Isavasya Upanishad
Auszug aus dem Buch „Principle Upanishads“ von Swami Sivananda
bearbeitet von Divya Jyoti
Copyright © THE DIVINE LIFE Trust SOCIETY, Rishikesh, Indien -
(Bei Unklarheiten bzgl. der Sanskritausdrücke, schauen Sie in unser Glossar)
Bei der vorliegenden Übersetzung aus dem Englischen von Swami Sivananda, wurde die Ausdrucksweise des Originals weitgehend erhalten!
OM - Purnamadah Purnamidam Purnat purnamudachyate,
Purnasya Purnamadaya Purnamevavashisyate;OM Shantih, Shantih, Shantih
Das Ganze ist all jenes. Das Ganze ist all dieses. Das Ganze ging aus dem Ganzen hervor. Nimmt man das Ganze aus dem Ganzen, bleibt das Ganze. OM Friede, Friede, Friede!
Jede Upanishad hat ihr besonderes Friedensgebet. Dieses Gebet wird zu Anfang gesprochen und zum Ende wiederholt. Die Einheit des Universums mit Brahman wird in diesem Gebet auf wunderbare Weise beschrieben.
1. All dies, was sich im Universum bewegt oder auch nicht bewegt, wird von dem Herrn eingeschlossen und durchdrungen. Ziehe dich zurück. Erfreue dich des Herrn. Begehre niemals Werte oder Besitztümer anderer.
Dieses erste Mantra handelt von Jnana-nishtha. Es richtet sich an jene, die Probleme haben, das Wissen Brahmans oder Atma-Jnana zu erreichen. Dieses ist der Pfad des Zurückziehens.
Der Herr regiert die ganze Welt. ER ist der absolute Regent. Zieht man sich von der unwirklichen Sinnenwelt zurück, erkennt man Brahman, d.h.‚ dass ER allein das Sein des inneren Selbst aller ist’.
Die Welt der Namen, Formen, Handlungen und Qualitäten ist nur aufgesetzt und kann aufgrund von Nichtwissen nicht erkannt werden. Es gibt Handelnde, jene, die in Freuden leben, Kenner, Bekanntes, Seher, Gesehnes, Subjekt, Objekt usw. Diejenigen, die auf das Selbst als den reinen Brahman kontemplieren, werden sicherlich den Wünschen in Form von Werten, Namen und Ruhm entsagen, sich distanzieren, zurückziehen. Da die Welt der Sinnes-Objekte wertlos ist, gibt es auch keinen Grund, nach den Werten anderer zu streben, denn man wird den absoluten, unsterblichen Wert Atmans durch Selbst-Verwirklichung erreichen.
Man muss sich von den Wünschen der Welt zurückziehen, den Wünschen der anderen Welt entsagen, den Egoismus, die Selbstsucht und die Gedanken an den Körper aufgeben, selbst auf den Wunsch nach Befreiung muss man verzichten. Letztendlich muss auch der Gedanke an das Zurückziehen aufgegeben werden. Dann wird man zu DEM /IHM werden. Dann wird man ER selbst sein, d.h. „Der Kenner Brahmans wird zu Brahman“. Der Wunsch nach Befreiung zerstört alle irdischen Wünsche. Doch man muss letztendlich auch diesen Wunsch aufgeben. Weder durch Wirken noch durch Nachkommenschaft, noch durch Reichtum wird man Unsterblichkeit erreichen, sondern allein durch das Zurückziehen.
2. Durch ein mit Arbeit ausgefülltes Leben kann der Mensch in dieser Welt 100 Jahre alt werden. Das ist sein Recht, doch die Handlung darf ihn nicht binden.
Das erste Mantra befasst sich mit den Regeln des Wissens. Dieses Mantra beschreibt die Regeln des Wirkens bzw. Arbeitens. Es gibt jenen einen Rat, die sich nicht von der Bindung an diese Welt befreien können, die nicht in der Lage sind, ein zurückgezogenes Leben als Sannyasin zu führen, aus welchen Gründen auch immer. Doch es bedarf eines ausgefüllten Arbeitslebens, innere Zufriedenheit, um ein hohes Alter zu erreichen. Damit wird Karma abgebaut; ein faules, träges Leben bewirkt das Gegenteil.
Man sollte regelmäßig seine Yoga-Übungen, Meditation und religiösen Riten durchführen, sich im selbstlosen Dienst an die Menschheit betätigen, ohne nach den Früchten zu fragen. Nur dann wird eine Reinigung des Herzens stattfinden. Das eigentliche Atma-Jnana erwacht im Herzen. Das ist der Weg des Handelns in dieser Welt.
3. Gottlos und ohne Licht sind jene Welten, die von blinder Dunkelheit verdeckt sind. Jene, die von Unwissenheit geprägt, seelisch abgestumpft sind, gehen in diese Welt, nachdem sie ihren Körper verlassen haben.
Im Vergleich zum Zustand des absoluten Selbst, sind selbst die meisten erhabenen Welten der Gottheiten gottlos. Wenn der Vorhang der Unwissenheit über Atman liegt, kann das Selbst nicht wahrgenommen werden. Viele bewegen sich selbst-zerstörerisch in dieser Welt, indem sie vergänglichen sinnlichen Objekten nachjagen. Sie sind voller Leidenschaft, Gier, Zorn, Stolz und Egoismus. Wenn sie unter dem Einfluss von Lust, Gier und Angst stehen, geben sie sich allen Formen übler Handlungen hin. Sie unterliegen der ständigen Wiederkehr von Geburt und Tod. Sie sehen und behandeln ihren Körper wie ein unsterbliches Selbst. Sie verehren ihren Körper als etwas Heldenhaftes. Sie haben Sat-Chit-Ananda Atman völlig vergessen. Darum bezeichnet man sie als Zerstörer ihrer göttlichen Seele.
4. Atman ist bewegungslos, eins, geschwinder als der Geist. Die Sinne können IHN nicht überholen. ER ist ihnen immer voraus. Selbst, wenn ER sitzt, d.h. in Ruhe ist, ist er schneller als alles, was IHM nachjagt. Durch IHN, Matarisva, werden alle Aktivitäten aller Lebewesen gestützt.
In diesem Vers wird die Natur Atmans beschrieben. Atman ist bewegungslos, eins, geschwinder als der Geist, scheint ein Paradox, ein Widerspruch. Doch Atman ist all-durchdringend und erfüllt alles. Darum ist ER auch schneller als der Geist, denn wo sich der Geist auch immer hinbewegen mag, Atman ist bereits dort.
Matarisva ist der Regent der Atmosphäre. ER ist die göttliche Lebenskraft in allen Formen. Raum und Luft, die diese Welt erhält, d.h. Hiranyagarbha, die universale Seele. Diese Luft unterstützt das Feuer, die Sonne, den Regen usw. – Karmas sind Handlungen: Wasser steht für Handlungen, darum werden alle Opferhandlungen mit Wasser durchgeführt.
5. Atman bewegt sich und ER bewegt sich auch nicht. ER ist weit entfernt und ER ist auch nah. ER befindet sich innerhalb und ebenso außerhalb von allem.
Mit diesem Gedanken wird der 4. Vers fortgesetzt. Auch dieses Mantra scheint voller Gegensätze, doch wenn man genau darüber nachdenkt, wird man eines anderen belehrt. Die Bedeutung ist klar. Atman ist der Bewegungsanstoß. ER ist Anstoß für Prakriti (die Natur) und Prakriti bewegt sich. Atman ist in sich selbst bewegungslos. ER veranlasst Prakriti allein durch sein Sein, seinen starren Blick bzw. sein Dasein zur Bewegung. Darum heißt es, ER bewegt sich. Wenn ER alles durchdringt, erfüllt, wo oder wie kann ER sich bewegen? Darum ist ER bewegungslos. ER bewegt sich nicht.
Für den Unwissenden, der in weltliche Dinge involviert ist, ist ER weit entfernt. ER ist für Egoistische, Selbstsüchtige, Heißblütige und Leidenschaftliche weit entfernt. Für den, der hinterfragt, ist ER ganz nah. ER ist auch nah für jene, die reinen Herzens sind, einen reinen Geist besitzen, die zu Füßen eines Meisters lauschen, das Gesagte reflektieren und darüber meditieren, denn ER ist ihr innerstes Selbst. ER ist subtil, steht über dem Raum, erfüllt und überdeckt alles. ER ist innerlich und äußerlich/ innerhalb und außerhalb. Brahman ist die Stütze allen Seins, da ER innerlich von allem ist und alles durchdringt.
6. Derjenige, der alles Sein in Atman sieht und das Selbst in allem Sein erkennt, weicht vor nichts zurück.
Den Gedanken dieses Verses kann man auch in der Bhagavadgita nachlesen: „Das Selbst, dass durch Yoga harmonisiert wird, sieht das Selbst in allem Sein und alles Sein im Selbst; es erkennt überall dasselbe.“ „Derjenige, der ‚Mich’ überall sieht, und alles in ‚Mir’ erkennt, den verlasse ‚Ich’ nicht, derjenige wird immer auf ‚Mich’ bauen.“ Die Mantras 6 und 7 geben eine Beschreibung vom Zustand eines Jnani, der in völliger Selbst-Verwirklichung lebt. Manchmal heißt es auch: ‚Derjenige, der das absolute Selbst als all-durchdringend sieht, der alles im absoluten Selbst erkennt, will sich nicht schützen, denn er fürchtet nichts. In seiner Furchtlosigkeit kennt er keine Ängste.’
Der Heilige, der seinen Atman verwirklicht hat, erkennt, dass alle Objekte und alles Sein nicht weit entfern sind, und dass sein Atman der Atman von allem ist. Atman ist das Bewusstsein allen Seins. Atman ist in einer reichen wie einer armen Kreatur, im Menschen wie im Tier und in Pflanzen gleichermaßen. Wie kann sich eine große Seele, die im eigenen Atman ruht, über ein derartiges kosmisches Bewusstsein verfügt, mit Abscheu von irgendeinem Sein oder Objekt abwenden? Wie kann eine so große Seele irgendetwas ablehnen, jemand hassen? – das ist einfach unmöglich!
7. Wenn für den Wissenden alles Sein eins mit dem eigenen Atman wird, wie sollte er sich getäuscht fühlen oder Kummer empfinden, wenn er alles in Einem sieht?
Dieses Mantra ist eine Fortsetzung vom Vers 6. Die Zustimmung, dass das eine Selbst in allem Sein vorhanden ist, führt nicht zwangsläufig zur Selbst-Verwirklichung oder direkter Wahrnehmung. Im Vers 6 heißt es, ein Kenner Brahmans ist furchtlos. Im Vers 7 heißt es, der Kenner überwindet Kummer und Sorgen, d.h. die drei Knoten des Karmas (Unwissenheit, Wünschen, Handlung) und ist in der Glückseligkeit Atmans verwurzelt. Ein weltlich orientierter Mensch hingegen ist aufgrund dieser drei Knoten in Kummer und Sorgen verstrickt. Darum müssen diese drei Knoten überwunden werden, um eins mit Atman zu werden.
8. Atman ist all-durchdringend, selbst-leuchtend, ohne physischen Körper oder Kausalkörper, rein, frei von Sünde, all-wissend, weise, erhaben, ohne Anfang und Ende, Auslöser der Natur. ER teilt den unterschiedlichen Schöpfungen ihre besonderen Funktionen zu.
Atman ist das Beste von allem, Herr des Geistes, benötigt keine Stütze. ER ist ein Seher mit unmittelbarer Wahrnehmung und Erkennung, allerdings sächlich neutral.
9. Diejenigen, die die Unwissenheit (Avidya) verehren, fallen in blinde Dunkelheit; und jene, die nur das Wissen (Vidya) verehren fallen in noch tiefere Dunkelheit.
Mit Avidya sind die Karmas oder Riten, wie z.B. die Feuerzeremonie, gemeint, die aufgrund ihrer Früchte zelebriert werden. Das Verfolgen von Karmas führt in tiefe Dunkelheit. Wenn die Menschen die Früchte der Karmas aufgebraucht haben, fallen sie in tiefe Dunkelheit. Unter Vidya wird die Kenntnis der Gottheiten verstanden. Wenn die Menschen die Früchte aus Vidya verbraucht haben, kehren sie zu Samsara (Wiederkehr von Geburt und Tod) zurück. Jene, die die Karmas abgeschüttelt haben und ausschließlich nach dem Wissen der Gottheiten allein streben, fallen in noch tiefere Dunkelheit. Karma und Vidya bringen unterschiedliche Früchte hervor, wenn beides getrennt voneinander verfolgt wird. Eine Kombination von Karma und Vidya wird mit diesem Vers empfohlen. In der Kurma Purana heißt es: ‚Zweifellos gehen die Verehrer der Gottheiten, anders als die Verehrer Vishnus, in tiefe Dunkelheit; doch in noch tiefere Dunkelheit fallen jene, die jene nicht korrigieren, die falschen Gottheiten nachjagen. Darum sind jene Menschen gut, die Lord Narayana in Seiner wahren Form kennen und falsche Gottesverehrungen verdammen. Diejenigen, die das Falsche verdammen, dessen Natur Kummer und Unwissenheit ist, überwinden diesen Kummer und ihre Unwissenheit, erkennen die wahre Natur und erlangen Freude und Wissen’.
10. Die Weisen haben auf zwei Dinge Wert gelegt: eine Sache betrifft Vidya (das Wissen über die Gottheiten) und eine andere Avidya (Unwissenheit, Ausüben ritueller Karmas).
Durch Vidya wird die Welt der Gottheiten erreicht, durch Avidya das Weltliche, die Welt der Ahnen, der verstorbenen Seelen usw. So wurde es von den Gurus/ Lehrern an die Schüler weitergegeben.
11. Derjenige, der Vidya und Avidya kennt, überwindet Vergängliches, bedingt durch Avidya, und erlangt Unsterblichkeit durch Vidya.
12. Diejenigen, die die ungeborenen Prakriti verehren, fallen in tiefe Finsternis. Diejenigen, die sich allein Karya Brahman zuwenden, fallen in noch tiefere Finsternis.
Wer sich der unerschaffenen Natur zuwendet und sie verehrt, d.h. der Natur ohne Ursache (Avyakta oder Avyakrita), wo sich die drei Gunas im Zustand von Gleichmut, Materie und Energie unoffenbart, und wo Klänge in unterschiedlicher, undefinierter Art existieren, fällt in tiefe Dunkelheit. Diese Welt enthält die Saat aller Wünsche und Karmas. Die Ursache von allem. Hiranyagarbha ist ein Erzeugnis dieses Karya Brahman, dieser nicht-offenbarten Natur.
13. Es heißt, eines wird durch das Verehren von Hiranyagarbha und etwas anderes durch das Verehren der ungeborenen Prakriti erreicht.
Derjenige, der Hiranyagarbha (Karya Brahman) verehrt, erreicht Anima, d.h. den Zustand eines Atoms und andere Siddhis. Derjenige, der die ungeborene Prakriti verehrt, wird in ihr absorbiert, löst sich in ihr auf.
14. Derjenige, der die ungeborenen Prakriti und Hiranyagarbha gleichermaßen verehrt, überwindet den Tod und erlangt Unsterblichkeit.
Durch das Verehren von Hiranyagarbha (der Selbstaufgabe), Zerstörung) erlangt man Siddhis. Unsterblichkeit bedeutet hier das Absorbieren in Prakriti. In diesem Vers wird Wert auf die Kombination der Verehrung der ungeborenen Prakriti und Hiranyagarbha gelegt, das Eine geht nicht ohne das Andere!
15. Die Wahrheit wird wie durch ein goldenes ‚Gefäß’ verdeckt. Oh Sonne, entferne den güldenen Schleier, der das Gesetz der Wahrheit verdeckt, damit ich sie erkennen kann.
Brahman ist im Licht der Sonne verborgen. ‚Oh Sonne, beseitige den Schleier, damit ich durch meine Verehrung, Meditation auf die Wahrheit, Brahman erkennen kann’.
16. Sonne, Reisende am Himmel, Kontroller Yamas, Surya, Sohn Prajapatis, zerstreue deine Strahlen und sammle die Strahlen deines brennenden Lichts ein. Ich erkenne deine wundervolle Form. Ich bin ER, Purusha (das Sein) in dir.
Die Sonne ernährt die Welt. ER, (das Sein) durchdringt alles und der Körper beherbergt Seine Stadt, die Stadt Brahmans.
17. Prana verschmilzt mit der all-durchdringenden Luft, das ewige Sutratman (den innewohnenden Gott), und lässt den Körper durch Feuer zu Asche werden. - OM! Oh Geist, erinnere dich meiner Taten! - OM! Oh Geist, erinnere dich meiner Taten!
Ein Sterbender, der ein tugendhaftes Leben geführt hat, Gutes vollbracht, der sich seiner Handlungen erinnert, den erwartet Glückseligkeit in der nächsten Welt. ‚Lass mein Prana diesen Körper verlassen und den innewohnenden Gott erreichen’.
18. Oh Feuer (Agni)! Führe uns auf dem richtigen Pfad zur Glückseligkeit, denn Du kennst alle Wege, kennst Gott. Entferne das Sündige in uns.
Ein Sterbender bittet Agni um den nördlichen Weg, den guten Pfad, den Weg ohne Rückkehr. Das ist der Pfad des Lichts, spiritueller Glückseligkeit, des Wissens, der Befreiung.
OM - Purnamadah Purnamidam Purnat purnamudachyate,
Purnasya Purnamadaya Purnamevavashisyate;OM Shantih, Shantih, Shantih
OM TAT SAT