspannung des Lebenskampfes aus den Augen verloren hat, der durch die unvermeidliche Reibung zwischen dem abwärts führenden und aufspaltenden Sog der empirischen Persönlichkeit des Menschen und dem aufwärts- und zur Vereinigung strebenden Drang seiner höheren spirituellen Natur verursacht wird. Verwaltungstechnisches Genie ist somit weder nur gesetzlich, ethisch oder weltlich (ohne die spirituelle Bedeutung der Struktur des Universums zu berücksichtigen) noch ist es reine Religiosität oder Spiritualität im Sinne eines formverhafteten und traditionsgebundenen Schriftgelehrten-Typus oder eine starre, asketisch orientierte Einstellung, die der realistischen Annäherung an das Leben beraubt ist, die verlangt, daß man den beständigen Bedarf nach Recht, Ethik und humaner Würdigung der ganzen Menschheit berücksichtigt. Unglücklicherweise ist der Mensch seit jeher engstirnig und damit unfähig, derart umfassend zu denken und zu handeln. Dies dürfte ausreichend erklären, warum der Mensch ist, was er ist, und warum die Welt immer schon so war, wie wir sie auch heute vorfinden.

        Es bedürfte der Führerschaft eines gewaltigen Genies mit der Fähigkeit, in die universellen Kräfte einsehen zu können. Und diese Kräfte sind weder materiell minus spirituell, noch spirituell minus materiell. Die Wahrheit ist eine Verschmelzung von Geist und Materie, von Göttlichkeit und Menschlichkeit, von Gott und der Welt. Wird der Mensch in der Lage sein, diese Vision in sich zu erwecken? Wenn ja, dann gibt es für ihn Hoffnung, und dann ist auch wirklicher Frieden möglich, und zwar nicht nur auf Erden, sondern ebenso im Himmel und überall. Andernfalls ist das Objekt, nach dem gesucht wird, sehr weit entfernt und nur schwer zu finden. Die Welt bedarf der Führerschaft eines Übermenschen, dessen Augen Gott und die Welt gleichzeitig schauen können, dessen Persönlichkeit zugleich heiliger Tempel des Allmächtigen und aktive Verkehrsader der menschlichen Angelegenheiten ist. Die Welt hat ein solches Ideal in der Persönlichkeit von Sri Krishna gesehen, der ein außergewöhnlicher Vertreter der größten Staatsmänner ist, und zwar in dem Sinne, wie wir ihn oben als dringend notwendig für die Wohlfahrt der Menschheit definiert haben. Es hat auch in anderen Perioden der Menschheitsgeschichte Gelegenheiten für die Manifestationen solcher Übermenschen gegeben, deren Aufzählung in einer kurzen Abhandlung jedoch schwierig sein dürfte. Falls der Mensch überhaupt noch dazu fähig ist, Hoffnung in seinem leidgeprüften Herzen zu nähren, das darum kämpft, sich in dem reißenden Strom der Evolution in Richtung seiner ehrfurchtgebietenden Bestimmung an einen Strohhalm zu klammern, dann beruht diese Hoffnung genau auf der Verwirklichung dieses übermenschlichen Ideals.

        Soziale Sicherheit und Freundschaft können nicht gewährleistet werden, solange die soziale Beziehung als eine rein äußerliche Verbindung verbleibt, die unabhängig von den durch sie verbundenen Individuen wirkt und nicht innerhalb der Natur der Individuen selbst. Eine Beziehung zwischen zwei Personen muß die Essenz dieser beiden Individuen durchdringen. Nur dann ist es möglich, daß die Beziehung zwischen beiden freundschaftlich, sicher und beständig werden kann. Sollte diese Beziehung jedoch nur eine Form sein, die aufgrund eines von außen ausgeübten Druckes eingegangen wird, so daß die beiden Individuen nur miteinander verbundenen zu sein scheinen, dann können die derart durch eine äußere und ihrer eigenen Natur gegenüber fremde Macht miteinander verbundenen Individuen sich im selben Moment gegenseitig an die Gurgel springen, in dem dieser äußere Druck entfernt wird. Und genau dies geschieht, wenn der Staat, der der Gesellschaft seine Gesetze aufzwingt, eher eine Maschine als ein Organismus ist. Zusammen mit Hobbes mag man der Meinung sein, daß der Staat niemals mehr sein kann als eine von außen auf das Individuum einwirkende Maschine, was auch immer die Notwendigkeit für die Inbetriebnahme der Maschine sein mag. Für Hegel ist der Staat ein Organismus, der das Gesetz des Absoluten widerspiegelt und ein lebendigeres, umfangreicheres und wirklicheres Prinzip darstellt als das Individuum; nicht eine “kollektive” Kraft, sondern ein unteilbares Gesetz, das vom inneren Willen der Individuen letztendlich nicht getrennt werden kann. Die viel mißbrauchte und verzerrte Tradition der göttlichen Herkunft oder des göttlichen Rechts der herrschenden Autorität, die in alten Zeiten so hoch angesehen war, ist vielleicht vor dem Hintergrund der Hegelschen Logik von der organischen Struktur des Staates als vorübergehender Manifestation des ewigen Gesetzes des Universums zu verstehen. Für den durchschnittlichen Verstand ist es jedoch extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die tiefere Bedeutung der Hegelschen Philosophie des Staates zu verstehen, deren Fehlinterpretation zur ökonomischen Philosophie des Materialismus führte, der sich für seine Lehrsätze zwar die dialektische Logik Hegels aneignete, den spirituellen Inhalt jedoch nicht erkannte. Das griechische Sparta und Nazi-Deutschland waren Beispiele einer Verherrlichung der Staatsmacht, der die spirituelle Vitalität und Kraft fehlt, was den Staat somit in einen Vernichtungsapparat verwandelte, der mit dem Gewicht eines Bulldozers über die Individuen hinweg rollte und sie unter diesem Gewicht zerquetschte. Die politischen Systeme des alten Athens und des modernen Frankreichs haben der individuellen Freiheit und der Staatsmaschinerie einen gleichwertigen Status eingeräumt, wobei der Staat zwar noch immer als Maschine verbleibt, doch nicht mehr in dem Ausmaß, daß er die individuelle Freiheit zerstört. In England jedoch wurde die Doktrin der individuellen Freiheit über die Struktur des Staates gestellt, der zum Wohle und zum Wachstum des Individuums besteht und keinem anderen Zweck dienen soll als dem Individuum. Die spontane Äußerung eines Beobachters dieser drei Staatsmodelle wäre wohl, daß das erste völlig falsch sein muß und in keiner Weise mit der Wahrheit übereinstimmen kann; das zweite, aus dem empirischen Blickwinkel der Dinge betrachtet, pragmatisch und versöhnlich erscheint; und das dritte vielleicht das beste sein dürfte. Doch selbst dieses beste kann nicht wirklich als das beste angesehen werden, solange es das Individuum und den Staat als sich einander ausschließende Größen betrachtet, wobei das eine außerhalb des anderen existiert und beide dennoch durch ein unergründliches Band miteinander verbunden sind, welches weder vom Individuum noch vom Staat unabhängig voneinander verstanden werden kann. So kommt es, daß kein politisches System jemals auf lange Sicht und unter allen Umständen erfolgreich gewesen ist. Die Systeme haben sich gelegentlich gewandelt, um sich den veränderten äußeren Umständen und Bedürfnissen der Individuen im Ablauf der Zeit anzupassen. Obwohl diese Veränderungen als Reaktionen auf jenseits der menschlichen Kontrolle liegende Bedingungen logisch gutgeheißen werden mögen, haben sie bis heute noch nicht zur Entdeckung eines stabilisierenden Ankers geführt, auf den sich die Notwendigkeit zur Veränderung als beständigem Standard beziehen könnte. Und es sieht so aus, als ob der Mensch noch keine Zeit dafür verwendet hat, solch einen Ankerplatz als geeignete Bezugsgröße zu suchen. Gott, die Welt, das Individuum und die Gesellschaft werden fälschlicherweise als vier verschiedene Realitäten angesehen, was sie unglücklicherweise aber nicht sind. Sie sind die vier Facetten des leuchtenden Kristalls einer einzigen Wirklichkeit, auf die sich alles hin bewegt und für deren Verwirklichung alle Dinge unermüdlich beschäftigt sind.

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13     Kloster und Herd

        Die Menschheitsgeschichte ist seit Urzeiten von einer deutlichen Unvereinbarkeit zwischen den spirituellen und den zeitlichen Werten durchzogen. Diese psychologische Kluft, die als dauernder Störfaktor für das praktische Leben des Individuums wirkt, hat viele Formen, die zum Teil persönlicher und zum Teil sozialer Natur sind. Doch egal, welcher Natur dieses beständige Gefühl auch immer sein mag, das unterbewußt in den Köpfen der Menschen wirkt, es hat offensichtlich weitreichende Konsequenzen. Die Grenze, die man üblicherweise zwischen dem religiösen Leben und dem weltlichen Leben zieht, ist ein deutliches Beispiel für dieses Phänomen, das sich nicht nur im Privatleben der Individuen manifestiert, sondern auch auf den sozialen und politischen Ebenen des Lebens. Dieser in das menschliche Denken festgebrannte Grundzug führt dazu, daß der Mensch gelegentlich von einem inbrünstigen Drang zur Entsagung aller irdischen Werte erfaßt wird, um den religiösen oder spirituellen Werten nachgehen zu können, beziehungsweise dem, was er im Rahmen seiner eigenen psychologischen Beschränkungen dafür hält.

        Leider hat dieses Phänomen jedoch auch seine negativen Seiten, die in den Schichten des persönlichen Empfindens eine Spaltung geschaffen haben und ebenfalls in der Lebensweise, die sich aus der Beziehung zur Sozialstruktur der äußeren Umwelt ergibt. Das Ergebnis dieser historischen Trennung zwischen dem Religiösen und dem Weltlichen, die jahrhundertelang von jedermann bestätigt worden ist, kann letztlich nicht als gesund bezeichnet werden, da sie zur Unzufriedenheit und einem Unglücksgefühl führt, das einer solchen Zwangsvorstellung automatisch folgt. Betrachten wir an dieser Stelle eine der vielen Arten, auf welche dieses psychologische Phänomen eine Spannung im Individuum und in der Gesellschaft geschaffen hat; nämlich die Betonung auf einerseits religiöse Bedürfnisse und andererseits weltliche Verlockungen.

        Der Ruf zur Entsagung und der Drang zur Arbeit können als die verschiedenen Gesichter dieser, auf die menschliche Natur wirkende Kraft angesehen werden: der Drang nach dem Kloster einerseits und nach der bequemen Wärme des häuslichen Herdes andererseits. Einige der Zweifel, die sich unbemerkt in die Herzen der Menschen einschleichen, können zu den folgenden Fragen führen: Verlangt die Religion, den Freuden des Lebens zu entsagen, und wenn ja, würde dies nicht auf einen sadistischen Auftrag zur Marterung des ansonsten gesunden Lebens des Individuums hinauslaufen? Bedeutet Religion das Aufgeben von Arbeit, insbesondere jener Arbeit, die als nicht zu verletzende Pflicht angesehen werden sollte, wie etwa Dienst für die Familie, für das Land, für die Menschheit, für die Armen und Unterdrückten? Ist die religiöse Neigung nicht eine Hinwendung zur Selbstzentriertheit und selbstsüchtigen Gefühllosigkeit gegenüber den Realitäten des Lebens, ja gar eine Flucht vor den harten Tatsachen der Existenz und eine krankhafte Abneigung gegenüber einer positiven Annäherung an das Leben, ganz abgesehen davon, daß sie eine eindeutig egozentrische Haltung zu sein scheint, die die eigene persönliche Befreiung von den Leiden der Welt in einem transzendenten Gott zu finden sucht, während die unwissenden, hungrigen und armen Brüder dieser Erde jene Qualen erleiden müssen, die ihnen von einem grausamen Schicksal auferlegt wurden?

        Bevor wir versuchen, eine Antwort auf all diese Zweifel und aufgeregten Einwände zu finden, täten wir gut daran, die Argumente der Verteidigung in ihren einleitenden Bemerkungen über die Natur des kritisierten Sachverhalts zu beachten: Ist es wirklich wahr, daß der Einspruch der Soziallehre auf frommen Motiven basiert? Wird eine gründliche Psychoanalyse nicht sogar hinter der unwiderstehlichen Gesinnung, “anderen behilflich zu sein”, einen versteckten Egoismus offenbaren? Es ist zweifelhaft, ob sich das Individuum unter völlig ungünstigen Umständen, wie Verlust des materiellen Besitzes, öffentlicher Schande und offener Kritik verborgener Motive oder gar dem Erleiden von körperlichem Leid oder Tod, immer noch auf dieses gefährliche Abenteuer einlassen würde, anderen zu helfen. Es läßt sich sehr leicht erkennen, daß hinter den Handlungen des Individuums nicht die gesamte menschliche Natur steht, da jene Schichten der psychologischen Persönlichkeit, die tiefer reichen als die bewußte und äußere Schicht, unsichtbar vergraben liegen. Folglich ist es unmöglich zu schlußfolgern, daß die Aktivitäten des menschlichen Individuums vom gesamten Individuum ausgeführt werden, da die Gesamtheit des Individuums von der bewußten Ebene nicht ausgefüllt wird. Das Unterbewußtsein und die unbewußten Schichten üben eine eindrucksvolle Wirkung auf die bewußten Aktivitäten aus. Da aber all das logische “für und wider” und alle Argumente, die zur Rechtfertigung des eigenen Denkens, Sprechens und Handelns angeführt werden, allein auf der bewußten Ebene stattfinden, ist es schwer zu glauben, daß die Logik menschlichen Verhaltens, die gewöhnlich zur Verteidigung herangezogen wird, letztendlich haltbar ist. Die Freiheit des Individuums und die Möglichkeit, freie Entscheidungen zu treffen, stehen somit auf unsicherem Boden.

        Das Sozialbewußtsein ist ein sehr interessantes Thema für eine genauere Untersuchung, da es eine eigentümliche Wendung darstellt, die das individuelle Bewußtsein in seiner Einschätzung von Werten vornimmt, indem es sich in ein Feld ausdehnt, das nicht wirklich als sein eigener normaler Zuständigkeitsbereich angesehen werden kann. Dies kann anhand einer Beobachtung des faszinierenden Phänomens festgestellt werden, daß das Individuum immer dann, wenn es durch soziale Umstände einer außergewöhnlichen Belastung ausgesetzt ist, auf seinen Originalzustand zurückfällt und sich in die Schutzhülle jener bewußten oder instinktiven Handlungen zurückzieht, die sich unmittelbar mit der Erfüllung der fundamentalen Triebe seiner psycho-physischen Struktur beschäftigen. Wenn eine tiefgründige, auf die menschliche Natur angewandte, psychoanalytische Untersuchung jedoch offenbart, daß das verbleibende Minimum der menschlichen Natur eine Neigung zu individualistischer Handlung ist, worauf man zu guter letzt als einzig erreichbaren und sogar vorstellbaren Zufluchtsort zurückgreifen muß, stellt sich schließlich die Frage, warum es einen solch beständigen Trend in jedermann gibt, soziale Formen wie Familie, Gemeinde, Nation oder die Menschheit insgesamt so hoch zu preisen? Für den Psychoanalytiker ist die Antwort leicht, indem er die Dinge einfach beim Namen nennt. Wie der Spaten für ihn ein Spaten ist, so ist der Mensch für ihn essentiell selbstsüchtig, so daß der Mensch seiner Natur nach unmöglich selbstlos sein kann. Wenn man solch selbstlose Bewegungen des menschlichen Geistes wie die des Dienstes am Nächsten und der Nächstenliebe beobachten kann, dann nur deshalb, weil sich soziale Beziehungen und Kooperation seit jeher als hilfreich dafür erwiesen haben, die persönlichen Annehmlichkeiten zu mehren, die eigenen Sehnsüchte zu befriedigen und sich vor möglichen Angriffen von außen zu schützen. Die Psychoanalyse behauptet, daß die soziale Einstellung nicht wirklich als selbstlos bezeichnet werden kann, da die Absichten der sozialen Beziehung in Wahrheit selbstsüchtig sind, und ihr Motiv nicht ganz so fromm ist, wie es nach außen hin den Anschein macht.

        Diese Analyse ist für den sozial gesinnten Menschen jedoch ohne Zweifel empörend, lästerlich und frevelhaft, da sie anzweifelt, daß Güte die motivierende Kraft hinter sozialen Beziehungen und menschenfreundlichen Aktivitäten in Frage ist. Hierauf würde die Psychoanalyse erwidern, daß dieser Unmut über die wissenschaftliche Analyse einer offensichtlichen Tatsache nur ein weiterer Beweis für den Egoismus der menschlichen Natur ist.

        Wollen wir nun die Zweifel und Fragen wieder aufgreifen, die der soziale Geist geneigt ist, gegen seinen älteren Bruder namens “Religion” zu erheben, kann zuerst einmal zugegeben werden, daß die formalistischen Religionen der Welt schon immer ein enthaltsames Leben, eine Unterwerfung der Sinne und eine Entsagung von irdischen Freuden befürwortet haben. Der Grund dafür scheint zu sein, daß das Ewige als vom Zeitlichen verschieden angesehen wird und daß die Werte des irdischen Lebens gegenüber jenen, die dem ewigen Leben zugesprochen werden, für bedeutungslos gehalten werden. Was die Frage betrifft, ob die Religion zu der Forderung berechtigt ist, alle Arbeiten und Aktivitäten zugunsten eines Lebens der inneren Versenkung oder der Meditation auf Gott aufzugeben, so lautet die Antwort, daß diese Forderung oder zumindest dieser Vorschlag der Religion ein logisches Ergebnis der traditionellen Unterscheidung zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen ist. Wenn alles Sichtbare vergänglich und das Ewige unsichtbar ist, führt das automatisch zu der Schlußfolgerung, daß jeder Wert, der im Reich der Vergänglichkeit als lohnend erachtet wird, unter Mühen ausgemerzt werden muß, damit sich der Geist auf das konzentrieren kann, was andauernd und wahr ist. Ein Beispiel hierfür kann zum Beispiel in der Mahabharata[16] gefunden werden: “Für das Wohl einer Familie mag ein Individuum geopfert werden; für das Wohl eines Dorfes mag eine Familie geopfert werden; für das Wohl eines Landes mag ein Dorf geopfert werden; und für das universelle Selbst mag die ganze Welt hingegeben werden.”

        Während diese erste Betrachtungsweise als Standardantwort der traditionellen Religionen auf den weltlichen oben geschilderten Einwand gegen die gesamte religiöse Einstellung angesehen werden kann, ist es notwendig, die Gültigkeit dieser üblichen Antworten näher zu untersuchen, die die organisierte Religion zu ihrer Hauptverteidigung vorlegt. Der Fehler der traditionellen Religion, die vermutlich die einzige Religion ist, die wir heutzutage noch aktiv in der Welt vorfinden, ist es, daß sie anfällig dafür ist, einen ungerechtfertigten Unterschied zwischen den weltlichen und den ewigen Werten des Lebens zu machen. Was für gewöhnlich als Haltung der Entsagung, der Enthaltsamkeit, der Sinneskontrolle, des Einsiedlerlebens oder des Rückzugs in die Klosteratmosphäre bekannt ist, zeigt bereits an seiner Oberfläche die Anfälligkeit dafür, eine unangemessene Betonung auf Vergänglichkeit und Leiden des Lebens auf Erden zu legen und eine verschwommene Hoffnung auf eine zukünftige Freude im ewigen Leben zu hegen, wobei man zu verstehen gibt, daß das Ewige außerhalb des Weltlichen liegt und zum weltlichen Leben in keiner lebendigen Beziehung steht. Wenn ein großer Teil der Menschheit heutzutage dazu neigt, mit Vorbehalt auf Kirchgänger, religiöse und entsagende Menschen oder Mönche zu blicken, so ist der Grund dafür der natürlichen Reaktion zuzuschreiben, mit der die vernachlässigten weltlichen Werte auf das Zerrbild der ewigen Werte antworten, die sich in der Maske einer veralteten und eingemotteten religiösen Gesinnung im Namen der sogenannten Weltreligionen stolze Prunkbauten errichtet haben. Es ist seltsam, daß die traditionellen Religionen versäumt haben, die Lektion zu lernen, daß das Ewige im selben Moment aufhört, ewig zu sein, in dem es von irgendeinem anderen existierenden Wert getrennt wird, auch wenn dieser Wert weltlich oder lediglich empirisch sein sollte. Zumindest in der spirituellen Kultur Indiens wird unmißverständlich darauf hingewiesen, daß Gott auch innerhalb des Universums existiert und nicht nur weit entfernt im Transzendenten. Die unnötige und falsche Besessenheit vom Transzendenten allein, die dem Universum der weltlichen Ereignisse konsequenterweise jegliche Wirklichkeit und jeden Wert abspricht, ist die unhaltbare und irregeleitete Einstellung der populären Religion der Massen, die unglücklicherweise selbst von der Elite oder den Intellektuellen der modernen menschlichen Gesellschaft als die einzige Bedeutung der Religion angesehen wird. Der wahre religiöse Geist erachtet Moksha oder die Erlösung von den relativen Fesseln ohne Zweifel als das letztendliche Ziel des Lebens, doch ist er zugleich auch klug genug, sowohl Artha oder den materiellen und ökonomischen Werten als auch Kama oder den vitalen und ästhetischen Werten, die in das weltliche Leben verwickelt sind, Berücksichtigung zu schenken und die entsprechende Anerkennung zukommen zu lassen. Und zwar nicht als ein krankhaftes Zugeständnis an das Leben oder als eine für dieses Dasein charakteristische Erkrankung, sondern als eine vorübergehende Notwendigkeit, die für das Wachstum des Individuums hin zur universellen Wirklichkeit durch die schrittweise umfassendere Transzendierung des Niederen zum Höheren von Bedeutung ist. Das verbindende Glied zwischen Moksha einerseits und Artha und Kama andererseits, oder die Kraft, die diese drei Aspekte in eine organische Ganzheit verbindet, ist als Dharma oder das Gesetz des Lebens bekannt.

        Wenn man sich die organische Beziehung stets vor Augen hält, die zwischen dem Weltlichen und dem Ewigen existiert, dann wird man erkennen, daß es keine Kluft zwischen dem Kloster und dem Herd, zwischen dem Mönch im Tempel und dem Publikum auf den Straßen, zwischen dem Sannyasin[17] und dem Grihasta[18] geben kann. Es ist falsch zu glauben, daß wahre Religion “jenseitsorientiert” ist und die Bedeutsamkeiten und angedeuteten Zusammenhänge eines Lebens in der Welt völlig unbeachtet läßt. Die anscheinende “Jenseitige-Welt-Mentalität” vieler populärer Religionen dagegen ist wahrlich unglückselig, und es sind wohl auch diese falschen Vorstellungen und einseitigen Haltungen, die als verantwortlich für die verschiedenen reaktionären Bewegungen in der menschlichen Gesellschaft anzusehen sind, die heutzutage so bedrohlich wuchern. Man muß in jedem gegebenen Stadium der Evolution zwischen den notwendigen und den unnötigen Werten des Lebens unterscheiden, und kein Wert kann als so falsch angesehen werden, daß man ihn zurückweisen oder aufgeben müßte, solange dieser auf einer bestimmten Ebene der individuellen Evolution als eine unvermeidliche Notwendigkeit empfunden wird. Daß ein bestimmter Wert in einem höheren Stadium der Evolution höchstwahrscheinlich der Transzendenz unterworfen sein wird, rechtfertigt seine Aufhebung in dem jeweiligen Stadium nicht, mit dem er im Moment untrennbar verbunden ist. Die Vedanta-Philosophie erkennt den Wert der Vyavaharika-Satta, der empirischen Realität, auf der Stufe, auf der sie erfahren wird, als unangreifbare Realität und als richtig an, obwohl es sein kann, daß sie später der Paramarthika-Satta oder der absoluten Wirklichkeit untergeordnet, darin absorbiert oder transzendiert wird. Die Philosophie jener besonderen religiösen Praxis, die als Tantra-Sadhana bekannt ist, pocht unermüdlich auf die Notwendigkeit, die sichtbaren Werte des Lebens in einer alchimistischen Umwandlung der gesamten organischen Lebensstruktur zum Zweck der Verwirklichung des Absoluten eher zuzulassen und einzuschließen, als sie abzuleugnen und auszuschließen.

        Aus den obigen Betrachtungen kann man folgern, daß jeder Versuch, Religion mit Sadismus, Masochismus oder Kasteiung des Fleisches zu assoziieren, ungerechtfertigt ist und auf der traurigen Unkenntnis von Ziel und Bedeutung der Religion beruht. Religion ist die höchste Wissenschaft und Kunst von der Integration der sozialen, individuellen, natürlichen und spirituellen Werte und somit die Bewegung des gesamten Universums zum Absoluten, welches das wahre Selbst ist. Das Absolute ist in einer derart gewaltigen Einschließlichkeit das Selbst aller Wesen zugleich, daß es dem durchschnittlichen menschlichen Verstand unmöglich sein dürfte, die Ausmaße dieser Wahrheit auch nur ansatzweise zu begreifen. Religion verwirft den Wert der weltlichen Aktivitäten und der Arbeit keinesfalls; wozu gäbe es sonst das Hohelied der göttlichen Aktivität, bekannt als Karma-Yoga, das das zentrale Thema jener ewigen Lehren ist, die in der Bhagavadgita verkörpert sind? Wenn es gelegentlich zu einer Überbetonung des klösterlichen Aspektes in der Religion und dabei zu der fehlerhaften Auslegung gekommen ist, diese Lebensweise verachte den Wert der Arbeit, so muß dies als das unglückselige Ergebnis eines falschen Verständnisses von Religion angesehen werden. Kein großer Heiliger oder Weiser hat jemals einen derartigen Fehler begangen und würde ihn auch niemals begehen.

        An dieser Stelle muß aber auch unbedingt klargestellt werden, daß die gänzliche Mißachtung von Religion durch den weltlichen Menschen unbegründet und ungerechtfertigt ist, da die religiöse Aufforderung zur Selbsttranszendenz in einer fortschreitenden Evolution des Individuums hin zum Absoluten - auch wenn dieses durch Sublimation und Absorption die niederen Werte beinhaltet - ihre Rechtfertigung in der unbegreiflichen Natur der letztendlichen Wirklichkeit hat, in der sowohl “Beziehungen” als auch “Widersprüche”, die ja für alle Arten des empirischen Bewußtseins charakteristisch sind, überwunden werden. Auch dies ist eine Tatsache, die niemand begreifen kann, der im Netz der empirischen Relativität gefangen ist. Die Forderung der Religion, die Freuden des Lebens aufzugeben, entspricht in etwa dem wissenschaftlichen Ratschlag der Hygiene und Medizin, sich im Streben nach Gesundheit darum zu bemühen, die im Körper bereits gegenwärtige Krankheit auszumerzen. Denn was sind die Vergnügungen des Lebens letztlich anderes als eine Linderung für die Irritation der Sinne und ein Hätscheln des Egos, aber in keiner Weise eine Heilkur für deren krankhafte Rastlosigkeit. Die Rastlosigkeit wird nämlich von Faktoren verursacht, die weit von jenen entfernt sind, die üblicherweise als nützlich für die Befriedigung der Sinnesbegierden und das lärmende Ego betrachtet werden. Die spirituelle Praxis als eine Synthese aus dem “Dienst am Nächsten”, der “Hingabe an Gott” und der “Meditation auf das Absolute” ist ein rundum wirksames Allheilmittel gegen jede Krankheitsform des Lebens und ein gesundes erzieherisches Verfahren, nicht nur sich selbst davor zu schützen, unvorsichtig in die Störfelder und schmerzhaften Fehler verwickelt zu werden, die so untrennbar mit dem relativen Leben verbunden sind, sondern ebenso die harmonisierende Macht in das eigene Leben mit einzubeziehen, die kraftvoll zu wirken beginnt, sobald man die wahre und letztendliche Bedeutung aller Existenz versteht und lebt.

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14     Die Probleme des spirituellen Suchers

        Der spirituelle Lebensweg ist vermutlich die schwierigste und rätselhafteste aller Kunstfertigkeiten und Wissenschaften. Die Schwierigkeit, ein spirituelles Leben zu führen und die Bedeutung des Spirituellen zu begreifen, liegt darin begründet, daß dieses anstrengende Abenteuer mit so vielen subtilen Faktoren verbunden ist und vom Individuum von einem Moment auf den anderen derart gewandte Anpassungsmanöver erfordert, daß sich der gesamte Prozeß praktisch jenseits der Möglichkeiten eines Durchschnittsmenschen befindet, der ja im allgemeinen an eine “Auf-gut-Glück-Haltung” gewöhnt ist, die ihn in seinem persönlichen und sozialen Leben völlig den Instinkten, Vorurteilen, Routinen und Trampelpfaden stereotyper Verhaltensmuster überläßt. Man kann es durchaus als Gnade des Schicksals bezeichnen, wenn ein Mensch vom spirituellen Ideal entflammt wird, wobei die Gründe hierfür manchmal direkt sichtbar sein können, manchmal jedoch auch völlig unverständlich sind. Im allgemeinen kann ein spirituelles Streben im Herzen einer Person durch den regelmäßigen Umgang mit spirituell Eingeweihten oder Meistern angefacht werden; durch ein lange Zeit fortgesetztes Studium spiritueller Literatur; durch ein plötzliches Erwachen zu Tatsachen, die sich aus der Wahrnehmung von offenkundigen Widersprüchen, Leid und Elend ergeben; oder durch einen unerwarteten Einsichtsimpuls in die Vergänglichkeit und letztendliche Sinnlosigkeit alles Irdischen und Empirischen. All diese Faktoren können als sichtbare Ursachen für ein plötzliches Aufflammen des spirituellen Strebens im Geist einer Person erachtet werden, auch wenn sich hinter diesen noch tiefer reichende und unsichtbare Gründe befinden mögen, die die Reichweite der Kräfte der bewußten menschlichen Ebene überschreiten. Das Fruchten äußerst  tugendhafter Taten, die man in vergangenen Leben vollbracht hat sowie rechte Bemühungen aus solchen früheren Inkarnationen der Seele können bereits in frühen Jahren des jetzigen Lebens als unsichtbare Ursachen für die Offenbarung eines tief reichenden spirituellen Drangs wirken.

        Der Druck, der mit dem plötzlichen Erwachen zu einem spirituellen Wertempfinden einher geht, kann völlig unerwartete Ausmaße annehmen und die eigene persönliche und soziale Einstellung dermaßen verändern, daß die Mitmenschen davor erschrecken und zur Überzeugung gelangen können, “daß hier etwas nicht stimmen kann”. Anfänglich, wenn auch vorübergehend, kann es zu sozialen Spannungen mit anderen Personen kommen und zur Aneignung einer Lebensweise, die einen in Disharmonie mit der außen vorherrschenden Atmosphäre versetzt oder gar in völligen Gegensatz zur akzeptierten Etikette und Ethik der Gesellschaft, in die man hinein geboren und in der man aufgezogen wurde. Dieser innere Drang der Seele kann für eine Weile den stärksten Kräften der Welt standhalten und wie ein Wirbelsturm wirken, der selbst die mächtigsten Bäume entwurzeln kann und die Dächer von Häusern und Tempeln davon zu wehen vermag, die man als lieb und heilig schätzte. Er kann sogar die stabilsten Zuneigungen gegenüber jenen brechen, die man bisher als unentbehrlich erachtete und die einem eigentlich so nah und teuer wie die eigene Haut waren. In  diesem Sinne ist das Entflammen der Seele von innen her eine Art revolutionärer Gewalt, die alles in Frage stellt, was normalerweise als moralisch gut, sozial notwendig und traditionell unverletzlich angesehen wird. Die Gewalt der von innen entflammten Seele kann den Scheinheiligkeiten irdischer Förmlichkeiten zum Alptraum werden, gleich einem Feuer des Verderbens, das über all die vertrauten Werte des Lebens hereinbricht. Wenn ein solches Feuer vom Individuum Besitz ergreift, kann es zu dem Gefühl kommen, daß in dieser Welt nichts auch nur den geringsten Wert hat und das einzig Lohnende die Verwirklichung und die Erfahrung Gottes ist! Eine große Zahl jener Menschen, die zu abgeschiedenen Orten, zu Tempeln, Kirchen, Klöstern, Ashrams und dergleichen aufbrechen, befindet sich in einem solchen Zustand und hofft darauf, dort vielleicht die Möglichkeiten zu einem verinnerlichten und spirituellen Leben vorzufinden. Und so treffen wir den spirituellen Sucher in einem heiligen Kloster wieder.

        Das Mahabharata und die Bhagavadgita sind die erhabenen epischen Illustrationen der Probleme eines spirituellen Suchers, samt der Wege, diesen Problemen zu begegnen und sie ein für allemal zu lösen. Das Adi-Parva des Mahabharata[19] repräsentiert den Zustand des Samens, in dem die spirituellen Neigungen und Kräfte latent vorhanden liegen, die, sobald sie aus dem Samen hervor gesprossen sind, mit empfindlichen Babys verglichen werden können, die Schutz, Pflege und Nahrung benötigen. Die Kleinen wachsen in einer verwirrenden Atmosphäre aus Hoffnung und Unsicherheit heran, in der sie sich ihrer Umgebung und ihrer Zukunftsaussichten nicht gerade sicher sind. Im Sabha-Parva scheint sich der Aspekt der Hoffnung im Zustand der jubelnden Erfüllung zu befinden, in dem alles sicher, fein und erhaben aussieht. Dies ist genau die Stufe des spirituellen Suchers, der Zustand des gewaltigen Enthusiasmus und der Bestimmtheit, in dem er die Abgeschiedenheit der Wälder oder die strenge Atmosphäre eines Klosters betritt, in dem er ein erhabenes Leben der Kontemplation Gottes zu führen erhofft. Doch am Ende des Sabha-Parva lauert ein Stachel, der all den Glanz der anfänglichen Ereiferung in einen Anti-Höhepunkt äußerster Leiden verwandelt. Hier sehen wir die Pandava-Brüder in die Klauen eines betrügerischen Würfelspiels laufen, dem ihre Verbannung in die Wälder folgt, wo sie sich in einem Elend wiederfinden, das jeglicher Beschreibung spottet. Nun befinden wir uns im Aranya-Parva. Der traurige Zustand hat sich derartig verschlimmert, daß sie sogar nach Beendigung des Exils noch für eine Weile unerkannt leben müssen, damit die übel gesinnten Kräfte nicht Rache an der Kühnheit dieses edlen Strebens verüben mögen, das der spießbürgerlichen Welt der sozialen Heuchelei so ein Dorn im Auge ist. So vergeht das Virata-Parva. Doch die Wahrheit triumphiert, das Gute siegt, und die Kraft der Tugend erregt sogar die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Götter. Eine plötzliche Wendung der Ereignisse findet statt, und mitten im schlimmsten aller Leiden kommen Aufmunterungen von den mächtigen Kraftspendern der göttlichen Regierung, daß die Dinge nicht ganz so übel sind, wie sie bis zu diesem Zeitpunkt erschienen sind. Gewaltige Energien sammeln sich, und Sympathie und Hilfe kommt von allen Seiten. Himmlische Wesen wie Indra und unbesiegbare Helden wie Sri Krishna bieten sich an, um den Kräften der Tugend und des Strebens in ihrer Schlacht gegen die feindlichen Elemente beizustehen, gegen Egoismus, Gier, Lust, Zorn, irdische Mächte und ungöttliche Instinkte. Das Udyoga-Parva beschreibt die Versammlung von mächtigen und furchtlosen Freunden der Pandavas, die über den Kurs der zukünftigen Handlungen nachdenken. Dies ist der umfangreichste aller 18 Abschnitte des Mahabharata, in dem wir eine Beschreibung von bunt ausgeschmückten dramatischen Szenen vorfinden, die vor dem Beginn des blutigen Krieges von den Naturkräften aufgeführt werden. Diese Kräfte versuchen mit aller Macht, die Schönheit und Freude einer wahren Vielfalt von Werten und die Bedeutsamkeit von Sinneskontakt und Besitz von irdischen Gütern hervorzuheben und die göttlichen Kräfte zu zerstören, die ihrerseits nach letztendlicher Einheit des Lebens streben. Dies ist genau der Punkt, an dem wir ein Bild der harmonischen Mischung aus menschlichem Bemühen und göttlicher Gnade vorfinden können, wie auch das Anwachsen einer Zuversicht in die Möglichkeit des Erfolges. Gott selbst übernimmt die Verantwortung dafür, sich um das Notwendige für den Schutz der Kräfte des göttlichen Strebens und der göttlichen Tugend zu kümmern. Und so finden wir im Udyoga-Parva eine Beschreibung des majestätischen Ereignisses, daß ein solch übermenschliches Wesen wie Sri Krishna persönlich die Aufgabe übernimmt, als Friedensmissionar zur Versammlung der Kauravas zu gehen. Doch nicht nur dies: Als sich für Sri Krishna die Gelegenheit ergibt, seine kosmische Form zu zeigen, wird die furchteinflößende Macht Gottes deutlich demonstriert, die hinter den Kräften der Güte, der Tugend und des Strebens steht. Die eigentliche Schlacht beginnt jedoch erst im Bhishma-Parva, wo wir genau zu Beginn des unvermeidlichen Gefechts die überraschende Beschreibung einer erstaunlichen, von Arjuna offenbarten Haltung dargeboten bekommen, die sich in völligem Gegensatz zu den heroischen Vorbereitungen für die große Schlacht befindet, die für unvermeidbar gehalten wurde.

        Dieser Zustand ist genau genommen der Anfang der tatsächlichen spirituellen Praxis: ein plötzliches Abklingen des Eifers, eine Gefühlsverwirrung und ein gänzlich unerwartetes Beharren darauf, alle Werte zu verwechseln und den Wagen vor das Pferd zu spannen, indem man versucht, alle Logik und Ethik jener früheren Zeit auf den Kopf zu stellen, in der man mit großartiger Weisheit erkannt hatte, daß in der Entscheidung zum “Beginn eines Krieges” eine unausweichliche Bedeutung liegt. Was nun folgt, ist das in 18 Kapiteln verkündete “Hohelied der Bhagavadgita”, wobei diese 18 Kapitel die Stadien des Aufstiegs der Seele in ihrer spirituellen Bewegung hin zum Absoluten darstellen. Im Krieg des Geistes sind es nicht nur die Kräfte des offensichtlich Bösen in Gestalt von Duryodhana und seiner Gefolgschaft, denen man sich stellen und die man überwinden muß, sondern auch das traditionelle Recht und die traditionelle Moral, die von Bhishma verkörpert werden, der ansonsten von allen als der Älteste und Geachtetste angesehen wird. Tüchtigkeit und Gelehrtheit gehen in der Person Dronas mit Gewissenlosigkeit einher, obwohl dieser ungeheuer kraftvoll und hilfreich ist; fehlgeleitete Freundschaft und ein falsches Gefühl der Brüderlichkeit lassen sich in der Figur Karnas erkennen, auch wenn dieser äußerst kooperativ und eine verläßliche Quelle furchtbarer Kraft sein mag. Alle diese guten, geschätzten, wertvollen und heiligen Dinge müssen auf dem lodernden Altar der Seelentreue gegenüber dem letztendlichen Lebensziel mit größter Hingabe geopfert werden. Und in dem ehrfurchtgebietenden, herzzerreißenden und schrecklichen Krieg, den der Geist zum Zweck der Verwirklichung von Wahrheit und Rechtschaffenheit führt, ist die stille, helfende Hand Gottes in ihrer kraftvollen Aktivität bis zuletzt, wenn der Krieg schließlich siegreich beendet ist, sichtbar. Dies sind einige der Szenen, die in den Kapiteln des Mahabharata reichlich ausgeschmückt präsentiert werden.

        Der Eintritt des Suchers in ein Kloster oder einen Ort der heiligen Abgeschiedenheit ist wahrlich erst der Anfang seiner Schwierigkeiten. Die freiwillig gewählten Entbehrungen und die von der Umgebung oder der Atmosphäre dieses Lebens von außen auferlegte Disziplin versuchen den Schatz auszugraben, der in der Mine des inneren Wesens des Suchers verborgen liegt. Das Graben wirbelt jedoch auch eine Menge Staub auf, der einem sogar die klare Sicht nehmen kann, und nicht selten findet man zusammen mit dem in der Tiefe begrabenen Schatz harte Steine und stechende Dornen. Der spirituelle Drang kann plötzlich nachlassen, wenn er von dem Staub und dem Schmutz verdeckt wird, den die Kräfte der Anhänglichkeit an die äußere Vielfalt aufwirbeln, die vorübergehend sogar den Glanz der Sonne des höchsten Geistes verfinstern können, der als wahres Selbst im Herz des Menschen ruht und dieses von außen her als Unendlichkeit zu sich winkt. Zustände der Lethargie, der Gefühllosigkeit, des Hungers und des Schlafes können als nächstes Stadium unmittelbar auf das Entflammen des religiösen Enthusiasmus und die Sehnsucht nach spiritueller Befreiung folgen, mit der der Sucher in ein Kloster eintrat oder einen Platz in der Nähe eines Meisters aufsuchte. Das Ergebnis eines derartigen Geisteszustandes kann ein Zurückfallen in das Prinzip des geringsten Widerstandes sein. Darüber hinaus wird der spirituelle Drang von der aufgestauten Wirkung jener verdunkelnden und vernebelnden Reaktion unterdrückt, die von den ansonsten ganz normalen Mächten der Begierde ausgelöst wurde, die für einen kurzen Zeitraum in Vergessenheit geraten waren, solange der spirituelle Drang noch vorherrschend war. Die Sinne und das Ego sind wie der Teufel und das tiefe Meer, zwischen welchen das suchende Individuum Gefahr läuft festzusitzen. Und ganz gleich, in welche der beiden Richtungen es sich bewegen mag, sein Schicksal ist mit Sicherheit die eigene Vernichtung.

        Nach einer mehrjährigen Einlullung in Trägheit und Müdigkeit kann ein unwiderstehliches Verlangen nach Sinnenfreuden aufsteigen, was genau dem Zustand entspricht, den der Sucher einst, als es ihn in einem Anfall der Entsagung in die Einsiedelei oder das Kloster trieb, als nicht wünschenswert erkannt hatte. Da die gewöhnliche Form der Begierde einen aktiv sinnlichen Charakter hat, läßt sich der Sucher eventuell dazu hinreißen, sich dem Druck der Leidenschaften hinzugeben, die auf ihrer Befriedigung bestehen. Hier begegnen wir den ungestümen Instinkten der barbarischen Tierwelt, die keinerlei Rücksicht auf die Wohlfahrt anderer nehmen. Der Sucher kann neurotisch und exzentrisch werden, wenn die Ausdrucksmöglichkeiten seiner Gefühle und Triebe von der vorherrschenden äußeren Atmosphäre blockiert werden. Die schlimmsten Feinde des spirituell Strebenden sind Wohlstand, Sex, Ruhm und Zorn. Eine Sehnsucht nach törichter Befriedigung selbst durch unbedeutende Sinnesobjekte, Spiele und Zerstreuungen kann zur Oberfläche drängen und ihre Erfüllung erzwingen. Im Geiste des Suchers, der sich noch im Kampf befindet und im Dunkeln tappt, herrscht ständig ein Wechselspiel von Trägheit (Tamas) und Begehren (Rajas). Was er bis zu dieser Stufe, wenn überhaupt, erreicht hat, ist eine Unterdrückung von Begierden, die sich aus dem lodernden Feuer der Entsagung und der Liebe zu Gott ergab. Die Lage ist hier mit einem Ozean vergleichbar, der über Müllhalden, Abflußkanäle und Abwassertümpel hinweg schwappt, wobei er diese mit seiner überwältigenden Kraft überflutet und sie für eine Weile untertauchen läßt, dabei jedoch nicht wirklich in reinere Substanzen verwandelt. Der anfängliche spirituelle Drang des jubilierenden Enthusiasten, unseres jugendlichen Helden auf dem Pfad, weist genau diesen Charakter auf. Der Staub, der Schmutz und der Müll sind allesamt noch dort, wo sie waren, wenn sich der Ozean zurückzieht, wenn das Tageslicht der Sinnesaktivität auf sie fällt und sie in ihre ursprüngliche Form der Fäulnis und des Gestankes zurück verwandelt. Spirituelle Sucher, seid wachsam! Der Pfad, den ihr beschreitet, ist alles andere als das Ruhen auf einem Bett aus Rosenblättern oder ein labender Trunk aus Milch und Honig. Wahrlich, er ist eher wie die Schneide einer scharfen Rasierklinge!

        Jeder vernünftige Ratschlag, der nicht zur Erfüllung der Begierden beiträgt, kann auf Opposition stoßen. Und jeder zu starke, vom Kloster ausgeübte Druck, kann den Sucher in das Stadium der Schläfrigkeit, des unsozialen Verhaltens (in seltenen Fällen sogar in antisoziale Ausbrüche), in ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, in eine melancholische Stimmung und in eine Art Entseeltheit zurückwerfen. Dann kann auch die zischende Schlange des Mißtrauens in alle spirituellen Bemühungen, ja selbst in die Existenz Gottes, ihren Kopf erheben und eine Sehnsucht danach herbei züngeln, vielleicht doch besser dem Ruf zur Rückkehr ins weltliche Leben Gehör zu schenken, und somit in jenes Stadium, aus dem sich die Seele einst mit feurigem Eifer befreien wollte. Wie unergründlich der spirituelle Pfad doch ist! Viele Yogaschüler, die sich einst in diesem Leben mit nichts Geringerem als der Erfahrung Gottes zufriedengeben wollten, sahen sich später dazu gezwungen, zu den alten Routinen der Alltagswelt zurückzukehren, die von den Sinnen und dem Ego gelenkt wird. Lange unterdrückte Begierden rufen eine sehr seltsame Reaktion hervor, deren Besonderheit in der Heftigkeit und Wildheit liegt, mit der sie - mit verdoppelter Kraft - auf die Genuß-Zentren zurückschlagen können, wobei der moralische Zustand einer Person dann erheblich schlimmer sein kann, als dies bei einem akzeptierten normalen weltlichen Leben der Fall gewesen wäre. Lange anhaltende sexuelle Enthaltsamkeit, die auf einer Verdrängung der Instinkte beruht, kann dazu führen, daß man sich doch noch ins Eheleben stürzt oder sich auf niedrigeren Ebenen körperliche Befriedigung verschafft, was dem psychologischen Rückschritt auf frühere instinktive, von der modernen Psychologie als “Libido” bezeichnete Stadien entspricht. Störende Träume und fehlgeleitete Gedanken an Befriedigung in vielfältiger Weise können zu einem alltäglichen Problem werden. Als Resultat eines Angriffs der Wünsche, die durch die Wirkung des überwältigenden Einflusses des einst an die Oberfläche gestiegenen spirituellen Enthusiasmus unterdrückt waren, kann es zu einer Wiederbelebung von materiellen Bedürfnissen kommen. Die Sehnsucht nach regelmäßigen Ausflügen, Rundfahrten und Reisen kann zu einem harmlosen Weg zur Befreiung von Energie werden, die zwar aufgestaut, aber nicht spirituell umgewandelt wurde. Eine tiefgreifende Abneigung gegenüber Umständen, die einen dazu nötigen, alleine zu leben, sowie ein panisches Verlangen nach Gesellschaft mit anderen, können zu einem einfachen Mittel gegen die grauenvollen Schrecken werden, denen die Sinne und das Ego durch die würgenden Hände des spirituellen Rufes ausgesetzt waren. Grammatik und Literatur, Kunst und Musik können nicht nur die Rolle eines harmlosen Zubehörs zur Gestaltung des eigenen Lebensideals annehmen, sondern auch die Formen einer spirituellen Praxis in sich selbst. Und so geht unser Held seinen Weg, ganz gleich, was ihm die Welt von außen oder sein Gewissen von innen her zurufen mag.

        Die fast unheilbare Angewohnheit, an anderen Leuten Fehler zu sehen, egal ob an ihrem philosophischen Standpunkt, der Technik ihrer spirituellen Praxis oder ihren persönlichen Errungenschaften, kann zu einer Quelle der negativen Befriedigung werden, wenn man selbst nichts Positives besitzt. Große Menschen und edle Seelen in den Schmutz zu ziehen ist wahrscheinlich der einfachste Weg, um selbst großartig zu wirken. Sisupala wurde plötzlich einflußreich, nur weil er die Frechheit besaß, Sri Krishna mit Schimpfattacken zu überhäufen. Für viele ist ein derartiges Verhalten die wichtigste Quelle, um soziales Ansehen, Urkunden und Zertifikate von der unvorsichtigen Öffentlichkeit zu erwerben, da die Ausnutzung der Unwissenheit der Massen dank dieser trügerischen Mittel der prahlerischen Selbstgefälligkeit eine begehrte Methode zur bequemen Lebensführung ist. Beim Zorn der Natur und der Vergeltung seitens der göttlichen Ordnung handelt es sich jedoch um Faktoren, die von den Augen solch erstaunlicher Einfältigkeit, wie sie das menschliche Verhalten zur Schau stellt, nicht vorhergesehen werden können. Natürlich verläuft das Aufdecken der Fehler in anderen Hand in Hand mit dem Gebaren der Selbstrechtfertigung und Selbstlobpreisung, indem man seine Standpunkte und Methoden lautstark als unfehlbar verkündet.

        Es gibt spirituelle Lehrer und Meister, mit denen sich ein spirituell strebender Mensch nicht immer so ohne weiteres anfreunden oder ihnen dienen kann. Hierfür gibt es ein klassisches Beispiel in der Geschichte der spirituellen Suche des tibetischen Yogi Milarepa, der unter seinem Lehrer Marpa ein untolerierbar strenges Training erdulden mußte. Die Strapazen im Zusammenleben mit einem spirituellen Lehrer sind eine Angelegenheit, die unsere modernen, von Neugier getriebenen Studenten nicht verstehen, geschweige denn schätzen oder gar ertragen können. Wer jedoch wirklich aufrichtig auf diesem herrlichen Pfad voranschreitet, muß für die spirituelle Errungenschaft diesen Preis zahlen. Und all die unbezahlbaren Güter dieser Erde können den Wert der Früchte einer solch strengen persönlichen Disziplin und eines solchen Wissens nicht aufwiegen. Zweifel und Ängste schweben selbst über dem aufrichtigen Sucher wie Vampire, die bereit sind, ihm das Blut auszusaugen. So kann es dazu kommen, daß man den Wert des eigenen spirituellen Lehrers anzweifelt. Ist dies der letzte Schlag, zu dem Satan in seinem Kampf gegen die Wurzeln aller spirituellen Bestrebungen ausholt? Vielleicht nicht, denn es kann noch schlimmer kommen. Man kann den Glauben in die Existenz Gottes verlieren und die Überzeugung gewinnen, daß die spirituelle Erlösung, nach der jeder Sucher auf dem spirituellen Pfad eigentlich streben sollte, bloßer Unsinn sei. Doch ein Milarepa oder ein Nachiketas, von dem uns in der Kato-Upanishad berichtet wird, ist von einem anderen Kaliber. Beharrlichkeit in seiner Verfolgung des Zieles und Zähigkeit in der eigenen Praxis sind die Kennzeichen solcher Helden, die nicht nur das Salz der Erde sind, sondern auch leuchtender Vorschuß auf die unsterbliche Herrlichkeit der essentiellen Aufgabe der Menschheit.

        Körperliche Krankheit, extreme Geschwätzigkeit, Gedächtnisverlust, Gefräßigkeit, schwache Strebsamkeit, verschiedenartige Zweifel, Nachlässigkeit in der Kontinuität der Praxis, Trägheit, eine unterschwellige Begierde nach Sinnengenuß, die Verwechslung illusionärer Wahrnehmungen mit der Realität, mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Unbeständigkeit in der Meditationspraxis sind einige der Haupthindernisse auf dem Pfad des Suchers. Ein Verlangen danach, sich zu sehr unter die Leute zu mischen, große Stiftungen zu errichten und den Kreis der eigenen Schüler zu erweitern, können als fatale Waffe dazu dienen, dem Hunger der Seele nach Gott den Todesstoß zu versetzen. Die Geschichte ist hier unser bester Lehrer. Das Leben von Rishyasringa, wie wir es im Mahabharata aufgezeichnet finden, das Leben Visvamitras, das uns von Valmiki im Ramayana[20] geschildert wird, das Leben Buddhas im Gedicht von Edwin Arnold, das “Wiedergewonnene Paradies” von Milton, “das Leben des Yogi Milarepa” von Evan-Wentz, die Leben der Alvars und Nayanars aus Südindien, das Leben des heiligen Augustinus, die Schriften von Thomas von Kempen und solch großartige Beispiele wie Rishabhadeva, Jadabharata oder Dattatreya aus alten Zeiten, das Leben von Sri Krishna-Chaitanya-Deva und ähnlichen Helden wären für jeden Strebenden auf dem Yoga-Pfad ein äußerst hilfreiches und anregendes Studium.

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15     Die Ziele der menschlichen Existenz 1

        Die Probleme eines Wahrheitssuchers können nur dann richtig eingeschätzt und in einem zufriedenstellenden Ausmaß gelöst werden, wenn es die Möglichkeit gibt, ihre Ursachen eindeutig zu identifizieren. Hierbei müssen selbst die weniger offensichtlichen Ursachen berücksichtigt werden, die nicht auf Anhieb ersichtlich sind, da es sich bei diesen eventuell sogar um die Hauptursachen aller menschlichen Probleme handeln könnte. Ein guter Arzt wird sich bei der Verordnung eines geeigneten Medikaments nicht allein auf die Behandlung von äußeren Symptomen beschränken, sondern sich auch darum bemühen, den Ursachen der Krankheit auf die Spur zu kommen, da bei einer Behandlung der Ursache auch das Symptom automatisch  behandelt wird. Ebenso steht es mit den Schwierigkeiten des menschlichen Lebens und der Vielzahl von Formen, die diese annehmen können. Es sieht zwar so aus, als gäbe es eine Unmenge an Schwierigkeiten, die unabhängig voneinander existieren, doch sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach nur Vervielfältigungen einiger weniger, oder womöglich nur eines einzigen grundlegenden Problems.

        Wenn wir die wissenschaftliche Methode zur Erforschung der Ursachen der Probleme des menschlichen Lebens anwenden, so müssen wir natürlich auch jene Erscheinungsformen in der Natur untersuchen, die die Umwelt des Menschen bilden. Ebenso wie der Verordnung von Medizin eine sorgfältige Prüfung des vorliegenden Falls vorausgeht und diese Prüfung wiederum auf einem tiefgründigen Verständnis der Anatomie, Physiologie und der gesamten Philosophie der wissenschaftlichen Medizin basiert, ist für eine Untersuchung der Natur der menschlichen Probleme und für die Suche nach geeigneten Heilmitteln für diese Probleme eine tiefgreifende logische Analyse notwendig, die auf systematische Weise durchgeführt wird und auf den Prinzipien der Philosophie des Lebens basiert. Eine Analyse aller persönlichen und natürlichen Phänomene führt dazu, daß man eher auf tiefere und generelle Prinzipien stößt, als auf Personen, Objekte oder Dinge. Man wird dabei an die Vision einer völlig neuen Welt heran geführt, die keine Anhäufung von isolierten Personen und Objekten mehr ist, sondern sich als ein Spiel von miteinander in Beziehung stehenden Mächten, Kräften und Gesetzen offenbart, die in einer brüderlichen Umarmung zusammenzufinden scheinen. Dies bedeutet, daß man es bei dem Objekt der Untersuchung nicht mehr nur mit einer einzelnen Sache oder Person, oder gar mit einem Bündel von Objekten oder Ereignissen zu tun hat, sondern mit einer Art grenzenloser Ausdehnung, die das gesamte Universum umfaßt.

        Wie aber könnten wir die Natur verstehen oder überhaupt irgend etwas wissen, wenn es nicht ein beobachtendes Bewußtsein gäbe? Wie kann man überhaupt etwas erkennen, wenn es keinen Erkennenden gibt? Und es muß nicht extra erwähnt werden, daß nur das Erkannte materiell oder unbewußt sein kann, nicht jedoch das Erkennende selbst. Das Erkennende muß bewußt sein! Doch nicht nur dies - Bewußtsein kann nicht nur eine Eigenschaft des Erkennenden sein, sondern muß dessen wahre Existenz sein, da es andernfalls lediglich die Eigenschaft einer unbewußten Grundlage wäre, was einer völlig absurden Schlußfolgerung gleichkäme. Daraus läßt sich ableiten, daß das Erkennende substantiell und essentiell Bewußtsein sein muß, und daß es das Bewußtsein selbst ist, das die Erscheinungen erkennt.

        Doch noch einmal: Welche Beziehung besteht zwischen Bewußtsein und seinem Objekt? Die Beziehung selbst muß bewußt oder eine Form des Bewußtseins sein, da die Verbindung zwischen Bewußtsein und seinem Objekt andernfalls unbewußt wäre, was zur Folge hätte, daß es unmöglich wäre, daß überhaupt irgend jemand irgend etwas erkennt. Da es eine akzeptierte Tatsache ist, daß es so etwas wie Erkenntnis gibt, sollte dies beweisen, daß nicht nur das Erkennende ein Zentrum des Bewußtseins ist, sondern daß sogar die Beziehung zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten ein Prozeß des Bewußtseins sein muß. Da diese Beziehung zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten in Form des Erkenntnisprozesses selbst irgendwie mit dem Objekt der Erkenntnis in Verbindung stehen müßte und diese Verbindung eine zweite Beziehung darstellen würde, die nun ebenfalls erklärt werden müßte, bliebe als letztendliche Schlußfolgerung nur die Annahme, daß eine Verbindung zwischen dem Erkennenden und dem Objekt der Erkenntnis unmöglich ist, es sei denn, daß das Objekt ebenfalls eine Erscheinung des Bewußtseins selbst darstellt. So gelangen wir zu einem wunderbaren Ergebnis: Bewußtsein kennt Bewußtsein durch Bewußtsein, was auch dem berühmten Lehrsatz der Vedanta-Philosophie entspricht: Sat ist Chit -  Existenz ist Bewußtsein. Dies ist eine Wahrheit, die wir anhand einer rein logischen Analyse erreicht haben.

        Diese durch Induktion erhaltene Schlußfolgerung wird von den Upanishaden bestätigt, die ihrerseits vom höchsten Absoluten sprechen, das willentlich eine feinstoffliche ursächliche Form des potentiellen Seins annimmt. Dieser ursprüngliche potentielle Zustand wird in der Vedanta-Philosophie als Ishvara oder höchster Schöpfer bezeichnet, dessen Manifestationsimpuls sich in die schwachen Umrisse einer zukünftigen Möglichkeit und Formhaftigkeit des Universums hinein akzentuiert, wobei dieses Stadium des universell sich offenbarenden Seins Hiranyagarbha genannt wird. Ein weiterer Schritt im Prozeß der sich vollendenden Offenbarungsverdichtung vollzieht sich, wenn die Umrisse früherer Entfaltungsstufen die gröbere und sichtbare Gestalt des Universums annehmen, die Virat genannt wird. Hier finden wir die niederste und letztendliche Form der universellen Offenbarung, in der die verschiedenen Anordnungen, Ausgestaltungen oder Formen keine isolierten oder abgesonderten Zentren der Selbstbehauptung oder Inividualität bilden, sondern als Brennpunkte des einen universellen Seins, des Virat, verbleiben.

        Sobald diese Brennpunkte jedoch damit beginnen, ihre Unabhängigkeit zu behaupten, folgt die “Individualisierung”, in der sie aufhören, reine Konzentrationspunkte des Universellen zu sein. Sie erscheinen als verschiedene Formen oder Körper, die durch Raum und Zeit, ohne augenscheinliche Beziehung zueinander, voneinander abgeschnitten sind, da die Aufgabe von Raum und Zeit in der Trennung und Isolation des einen Teils vom anderen beziehungsweise der einen Form von der anderen beruht. An dieser Stelle kommt es dann zu einer plötzlichen Katastrophe, die über jedes derartig sich selbst behauptende individuelle Zentrum hereinbricht, so daß ein jedes von ihnen eine gewaltige Rastlosigkeit in seiner eigenen Individualität  verspürt, die einem Gefühl des nahenden Todes ähnelt. Hinzu kommt die Furcht vor der bevorstehenden unvermeidlichen Auslöschung, die aus allen Richtungen droht. Dies ist leicht verständlich, da das Individuum  natürlich Todesängste und Seelenqualen verspüren muß, wenn es sich von der universellen Wirklichkeit und damit von der alles erhaltenden und versorgenden Kraft abgetrennt hat. Um diese Angst zu überwinden und diesen unheilvollen Zustand abzuschütteln, ringt das Individuum um die Rückgewinnung dessen, was es verloren hat, was nur durch eine Rückkehr zur universellen Form des „Einsseins“ möglich sein kann, da das Universelle jedes Individuum in einer totalen Einheit des Seins beinhaltet. So versucht das Individuum, das das Bewußtsein seiner Untrennbarkeit vom Universellen verloren hat, diese Universalität auf künstliche Weise herzustellen, indem es aktiv um Kontakt mit anderen Individuen und Formen ringt. Es glaubt fälschlicherweise, daß der körperliche und psychologische Kontakt mit anderen Individuen ein Heilmittel zur Wiederherstellung der verlorenen Universalität und Einschließlichkeit sei. Zum Zweck der körperlichen und psychologischen Kontaktaufnahme mit anderen Individuen entwirft und belebt das innewohnende Bewußtsein die Sinneskräfte in Form des Sehens, Hörens, Fühlens, Riechens und Schmeckens, zusammen mit ihren entsprechenden Sinnesorganen, durch die es die Sinne wirken läßt, um den Kontakt zu anderen Individuen herzustellen. Zum selben Zweck entwirft es auch die psychologischen Organe des Egos, des Denkens, Empfindens und Wollens. Diese Methode, so nimmt es an, wird die ersehnte Universalität oder das Vereintsein mit allen anderen Individuen oder Formen herbeiführen, und mit dieser Überzeugung stürmt es voll ungestümer Heftigkeit auf die anderen Individuen los, in der Hoffnung, diese außerhalb seiner selbst befindlichen Individuen nicht nur berühren, sondern in sich selbst absorbieren zu können. Sollte dieses Manöver gelingen, so gäbe es kein “Außensein” und keine anderen Individuen mehr, sondern einzig die alleinige Universalität der eigenen Selbstheit. Hierauf beruht sowohl die Wahrnehmung von Objekten als auch das Denken an Objekte und die Sehnsucht nach Objekten über die Sinne und das Denken. Die Absicht all dieser Aktivitäten des individuellen Bewußtseins ist es, die Universalität in ihrer eigenen Selbstheit wiederherzustellen, was jedoch leider nicht möglich ist, da die Universalität nicht durch Sinneskontakt mit äußeren Objekten oder gar durch das bloße Denken an äußere Objekte zurück erlangt werden kann, da “Äußerlichkeit“ die das spezielle Merkmal von Raum und Zeit ist, die Verschmelzung von einem Individuum mit einem anderen oder auch nur einen wirklichen Kontakt mit einem Objekt verhindert, sowie dessen Besitz oder Genuß, - es sei denn mittels einer törichten Einbildung, die einem vorgaukelt, selbst im Gestank der Hölle himmlische Freuden zu finden.

        Dies ist die Wahrheit über das Leben, das menschliche Erleben und die menschliche Natur, sowie die Bedeutung aller Aktivitäten im Leben, seien diese sozialer, persönlicher oder psychologischer Natur. Hierin liegt der große Kummer des Individuums und das einzige Allheilmittel gegen dieses Unglück besteht darin, Wege und Mittel zur Wiederherstellung der wahren Universalität zu finden, die unabhängig von Raum und Zeit und deren Begleiterscheinungen ist, nämlich der Äußerlichkeit und der Ausschließlichkeit von Dingen, Objekten, Personen und Ereignissen. Universalität wird nicht durch Sinneskontakt erreicht, sondern durch eine Identifikation des Bewußtseins mit dem Selbst aller Dinge; sowie auch des Seins aller Dinge mit dem Selbst des Bewußtseins. Dies ist die großartige Philosophie des Yoga, das Fundament seiner Psychologie und das Prinzip seiner Praxis.

        Wie jedoch soll all dies bewerkstelligt werden? Was ist die tatsächliche Methode, die Menschheit aus diesem traurigen Zustand des Lebens auf Erden zu befreien, zu dem es in der bereits geschilderten Weise kam? Die Methode ist die Umkehrung des Manifestationsprozesses, indem man  die Effekte zu ihren Ursachen zurückverfolgt, und zwar Schritt für Schritt, ohne auch nur ein einziges Glied in der Kette dieses Rückkehrprozesses des Bewußtseins zu seiner letztendlichen Universalität auszulassen. Zu diesem Zweck ist es für jeden unentbehrlich, die Ursachen aller Erfahrungen, die man im Verlauf seines Lebens macht, sorgfältig zu untersuchen und zu überprüfen, um dann die Auswirkungen dieser Erfahrungen zu ihren Ursachen zurückverfolgen zu können. Über das Erkennen der Ursachen wird es möglich, die Wirkungen in ihre Ursachen zu verschmelzen, so daß die Wirkung schließlich verschwindet und die Ursache allein übrigbleibt. Tatsächlich gäbe es in diesem Fall keinerlei Wirkungen mehr, sondern einzig und allein die letztendliche Ursache - die absolute Universalität -, deren Verwirklichung das Ziel des Lebens ist.

        An dieser Stelle muß deutlich darauf hingewiesen werden, daß man die Kunst erlernen sollte, im eigenen Leben sowie in allen Aktivitäten und Beweggründen ein einziges Ziel zu verfolgen. Die meisten Menschen dieser Welt leben ohne ein Ziel und taumeln hilflos umher, angetrieben vom Wind der Umstände und dem Reiz von Vergnügungen, die sich vorübergehend zu manifestieren scheinen, wenn es zu einem Sinnes- und Nervenkitzel kommt, das Ego aufgebläht oder die Sinne in Erregung versetzt werden. Dies ist ein wahrlich erbärmlicher Zustand, den der Mensch nur allzu oft als Höhepunkt der Zivilisation und Kultur erachtet, während es sich dabei tatsächlich um den tiefsten Punkt des Absturzes handelt. Seltsam: Der Mensch zieht es vor, in der Hölle den Herrscher zu spielen, anstatt im Himmel zu dienen. Ist es nun aber nicht höchste Zeit, daß die Menschheit die Fehler ihres Denkens und Handelns erkennt und sich entschlossen auf den Weg macht, um das einzige Heilmittel für die Krankheit der sterblichen Existenz und die vielfältigen Qualen des irdischen Lebens zu finden?

        Persönliche und soziale Beziehungen sind lediglich Projektionen des menschlichen Geistes durch eine Veräußerlichung in Raum und Zeit in bezug auf Personen und Dinge, die man genötigt ist, als verschieden oder getrennt von sich zu betrachten. Der moderne Wissenschaftler neigt zu der Überzeugung, daß der Prozeß der Evolution von der Materie hin zum Leben, vom Leben hin zum Instinkt und vom Instinkt hin zum Verstand einen Fortschritt darstellt. Dies ist auch tatsächlich ein Fortschritt, allerdings eher in der Weise, wie der Fortschritt von plus eins zu minus eins, von minus eins zu minus zwei, von minus zwei zu minus drei, und so weiter. Und wahrlich: Minus drei ist zahlenmäßig mehr als plus eins. Dieser grobe Fehler, den der menschliche Geist in der Einschätzung des Lebens begeht, bleibt jedoch unentdeckt, und so stürzt sich der Mensch kopfüber in den Abgrund des Leidens und des Verderbens, ohne dabei zu wissen, daß ihn sein Streben nach dem angeblich Guten, Bedeutsamen und Wertvollen schließlich in den eigenen Untergang führt. Es ist fast unglaublich, daß der Mensch selbst heute im Zeitalter der Entdeckungen der Relativitätstheorie und der aus ihr ableitbaren atemberaubenden Schlußfolgerungen damit fortfährt, sich in bezug auf Natur, menschliche Beziehungen und das Leben im allgemeinen so unweise zu verhalten und Schein für Wirklichkeit zu halten. Wenn die dreidimensionale Erscheinung der Welt, wie von der modernen Physik behauptet wird, nur die von den getäuschten Sinnesorganen wahrgenommene irrtümliche Abstraktion eines vierdimensionalen oder gar multidimensionalen Organismus des Kosmos ist, wie kann man dann die Begierde nach Sinnesobjekten rechtfertigen oder gar die Abhängigkeit von den sogenannten äußeren Objekten der dreidimensionalen Welt von Raum und Zeit, wo es doch nur ein Raum-Zeit-Kontinuum gibt, in dem kein Individuum jemals von anderen Individuen isoliert sein kann, egal in welcher Weise?

        Hier stehen wir einer seltsamen und unerwarteten Mischung von Wissenschaft und Metaphysik gegenüber. “Wissen” scheint nun letztlich doch noch seinen Weg zu einer integralen Intuition gefunden zu haben, die es auch viel eher ist, als eine Sinneswahrnehmung oder ein mentales Erkennen einer räumlich-zeitlichen Außenwelt von Personen, Dingen und Beziehungen. Der Wahrheitssucher muß seinen Lern-, Erkenntnis- und Erfahrungsprozeß in einer ansteigenden Ordnung von den Effekten zu deren jeweiligen Ursachen umkehren.

        Die Antwort auf die Frage, was das Ziel des Lebens ist, sollte inzwischen jedermann klar sein. Das Ziel ist ein Aufstieg des Bewußtseins vom Äußeren zum Inneren und vom Inneren zum Universellen. Zuallererst wäre es notwendig, das Bewußtsein von “Äußerlichkeiten” und allen “Beziehungen” zur Außenwelt zurückzuziehen, und zwar unter dem Beistand der Verstandeskräfte, die ein für alle mal erkennen sollten, daß eine “äußere Beziehung” in einer Welt unmöglich ist, in der eine dreidimensionale Tiefe sowie jegliche Art von Abstand keine Wirklichkeit sein können. Nach dieser Rückzugsphase des Bewußtseins von der vorgespiegelten Äußerlichkeit von Beziehungen gilt es als nächstes, die Grundbedürfnisse des eigenen Lebens zu erkennen und sowohl in einer Atmosphäre als auch in einem Zustand der minimalen Bedürfnisbefriedigung zu leben. Dies bedeutet, daß alle Extravaganzen wegfallen sollten, da es sich bei diesen “Extras” nicht mehr um  lebenswichtige Notwendigkeiten handeln würde, sondern um Luxus. Während die Natur eine Notwendigkeit zulassen mag, toleriert sie Luxus selbst in geringem Maße nicht. Die Natur stellt Notwendigkeiten bereit, aber keine Luxusartikel, da Luxus nichts anderes als eine Ausnutzung von Umständen ist, in denen das individuelle Ego auf Kosten anderer Egos in der Welt schwelgt. Die minimalen Bedürfnisse der menschlichen Natur, die aus Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Erziehung und Kontakt zu Personen und Dingen der Umwelt bestehen, sollten genau berechnet und eingeschätzt werden, und man sollte versuchen, nur unter disziplinierten Bedingungen der Grundbedürfnisbefriedigung zu leben. Diese Aufgabe überfordert die meisten Menschen jedoch bereits vollkommen, da sie nicht daran gewöhnt sind, logisch zu denken. Man handelt stets auf der Basis von Gefühlen und Gemütsbewegungen, sowie auf den Impuls seiner Sinnesregungen hin. Doch nun ist die Zeit gekommen, sich abzuwenden und eine absolute Art des Lebens anzustreben, die auf einem tiefgründigen und neu orientierten System der geistigen, ethischen, sozialen und spirituellen Erziehung aufbaut.

        An dieser Stelle ist es eigentlich nicht weiter notwendig, noch ausführlicher auf den fortschreitenden Prozeß des Aufstiegs des Bewußtseins einzugehen, da die gesamte Sachlage nach einem Studium des oben beschriebenen Evolutionsprozesses klar genug sein sollte. Nötig ist nur, die Bewußtseinsschritte von den Wirkungen zu den Ursachen zurückzuverfolgen, und zwar Stufe für Stufe, ohne dabei auch nur eine einzige Sprosse auf der Leiter des Aufstiegs auszulassen. Von den sozialen Beziehungen kommt man zu den persönlichen Bedürfnissen und von diesen zu einer Anpassung der eigenen Individualität an die Gesetze des Universums. Diese in den Veden als Rita bekannten Gesetze sind nichts weiter als die Wirkungsweisen und Arbeitsmethoden des Universellen. Das Ziel des Lebens mag viele Gesichter annehmen und zum Zweck des praktischen Handelns auf niederen Ebenen auch wirklich vielfältig sein, doch sind alle seine Formen organisch mit dem zentralen System der höchsten Integration verbunden - dem Absoluten. Jeder Gedanke, jedes Gespräch, jede Handlung und jegliche Art der Beziehung zu Personen und Dingen im Leben sollte folglich im Licht dieser Struktur der großartigen Wirklichkeit beurteilt und ausgearbeitet werden.

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16     Die Ziele der menschlichen Existenz 2

        Einige der heutzutage führenden Wissenschaftler vertreten die Ansicht, daß das Universum seinen Ursprung in einer riesigen und unbegreiflichen Einzelzelle hatte, die sich aufspaltete, was zu zwei Teilen führte, die sich dann ihrerseits in unzählige, individuelle und in alle Richtungen sich zerstreuende Kopien ihrer selbst aufteilten. Eine weitere Theorie besagt, daß vor abermillionen von Jahren ein unvorstellbar heiß kochendes Zentrum einer homogenen, seit jeher existierenden Substanz den Kern des Universums bildete, in der keine Unterscheidung in physikalische Elemente, Moleküle, Atome und dergleichen vorgenommen werden konnte. Diese furchterregende Temperatur sei im Verlauf von Jahrmillionen schrittweise abgesunken, wobei sich die inneren Bestandteile dieser universellen Masse zu konkreteren Formen und Zentren verdichteten. Elektronen wurden ausgestrahlt und fügten sich in die unzählbaren Zentren ein, indem sie um je einen Kern kreisten und somit Atome formten. In dieser Weise wurden in dunkler und unvorstellbarer Vergangenheit alle Elemente im Universum geschaffen und ihre Funktionen und Rollen für alle Ewigkeit bestimmt. Man nimmt an, daß die allmähliche Weiterführung dieser schöpferischen und gestaltenden Aktivität des Universums schließlich zu einer Zerstreuung von Substanz und Energie sowohl innerhalb des Atoms als auch im Weltraum führen wird, und man glaubt, daß all dies auf das Herannahen einer Zeit hindeutet, in der die Energie des Universums durch seine gesamte Struktur hindurch gleichmäßig verteilt sein wird, was bedeutet, daß es dann keine Bewegung, keine Kraft, keine Aktivität und somit weder Licht und Wärme, noch Leben geben kann. Dies ist in der Tat eine unheilvolle Vorhersage für die Zukunft. Es gibt jedoch auch andere, die die Ansicht vertreten, daß sich das Universum irgendwie und irgendwo jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens wiederaufbauen wird und daß sich die im Raum verstreute Strahlung erneut in Elektronen, Atome und materielle Substanzen verdichten wird, die sich dann ihrerseits mit Hilfe ihrer Gravitationskraft zu Nebeln, Sternen, Sonnen und Galaxien formen könnten, so daß sich die Schöpfung und die Auflösung des Universums in alle Ewigkeit hin wiederholen werden.

        Diese Schlußfolgerungen der modernen Wissenschaft würden auf eine selbstgesteuerte und sinnvolle Aktivität des Universums hindeuten, die über niemals endende Äonen hinweg andauert. Genies der Wissenschaft wie Albert Einstein sind über die Existenz einer mysteriösen Größe, eines Mysteriums, gestolpert, das sie dazu bewegt hat, die Möglichkeit der Existenz eines kosmischen spirituellen Bewußtseins in Erwägung zu ziehen, das  dieses Drama des Universums sowohl in seinen gigantischen kosmischen Dimensionen als auch in seinen winzigen Einzelheiten spielt. Die mysteriöse Entdeckung der Wissenschaft, die “Einheitliche-Feld-Theorie”, versucht, die Konzepte von Raum, Zeit und Schwerkraft mit jenen der subatomaren Strukturen der Materie, die das elektromagnetische Feld bilden, zu vereinen, um so die Gesetze des äußeren Weltraums von Raum und Zeit mit den Gesetzen der inneren Struktur des Individuums und der materiellen Körper in einem einzelnen, universell anwendbaren Gesetz zu vereinigen. Diese These soll andeuten, daß das gesamte Universum von einem zentralen Gesetz regiert wird und daß das Kosmische und das Individuelle keine gesonderten Wirklichkeiten darstellen, sondern eins sind: “Tat Tvam Asi” - “Das bist du”, heißt es in den Upanishaden. Die Wissenschaft scheint hier die große Entdeckung der Upanishaden zu bestätigen, daß das Einzelne und das Universelle das gleiche sind, und daß Gravitations- und elektromagnetische Felder eine tiefere Wahrheit andeuten, nämlich ein zugrunde liegendes universelles Sein, in dem diese beiden wirksamen Aspekte nur als Zustände oder Bedingungen erscheinen. Das Universum ist ein allumfassendes Ganzes und wird als ein unteilbares, zentrales und elementares Feld erklärt, in dem jeder materielle Inhalt, sei dies die strahlende Sonne oder ein winziges Atom, wie eine kleine Welle im vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum existiert. So sehen sich die Wissenschaftler der heutigen Zeit letzten Endes dazu genötigt, als endgültige Schlußfolgerung ihrer Erkenntnisse eine tiefere, hinter allem stehende Einheit des Universums zu akzeptieren. Wahres Wissen ist das Wissen vom “Sein”; und die Bestrebungen eines jeden sind nichts anderes als der konstruktive Kampf darum, dies zu erfahren. Der Grund dafür ist einfach: Der Mensch ist von den Bedingungen seiner eigenen Individualität begrenzt, wobei seine begrenzte körperliche Struktur und seine mentale Konstitution wiederum vom Gesetz des Universums kontrolliert und regiert werden. Es war der Physiker Niels Bohr, der verkündet haben soll, der Mensch sei sowohl Zuschauer als auch Handelnder im Drama der Existenz. Da der Mensch zu seinem Leidwesen ein Teil des Universums ist, das er zu verstehen versucht, und sein Körper und Geist aus der gleichen Substanz wie alles andere im Universum gebildet sind, ja mehr noch, da seine Persönlichkeit ein Teil des riesigen Phänomens des vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums ist, kann er das Universum, in das er geboren wurde, nicht verstehen, da sich dieses nicht als Objekt der Gedanken und der Sinne “außerhalb” seines Seins befindet. Der Mensch ist ein untrennbarer Teil des Universums, woraus folgt, daß er es solange nicht begreifen kann oder irgend etwas darüber zu wissen vermag, bis er sich selbst kennt. Wer sein Selbst kennt, kennt das Universum. Die höchste Weisheit erwächst demnach aus der Erfahrung, daß der Mensch organisch mit dem Universum verbunden ist und daß es so etwas wie einen unabhängigen Menschen und Individualität nicht gibt, sondern einzig den universellen Organismus. In dieser universellen Erkenntnis transzendiert sich der Mensch selbst und begreift das Universum im Erkennen seiner selbst. Dies ist die überraschende Schlußfolgerung der gegenwärtigen Physik.

        Sowohl die Pflichten als auch der Charakter und das Verhalten einer Person werden von der Bedeutung bestimmt, die sie in ihrem eigenen Leben zu erkennen imstande ist. Oder besser gesagt, sie werden von dem eigenen Lebensziel bestimmt, das die letztendliche Absicht darstellt, auf deren Errungenschaft alle Aktivitäten des eigenen Lebens ausgerichtet werden. Dies würde bedeuten, daß die Art, in der man denkt, lebt und handelt, wie man sich anderen gegenüber verhält und wie die eigene Beziehung zur Umwelt ist, von der Bedeutung, die man in seinem eigenen Leben sieht, oder vom eigenen letztendlichen Lebensziel, abhängig sind. Obwohl es den Anschein haben mag, daß sich das Lebensziel, auf das man sich zubewegt, weit entfernt in der Zukunft befindet, muß nicht extra erwähnt werden, daß selbst der kleinste Schritt, den man im gegenwärtigen Augenblick in irgendeine Richtung unternimmt, völlig von den Regeln und der Bedeutung dieses angestrebten Zieles regiert wird. Wie aber ist es möglich, daß man verschiedene Menschen und Gruppierungen in der Welt vorfinden kann, die alle einen unterschiedlichen Charakter und verschiedene Verhaltensmuster in ihrem persönlichen und sozialen Leben zur Schau stellen? Es sollte klar sein, daß der Grund dafür mit Sicherheit in einer Verschiedenheit der Lebensziele zu finden ist, und es sieht so aus, als hätten die Ziele, für die die Menschen zu leben glauben, oder die Ziele, die sie für ihren letztendlichen Lebenssinn halten, scheinbar keine Verbindung miteinander. Obwohl schwer einzusehen ist, daß es für unterschiedliche Menschentypen verschiedene und vollkommen voneinander getrennte Lebensziele geben sollte, kann man täglich beobachten, daß die Menschen offenbar doch davon ausgehen, in ihrem persönlichen und sozialen Leben voneinander abweichende Ziele zu verfolgen. Vieles deutet auf Grund von unterschiedlichen Wünschen und andersgearteten Ansprüchen auf verschiedene Lebensziele hin, wobei diese nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben und oberflächlich betrachtet das eine keine signifikante Relevanz für ein anderes hat, geschweige denn in organischer Beziehung zu ihm steht.

        Anhand der zuvor bereits durchgeführten Analyse der wahren Lage der Dinge müßte es nun jedoch offensichtlich sein, daß die letztendlichen Lebensziele ebenso wenig wirklich voneinander verschieden sein können, wie die Naturgesetze für unterschiedliche Menschengruppen verschieden sein können. Eigentlich sollte von jedem denkenden und intelligenten Wesen die Schlußfolgerung akzeptiert werden, daß sich das Universum auf die Verwirklichung eines einzigen Zieles oder Zweckes zubewegt und hin entwickelt und daß sich seine Inhalte in Form der vielen Personen und Dinge, die seine Teile darstellen, somit  notwendigerweise an dieses allgegenwärtige Gesetz des Universums halten müssen, das jeden gleichermaßen regiert und die Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, ja selbst die Gefühle, Gedanken und Handlungen eines jeden Individuums bestimmt, so daß in seiner organischen Verbundenheit alles eine eigene Wichtigkeit für die Erfüllung der kosmischen Absicht haben muß, die letztlich nur eine und absolut sein kann.

        Wie aber ist es dann möglich, daß die meisten Menschen dieses geheime Prinzip allen Lebens nicht erkennen und in ihrem Leben unterschiedlich denken, fühlen, sich verhalten und handeln? Der Grund ist wohl der, daß die Menschen ihr Bewußtsein im allgemeinen nur innerhalb des begrenzten Rahmens der Sinneswahrnehmung ausrichten können, der nur ein atomares und winziges Bruchstück jenes riesigen kosmischen Ganzen darstellt, zu dessen äußersten Enden die menschliche Sinneswahrnehmung nicht reichen kann. So begehen die Menschen den Fehler zu glauben, daß ihr begrenzter Kreis der Wahrnehmung die gesamte Wirklichkeit ist und daß das, was für andere wirklich und bedeutsam ist, nichts mit ihnen zu tun hat. Dies kommt daher, daß die kleinen “Kreise” unglücklicherweise auf Grund ihrer Selbstsucht und intensiven Eigendurchsetzung, die sie zu persönlichen Egos macht, voneinander getrennt sind, obwohl sie alle in dem großen “Kreis” des Universums enthalten sind, dessen “Kreisumfang nirgendwo und dessen Zentrum überall ist”. Als zusätzlich erschwerender Faktor kommt noch die Einschränkung des Bewußtseins auf die komplexe Struktur der Körper-Geist-Individualität mit ihren begrenzten Sinnesoperationen hinzu, die die Wirklichkeit nur innerhalb ihres eigenen isolierten Wahrnehmungskreises und ihrer Sinneswelt sieht, für deren Befriedigung sie ihr ganzes Leben hindurch unermüdlich arbeitet. Natürlich kann der Egoismus dieser personalisierten Lebenszentren in Konflikt mit anderen solchen Zentren geraten, da keines von ihnen in der Lage ist, über die Grenzen des eigenen Kreises hinaus zu sehen, so daß es unter den Menschen zu Reibungen, Spannungen oder Krieg kommen kann. Aber so ist das Leben. All dies ist das Unglück der heutigen Weisheit, die der Mensch so stolz und gerne zur Schau stellt.

        Die begrenzten Zentren von Persönlichkeiten oder Gruppen sollten deshalb unbedingt versuchen, über die Grenzen ihres eigenen Kreises hinaus zu blicken, um eine größere, zwischen allen Kreisen überall existierende Verbindung erkennen zu können, so daß ein jeder dieser unzähligen Kreise als ein Aspekt des einen universellen Ganzen oder als Brennpunkt für die Projektion der Lichtaspekte einer einzigen Vollkommenheit zu sehen wäre, die die absolute Wirklichkeit ist. Wenn man erkennen würde, daß die scheinbar vielen kleinen Absichten lediglich aufgefächerte Spektralwellen eines einzigen universellen Lichtes darstellen, das durch die Prismenkörper der verschiedenen Individualitäten, die die sogenannten Personen und Dinge zu sein scheinen, hindurch strahlt, dann gäbe es für die verschiedenen Menschentypen auch keine Vielzahl an Wirklichkeiten oder Lebenszielen mehr. Wenn diese Erkenntnis herauf dämmert und dieses Wissen reift, dann wird es möglich sein, Personen und Gesellschaften in einer bei weitem umfassenderen Atmosphäre von größerem Wirklichkeitsgehalt zu organisieren. Würde man diese Erkenntnis in die Praxis umsetzen, würde dies das Leben der Menschheit mit einem Schlag lebendig verändern und neu orientieren, womit angedeutet sein soll, daß das Aufgehen einer belebenden, erleuchtenden und wärmenden Sonne mit dem Licht der Einsicht in die wahre Bedeutung des Lebens schließlich doch noch eine Möglichkeit darstellen könnte.

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17     Die Ziele der menschlichen Existenz 3

        Das Geheimnis des Erfolges liegt im Konzept des Universellen, und dies ist der entscheidende Punkt, auf den sich das menschliche Denken ausrichten muß. Da die Wirklichkeit ein nicht veräußerlichter Organismus ohne äußere Objekte ist und Erfolg offensichtlich das Ergebnis einer Harmonie mit dem Wesen der Wirklichkeit ist, folgt daraus, daß man, um in irgendeiner Richtung des Lebens erfolgreich sein zu können, notwendigerweise auch das Bemühen um Erfolg in ständiger Übereinstimmung mit den Erfordernissen einer nicht veräußerlichten Struktur des Denkens halten sollte.

        Wann immer man zu denken beginnt, beschäftigen sich die Gedanken stets mit einem körperlichen oder begrifflichen Objekt. Aber immer wird übersehen, daß das Denkobjekt ein Teil der organischen Struktur des Universums ist, von dem der Denkende unglücklicherweise  selbst einen Teil darstellt. In der Tat ein großes Wunder! Wie kann das Denken unter solchen Umständen überhaupt funktionieren? Das ist sowohl das Problem als auch das Geheimnis zum Erfolg. Denn Erfolg ist letztlich der Name für die Offenbarung der Natur der Wirklichkeit in der eigenen Erfahrung - welchen Grad, welches Ausmaß und welche Intensität diese Offenbarung auch immer zeitigen mag. Sie kann sich in der Form einer inneren Erleuchtung oder einer äußeren Errungenschaft ausdrücken, sanft oder nachdrücklich, teilweise oder gänzlich.

        Doch wie wird dieser Erfolg nun tatsächlich erzielt? Die Antwort lautet: indem man sein Denken mit dem Universum in Einklang bringt. Und was bedeutet das? Es bedeutet ganz einfach eine Verschmelzung des Denkobjekts in seiner körperlichen Struktur und vollständigen Zusammensetzung mit dem gesamten Sein des Subjekts, so daß man entweder sagen kann, “das Objekt denkt das Objekt”, oder aber “das Subjekt denkt das Subjekt”, doch keinesfalls “das Subjekt denkt das Objekt”. Die ersten beiden Methoden führen zum Erfolg, die letztere aber ist zum Scheitern verurteilt. Der Grund dafür ist einfach. Wenn man sagt, “das Objekt denkt das Objekt”, so bedeutet dies dasselbe wie “das Subjekt denkt das Subjekt”, da das Objekt von seinem eigenen Standpunkt aus gesehen immer auch ein Subjekt ist. In dem Moment jedoch, wo das Objekt vom Subjekt isoliert ist und zum außerhalb befindlichen Denkinhalt des Subjekts wird, entflieht es dem Zugriff des Subjekts, da das Objekt dann aus der organischen Natur des Universums entrissen wird, die ja ebenfalls die Natur der Wirklichkeit darstellt.

        Das gesamte Leben ist eine Bemühung des innewohnenden Geistes, sich mit dem äußeren Universum zu vereinen, und zwar deshalb, weil der innewohnende Geist seiner Natur nach universell ist und somit auch nicht einen Moment lang friedvoll in der Begrenzung eines persönlichen Körpers ruhen kann. Dies ist auch der Grund dafür, warum sich alles überall in einem Zustand der Rastlosigkeit befindet und das ganze Leben ein intensives Ringen um etwas ist, dessen man sich nicht einmal immer bewußt sein mag. Dies ist die Wahrheit, die den Verstand eines Laien überfordert, so daß es eines speziellen Verstandestrainings bedarf, um zu einer erwähnenswerten Erkenntnis dieser Tatsache zu gelangen.

        Leider kann der innewohnende Geist mit dem äußeren Universum nicht eins werden, auch wenn dies seine Absicht zu sein scheint. Jeder Versuch, eine solche Vereinigung herbeizuführen, muß zwangsläufig scheitern, da der Geist kein “außen” hat, und es auch sinnlos wäre, nach einer Vereinigung mit irgend etwas zu suchen, das wirklich “außen” ist, auch wenn dieses außen existierende Etwas das gesamte Universum sein sollte. Diejenigen, die mit der Kunst des Yoga vertraut sind, können den Haken am Versuch des innewohnenden Geistes leicht erkennen, sich mit irgend etwas außen Befindlichem zu vereinigen - durch Annäherung, Inbesitznahme oder Genuß desselben -, da all dies aus den bereits erwähnten Gründen eine letztendlich bedeutungslose und unerfüllbare Hoffnung des innewohnenden Geistes bleiben muß. Dies erkennend, bemühen sich Adepten des Yoga intensiv darum, den innewohnenden Geist in einer Universalität zu verankern, die weder “außen” noch ausschließlich “innen” liegt, sondern die in wesenhaftem Sinne ist. Dies bedeutet, daß der Geist damit aufhört, nur im Inneren zu verweilen. Vielmehr wird er selbst zum Universellen, das er fälschlicherweise als ein außen befindliches Etwas gesucht hat und mit dem er sich mittels der Handlungsinstrumente - dem Körper, den Sinnen und dem Ego - zu vereinigen versuchte. Dieser Yoga ist nach menschlichem Ermessen praktisch unmöglich, doch leider gibt es dafür keine Alternative. Die Lage läßt sich mit dem Ausspruch eines Dichters beschreiben, der in einem anderen Kontext sagte: “Frage nicht, warum! Du bist nur hier, um zu handeln und zu sterben.”

        An dieser Stelle muß noch hinzugefügt werden, daß es dem Menschen offensichtlich nicht bestimmt ist, diese Art des Yoga zu praktizieren, da die Schwächen des Körpers und des Ego selbst schon den ersten Schritt verhindern, den man in diese edle und erhabene Richtung zu gehen versuchen mag. Doch was bleibt dem innewohnenden Geist dann übrig? Er kann den Pfad des wahren Yoga, wie er oben beschrieben wurde, aus oben genannten Gründen nicht beschreiten, doch ebenso wenig kann er ohne Kontakt mit dem Universellen in einem begrenzten Körper Frieden finden. So sucht er in seinem Bemühen, sich mit dem äußeren Universum zu vereinigen, nach Alternativen in Form von gangbaren Kompromissen. Er sucht einen sogenannten “goldenen” Mittelweg, durch die er die unmögliche Vereinigung mit den äußeren Dingen zu erreichen versucht, und zwar durch das, was man als “soziale Organisation” bezeichnet. Diese Errungenschaft liegt irgendwo in der Mitte zwischen wahrer Spiritualität und äußerster Isolierung in einer körperlichen Individualität, in der niemand auf Dauer in Frieden verweilen kann.

        Die kleinste Einheit einer sozialen Organisation ist die Familie und die Gruppe der nahen Blutsverwandten. Der individuelle Geist empfindet durch die künstliche Ausdehnung seiner selbst, die er durch seine äußere Verbindung mit den Mitgliedern der Familie erschafft, eine relative Zufriedenheit. Dies ist eine angenehme, wenn auch unbefriedigende Lösung für Probleme, die bereits tief in der Natur des Geistes verwurzelt liegen. Da jedermann sehr wohl weiß, daß die Familie nicht überleben kann, wenn die Gemeinde sie bedroht, wird man zum Mitglied der Gemeinde, die größer als die Familie ist. Die Nation jedoch könnte die Gemeinde, und die internationale Atmosphäre sogar die Nation bedrohen, so daß dem Individuum nichts weiter übrig bleibt, als auch an nationalen oder sogar internationalen Vereinigungen teilzunehmen, wie man sie etwa in Form der UNO bereitstellt. Es läßt sich jedoch unschwer erkennen, daß diese Versuche letztlich erfolglos sein werden, da sich die Mitglieder einer sozialen Gruppe, wie groß diese auch immer sein mag, nicht miteinander vereinigen können, da Körper lediglich das Medium des Ego sind und der innewohnende Charakter des Ego die Abstoßung anderer Egos bewirkt, auch wenn es vorübergehend so aussehen mag, als herrsche zwischen den Egos eine Art von Übereinstimmung. Diese Übereinstimmung kommt jedoch nur dadurch zustande, daß die Individuen einen Teil ihrer eigenen Natur zurückhalten, wobei diese Zurückhaltung hauptsächlich auf dem Gefühl beruht, daß die eigenen Wünsche ohne ein gewisses Maß an Ergebenheit und Fügsamkeit in die Wünsche anderer Egos nicht so leicht erfüllt werden können. All dies ist in der Tat ein übles Spiel, das die egoistische Individualität aus Gründen der Selbstbehauptung aufführt. Und obwohl dieses Drama für den Zuschauer interessant erscheint, verbirgt sich in ihm viel Unheil, das sich früher oder später in Form von menschlicher Selbstsucht seinen Weg an die Oberfläche bahnen wird, sobald die Umstände dafür günstig sind. Aber so ist das Leben.

        Die soziale Organisation weist auch noch einen anderen eigentümlichen Grundzug auf, der sich selbst als Notwendigkeit für soziale Wohlfahrt, sozialen Fortschritt und sogar persönlichen Vorteil darstellt. Denn man sollte nicht übersehen, daß eine Organisation nur dann irgendeinen Sinn haben kann, wenn sie auch die Charakteristika einer Organisation aufweist. Viele zusammensitzende Menschen bilden noch keinen sozialen Körper. Ein sozialer Körper ist jene Versammlung von Individuen, wo zumindest ein gewisses Maß an “Universalität” repräsentiert wird, die die Natur des Geistes und somit des unteilbaren Seins ist. Die Fähigkeit, den Charakter dieser Universalität zu reflektieren, durch Symmetrie in der Struktur und perfekte Koordination im Handeln, ist genau diejenige Fähigkeit, sich im anderen zu finden, und nur dann kann man für andere arbeiten. Sich selbst im anderen zu finden bedeutet nicht, an die “Andersartigkeit” in anderen gebunden zu werden oder anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, sondern erfordert einen freiwillig kooperativen Geist, der sich stufenweise und harmonisch auf den verschiedenen Ebenen der Organisation manifestiert, da eine Organisation nicht nur eine horizontale Ausdehnung aufweist, sondern auch eine vertikal ansteigende Natur, die die Stufen der letztendlichen Wirklichkeit reflektiert. Wird das Wesen des Geistes auf diese Weise nicht angemessen in einer äußeren sozialen Organisation reflektiert, dann kommt der innere Geist mit ihr in Konflikt und umgekehrt. Dies ist es, was man gemeinhin soziale und persönliche Spannung nennt.

        Wenden wir uns nun jedoch der Bedeutung der Organisation zu, oder dem, was sie bedeuten sollte, um mit dem universellen Geist in Einklang zu stehen. In der Organisation sollte es weder Bestandteile noch Grundzüge geben, die das Ziel des Geistes zu vereiteln suchen oder ihm entgegenwirken. Darüber hinaus sollte es in ihr keine Faktoren geben, die die Wirklichkeit von “Äußerem” bestätigen, da all dies mit der Natur des Geistes unvereinbar wäre. Als Beispiel hierfür könnte man all jene Umstände nennen, die den Instinkten nach Reichtum, Sex und Ruhm allzu freie Zügel lassen, da dies die Hauptursachen der Persönlichkeitsdurchsetzung und der Auflösung von Organisationen sind, und dabei zusätzlich in Opposition zur spirituellen Universalität stehen, die ja das große Lebensziel ist.

        Alles zu jeder Zeit und auf jede Weise zu erlauben würde den suchenden Geist dazu zwingen, in einer Atmosphäre der Unsicherheit und der Ungewißheit zu leben, in der er nicht in Frieden verweilen kann. Der Geist ist nämlich vollkommene Sicherheit und Zuverlässigkeit, und so wäre die Absicht des sozialen Körpers unter diesen Umständen ihres eigentlichen Zweckes beraubt. Der Zweck würde vom Egoismus der Persönlichkeiten vereitelt werden, aus denen sich der soziale Körper zusammensetzt. Derart unerwünschte Charaktereigenschaften in den Mitgliedern eines sozialen Körpers müssen nicht unbedingt sichtbar und offensichtlich sein, sondern können zu einer unsichtbar ärgerlichen und irritierenden Atmosphäre für den Geist werden, dessen Sehnsüchte und Bedürfnisse offensichtlich etwas völlig anderes sind  als die Bildung eines sozialen Körpers oder das Wirken durch solch einen Körper.

        Darüber hinaus sollten die Gründer sozialer Organisation die Weisheit besitzen, darüber zu wachen, daß die oben genannten unerwünschten Grundzüge nicht bereits in die frühen Anfangsstadien der Strukturbildung einsickern können, da selbst kleine, am Anfang begangene Fehler nach einiger Zeit riesige Ausmaße annehmen und zu furchtbaren Konflikten führen können. Achtet man nicht mit entsprechender Sorgfalt auf diese Aspekte des sozialen Lebens, das ja schließlich nur als provisorische Notwendigkeit akzeptiert wurde, dann hieße dies, ein Leben im Narrenparadies zu führen und dem Zorn der Natur und damit dem Zorn Gottes freien Lauf zu lassen, wenn gutes Zureden und Zwang als vorbeugende Maßnahmen versagen. Wir sollten uns auch daran erinnern, daß die Natur keine Moral im Sinne irgendwelcher menschlicher Empfindungen kennt. Dies ist eine Tatsache, die im Alltag leicht festgestellt werden kann, wenn etwa ein Gerichtshof die Todesstrafe über eine Person verhängt, die man aufgrund sozialer Gefühle durchaus als netten Menschen oder gar als Genie in einem bestimmten Lebensbereich ansehen mag, und dieses Urteil dabei als vollkommen gerecht und in Ordnung gilt. Gerechtigkeit ist unpersönlich und dasselbe gilt für das Gesetz der Natur und das Gesetz Gottes. Fehlt einem Individuum oder einem sozialen Körper der nötige Grad an Unpersönlichkeit, kann sich daraus eine Gefahr, ein Monster à la Frankenstein entwickeln, eine Schöpfung, die, anstatt sich zur Universalität des Geistes hin zu bewegen, zu einem ernsthaften Hindernis und zu einer Quelle großer Besorgnis werden kann, so daß man sich in einer schlimmeren Situation wiederfindet, als es der Fall gewesen wäre, wenn man keine soziale Gemeinschaft eingegangen wäre.

        Um nun zusammenzufassen: Erstens ist das soziale Leben nicht das letztendliche Ziel des Lebens, da der Geist, der dieses letztendliche Ziel darstellt, keine soziale Struktur ist, sondern unteilbares Sein. In der künstlichen Atmosphäre einer solchen sozialen Struktur kann niemand wahre Glückseligkeit finden, da es sich hierbei nicht um die Lösung des wahren Problems handelt, sondern lediglich um ein Ausweichmanöver davor. Zweitens wäre selbst die geringe Bedeutung, die man dem sozialen Leben vielleicht zusprechen mag, nichtig, wenn dieses die Natur des Geistes nicht in sich reflektiert, nämlich Universalität, Freiheit, Spontanität und Abwesenheit von Zwang. Drittens ist das soziale Leben nicht nur ein Mittel zur Herstellung von äußerer Sicherheit, sondern auch ein Mittel für inneres Wachstum und Ausdehnung. Ließe man im sozialen Leben Elemente und Grundzüge vorherrschen, die die Bedingungen für ein weiteres Voranschreiten hin zur wahren Universalität und Göttlichkeit unmöglich machen, würde dies für den Geist einen derartigen Schmerz bedeuten, daß er keine Ruhe mehr finden könnte, bis er die richtigen Mittel und Wege für ein bewußtes Leben auf dem Pfad hin zu dem einzig möglichen Lebensziel gefunden hat.

        Wir könnten dies als “die Geschichte von der Qual des Geistes” bezeichnen oder als “das Epos des Kampfes der Seele, das Absolute zu erreichen”.

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18     Die individuelle Natur

        Das Individuum ist auf Grund seiner Lage innerhalb der Schöpfung in jeglicher Hinsicht unzulänglich. Seine Reaktionen können einen gewissen Grad an Fehlerhaftigkeit nicht unterschreiten. Jede individuelle Erfahrung ist zu einem gewissen Prozentsatz fehlerhaft, auch wenn der einzelne Fehler im Absoluten zu einem Element der Vollkommenheit wird. Das Lebensziel des Individuums besteht darin, den Drang zu überwinden, organisch auf die äußerlich wahrnehmbaren Objekte zu reagieren, und sich selbst im allumfassenden Absoluten zu transzendieren, der essentiellen Wirklichkeit aller Individuen. Diese Reaktionen zwischen den Individuen finden entweder bewußt oder unbewußt statt. Die unbewußten Triebe werden Instinkte genannt; als bewußte Triebe gelten jene, die rationale Prozesse im Individuum bilden. Jenseits dieser beiden Reaktionsmöglichkeiten befindet sich das höchste integrierende Prinzip, nämlich die Intuition und die direkte Verwirklichung der höchsten Essenz der Erfahrung.

        Die instinktiven Triebe sind mächtig, und da sie in die Konstitution des Individuums verwoben sind, wehren sie sich energisch dagegen, unterworfen zu werden. Die mächtigsten jener unfreiwilligen und unbewußten Triebe sind die der Selbsterhaltung und der Fortpflanzung. Der Selbsterhaltungstrieb wird manchmal fälschlicherweise als “Nahrungssuche-Instinkt” bezeichnet. Nahrung ist jedoch nicht das vom Individuum angestrebte Ziel, sondern nur ein Mittel dazu, um den Lebenswillen oder die Liebe zum Leben zu befriedigen, die einem jeden angeboren sind und die das wahre Ziel darstellen. Man begehrt eine Mahlzeit nicht um ihrer selbst willen. Der wahre Zweck von Speise und Trank liegt darin, mit ihrer Hilfe als individuelle und körperliche Persönlichkeit überleben zu können. Dieser Trieb liegt außerhalb der Kontrolle des Wachbewußtseins und übertrifft die anderen Triebe in der Intensität seines Ausdrucks. Er offenbart sich in verschiedenen Formen und hat mehrere Unterarten, die mit ihm primär und sekundär in Verbindung stehen. Er bindet das Individuum an das körperliche Leben und vereitelt alle gewöhnlichen Versuche, ihm kein Gehör schenken zu wollen. Dieser Instinkt, dieses Verlangen zu leben, diese Liebe zur individuellen Persönlichkeit, kann nur durch ein höheres Verständnis und Empfinden überwunden werden, das aus einer tiefgreifenden Erfahrung entspringt, die die grobe Körperlichkeit und die gestörte psychische Persönlichkeit überschreitet. Wenn man die tiefere Bedeutung dieses Triebs nicht richtig versteht, kann jeder unüberlegte Eingriff in ihn dazu führen, daß er Amok läuft und das Individuum dabei ruiniert, das ihn zu kontrollieren versucht. Bevor man irgendeine Methode zur Überwindung der Instinkte aufgreifen darf, sollte man auch die Natur des Fortpflanzungstriebs analysieren, der sehr eng mit dem Selbsterhaltungstrieb verbunden ist.

        Der Fortpflanzungstrieb wird oft fälschlich als “Geschlechtstrieb” bezeichnet. Dieser Trieb hat in Wahrheit jedoch nur wenig mit der geschlechtlichen Persönlichkeit als solcher zu tun. Die geschlechtliche Persönlichkeit ist nur ein Mittel zur Verbreitung der Gattung, und es ist genau dieser Drang zur Zeugung eines neuen Individuums der eigenen Gattung, der die Geschlechtlichkeit als Werkzeug benutzt. Was zum Objekt der Begierde wird, ist nicht das Geschlecht, sondern der Genuß, der durch die Befreiung von der Anspannung verursacht wird, die ihrerseits von dem Drang hervorgerufen wird, ein Instrument für die Zeugung eines neuen Individuums zu sein. Homosexueller Verkehr und eine Fixierung auf Objekte, die der tatsächlichen Vermehrung der eigenen Gattung nicht dienlich sind, sind nichts anderes als widernatürliche Neigungen oder Rückentwicklungen dieses ursprünglichen Triebes, was entweder auf einen Defekt in der Gestaltung der Geschlechtsdrüsen zurückzuführen ist oder aber auf Frustration und Nichterfüllung. Das Ziel des Fortpflanzungstriebes ist es, die eigene Gattung zu erhalten, und nicht, dem Individuum Vergnügen zu bereiten.

        Jene Charakteristika der geschlechtlichen Persönlichkeit, die für das andere Geschlecht zur Quelle der Anziehung werden, sind nur äußere Anzeiger für die Entwicklung geschlechtsspezifischer Hormone, die mit diesen äußeren Anzeichen ihre Reife und Bereitschaft für den Zeugungsakt eines neuen Individuums kundtun. Diese Anziehung ist nicht am Vergnügen der Individuen interessiert, sondern stellt nur den Prozeß der Veräußerlichung zellulärer und nervlicher Vibrationen dar, die den Verkehr mit dem konstitutionellen Gegenstück des angezogenen Individuums suchen. Es ist nicht das äußere Geschlechtsmerkmal oder die Form des anderen Geschlechts, das die Quelle der Anziehung bildet, sondern vielmehr die Bedeutung, die man  in sie hinein liest. Dadurch, daß das Individuum dieser Bedeutung einen besonderen Wert beimißt, wird es dazu gezwungen, sich von diesem Wert  anziehen zu lassen. Es ist die Suggestivkraft und Ausdruckskraft der Form, die die Stimulation und die Vibration der gesamten Konstitution in ihrem Gegenstück auslöst. Mit zunehmender Bedeutung vergrößert sich der Wert einer Sache und um so stärker ist auch das eigene Interesse daran. Dem anderen Geschlecht eine Bedeutung beizumessen ist kein bewußter Akt des Individuums, sondern die Auswirkung eines allgemeinen Drucks der Spezies, der sich im Individuum als unfreiwilliger Instinkt materialisiert.

        Alle Reize versetzen den Organismus in Schwingung und stören sein Gleichgewicht. Dabei kommt es zu einer Freisetzung von nervlicher Energie, die nicht nur den Körper beeinflußt, sondern in großem Maß auch das Denken. Der Genuß, den man in dem Moment erfährt, in dem man von einem begehrten äußeren Objekt angeregt wird, ist in Wirklichkeit nichts anderes als die Wärme und Zuneigung, die man erfährt, wenn man einem inneren Befehl der körperlichen Natur nachgibt, wobei im Organismus motorische sowie magnetische Reaktionen stattfinden. Was die Persönlichkeit verzückt und sie zum Zeitpunkt einer wünschenswerten und objektbezogenen Reaktion in der physischen Welt in Ekstase versetzt, ist die vorausgehende Störung des seelischen Gleichgewichts und der Friede, der als Konsequenz auf die Beendigung dieser Störung folgt, nachdem der Zweck dieser Reaktion erfüllt ist. Die Harmonie, der Frieden und das Glück, das man während des Auslebens seiner Instinkte erfährt, ist letztlich nichts anderes als die Beseitigung von nervlichen und psychischen Spannungen, die durch das Wirken des Instinkts verursacht wurden und die sich lösen, sobald man die Absichten des Instinkts erfüllt. Das Objekt ist hierbei nur ein Mittel zum Zweck. 

        Der Fortpflanzungstrieb kann über den Selbsterhaltungstrieb erklärt werden, da es der gattungsbezogene Lebenswille des Individuums ist, im physischen Universum manifestiert zu sein, der sich im sogenannten “Fortpflanzungstrieb” ausdrückt. Die Eltern werden dabei zum Medium für die Manifestation eines neuen Individuums, was ja der Zweck ihrer körperlichen Natur ist. Das einzelne Individuum hat keine Kontrolle über diesen Trieb, der ja nichts anderes ist, als die Absicht der Gattung, die die natürlichen Kräfte des Individuums bei weitem überschreitet. Der Wille, sich fortzupflanzen, ist nichts anderes als der Lebenswille des zukünftigen Mitglieds des physischen Universums. Die Erfüllung dieses Lebenswillens ist weder zum Wohle noch für den Genuß irgendeines Individuums da. Vielmehr ist sie die Absicht der Gattung, die umfangreicher ist als jedes Individuum. Der “Wille” der Gattung oder der Art übertrifft jeden individuellen Willen an Stärke und zwingt letzteren sogar unter seine Herrschaft. Geschlechtliche Liebe und Schönheit hängt somit von einer Notwendigkeit ab, die über das Individuum hinaus reicht, und ist deshalb auch stärker als jede andere auf Erden bekannte Form der Liebe. Wenn man jedoch begreifen würde, daß die Bedeutung des Fortpflanzungstriebs nicht im eigenen Wohl oder Genuß liegt, sondern lediglich ein Dienst ist, den man für eine mächtigere Natur leistet, die das Individuum als Sklaven benutzt, dann würde niemand mehr in der Erfüllung dieses Triebes schwelgen. Um dies jedoch zu vermeiden, vernebelt die Natur das Bewußtsein des Individuums und versetzt es in den Glauben, daß der Zweck des Triebes im Vergnügen des Individuums zu finden sei, indem der Verstand daran gehindert wird, während der Trieberfüllung regulierend zu funktionieren. Diese Illusion wird als “Geschlechtstrieb” bezeichnet.

        Diese sich in den Individuen ausdrückenden Energien haben eine gemeinsame Quelle, eine ursprüngliche Form und ihre Summe ist zu allen Zeiten gleich. Sie wächst oder schrumpft niemals; sie wird nur manchmal aufgrund einer Störung des Gleichgewichts im Bewußtsein in ungleichen Proportionen verteilt. Diese Gesamtsumme an objektivierter Energie ist der Nährboden für alle irrationalen und rationalen Triebe. Und da sie direkt im Prinzip der psychischen Individualität verwurzelt sind, werden diese nach außen orientierten Triebe oder Tendenzen nicht einmal vom Tod des physischen Körpers ausgelöscht. Sie verebben erst dann, wenn sie vom universellen Bewußtsein aufgesaugt werden, indem man über die essentielle Selbstheit aller in ihm befindlichen Individuen meditiert.

        Es gibt noch verschiedene schwächer wirkende Instinkte, die weniger kraftvoll sind als jene der Selbsterhaltung und der Fortpflanzung, aber dennoch einen starken Einfluß auf die Persönlichkeit ausüben und diese zu unfreiwilligen Handlungen zwingen. Der Selbstbehauptungstrieb ist einer von ihnen. Dieser Instinkt wirkt entweder als Ausgleich für die eigenen Minderwertigkeitsgefühle oder, um die eigene, von anderen vereitelte Macht, Wichtigkeit und Besonderheit (die oft nur eingebildet ist) zu erhalten, sowie, um das eigene Ego auszudehnen, indem man sich von außen her (künstliche) Qualifikationen aneignet. Dieser Instinkt stellt die angeborene Tendenz dar, den Komplex des eigenen psycho-physischen Organismus zu erhalten. Der “Herdentrieb” ist ein anderer Drang, wo man sich mit einer Gruppe identifiziert. Metaphysisch betrachtet scheint dies ein unbewußter Ausdruck der Liebe zum eigenen größeren sozialen Selbst zu sein, das alle Individuen in sich umfaßt. Diese Liebe ist jedoch keine Tugend, wenn man sich der Existenz eines solchen größeren Selbst nicht bewußt ist und man die Gesellschaft ohne dieses Verständnis liebt. Der “Beschützerinstinkt” oder “Elterninstinkt” drückt sich in der biologischen Anziehung des physischen Organismus (der natürlich auch das Denken beeinflußt) zu seinem “Alterego” aus. Elterliche Liebe ist eine der Manifestationen der biologischen Natur des Individuums, die zum Zweck der Ausbreitung der Individuen einer Gattung aufgegriffen wird.

        Letztendlich sind alle Triebe Symptome für den Ruf des Geistes nach dem Geist, verborgen in der äußeren Bindung an Formen, Objekte, Gedanken und Handlungen.

        Das Verlangen nach Wissen und Erkenntnis ist ein rationaler Trieb. Er nimmt verschiedene Formen an, die über unterschiedliche Kanäle wirken und auf die Erfüllung des Wunsches nach Erkenntnis hinzielen. Manchmal ist es nur reine Neugier, zu anderen Zeiten wiederum eine aus Lebensproblemen erwachsene Notwendigkeit, die im Individuum das Verlangen erweckt, zu verstehen. Am Anfang ist das begehrte Wissen nur ein Mittel für größere und höhere Errungenschaften, doch später ist sie ein Ziel in sich selbst. Außer der Sehnsucht nach höherem Wissen, das selbstexistent ist, und dem Selbsterhaltungstrieb (solange er die Grenzen des tatsächlich Notwendigen nicht überschreitet), sind alle Instinkte unnötige Ventile für die Veräußerlichung von Energie hin zu Objekten, die das Individuum für seine Entwicklung nicht benötigt.  Das Verlangen nach Wissen sollte jedoch als übernatürlicher Drang bezeichnet werden, auch wenn es erst zum Schluß hin wirklich übernatürlich wird und in den Anfangsstadien einige Mühe und Energie kostet. Das Verlangen nach höchstem selbstexistentem Wissen ist kein wirklicher Drang, sondern das Ziel des geringeren Wissens, wobei nur dieses letztere unter die Triebe eingeordnet werden kann.

        Das Wirken des Wissensdurstes weist jedoch das spezielle Merkmal auf, daß sich sein Wert nur auf die Ebene der Dualität beschränkt, so daß dabei immer etwas Energie in Richtung eines außerhalb des Bewußtseins befindlichen Objekts abfließt. Aus diesem Grund kann der Wissensdurst unter die verschiedenen, im Individuum wirkenden Triebe eingeordnet werden, auch wenn das Streben nach höherem Wissen, das kein Mittel zum Zweck, sondern ein Ziel in sich selbst ist, nicht als individueller Drang bezeichnet werden kann. Das höhere Wissen bezieht sich nicht auf ein außerhalb seiner selbst befindliches Etwas, sondern existiert ausschließlich in sich selbst. Was mit dem rationalen Trieb gemeint ist, ist deshalb nicht das Streben nach selbstexistentem, unabhängigem und absolutem Wissen, sondern das Streben nach Erkenntnis, das Verlangen nach Verständnis und der Drang, über beschränktes Wissen hinaus zu wachsen.

        Außer dem Verlangen nach Wissen sollten alle Triebe und Instinkte kontrolliert und in die vereinigende Energie des höheren Bewußtseins transformiert werden, da diese natürlichen Triebe der körperlichen Natur nicht mit dem höheren Streben nach der Einheit des Bewußtseins im universellen Sein vereinbar sind. Die Kunst, diese der spirituellen Suche entgegenstehenden Instinkte zu überwinden, besteht letztlich aus bestimmten Prozessen, die mit der essentiellen Natur des Bewußtseins verbunden sind. Da das Ziel die Erfahrung der höchsten Einheit ist, muß auch der Weg, der zu dieser führt, in inniger Beziehung zu ihr stehen.

        Für die Erfahrung des Absoluten ist die Umwandlung der individuellen Konstitution notwendig. Wie auf den letzten Seiten bereits ausführlich geschildert wurde, kann diese Umwandlung erreicht werden, indem man die wahre Natur der Beziehung zwischen dem Individuum und dem Absoluten begreift. Alle Formen der Veräußerlichung von Energie, die man als Triebe, Instinkte und dergleichen bezeichnet, sind Bewegungen des Bewußtseins in Richtung eines “Nicht-Selbst”. Sobald das Bewußtsein damit aufhört, auf diese Weise zu arbeiten, kann es keinen individuellen Drang mehr geben. Folglich besteht der Weg der Selbstkontrolle aus dem Rückzug der Funktionen des objektivierten,  sich nach außen richtenden Bewußtseins in ihren Ursprung, wobei diese Funktionen allmählich zusammenlaufen und mit dem Absoluten verschmelzen. Nur eine bewußte Bemühung des Individuums, über sich selbst hinaus zu wachsen und sich über die Beschäftigung mit ablenkenden Einzelheiten zu erheben, kann diese großartige Errungenschaft und tatsächliche Erfahrung herbeiführen. Hierfür sind ein klarer Verstand, leidenschaftsloses Empfinden, Sehnsucht nach Freiheit und außerordentliche Beharrlichkeit notwendig.

        Studium, Reflexion und Meditation sind die methodischen Prozesse der Selbsttranszendenz. Um über die spirituelle Wirklichkeit meditieren zu können, sind eine sorgfältige Analyse und das Studium der Natur von Wahrnehmung und Erfahrung unter der Führung eines fähigen spirituellen Lehrers unentbehrlich. Um die eigene Anhänglichkeit an äußere Formen der Erfahrung zu lösen und um alle Energien auf das höchste Selbstbewußtsein konzentrieren zu können, muß man erkennen, welche Probleme in die relative Erfahrung verwickelt sind, und auch, daß alle relativen Erfahrungen letztendlich in der Wirklichkeit des Absoluten zentriert sind und auf sie reduziert werden können. Bevor irgendeine Bemühung um Kontrolle instinktiver Reaktionen und blinder Triebe unternommen werden darf, muß man deren Natur und Wesen klar verstehen. Keine Übung kann von dauerhaftem Wert sein, wenn ihr nicht eine korrekte Kenntnis der inneren Anatomie, der Bedeutung und Methode dieser Übung vorausgeht. Man darf nur handeln, wenn man weiß, wie man zu handeln hat, warum man überhaupt handelt und was die Handlung wirklich bedeutet. Handlung muß somit auf Verständnis basieren. Dieses Verständnis, auf dem alle spirituellen Praktiken basieren, ist der Vorläufer von Leidenschaftslosigkeit gegenüber jeglicher Veräußerlichung in Richtung von Dingen und Objekten. Wahre Entsagung ist nicht der Verzicht auf irgendein “Ding”, sondern das Loslassen der “Dinghaftigkeit” in den Dingen, der “Objektheit” in den Objekten, der “Äußerlichkeit” in Erfahrungen und der “Projiziertheit” im Bewußtsein. Diese Entsagung ist der Zustand der höchsten Erfüllung im Absoluten. Ohne die totale Hingabe der Persönlichkeit und all ihrer Begleiterscheinungen an dieses eine Ziel kann es keine Hoffnung auf diese ultimative Erfahrung geben. Im selben Moment, in dem diese Hingabe stattfindet, verschwinden die Anhänglichkeiten, der Geist entspannt sich, die Sinne werden von den Formen zurückgezogen, Leidenschaften erlöschen, das Bewußtsein wird konzentriert, Freude kommt auf und man empfindet eine gewaltige Kraft in sich selbst. All dies sind Folgen, die sich ergeben, wenn sich Individuum und Wirklichkeit in Harmonie befinden, wenn sich alle Kräfte mit der Wirklichkeit vereinen und alle Unterschiede und Objektivität in ihr auflösen. Durch diese Handlung zieht das Individuum vom universellen Zentrum Unterstützung an und wird eins mit ihm. Eine tatsächliche Erfahrung dessen ist durch intensive Meditation über dieses universelle Zentrum möglich.

        Jede Handlung des eigenen Lebens sollte zu einem Ausdruck der bewußten Kontemplation über das Absolute werden. Bevor nicht alle Handlungen auf diesem Bewußtsein basieren, kann nicht der geringste Wert in ihnen enthalten sein. Das Absolute ist das Lebensprinzip aller Dinge, Handlungen und Gedanken, so daß in dessen Abwesenheit alles leblos und bedeutungslos ist. Spiritualität ist ein Bewußtseinszustand und besteht nicht nur aus bestimmten Handlungsformen. Wird das Bewußtsein dahingehend trainiert, in dieser Harmonie zu existieren, dann werden alle Handlungen zu universellen Prozessen und hören auf, individuelle Bemühungen zu sein, die in Richtung eines außen liegenden Zieles ausgerichtet sind. Es ist eines jeden Pflicht, sich in all seinen bewußten Zuständen um eine Vereinigung mit dem Absoluten zu bemühen und den eigenen Verpflichtungen mit dem Bewußtsein dieser Einheit nachzugehen. Ein Individuum, dem dies gelingt, ist ein Heiliger, ja ein aufs höchste Gesegneter. Die bloße Gegenwart eines solchen Wesens übt auf die gesamte Umgebung einen magnetischen spirituellen Einfluß aus. “Dieses Universum ist sein, und wahrlich, er ist das Universum selbst”, sagt die Upanishad. Dies ist die glorreiche Vollendung des Lebens.

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19     Der Geist der spirituellen Praxis

        Die Selbstlosigkeit einer Handlung sollte nach dem Ausmaß beurteilt werden, in dem diese für die universelle Struktur der Dinge von Bedeutung ist. Sie hat weder mit meinem Denken, noch mit deinem oder irgend jemandes Denken zu tun. Das Wesen der Wahrheit hängt nicht vom menschlichen Denken oder Empfinden ab. Sie besitzt eine eigenständige Existenz und bestimmt in ihrer außerordentlichen Überlegenheit, in ihrer majestätischen Universalität und in ihrem Fassungsvermögen selbst die Gedanken und Gefühle der Menschen - und nicht andersherum. Es ist seltsam, daß der Mensch die Angewohnheit hat zu glauben, daß Wahrheiten vom menschlichen Denken bestimmt werden, oder noch schlimmer, vom eigenen individuellen Denken. Das Menschliche kann nicht einfach zum Göttlichen werden, nur weil die Menschheitsgeschichte bereits einen zeitlichen Prozeß von mehreren Jahrtausenden durchschritten hat. Das Göttliche ist eine qualitative Transformation der allgemeinen Bewußtseinshaltung und keine quantitative Kalkulation logischer Schlußfolgerungen. Wenn die Wahrheit von uns Besitz ergreift, denken und beurteilen wir sie nicht mehr auf die uns eigene Art und Weise, sondern nehmen an ihrem Sein Teil, was etwas völlig anderes ist als das, was wir als Wahrheit, Recht, Gerechtigkeit, Güte, Tugend und Rechtschaffenheit definieren.

        Es macht kaum einen Unterschied, ob jemand dem Pfad der Hingabe oder dem Pfad der Erkenntnis folgt. Spirituelle Sucher, sowohl die wirklichen als auch diejenigen, die sich nur dafür halten, verschwenden ihre Zeit oft damit, sich über Angelegenheiten zu streiten, die für die spirituelle Praxis belanglos sind und den Sucher dabei dennoch in den trügerischen Glauben versetzen, daß er seine Zeit äußerst gewinnbringend nutze. Dies soll jedoch nicht heißen, daß es überhaupt irgend jemanden geben kann, der gar keine Fehler begeht, da ein jeder Schwächen hat, die sogar so schwerwiegend sein können, daß man sie unmöglich in nur einem Leben ausmerzen kann. Da die eigenen Schwächen oft in die eigene Wesensnatur verwoben sind, können sie nur dann erlöschen, wenn die betreffende Person stirbt. Trotzdem sollte man sich angesichts der Gegenwart einer solchen Schwäche nicht davon entmutigen lassen, stets richtig zu handeln. Wollte man nämlich auf den Zeitpunkt warten, an dem man sich von allen Mängeln befreit hat, um erst dann mit der spirituellen Praxis zu beginnen, würde dies der Situation gleichkommen, auf den Stillstand der Wellentätigkeit im Ozean zu warten, um erst dann ein Bad zu nehmen. Das Leben ist ein fortwährender Kampf, ein endloses Leiden, eine Abfolge von Ärgernissen, Qualen und Sorgen, wobei ein Problem dem anderen folgt, noch bevor dieses gelöst ist. Unter diesen Umständen können wir uns getrost mit der Tatsache abfinden, daß ein jeder irgendwelche Schwächen hat und wir auch nicht besser sind als die anderen. Nicht selten fühlen wir uns nämlich nur schon deshalb erhaben und überlegen, weil wir einen kleinen Schritt nach oben getan haben und nun andere sehen, die auf einer niedrigeren Stufe stehen als wir. Die bloße Gegenwart des Kleineren läßt uns groß erscheinen. Wir geben uns mit einem Bild der Welt zufrieden, das von unseren Gedanken, die nirgends etwas Gutes sehen wollen, völlig schwarz gefärbt ist. Dies sind die Fallstricke, in denen sich der Geist eines spirituellen Suchers verfangen kann, was auch tatsächlich oft genug geschieht. Sie scheiden im gleichen Zustand aus dieser Welt, in dem sie geboren wurden, und das trotz aller Bemühungen, die sie anfänglich auf sich nahmen, als ein Funke von Sattva[21] in ihnen wirkte, da dieser Funke von den Stürmen des Lebens sehr leicht ausgeblasen werden kann.

        Der Geist der spirituellen Praxis, mit dem man dem “inneren Pfad” folgt, ist wichtiger als die äußere Form, mit der sich die meisten Leute normalerweise beschäftigen. Der eine verbringt den ganzen Tag damit, Rosenkranzperlen zu zählen, und glaubt, damit seine spirituelle Praxis getan zu haben. Ein anderer besucht den Tempel, läutet die Glocken, macht einige Übungen und liest verschiedene Bücher, um die Stunden seines Tages auszufüllen, was ihn glauben läßt, eifrig mit seiner spirituellen Praxis beschäftigt zu sein. Nun, all dies ist die äußere Form der spirituellen Praxis, die auch sehr notwendig und innerhalb ihres Rahmens durchaus angebracht ist. Sie verliert jedoch ihre eigentliche Bedeutung, wenn sie des Geistes beraubt ist, in dem sie ursprünglich ausgeübt werden sollte. Man sollte sich vergegenwärtigen, daß die spirituelle Praxis keine körperliche Aktivität ist, die man in der Welt äußerlich ausführt, sondern ein Geisteszustand, ein Zustand des Denkens und ein Bewußtsein, in dem man lebt. Angenommen, irgend jemand wiederholt ein Mantra[22] 10000 mal am Tag, wobei sein Herz mit Groll, Frustrationen, Vorurteilen und Eifersucht erfüllt ist, dann wird ihm diese Rezitation in keiner Weise helfen. Alle Handlungen sind Symbole einer inneren geistigen Haltung, und wo diese innere Haltung fehlt, ist die Handlung als solche bedeutungslos. Die Mehrheit der spirituellen Sucher verliert sich in der Wildnis irregeleiteter Gedanken und Ideologien. Dies ist genau der Grund dafür, warum man in seiner spirituellen Praxis sehr häufig keinen Erfolg verzeichnen kann, obwohl man sich jahrelangen Übungen unterzogen hat, die vielleicht sogar mit großartigem Enthusiasmus durchgeführt wurden, jedoch nicht im notwendigen Geist.

        Es ist schwer, jemandem klarzumachen, daß der Geist der spirituellen Praxis von der Intensität bestimmt wird, mit der man nach der Gotteserfahrung strebt. Diese Tatsache ist dermaßen schwer zu begreifen, daß für gewöhnlich selbst ein ständig wiederholter Hinweis auf diesen Punkt keinerlei Wirkung auf den spirituellen Sucher hat. Wir haben die Worte “Gott” und “Verwirklichung” schon so oft gehört und sie im Alltag viel zu leichtfertig benutzt, so daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Bedeutung verloren haben. Gold wird jedoch nicht allein dadurch billiger, daß man seinen Namen tausendmal täglich ausruft. Sein Wert liegt in ihm selbst. Unsere spirituelle Routine wird sich letztendlich als nutzlos erweisen und keinerlei substantielle Bedeutung haben, wenn wir sie nicht mit dem Ideal der Gotteserfahrung aufladen. Maya[23] arbeitet auf verschiedene Arten. So verhindert sie bei dem einen, daß er auch nur einen einzigen richtigen Schritt unternimmt. Schon zu Beginn der beabsichtigten Bemühung wirft sie einem gewaltige Hindernisse in den Weg. Dies geschieht, wenn es Widerstand seitens der Verwandtschaft gibt oder die eigene körperliche Verfassung schlecht ist oder es an den lebensnotwendigsten Grundbedürfnisse mangelt. Aber Maya kann dem Sucher auch dadurch entgegentreten, daß sie ihn falsche Schritte unternehmen läßt und ihn dabei in der Illusion festhält, er bewege sich in die richtige Richtung. Dies ist noch weitaus schlimmer als die erstgenannten Probleme, da man in diesem Fall nicht einmal erkennen kann, daß man getäuscht worden ist. Die meisten Leute können es nicht verhindern, in diese Grube zu fallen, die Maya für jeden gegraben hat. Die schlimmste Form der Täuschung nimmt Maya jedoch dann an, wenn die Menschen in ihrer Annäherung an das Absolute ein ethisches Dogma oder eine traditionelle Routine der sozialisierten Religion für die spirituelle Bedeutung schlechthin halten.

        An dieser Stelle muß noch einmal darauf aufmerksam gemacht werden, daß es dem Menschen unmöglich ist, das Ideal der Gotteserfahrung, das den geistigen Hintergrund der spirituellen Praxis bildet, Zeit seines Lebens gleichmäßig aufrechtzuerhalten. Selbst von großen Heiligen wird berichtet, daß sie trotz ihrer Bemühungen, diesen Geist ununterbrochen aufrechtzuerhalten, irgendwann einmal ihre Geduld und ihr Gleichgewicht verloren haben. Es gibt niemanden, der den Klauen des Irrtums völlig entkommen ist, die einem jeden in Form von Gier, Ärger, Lust, Eifersucht, Verwirrung, Melancholie, Lethargie oder subtiler Sehnsucht nach Ruhm und Macht wie eine Schlange auflauert. Der schlimmste Irrtum zeigt sich jedoch in dem Gefühl, das ersehnte Ziel bereits erreicht zu haben und zu glauben, die einzige Aufgabe bestehe nun darin, die eigene Erfahrung mit anderen zu teilen. Viele Sucher, die sich anfangs aufrichtig dem spirituellen Pfad widmeten, haben sich später in den Schlingen des Wunsches nach übernatürlichen Kräften verfangen, die man durch Mantras und Rituale erlangen kann, oder in dem heftigen Verlangen danach, sich in Grammatik, Literatur, Astrologie oder Handlesen zu vertiefen. Dabei ist es nicht einmal so, daß an diesen Strebenden irgend etwas grundsätzlich verkehrt gewesen wäre, denn ihr Kummer liegt nur darin, daß sie keinen geeigneten Lehrer gefunden haben, der sie in den Verwirrungszuständen hätte führen können, die sie in den Zeiten der Hoffnungslosigkeit befallen haben.

        Kommen wir nun jedoch noch einmal auf das Ideal der Gotteserfahrung zurück, jenes mysteriöse Etwas, das für den Verstand so schwer zu begreifen ist, da es ihm keinen Anreiz bietet. Normalerweise wird niemand von der wahren Bedeutung des Begriffs “Gotteserfahrung” angezogen. Für viele ist “Gotteserfahrung” nur eine verschwommene Phrase, die keinen nennenswerten praktischen Sinn vermittelt, und für andere wiederum ist sie eine Wahrheit mit zweifelhaftem Wert, da ihnen nicht klar ist, was sie ihnen wirklich bescheren wird. Unglücklicherweise glauben viele Sucher, daß ihnen die Gotteserfahrung nichts von all den Dingen verschaffen wird, die man sich in der Welt normalerweise wünscht, da man als Voraussetzung für diese Erfahrung dazu aufgefordert wird, alle Wünsche aufzugeben und nichts außer Gott zu wollen. Wie jedoch sollte man nur noch nach Gott verlangen können und nichts mehr von dem begehren, was in der Welt glanzvoll, schön, herrlich und erfreulich ist? Was bringt es einem ein, Gott zu erreichen, wenn man dabei alles andere verliert, an dem man sich erfreuen möchte? Obwohl man vielleicht theoretisch zu dem Schluß kommen mag, daß Gott das einzig erstrebenswerte Ziel sein muß, kann sich das Herz, das daran gewöhnt ist, die Freuden dieser Schöpfung zu sehen und von ihnen zu hören, nicht mit der trockenen Logik anfreunden, die in all den leckeren Dingen nichts Gutes sieht, die das Universum samt seiner Himmelreiche anzubieten bereit ist. Dies sind die Tatsachen, denen ein jeder auf seinem Weg zur Gotteserfahrung gegenüberstehen muß, und es ist nicht leicht, diesen Versuchungen zu widerstehen, solange sich das Herz nicht mit dem Verstand vereint. In den meisten Fällen sind der Kopf und das Herz wie ein streitendes Pärchen, das die Familie zur Hölle werden läßt. Solange die beiden nicht gemeinsame Ziele haben und zusammenarbeiten, um ein höheres Ideal zu verfolgen, kann es keinen Frieden geben.

        Sowohl die Sucher auf dem Pfad der Hingabe als auch jene auf dem Pfad der Erkenntnis sollten sich an einen sehr wichtigen Punkt erinnern, der darüber entscheidet, ob ihre spirituelle Praxis Erfolg haben wird oder nicht. Für den Bhakta oder Gottesverehrer ist Gott alles, und er sieht die Welt als Offenbarung Gottes. Dies bedeutet jedoch nicht, daß sich der Ergebene von Anfang an im Zustand des Para-Bhakti befindet, in dem er die ganze Welt als Gott schaut, der in den verschiedenen Formen erstrahlt. Selbst in den anfänglichen Stufen des Bhakti, in denen eine derartige Gottesschau noch in weiter Ferne liegt und man sich im Tempel oder zu Hause mit der Verehrung eines Abbildes beschäftigt oder sich in die Rezitation eines heiligen Mantras oder in das Studium der heiligen Schriften vertieft, ist die ausschließliche Hingabe an die eigene spirituelle Praxis - ganz gleich, in welcher Form die Verehrung stattfindet, sei es auch auf sehr einfache Weise - die wichtigste Voraussetzung für wahren Fortschritt, wobei man sich nur mit seinen Übungen beschäftigt und nicht mit den Angelegenheiten der Außenwelt. Diese Ausschließlichkeit der Hingabe beschützt den Strebenden davor, in die Geisteszustände von Lust, Ärger, Gier, Eifersucht, Ehrgeiz und dergleichen zu verfallen, da ihm in diesem Fall überhaupt keine Zeit mehr dafür bleibt, an solche Dinge zu denken. Dies trifft selbst dann zu, wenn sich die spirituelle Praxis noch in den Anfangsstadien befindet. Welches Glück wird dann wohl erst demjenigen zuteil, der in seiner zerschmelzenden Hingabe Gott überall schaut, gleichermaßen im Hohen wie im Niedrigen?

        Für den Studenten auf dem Pfad der Erkenntnis existieren Objekte als solche nicht, da für ihn alle Objekte und Dinge in den Status des universellen Sehenden oder in eine totale Subjektheit transformiert sind, in der die “Weltheit” der Welt verschwindet, so daß ihm kein Spielraum mehr dafür bleibt, von den Leidenschaften und ehrgeizigen Absichten gefangen zu werden, die das Phänomen namens Welt durchfluten. Es gibt nur einen “Sehenden”, der überall ist, und folglich nichts, was gesehen werden kann, da alles “Gesehene” ebenfalls eine Erscheinung des “Sehenden” selbst ist. Dies ist mit Traumobjekten vergleichbar, die nichts anderes sind als gedachte Inhalte des menschlichen Geistes und im Wachzustand in einer einzigen Ganzheit versammelt und vereint sind. Wo bleibt in solch einem Fall noch eine Möglichkeit für Vorurteile, Ärger, Sehnsucht und egoistische Ausdrucksweisen?

        Dies ist der Geist der spirituellen Praxis, der die tägliche Routine des Suchers beleben muß und ihr erst eine Bedeutung gibt. Und dies ist es auch, was über Erfolg oder Mißerfolg der eigenen Übungen entscheidet - in welchem Ausmaß und in welchem Verhältnis das Gott-Element in der spirituellen Praxis gegenüber anderen Zielen und Absichten überwiegt.

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20     Die Suche nach dem Geist

        Die Suche nach dem Geist ist eher die Suche nach einer Bedeutung als die Suche nach einer Substanz oder einem Objekt. Dies ist der wichtigste Punkt der gesamten spirituellen Suche. Wir begehen oft den Irrtum zu glauben, daß wir auf unserer Suche nach Gott eine Sache, eine Person, ein Objekt oder eine Substanz suchen. Obwohl unsere Vorstellungen von Gott oder dem Geist auf unserer Suche nach ihm eine gewisse Bedeutung haben, sind all diese Vorstellungen äußerst unzureichend im Vergleich zur Wahrheit und Wirklichkeit, da wir genaugenommen nach etwas suchen, das tiefer liegt als das, was an die Oberfläche unseres Bewußtseins gelangt. Um den Unterschied zwischen dem, was “Bedeutung”, und dem, was “Sache” oder “Substanz” ist, klarzumachen, kann man folgende konkrete Beispiele anführen: Wenn wir nach Nahrung verlangen, sieht es allem äußeren Anschein nach danach aus, als benötigten wir irgendeine Substanz. Wenn wir sagen: “Ich brauche etwas zu essen”, so denken wir dabei vielleicht an etwas Reis, Weizen, Gemüse, Butter, Milch und dergleichen - Dinge, die im allgemeinen als Nahrung verstanden werden. Hinter diesem Verlangen nach Nahrung steckt jedoch eine Bedeutung, die uns nicht immer klar ist. In Wahrheit sind es nämlich nicht die Nahrungsmittel, nach denen wir verlangen, sondern die Bedeutung, die hinter diesen verborgen liegt. Nahrungsmittel sind in unserem persönlichen Leben von Bedeutung in Hinsicht auf unser physisches Wohl. Hätten diese Speisen nämlich keinerlei Bedeutung für unsere körperliche Existenz, so würden wir sie auch nicht benötigen.

        Wann immer wir ein Objekt betrachten, lesen wir eine Bedeutung in dieses hinein. Es “bedeutet” uns etwas. Nun ist uns diese Gewohnheit, eine Bedeutung in die Dinge hinein zu lesen, so vertraut, daß wir auf keine andere Art mehr denken können. Wir denken nicht zuerst, um dann die Bedeutung herauszulesen. Das Denken und das Lesen der Bedeutung gehen Hand in Hand. Oder, um es anders auszudrücken: das Denken und das Empfinden arbeiten in unserer Wahrnehmung simultan. Sobald wir über ein Objekt nachdenken, empfinden wir ihm gegenüber auch etwas. Mit anderen Worten heißt dies, daß wir ein Objekt im Sinne der Bedeutung erkennen, die es unserem Leben vermittelt. Diese Bedeutung ist es, die unserer Aufmerksamkeit auf unserer Suche nach Werten im Leben entgeht, denn in Wirklichkeit verlangen wir zutiefst nach Werten und nicht nach Objekten oder Dingen.

        Die Bedeutung hinter den Nahrungsmitteln ist das Stillen des Hungers. Und genau das ist es, was wir brauchen - nicht bloß Säcke voll Reis. Es ist nun einmal so, daß ein Samenkorn namens Reis, wenn es in einer bestimmten Menge und auf eine bestimmte Art und Weise mit unserem physischen Körper in Berührung kommt, in der Lage ist, den Zustand einer biologischen Reaktion zu befriedigen, den wir als Hunger bezeichnen. Und es ist nun einmal so, daß dieses bestimmte Ding (Reis) diese besondere Wirkung auf uns hat. Andernfalls bräuchten wir nämlich etwas anderes.

        Es ist also nicht das Objekt, nach dem wir suchen, sondern nur der Wert, der in dem Objekt verborgen liegt. Dies gilt auch für Geld. Was wir brauchen, ist nicht der materielle Gegenstand an sich, sondern dessen Fähigkeit, uns mit Kaufkraft zu versorgen. Und das nennen wir dann Geld. Es geht nicht um Gold und Silber oder um Banknoten, sondern um die Bedeutung, die sich dahinter verbirgt. Und ebenso steht es auch mit allen anderen Dingen in dieser Welt. Hinter unserem Verlangen nach Dingen, hinter unserer Beziehung zu Dingen und hinter der Art und Weise, wie wir reden, wie wir uns in der Gesellschaft verhalten, wie wir denken, fühlen und handeln, steckt immer eine Bedeutung. Alle diese Dinge haben eine verborgene Bedeutsamkeit und genau die ist es, die wir wirklich suchen. Unglücklicherweise verwechseln wir diese Bedeutung mit der äußeren Form eines Objekts, so daß es danach aussieht, als wären wir eher auf der Suche nach Objekten als nach Werten. Doch dem ist nicht so. Selbst wenn wir in unserer Alltagssprache die Frage stellen: “Worin besteht der Geist dieser Lehre?”, machen wir zwischen den Buchstaben und dem Gehalt der Lehre einen Unterschied. So gibt es den Buchstaben des Gesetzes und den Geist des Gesetzes. Die Worte, die ich spreche und der Geist, in dem ich spreche, sind verschieden. Selbst im Alltag benutzen wir den Begriff “Geist”, um damit eher eine Bedeutung, als eine äußere Form zu bezeichnen, die ein bestimmtes Verhalten annimmt.

        Und wie im gewöhnlichen Leben, so verhält es sich auch in unseren kosmischen Beziehungen. Wie bei den oben angeführten Beispielen von Nahrungsmitteln oder Banknoten, hinter denen eine Bedeutsamkeit steht, befindet sich auch hinter unserer eigenen Existenz als Individuum ein Geist. Und es ist allein dieser Geist, den wir benötigen, und nicht die Dinge als solche. Wenn die Bedeutung fehlt, werden wir uns auch nicht darum bemühen.

        Es gibt einen Geist, den wir inmitten all der Aufmerksamkeit heischenden Einzelheiten verloren haben. Obwohl wir das Wort “Geist” schon oft gehört haben, halten wir es noch immer für ein Objekt. Wenn wir dem spirituellen Pfad folgen, müssen wir lernen, ein wenig unpersönlicher zu denken. Wir sind zu sehr mit Persönlichkeiten, Dingen und Gegenständen verbunden gewesen, so daß wir uns daran gewöhnt haben, nur noch in Begriffen körperlicher Einheiten zu denken. Wir können nicht unpersönlich denken, und es ist auch ziemlich schwierig. Ob es sich um meine, diese oder jene Person handelt, stets denken wir in persönlichen Begriffen. Das Unpersönliche ist hinter allen persönlichen Einschätzungen der Dinge verborgen, und es ist ausschließlich das Unpersönliche, das wir suchen, selbst in den Personen. Das “Allgemeine” ist im “Einzelnen” verborgen; das Unpersönliche befindet sich hinter allen Formen. Das Ungeteilte ist in allen Individualitäten gegenwärtig. In unseren Bestrebungen kann man einen allmählichen Aufstieg von den niederen zu den höheren Einzelheiten verzeichnen, wobei die höheren Einzelheiten für die niedrigeren vorübergehend das Allgemeine und Universelle sind.

        Auf der Suche nach dem Geist des Lebens suchen wir nicht nach irgendeinem vorhandenen Objekt, denn der Geist ist kein Objekt. Um noch einmal auf unser Beispiel zurückzugreifen: Der Geist des Gesetzes ist nichts, was man mit den Augen sehen kann, und trotzdem wissen wir, was es bedeutet. Der Geist hat eine unfaßbare Bedeutsamkeit, die sich nicht unseren Sinnen mitteilt, sondern einem unserem Sein verwandten Etwas. Der Geist der Dinge kann mit den Sinnen nicht wahrgenommen werden und wird selbst vom Verstand nicht richtig beurteilt, da dieser immer in Kooperation mit den Sinnen arbeitet. In unserer eigenen Individualität gibt es etwas, das man durchaus als die Bedeutung unserer eigenen Existenz bezeichnen könnte. Was wir mit “uns” oder “ich” meinen, ist die verborgene Bedeutung hinter dem, was wir selbst zu sein glauben. Dieser Vergleich kann auch auf unsere Persönlichkeit angewendet werden. Der Geist meines Seins unterscheidet sich von meiner körperlichen Existenz.

        Wenn ich nach dem Geist suche, wonach suche ich dann? Was ist Spiritualität? Spiritualität ist jener Zustand des Bewußtseins, in dem man mehr nach dem Geist der Dinge verlangt als nach deren Form oder Körper. Man interpretiert die Dinge nicht mehr in objekt- und personenbezogenen Begriffen, so daß die Bewertungen des Lebens nicht mehr von Personen und Dingen abhängen. Man lernt eher vom Standpunkt des Allgemeinen und Universellen aus zu denken, als vom Standpunkt der Einzelheiten und körperlichen Existenzen. Dies also wäre Spiritualität, wobei es gleichgültig ist, in welchem Grad sie sich äußert, sei es auch der niedrigste.

        Spirituell zu sein bedeutet, in zunehmendem Maße von einem allgemeineren Standpunkt aus zu leben statt von einem speziellen, was bedeutet, daß man damit beginnt, in der eigenen Existenz auch andere Werte einzuschließen, wozu man bis dahin nicht in der Lage war. Im gegenwärtigen Stadium unserer körperlichen Existenz ist unsere Wahrnehmung jedoch auf unsere körperlichen Bedürfnisse beschränkt. “Mein Hunger”, “mein Durst”, “meine Müdigkeit”, “meine Schwierigkeiten”, “meine Probleme” - all dies beschäftigt unsere Aufmerksamkeit in einem solchen Ausmaß, daß wir die Grenzen unserer körperlichen Bedürfnisse nicht überschreiten können. Dies ist der niedrigste Aspekt des menschlichen Lebens, in dem die eigenen Gedanken und Gefühle dermaßen auf die körperliche Hülle beschränkt sind, daß es darüber hinaus keinerlei Gedanken und Empfindungen mehr gibt. Sobald man jedoch dazu fähig wird, die Bedeutung des Lebens anderer Menschen zu erkennen, und zwar eher in bezug auf deren Geist, als auf ihre Form, und wenn man gleichzeitig lernt, die eigenen persönlichen Werte mit den im Moment als außerhalb befindlich erscheinenden Werten zu verbinden, dann vergrößert sich das eigene Selbst. Was wir das Selbst nennen, ist nichts anderes als der Geist, der in uns und in allen Dingen und Wesen wohnt. Wenn wir vom Selbst sprechen oder wenn wir über das Selbst nachdenken, halten wir es wahrscheinlich für eine Art Substanz. Philosophen haben die Seele oft als eine Substanz definiert. Sie ist aber keine Substanz; zumindest nicht im Sinne von irgend etwas, das wir begreifen könnten. Sie ist kein greifbares Objekt. Sie ist jenseits der Sinne, wie unsere heiligen Schriften unermüdlich wiederholen. Die Bedeutung unserer Persönlichkeit und die Bedeutung der gesamten Schöpfung ist übersinnlich. Daß sie übersinnlich ist, bedeutet, daß man sie nicht sehen kann, sie nicht mit den Händen fühlen kann, sie auch nicht riechen kann, hören oder schmecken, und daß man keinerlei verstandesmäßige Beziehung zu ihr haben kann. Ebenso steht es mit dem Geist der Dinge.

        Nun, wer will den Geist eigentlich begreifen? Was verstehen wir überhaupt unter einem spirituellen Leben? Sollte der Geist die Bedeutung des Lebens sein und diese Bedeutung ihrerseits so abstrakt sein, dann kann sie für die Sinne keinerlei Wert haben und müßte für diese also bedeutungslos sein. Der Geist des Lebens ist in unseren eigenen Körpern anwesend. Er ist nicht weit von uns entfernt und folglich ist es uns möglich, den Geist des Universums in seiner Gesamtheit zu erreichen; allerdings nicht über die Sinne oder über den Intellekt, sondern über etwas, das wir sind. Das, was wir sind, ist die Bedeutung, die uns innewohnt. Wir sind die Träger einer ewigen Bedeutung. Diese in uns verborgene ewige Bedeutung ist es, was wir sind. Es ist nicht die vorübergehende, in unserem Alltagsleben erworbene Bedeutung, die wir als unser eigenes Selbst bezeichnen können. Diese ist nämlich nur eine örtlich begrenzte Anpassung, aber nicht unsere wahre Bedeutung.

        Würde man uns alle körperlichen und psychologischen Beziehungen entziehen, als was würden wir verbleiben? Das wäre unsere wahre Bedeutung! Hätten wir keinen Körper und keinen Verstand, mit dem wir denken können, in was für einem Zustand würden wir uns dann befinden? Welcherart wären die Beziehungen, die wir vielleicht mit anderen Existenzen aufnehmen würden? Vermutlich sind wir außerstande, eine solche Möglichkeit zu überdenken. Denn wie könnte man ohne Körper und ohne Verstand existieren? Wie sollte so etwas möglich sein?

        Doch genau dieses Mysterium ist die Bedeutung des Lebens und somit das, was wir als den “Geist der Dinge” bezeichnen. Wenn man über diesen “Geist der Dinge” nachdenkt, kann man leicht zu der Schlußfolgerung gelangen, daß er eher einer abstrakten Vorstellung gleicht, als irgend etwas Substantiellem. Er scheint eher eine psychologische Interpretation  zu sein, als etwas körperlich Kontaktierbares, da wir ja daran gewöhnt sind, mit Objekten in Kontakt zu kommen, über deren Existenz hinaus wir nicht zu blicken gelernt haben. Der Geist ist jedoch keine Abstraktion; vielmehr sind die sogenannten gegenständlichen Objekte eine Abstraktion von ihm. Wenn man den Geist berührt, so berührt man keinen leeren Raum oder ein nicht existierendes Etwas. Da man “ihn” nicht denken kann, liest man jedoch eine Abstraktion in “ihn” hinein. Die “Existenz” aller Dinge kann als der “Geist” aller Dinge angesehen werden. Nimm allen Dingen ihre Existenz, was sind sie dann? Wenn dir dein Verstand sagt, daß der Geist nur eine Abstraktion ist und daß die Objekte wesentlich gegenständlicher sind, dann versuche ihm zu antworten: “Verstand, mein lieber Freund, der Geist ist die ‚Existenz‘ von allem, was du als gegenständlich erachtest.”

        Was bleibt von diesen gegenständlichen Substanzen minus ihrer Existenz übrig? Befreie alle Dinge von ihrer Existenz und es bleibt nichts weiter übrig als Nichtexistenz. Ihre Gegenständlichkeit verschwindet. Die sogenannte Gegenständlichkeit, Greifbarkeit, Härte, Dinghaftigkeit, Festigkeit und so weiter ist lediglich eine Art Gefühl, mit der die Sinne auf den Geist reagieren. Und das bezeichnet man dann als “Greifbarkeit”. In dieser Welt gibt es jedoch keine greifbaren Objekte. Wir unterliegen einer Täuschung, denn wir berühren den Geist sogar dann, wenn wir feste Objekte wie etwa einen soliden Tisch berühren, auch wenn es ganz anders aussieht. Dieses sogenannte “Ding”, das uns anzieht und uns das Gefühl vermittelt, ein greifbares Objekt zu berühren, ist der Geist selbst. Die Dinghaftigkeit und Festigkeit des Objekts entstammt der wechselseitigen Reaktion zwischen dem Geist im Inneren und dem Geist im Außen, was in Raum und Zeit fälschlicherweise unterschieden wird.

        Die Welt ist ein von Raum, Zeit und Kausalität aufgeführtes Drama. Gäbe es diese drei Faktoren nicht, dann gäbe es auch keine Welt. Ohne die von Raum, Zeit und Kausalität vorgespielte Täuschung gäbe es weder die Welt noch Objekte, Personen oder Dinge. Es ist dem Verstand nicht möglich zu begreifen, warum die Welt mit diesen drei Faktoren gleichgesetzt werden kann, da wir doch unentwegt die Festigkeit der Dinge wahrnehmen. Außer Raum und Zeit sehen wir in den Objekten eine Festigkeit, die jedoch vom Geist herrührt, der sich im Raum und in der Zeit maskiert. Wenn es den Geist nicht gäbe, gäbe es auch keine Festigkeit. Die Substantialität des Geistes ist fester (falls man eine solche Bezeichnung überhaupt verwenden kann) als die festeste Substanz. Der Grund dafür, daß diese Substanz hinter allen Substanzen, diese Bedeutung hinter allen Bedeutungen, als ein äußeres Objekt erscheint, obwohl es dies in Wirklichkeit nicht ist, liegt darin, daß Raum, Zeit und Kausalität ihr übles Spiel treiben.

        Der Geist ist in zwei Teile gespalten; in den Sehenden und das Gesehene. Der Sehende ist der Geist, und das Gesehene ist ebenfalls der Geist. Der Geist sieht sich in allen Wahrnehmungen selbst. Aufgrund der Einmischung von Raum und Zeit sieht es wie die Wahrnehmung eines Objekts aus. Nimm dem Raum-Zeit-Komplex seine trügerische Bedeutung und du wirst die Wirklichkeit des Universums vor dir erblicken. Der hartgesottenste Denker wird davor zurückschrecken, sich entlang dieser Linien zu bewegen, da sich der Verstand nicht von den Raum-Zeit-Beziehungen befreien kann. Anhänger der Vedanta-Philosophie und anderer Philosophen haben uns erklärt, daß nur Gott allein existiert. Es gibt keine Welt! Die Welt ist nichts anderes als das Angesicht Gottes. Wie ist das möglich? Es kann nur dann möglich sein, wenn Objekte, die sich vor uns befinden, den Geist Gottes in sich beherbergen, und zwar selbst jetzt, in all ihrer sinnlich wahrnehmbaren Äußerlichkeit. Und wäre uns Gott nicht so nah, wäre Er nicht so wirklich, dann wäre es uns unmöglich, an Ihn zu denken, nach Ihm zu suchen oder nach Ihm zu streben.

        Da Gott unserem eigenen Sein so nah ist, ist es uns unmöglich, auszuruhen und in Frieden zu verweilen. Unser Verlangen nach ihm ist unwiderstehlich. Wäre Gott ein fernes Objekt, dann würden wir uns Zeit damit lassen können, an Ihn zu denken. Wir würden sagen: “Laßt uns morgen weiter sehen.” Er ist jedoch eine solch dringende Notwendigkeit, daß wir sie nicht bis morgen aufschieben können! Gott ist uns näher als unsere eigene Kehle, und wir können ihn nicht auf morgen verschieben. Er ist von so unmittelbarer und dringender Notwendigkeit, daß wir uns zu allererst Ihm widmen müssen und uns erst dann mit anderen Dingen beschäftigen können.

        In unserem Bedürfnis nach Gott verwechseln wir den Geist aller Dinge jedoch mit Objektivität und rennen deshalb mehr den Objekten hinterher als dem dahinterstehenden Geist. Während unser Verlangen aufrichtig sein mag, ist unsere Gier nach den Dingen töricht. Die Absicht ist gut, doch die Handlung ist verblendet. Dies ist Samsara, und der spirituelle Sucher muß unter Aufwendung all seiner Willenskraft seine Viveka-Sakti[24] anwenden, um zwischen dem Geist und den Formen des Lebens unterscheiden zu können. Da wir einer sinnlichen Denkweise anhängen, führen uns die Formen in Versuchung. Unglücklicherweise sind wir in eine Sinnenwelt hinein geboren, in der wir nur lernen, wie man sich nach außen wendet, aber nicht, wie man nach innen schauen kann. Die Sinne können nur das wahrnehmen, was sich außerhalb ihrer selbst in Raum und Zeit befindet, nicht aber ihren eigenen Ursprung.

        Wenn sich das Denken in seinen eigenen Grund zurückzieht, seine Jagd durch Raum und Zeit beendet und schließlich in sich selbst Ruhe findet, so wie das aufgewühlte Wasser, das man in Ruhe abstehen läßt, dann wird sich auch der Schmutz absetzen, der einen Teil seiner Handlungen bildet, und es wird in der Lage sein, das zu reflektieren, was sich hinter ihm befindet. Wir sind anscheinend so sehr mit den Dingen beschäftigt, daß wir nicht mehr wissen, daß wir Augen besitzen. Was ist dieses Sehen, mit dem wir so beschäftigt sind? Hätten wir keine Augen, wie könnten wir dann sehen? Aber gibt es irgend jemanden, der seine Augen sehen kann, oder jemanden, der daran denkt, daß er Augen hat? Denken wir jemals daran, daß wir zwei Augen besitzen, außer vielleicht wenn sie schmerzen? Wir sind so sehr damit beschäftigt, durch diese Augen zu blicken, daß wir keine Zeit mehr dafür aufbringen, überhaupt daran zu denken, daß wir Augen haben. Wir beuten sie vollständig aus. Genauso steht es mit Gott und mit dem Geist. Es ist der Geist, durch den wir alles tun, was wir tun; es geschieht ausschließlich durch ihn, daß wir alles sehen, hören und tun können, mit einer Ausnahme: Er selbst kann nicht gesehen oder gehört werden.

        Es ist schwierig, ein Beispiel dafür zu geben, was der Geist ist. So wie wir ohne Augen nichts sehen können, können wir ohne den Geist, der hinter allem steht, nichts sehen, geschweige denn überhaupt existieren. So wie wir unseren eigenen Rücken nicht sehen können, können wir auch die Existenz Gottes nicht sehen. Es gibt keine Augen, die auf den Rücken blicken können. Die Augen, die nur in eine Richtung blicken können, sehen nicht, was sich hinter ihnen befindet. Der Geist oder Gott des Universums ist so nahe, daß man nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde dafür benötigen würde, ihn zu schauen. Doch das erfordert offene Augen für ihn und man darf nicht an ihm vorbei oder von ihm weg blicken. Man muß die Augen, die in eine Richtung blicken, lehren, nicht in eine besondere Richtung des Raumes zu schauen, sondern das zu sehen, was sich hinter allem befindet, und das ist der Ursprung, der alles übersteigt. Es gibt ein Licht, das durch die Augen scheint, doch die Augen beschäftigen sich so sehr mit den Lichtstrahlen, daß sie die Lichtquelle, die sich hinter diesen Strahlen befindet, nicht erkennen können. Ähnlich verhält es sich mit einem Spiegel, der die Objekte vor ihm reflektiert, sobald Sonnenlicht auf ihn fällt. Der Verstand und die Sinne empfangen das Licht des Selbst, beziehungsweise den Geist, und mit Hilfe dieses Lichtes erblicken sie die Objekte dieser Welt. Dabei wissen sie jedoch nicht, daß es dieses Licht gibt. Wenn man bei Tageslicht auf ein Objekt blickt, weiß man, daß sich das Objekt vom Tageslicht unterscheidet. Man sieht das Objekt aufgrund des Lichtes, das auf das Objekt fällt. Man sieht das Objekt aufgrund des Lichtes und kann dennoch keine Unterscheidung zwischen dem Licht und dem Objekt vornehmen. Das Licht, das auf das Objekt scheint, wird mit ihm derartig identifiziert, daß es zu einer Verwechslung zwischen dem Objekt und dem Licht kommt und niemand spricht je davon, daß der Lichtaspekt vom Objekt verschieden ist.

        Ebenso verhält es sich mit unserer Wahrnehmung der Dinge. Das Licht des Atman, des einen Geistes, wirkt auf die Objekte der Welt ein und läßt uns deren Gegenwart wahrnehmen. Die Verständlichkeit einer Sache rührt von dem Licht des Selbst her, das durch den Verstand und die Sinne strahlt. Wir vermischen dieses Licht jedoch mit der Objektivität dessen, was wir sehen; und ebenso wie wir keine Unterscheidung zwischen dem Sonnenlicht und dem Objekt vornehmen, auf das das Licht scheint, machen wir auch keinen Unterschied zwischen der Welt und dem Licht, das uns die Wahrnehmung der Welt überhaupt erst ermöglicht. Dieses Licht von der Objektivität zu extrahieren und den Geist von der äußerlichen Wahrnehmung zu unterscheiden, würde bedeuten, die Essenz zu verstehen.

        Wenn man versucht, die Dinge vom Standpunkt des Geistes aus zu verstehen, wird man erkennen, daß alle Dinge eine einheitliche Bedeutung annehmen, so wie das Sonnenlicht allen Objekten gegenüber gleich ist. Das Sonnenlicht macht keinen Unterschied: “Ich scheine auf einen Tempel” oder “Ich scheine auf eine Toilette.” Die Sonne scheint auf alles. Und ebenso verhält es sich mit dem Geist hinter den Dingen. Der Unterschied, den wir machen, beruht auf unserer Unfähigkeit, zwischen Licht und Schatten zu unterscheiden. Sobald man jedoch damit beginnt, vom Standpunkt dieser Allgemeinheit hinter den Objekten aus zu denken, wird man feststellen, daß die Objekte eine einheitliche Struktur und Bedeutung annehmen; und die eigenen Zu- und Abneigungen gegenüber bestimmten Dingen werden an Intensität verlieren. Man beginnt, in den Geist der Dinge einzudringen. Erst hier versteht man die Bedeutung von Objekten und Leben als Ganzem. In dieser Erkenntnis der Verwandtschaft des eigenen Geistes mit den äußeren Objekten erweitert sich das Bewußtsein so sehr, daß der einzige Beweis dafür in einer inneren Erfahrung von äußerstem Frieden besteht.

        Woran erkennt man, daß sich das eigene Bewußtsein erweitert hat? Wenn sich das Bewußtsein erweitert, vergrößert sich auch das Gefühl der Freiheit, womit zur gleichen Zeit auch die eigene Freude zunimmt. Je umfangreicher die Aktivität des Geistes ist, desto größer ist auch das Freiheitsempfinden sowie die Freude, die man erfährt. Woran erkennt man, daß man auf dem spirituellen Pfad voranschreitet? Der einzige Test ist die Freiheit, die man in sich empfindet; und zwar die Freiheit von den Fesseln anderer objektiver Existenzen, sowie eine im Herzen empfundene einsame Freude. Dies allein kann als Beweis für den eigenen Fortschritt im spirituellen Leben herangezogen werden. Wenn man absolut allein ist und keine Dinge da sind, mit denen man sich beschäftigen kann, wenn keine Personen in der Nähe sind, die einen sehen wollen; wenn man sich in der Abgeschiedenheit seines eigenen Zimmers befindet und das empfundene Glücksgefühl dabei am stärksten ist, könnte dies unter Umständen auf den eigenen Fortschritt auf dem spirituellen Pfad und auf inneres Wachstum hindeuten. Sollte die eigene Freude dagegen nur durch Kontakte und durch die Begegnung mit anderen Menschen zunehmen oder in dem selben Ausmaß wachsen, indem wir herumlaufen, um immer andere Dinge zu sehen, dann wäre dies kein Hinweis auf das eigene Wachstum im spirituellen Bereich.

        Je intensiver man allein ist, desto näher ist man seinem Geist. Dieses Alleinsein verspricht eine größere Befriedigung als alle Kontakte, die man in seinem sozialen Leben knüpfen kann. Der Geist kommt mit nichts in Berührung als mit sich selbst, und seine Freude kann durch Kontakte nach außen nicht erhöht werden. Vielmehr schränken alle Kontakte seinen Ausdruck ein. Die Freuden des Geistes werden durch Sinneskontakte vermindert. Dies ist der Grund dafür, warum wir in dieser Welt unglücklich sind. Wir denken, daß wir durch Sinneskontakte glücklicher werden; nein; wir werden nur noch unglücklicher, da wir den Ausdruck des Geistes durch den Kontakt mit Dingen einschränken. Der Geist ist universell. Wollen wir ihn an Einzelheiten binden? All unsere Bemühungen, mit Personen und Dingen in Kontakt zu kommen, sind jedoch nichts anderes als ein Versuch, das Universelle an das Einzelne zu binden, was uns der Geist sehr verübelt.

        Da die Menschen den universellen Geist in die kleinen Objekte der Welt abzufüllen versuchen, sind sie natürlich auch unglücklich. Der Rückzug in den Geist ist der Rückzug in das alles durchdringende Universelle, das als Geist des Lebens in allen Objekten der Welt gegenwärtig ist und Gott genannt wird. Gott ist das höchste Absolute hinter allen Dingen, und wenn man den Pfad des Geistes beschreiten will, muß man darauf achten, nicht den Pfad der Sinne zu beschreiten, während es dem äußeren Anschein nach so aussehen mag, als bewegte man sich tatsächlich in die Richtung des Geistes. Öffentliche Anerkennung ist kein Beweis für den eigenen Fortschritt. Selbst wenn einen die ganze Welt als Retter der Menschheit preist, wäre dies noch lange kein Beweis für den eigenen Fortschritt, da einen die Menschen womöglich nicht wirklich verstehen oder als Projektionsfläche für ihre falschen Vorstellungen benutzen. In jedem Fall würde es sich dabei jedoch nur um einen weiteren Kontakt handeln, den man als Beweis für die eigenen Errungenschaften heranzieht.

        Kontakte können körperlicher oder psychologischer Natur sein. Sie alle sollten auf der Suche nach dem Geist vermieden werden, wobei die psychologischen Kontakte weitaus gefährlicher sind als die körperlichen. Es ist das Denken, das die Verheerung anrichtet. Der Geist, der an Sinnesobjekte denkt, ist heimtückischer als der Körperkontakt. Wenn das Denken zum Stillstand kommt, verliert der körperliche Kontakt seine Bedeutung. Folglich sollten alle psychologischen Kontakte zu Objekten zurückgezogen werden. Wenn man in diesem Rückzug der Sinne und der Gedanken eine Auflösung aller inneren Spannungen verspürt und durch das Hinabsteigen auf den Grund des eigenen Seins in der Einsamkeit des eigenen Lebens eine Freiheit und Glückseligkeit empfindet, von der die Welt nur träumen kann, dann lebt man wirklich ein spirituelles Leben. Wenn man keine Kontakte pflegt, von niemandem gesehen wird und dennoch glücklich ist, wäre dies tatsächlich ein Beweis für die eigene Spiritualität. Fühlt man sich dagegen wie ein Fisch auf dem Trockenen, nur weil man keine Gesellschaft hat, dann wäre dies das Gegenteil davon.

        Da der Geist stets allein ist, braucht er niemanden und niemandes Hilfe in dieser Welt. Er ist so vollkommen und vollständig, daß man seiner Größe und Erhabenheit auch nicht einen Millimeter hinzufügen  kann, selbst wenn man die Existenz der vor ihm stehenden Objekte vervielfacht. Das gesamte Universum ist vor ihm nicht mehr als eine Null. In der Arithmetik stellt man vor eine Reihe von Nullen eine Zahl, um ihnen damit überhaupt erst eine Bedeutung zu geben; und die dem Universum voranstehende und dadurch Bedeutung gebende Zahl ist der Geist selbst. Er mag eine Eins sein; doch ohne diese Eins gäbe es nichts als lauter Nullen!

        Das wäre die Welt ohne den Geist. Und was für die Welt gilt, hat auch Gültigkeit für die eigene Bedeutung, nachdem man in den Geist eingetreten ist. Deshalb sollte kein spiritueller Sucher an der falschen Vorstellung verzweifeln, er würde in seiner einsamen Annäherung an den Geist vielleicht die Freuden der Welt verlieren. Denn dem ist nicht so! Die Freuden der Welt sind nämlich die in einer verzerrten Form verteilten Freuden des Geistes. Es genügt bereits ein wenig von dem Nektar, den der Geist über die Sinnesobjekte ausgegossen hat, um uns in Versuchung zu führen, die Objekte der Anziehung zu kosten. Die Objekte sehen nur deshalb so anziehend aus, da sich der Geist über sie ergossen hat. Ohne seine Anwesenheit wären sie absolut wertlos - nichts weiter als Leichen. Wenn man allein vor dem Geist steht, steht man vor dem Absoluten, dem, was in allen Dingen universell gegenwärtig ist, dem, was die Bedeutung hinter allen Objekten ist, nach denen man irrtümlich strebt. Man kann sich vorstellen, was Gott ist, was der Geist ist und wie logisch es eigentlich ist, daß man glücklich sein sollte, wenn man wirklich allein ist! Dieses Alleinsein ist nicht das körperliche Alleinsein wie etwa bei einem Aufenthalt in der Antarktis. Es ist die Einsamkeit des Bewußtseins, wo es sich in sich selbst versenken kann. Dies wäre die wahre spirituelle Unabhängigkeit und somit das Ziel, auf das der Sucher all sein Denken ausrichten und all seine Bemühungen im Yoga lenken sollte.

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21     Die vierte Dimension in der Psychologie

          Obwohl die meisten Menschen schon einmal von der Theorie der vierten Dimension gehört haben, die die moderne Physik verkündet, dürften sich nur wenige bewußt sein, daß es auch im Bereich der Psychologie eine vierte Dimension geben kann. Die Geometrie Euklids und die Newton´sche Physik beherrschen selbst heute noch die Welt der Dreidimensionalität. Der Mensch hat eine bestimmte Denkweise, auf deren Basis er verschiedene unabänderliche Tatsachen entdeckte, daß beispielsweise sieben die Summe von zwei und fünf ist, daß die drei Winkel eines Dreiecks zwei rechte Winkel ergeben, daß Körper eine bestimmte Masse und ein bestimmtes Gewicht haben und daß die Anziehungskraft einem Gesetz folgt, das überall gleichermaßen wirkt. Man könnte dies als fast schon universelle Geisteshaltung der Dreidimensionalität bezeichnen, womit ausgedrückt sein soll, daß der Mensch immer im Schema von Länge, Breite und Höhe der Dinge denkt und daß es ohne diese Dimensionen kein vorstellbares Objekt gibt.

        Nun ist diese Denkweise nicht nur auf die Welt der Dinge beschränkt. Sie bildet auch den Rahmen eines jeden menschlichen Wissenschaftssystems, sei es Chemie, Biologie, Ethik, Logik oder Metaphysik. Es heißt, daß die Entdeckungen der Relativitätstheorie eine Revolution in der Welt der Mathematik und Physik herbeigeführt haben, wobei die Systeme von Euklid und Newton aufgrund durch eine Annäherung an die Dinge ersetzt worden sind, an die sich die traditionelle Denkweise der klassischen Physik nur schwer anpassen kann. Es ist deshalb so schwierig, diese neue Annäherung nachzuvollziehen, weil der gewöhnliche Standpunkt des Denkens immer derselbe ist und jedermann auf die gleiche Weise zu denken scheint. Daß es auch eine andere Denkweise geben kann, die völlig von dem abweicht, wie die Menschen im allgemeinen überall denken, wird entweder als Wunder oder aber als etwas Unbegreifliches und Verdächtiges angesehen. Es sieht jedoch so aus, als wäre heutzutage eine Handvoll Denker zu der Überzeugung gelangt, daß die Welt der visuellen Wahrnehmung nicht das ist, was sie zu sein scheint und daß die Festigkeit der Materie und die Räumlichkeit und zeitliche Ausdehnung einem bedeutungsvolleren Kontinuum weichen, in dem Raum und Zeit nicht mehr getrennt voneinander stehen, sondern Standpunkte eines unsichtbaren “Etwas” werden, in dem die mathematischen und physikalischen Gesetze ein völlig neues Aussehen annehmen. Man erklärt uns nun, daß sich Parallelen unter bestimmten Bedingungen treffen können, daß unsere Vorstellung von mathematischer Summenbildung im subatomaren Bereich nicht haltbar ist, daß sich Lichtstrahlen nicht immer geradlinig bewegen, daß das Gesetz der Schwerkraft nicht einfach nur die Anziehung zweier Körper ist und daß die drei Winkel eines Dreiecks nicht immer zwei rechte Winkel ergeben müssen.

        Wenn es diese und andere tiefe Wahrheiten nicht gäbe, wären viele Äußerungen aus den heiligen Schriften nicht akzeptierbar. Als Beispiel nehme man nur einmal die Verkündigung der Bhagavadgita, in der es heißt, daß die Zuflucht zu einer Sache alles andere mit sich bringt (IX,22), oder daß die Hingabe an Gott alle Sünden annulliert (XVIII,66)? Wir haben noch nie erlebt, daß uns der Erwerb von nur einer Sache auch alles andere beschert, was ja auch völlig den Gesetzen zuwiderlaufen würde, die in der Welt zu herrschen scheinen. Wir sehen immer wieder, daß es mannigfacher Bemühungen bedarf, um ein vielfältiges Resultat zu erzielen. Auch scheint es unmöglich zu sein, daß jemand die Naturgesetze verletzen kann, ohne dabei selbst verletzt oder bestraft zu werden, da jede Handlung eine Reaktion hervorruft. Hinter dem Wirken dieses Gesetzes scheint das Gleichgewicht der Kräfte zu stehen, die die gesamte Schöpfung bilden und jeder Initiative ein Gegengewicht entgegenstellt. Andererseits sagt man uns, daß es möglich ist, die Fesseln des Karma[25] zu durchbrechen, auch wenn dies seltsam und mysteriös klingen mag. Wie kann man gleichzeitig in etwas verwickelt und dennoch frei davon sein? Unsere Logik folgt einer stereotypen Methode, auf deren Basis aus bestimmten Voraussetzungen bestimmte und erwartete Resultate folgen. Es ist unsere feste Überzeugung, daß eine bestimmte Ursache auch nur eine bestimmte Wirkung erzielen müsse. Einige moderne Denker sind jedoch der Meinung, daß dies ein unbegründetes Vertrauen sei. A.N. Whitehead vertrat beispielsweise die Ansicht, daß die Lehre, jedes Ding befinde sich an einer einzigen, exakt feststellbaren Position, und die Lehre von der Aufspaltung in Ursache und Wirkung ein Vorurteil des menschlichen Denkens seien, die der Wirklichkeit nicht entsprächen. Solange wir uns jedoch nicht für die Möglichkeit offenhalten, daß es tiefere Wahrheiten gibt als jene, die wir uns vorstellen können, können einige Entdeckungen und Beobachtungen aus dem Bereich der Physik, der Psychologie und der Spiritualität auch nicht verstanden werden.

        Das System des dreidimensionalen Denkens ist die Wurzel all dieser Schwierigkeiten. Wir sehen außerhalb unserer Körper eine Welt; wir sehen Raum und wir kennen Zeit; wir beobachten, wie etwas in einer Ursache-Wirkung-Beziehung aus etwas anderem hervorgeht. Auf dem Fundament dieser Regel beruht auch unsere Arithmetik und Geometrie, und auf ihr allein scheinen die meisten der uns bekannten physikalischen Gesetze aufzubauen. Kann es jedoch wirklich keine andere Art des Denkens geben als diese alltägliche? Um es kurz zu fassen: Sind wir unbedingt daran gebunden, ständig in Begriffen der räumlichen Ausdehnung zu denken? Dies ist eine schwierige Frage, die nur selten gestellt wird, und der, wenn sie gestellt wird, keine zufriedenstellende Antwort zu entlocken ist. Doch etwas Geduld und eine Analyse der bisherigen Schlußfolgerungen und Überlegungen wird uns vielleicht einen anderen Weg der Wahrnehmung eröffnen und uns einen neuen Ausblick auf bisher unbekannte Tatsachen offenbaren. Es gibt so etwas wie ein Denken ohne Raum und ein Wissen ohne Objekte.

        Diese Offenbarung kann ohne ein entsprechendes Training entlang neuer Wege der Annäherung jedoch nicht akzeptiert werden. Der Verstand rebelliert gegen jede Form eines nicht-räumlichen oder nicht-objektiven Konzepts. Es ist die gleiche Auflehnung, die sich auch gegen die nicht von nicht-euklidische Geometrie wendet, gegen die Entdeckungen der Relativitätstheorie und ebenfalls gegen die seltsame Ethik, der Sri Krishnas Regierungsweisheit im Mahabharata-Krieg zu folgen schien. Dies erklärt auch die eigene Unfähigkeit zu verstehen, wie Sünden annulliert werden können, wie die Verwirklichung von einer Sache die Verwirklichung von allem bedeuten kann, beziehungsweise in den Worten Christi, wie man durch die Suche nach dem Königreich Gottes und Seiner Gerechtigkeit alles bekommen kann. Für die räumlich-zeitliche Logik und die soziologische Ethik des Verstandes ist dies jedoch alles so unbegreiflich und undurchführbar wie die Gesetze der Relativität oder die Gesetze der Mathematik in der Welt der Elektronen. Wenn wir zu irgendeiner Lösung kommen wollen, müssen wir die dreidimensionale Psychologie an dieser Stelle aufgeben und in ihre vierte Dimension eintreten.

        Diese vierte Dimension ist nicht nur etwas Erstaunliches, sondern scheint für unsere gewöhnlichen Lebens- und Denkweisen auch eine Art Schrecken zu sein. Sie ist ein Wunder, da wir nicht begreifen können, wie all dies überhaupt möglich sein kann. Zur gleichen Zeit ist sie jedoch auch ein furchterregendes Etwas, da sie all unsere Vorstellungen und Träume zu zerschmettern droht, an die wir uns die ganze Zeit über geklammert haben. Ebenso wie die Bedeutungen von “hier” und “dort”, oder “jetzt” und “später”, nicht absolut gültig sind, sondern gemäß der Relativitätstheorie nur eine bedingte Bedeutsamkeit haben, entdecken wir, daß das, was wir als “wahr” und “falsch”, oder “gut” und “schlecht”, erachtet haben, ebenfalls nur eine relative Bedeutung hat, die unter verschiedenen Umständen variiert. In der Yoga-Vasishta steht geschrieben, daß sich innerhalb der vier Wände des Zimmers einer Person für eine andere Person ein riesiges Königreich befinden kann und daß jemand 72 Jahre lang ein Weltreich regierte, eine Zeitspanne, die für eine andere Person lediglich 8 Tage bedeutete. Wenn sich die Bezugssysteme von Raum und Zeit in verschiedenen Bewußtseinsebenen verändern können, dann können jene der Logik und Ethik ebenfalls relativ sein. Wir kennen viele faszinierende Formen der ethischen Beurteilung, wie etwa die Rechtschaffenheit der Pandavas, die der Weisheit Bhishmas gegenüberstand; oder die übertrieben rechtschaffene “Tugend” des letzteren, der aufgrund eines Schwures dem gierigen Duryodhana zur Seite stand; die Belehrung, daß kein unrechtes Element darin war, daß Arjuna seinem eigenen Großvater und Lehrer das Leben nahm; daß auf eine Strategie, eine Lüge oder ein als unehrenhaft zu betrachtendes Verhalten zurückgegriffen werden durfte, um Bhishma, Drona und Karna zu töten; daß Krishna, entgegen seinem Prinzip der Nichteinmischung, auf subtile Weise half, einige Krieger zu töten. Der Standpunkt dieser ethischen Beurteilungen ist ebenso schwer zu verstehen, wie derjenige der Logik, die zu erklären versucht, wie ein universeller Gott eine lokalisierte Welt erschaffen konnte, wie das Absolute zum Relativen werden konnte, wie leblose Materie aus einem bewußten Körper hervorgehen kann oder wie selbst ein einfacher Prozeß möglich sein kann, in dem eine Sache plötzlich zu einer anderen wird, wie die im Körper stattfindende Umwandlung von Nahrung in Energie. Obwohl Wasserstoff und Sauerstoff zusammen Wasser bilden, können uns die beiden Gase nicht erquicken, wie es das Wasser kann. Wasser ist nicht nur ein mathematischer Effekt der Kombination dieser beiden Gase. So wie man ein lebendes Kind nicht allein mit dem chemischen Effekt der Kombination von Samenzelle und Eizelle gleichsetzen kann, scheint in allen derartigen Kombinationen irgendein mysteriöses drittes Element beteiligt zu sein, das mehr aus diesen Verbindungen macht, als die bloße Summe zweier zusammentreffender Dinge. Die Veden[26] sagen, daß der Gott des Universums sowohl das Positive als auch das Negative eines jeden erdenklichen Lebensweges und eines jeden Denksystems ist. Wie jedoch können Gegensätze ein und derselben Wahrheit zugeschrieben werden? Diese Hymne der Veden verbindet selbst jene Dinge mit Gott, die wir für gewöhnlich als erbärmlich, niedrig und unerwünscht erachten. Was ist das für eine Ethik, die den Mörder und den Dieb, den Wegelagerer und den Strolch mit der Herrlichkeit der göttlichen Existenz gleichsetzt? Es scheint das gleiche Ethiksystem zu sein, auf dessen Basis die Bhagavadgita verkündet, daß alle Sünden, welcher Art auch immer, in der Selbsthingabe an Gott annulliert werden.

        Es ist unsere allgemeine Erfahrung, daß das, was einmal verbraucht oder verloren worden ist, nicht wiedergewonnen werden kann, wie Zeit, die vergangen ist, oder Energie, die verschwendet worden ist. Doch das System des Yoga ist zuversichtlich, daß das Verlorene wiedererlangt werden kann und selbst das Vergangene zur Zukunft oder Gegenwart werden kann, innerhalb unterschiedlicher Bezugsrahmen des Bewußtseins. Diese Tatsachen mögen schockierend erscheinen, doch werden einige von ihnen bereits von Entdeckungen und Möglichkeiten aus dem Bereich der modernen Physik bestätigt. In diesem Zusammenhang sei auch die Lehranekdote von den drei Alvar-Heiligen Südindiens erwähnt, die sich in einem engen Raum zusammendrängten, in dem sie zu dritt gerade noch genug Platz zum Stehen hatten. Dennoch erklärte ihnen ein viertes Wesen, daß es auch ohne eigenen Raumanspruch mit ihnen zusammensein könnte. Die Geschichte bezieht sich auf die Existenz Gottes, die keinen Raum einzunehmen braucht. Die Wissenschaften des Menschen, deren Gesetze und Regeln werden offensichtlich von einer Wahrheit in Frage gestellt, die selbst darin noch unterschätzt werden würde, sie als “übermenschlich” zu bezeichnen. In den Worten Eddingtons “geschieht irgend etwas durch irgend etwas, und wir wissen nicht was!”

       Die Arbeiten von Einstein, Jeans, Eddington und Whitehead (auf dem Gebiet der mathematischen Philosophie), die Lehren Yajnavalkyas in der Brihadaranyaka-Upanishad, die Yoga-Vasistha und die Mahabharata (unter den heiligen Schriften der Hindus) helfen uns dabei, eine gewisse Einsicht in diese geheimnisvolle Wahrheit aller Wahrheiten zu erlangen; eine Wahrheit, die weit über unsere Verstandesmöglichkeiten hinausragt, da sie jeglicher uns bekannter Mathematik, Ethik und Logik trotzt. Sie scheint ihr eigenes System der Berechnung, Logik und Ethik zu haben, das alle menschlichen Vorstellungen und Werte transzendiert. Wenn sie den Menschen jedoch wirklich transzendiert, kann er dann jemals darauf hoffen, sie zu begreifen?

        Agnostiker werden an diesem Sachverhalt vermutlich verzweifeln, da sie der Meinung sind, daß die Wahrheit, selbst wenn sie existieren sollte, aus offensichtlichen Gründen nicht verstanden werden kann. Die Hindernisse von Raum, Zeit und Kategorien des Verstehens, sagte Kant, machen es dem Menschen unmöglich, die “Sache-an-sich” zu kennen. Laut Yajnavalkya gibt es nach dem Tod der Individualität kein Bewußtsein mehr, da man etwas anderes nur erkennen kann, wo es auch etwas anderes gibt. Wo es aber keinen anderen gibt, so der Weise, stellt sich die Frage, wer da wen und womit erkennen sollte? Die Antwort auf diese rätselhafte Situation ist jedoch bereits in der Frage selbst enthalten. Die Upanishaden versprechen demjenigen, der die Wahrheit kennt, Gesundheit, Wohlstand, Reichtum jeglicher Art und absolute Freiheit. Doch wie ist das möglich? Und was ist Wahrheit?

        Wenn man sagt, daß die Wahrheit nicht-relativ ist, hat man bereits alles über sie gesagt. Denn würde man noch irgend etwas mehr über sie sagen, würde man sie wieder relativieren. Und könnte man ein Bewußtsein dieser Nicht-Relativität bar jeglicher Eigenschaften - Eigenschaften bringen wiederum das Problem der Relativität mit sich - aufrechterhalten, dann würde man in der Wahrheit leben. Dies ist das absolute Leben, das frei von allen Beziehungen nach “außen”  als Krönung über allem thront. Dies ist es, was die Menschen Gott nennen; ein Wort, dessen Bedeutung uns noch immer nicht klar geworden ist. Das Wunder wirkt durch einen einzigen Streich geistiger Anstrengung, und ist die Verwirklichung der Wahrheit. Hände und Füße helfen uns hier nicht weiter, genauso wenig wie die traditionellen Denkweisen. Dieser Umwandlungsprozeß versetzt allem, was dem Menschen in der Dunkelheit seiner Unwissenheit lieb und teuer erscheint, einen Todesstoß, da er ihn eher erleuchtet als ihm Vergnügen bereitet, eher das Licht seines Verständnisses entzündet als seine Leidenschaften nährt und ihn eher aus seinem Schlaf erweckt als ihm im Traum eine Mahlzeit serviert. In der Keno-Upanishad steht geschrieben: “Jemand, der Es kennt, kennt Es nicht, und jemand, der Es nicht kennt, kennt Es.” Diese verblüffende Upanishad zeigt uns jedoch auch den Weg.

        In welcher Weise wird das Gesetz, das den Traum reguliert und im Traum wirkt, im Wachzustand widerlegt? Es geschieht weder durch die Verneinung noch durch die Abwesenheit von etwas Wirklichem, sondern durch die Umstellung des Bewußtseins in eine andere Erfahrungsordnung. Das Wachbewußtsein ist in gewisser Hinsicht die vierte Dimension für das Traumbewußtsein, dem Längen, Breiten und Höhen, Festigkeit und eine Denklogik zu eigen sind, die im Wachzustand keine Gültigkeit haben. Im Moment suchen wir nach der vierten Dimension für unseren Wachzustand. Ebenso wie ein Träumender bis zu seinem tatsächlichen Erwachen nicht wissen kann, was Wachsein ist, scheinen wir, da wir uns ja noch immer im Wachzustand befinden, nicht in der Lage zu sein, das Bewußtsein zu begreifen, das den Wachzustand transzendiert. Die Psychologie dieser vierten Dimension ist über-normal, da sie auf einen gewöhnlichen Menschen nicht anwendbar ist, der sich im Zustand der Wachheit gegenüber einer Welt der Objekte befindet. Die Wahrheit hat keine Objekte außerhalb ihrer selbst. Wenn der Verstand des Menschen damit beginnt, objektlos zu denken, vereinigt sich das Denken mit dem Sein, Chit wird zu Sat, “Bewußtsein” wird zu “Existenz”. Dies ist die spirituelle Praxis, die zur Erfahrung der Wahrheit führt. Dies ist die Meditation, die zur Verwirklichung des Absoluten führt.

        Im selben Moment, in dem sich das Denken auf jene Erfahrungsordnung umstellt, in der die Objektivität in die Subjektheit seines Bewußtseins verschmilzt, zerplatzt die Blase, und aus jedem Atom des Raumes scheint Licht hervor zu sprühen. Die Welt scheint von zahllosen Sonnen überflutet zu sein, die lodernd erglühen, und jegliche Unwissenheit und Unfähigkeit verschwindet ein für allemal. Die Logik dieses Zustands, die Ethik dieses Bewußtseins oder die Mathematik dieses Erwachens ist die Antwort auf das Rätsel der Probleme, die sich aus den Möglichkeiten ergeben, die von der Relativitäts-Mathematik, der Mahabharata-Ethik und der Yoga-Vasishta-Metaphysik angedeutet werden.

        Die Tiefen dieser Entdeckung im Bewußtsein können niemandem klar werden, der sich nicht darum bemüht, sie in einem Zustand der gedanklichen Anpassung so zu erleben, wie dies in der vorgeschriebenen Meditation verlangt wird, in der die Objekte und Subjekte ihre Masken ablegen und ganz wie im Rasa-Tanz, der in der Srimad-Bhagavata beschrieben wird, um den Kern der Wahrheit herum tanzen. Alles spiegelt sich in allem anderen wieder, und alles ist überall. Es gibt hier weder Ursache noch Wirkung, da alles sowohl Ursache als auch Wirkung ist. Es gibt hier weder Subjekt noch Objekt, da in der Verschmelzung von Unendlichkeit und Ewigkeit alles in Allwissenheit erstrahlt. Das 11. Kapitel der Bhagavadgita bemüht sich, diese Klärung des Bewußtseins in einer Sprache der Poesie und des Gleichnisses zu beschreiben, da sie auf keine andere Weise dargestellt werden kann. Hier ist das Ziel des Lebens erreicht, und alle Fragen des Menschen sind für immer beantwortet.

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22     Das Gesetz, das das Leben bestimmt

        Die wichtigste Frage, die uns fast jeden Tag beschäftigt, ist die, wie wir mit unserer Situation als menschliche Wesen in der Welt fertig werden können. Die Umstände des Menschen sind sehr eng mit dem verbunden, was wir tun, und mit dem, was wir noch tun müssen. Und es fällt uns nicht leicht herauszufinden, was für uns tatsächlich das beste ist. Wir irren uns in dem, was wir für uns als das beste erachten und leiden dann konsequenterweise unter unserem Fehler. Der Grund für diese Fehlentscheidungen liegt darin, daß wir nicht kompetent genug sind, die verschiedenen Faktoren zu beurteilen, die das Ergebnis einer Handlung bilden. Um es kurz zu fassen: Der Mensch leidet darunter, daß er die Gesetze des Lebens nicht kennt. Er muß lernen, wie er in jeder entsprechenden Situation zu handeln hat.

      Die meisten Menschen leiden auf Grund der falschen Vorstellung, daß sie durch “Eigendurchsetzung” Erfolg haben könnten. In Wahrheit ist es jedoch genau umgekehrt. Die falsche Vorstellung, daß Eigendurchsetzung zum Erfolg führen wird, beruht auf der Unwissenheit der Tatsache, daß es auf dieser Welt auch noch andere Individuen gibt, die sich gleichermaßen durchsetzen können, womit sie der Durchsetzung irgendeines anderen Individuums oder Handlungszentrums entgegenstehen. Niemand hat jemals gesiegt, indem er “andere” mit seinem Ego konfrontiert hat. Jedem Egoismus wird von außen mit einem gleich starken Egoismus begegnet. Wenn man ständig den eigenen Standpunkt vertritt, sei dies im Handeln, in der Beweisführung oder gar im Empfinden, dann ruft man Opposition hervor. Doch das Gesetz des Lebens heißt Kooperation. Die Selbstdurchsetzung widerspricht den Gesetzen der Natur und wird letzten Endes als Verlierer dastehen. Jeder Egoismus im Denken, Reden oder Handeln löst in anderen Kraftzentren in der Welt eine ähnliche Handlung aus. In einem solchen Zustand zu leben wird mit Recht Samsara genannt, wobei es sich hierbei um eine Erfahrung handelt, in der unaufhörlich miteinander kämpfende Elemente aufeinander reagieren und dabei Ratlosigkeit und Leiden verursachen. Das Heilmittel gegen Samsara ist die Kunst der Anerkennung anderer, die im Gefüge der Schöpfung die gleiche Anerkennung für ihre Existenz und ihre Gefühle fordern wie wir. Wann immer man etwas sagt oder tut, sollte man es vom Standpunkt des anderen aus beginnen, der vor einem sitzt, der zuhört und sich mit dem auseinandersetzt, was man tut. Die Wahrscheinlichkeit, damit im Leben Erfolg zu haben, wird weitaus größer sein, als durch irgendein anderes Verhalten, das man für wirksamer erachten mag.

        Wie sollte man sich beispielsweise verhalten, wenn man von einem Feind angegriffen wird? Sollte man sich behaupten oder nicht? Auch hier sollte die zu treffende Entscheidung von der Natur der Konsequenzen abhängen, die dem Schritt, den man unternimmt, folgen würden. Die Selbstlosigkeit einer Handlung wird anhand des Ausmaßes beurteilt, in dem diese der Verwirklichung eines höheren Wertes im Leben dienlich ist. Um herauszufinden, ob ein Wert höher ist oder nicht, muß er sowohl in seiner Quantität als auch in seiner Qualität betrachtet werden. Nützt er quantitativ der größtmöglichen Anzahl an Menschen? Und neigt er qualitativ in Richtung Verwirklichung der höchsten Wirklichkeit, die man sich als erreichbar vorstellen kann? Oder anders gesagt: Inwieweit ist er spiritueller Natur? Die Annehmlichkeiten einer kleinen Gruppe mögen dem Wohl einer größeren Gruppe geopfert werden. Dies ist jedoch nicht der einzige Bezugsrahmen für einen wirklichen Test. Er muß auch dem Ausmaß des in ihn verwickelten spirituellen Wertes gerecht werden. So können etwa jene Werte, die mit der Existenz eines spirituellen Genies, eines Weisen oder Heiligen verknüpft sind, nicht für eine große Anzahl von Menschen geopfert werden, die gegen ihn stimmen. In diesem Fall kann der quantitative Test nicht angewendet werden. Auch wenn es nur eine Sonne gibt, so übertrifft doch ihr Licht und ihre Energie den Lichtwert von tausend Glühwürmchen bei weitem. Der qualitative Test ist stets ausschlaggebender als der quantitative. Der höchste Atman (das Selbst) ist mehr als die quantitative Anhäufung des gesamten Universums.

        All dies macht es dem gewöhnlichen Menschen in seinem Alltag nicht gerade leicht, zu entscheiden, welche Handlung gerade die beste ist. Hierfür bedarf es einer höheren Verständnisform, Viveka genannt. Wenn der qualitative und der quantitative Test ergeben, daß ein Angriff gegenüber dem Feind notwendig ist, muß dieser Schritt als richtig erachtet werden. Man kann einen anderen jedoch nicht nur deshalb angreifen, weil man ihn womöglich nicht leiden kann. Dies entspräche der gewöhnlichen unspirituellen Einstellung, die dem persönlichen Verlangen und dem Ego entspringt. Man muß den spirituellen Test anwenden, wobei der quantitative Test eigentlich nur als ein Aspekt des spirituellen Entscheidungsrahmens zu sehen ist. Der letztendlich entscheidende Faktor ist das Dharma, das spirituelle Gesetz des Universums.

        Jede Handlung ist eine Bemühung, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Der Mensch existiert nicht nur einfach so, vielmehr neigt er ständig dazu, etwas anderes zu werden. Der Impuls zur Handlung ist in die Beschaffenheit der eigenen Individualität eingebettet. Handlung ist demnach ein Ausdruck der Konstitution des Individuums. Und unser gesamtes Leben ist Handlung. Leben und Handlung bedeuten heutzutage ein und dasselbe. Das Verlangen danach, Beziehungen mit äußeren Erscheinungen herzustellen und zu pflegen, ist die Lebensquelle aller Handlungen. Das begehrende Individuum ist sich nicht immer über die Natur des begehrten Objekts im klaren. Diese Verwirrung im menschlichen Geist endet im Vollzug unkluger Handlungen gegenüber den äußeren Objekten. Handlungen sind in ihren Motiven einseitig, da der Handelnde im allgemeinen eine eingeengte Sicht hat, die ihm nur einen gewissen Handlungsspielraum erlaubt. Dieser Kurs wird in Unkenntnis der Handlungsergebnisse eingeschlagen, die mit der Struktur des Universums als Ganzem zusammenhängen. So wie ein guter Arzt bei der Verschreibung eines Medikaments außer seiner heilenden Wirkung auch seine möglichen Nebenwirkungen berücksichtigen muß, sollte ein Experte im Umgang mit den Lebenssituationen in seinen Handlungen die verschiedenen Reaktionen kennen, die über die Errungenschaft des augenblicklich anvisierten Ziels hinaus noch hervorgerufen werden können. Sobald die Gedanken auf das in Sichtweite befindliche empirische Ergebnis konzentriert sind, ist man sich dieser Nebenwirkungen für gewöhnlich nicht mehr bewußt. Wenn sich das Individuum nach der Befriedigung eines Wunsches sehnt, hat es nur eine grobe Vorstellung von der Art des Aufwands, der zur Erfüllung des Wunsches notwendig ist. Es weiß jedoch nicht, daß die Quelle dieser Handlungen dabei verschiedene andere Lebensaspekte stören kann und am Ende womöglich eine Reaktion in Form von Leid und Schmerz heraufbeschwört, da es vorübergehend nämlich so aussehen mag, als würde die gewählte Initiative zur Befriedigung des eigenen Verlangens führen. Dies ist auch der Grund dafür, warum die Welt sowohl mit Freuden als auch mit Leiden erfüllt ist; mit den vorhersehbaren Wunschbefriedigungen und den unvorhergesehenen Ergebnissen. Ein Individuum wird aus zwei Gründen in eine bestimmte Umwelt hinein geboren: (1) entweder auf Grund eines vergangenen Wunsches danach, unter diesen Umständen zu leben, oder aber (2) auf Grund der unbekannten Konsequenz von Begierden. Die Leiden der Welt sind die Reaktionsformen fehlgeleiteter Handlungen, die von ihren Bewohnern früher einmal ausgeführt wurden. Die Welt ist eine Bezeichnung für den Ort, der die Situation widerspiegelt, in der die Individuen die Früchte ihrer eigenen Wünsche und Handlungen erfahren. Sie ist der Schatten, der von den Wünschen ihrer Inhalte geworfen wird, und entspricht diesen Wünschen somit in gewisser Weise. Wir sind dazu aufgefordert, Handlungen in Nichterwartung ihrer Früchte auszuführen, da sich die Früchte nicht in unserer Hand befinden, sondern von dem allgemeinen Gesetz des Universums bestimmt werden, das wir als individuelle Handlungsquellen weder richtig verstehen noch befolgen können.

        Die angesammelten Wirkungen aus den Handlungen, die die Individuen in all ihren vergangenen Leben ausgeführt haben, sind in ihrer subtilsten und innersten Schicht in einen konzentrierten Rückstand von Potentialen verpackt, die die kausale Welt bilden. Die Anhäufung aller vergangenen Handlungen, die somit in latenter Form je nach individuellem Fassungsvermögen abgespeichert sind, wird als Sanchita Karma (angehäufte Handlung) bezeichnet. Dieses potentielle Bündel wird von jedem Jiva[27] in all seinen Inkarnationen ausgetragen und bis zur Errungenschaft von Moksha Befreiung niemals zerstört. Der bestimmende Faktor in jeder Inkarnation des Jiva ist die Charakteristik jenes Anteils des Sanchita Karma, der als spezifische Mitgift abgegeben wird, um in einer geeigneten Umgebung ausgelebt werden zu können. Dieser abgesonderte Teil des Sanchita Karma wird Prarabdha Karma (das, was begonnen hat, Wirkung zu erzeugen) genannt. Nachdem der Jiva durch die Kraft des Prarabdha in eine Inkarnation hinein geboren wird, führt er in seinem neuen Leben weitere Handlungen aus, Agami Karma genannt, deren Ergebnisse dem noch nicht verbrauchten Anteil des Sanchita Karma hinzugefügt werden. Dies weist darauf hin, daß das Sanchita Karma solange nicht verbraucht werden kann und die Serie der Wiedergeburten demzufolge solange nicht beendet werden kann, bis der Jiva damit aufhört, dem alten Sanchita neues Karma hinzuzufügen. Die Technik, Handlungen auszuführen, ohne dabei Rückwirkungen auszulösen, wird Karma-Yoga genannt. Die Lehre des Karma-Yoga, und besonders jene, die in der Bhagavadgita verkündet wird, ist ein Kommentar zum Prinzip der universellen Aktion und Reaktion, und somit der Weg zur Erlösung aus deren Fesseln.

        Die aus Handlungen resultierenden Kräfte bestimmen die eigene Zukunft. Patanjali sagt in seinen Yoga-Sutras, daß die Gesellschaftsschicht, in die man hinein geboren wird, sowie die Lebensspanne, die einem zur Verfügung steht, und die Art der Erfahrungen, die man durchschreiten muß, allesamt vom Restpotential vergangener Handlungen bestimmt werden. Dieses Potential wird in diesem oder einem späteren Leben aktiv. Ein berühmter Vers verkündet: “Das Schicksal, die Handlungen, der Wohlstand, die Erziehung und der Tod eines Menschen sind allesamt bereits im Mutterleib festgelegt.” Menschliches Bemühen spielt dabei eine relative Rolle und bildet einen Teil dieses universellen Gesetzes der Selbstvollständigkeit. Die unpersönliche Wahrheit äußert sich dabei in Form der menschlichen Bemühungen, wenn sie in die Formen der Persönlichkeit und der Individualität gegossen wird. Die Lehre des Karma ist somit kein Glaube an den Fatalismus, wie oftmals fälschlicherweise vermutet wird, sondern die Verkündigung eines wissenschaftlichen Gesetzes, das ebenso wie das Prinzip der Schwerkraft überall im Universum unerbittlich und unparteiisch wirkt.

        Oft sieht es danach aus, als bedürften wir eines permanenten Ansporns von außen, der unseren dahinwelkenden Geist aufrüttelt und die Flamme mit Öl nährt. Statt dessen sollten unsere Bemühungen jedoch vom wahren Geist des Karma-Yoga angetrieben werden. Dies bedeutet, daß wir, sobald wir einen bestimmten Standpunkt einnehmen, auch alle anderen möglichen Blickwinkel berücksichtigen sollten und uns nicht nur auf die eine oder andere Seite beschränken, die dem Auge gerade sichtbar ist. Die Ursachen für die Unzulänglichkeiten einer Person, einer Familie, einer Institution oder einer Nation entziehen sich weitgehend unserem Sehvermögen, da wir die Wahrheit meist nicht ans Tageslicht des Bewußtseins kommen lassen wollen, obwohl sie vielleicht sehr einfach zu verstehen sein mag. Auch hierfür kann es verschiedene Gründe geben, wie etwa die Unfähigkeit zu genauer Untersuchung, blindes Vertrauen, persönliche Vorurteile oder eine Mischung aus verschiedenen Faktoren, die von der mangelnden Objektivität des Durchschnittsmenschen nicht aus dem komplexen Netzwerk extrahiert werden können, aus dem das Leben besteht. In dieser Struktur der Schöpfung ist es schwer, das eigene Gleichgewicht und den eigenen Geistesfrieden aufrechtzuerhalten. Ein Teil unserer Sorgen, Leiden, Absichten und Enttäuschungen kann wohl auf diese offenkundigen Tatsachen zurückgeführt werden. Das Hauptproblem jedoch, mit dem man in allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen konfrontiert wird, ist die Verwechslung von Prinzipien mit Persönlichkeiten. Hier begegnen wir einem soziologischen Ableger der berühmten metaphysischen Lehre des Adhyasa[28], und unsere Glückseligkeit hängt von dem Ausmaß ab, in dem es uns gelingt, das Prinzip aus der Persönlichkeit zu befreien, wobei es egal ist, wo und auf welchem Lebensweg wir uns auch immer befinden mögen.

        Swami Sivanandas Ansichten zur Eigenbemühung können folgendermaßen zusammengefaßt werden:

        Ein Tier, das mit einem Seil an einen Pfahl gebunden ist, hat die Freiheit, sich innerhalb des Kreises zu bewegen, der vom Radius dieses Seiles festgelegt ist. Über diese Grenze hinaus hat es jedoch keine Freiheit; es kann sich nur innerhalb dieses festgelegten Raumes bewegen. Die Lage des Menschen ist diesem Beispiel sehr ähnlich. Sein Verstand und seine Unterscheidungskraft erlauben ihm innerhalb ihres Spielraums einen bestimmten Grad an Freiheit. Das logische Denkvermögen entspricht jedoch dem Seil, mit dem das Tier gebunden ist. Unser Verstand ist nicht unbegrenzt, sondern von der Natur der Kräfte umschrieben, die den Körper regieren, durch den er funktioniert. Solange der Mensch im Bewußtsein der Persönlichkeit und Individualität lebt, ist er für seine eigenen Taten auch verantwortlich. Da diese Handlungen mit dem Gefühl der Urheberschaft verbunden sind, bezeichnet man diese als sogenannte “frische Taten” oder Kriyamana-Karmas. Sollten jedoch Situationen eintreten, in denen der Mensch seine Verstandeskräfte nicht mehr einsetzen kann, wie etwa, wenn er nicht im Körperbewußtsein weilt oder sich irgend etwas ohne seine bewußte Einmischung ereignet, dann ist er nicht dafür verantwortlich, da es sich in diesem Fall nicht um “frische Taten”, sondern um die Früchte einer oder mehrerer vergangener Handlungen handelt. Obwohl jede Erfahrung in einem gewissen Ausmaß mit unbekannten Kräften zusammenhängt, bildet ihre Verbindung mit dem eigenen Bewußtsein die Bedeutung einer “frischen Tat”. Bemühung ist nichts anderes als das Bewußtsein einer Eigeninitiative, wobei es egal ist, wer oder was einen letztlich zur Ausführung dieser Handlung angetrieben hat. Es ist nicht die Handlung an sich, die darüber entscheidet, ob sie ein Kriyamana-Karma ist oder nicht, sondern die Art und Weise, in der sie ausgeführt wird. Die Handlungen eines Jivanmukta[29] sind kein Kriyamana-Karma, da sie in keiner Weise mit irgendeinem persönlichen Bewußtsein verbunden sind. Vielmehr handelt es sich dabei um spontane Funktionen der verbliebenen Schwungkraft von vergangenen bewußten Bemühungen, die nun nicht mehr mit dem Bewußtsein einer Urheberschaft gekoppelt sind. Erfahrungen, die sich einem aufdrängen oder von selbst kommen, ohne daß sie der Erfahrende willentlich herbeigeführt hat, sind nicht als wirkliche Handlungen zu betrachten. Eine Erfahrung, die nur vom Prarabdha verursacht wurde, ruft keine neuen Ergebnisse hervor, sondern erschöpft sich durch die Erfahrung. Ein Kriyamana-Karma hingegen neigt dazu, eine erneute Erfahrung in der Zukunft zu erzeugen, da es mit dem Gefühl der Urheberschaft verbunden ist.

        Manchmal können sich die ursächlichen Faktoren von Handlungen auch auf andere Weise manifestieren als durch das Bewußtsein des Erfahrenden, nämlich durch einen äußeren Auslöser oder durch Ereignisse, die ihre Ursachen jenseits des menschlichen Verständnisses haben. Selbst wenn man von einer anderen Person dazu getrieben wird, eine bestimmte Handlung auszuführen, ist dies nur die Auswirkung eines Aspekts der eigenen Verdienste in bezug zu den Verdiensten des anderen. Im Zustand der spirituellen Verwirklichung verebben derartige Anregungen von außen. Alle Bemühungen enden erst mit der Selbsterkenntnis, die ja das Ziel aller Bemühungen ist, und nicht eher. Solange sich der Mensch jedoch des Körpers und der Welt bewußt ist, wird er sich auch zwangsläufig weiterhin darum bemühen, sein angestrebtes Ziel zu erreichen. Das Bewußtsein der Mühe ist die natürliche Begleiterscheinung des Bewußtseins der Unvollkommenheit. Der Mensch, wie er ist, kann nicht anders, als sich so lange weiter zu bemühen, bis er sein Ziel erreicht hat. Die Frage des freien Willens und der Notwendigkeit ist dabei relativ und verliert ihre Bedeutung im Morgendämmerung der aufgehenden Weisheit des Selbst.

        Das Gesetz des Karma belästigt uns nicht mehr, wenn es uns gelingt, das Bewußtsein der Individualität zu überwinden und aus dem Blickwinkel der Struktur des Universums als einer Gesamtheit heraus zu denken, zu empfinden und zu handeln. Es kann nur dort zu Auswirkungen von Reaktionen kommen, wo ein lokalisiertes Zentrum existiert, das die Reaktion empfangen kann. Da das unpersönliche Bewußtsein kein solches Zentrum ist, können die Reaktionen des Karma auch kein Ziel finden, in dem sie sich in Form einer Erfahrung verwirklichen können. Dies ist ein guter Hinweis, der uns lehrt, daß wir auch in unseren Alltagsaktivitäten unbeeinflußt von den rückwirkenden Kräften der äußeren Umwelt verbleiben können, da es dort, wo es keinen selbstzentrierten Gedanken gibt, auch die Erfahrung von Rückwirkung nicht geben kann. Diese Regel gilt nicht nur für den Siddha (den Vollkommenen), sondern auch für den Sadhaka (den Strebenden), da das Gesetz des Karma zugleich das Gesetz der Natur ist, das niemanden von seinen Begrenzungen befreit und auch niemanden aus seinen Begünstigungsklauseln ausschließt. Karma ist demnach nicht nur das Gesetz der individualistischen Handlung, sondern auch das Gesetz der Wirkungsweise des Universums in seiner ewigen Vollständigkeit.

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23     Die menschliche Natur und ihre Bestandteile

        Das Leben eines Individuums durchläuft verschiedene Stadien. Und Individualität ist nichts anderes als eine Konkretisierung der Kräfte jener Gedanken, Gefühle und Handlungen, die man während zahlreicher vergangener Leben gehegt und ausgeführt hat. Aus diesem gewaltigen Kraftspeicher der psycho-physischen Kräfte, der als potentieller Hintergrund aller individualisierten Manifestationen existiert, wird ein bestimmter Teil entnommen, der dann als wirkende und materielle Ursache für die Geburt des Körper-Geist-Komplexes dient, der Individualität der Person.

        Die Individualität einer Person besteht aus genau denjenigen Veranlagungen und Trieben, die die Manifestationen der in den vergangenen Inkarnationen erzeugten Kräfte sind. Die Wege, über die sich diese Triebe spontan ausdrücken, ohne daß sie von äußeren Einflüssen gelenkt werden, können als Instinkte des Individuums bezeichnet werden, und das Konglomerat dieser angeborenen Triebe ist als Instinkt- oder Triebnatur des Individuums bekannt. Diese Triebe verweilen unterschwellig im Verborgenen, solange die Bedingungen für ihren Ausdruck ungünstig sind. Sobald die Bedingungen jedoch für die Erfüllung der Triebziele geeignet erscheinen, werden die Triebe sofort aktiv. Die Triebe haben vielfältige Eigenschaften. Man kann im wesentlichen zwischen dem Trieb der Selbsterhaltung, dem Trieb der Besitzergreifung, dem Trieb zur Selbstbestätigung, dem Trieb der Fortpflanzung und dem Trieb der Neugier unterscheiden, wobei der letztgenannte ein Frühstadium jenes Instinktes darstellt, mehr über die Dinge wissen zu wollen, das heißt, nach Erkenntnis zu streben.

        Kurz nach seiner Geburt und als Kind offenbart das Individuum noch sehr wenige Anzeichen des vielseitigen Charakters der Instinkte, aus denen es gebildet ist. Hier überwiegt zunächst der Selbsterhaltungstrieb, der mit den Empfindungen von Hunger und Durst, der Wahrnehmung von Wärme und Kälte und dem Bedürfnis nach Schlaf zu wirken beginnt. Psychoanalytiker behaupten, daß sich bei gründlicher Untersuchung des Verhaltens des Kindes bereits in diesem Stadium die rudimentären Formen der anderen Instinkte erkennen lassen, die noch nicht zu ihrer natürlichen und vollen Aktivität herangereift sind. Während das Kind zum Jugendlichen heranwächst, werden die Energien seines Systems, die bis zu diesem Zeitpunkt noch brach lagen, plötzlich freigesetzt und treiben den Jugendlichen in Form der heftigen Neigung, zu spielen und zu genießen, hinaus in die Arena des öffentlichen Lebens, um dort die ersten sozialen Kontakte zu benachbarten Individuen des gleichen Alters zu knüpfen. Dies kann mit Sicherheit als harmlose Regung jener subtilen Instinkte angesehen werden, die erst später zu den drängenden Kräften heranreifen, die sich in Form eines eigenen Weltbildes manifestieren, auf das sich die verschiedenen Unternehmungen des eigenen Lebens dann stützen. Das Verlangen nach Nahrung, Spiel und Schlaf sind die gröbsten Formen, in denen sich die fundamentalen Instinkte unter den Bedingungen der Kindheit und Jugend ausdrücken. Die Triebe nach Nahrung und Schlaf sind dabei jedoch Grundzüge, die bis zum Lebensende fortbestehen und keinerlei Einmischung oder Eingriff in ihre Wirkungsweise dulden. Da sowohl die Sinne als auch das Ego-Prinzip im Leben eines Individuums von Anfang an über jeden anderen Trieb dominieren, sind die ersten Sehnsüchte, die in der Morgenröte des Lebens in Erscheinung treten, meist sinnlicher und selbstbehauptender Natur. In der Gesellschaft gelten einige Sehnsüchte als natürlich, nämlich der Wunsch danach, schmackhaftes Essen zu verzehren, sich fein zu kleiden und in der menschlichen Gesellschaft in einer Art und Weise aufzutreten, die eine gewisse innere Bedeutung erkennen läßt. Darüber hinaus wirkt zur gleichen Zeit auch der besitzergreifende Instinkt, der das Individuum stets dazu anhält, die guten, schönen, wertvollen und seltenen Dinge des Lebens für sich selbst anzuhäufen, deren Verlust ihm in der Tat großen Kummer bereiten würde. In dieser Auflistung der Triebe fehlen jedoch noch einige der wichtigsten Frontkämpfer, die in der Schlacht des Lebens erst etwas später aufmarschieren.

        Und wer sind diese Spätankömmlinge? Sie sind niemand anderes als die Botschafter, die vom Gesetz des Lebens ausgesandt werden, das selbst eine Reflexion jener großartigen Wirklichkeit des Universums darstellt. So wie man den Premierminister eines Staates mancherorts als “Präsident in Bewegung” bezeichnet, könnte man auch das Gesetz des Universums als das “höchste Wirkende in Aktion” betrachten. Die Merkmale des Wirkenden sind Ewigkeit und Unendlichkeit, und es sind genau diese Grundzüge, die durch das Gesetz des Universums ausgearbeitet werden sollen, das die in ihm befindlichen Individuen dazu zwingt, sich seinen Regeln und Anforderungen anzupassen.

        Der Verdauungsprozeß, der über die doppelte Aktivität des Anabolismus und des Katabolismus abläuft, ist die durch Veränderungen, Austauschprozesse und Kombinationen stattfindende Wachstumsneigung des Körpers, der für den menschlichen Geist als Medium dient. Die Suche nach Nahrung, Bekleidung und Unterkunft, das Bedürfnis nach Erholung und Vergnügen und eine natürliche Neigung zur Geselligkeit sind allesamt empirische Ausformungen dieser sich entfaltenden Stadien im Leben eines Individuums. Bis zu diesem Grad des Ausdrucks wird das eigene Verhalten für gewöhnlich als normal angesehen. Unglücklicherweise wird diese sogenannte Normalität jedoch nicht in ihren wahren Farben gesehen. Ihre Absicht ist nämlich eine ganz andere, da sie als Dynamo für die Erzeugung der Kraft dient, die dafür nötig ist, um die Instinkte zu aktivieren. Die individualistischen Triebe sind letztlich irrationale Sehnsüchte danach, die eigene Individualität zu verewigen, die sich einerseits als Selbstbehauptung und andererseits als Selbstausdruck offenbaren. Der selbstbehauptende Instinkt ist das Ego. Die Motive hinter dem Bestreben, das eigene Ego dadurch zu stärken, daß man ihm von außen her besondere Qualifikationen hinzufügt, sind die Erhaltung der Vollständigkeit des psycho-physischen Organismus, die Kompensation für den in der Gesellschaft empfundenen Minderwertigkeitskomplex, eine krankhafte Behauptung der eigenen Wichtigkeit und Einzigartigkeit sowie das Streben nach Macht und Status. Die Gier nach Ruhm und Macht, Selbstverherrlichung, Selbstbetrug, Eitelkeit, Stolz, Eifersucht und Ehrgeiz sind die Stichflammen des Egoismus.

        Der Drang danach, sich selbst auszudrücken, ist die Kraft hinter dem Fortpflanzungstrieb, der tatsächlich die Konstitution des psycho-physischen Organismus im Drang zur Produktion eines neuen Individuums der eigenen Gattung desintegriert. Aus diesem Grund kann man den Fortpflanzungstrieb mit gutem Recht als katabolisch und selbstzerstörerisch bezeichnen, da er das Individuum zerstört, indem er ihm in der Ausrichtung auf die Zeugung eines Individuums die Energie raubt. Diese Kraft wirkt zuerst als reine Eigenliebe, durchläuft dann die Stadien der Liebe zu den Eltern, der Liebe zu unbelebten Objekten und zu Tieren, der Liebe zu geeigneten gleichaltrigen Individuen der eigenen Gattung und schließlich der Liebe zu jenen Individuen, die sich am besten als Helfer zur Befriedigung des eigenen Fortpflanzungstriebes eignen. Die Liebe zur Nachkommenschaft oder zu den eigenen Kindern ist offensichtlich eine biologische Anziehung, die man seinem “zweiten Ich” gegenüber empfindet, das man in den Individuen sieht, die aus dem eigenen Fleisch und Blut hervorgegangen sind. Dies erklärt auch die Hinwendung an jene, mit denen man blutsverwandt oder anderweitig indirekt verwandt ist. Wenn dieser Drang zum Selbstausdruck nicht auf jeder einzelnen Ebene seines Ausdrucks sein geeignetes Gegenstück findet, sucht er seine Befriedigung auf der nächst niedrigeren Ebene, indem er auf eine frühere Stufe seines Ausdrucks zurückfällt.

        Jede erfolgreiche Opposition gegen die Triebe der Selbsterhaltung, der Selbstbehauptung oder des Selbstausdrucks kann dazu führen, daß psychische Abwehrmechanismen aktiviert werden, die im Bereich der Psychoanalyse als Identifikation, Projektion, Introjektion, Rationalisierung, Kompensation, Repression, Regression, Symbolisation, Dissoziation, Konversion, oder als Verdrängung, Phantasieren, Träumen und so weiter bekannt sind. Auch Furcht, Haß, Zorn, Gewalt, Kleptomanie, Müßiggang, Schlafwandeln, Müdigkeit, Freßsucht, Geschwätzigkeit, ausschweifende körperliche Aktivität und Sportlichkeit können Konsequenzen einer derartigen Opposition sein, die nur deshalb zum Vorschein kommen, um der eigenen Nervenanspannung und dem eigenen Streß, der von Faktoren hervorgerufen wurde, die den natürlichen Funktionen des psycho-physischen Systems feindlich gegenüberstehen, eine Ableitung zur Verfügung zu stellen. Ein Verhalten oder eine Handlung kann durch folgende Faktoren bedingt sein: (1) die körperliche Verfassung, (2) innere chemische oder geistige Veränderungen, (3) unterdrückte oder aufgestaute Instinkte, die nach ihrem Ausdruck drängen, (4) die Dominanz von unbewußten oder rationalen Trieben, (5) die Kompensation für Störungen in irgendeinem Teil des Organismus, (6) die Gesellschaft anderer, (7) das Studium von Büchern und ähnlichem mehr. Psychologische Zustände können von körperlichen Faktoren herbeigeführt werden und umgekehrt. Chemische Veränderungen im Körper können einen oder mehrere Instinkte aufrühren. Psychologische Zustände wie Freude, Ärger, Niedergeschlagenheit oder andere Stimmungen können Veränderungen der körperlichen Verfassung bewirken.

        Die Triebe des menschlichen Individuums, die ja eindeutige Ziele verfolgen, können nach Ersatzbefriedigungen suchen, wenn ihnen die freie Ausdrucksmöglichkeit in einer Richtung ihrer Wahl nicht erlaubt wird. Dies sind beispielsweise all jene Befriedigungen, die die Instinkte über harmlose Kanäle erlangen, wie Sozialarbeit, politische Aktivität, beruflichen Ehrgeiz, menschenfreundliches Handeln wie Dienst am Nächsten oder ähnliches körperliches oder geistiges Engagement, wodurch die Energie der unbewußten Triebe abgeführt wird. Die Beschäftigung mit den “schönen Künsten”, wie Literatur, Musik, Tanz, Malerei, Zeichnen, Bildhauerei, Architektur und Gartenbau kann als guter Ersatz dienen, indem die Instinkte in weiten Bereichen persönlicher oder sozialer Freude umherschweifen können.

        Die rationalen Triebe sind völlig anderer Natur und bewegen sich in die Richtung des Studiums der Wissenschaften und der Philosophie. Mathematik, Physik, Chemie, Technologie, Astronomie, Geologie, Geographie, Biologie, Psychologie, Soziologie, Logik, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Ethik sind die Hauptzweige der rationalen Bildung. Diese Gegenstände ziehen die Aufmerksamkeit des Intellekts als unabhängige Werte des Lebens auf sich, auch wenn man unschwer erkennen kann, daß sie mit Sicherheit Mittel zur Befriedigung der Grundbedürfnisse des Individuums sind. Diese Bedürfnisse äußern sich  entweder als körperliche Wünsche oder als geistige und intellektuelle Bestrebungen, die das letztendliche Ziel haben, das für das Wachstum des Körpers oder Geistes im sozialen Umfeld seiner Existenz notwendige Zubehör beizusteuern.

        Die Erfahrung von Glück ist das Ergebnis der eigenen Nähe zu den Objekten, die man liebt, wobei es gleichgültig ist, ob diese Objekte lebendig sind wie der Ehepartner und die Kinder, ob sie unbelebt sind wie ein Haus und anderer Besitz oder ob es sich um Objekte der Befriedigung handelt, von denen man annimmt, daß sie durch den Kontakt mit den Sinnen oder durch bloßes darüber nachdenken eine Genugtuung verschaffen, wie Ruhm und Ehre, Macht, Autorität und Prestige. Wenn die Sinne und das Denken durch die Befriedigung des Verlangens nach Objekten über einen Kontakt mit diesen beruhigt worden sind und somit für einen Augenblick nicht mehr zu den Objekten zurückkehren - dann ist dieser Bruchteil eines Moments, in dem die Aktivität der Sinne und der Gedanken bei vollem Bewußtsein abklingt, die Erfahrung von Glück. Obwohl Sehnsüchte und Rastlosigkeit vom Verlangen nach solcher Freude herrühren, sind sie in Wirklichkeit die Ursachen des Unglücklichseins, denn wenn sich das Denken und die Sinne durch ihre Bewegung in Richtung der äußeren Objekte vom Bewußtsein der Selbstheit entfremden, verlieren sie ihre Verankerung im Bewußtsein der Selbstheit, der reinen Erfahrung von Glück. Folglich kann es niemals zum Stillstand des Verlangens nach Objekten führen, wenn man darin schwelgt, Objekte durch Sinne und Verstand zu genießen, da die Leidenschaft nach Objekten weiter zunimmt, wenn die Sinne als Genußwerkzeuge benutzt werden. Darüber hinaus verstärkt sich auch die Wildheit der Sinne auf der Suche nach solchen Befriedigungen. Die Unkenntnis der Tatsache, daß Glückseligkeit dasselbe ist wie die Erfahrung der Selbstheit, ist die Ursache für die Objektivierung von Genuß; und Schönheit ist nichts anderes als Genuß, der in einem äußeren Inhalt der Sinneswahrnehmung objektiviert ist. Da bereits in der Vorstellung davon, wie man Glückseligkeit erreichen kann, ein fundamentaler Irrtum enthalten ist, der in dem Glauben besteht, daß man Glückseligkeit nur über die Sinne und das Denken erfahren kann, muß man daraus zweifellos schlußfolgern, daß die Erfahrung von Freude oder Glückseligkeit durch irgendeine Form von Kontakt nur eine andere Bezeichnung dafür sein kann, im Dunkel der Unwissenheit nach einer Befriedigung zu suchen, wo keine ist.

        Die Wahrnehmung eines Objektes ist in Wahrheit ein gleichzeitiges Vergessen des Selbst, da das, was als Objekt bekannt ist, nichts anderes ist als ein Schleier, der einen Teil des Bewußtseins des Selbst verdeckt, so daß das Selbst, in dem alles Sein enthalten ist, die Gegenwart jenes Merkmals in sich selbst zu übersehen scheint, da es vom Objekt-Bewußtsein verschleiert ist. Um ein praktisches Beispiel zu geben: Betrachtet man die Sonne durch eine Glasscheibe, die zum Teil mit einer schwarzen Substanz bedeckt ist, erscheint uns ein bestimmter Teil der Sonne verdunkelt, wobei der Umriß der Sonnenverdunkelung genau der Form der geschwärzten Fläche der Glasscheibe entspricht. Dies würde bedeuten, daß das Bewußtsein einem bestimmten Objekt hinterherläuft, da es das Bewußtsein über einen bestimmten Aspekt seines Seins verloren hat. Die Jagd des Bewußtseins nach jenem äußeren Objekt, das inhaltlich mit dem verlorenen Aspekt seines eigenen Seins korrespondiert, ist nichts anderes als sein Versuch, sich mit diesem Teil seiner selbst zu vereinigen, den es ja anscheinend aufgrund seines Bewußtseinsverlustes verloren hat. Folglich ist jeder Akt der Objektwahrnehmung eine Bemühung seitens des Selbst, sich äußerlich mit jenen Merkmalen oder Aspekten seiner selbst zu vereinigen, die durch Unbewußtheit verdeckt sind.

        Der Verlust des Bewußtseins über einen bestimmten Aspekt des eigenen Selbst, der die Wahrnehmung eines Objekts mit entsprechenden Charaktereigenschaften anregt, wird von dem Übergewicht einzelner Kräfte des eigenen früheren Karma hervorgerufen. Der Druck der karmischen Kräfte läßt das Selbst nur bestimmte Aspekte an sich wahrnehmen und macht es ihm gleichzeitig unmöglich, zu wissen, daß es auch andere Aspekte hat. Hier haben wir vielleicht die Anatomie des Begehrens, der Sinneswahrnehmung und der Erfahrung dessen, was in dieser Welt als Genuß bekannt ist.

        Die Wahrnehmung der Merkmale eines einzelnen Objekts ist eine Abstraktionx des Bewußtseins in bezug auf bestimmte Charakteristika innerhalb der endlosen Vorräte der Natur, indem es sich auf eine Motivation beschränkt, die sich allein auf diese ausgewählten Merkmale richtet. Dieser Prozeß findet unter ähnlichen Bedingungen statt und wird von den gleichen Faktoren verursacht, wie dies bei der Wahrnehmung eines Objektes und dem Verlangen nach Sinnengenuß der Fall ist. Hierfür ein Beispiel: Die Wahrnehmung von blauer Farbe am Himmel ist eine Abstraktionx aus dem gesamten Spektrum des Sonnenlichts, das nicht nur auf Blau beschränkt ist. Diese Abstraktionx wird dem visuellen Sinn aufgrund des begrenzenden Charakters der Struktur jener Substanz aufgezwungen, die man für blau hält und deren Struktur das als “blau” bezeichnete Merkmal mittels Abstraktionx absorbiert und dabei jede andere Farbe oder Eigenschaft aus der unendlichen Reichhaltigkeit des Sonnenlichts ausschließt. Jede Art der Objektwahrnehmung ist eine Abstraktionx, die das Bewußtsein aus der unendlichen Reichhaltigkeit des Absoluten auf nur jene Eigenschaften vornimmt, die unter dem Begriff “Objekt” bekannt sind, da bestimmte Aspekte des Bewußtseins auf Grund der eigentümlichen strukturellen Begrenztheit eines Individuums  verdunkelt sind, was von den Kräften des Karma aus der Vergangenheit abhängt.

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24     Das unendliche Leben

        Das Leben ist weder ein geschichtlicher Ablauf noch eine Wissenschaft, sondern ein Rätsel, das gewaltiger ist, als es irgendein Wert sein könnte, mit dem man es wahrscheinlich gleichsetzt. Die Bedeutung des Lebens liegt weder in einem Muster, das mit einer Folge zeitlicher Ereignisse vergleichbar ist, die wir allgemein als Geschichte bezeichnen, noch kann man es mit einer mathematisch berechenbaren Gleichung oder mit dem System der Induktion und Deduktion gleichsetzen, aus denen sich folgern ließe, daß bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen haben. Das Leben ist nichts dergleichen. So trotzt es jeglichem Versuch, seine Bedeutung einzuschätzen und zu beurteilen, der auf traditionellen und stereotypen Vorgehensweisen basiert, da diese ja allesamt Ergebnisse einer historischen oder mathematischen Haltung sind, die man in der Abwägung gewöhnlicher Probleme des Lebens einnimmt. Die wechselseitige Verbundenheit und der organische Charakter der unzähligen Aspekte, die die Bedeutung des Lebens bilden, machen es einem isolierten Individuum beinahe unmöglich, die Geheimnisse des Lebens zu untersuchen, da jede individualistische Annäherung an das Leben ein Versuch wäre, es den empirischen oder traditionellen Vorstellungen einer dreidimensionalen Annäherung an die Dinge zu unterwerfen, was genau der historischen oder mathematischen Denkweise entspräche. Es ist diese irrige Annäherung, die das Lebenssystem in die mechanisierte Form einer Ethik von Geboten und Verboten verwandelt hat, die ihrerseits eine Begleiterscheinung der allgemeinen mechanistischen Haltung ist, die man dem Leben gegenüber einnimmt. Da das Leben keine Maschine ist, muß jedes System, das allgemeingültige Denk- und Verhaltensmuster festlegt, der Wahrheit des organischen Charakters der Existenz widersprechen, der ja die Essenz des Lebens ausmacht.

        Im selben Moment, in dem sich das Individuum in einer Welt der Raum-Zeit-Beziehungen wiederfindet, beginnt das individuelle Bewußtsein sofort damit, die Bedeutung des Lebens als Maschine mit stereotypem Arbeitsablauf zu interpretieren und zu beurteilen, die jeder Person und Sache einen auf ewig gültigen Wert gibt. Dies hat zur Folge, daß die Evolution und der Fortschritt des Individuums durch die Lebensprozesse hindurch in der starren Form der “festgelegten Örtlichkeit” aller Dinge verkrustet, was einem gewaltigen Irrtum entspricht, dem zufolge zu einer gegebenen Zeit alles nur an einem Ort und in einem Zustand sein kann, ohne dabei eine lebendige Beziehung zu anderen Dingen und eine Bedeutung für die sich ändernden Umstände der äußeren Atmosphäre zu haben. Dieses irrige Verständnis von sich und den eigenen äußeren Beziehungen hat das Leben zu einem unergründlichen Etwas gemacht, das noch nie auf eine seiner Natur oder inneren Struktur gemäßen Weise betrachtet wurde. Dies hat zur Folge, daß man sein ganzes Leben damit verbringt, Irrlichtern zu folgen, ohne jemals seinen Anfang zu kennen, oder sein Ziel, auf das es sich hin bewegt.

        Man erklärt uns, daß das Universum ursprünglich ein einziges unendliches Atom war, das in der  mystischen Geschichte Indiens als Brahmanda oder “Kosmisches Ei” bekannt ist; daß es sich selbst geteilt hat und sich diese zwei Teile wiederum immer weiter in die unzähligen Individuen geteilt haben, die man nun als Personen, Dinge oder Objekte bezeichnet. Dies ist der Grund dafür, daß jeder Teil um die Vereinigung mit einem anderen Teil kämpft. Die Teile können nämlich nicht zur Ruhe kommen, es sei denn als Aspekte innerhalb des Ganzen, das in seiner Vollständigkeit in jedem Teil gegenwärtig ist und sich in allen oder durch alle Teile Anerkennung erzwingt. Jeder Teil sucht nur das Ganze.

        Die Teile versuchen jedoch irrtümlicher weise, sich über einen nach außen gerichteten, räumlich-zeitlichen und psychologisch-physischen Kontakt mit den Objekten zu vereinigen, indem sie diese mit ihren Sinnen und ihren Egos berühren. Dieser Versuch muß jedoch scheitern, da sich nichts, auch nicht ein einziges Objekt, außerhalb der universellen Selbstheit des Bewußtseins befindet, in der jedes sogenannte Objekt nur einen Aspekt der Selbstheit darstellt. Folglich kann die ersehnte Vereinigung mit den Objekten nur dann erfolgreich sein, wenn diese selbst zum Subjekt werden, das sich nach ihnen sehnt - und das ist letztendlich das universelle Subjekt.

        Aus der Einheit der Natur erwachsen räumliche Unterscheidung und zeitliche Ausdehnung, die das ursprüngliche Prinzip der Isolierung einer Sache von der anderen darstellen; sowie die Trennung von Individualität als einem lokalisierten “Subjekt” empirischer Erfahrung, das sich die gesamte Natur, aus der es hervorging, als ein “äußeres Objekt” gegenüberstellt. Daraufhin plaziert das Individuum auch andere solche Individuen als seine Objekte vor sich, womit es zu einer Umkehrung der Position des Bewußtseins kommt: Das Objekt wird sozusagen zum Subjekt, da sich das Subjekt auf das Objekt überträgt, damit es “außen” das kontaktieren kann, was den Mängeln entspricht, die es in der eigenen psycho-physischen Form erfährt. Und so eilt das individuelle Subjekt, das sein eigenes Selbst im “anderen” sieht, in dessen Richtung und kämpft darum, sich mit ihm zu vereinen. Das Selbst kann nämlich nur das Selbst lieben.

        Über die Abstufungen des körperlichen Selbst, des Objekt-Selbst, Ego-Selbst, Familien-Selbst, Gemeinde-Selbst, Nationen-Selbst, Welt-Selbst und Universal-Selbst hindurch kämpft das Bewußtsein darum, sich alles einzuverleiben, was es sieht, riecht, hört, berührt oder schmeckt. Dies geschieht mit der offensichtlichen Absicht, den Objekten nahe zu sein, so daß deren Verschmelzung mit dem eigenen Selbst notwendigerweise das letztendliche Ziel sein muß. Das größte Glück erfährt man dann, wenn das Objekt zum Subjekt wird. Das Bewußtsein stürmt nach draußen, um sich mit seinem Inhalt zu vereinigen, wenn dieser von ihm getrennt erscheint, und so kommt es zu dem quälenden Verlangen des Bewußtseins, sich zur Reproduktion der eigenen Form mit seinem abgetrennten Inhalt zu vereinigen, um sich so zu verewigen. Es ist die Tragödie des Lebens, daß das Subjekt darum kämpft, seine körperliche und psychologische Form über den sinnlichen Verkehr der zeitlichen Bestandteile seiner sterblichen Individualität zu verewigen, anstatt zu erkennen, daß es in allen Dingen gegenwärtig ist.

        Das universelle Sein ist als Virat bekannt. Virat oder der universelle Körper ist eine in sich integrierte Ganzheit, in der alle “Gesichtspunkte” die Herrlichkeit eines einzigen universellen “Gesichtspunkts” darstellen. Aus der allumfassenden und alles vereinigenden Ebene des Seins, dem Virat, wählt das Bewußtsein einen bestimmten “Gesichtspunkt” aus und wird damit zum individuellen Selbst. Auf diese Weise entstehen die zahllosen, voneinander getrennten Individuen, deren Erfahrungsinhalte jeweils auf einen individuellen “Gesichtspunkt” beschränkt sind.

        Direkt darunter haben wir die niedrigere Ebene des Fühlens, Denkens, Empfindens und Wollens, in der sich das Bewußtsein bestimmte Muster aussucht, die zu Objekten der Wahrnehmung und der Erkenntnis heraus gearbeitet werden und zum Inhalt des gewöhnlichen menschlichen Bewußtseins werden. Dies ist die Ebene des Sinnes- oder Trieblebens, auf der man sich eifrig mit der Zubereitung der Nahrung beschäftigt, die man zu verzehren wünscht, wobei dieser Akt selbst auf einer noch niedrigeren Ebene stattfindet, wo das Bewußtsein danach verlangt, die Formen physisch durch Sinneskontakt in sich aufzunehmen und sich dadurch mit ihnen zu vereinigen. Die Wirkung, die sich aus der Aufspaltung aus dem Virat ergibt, endet nicht nur in der Wahrnehmung von Individuen durch Individuen, da in dieser Vielheit verborgen bereits die Wurzeln für weitere Tendenzen liegen, wie Hunger nach physischer Nahrung und Verlangen nach Sinneskontakt. Sobald die Einheit des Virat-Bewußtseins verlorengegangen ist, kämpfen die abgetrennten Teile darum, sich durch eine nach außen gerichtete leidenschaftliche Suche wieder zu vervollständigen. Dies ist die Sehnsucht der Individuen nach Selbstvervollständigung und der brennende Durst, der die Seele aus sich heraustreibt, um die gesamte Welt zu durchstreifen, Nahrung zu suchen und alles zu verzehren, was ihr begegnet. Dieser Durst, diese Gier ist nicht nur eine psychologische Funktion der Triebe des Individuums, sondern die Essenz der Konstitution des Individuums. Es ist dieser tosende Ansturm der Sinne und dieses fundamentale Verlangen des Individuums, das das schreckliche Gesetz der Natur erklärt, das einen dazu zwingt, das eigene Leben durch Zerstörung fremden Lebens zu erhalten, indem man dieses entweder, wie in der Liebe, in sich aufsaugt oder, wie im Haß, auslöscht. Welch verrückte Wahrheit, die verkündet, daß die schlimmsten aller tragischen Szenen ebenfalls nur Manifestationen der Neigung zu Einheit und Untrennbarkeit aller Dinge sind! In den Formen, die das Leben im Abwärtssog der nach außen gerichteten Leidenschaften angenommen hat, kann das Individuum die innere Einheit jedoch nicht erkennen, die letztlich die wahre Ursache hinter jedem Gedanken, hinter jedem Gefühl und hinter jeder Handlung ist.

        Virat ist kein mechanistisches System mit äußeren Beziehungen, sondern eine organische Einheit, in der die Personen und Dinge eher im Bewußtsein gegenwärtig sind, als vom Bewußtsein wahrgenommen zu werden. Nur in diesem Bewußtseinszustand kann man wahre Kontrolle über alles haben, und nicht, indem man Objekte wahrnimmt. Im letztgenannten Fall würden diese Objekte nämlich “außen” und somit jenseits des eigenen Einflußbereichs verbleiben. Zuerst zieht man sich von den Klishta-Vrittis zurück und dann von den Aklishta-Vrittis. Während im ersten Schritt eine Unterwerfung des Verlangens nach Objekten stattfindet, vermeidet man im zweiten Fall sogar die Möglichkeit, diese als etwas “Äußeres” wahrzunehmen. In diesem zweiten Zustand steht das Universum der Objekte nicht nur in Beziehung zum Bewußtsein (da dies auch nur Wahrnehmung wäre), sondern verschmilzt in die innerste Essenz des Bewußtseins, und zwar nicht im Sinne der Vereinigung zweier Dinge, sondern im Sinne des “Wiedererkennens” der zugrunde liegenden Einheit der Existenz. Und es ist eine Tatsache, daß die Leidenschaften des Egos und der Sinne nicht abklingen können, solange die Aklishta-Vrittis noch bestehen. Ein erfolgreicher und wahrer Rückzug der Sinne besteht demnach nicht darin, die Augen vor den existierenden Objekten der Anziehung zu verschließen, sondern darin, deren Bedeutung auszulöschen, indem das Bewußtsein deren “Sein” selig in sich umarmt. Dies ist die Vereinigung des Sat der Dinge mit dem Chit des Erfahrenden, was gleichzeitig auch eine Flut von Ananda[30] bedeutet, von der die gesamten Sinnenfreuden des Universums nicht einmal träumen können.

        All dies ist für den genußsüchtigen Menschen jedoch ein wahrer Alptraum, da es so aussieht, als würde man durch diesen erforderlichen Rückzug von allen konzentrierten Freudenzentren, Objekte genannt, abgeschnitten. Für die Sinnenfreuden klingt dies alles wie das Läuten der Totenglocken, und so bemüht sich für gewöhnlich auch niemand ernsthaft um diesen unabdingbaren Rückzug. Der Glanz der Formen und der Geschmack des Elixiers der relativistischen Kontakte wirbelt derartig viel Staub auf und lärmt in solchem Maße, daß das “ozeanische Innere” nicht wahrgenommen wird. Die Spritzer des giftvermischten Nektars, der aus dem berstenden Überfluß an innerer Glückseligkeit durch die Poren der Sinne hervor sprüht, hält die gesamte Schöpfung in gebannter Verzückung. Und der Mensch eilt lieber hinaus, um die fernen, auf die äußeren Formen hin gespritzten Tropfen zu erhaschen, die mit dem Gift der “Äußerlichkeit” aller Sinnesgenüsse vermischt sind, als danach zu suchen, woher all diese süße Herrlichkeit kommt. In der Geschichte von “Amritamanthana” spalteten sich die Schlangen die Zungen, weil sie an dem scharfkantigen Gras leckten, auf dem der Topf mit dem himmlischen Nektar stand, dessen bloßer Duft bereits ausreichte, um die Seele aller Sinne wie in einem Sturzbach des Verlangens anzuziehen. Ebenso ergeht es auch dem begehrenden Individuum, dem die Sinne lediglich berieselt, ausgelaugt und aller Vitalität beraubt werden, während es den Nektar der Freude in den stachligen Formen der Objekte dieser Welt sucht. Der menschliche Kampf um die Freude, die man dem Leben abgewinnen möchte, ist ein tägliches “Amritamanthana”. O weh! Die Dämonen der Sinne erhalten nichts als das rauchende Gift des Gefühls, von ihren Vergnügungszentren weggerissen zu werden. Dieses läßt ihre Herzen nach Luft ringen, da sie das Gefühl haben, von dem quälenden Ansturm des nach oben drängenden Schmerzes um den Verlust der Berührung mit den Objekten ihrer Freude erstickt und getötet zu werden. Sowohl die Götter des himmlischen Strebens als auch die Dämonen der Sinne sehnen sich nach Nektar, wobei ihn letztere in der Welt der Objekte suchen. Der Nektar kann jedoch nicht gefunden werden, wo er nicht ist, und die Dämonen bekommen statt des Nektars der Befriedigung lediglich das Gift des Leidens. Der Nektar kann in keinem Objekt eingefangen werden.

        Da dieser Nektar des Absoluten nicht in einen Topf oder ein Gefäß abgefüllt ist, das irgend jemand für sich alleine beanspruchen kann, quillt er als universelle Flut hervor, die alles und jeden verschlingt, die schmutzigen Hütten der aus Lehm geformten Körper zerstört und die Erde für alle Zeiten von all ihren Sünden befreit! Die freudentrunkene Seele sprengt die zu engen Ketten. Sie schluchzt, weint und tanzt in wahnwitziger Glückseligkeit, wobei niemand weiß, was sie geschaut hat! Wer könnte auch beschreiben, was hier geschaut wird? Die Sprache verstummt, das Denken steht still. Die Sonne, der Mond und die Sterne verblassen in dieser göttlichen Strahlung. Die Galaxien schmelzen und die vierzehn Welten taumeln in diese lodernde Herrlichkeit, die alles im Bruchteil eines Augenblicks in Wellen der Glückseligkeit verwandelt, die in der Freude der Begegnung von Seele mit Seele und im Eintauchen aller Seelen in die eine Seele, gegeneinander schlagen.

        Das majestätische Virat spielt innerhalb seiner selbst und schafft sich in dem Ganzen, das es ist, selbstbedingende Gesetze. Mit seinen unzähligen Zentren, die alle ein eigenes vollständiges Ganzes sind und die alle zugleich als Köpfe, Augen, Ohren, Hände, Füße, Gedanken, Münder und Zungen innerhalb und außerhalb aller Dinge dienen, betrachtet es sich selbst, wobei es alles erschafft, erhält, einschließt, ausdehnt, zusammenzieht und aufsaugt. Es betrachtet seine eigene Herrlichkeit, ohne dabei seine Selbst-Herrschaft als Integralität einzubüßen, in der die Abspaltung eines Objekts unmöglich ist, das es dann durch ein äußeres Zusammentreffen in einem Raum berühren müßte, der eine wirkliche Vereinigung mit etwas, das tatsächlich anders ist als es selbst, niemals zulassen würde. Es existiert als eine ewig aktive kosmische Kunst des dynamischen Tanzes der unendlichen Glückseligkeit, die wir in der gewaltigen Schönheit der Schöpfung nicht einmal erahnen können und in der eine Vielfalt von Erfahrungen in der unteilbaren Verzückung von Selbst-Erkenntnis in allem und Selbst-Vereinigung mit allem abläuft. Alles ist zu jeder Zeit überall und in jeder Form - eine hinreißende Szene, von der Qual der Seelen in die innere Selbstheit des unbegrenzten Seins zu verschmelzen, in einer Erfahrung des “ich bin ich und nichts anderes”! Dies ist das Wunder aller Wunder, das Wunder dessen, was ist! Erst hier sind alle Wünsche wirklich erfüllt und niemals zuvor.

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[1] Philosophische Schriften Indiens, die die Lehre der All-Einheit erläutern.

[2] Umfangreiches Werk über die Lehre der All-Einheit in Form der Unterweisung Ramas durch seinen spirituellen Lehrer.

[3] Lehre der All-Einheit.

[4] “Göttliches Lied”: geistig-spirituelle Schrift Indiens.

[5] Kurzform für Bhagavadgita.

[6] Lebenskraft.

[7] Indischer Volksstamm.

[8] Ati-manava.

[9] “Wissen”, das nicht verfaßt, sondern von den Rishis (Sehern) dirket geschaut wurde.

[10] Nach indischer Tradition.

[11](”doubt” = Nachdenken, Überlegen, Einbildung?)

[12] Aklishta-Vrittis.

[13] Bezeichnung für die erste, äußerste und feinstofflichste Hülle des Individuums.

[14]That the universe is primarily a ‘kingdom of ends’, wherein every individual or unit is an essence of selfhood rather than a means of exploitation by other individuals; that this aim of a collective organisation of ‘ends’ and ‘selves’ is the basic ideal of all pursuit of knowledge;” [ends = Ziele, Absichten?]

[15] Indischer Philosoph und religiöser Reformator.

[16] Epische Dichtung des alten Indiens.

[17] Wahrheitssucher.

[18] Haushälter.

[19] In der kriegerischen Auseinandersetzung, die im Mahabharata beschrieben wird, stehen die Pandavas auf der Seite des Guten und nach Vollkommenheit Strebenden, mit Arjuna als ihrem Anführer. Schließlich werden sie in ihrem Ringen auch von der göttlichen Inkarnation Sri Krishna unterstützt. Ihre Gegenspieler sind die Kauravas, unter ihnen Duryodhana, Bhishma, Drona und Karna.

[20] Epos über das Leben Ramas, einer göttlichen Inkarnation im alten Indien.

[21] Licht; Reinheit; der Zustand des Gleichgewichts.

[22] Klangstruktur, die auf der inneren Ebene wirkt.

[23] Täuschung.

[24] Unterscheidungskraft.

[25] Das Gesetz von Ursache uns Auswirkung.

[26] Im Satarudriya der Yajurveda.

[27] Individuelle Seele.

[28] Überlagerung; Reflexion der Eigenschaften eines Dinges in einem anderen.

[29] Eine zu Lebzeiten befreite Seele.

x (“abstraction” = “Einschränkung”? Denn lt. Lexikon: “Abstraktion” = “Benennung des Wesentlichen, das von den vielfältigen Erscheinungen absieht”)

[30] Sat = Sein, Chit = Bewußtsein, Ananda =Glückseligkeit.