40. Die Schöpfung der Welt
(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen)
Besucher: Swamiji, ich wundere mich manchmal, wie dies alles in das Sein gekommen ist - ich meine die ganzen menschlichen Bedingungen.
Swamiji: Die menschlichen Bedingungen sind nicht gekommen, sondern die Welt ist gekommen.
Besucher: Ja. Ich wundere mich, wie dies alles in die Existenz gekommen ist, und es scheint dafür keine Antwort zu geben.
Swamiji: Einige sagen, daß es durch die Gedanken Gottes in die Existenz gekommen ist. Andere wiederum sagen, daß es niemals in die Existenz gekommen ist, daß alles ist, wie es war, und daß niemand etwas erschaffen hat. Es ist da, denn die Existenz wurde von niemandem erschaffen. Wer wollte Existenz erschaffen? Um Existenz zu erschaffen, müßte jemand vor dieser Existenz existieren, und da Existenz ein allgemeines Prinzip ist, kann sie niemand erschaffen. Existenz ist ein Wort, das keiner weiteren Erklärung bedarf. ES ist gewesen und ist weiterhin. ES ist, was ES ist und niemand kann es erschaffen. Dies ist die eine Sichtweise, die man eine Art wissenschaftliche Sichtweise nennen kann - auf irgendeine Art ist es die Sichtweise moderner Wissenschaftler.
Aber die religiöse Sichtweise ist die, daß das Absolute Glückselige Sein, daß es der Wille Gottes so wollte, daß „Himmel und Erde so sei“, woraus sich dann sofort der Raum von selbst offenbarte. Aufgrund von Vibrationen entstand innerhalb des Raumes die Luft. Durch Reibung entstand Hitze und Feuer, und durch Verdampfung Wasser. Es erschien Festigkeit, die zu Erde wurde. Hier ist, entsprechend der Heiligen Schriften, der Anfang der Schöpfung.
Da Gott diese Schöpfung wollte, ist Sein Bewußtsein in jedem kleinen Teil dieser Schöpfung, in der die fünf Elemente namens Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde, die Du vor Dir siehst, enthalten sind, vorhanden. Daraus geht schließlich eine winzig kleine Gruppe von Individualitäten hervor, die den Anfang des Evolutionsprozesses darstellen. Am Anfang war es leblose Materie, wie ich sie in Form dieser fünf Elemente bereits beschrieben habe. Dann begann das Leben in Form von Pilzen, Amphibien, Fischen usw. Nun kennst Du fast die ganze Geschichte der Evolution; es gab dann kleine Kreaturen, Insekten, Tiere - doch die Tiere kamen später. Am Anfang gab es nur große Pilzkolonien und alles das. Sogar in den Schriften kann man lesen, daß Gott den Menschen nicht zuerst erschaffen hatte, sondern ER erschuf nur dieses Pflanzenreich, - die Bäume usw., denn Bäume sind die erste Schöpfung. Über dem Pflanzenreich befindet sich das Tierreich und darüber steht das Reich der Menschen. Auf diese Weise sind wir im Schöpfungsakt durch den weiter fortschreitenden Evolutionsprozeß auf dem Plan erschienen.
Auch unter den Menschen sind nicht alle von gleicher Art und Rasse. Man sagt, daß es über acht Millionen unterschiedlicher lebender Spezies in diesem Universum gibt. Man weiß nicht, wer sie alle sind und wo sie sich alle aufhalten usw. Man kann sie nicht zählen; der Mensch ist eine Spezies davon. Aber selbst unter den Menschen sind nicht alle von der gleichen Art und Rasse, wie Du weißt. Einige Menschen verhalten sich wie Tiere, einige sind Kannibalen, andere sind außerordentlich selbstsüchtig und wieder andere verhalten sich nach dem Motto „wie Du mir - so ich Dir“. Einige sind Ihrer Natur gemäß sehr gute Menschen, die nur Gutes tun. Einige Menschen sind Heilige; einige sind Genies und wieder andere sind Gottgleiche Menschen. So kann man selbst unter den Menschen viele Unterschiede finden! Dies habe ich nur erzählt, um Deine Frage zu beantworten, wie die Dinge in die Existenz kamen.
Besucher: Vielen Dank.
Besucher: Was für Stufen gibt es auf dem Wege vom guten Menschen zu Gottgleichen Menschen?
Swamiji: Ein guter Mensch ist der, der andere Menschen als ebenso wichtig betrachtet, wie sich selbst. Verstehst Du diesen Punkt? Wenn ich Dich als Menschen ebenso wichtig wie mich selbst betrachte, behandele ich Dich auf die gleiche Weise, wie mich selbst. Dies ist die Charakteristik von Güte. Verstehst Du mich? Wenn man andere genauso wie sich selbst behandelt, wird dies als Güte betrachtet. Zum Heiligsein bedarf es jedoch einer weiteren Stufe hin zum Gottesbewußtsein, denn es ist jenseits von Güte. Der Heilige ist auch ein guter Mensch, denn er bewegt sich in Richtung Gottesbewußtsein. So gibt es ein stufenweises Aufsteigen vom Niedrigeren hin zum Höheren; - das Höhere beinhaltet das Niedrigere und transzendiert das Niedrigere. Über allem steht der Gottgleiche Mensch. Er lebt wie Gott Selbst. Es gibt praktisch keinen Unterschied zwischen seinem Bewußtsein und dem Gottesbewußtsein.
41. Karma
(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen)
Carol: Kann ein Gedanke Karma erzeugen?
Swamiji: Jeder Gedanke, der mit einem Objekt, hinter dem sich ein Motiv oder eine Absicht befindet und somit mit etwas anderem als mit dem eigenen Selbst verbunden ist, wird Reaktionen hervorrufen. Ich schaue zum Beispiel auf eine Wand und denke an die Wand. Dies wird keine Reaktionen herrufen, denn ich schaue nicht mit irgendeiner Motivation oder Absicht darauf; sie ist einfach nur sichtbar vor mir.
Es gibt zwei Sichtweisen der Dinge. Die eine Sichtweise ist die allgemeine Wahrnehmung der Dinge, - man sieht beispielsweise beim Spazierengehen Bäume oder Gebäude, zu denen man keine Beziehungen hat. Anders verhält es sich mit den Gedanken, die durch Absichten oder Motive mit den Objekten in Form von Zu- oder Abneigungen verbunden sind, um etwas durch sie zu bekommen oder zu vermeiden. Solche Gedanken erzeugen Reaktionen. Diese Reaktionen werden Karma genannt. Das heißt nicht, daß jeder Gedanke Karma erzeugt. Allgemeine Gedanken erzeugen kein Karma, nur gefühlsbetonte Wahrnehmungen erzeugen Karma.
Wenn man etwas mit einem bestimmten Gefühl anschaut, wird es Reaktionen hervorrufen, doch bezüglich der Wand habe ich keine Gefühle. Ich betrachte sie ohne irgendwelche Gefühle, denn es ist eine unpersönliche Betrachtung. Wir sitzen nun alle hier und ich sehe so viele Leute, dennoch habe ich ihnen gegenüber keine Gefühle. Ich sehe Dich, wie ich alles andere auch sehe, doch wenn ich Dich mit einem besonderen Zweck, einer bestimmten Absicht oder einem Motiv, mit einer Zu- oder Abneigung, betrachte, erzeuge ich Reaktionen.
Carol: Dann wird dort eine Lücke entstehen, - es wird eine Lücke erschaffen.
Swamiji: Es wird eine Bindung geschaffen. Diese Art des Karmas ruft eine Wiedergeburt hervor.
Carol: Eine Bindung.
Swamiji: Diese Art des Karmas ruft eine Wiedergeburt hervor.
Carol: Ich verstehe.
Swamiji: Nicht jedes Karma erzeugt Bindung, sondern nur die Gedanken, die mit positiven oder negativen Wünschen jeglicher Art behaftet sind, erzeugen eine psychologische Verpuppung um sich selbst, und diese Verpuppung wiederum materialisiert sich selbst als fester Körper in einer Wiedergeburt. Darum ist der Körper nichts anderes als eine konzentrierte Form von Gedanken, die aus vielen verschiedenen Geburten stammen. Doch, wo keine Wunschgedanken für oder gegen etwas vorhanden sind, wenn man nur in unpersönlicher Art und Weise denkt, und sich weder etwas wünscht noch etwas nicht wünscht, dann werden diese Gedanken, die ihrer Natur gemäß unpersönlich sind, weder Reaktionen noch Karma hervorrufen.
Carol: Ist die psychologische Verpuppung, über die Du gesprochen hast, ein anderes Wort für Voreingenommenheit? Wickelt man mit seinen eigenen Gedanken das Objekt sozusagen ein?
Swamiji: Das gilt für jeden Gedanken mit einem entsprechenden Gefühl dahinter.
Carol: Ich danke Dir.
Amir: Ist es nicht möglich, einen gefühlsbeladenen Gedanken zu entwickeln und diese Bindung sogleich zu erkennen und aufzulösen, bevor eine Reaktion daraus entsteht?
Swamiji: Wenn Du das kannst, schön und gut. Angenommen, Du schaust etwas mit einem positiven oder negativen Gefühl an und fühlst Dich dadurch gestört und erkennst, daß es eine Beunruhigung hervorruft, die Du sofort vermeiden kannst, dann bist Du frei von Reaktionen.
Mehrere Leute: Richtig.
Swamiji: Doch, normalerweise sind die Gefühle so stark, daß sie von der Person Besitz ergreifen. Das geschieht zwar nicht immer, aber manchmal, was man z.B. unter „Liebe auf den ersten Blick“ oder „Haß auf den ersten Blick“ versteht. Man kann sich davon nicht selbst befreien, da etwas geschehen ist, auf das man sich stürzt, um es entweder zu lieben oder zu hassen. Zu dieser Zeit kann man sich nicht auf die Diskretion des Verstandes verlassen, der sagt: „Ich bin darin gefangen und muß mich selbst davon lösen.“ Zu dieser Zeit funktioniert der Intellekt sehr selten. Wenn die Leidenschaft sehr groß ist, setzt der Intellekt aus. Wenn der Intellekt stark genug und der Wunsch nur schwach ist, dann trifft das zu, was Du sagtest, und Du kannst diese Methode anwenden.
Amir: Buddha sagte, daß dies der Grund ist, warum man immer achtsam sein muß.
Swamiji: Achtsamkeit und permanente Beobachtung der Gedanken im Sinne von: „Was geschieht?“ Man muß jeden Tag aufmerksam beobachten, was im Geist geschieht, - man nennt dies ein spirituelles Tagebuch, - eine Kontrolle der Persönlichkeit. Woran denkst Du von morgens bis abends? Verweile einen Augenblick und denke: „Woran habe ich von heute morgen bis jetzt gedacht? Waren es nützliche oder nutzlose Dinge?“
Manchmal handelt es sich um bedeutungslose Gedanken, die weder zu guten noch zu schlechten Ergebnissen führen. Dieser Zustand ist vergleichbar mit Verträumtheit, Lethargie oder Halbschlaf; man denkt dabei an nichts und bleibt neutral. Doch dies ist verschwendete Zeit, denn man hat durch diese Art des Denkens nichts erreicht. Neutralität ist nicht gut, genauso wenig wie Liebe und Haß. Man nennt diese drei Qualitäten der Natur Sattva, Rajas und Tamas. Wenn man von diesen drei Denkaspekten befreit ist, sollte man weder neutral in einem unbewußten Zustand sein,- nicht wissend, was man gerade denkt; noch sollte man lieben oder hassen. Dies wird der unpersönliche Weg des Bewußtseins genannt. Man muß das Bewußtsein bewahren, doch Vorsicht, man sollte nicht schläfrig sein. Wessen bist Du Dir bewußt? Es ist jedermanns Pflicht, die eigenen Gedanken direkt zu beobachten, um zu sehen, wie weit die Dinge mit den Universalen Gegebenheiten harmonieren.
Man ist nicht Bürger von Amerika, sondern des Universums. Diese Idee, nur Bürger eines bestimmten Landes zu sein, muß verschwinden, denn man gehört zum gesamten Kosmos. Sage nicht: „ Ich bin Amerikaner, ich bin Inder, ich bin ein Mann, ich bin eine Frau, ich bin dies oder das.“ Alle diese Ideen müssen Schritt für Schritt verschwinden, sonst ist man an diese Gedanken gebunden. Man gehört nicht nur theoretisch, sondern tatsächlich zum ganzen Universum und befindet sich hier und jetzt im Universum. Warum sollte man sagen:“ Ich bin auf der Erde, in diesem Raum, in der Stadt usw..“ Dies sind armselige, dumme Gedanken. Spirituelle Sucher sollten ein wenig darüber stehen.
Durch die Gesetze der Regierung wird das Zusammenleben geordnet. In ähnlicher Weise wird auch das Leben insgesamt durch die Gesetze des Universums geregelt, doch wieso ist diese Handlungsweise nicht jedermann bekannt? Wie man bereits von Alters her sagt, ist die Unkenntnis der Gesetze keine Entschuldigung für deren Mißachtung und dies ist auch auf das Universum anzuwenden. Man kann nicht einfach die Wirksamkeit der Universellen Gesetze in bezug auf sich selbst vergessen und dann auch noch ungestraft davonkommen. Das ist nicht möglich.
Man muß die Gesetze des Umfeldes, in dem man lebt, kennen. Man kann nicht sagen: „Ich kenne das Gesetz nicht.“ Wenn man die Gesetze nicht kennt, kann man dort nicht leben, und wenn man die Gesetze des Universums nicht kennt, kann man auch nicht im Universum existieren. Das ist die Ursache von Leid und Wiedergeburt. Es ist nutzlos, seine Unwissenheit zu verteidigen. Man muß achtsam sein.
Einer unserer Swamis ging in die USA. Er kannte das Gesetz für das Parken von Automobilen nicht. Er stellt es am falschen Ort ab, und ein Polizist kam. Der Swami sagte: „Wir wissen davon nichts, denn wir sind von weit her gekommen.“
Der Polizist sagte: „Das können Sie dem Richter erzählen, aber nicht mir.“
Genau so wird das Universum zu Dir sprechen. Wenn Du sagst, „Ich habe es nicht gewußt,“ wird ES sagen,“ Geh und erzähle das dem Richter.“ [Gelächter]
Jedenfalls ist das Gesetz des Universums strenger als das Gesetz der Menschen. Man mag durch das Gesetz der Menschen verschont bleiben, doch bei dem Gesetz des Universums gibt es keine Entschuldigung. Es trifft genau den Kern und man kann dem nicht entfliehen.
Amir: Unsere Lehrer unterrichten uns dahingehend, daß wir immer erkennen sollen. Wir sollen immer erkennen...
Swamiji: Richtig. Richtig.
Amir: Und wir erheben Anspruch auf Unwissenheit, um uns aus der Verantwortung zu stehlen.
Swamiji: Genau in diesem Augenblick bist Du mit dem Zentrum des Kosmos verbunden. Dies zu wissen gibt viel Kraft und ebenso viel Furcht. Beides geschieht zugleich, denn das Universum wird keine Art von Selbstsüchtigkeit zulassen. Hierin liegt der wesentliche Punkt.
42. Fragen der Suchenden
Satoko aus Japan: Wie kann ich auf OM meditieren?
Swamiji: OM ist kein Wort, sondern eine Schwingung. Es ist der Name für die Universale Schwingung. Der ganze Kosmos schwingt auf die gleiche Weise, und diese Schwingung ist der Beginn der Schöpfung. Versuche Dich darauf zu konzentrieren. Man kann die Universale Schwingung wie eine elektrische Energie, die von der Spitze des Universums bis in das Herz hinein fließt, überall wahrnehmen, denn ES vibriert überall. Wenn man tief in sich hinein fühlt, kann man die Schwingung des Universums wahrnehmen.
Du bist nicht die vor mir sitzende Person, sondern nur ein kleiner Tropfen im Ozean der Universellen Kräfte; da man dies gedanklich nicht richtig erfassen kann, erschafft man sich im Verstand ein Symbol. Wenn man OM, OM, OM singt, muß man eine Erregung und Schwingung innerhalb jeder Zelle des Körpers verspüren. Alle Pranas erzeugen so etwas wie ein Schütteln, so als würde ein elektrischer Schock ausgelöst, und man fühlt sich sozusagen mit der Universellen Energie verbunden. Um dieses Gefühl hervorzurufen, wiederholt man OM auf diese Weise. Man sollte es richtig singen, nicht zu schnell, mit einem direkten und tiefen Gefühl aus der Mitte des Herzens heraus.
Man beginnt mit tiefer wohlklingender Stimme, wird langsam immer leiser und hört schließlich so auf, wie das Kräuseln auf der Wasseroberfläche. Wenn man einen Stein in das Wasser wirft, verursacht dieser an der Wasseroberfläche Kreise, die immer weiter und weiter werden. Genau so beginnt man hier mit der Schwingung. Dann fühlt man, wie ES sich kreisförmig immer weiter ausdehnt, bis ES den Höhepunkt des Universums erreicht.
Eva: Nach meinen eigenen Erfahrungen verwirklichte ich bei der Erleuchtung durch den Verstand im Zusammentreffen mit meinem Guru etwas anderes als den Verstand, etwas, von dem mein Leben und alles Existierende abstammt.
Swamiji: Wenn Du vom „Ich“ und „Mein“ sprichst, dann ist es der Verstand, auf den Du Dich dabei beziehst. Wenn Du vom „Ich“ und „Mein“ sprichst, hast Du bereits akzeptiert, daß es einen Verstand und alles andere gibt. Es ist nicht das Universale Bewußtsein, das hier spricht, denn ES wird nicht vom „Ich“ und „Mein“ usw. sprechen. Du hast bereits gefolgert, daß Du ES durch Deinen Verstand erreicht hast, denn Du erinnerst Dich an ES, und doch hast Du immer noch einen Verstand, der noch nicht verschwunden ist.
Es gibt eigentlich keine Probleme mit dem Verstand. Es ist nichts Schlechtes an ihm, obgleich die Leute immerzu sagen, daß der Verstand kontrolliert und transzendiert werden muß usw., doch die tatsächliche Beschaffenheit der Dinge wird von den Leuten kaum verstanden.
Der Verstand ist weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes. Ich sagte bereits, daß er wie ein Spiegel ist, der die Sonne reflektiert, und man kann durch den Spiegel einige Vorstellungen über die Sonne entwickeln, obgleich sich die Sonne nicht im Spiegel befindet. Das Spiegelbild ist nicht die Sonne, und doch kann man dadurch einige Vorstellungen über die Sonne entwickeln. Wenn man sich selbst als Spiegelung empfindet, kann man auf das Original kontemplieren und darüber das Original erreichen.
Wie die Spiegelung das Original erreichen kann, so kann der Verstand auf die gleiche Weise das Absolute erreichen. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Der Verstand ist nichts Schlechtes, sondern ein Medium für den schrittweisen Aufstieg. Man sollte ihn nur nicht zu persönlichen Zwecken mißbrauchen. Es ist wie mit dem Geld. Ist Geld gut oder schlecht? Man kann nichts darüber sagen, denn es ist unpersönlich, und es hängt von Dir ab, wie Du es einsetzt.
Besucher: Ich würde mich wundern, wenn es irgendwelche Unterschiede im Erreichen des Absoluten zwischen Männer und Frauen gäbe.
Swamiji: Nein. Es gibt keine Unterschiede, denn das, was das Absolute erreicht, ist weder Mann noch Frau. Das, was das Absolute erreicht, ist die erleuchtete Seele, und die Seele ist weder Mann noch Frau vielmehr ist sie wie eine leuchtende Flamme; darum gibt es keinen Unterschied. Gott ist weder Mann noch Frau, sondern ER ist vollkommenes Licht, und nur das Licht in Dir wird zum Universalen Licht gehen. Dieses Licht ist weder männlich noch weiblich.
Besucher: Vielen Dank.
Vilaidan: Im Hinduismus sagt man, daß man das Ego zerstören muß. Doch, wie kann man ohne Ego Initiative entwickeln?
Swamiji: Die Initiative sollte sich aus dem Universalen Sein, in dem alle Egos enthalten sind, erheben. Auf diese Weise steht hinter der Initiative eine größere Macht als dies bei der individueller egoistischen Motivation der Fall ist. Man muß wissen, daß Gott mehr Dinge als der Mensch bewirken kann. Gott ist kein Ego, sondern Universale Existenz. Dies besagt, daß, je kleiner das Ego ist, desto größer ist das Eindringen der Universalität in den Menschen und desto größer ist auch die Kapazität für Erneuerung, Motivation oder Initiative. Je größer das Ego oder die Selbstbestätigung ist, desto geringer ist die Macht eines Menschen. Ein egoistischer Mensch ist ein schwacher Mensch, denn je kleiner das Ego, desto größer ist die Kraft aufgrund des Hineinfließens der Universalität in den Menschen. Ego ist keine Tugend, sondern im wirklichen Sinne ein Hindernis für jede Art von richtiger Initiative.
Luciano: Wenn sich also jemand entscheidet, den spirituellen Weg zu gehen, ist es dann das Ego, welches entscheidet, oder ist es die Gnade Gottes?
Swamiji: Der spirituelle Weg ist die Technik, bei der das Ego damit beschäftigt ist, sich selbst zu verkleinern, und die Universalität schrittweise immer mehr zuzulassen. Man kann nicht sagen, ob der spirituelle Pfad durch das Ego oder das Universale Sein betreten wird. Es ist eine duale Handlung, die gleichzeitig stattfindet. Wenn man gesünder wird, verschwindet die Krankheit. Was kommt nun zuerst, - geht zuerst die Krankheit oder kommt zuerst die Gesundheit? Diese Ereignisse finden im Menschen gleichzeitig statt. Die Nacht vergeht und der Tag kommt. Welches Ereignis kommt zuerst, - geht zuerst die Nacht oder kommt zuerst der Tag? Man kann nicht festlegen, was zuerst und was danach kommt, vielmehr ist es ein Ereignis, das gleichzeitig stattfindet. Genau so verhält es sich mit dem Universalen in Dir und dem Ego, das sich verkleinert. Es kommt weder etwas zuerst noch danach, sondern es ist eine gleichzeitige Aktion und eine vollkommene Entwicklung.
Luciano: In diesem Fall ist das Ego im Einklang mit dem Willen Gottes.
Swamiji: Sicherlich. Wenn es im Einklang mit dem Willen Gottes ist, hört es auf ein Ego zu sein. Gott Selbst handelt durch das sogenannte Individuelle.
Ein Amerikanischer Besucher: In den USA gibt es ein großes Interesse an spiritistischen Kanälen (Medien), - Menschen fallen in Trance oder schließen ihre Augen und sprechen Wörter, die andere als Weisheit bezeichnen. Sie sprechen alle möglichen Dinge, wobei sich die Stimme in eigenartiger Weise ändert.
Swamiji: Sie kommen mit Mächten in Verbindung, durch die sie sprechen. Es gibt nichts Falsches daran. Meistens handelt es sich bei diesen Kräften um entkörperte Seelen.
Besucher: Warum sollte sich eine Seele eines höheren Seins herablassen, um durch ein Medium zu sprechen?
Swamiji: Vielleicht steigst Du zu ihrer Ebene auf, anstelle, daß sie zu Deiner Ebene herunterkommen. Es bedeutet nicht unbedingt, daß sie auf Deine Ebene herunterkommen wollen. Du richtest Dein Bewußtsein auf einen höheren Zustand aus und kommst dann mit Ihnen in Kontakt.
Besucher: Ist es die höhere Seele, die spricht?
Swamiji: Ja, sie ist höher als Deine gegenwärtige Ebene. Wenn Dein Verstand rein genug ist, ist es möglich, nicht nur mit höheren Seelen in Verbindung zu treten, sondern mit Gott selbst. Gott kann, was Dein letztendliches Ziel ist, durch Dich sprechen. Warum willst Du mit gewöhnlichen Seelen in Verbindung treten? Es ist besser, mit dem Letztendlichen in Kontakt zu kommen.
Ein Amerikanischer Besucher: Gibt es irgendwelche Vorteile dadurch, daß wir unsere bisherigen Leben kennen?
Swamiji: Es gibt dadurch keinen Vorteil. Es ist unnötige Neugier. Du hattest viele tausend Geburten; möchtest Du alles über diese Tausenden von Geburten wissen? Es würde sich um eine Aufstellung aller unvergnüglichen Dinge handeln, die Dich innerhalb einer Sekunde unglücklich machen würden. Gott war freundlich genug, all jene Erinnerungen wegzuwischen und Dein Bewußtsein auf die gegenwärtige Geburt zu begrenzen.
Wenn man alle die Schrecken vergangener Existenzen kennen würde, könnte man in dieser Welt nicht einmal einige Sekunden lang leben. Vielleicht war man ein Räuber. Wie schrecklich, sich all dieser Dinge zu erinnern! Gott ist sehr barmherzig, uns diese Erinnerungen wegzunehmen und uns gesund zu erhalten. Ein jeder ist durch jede Art von Spezies in der Existenz hindurchgegangen. Ein jeder war kriechendes Reptil, Küchenschabe, Eidechse, ein guter und ein schlechter Mensch. Dies ist ein furchterregendes Drama, an das man sich nicht so gerne erinnern möchte.
Man erinnert sich nicht einmal der vielen Dinge, die man selbst in diesem Leben erfahren hat. Vielleicht hat man fünfzig Prozent vergessen, und würde sich auch ungern all dieser Dinge erinnern. Darum ist Erinnerung sowohl eine gute Sache, als auch in vielen Fällen eine schlechte.
Besucher: Ist Reinkarnation eine fortschreitende Entwicklung?
Swamiji: Sie wird normalerweise als fortschreitende Entwicklung betrachtet: Vom Mineral zur Pflanze, dann zum Tier, zum Menschen und zum Übermenschen. Und selbst darüber mußt Du noch hinauswachsen. Du führst derzeit ein begrenztes menschliches Dasein, doch es wird von Dir erwartet, eine fortgeschrittene Göttlichkeit und nicht nur ein gewöhnlicher Übermensch zu werden. Der Aufstieg vom Menschen zum göttlichen Menschen liegt vor Dir, und um ihn mußt Du Dich durch die Meditationspraxis, Yoga oder Religion bemühen. Du mußt ein Gottmensch werden - letztendlich vielleicht Gott Selbst.
Besucher: Einige glauben, daß wir uns nicht besonders bemühen müssen, vielmehr sollten wir nur mit dem Strom schwimmen, so, wie uns das Leben trägt.
Swamiji: Das ist eine mögliche Denkweise, doch sollte man den normalen Prozeß nicht durch irgendwelche selbstsüchtigen Handlungen behindern. Wenn man in seinem Verhalten, seinen Handlungen und Gedanken vollkommen selbstlos ist, wird der natürliche Prozeß Dich vorwärtsbringen, doch wenn man ihn durch irgendwelche Selbstsüchtigkeiten behindert, ist es schwierig, sich fortzubewegen.
Roger: Jeder intelligente Mensch kann sehen, daß das Leben in Indien durch das exzessive Bevölkerungswachstum erstickt wird. Indien ist ein sehr religiöses Land....
Swamiji: Wie Du siehst, spreche ich nicht über Indien.
Roger: Swamiji, bitte laß mich ausreden, und dann sag mir Deine Meinung. Warum predigen die Heiligen Männer Indiens nicht zu den Massen, daß sie ihre Familien begrenzen sollten, um damit wieder Glück in das Land zurückzubringen.
Swamiji: Die Heiligen tun nichts anders. Sie kümmern sich ausschließlich darum. Sie sagen es nicht so plump, wie Du es vorschlägst, dennoch tun sie es nach dem höchsten kulturellen Muster, und Du wirst überrascht sein, daß sie nichts anders tun als dies. Sie tun dies ausschließlich zum Wohlergehen der gesamten Menschheit.
Roger: Und hören die Menschen denn nicht zu?
Swamiji: Sie hören zu. Aber es ist wie bei einem Kranken, dem man erzählt, er möge nichts essen, und sobald man ihn verlassen hat, fängt er an zu essen. Es geschieht langsam. Die Menschen verstehen, doch die Instinkte sind sehr stark, und die sozialen, biologischen Instinkte stellen sich manchmal auf die Hinterbeine, obgleich guter Rat empfangen wurde.
Das bedeutet also nicht, daß die Heiligen nichts tun. Sie machen ihre Sache sehr gut, doch, um den ganzen Ozean zu süßen, bedarf es einer großen Menge Zucker. Wenn wir zehn Zentner Zucker in den Ozean schütten, haben wir etwas Gutes getan, doch er ist so salzig, daß es nicht ausreicht, um ihn wirklich süß werden zu lassen. Es ist also nicht so, daß die Heiligen nicht genug tun, doch das Werk geht langsam voran und schließlich muß man Gott vertrauen. Eines Tages wird es erfolgreich sein, weil es so sein muß. Wenn Gott groß ist, wird alles gut sein.
Ein Amerikanischer Besucher: Es gibt viele Probleme in dieser Welt, die niemals vorher da waren.
Swamiji: Es wird immer so sein. Es wird sich nicht ändern. Die Welt wird immer so sein, denn das ist ein Teil des Evolutionsprozesses. Wo etwas kommt, geht und sich irgendwo etwas anderes ereignet. Du siehst nur diese Erde hier, doch Du weißt nicht, was sich im gesamten Kosmos ereignet. Wenn Du Deinen Blick auf die ganze Schöpfung ausdehnst, wirst Du danach niemals mehr eine solche Frage stellen.
Man sagt, daß der Entwicklungsprozeß wie das Drehen eines Rades ist. Die Speiche, die oben ist, wird herunterkommen und diejenige, die unten ist, wird nach einiger Zeit hochkommen, - nichts bleibt an seinem Platz. Es ist ein Kreislauf, wo sich alles bewegt. Heute befindet sich die Welt in einer Bedingung und morgen in einer anderen. Nichts ist gleichbleibend, statisch oder nur in einer Position befindlich, denn alles bewegt sich auf das Ziel der Selbstverwirklichung des Universums zu. Das Universum zielt auf die Selbstverwirklichung hin, die die Selbstverwirklichung von allem und jedem im Universum beinhaltet. Ein vollkommenes Eintauchen des Universums im Absoluten ist der Zweck der Entwicklung.
Besucher: Viele westliche Menschen befürchten, daß wir aufgrund der Selbstsüchtigkeit der Menschen, die Zivilisation, ohne sie ausreichend entwickelt zu haben, zerstören werden. Wir werden uns selbst zerstören, anstatt besser zu werden.
Swamiji: Die Welt kann sich nicht selbst zerstören. Jede Minute zerstören sich Zellen im Körper, damit man besser wird. Die Zerstörung ist auch ein Prozeß, um neuer und frischer zu werden, sonst würde man immer ein Baby bleiben und niemals Erwachsen werden.
Man sagt, daß der ganze biologische Prozeß eines Menschen sich alle sieben Jahre ändert. Man wird alle sieben Jahre ein Neuer Mensch. Zellen werden zerstört, denn wäre es nicht so, bliebe man ein verkümmertes Individuum und nicht der Mensch, der man heute ist. Die biologische Entwicklung ist ein Indiz dafür, was im ganzen Kosmos vonstatten geht. Zellensterben und Zellenveränderung ist ein natürlicher anabolischer und katabolischer Prozeß in den Dingen, der zur gleichen Zeit stattfindet. Man kann nicht immer im selben Zustand bleiben, sonst gäbe es keine Bewegung, kein Wachstum und keine Verbesserung. Im Tod liegt die Bedeutung für ein besseres Leben; es ist ein Teil der Entwicklung.
Die Welt bewegt sich weiter und muß sich weiter bewegen, und obwohl es manchmal wie ein Rückschritt erscheint, ist es letztendlich ein Fortschritt.
43. Hindu-Götter und der eine Gott
(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen)
Amerikanischer Besucher: Welche Hindu-Götter gibt es?
Swamiji: Ich weiß nicht, ob Du die Namen dieser Indischen Götter kennst?. Sind sie Dir nicht vertraut? Hast Du von Vishnu gehört?
Besucher: Ja.
Swamiji: Die drei großen Gottheiten im Hinduismus sind Brahma, Vishnu und Shiva. Brahma ist der Schöpfungsaspekt, Vishnu der beschützende, erhaltende Aspekt und Shiva der verändernde, auflösende Aspekt. Brahma erschafft, Vishnu erhält und Shiva löst auf. Dies sind die drei Aspekte des Absoluten Seins.
Vishnu hat viele Verkörperungen. Rama und Krishna sind die berühmtesten seiner Verkörperungen, und sie werden als wahrhaftiger Narayana verehrt. Narayana ist auch ein anderer Name für Vishnu. Das Höchste Schöpfungsprinzip, der absolute schöpferische Wille wird Narayana oder Vishnu genannt.
Wir kennen also verschiedene Konzepte zur religiösen Verehrung Gottes. So haben wir zum Beispiel Badrinath in den Himalayas. Es ist im Sommer ein sehr berühmter Wallfahrtsort, denn er wird von Millionen von Menschen besucht. Die Verehrung beginnt im Mai und endet im Oktober. Der Ort befindet sich auf einer Bergspitze. Es gibt dort einen Tempel, der Vishnu (Narayana) geweiht ist; einen anderen Tempel gibt es in Kedarnath, ebenfalls auf einer Bergspitze gelegen, zu Ehren Shivas. Badrinath und Kedarnath sind die berühmtesten Reliquienschreine von Narayana (Vishnu) und Shiva in den Himalayas.
Besucher: Sind Buddha und Christus ebenfalls Verkörperungen Vishnus?
Swamiji: Buddha wird als eine Inkarnation Vishnus angesehen, doch man kann Christus oder sonst jemanden im weitesten philosophischen Sinne, ebenfalls als Inkarnation des Absoluten Seins betrachten, jedoch nicht in einer strengen Hinduistischen Religionsauslegung. Ein Hindu wird Christus nicht als Vishnu’s AVATARA (Göttliche Herabkunft) ansehen, obgleich man im weitesten Sinne jede große göttliche Offenbarung als Inkarnation des Absoluten betrachten kann; doch vom rein religiösen hinduistischen Standpunkt aus, werden Mohammed und Christus nicht als Inkarnationen anerkannt. In einem höheren transzendentalen Sinne jedoch ist jeder eine Inkarnation des Einen Seins.
Besucher: Es gibt eine Hindu-Göttin. Ich weiß nicht viel von ihr, doch sie hat acht Arme, nicht wahr?
Swamiji: Ich wollte Deinen Verstand nicht mit all diesen Dingen verwirren, darum habe ich mich auf Brahma, Vishnu und Shiva beschränkt.
Besucher: Ich weiß nicht viel davon, doch ich sehe all diese Postkarten, die so wundervoll sind.
Swamiji: Brahma, Vishnu und Shiva repräsentieren auf dem Hintergrund des Schöpfungs-, Erhaltungs- und Auflösungsprozesses das Universale Bewußtsein. Wenn das Bewußtsein sich selbst als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung offenbart, muß ES auch als eine Macht begriffen werden, da Offenbarungen nichts anderes als eine Demonstration von Macht und Stärke sind. Die Kräfte Brahma’s, Vishnu’s und Shiva’s werden Shaktis genannt, was Macht bedeutet. Die Shakti Brahma’s wird Sarasvati genannt, was Göttin der Gelehrsamkeit bedeutet; die Shakti Vishnu’s ist Lakshmi, die Göttin des Wohlstands; die Shakti Shiva’s ist Durga (sie verfügt auch noch über viele andere Namen), die manchmal mit der Macht des Einen Absoluten identifiziert wird.
Diese Shaktis, die ich erwähnte, werden auch unabhängig von ihrer Betrachtung als Teile Brahma’s, Vishnu’s und Shiva’s als Göttinnen verehrt. In den frühesten Formen der Religion wurden sie alle als EINE (Gottheit) angesehen. Später, als es sehr schwierig wurde, die Gottheit als Ganzes in der Verehrung zu betrachten und darüber zu meditieren, wurden diese Universalen Mächte personifiziert.
Tatsächlich kann man keinen Gott wie einen Menschen als Person betrachten, und dennoch können wir aufgrund der Gewohnheit unseres Verstandes nicht anders, als in Begriffen der Persönlichkeit zu denken, weshalb wir Brahma, Vishnu und Shiva oder Durga, Lakshmi und Sarasvati auf keine andere (als auf eine verkörperte) Weise betrachten, obwohl sie keinen Körper haben wie wir. Wir betrachten Brahma als einen alten Vater des Universums, und manchmal stellt man ihn sich mit Bart als einen Übervater vor. Vishnu gilt als eine große, majestätische, wundervolle Person, und Shiva als ein strenger, in sich gekehrter Asket. Sie sind mit ihren Gattinnen Durga, Lakshmi und Sarasvati zusammen, wobei, wie Du sagtest, Durga so viele Hände hat wie Lakshmi und Sarasvati, nämlich jeweils vier. Jede hat vier Hände, zu denen sich noch weitere dazu gesellen können.
Aber sie haben alle eine innere mystische Bedeutung. Sie zeigen eine äußere Symbolik mit einem inneren spirituellen Begriffsinhalt. Alle psychischen Mächte sind in einer einzigen Gedankenhandlung oder als Bewußtheit in diesen Göttern konzentriert. Auf unser menschliches Dasein bezogen, sind die psychischen Seiten getrennt, - Verstehen ist ein Aspekt, Fühlen ein anderer, Wollen ein dritter und Erinnern ein vierter Aspekt. In der westlichen Psychologie werden nur drei Aspekte berücksichtigt, nämlich Verstehen, Wollen und Fühlen; man betont drei Aspekte der Persönlichkeit, doch der vierte Aspekt ist das Unterbewußtsein oder mit anderen Worten, das „Übergewissen“, welches das Medium des Gedächtnisses darstellt. Alle diese Dinge in uns handeln unabhängig voneinander. Verstehen ist nicht dasselbe wie Fühlen oder Fühlen dasselbe wie Wollen usw., denn jedes ist unabhängig voneinander, was sich jedoch unserem Denken entzieht. Wenn wir alle diese Anlagen in einer einzigen Wahrnehmung miteinander verbinden könnten, wäre es Intuition, doch wir können es nicht. Wir bleiben in unserer Psyche immer getrennt. Wir verstehen etwas, fühlen etwas anderes und wollen noch etwas ganz anderes, wobei wir im Unterbewußtsein womöglich eine vierte, wiederum ganz andere Sache sind; doch die Götter repräsentieren eine vollkommene Vermischung der Mächte aller dieser vier Anlagen. Darum kann man sagen, daß die vier Hände in Wirklichkeit die vier Aspekte der Psyche symbolisieren, durch die ein einziges Bewußtsein - im Falle der Göttinnen - als Intuition, und in unserem Falle als gewöhnliche Erkenntnis handelt.
All diese religiösen Figuren sind Symbole eines höheren abstrakten Prinzips, das normale Menschen nicht verstehen können, und darum benutzen wir Figuren, Bilder, Idole, Vorstellungen, Skulpturen, Malereien und all diese Dinge; ansonsten können wir nicht an Gott denken, da der Verstand in seiner psychischen Funktionsweise und Gedankenmacht so weit heruntergekommen ist, daß wir alles so haben möchten, wie wir selbst es sind, - selbst Gott sollte sein wie wir. Darum glauben wir, daß Gott ein riesiger Mensch ist; das ist es, was wir glauben. Wenn man irgendeine Schrift liest, findet man Gott als riesigen Körper beschrieben, der den ganzen Raum ausfüllt, mit Augen und Nase, wie wir sie haben.
Doch wenn man sagt, daß Gott dieser Beschreibung nicht entspricht, was ist Gott denn sonst? Wenn man sich Gott in keiner Form denken kann, mag dies in der vollkommenen Ablehnung Gottes enden. Darum ist es besser, eine unzulängliche als überhaupt keine Vorstellung von Gott zu haben. Wir benötigen letztendlich etwas, um uns daran festzuhalten.
Dr. Goel: Letztlich müssen wir eine richtige Vorstellung haben.
Swamiji: Es ist für gewöhnliche Sterbliche nicht möglich, eine Vorstellung über die Wahrheit zu entwickeln. Die Leute haben nicht einmal eine richtige Vorstellung über sich selbst. Wie wollen sie da eine richtige Vorstellung über jemand anders entwickeln?
Dr. Goel: Darum müssen wir zuerst eine richtige Vorstellung von uns selbst haben.
Swamiji: Richtig. Wenn man sich selbst nicht richtig kennt, wie will man eine andere Sache richtig beurteilen? Zur Erkenntnis von etwas ist man selbst das Medium, und was auch immer man ist, wird in dem Prozeß der eigenen Wahrnehmung und dem Wissen über die Dinge widergespiegelt. Welche Vorstellung man auch immer von sich selbst hat, wird man auch von allen anderen Dingen haben. Das ist unser Problem.
In Wirklichkeit ist man kein physischer Körper. Man ist auch nicht der Sohn von Herrn Soundso, nicht 1,80m groß, mit einem bestimmten Gewicht, Fleisch und Knochen usw. Es ist schwierig zu erkennen, wer man wirklich genau ist. Man muß viel Zeit dazu aufwenden und tief in die Sache hineingehen, um zu erkennen, daß man sich vollkommen von dem unterscheidet, was man scheinbar zu sein glaubt, doch kann man dabei nicht so leicht vergessen, daß man Herr Soundso ist, aus einem bestimmten Land kommt, von dieser Größe und jenem Gewicht usw. ist. Man kann diese Punkte einfach nicht vergessen.
Man kann sich keine Sekunde lang vorstellen, das konzentrierte Gebilde eines Universalen Teilchen des Bewußtseins in Raum und Zeit zu sein. Könnte man immer diese Bewußtheit bewahren, wäre man nicht dieser Mensch, der man ist. Man würde jeden Tag anders sein, und das, was man sein wird, weiß Gott allein, doch, wer kann so denken? Es ist nicht möglich, denn der Verstand wird Dich herunterziehen und Dir sagen: „Steige nicht zu hoch“.
Man ist nur ein kleiner Strudel im Meer des Universalen Bewußtseins. Das ist es, was man wirklich ist, doch wer kann so denken? Für einen Augenblick mag es funktionieren, doch danach schlüpft man wieder in den alten Zustand zurück und ist einmal mehr derselbe Mensch wie zuvor.
Um das Bewußtsein auf die Ebene der Universalen Wahrnehmung zu erheben und sich mit der ganzen Schöpfung des Universums im Einklang und nicht als unabhängiger Herr Soundso zu fühlen, ist es erforderlich, intensiv zu meditieren. Ein jeder ist als organisches Teil mit dem ganzen Universalen Gebäude verflochten. Wenn man dieses Bewußtsein für immer bewahren kann, ist man auf Dauer in einem Zustand der Meditation.
Amerikanischer Besucher: Bitte, nenne ein paar Einzelheiten über die Götter.
Swamiji: Das Sitzen von Durga auf einem Löwen, von Sarasvati auf einem Schwan und von Lakshmi auf einem Lotus repräsentiert die drei Funktionen dieser drei Kräfte. Es ist schwierig, all diese Dinge in wenigen Minuten zu erklären. Der Löwe repräsentiert die Wildheit menschlicher Wünsche. Wenn man sich den Wünschen entgegenstellt, werden sie wild und sind nicht so einfach zu handhaben. Da wir nur einem geringen Teil unserer Wünsche gegenüberstehen, sieht es nicht so schlimm aus. Das Reiten Durga’s auf dem Rücken des Löwen symbolisiert die Unterwerfung der Wildheit der Wünsche durch die göttliche Macht.
Lakshmi, auf dem Lotus sitzend, bedeutet Schönheit, Wohlstand, Pracht, ästhetische Freude und allerlei Vergnügen.
Besucher: Befindet sich im Hintergrund von Lakshmi normalerweise Wasser?
Swamiji: Ja, Wasser, - jedoch nicht unbedingt. Sarasvati verkörpert auf einem Schwan sitzend Intelligenz und Reinheit. Sarasvati ist vollkommen in Weiß gekleidet, Lakshmi ist in ein prachtvolles Tuch gehüllt, Durga erscheint noch malerischer und man kann sie mit vielen Händen in unterschiedlichen Posen sehen. Die Erstgenannte repräsentiert die Reinheit des Wissens und die Transparenz des Verstehens, das durch die weiße Farbe symbolisiert wird. Die andere repräsentiert den augenfälligen Wohlstand in dieser Welt, was eine Spur menschlicher Wünsche beinhaltet. (Wenn wir keine Wünsche haben, können wir nicht verstehen, was Wohlstand ist.) Durga ist die Macht, die die Grausamkeit der menschlichen Leidenschaften kontrolliert. Dies sind in Kürze ihre Aspekte.
Besucher: Vielen Dank.
Andrea: Swamiji, Du hast die vier Arme der Gottheit erwähnt und sagtest, daß dort ein Wille war...
Swamiji: Verstehen, Wille, Gefühl.
Andrea: Und Du sagtest Erinnerung, außerdem sagtest Du.....
Swamiji: Übergewissen.
Andrea: Ist dies dasselbe wie das Unterbewußtsein?
Swamiji: Es ist dieselbe Sache.
Andrea: Hat es nichts mit Gewissen zu tun?
Swamiji: Das Gewissen ist auch im Unterbewußtsein enthalten. Es ist eine Funktion des Unterbewußtseins.
Andrea: Ich verstehe.
Swamiji: Gedächtnis ist auch ein Teil des Unterbewußtseins. Es hat viele Funktionen, wobei man das Gedächtnis als die eine und das Gewissen als eine andere Funktion, sozusagen als die Stimme Gottes bezeichnen kann. Irgend etwas sagt Dir, daß etwas richtig ist; das ist die Arbeit des Gewissens und auch die Arbeit des Unterbewußtseins.
Dr. Goel: Was ist der Unterschied zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein?
Swamiji: Jetzt arbeitest Du auf der bewußten Ebene. Im Traum befindest Du Dich auf der unterbewußten Ebene. Die Ebene des Bewußten wird in das Unterbewußtsein zurückgezogen, welches die Traumebene ist. Während des Schlafes befindest Du Dich im Unbewußten.
Dr. Goel: Und im Tiefschlaf?
Swamiji: Im Unbewußten.
Eva: Swamiji, bezüglich desselben Themas habe ich eine andere Frage. Du hast am gleichen Tag erwähnt, daß alle vier Fähigkeiten in einem selbst vereint sind.
Swamiji: Wenn alle Fähigkeiten einträchtig zusammenarbeiten, werden sie zur Intuition.
Eva: Ist die Intuition darum größer als das Gewissen?
Swamiji: Sie ist größer als alle vier Fähigkeiten zusammen. Sie ist ein vollkommenes Abbild aller vier.
Andrea: Ich dachte über die Leute nach, die ihren Körper wirklich verlassen wollen, weil es dort für sie keinen Bezugspunkt gibt. Ich weiß und verstehe, warum die Leute ihren Körper verlassen möchten, wenn sie einmal erkannt haben....
Swamiji: In Wirklichkeit ist es nicht der Wunsch, den Körper, sondern das individuelle Bewußtsein zu verlassen, - Körper oder nicht Körper, - das ist eine andere Sache. Wenn man einen Körper hat, sich aber dessen nicht bewußt ist, bereitet er auch keine Sorgen. Der Körper ist nicht die Quelle der Sorgen, sondern das Bewußtsein, daß es einen Körper gibt. Ein reicher Mann ist ein Mann, der sich seiner Reichtümer bewußt ist. Angenommen, er ist sehr reich, aber er ist sich dessen nicht bewußt, dann kann man ihn auch nicht als reich bezeichnen. Was sagst Du dazu?
Besucher: Das ist richtig.
Swamiji: Darum bedeutet Bewußtsein Reichtum. Dies hört sich sehr interessant an! [Gelächter]
Dr. Goel: Alles ist Bewußtsein.
Swamiji: Ja. Angenommen, man hat viel Geld bekommen und man ist sich dessen gar nicht bewußt, kann man das als lohnende Sache bezeichnen? Es ist nutzlos. Darum bedeutet Bewußtsein auch Geld. Sehr interessant! Alles ist Bewußtsein, denn ohne dieses ist alles ohne Bedeutung. Darum bedeutet Bindung das Bewußtsein der Endlichkeit. Es ist nicht die Existenz von irgend etwas, sondern das Bewußtsein der Existenz von etwas. Darum ist Bindung auf bestimmte Art und Weise lediglich ein begrenztes Bewußtsein.
Es geht bei der Frage nicht darum, den Körper zu behalten oder zu verlassen. Laß den Körper Körper sein. Es gibt die Körper; viele Menschen hier haben Körper bekommen. Machst Du Dir deshalb Sorgen? [Gelächter] Warum sorgst Du Dich nur um Deinen Körper? Was ist daran so wichtig? Wenn Du Dich nicht in die Körper anderer Leute einmischst, warum befaßt Du Dich mit Deinem Körper so, als wäre er bedeutender als andere Körper? Das nennt man Bindung des Bewußtseins an eine besonders lokalisierte Individualität.
Dr. Goel: Das ist eine schlimme Sache.
Swamiji: Die ganze Sache ist die, daß es nicht um die Existenz einer Sache geht, sondern um das Bewußtsein von dieser Sache. In der Befreiung wird die Welt nicht zerstört, vielmehr wird die Verbindung von ihr mit der eigenen Endlichkeit aufgehoben. Das eigene Bewußtsein wird alles durchdringen; weshalb es auch keine besondere Bindung zu irgendeinem individuellen Objekt mehr gibt. Freiheit bedeutet zu erkennen, daß das Bewußtsein in allen und nicht nur in einigen Dingen gegenwärtig ist. Wenn es nur in einer Sache vorhanden ist, dann bedeutet es Bindung. Wenn ES überall ist, und nur ES allein ist, dann ist es frei. Nun bist Du und auch noch jemand anders hier, und doch gibt es nur EINS.
Dr. Goel: In der Befreiung?
Swamiji: In der Befreiung gibt es nur EIN SEIN.
Dr. Goel: Und das ist das Universale Bewußtsein.
Swamiji: Ja, denn Bindung ist nicht in der Existenz der Dinge, sondern liegt in dem Bewußtsein von der Existenz der Dinge. Es handelt sich um eine besondere Handlung des Bewußtseins. Das Universale Bewußtsein ist innerhalb eines Körpers eingeschlossen, welches man als „sein eigenes Selbst“ bezeichnet. Es fürchtet sich aufgrund seiner Begrenzungen und der Trennung von den anderen, - außerdem, weil es von vielen anderen Faktoren abhängig ist usw., und weil es befürchtet, diese Individualität heute oder morgen zu verlieren.
Doch angenommen, es ist in allem gegenwärtig, was tatsächlich der Fall ist, dann gibt es solche Furcht nicht, denn Furcht erhebt sich nur aus einer dualen Existenz. Furcht kommt von etwas, das sich außerhalb von Dir befindet. Dieses Außenbewußtsein muß aufgelöst werden; dann vergeht auch die Furcht.
Andrea: Wenn Du das sagst, fühle ich mich irgendwie friedvoll.
Swamiji: Ja. Wenn wir das hören, empfinden wir ein wenig Frieden. Wir verlangen nach aufrichtigem Frieden.
Dr. Goel: Müssen wir uns deshalb davon lösen?
Swamiji: Wir müssen uns nicht lösen, sondern wir müssen uns allem zuwenden, dann findet automatisch die Loslösung von einer Sache statt. Wir fürchten uns immer vor der Loslösung, doch diese Furcht ist unbegründet. Magst Du Hinwendungen? Dann wende Dich allem zu, denn das ist gleichbedeutend mit der Loslösung von einer Sache. Darum liebe die Hinwendung, denn sie bedeutet Freude. Wenn man sich losgelöst hat, kommt große Furcht auf. Niemand mag sich loslösen, darum sollten wir solche Wörter niemals gebrauchen. Sprich niemals von „Verzicht“ usw., sondern wende Dich allem zu. Laß uns abwarten, was geschieht. [Gelächter]
Der Verstand ist solch ein Schwindler. Er will sich weder zu allem hinwenden, noch von irgend etwas loslösen. Wünschst Du ‘etwas’? Gut, dann nimm ‘alles’. Man sollte nicht nur nach einer Sache fragen, sondern alles nehmen, - ansonsten frage nicht. Wonach verlangst Du? Ich gebe Dir alles, doch Du hast keinen Platz, es aufzubewahren. Du kannst die ganze Erde nehmen! [Gelächter]
Niemand kann so boshaft wie der Verstand sein. Er weiß nicht, was er will und doch hat er permanent Wünsche, ohne zu wissen, was er will. Hier liegt das Problem. Warum wendest Du Dich nicht allem zu? Wo ist der Fehler?
Besucher: Das Ego.
Swamiji: Bitte das Ego, sich mit allem zu verbinden, mit jedem Menschen dieser Welt, jedem Gebäude, jedem Baum im Wald und jedem Fluß, jedem Berg, jeder Sonne, Mond und allen Sternen. Wende Dich allen zu, und laß uns sehen, was geschieht. Doch es ist durchaus möglich, daß die Verbindung nicht funktioniert, - was dann? Höchst unvernünftig, selbst in der Hinwendung sind wir unvernünftig! [Gelächter]
Es gibt da eine Geschichte: Archarya Shankara befand sich in einem Raum. Die Tür war verriegelt, und ein Schüler klopfte von außen an die Tür. „Wer ist da?“ fragte der Guru. „Ich.“ „Laß es entweder nichts oder alles sein,“ sagte der Guru.
Es gibt drei Arten von „Ich“: Das Ich, welches nichts ist, das Ich, welches etwas ist und das Ich, das alles ist. Dieses ‘etwas’ ist eine gefährliche Sache. Laß es besser nichts oder alles sein. Dann bist Du frei. Man kann das „Ich“ weder zu nichts noch zu alles machen, darum hängt man in der Mitte. [Gelächter]
Dr. Goel: Das ist das Problem des Lebens.
Swamiji: Selbst, wenn er alles bekommt, will er es nicht. Was für ein Mensch? Nimm alles und sei mit allem verbunden, dann bist Du im VIRAT-Bewußtsein (Kosmos als Körper Gottes). Die „Verbindung des Bewußtseins mit allem“ ist ein anderer Name für Universales Bewußtsein.
44. Über Arbeit und Meditation
Ein deutscher Besucher: Was ist die Beziehung zwischen dem aktiven und meditativen Leben? Wie kann man ein Gleichgewicht herstellen?
Swamiji: Das ist sehr einfach. Wenn jemand fühlt, daß Meditation für ihn das Wichtigste ist, und es nichts Wichtigeres für ihn gibt, dann bedeutet dies, daß er nichts anderes als nur zu meditieren wünscht. Dies ist die Idee hinter dem Gefühl, daß Meditation das Höchste ist. Doch ist es für einen Menschen möglich, ausschließlich zu meditieren und nicht zu arbeiten?
Deutscher Besucher: Nein.
Swamiji: Warum ist das nicht möglich? Laß jene Person die Frage beantworten. Wenn Du sagst, daß Meditation die höchste und wichtigste Sache ist, warum kannst Du dann nicht nur dies tun und möchtest noch andere Arbeiten verrichten? Was macht das für einen Sinn? Es handelt sich hierbei um eine individuelle Angelegenheit und jedermann sollte sich die Antwort auf diese Frage selbst geben.
Warum arbeitest Du soviel, wenn Du sagst, daß nur Meditation notwendig ist? Es muß einen Grund für Deine Arbeit geben. Was ist das für ein Grund? Der Grund dafür ist, daß man ohne Arbeit in dieser Welt und in diesem Körper nicht existieren kann; und wenn der Körper nicht existiert, existiert auch keine Meditation. Die ganze Sache verschwindet. Du hast mich nach der Verbindung zwischen Arbeit und Meditation gefragt. Die Verbindung ist sehr einfach, - wer nicht existiert, kann nicht meditieren, und ohne Arbeit kann man nicht existieren. Sie ist notwendig, um Dein Selbst als Sucher der Wahrheit und zum Zweck der Meditation am Leben zu erhalten.
In Wirklichkeit ist jede Arbeit mit dem Gefühl von Hingabe auch eine Art von Meditation. Wenn man arbeitet, geschieht das nicht aus selbstsüchtigen Motiven, sondern es ist ein notwendiges Mittel, um, zum Zweck eines höheren Dienens und der Meditation, fit und sorglos zu bleiben.
Arbeit ist auch eine Vorbereitung zur Meditation. Darum ist es Teil der Meditation. Auf diese Weise wird Arbeit zum Dienen, so daß Kontemplation und Handlung eine Verbindung ist wie Körper und Seele. Man kann nicht den Körper irgendwo und die Seele irgendwo anders aufbewahren. Sie gehören zusammen. Der Körper ist mit der Arbeit und die Seele ist mit der Meditation verbunden, dennoch sind es nicht zwei verschiedene Dinge. Du weißt, daß Körper und Seele zusammen gehören; ebenso gehören Arbeit und Meditation zusammen. Sie sind ein einziges Ganzes. Das ist die Beziehung zwischen beiden.
45. Über Krisen in der Welt:
Deutscher Besucher: Wie siehst Du die sich verändernde Situation in der Welt in bezug auf kommende Krisen oder die wachsende Weltbevölkerung?
Swamiji: Was soll ich sehen? Ich sehe nichts. Ich habe bezüglich dieser Angelegenheit keine Meinung. Es ist die Arbeit Gottes. ER hat die Welt erschaffen, und so wie ER etwas erschafft, so zerstört ER auch, beides aus unterschiedlichen Gründen. Es ist das Werk der Natur, so wie Du vom Kind zum Mann heranwächst, alt wirst und danach auch wieder stirbst. Nun fragst Du, warum ein Mensch geboren werden, heranwachsen, stark werden, glücklich sein, hart arbeiten, alt werden und dann sterben soll. Warum geschieht das? Sag es mir? Es ist die Arbeit der Natur; es ist die Funktionsweise des Universums. Es ist der Prozeß von Evolution und Verwicklung, und wir haben in dieser Angelegenheit nichts zu bestimmen. Die Geschichte der Welt ist eine Geschichte der Natur, eine Geschichte des Universums. Da Du Dich bezüglich der Welt als Außenstehender betrachtest, bist Du nicht in der Lage zu verstehen, was und warum etwas in dieser Welt geschieht.
Wenn man ein Teil der Welt ist, ist es schwierig, sich diese Situation vorzustellen. Man muß sich EINS mit der Welt fühlen, dann fühlt man, daß man wie die ganze Natur denkt, ja, wie das ganze Universum denkt; dann stellt man keine Fragen, denn alles, was geschieht, geschieht im eigenen Selbst. Eine Sache, die im eigenen Selbst geschieht, läßt keine Fragen aufkommen. Du stellst die Frage, weil Du glaubst, daß etwas außerhalb von Dir geschieht, doch die Welt befindet sich nicht außerhalb von Dir. Du bist ebenfalls ein Teil der Welt. Verstehst Du mich? Darum kannst Du nicht außerhalb von ihr stehen.
Der ganze Kosmos entfaltet sich von einer Stufe zur anderen bis er das Absolute Bewußtsein erreicht. Bevölkerung, Sterben, Kriege oder was auch immer, - es sind alles Teile des Evolutionsprozesses. Wenn Du Dich nicht mit der ganzen Kosmosstruktur verbunden fühlst und Dich nicht mehr wie ein Bewohner des Kosmos, sondern als Herr Soundso außerhalb der Welt fühlst, kannst Du die Bedeutung nicht verstehen. Niemand kann das Mysterium verstehen, weil er glaubt, daß er sich außerhalb der Welt befindet. Dies ist eine falsche Vorstellung. In Deiner Meditation solltest Du Dich mit der ganzen Schöpfung EINS fühlen, dann wirst Du danach niemals mehr eine Frage stellen.
Deutscher Besucher: Vielen Dank, Swamiji.
46. Das Selbst im Zustand des Tiefschlafes
Dawn: Swamiji, wie kann ich das Selbst durch meine Meditation erkennen?
Swamiji: Du meditierst, um das Selbst zu erkennen. Was ist nun das Selbst? Man kann sagen, daß Du vor mir sitzt und zu mir sprichst; dies ist das Selbst und doch ist es nicht das SELBST. Der physikalische Körper kann nicht als das wirkliche SELBST betrachtet werden, denn man existiert selbst im tiefen Schlaf, auch wenn man sich des Körpers nicht bewußt ist. Wenn man also ohne Körperbewußtsein existieren kann, dann kann man auch ohne Körper existieren, wie die Erfahrung zeigt; was bedeutet, daß man nicht der Körper ist.
Diese Analyse mag jemanden in die Lage versetzen, nicht zu sehr an diesen körperlichen Bequemlichkeiten, physischen Verbindungen, sozialen Verpflichtungen usw. zu hängen. Soziale, politische und physikalische Verpflichtungen sind alle mit dem Körper verbunden; wenn man nicht wirklich der physikalische Körper ist, sondern etwas mehr als das, verliert das Lebensdrama seine Anziehungskraft. Man gehört dann vollständig, - oberhalb und transzendent der physikalischen Welt -, zu einer anderen Welt.
Unter welchen Bedingungen existiert man im Schlafzustand? Man ist geneigt zu sagen, davon nichts zu wissen. Vielleicht, doch woher weiß man, daß man im Schlafzustand nichts weiß? Hier ist ein Widerspruch in der Aussage, denn es ergibt keinen Sinn zu sagen, daß man wüßte, nichts zu wissen. „Ich weiß, daß ich im Schlafzustand nichts wußte,“ ist ein Satz, der keinen Sinn macht, und dennoch benutzen wir diese Aussage immer wieder. Dies bedeutet, daß man ein Bewußtsein hatte, das durch irgendeinen eigentümlichen Schleier verdeckt wurde.
Du möchtest wissen, woraus der Schleier besteht, warum er so störend ist und die Sicht versperrt. Dieser Schleier wurde aus Wünschen erschaffen. Jeder Mensch hat Wünsche. Erfüllte Wünsche erzeugen Eindrücke und verhalten sich wie Wolken vor dem Bewußtsein. Unerfüllte Wünsche verhalten sich noch schlimmer. Wenn Du etwas über Psychologie kennst, wirst Du wissen, daß der Verstand verschiedene Schichten hat - die bewußte, die unterbewußte und die unbewußte Ebene, usw.. Die unbewußte Ebene ist eine Art Gefühlsebene. Dies sind alles Formen, die durch unerfüllte Wünsche angenommen werden. Sie sind verantwortlich dafür, daß man sich nicht wirklich der eigenen Existenz im Tiefschlaf bewußt ist, und erst danach folgert, daß man geschlafen hat, obgleich man nicht wußte, was rings herum geschah.
Anhand dieser Analyse konzentriert man sich nun auf das Bewußtsein des eigenen Seins, ohne den Körper einzubeziehen. Man konzentriert sich tief auf die Idee, selbst Bewußtsein und weder der Körper, noch mit dem Körper verbunden, - sondern ausschließlich reines Bewußtsein, Intelligenz, strahlendes Licht zu sein.
Bewußtsein kann nirgendwo begrenzt werden, denn, wenn Bewußtsein begrenzt wäre, müßte man sich der Begrenzung bewußt sein. Um sich seiner Begrenzung bewußt zu sein, muß ES sich über seine Begrenzung hinaus ausdehnen, da ES ansonsten nicht wissen kann, daß es begrenzt ist. Diese zweite Schlußfolgerung zeigt nun, daß das Bewußtsein unbegrenzt ist. Es ist eine erstaunliche Schlußfolgerung, zu der man hier kommt, nämlich, daß das eigene wesenhafte SELBST all-durchdringend ist, und daß man kein gewöhnlicher Mensch ist.
Natürlich ist dies nur eine kurze Einführung zu einem großen Thema; denke für die Dauer, die Du hier bist, stets daran, daß Du Bewußtsein bist, das alle Dinge durchdringt, das Universal ist in seiner Natur, und daß Du nicht dieser sterbliche Körper bist. Mach es Dir immer wieder klar, daß Du das unsterbliche SELBST und unsterbliches Bewußtsein bist. Dann wirst Du herausfinden, daß Du aufgrund der Tatsache, Universales Bewußtsein zu sein, mit allem verbunden und von nichts ausgeschlossen bist. Alle Wünsche werden versinken und bessere Dinge, die Du selbst erkennen wirst, werden sich einstellen.
Dawn: Aber Swamiji, ich habe Probleme mit der Konzentration. Meine Gedanken wandern immer umher.
Swamiji: Dann mußt Du eine Formel singen - irgendeine Formel, die Dir gefällt. In Indien singen die Menschen Formeln, die Mantra genannt werden. Wer kein Mantra hat, kann irgend etwas singen, zu dem er bestimmte Beziehungen hat. In der Christlichen Theologie benutzt man den Namen Jesus. Man singt ihn laut, so daß man sich konzentrieren kann. In Indien singt man Rama, Krishna oder irgendeinen anderen Gottesnamen, oder man intoniert mehrere Male OM. Am Anfang singt man das Mantra, die Formel oder den Namen Gottes, zu dem man Zuflucht sucht, laut, bis der Verstand den Punkt der Konzentration erreicht; sobald er sich konzentrieren kann, wird das Mantra nicht mehr laut gesungen, sondern leise vor sich hin gemurmelt. Der beste Weg, den Verstand zu kontrollieren, ist das Rezitieren einer Formel - wie OM, oder irgendein anderes Mantra, das man mag, doch es muß vernehmlich sein.
Sollte diese Praxis nicht möglich sein, hefte man seinen Blick auf ein Bild, Statue, Form usw., etwas, das sich außerhalb befindet, das man gern mag und als geeignetes Objekt zur Konzentration empfindet. Nimm ein Bild, schau es an und schließe dann die Augen. Wenn der Verstand umherwandert, öffne wieder die Augen und sieh das Bild erneut an, denn wo die Augen sind, ist auch der Verstand. Wenn man sich nach einiger Zeit erfolgreich auf eine Sache konzentrieren kann, schließt man die Augen und fühlt im Geiste die begriffliche Gegenwart des Objektes. Sobald der Verstand wieder zu wandern beginnt, öffnet man die Augen und schaut auf das Objekt. Dies ist eine andere Methode.
Mantra singen ist eine Methode, und die Konzentration mit offenen Augen auf ein Porträt, Bild oder Symbol ist eine andere Methode. Sollte auch das nicht möglich sein, dann studiere die Schriften oder lies ein spirituelles Buch. Lies es immer wieder, bis der Verstand in jene Gedanken aufgesaugt wird. Wenn nichts funktioniert, dann singe fünfzehn oder zwanzig Minuten lang OM. Dies muß jeden Tag erfolgen, und nach ein bis zwei Monaten wird man feststellen, daß der Verstand sich beugt.
47. Wissen und materielle Macht
Swamiji: Selbst wenn ich es erkläre, wird es nicht in den Verstand eingehen, denn ein fundamentales Problem hindert Dich daran, es zu verstehen. Es wird Dich sogar daran hindern, das was ich sage, zu würdigen.
Wie will man dieses fundamentale Problem entfernen? Es ist der grundsätzliche Fehler im Denken, was jeden Menschen, bis auf wenige Ausnahmen, betrifft. Es ist jener fundamentale Fehler im Denken, der bestimmte Lehren der Psychologie, wie Verhaltensforschung, Pragmatismus, Nützlichkeitstheorie, Materialismus usw. zur Folge hat. Man kann nicht sagen, daß es unsinnige Lehren sind, dennoch sind sie wirklich unhaltbar, da sie die Vorstellung vermitteln, daß der Verstand eines Menschen dem physischen Körper untergeordnet, und eine Offenbarung des Körpers oder eine Funktion des Körpers ist. Dies ist ein fundamentaler Denkfehler.
Wenn der Verstand dem Körper untergeordnet ist, ist jegliche Verstandesarbeit ohne Wert, womit auch Erziehung wertlos ist, weil sie aus einer geistigen Handlung hervorgeht. Man möchte lieber ein reicher Geschäftsmann als ein wirklich gebildeter Mensch sein. Es gibt kein Verlangen nach wirklicher Erziehung, denn man möchte nicht so sehr ein gebildetes Genie, sondern, um Macht anzuwenden, lieber ein wertvoller Geschäftsmann sein. Dies ist das Wesen des weltlichen Denkens.
Die Verhaltensforschung der Psychologie sagt, daß der Verstand eine Offenbarung des Körpers ist. Als Beispiel dafür, daß der Verstand aus dem Körper hervorgeht, dient durchaus der Vergleich mit einem Streichholzkörper, aus dem nach dem Entzünden Feuer hervorgeht, so daß der Körper die Ursache (die Quelle) und der Verstand die Wirkung ist. Die Wirkung kann nicht so bedeutsam wie die Ursache sein. Darum dient alles, was zur Zufriedenheit und Bestätigung des physikalischen Körpers beiträgt, - das Ego und was man als Egoismus, Selbstachtung usw. bezeichnet, - zur Bestätigung des Körpers. Physische Bestätigung schließt das Streben nach Wohlstand, Name und Ruhm mit ein. Alles dies ist nur mit dem physikalischen Körper verbunden und jede mentale und intellektuelle Aktivität wird durch die falsche Vorstellung ersetzt, daß der Verstand eine Offenbarung des Körpers ist.
Gut ausgebildete, hoch begabte, wissenschaftliche Denker des Westens waren keine dummen Menschen, sondern intellektuelle und scharfe Denker, und dennoch sind sie zu dem Schluß gekommen, daß der Verstand dem Körper untergeordnet und letztendlich in ihm eingeschlossen ist. Der Körper steht an erster; der Verstand an zweiter Stelle.
Dies ist der fundamentale Fehler im menschlichen Denken als solchem, von dem ich nicht sagen kann, daß irgend jemand davon befreit ist. Niemand ist von dieser falschen Denkweise befreit, weshalb auch eine akademische Erziehung nicht zum wirklichen Ziel führt. Erziehung ist nicht attraktiv und darum wird einem gut erzogenem Menschen nicht so viel Respekt entgegen gebracht wie einem Millionär. Ein Millionär hat eine größere Anziehungskraft als ein wohlerzogener Mensch. Dies ist wiederum ein fundamentaler Fehler im Denken, der nicht korrigiert werden kann, wenn nicht eine göttliche Orientierung, eine außerordentliche Shirshasana (Umkehrhaltung) des Bewußtseins stattfindet.
Glaubt irgend jemand daran, daß bloße Gedanken im Verstand über der physischen Existenz stehen? Niemand glaubt daran, denn die physische Existenz ist weit wichtiger als bloße Gedanken. Was ist das Gute am Denken? Dies ist der Grund, warum Meditation in vielen Fällen auch keine Wirkung hat und nutzlos wird, da der Verstand sich an zweiter und der Körper an erster Stelle befindet. Auf diese Weise bewegt sich das Denken in der Meditation mehr über den Körper als über alles andere!
Wenn der Körper in der Meditation vor allem anderen anfängt zu denken, dann ist das eine sehr ernst zu nehmende Angelegenheit. Denke über diese Sache nach. Es ist der Körper, der schwingt und denkt, wobei man sich vorstellt, daß man, - was nicht der Wahrheit entspricht, - auf Gott meditiert. Die Wahrheit ist anders; der Verstand ist die Ursache; der Körper ist die Wirkung. Der Körper entspringt dem Verstand und nicht umgekehrt. Diese Art der Philosophie ist falsch, doch der Körper ist so stark, daß er den Verstand herausfordern und sagen kann: „Sei still, denn ich bin stark; das ist alles.“
Alle politischen Aktivitäten, alle Kriege in der Welt, alles, was in der Welt stattfindet, sind Aktivitäten des Körpers, die den Verstand beeinflussen. Der Körper bestätigt sich selbst. Die Welt verlangt nicht so sehr nach einem geistigen, denkenden Genie, sondern nach einem politischen Machthaber, - nenne ihn König oder Minister. Wer genießt mehr Ansehen, ein Minister oder ein wohlerzogener Mensch? Sag mir, wer mehr Ansehen hat. Man kann die Frage nicht beantworten. Die Antwort ist wie ein fürchterliches Erdbeben. Wer ist größer, der Präsident eines Landes, oder ein hoch qualifiziertes Genie? Wer ist angesehen? Warte die Antwort ab, sie wird kommen.
Diese Antwort wird auch über das Schicksal der akademischen Erziehung bestimmen. Die Antwort wird über das Schicksal aller erzieherisch tätigen Institute und über alles, was man als Lernen bezeichnet, bestimmen. Darum wird das Herz diese Frage auch nicht beantworten. Es wird sagen: „Es ist besser, wenn ich nichts sage.“ Man sollte nichts sagen, denn es ist sehr gefährlich, eine Antwort anzubieten, weil man hier eine Verbotszone betritt. Die irdischen Rufe können sogar einer göttlichen Sehnsucht trotzen. Die Welt wetteifert mit Gott.
Dies ist der Grund, warum niemand zur Akademie (d.h. zur wahren Erziehung) kommen möchte, und auch niemand sonderlich an ihr interessiert ist. Das Urteil darüber, warum das Wissen aufgrund der Dummheit der Menschen, die sich in der Wurzel aller Dinge befindet, keine Fortschritte erzielen wird, habe ich in dieser Hinsicht zur letzten Entscheidung dem Höchsten Gericht vorgelegt.
Damit habe ich jetzt meine erste akademische Vorlesung gehalten. Ich spreche aus dem Herzen und nicht nur als Denker. Mein Herz vibriert; es revoltiert gegenüber dieser Idiotie der Machtverehrung, gegenüber den sozialen Werten, Geld und der physikalischen Stärke. Die Seele revoltiert gegenüber dem bloßen Gedanken an die materielle Vorherrschaft. Die Seele sagt: „Glaubst Du denn wirklich, daß ich keine Kraft habe?“
Glaubst Du, daß der Oberbefehlshaber stärker als die Seele ist? Glaubst Du das wirklich? Sag es mir ehrlich. Ist der Oberbefehlshaber stärker als die Seele, ja oder nein? Das Herz kann diese Frage nicht beantworten. Es revoltiert innerlich: „Was ist los? Du machst einen großen Aufstand vor mir.“ Es fürchtet sich, irgend etwas zu sagen. Darum laß ihn fortfahren. Ich möchte nichts weiter dazu sagen.
Niemand kann sich die Stärke des Körpers richtig vorstellen. Er hat eine solche Macht, daß er die Seele herausfordern und unterdrücken kann; was er auch bereits getan hat. Dies ist der Grund, warum die Welt so bleibt, wie sie ist. Die Welt dreht sich in dieser Art und Weise weiter, denn die Seele wurde unter dem Gewicht des Körpers mit den Füßen niedergetrampelt.
Es ist nicht leicht, Gott zu erkennen, denn, wieviel man auch immer singt und springt, der Körper wird sagen: „Ich stehe über Gott. Was willst Du eigentlich?“ Und selbst die Idee von Gott ist nur eine Offenbarung des Körpers. Dies ist der schlimmste Teil davon, - selbst die Idee von Gott ist eine auf Erfahrung beruhende, unwirkliche Vorstellung, sagt der Deutsche Philosoph Emanuel Kant. Leute wie Kant haben die Idee in Verruf gebracht, daß Gedanken Wirklichkeit sind. Er unterscheidet sich von Hegel; Hegel und Kant sind gegensätzlich in ihrer Ansicht, ob Gedanken Wirklichkeit sind oder sich davon unterscheiden. Ist etwas Gedachtes tatsächlich vorhanden, oder stellt man sich nur etwas vor? Wenn man gemäß Kant an etwas denkt, bedeutet es nicht, daß es existiert. Doch Hegel sagt, wenn man denkt, ist es da. Warum haben sie zwei unterschiedliche Denkansätze? Es liegt an jedem selbst, dies zu erkennen, - es ist der Weg der Erfahrungen und der Weg des Abstrakten, die den Verstand formen. Kant sagt, daß selbst die Idee von Gott nicht beweist, daß Gott existiert, und daß die Gedanken über ein Objekt kein Objekt in die Existenz bringen. Dies bedeutet, daß der Gedanke unwirklich ist. Im Denken, das auf Erfahrungen beruht, befindet sich das Objekt außerhalb des Gedanken’. Im abstrakten Denken, das aufrichtige Meditation ist, ist der Gedanke EINS mit dem Objekt. Hier liegt der Unterschied zwischen Kant und Hegel, d.h. der Erfahrungslehre und der Metaphysik.
Diese Frage wirkt sich auch schädlich auf den Meditationsprozeß aus, denn, wenn das Denken unwirklich ist, ist Meditation ebenfalls wirkungslos, es sei denn, man führt eine Hegelsche Umwandlung herbei, die im Gegensatz zur Meinung von Kant steht. Das, was Kant sagt, entspricht der Erfahrungslehre, wobei die Gedanken in Wirklichkeit nur eine Funktion des Körpers sind. Eine physische Schwingung denkt in der Form eines Gedankens und stellt sich vor, daß das, was sie denkt, bereits vorhanden ist: Wenn wir dem großen Kant folgen wollen, dann ist unsere Idee von Gott nicht Gott Selbst.
Doch solange die Idee nicht zu Gott wird, wird die Meditation ergebnislos sein. Darum muß man einen Weg finden, bei dem die Idee und Gott nicht nebeneinander stehen. Sie müssen identisch sein. Gedanke ist Sein; Bewußtsein ist Existenz. Wenn dieser Anspruch geltend gemacht wird, dann wird die Meditation erfolgreich sein. Wenn das Bewußtsein nicht Existenz ist, dann wird sich die Existenz von einem selbst wegbewegen, und es bleibt lediglich Bewußtsein ohne Existenz übrig, was ein anderer Weg für die Behauptung von Nichtexistenz wäre.
Die Menschen sind sofort bereit, zu einem Tanzvergnügen, in einen Film, oder zu einem großen Fest mitzugehen. Du wirst sehen, ob die Leute mitgehen oder nicht. Was glaubst Du? Du könntest an dem schönsten Fest teilhaben. Wirst Du hingehen, oder wirst Du sagen: „Ich habe leider viel zu tun.“ Heute nacht findet im Club ein schönes Tanzvergnügen statt. Wirst Du hingehen, oder wirst Du sagen, daß Du viel zu tun hast? Zu dem Zeitpunkt wirst Du nicht zuviel zu tun haben. Wenn ich um Unterstützung in der Akademie bitte, bedauerst Du, viel zu tun zu haben. Du hast keine Zeit, dorthin zu gehen, um zu unterrichten oder am Unterricht teilzunehmen.
Der physische Körper hat eine solche Macht, und kann seine Stärke in so mannigfacher Weise offenbaren, daß Du selbst nicht einmal erkennen wirst, was da vor sich geht. Du wirst Dich in einem Traumland befinden, unter der Vorstellung, daß Du ein großer, reifer Mensch bist.
Shri Krishna Sharmaji: Aber kann jemand über etwas nachdenken, was nicht existiert?
Swamiji: Es scheint so, als ob es existiert. Das ist ein anderer Trick des Verstandes, nämlich zu behaupten, daß er existiert, doch es ist der Körper, der ihm das Gefühl dazu gibt. Es ist der Körper, der sagt: „Ich existiere,“ und er gibt einem das Gefühl, daß da noch etwas existiert; andererseits hätte der Materialismus nicht so viel Erfolg in dieser Welt. Materialismus ist heutzutage das regierende Gesetz, oder glaubst Du, daß alle Menschen dieser Welt Narren sind? Es sieht fast so aus. Gerade habe ich gefragt, ob ein hoch qualifizierter, gebildeter Mensch oder ein Oberbefehlshaber mehr angesehen ist. Wer hat mehr Ansehen? Hat der Präsident eines Landes oder ein Meistergenie mehr Ansehen? Diese Frage entscheidet darüber, ob der Verstand oder der Körper mehr Ansehen genießt?
Was machst Du, wenn ein Präsident kommt, und was machst Du, wenn ein hoch gebildeter Mensch kommt? Sieh Dir den Unterschied in Deinem Verhalten an. Das Ganze ist ein Trick des Körpers. Der Körper sagt: „Ich bin unter allen Umständen angesehener“, obgleich man theoretisch akzeptiert, daß es den Verstand gibt, doch es ist das „Ich“, das handelt, sagt der Körper. Der Körper handelt auch als Verstand. Darum fürchtet sich sogar der gebildete Mensch vor dem Oberbefehlshaber, doch was geschieht dann mit der Bildung? Warum fürchtet sich der Verstand vor dem Körper? Hier liegt das Wesentliche verborgen. Die Furcht vor dem Oberbefehlshaber oder dem Präsidenten ist die Furcht des Verstandes vor dem Körper. Der Verstand fürchtet sich vor dem Körper und wenn solch ein Verstand auf Gott meditiert, was geschieht dann?
Sharmaji: Wenn sich ein gebildeter Mensch vor etwas fürchtet, so bedeutet das, daß er nicht wirklich richtig gebildet ist.
Swamiji: Dies ist unser Verstand; jene Art von Verstand, mit der wir ausgestattet sind. Der wirkliche metaphysische Verstand ist nicht gegenwärtig und handelt nicht. Es ist nur der Verstand der Sinnesempfindungen, der handelt. Der Verstand der Erfahrungen und der Empfindungen handelt; der metaphysische Verstand handelt nicht. Diese beiden Verstandesformen, der metaphysische und der erfahrende Verstand, wurden in vielen Einzelheiten von zwei großen Denkern des Westens, Hegel und Kant, studiert. Jedermann sollte verstehen, warum sie in zwei unterschiedliche Richtungen sprechen. Beide haben gleiches Ansehen; man kann nicht sagen, wer weniger Ansehen hätte. Zwei Menschen mit gleichem Ansehen lehren zwei unterschiedliche Dinge. Wie ist das möglich? Dies zu erkennen ist notwendig, und dieses Wissen versuchen wir Eurem Verstand in der Akademie einzuträufeln, - doch die Leute haben keine Zeit!
Selbst wenn ein Mensch im Sterben liegt, fürchtet er um seine Ersparnisse. „Ich habe viel Erspartes und an verschiedenen Stellen Goldketten versteckt. Was wird damit geschehen?“ Er wird zu Dir sagen: „Mein lieber Junge, ich gehe. Wo sind meine Ersparnisse?“ Sein Prana (die Lebensenergie) schwindet. An welchen Gott wird er in diesem Augenblick denken.
Man bittet um die mächtige Gnade Gottes, um über dieses Problem hinweg zu kommen. Oder, so könnte man sagen, man bittet um die mächtige Gnade eines spirituellen Meisters, eines Gurus; denn ansonsten wird uns der Teufel in diesem Körper nicht erlauben, auf die richtige Weise zu denken.
Birgit: Aber arbeiten die beiden in der Meditation nicht zusammen? Arbeitet die Meditation nicht durch die Sinneswahrnehmung und beobachtet den Atem?
Swamiji: Man geht davon aus, daß in der Meditation der Verstand nicht durch die Sinnesorgane und unter den Bedingungen des physischen Körpers arbeitet; doch unglücklicherweise verhält sich der Verstand in bezug auf den physischen Körper wie ein Sklave und befürchtet, sich selbst zu verlieren. Todesfurcht ist die größte Furcht. Man befürchtet nicht den Tod des Verstandes, sondern man befürchtet den Tod des Körpers. Niemand möchte sterben. Im Tode stirbt der Verstand nicht wirklich, sondern er besteht weiter. Nur der Körper wird verschwinden. Die Todesfurcht ist nichts weiter als die Furcht vor dem Verlust der eigenen physischen Existenz. Das verdeutlicht die falsche Beziehung des Verstandes zum Körper, denn der Verstand ist tatsächlich vom Körper unabhängig. Er ist nicht der Sklave des Körpers. Doch im normalen Denken stellen wir uns vor, daß der Verstand eine Offenbarung des Körpers ist, und darum lieben wir den Körper weit mehr als den Verstand. Meditation oder wahrhafte Erkenntnis ist eine nicht auf Erfahrungen beruhende Identität des Gedankens mit dem Sein.
48. Die Beziehung zwischen Gehirn und Verstand
Ein Besucher aus Spanien: Swamiji, was ist der Verstand, und woher stammen die Gedanken? Wie entstehen diese Gedanken in unserem Verstand?
Swamiji: Wenn man beginnt, eine Persönlichkeit zu werden, wenn man in das Sein kommt, erscheint auch der Verstand, denn man ist der Verstand selbst. Derjenige, der im Augenblick zu mir spricht ist der Verstand, der im selben Augenblick Herrn Soundso hervorbringt, d.h. Dich. Wann bist Du entstanden? Wie bist Du in das Sein gekommen?
Der Verstand ist das Bewußtsein der Individualität, und im selben Augenblick, wo sich Individualität erhebt, handelt auch gleichzeitig das individuelle Bewußtsein, das in früher Kindheit in einem sehr anfänglichen Stadium vorhanden ist. Wenn die Individualität heranreift, wird das Individualitätsbewußtsein, genannt Verstand, auch immer klarer. Als Du noch ein kleines Baby warst, war das eigene Bewußtsein noch sehr unbestimmt. Jetzt ist es so klar wie der helle Tag.
Die Antwort auf Deine Frage ist kurz gesagt, daß der Verstand das Bewußtsein der Individualität und in jeder erschaffenen Sache gegenwärtig ist. Selbst ein Atom hat eine Art von Verstand. Es wird nicht erlauben, daß seine Individualität durch irgendeine Art äußerer Beeinflussung gesprengt wird; es bewahrt seine Selbstidentität. Der Kern des Atoms, um den Elektronen kreisen, bildet die Individualität, und das unterscheidet ein Atom ebenso vom anderen, wie es eine Person von der anderen und eine Sache von einer anderen Sache unterscheidet.
Alles in der Welt, angefangen bei der unbelebten Materie bis hin zur menschlichen Ebene, bewahrt eine eigene Identität und es wird auch zu nichts anderem werden wollen. Du bist, was Du bist, und Du kannst nichts anderes werden. Dieses eigene Identitätsbewußtsein, das sich selbst bewahrt, kann nicht zu etwas anderem werden als das, was es ist, und das ist der Verstand, der überall im Kosmos handelt. Er ist nicht nur in einem Individuum. Wenn er wie eine individualisierte Selbstbehauptung in einem besonderen Zentrum handelt, wird er im Falle eines Menschen zum „Ich“; und wenn dies in einem anderen Menschen geschieht, ist er ein anderes „Ich“. Wenn er in einem Insekt ist, ist es das „Ich“ in diesem Insekt. Wenn er in einem Baum ist, bewahrt er auch die eigene Individualität, und zwar in einem biologischen Zustand, der seinen eigenen Verstand hat. Er ist nicht so sehr bewußt, vielmehr im Protoplasma und anderen Dingen als biologisches Leben vorhanden.
Im Wesentlichen ist der ganze Verstand kosmisch, denn er handelt überall. Es gibt letztendlich nur einen Verstand, der sinnbildlich wie ein Ozean oder See als Kosmischer Geist bezeichnet wird. Er erscheint als Tropfen, als Welle oder als ein Kräuseln, das individuell in unterschiedlichen Personen, Dingen, Individualitäten usw. wirkt.
Wann auch immer es ein Bewußtsein der Individualität in irgendeinem Menschen oder irgendeiner Sache gibt, beginnt der Verstand sofort zu arbeiten, denn Verstand und individuelles Bewußtsein bedeuten ein und dieselbe Sache. Falls sich irgend jemand dessen bewußt ist, daß er als Individuum existiert, wird dieses Bewußtsein Verstand genannt. Darum ist der Ursprung der Individualität dasselbe wie der Ursprung des Verstandes.
Wie sich die Individualität erhebt, ist eine kosmische Frage. Es ist eine Frage der Kosmologie und der Schöpfung, und damit bewegen wir uns über die Psychologie hinaus. Deine Frage ist teilweise eine psychologische Frage, doch wenn man tiefer hineingeht, wird es eine kosmologische Frage der Schöpfung selbst, was sehr tief geht und weiter, als der Verstand in der Lage ist zu arbeiten. Dann muß man nämlich erkennen, wie die Individualität überhaupt entstand, womit man sich jenseits der Möglichkeiten menschlicher Erfahrungen begibt. Dies ist meine Antwort auf Deine Frage.
Besucher aus Spanien: Vielen Dank, Swamiji.
Swamiji: Man sagt, daß sich der Verstand innerhalb des Gehirns befindet. Woher kommt das Gehirn? Man nimmt auch an, daß sich der Verstand vom Gehirn unterscheidet.
Besucher aus Spanien: Ja, so sagt man.
Swamiji: Berührt der Verstand das Gehirn oder ist er vom Gehirn getrennt? Was für eine Beziehung gibt es zwischen Verstand und Gehirn? Woraus besteht das Gehirn? Woraus besteht der Verstand? Du siehst, es wurde von Dir bereits akzeptiert, daß es zwei Dinge sind.
Besucher aus Spanien: Ja.
Swamiji: Darum kann man sagen, daß das Gehirn aus einem materiellen Stoff besteht. Ist der Verstand auch aus materiellem Stoff? Oder besteht er aus irgend etwas anderem? Laß die Wissenschaftler diese Frage beantworten. Wenn der Verstand aus einem anderem Stoff besteht, aus welcher Substanz besteht er dann? Wenn er aus demselben Stoff wie das Gehirn besteht, wird er zu demselben Material wie das Gehirn; dann kann es sich selbst nicht bewußt sein, denn Materie ist sich selbst nicht bewußt. Wie kommt es also, daß man sich seiner bewußt ist, wenn der Verstand nichts weiter als bloße Materie ist? Ist Materie sich selbst bewußt? Um sich selbst zu erkennen, benötigt die Materie etwas anderes. Materie kann Materie nicht erkennen; nur die nicht-existierende Materie erkennt die existierende Materie, darum müssen wir sagen, daß der Verstand aus nicht-existierender Materie besteht. Wenn er nicht-existierende Materie ist, was ist nicht-existierende Materie? Woraus besteht sie?
Diese Idee verwirrt. Die Idee ist nicht korrekt, denn es handelt sich nicht um zwei unterschiedliche Dinge. Wenn der Verstand und das Gehirn zwei unterschiedliche Dinge wären, hätte man das Gefühl, wie eine geteilte Persönlichkeit, wie zwei Personen zu sein. Doch hast Du das Gefühl, zwei Personen zu sein? Du bist ein vollkommenes, integriertes, festes Sein. Wie kann dieses Ganzheitsbewußtsein entstehen, wenn zwei verschiedene Dinge in einer Persönlichkeit handeln? Besteht man aus zwei zusammengesetzten Teilen? Hast Du das Gefühl, ein duales Individuum zu sein, oder fühlst Du, ein vollkommenes Ganzes zu sein? Was meinst Du?
Besucher aus Spanien: Ich fühle mich vollkommen.
Swamiji: Wie sind dann diese zwei Dinge dorthin gekommen? Man kann nicht aus zwei Dingen bestehen und sich wie ein Ding fühlen. Dies ist unmöglich, es liegt also ein Mißverständnis in der Vorstellung des Verstandes vor, indem er glaubt, sich innerhalb des Gehirns zu befinden. So ist es nicht, denn es verhält sich vollkommen anders. Der Verstand befindet sich nicht innerhalb des Gehirns.
In Wirklichkeit ist das Gehirn eine verfestigte Form des Verstandes; mit dem Verstand verhält es sich in bezug auf das Gehirn und den Körper wie bei Wasser und Eis. Dies ist der Grund, weshalb man sich als vollkommenes Ganzes fühlt; ansonsten würde man sich wie eine geteilte Persönlichkeit fühlen, - etwas Materie und etwas Nichtmaterie. Man wäre als geteilte Persönlichkeit immer unglücklich. Das Gefühl für das individuelle und das vollkommene Bewußtsein wird nur empfunden, wenn es keinen Unterschied zwischen dem Verstand und der Materie gibt. Es ist eine Sache, die wie zwei aussieht. Du kommst aus Spanien. Es gibt in Spanien einen großen Philosophen namens Spinoza. Hast Du von Spinoza gehört?
Besucher aus Spanien: Ja.
Swamiji: Weißt Du, worüber er schreibt? Du hast nichts von ihm gelesen. Bist Du ein Philosoph?
Besucher aus Spanien: Eigentlich bin ich kein Philosoph.
Swamiji: Unterrichtest Du keine Philosophie? Spinoza sagt, daß der Verstand und die Materie wie zwei Flügel eines Vogels sind. Der Vogel ist die wichtigste Sache; wenn der Vogel nicht da ist, sind auch keine Flügel vorhanden. Darum habe ich gesagt, daß der Verstand in seiner Lebensfunktion vom Gehirn oder der Materie untrennbar ist; doch wie uns Spinoza, Plato und Aristoteles oder Indische Denker und Mystiker usw. richtig sagen, gibt es eine Universale Substanz (Wesenheit), die wie Gedanke und Materie erscheint. Dies will uns Spinoza mitteilen. Du bist tatsächlich Universale Substanz und nicht dieses oder jenes. Aufgrund einiger besonderer Phänomene, die sich im Schöpfungsakt erhoben haben, hast Du Dich selbst von der Kosmischen Substanz (Wesenheit) getrennt, Du siehst wie ein Individuum aus, das von der Kosmischen Substanz (Wesenheit) isoliert ist.
Die letztendliche Wirklichkeit ist gemäß Spinoza Wesenheit (Substanz). Wer mag, kann sie als Gott bezeichnen. Spinoza nennt ES Universale Substanz, die sich Selbst bewußt ist. Dieses Selbstbewußtsein der Universalen Substanz, von der jedermann letztendlich untrennbar ist, wird Gott genannt. Doch in der Schöpfung hat sich unglücklicherweise aufgrund der gegenseitigen Beeinflussung von Raum und Zeit dieses getrennte Bewußtsein erhoben und jeder Teil der Universalen Substanz begann sich, als etwas vollkommenen Selbständiges zu behaupten.
Ein Teil dieses kosmischen Verstandes wurde von dem vollkommenen Ganzen getrennt und behauptet sich als „Ich bin Soundso“ bis hinunter zu den Insekten und Atomen. Dann verfestigt sich dieses Bewußtsein der Trennung von der Kosmischen Substanz in die Sinnesorgane und Instrumente der Handlung - bekannt als Körper, Gehirn, Herz, Lungen und viele andere Dinge. Auf diese Weise bin ich tatsächlich langsam unbewußt in ein kosmisches Subjekt hineingeschlittert, was ich vermeiden wollte.
Man ist prinzipiell kosmisches Sein, und wenn einem dies bewußt ist, wird man frei sein und keine Probleme mehr haben. Dies ist ein anderer Weg, um das individuelle Bewußtsein als Teil des Gottesbewußtsein zu beschreiben.
Besucher aus Spanien: Und durch Meditation wird man sich dessen bewußt?
Swamiji: Es ist durch Meditation und große Selbstbeschränkung möglich, wenn unter der Führung einer kompetenten Persönlichkeit die Kontrolle der Sinnesorgane und korrekte Meditation ausgeübt wird.
Besucher aus Spanien: Bezüglich Meditation gibt es viel Verwirrung.
Swamiji: Ja, ich weiß. Es ist keine einfache Angelegenheit und sie muß sorgfältig angeleitet werden. Anfangs sieht es einfach aus; doch danach wird es etwas schwieriger. Für alle Menschen erfordert es einen kompetenten Lehrer.
49. Die Höhere Wirklichkeit und der ständige Impuls
Dr. Goel: Entwickeln sich die weltlichen Dinge auch in das Höhere Selbst hinein?
Swamiji: Wenn man akzeptiert, daß das Höhere Selbst auch diese weltlichen Dinge beinhaltet, so daß man nicht notwendiger Weise extra nach diesen weltlichen Dingen fragen muß, da ES alles beinhaltet, was man sich wünscht, - selbst Dein Fahrgeld für die Eisenbahn -, warum machst Du Dir dann über diese kleinen Dinge Gedanken, wenn sie bereits geregelt sind? Der Gedanke, etwas zu vermissen, ist schmerzlich, doch ich habe nichts davon gesagt, etwas zu vermissen. Das, was sich hier befindet, ist in besserer Art und Weise auch dort vorhanden.
Dr. Goel: Das, was hier ist, ist auch dort.
Swamiji: Warum solltest Du hierher kommen, wenn es bereits dort ist? Und es ist dort in einer weitaus größeren Dimension vorhanden, als Du es hier bekommen wirst; man bekommt hier nur einen Teil von dem, was man dort bekommt. Dort ist das Original; dies ist nur eine Reflexion. Warum möchtest Du also die Reflexion, wenn das Original vollkommen dort ist?
Dr. Goel: Das ist also der Grund, warum ich immer zum Höheren Selbst strebe.
Swamiji: Wenn Du ES möchtest, wird ES kommen. Eine Qualifikation ist nicht notwendig, Du mußt ES nur wünschen. Dies ist die einzige Qualifikation. Wenn ES nicht gewünscht wird, wird ES nicht kommen. ES kommt, wenn ES gewünscht wird, - doch ES muß vollkommen und nicht nur ein wenig gewünscht werden.
Was für eine Einstellung ist das, wenn ich Dich nur für einige Zeit mag? Ergibt das irgendeinen Sinn? Genauso verhältst Du Dich gegenüber Gott: „Ich mag Dich nur für einige Zeit, denn ich benötige Deine Hilfe; ansonsten schaffe ich es schon alleine.“ Was für ein Mensch bist Du?
Dr. Goel: Es gibt zu viel Selbstsüchtigkeit.
Swamiji: „Ich mag Dich, wenn ich etwas von Dir möchte. Wenn ich nichts mit Dir zu tun haben möchte, - auch gut, - dann gehe Deinen Geschäften nach.“ Solcher Art ist Dein Zwiegespräch mit Gott.
Dr. Goel: Ja. Es ist die Selbstsüchtigkeit.
Swamiji: Ja, wir verkaufen eine Menge an Süchten. Wie oft willst Du noch Deine Sucht verkaufen?
Dr. Goel: Ich möchte, daß alle meine Gedanken immer im Unendlichen und im Einklang mit der Allmacht stehen.
Swamiji: Wenn Du dort alles finden kannst, was ist dann das Problem? Das Problem liegt darin, daß Du nicht daran glaubst, alles dort zu finden. „Der Grund liegt im Herzen, das den Grund nicht kennt,“ ist eine alte Weisheit. Darum, was auch immer man spricht, das Herz wird sagen: „ Sei nicht zu optimistisch, sei vorsichtig,“ so ähnlich wird es von innen sprechen.“ „Am Ende verlierst Du Dich doch an einem unbekannten Ort. Sei vorsichtig.“ Und so verzögert sich Dein Aufbruch.
Gut, ich verstehe, wenn Du sagst, daß alles dort ist; doch das Herz hat einen Grund, der den Grund nicht kennt. Es wird Dir zuflüstern: „Sei nicht zu optimistisch; sei nicht dumm; gehe langsam.“ So wird es sprechen. Was soll man also tun? Auf welche Stimme soll man hören?
Und die Welt wird Dir sagen: „Ich habe so viele Jahre für Dich gesorgt, und was ist das jetzt für eine Idee, mich hinaus zu werfen und so davon zu gehen? Bist Du undankbar? Was bist Du für ein Mensch? So viele Menschen haben Dich beschützt, umsorgt und das aus Dir gemacht, was Du bist, und Du willst sie einfach hinauswerfen und irgendwo hingehen? Ist dies das Benehmen eines Gentleman?“ Das ist die innere Stimme.
Hunderte von Fragen werden von innen kommen, und zwar nicht immer alle auf einmal, sondern eine nach der anderen; schließlich erhebt sich jene Stimme: „Es ist eine hoffnungslose Sache, eine hoffnungslose Angelegenheit; nichts ist gekommen und es wird auch nichts kommen.“ Dieser schreckliche Gedanke mag sich auch von innen erheben.
Vor Gericht gibt es einige intelligente Rechtsanwälte. Bevor irgendeine Frage von der Gegenpartei gestellt wird, können sie sich im Geiste vergegenwärtigen, welche Frage sich ergeben wird. Sie stellen alle Fragen der Gegenpartei selbst, so, als wären sie von der Gegenpartei gestellt worden und geben später die entsprechenden Antworten, so daß die andere Partei nichts zu sagen hat. Wenn es sich um einen sehr fähigen Rechtsanwalt handelt, weiß er bereits, welche Frage sich erheben wird, die seiner eigenen Position widerspricht und kann sie dann entsprechend beantworten. Die Gegenpartei wird dann den Mund halten müssen.
Shankaracharya’s Kommentare sind sehr polemisch. „Wenn Du das so sagst, mag dies die richtige Antwort für Dich sein. Doch genauso gut magst Du widersprechen und sagen, daß dies falsch sei; für diesen Fall widerspreche ich auf die gleiche Weise.“
Es muß klar sein, welche Fragen sich erheben werden. Normalerweise kennt der Verstand nur zwei oder drei Fragen, die sich als hunderte offenbaren, wie Licht, das durch ein Prismenglas hundertfach gebrochen wird. Im Grunde gibt es nur zwei oder drei Fragen. Die ganze Menschheit hat nur zwei oder drei Fragen, doch scheinen sie ein Vielfaches zu sein, da sich die Ergebnisse aufgrund des Ego-Prismas in viele Formen verwandeln, die dann für jedermann schmerzlich und schrecklich sein können. Stelle ein Bild auf und halte zwei Gläser auf beiden Seiten dagegen. Du wirst Millionen von Bildern sehen, die auf beiden Seiten reflektiert werden. Obwohl nur ein Bild da ist, sieht es wie Millionen aus; auf diese Weise gibt es letztendlich nur einen Wunsch, der hundertfach erscheint, da er durch das besondere Medium des Egos hindurchgeht, das von dem zentralen Wunsch ablenkt und ihn vielfach erscheinen läßt.
Dr. Goel: Du hast gesagt, daß nichts außerhalb existiert; alles ist in Dir. Wie können wir uns selbst davon überzeugen, daß nichts existiert?
Swamiji: Wer ist „wir“? Wo sind „sie“? Du hast Dir selbst eine Niederlage beigebracht, in dem Du sagst: „Nichts existiert außerhalb, doch ich existiere.“ Du hast bereits behauptet, daß Du außerhalb existierst, und zur gleichen Zeit sagst Du, daß nichts außerhalb existiert. Damit widerspricht sich Deine Aussage. Wenn es nichts außerhalb gibt, existierst Du auch nicht; warum willst Du Dich dann noch selbst überzeugen? Dies bedeutet, daß Du immer noch als ein außenstehendes Objekt existierst.
Irgendwie kommst Du durch die Hintertür zu demselben Punkt. An der Vorderseite sagst Du, daß nichts existiert; an der Rückseite dagegen: Hier bin ich. Was macht das für einen Sinn? Das ist der Trick mit dem Hintereingang. Du schließt zwar die Vordertür und öffnest dafür hinten. Genau das machst Du.
Dr. Goel: So geschieht es im Leben.
Swamiji: Nein, das ist nicht in Ordnung. Die Benutzung des Hintereingangs ist nicht richtig. Dann sind beide, „Dr. Jekyll“ und „Herr Hyde“, Deine Freunde. Manchmal spricht der eine, manchmal der andere und Du weißt nicht, was Du tun sollst.
Dr. Goel: Ja, das ist richtig. Dies ist das Problem des Lebens.
Swamiji: Zwei Stimmen erzählen Dir unterschiedliche Dinge, genauso wie zwei Frauen einem Mann. Sie streiten sich und erzählen dann unterschiedliche Dinge, so daß sich der Mann sich hinterher verstecken muß. Er muß davonlaufen. Auf diese Weise erzählen Dir diese beiden Freunde zwei unterschiedliche Dinge. Entsprechend der Gefühlslage, den Erfordernissen und der inneren Stimme sieht manchmal dies und manchmal jenes richtig aus.
Dr. Goel: Doch was ist die Lösung? Das ist das Problem.
Swamiji: Du hast Dir bereits die Lösung gegeben. Das, was Du möchtest, ist überall; darum bist Du auch darin. Aus diesem Grund solltest Du keine Frage mehr stellen. Jegliche Fragestellung verdeutlicht, daß Du immer noch außerhalb stehst, womit Du die eigene Behauptung zunichte machst, daß es kein Außerhalb gibt. Die Frage vernichtet sich selbst.
Andrea: Swamiji, welches sind die beiden Kernfragen?
Swamiji: Ich wollte über all diese Dinge nicht sprechen, doch bist Du eine sehr gewitzte Person. Du hast verstanden, was ich gesagt habe. Du möchtest, bevor Du diesen Ort verläßt, alles wissen.
Andrea: Ja.
Swamiji: Möchtest Du wirklich alles wissen?
Andrea: Ja.
Swamiji: Sehr gut. Man sagt, daß nicht alles auf einmal erzählt werden sollte, denn es berührt den Kern einer Persönlichkeit sehr; solche Dinge sollten nur zwischen einem Guru und einem Schüler diskutiert werden; ansonsten ginge es über den Horizont der Leute hinaus oder könnte mißverstanden werden.
Der Kernwunsch des Menschen besteht darin, zu existieren, doch diese Existenz ist von verschiedenen Bedingungen abhängig. Der Hauptwunsch betrifft nur das Existieren: „Und wenn alles davongeht, ich möchte am Leben bleiben.“ Das Überleben ist der Kernwunsch. Wenn das Überleben bedroht ist, dann verschwinden auch automatisch alle anderen Wünsche. Wird ein Mensch, wenn er im Wasser ertrinkt, nach besserer Beschäftigung oder mehr Gehalt fragen? Wird er sich einen Bungalow wünschen? Wird er über all diese Dinge sprechen, wenn er im Wasser versinkt? Was geschieht mit seinem Wunsch nach einem Bungalow, nach mehr Gehalt und allem anderen? Warum sind diese Wünsche plötzlich verschwunden, wenn sie vorher vorhanden waren?
Dies bedeutet, daß die anderen Wünsche überflüssig sind und nur eine Hilfsfunktion zur Lösung der Kernfrage des Überlebens haben. Man möchte existieren und dieser Urinstinkt der Existenz, dieses Überleben, benutzt bestimmte Greifarme, Verzweigungen und Ausdrucksformen, um so viele Dinge wie möglich zu besitzen. Man braucht Besitz, der gewöhnlich als Wert bekannt ist. Durch den Wunsch nach Werten, versucht man sich selbst davon zu überzeugen, daß man in dieser Welt sicher ist.
Die Menschen fühlen sich sicher, wenn ihr Besitz groß ist. Ob diese Denkweise gerechtfertigt ist oder nicht, ist eine andere Sache. Es gibt immer Hunger nach immer mehr Besitz, denn man ist in das Gefühl verhaftet, dadurch persönlich große Sicherheit zu haben. Wenn kein Besitz vorhanden ist, vergeht die Sicherheit. Gleichzeitig gibt es noch ein anderes Bewußtsein darüber, daß dieser Körper nicht ewig überleben wird.
Es gibt zwei Dinge, die gleichzeitig arbeiten: einmal der Wunsch, nicht zu sterben, und zum anderen das Gefühl, daß der Tod sicherlich kommen wird. Wer möchte schon sterben? Niemand. Und wer glaubt schon daran, morgen zu sterben? Niemand. Niemand wird daran glauben, morgen zu sterben. Jedermann wird sagen, daß das nicht morgen, sondern etwas später sein wird. Wir schieben es so weit wie möglich vor uns her. Gleichzeitig, zusammen mit dieser sonderbaren Hoffnung, daß der Tod nicht stattfinden wird, gibt es aber ein Gefühl, daß der Tod sicherlich kommen wird. Auf diese Weise gibt es in dieser Hinsicht sich widerstreitende Gefühle.
Aufgrund des Gefühls, daß der Tod nicht eintreten wird, fahren wir fort Land zu kaufen, machen wir Einlagen bei der Bank, bauen wir Bungalows, erwerben wir Grund und Boden und erobern wir Königreiche. Warum tun wir das, wenn es als sicher gilt, daß morgen der letzte Tag sein könnte? Leider gibt es auch da das dumme Gefühl, daß morgen nicht der letzte Tag ist, -„ich werde überleben“. Wer hat gesagt, daß Du morgen überleben wirst? Dies ist das Gauklerstück des Verstandes.
Wenn diese dumme Überzeugung nicht vorhanden wäre, würde niemand irgend etwas in dieser Welt tun. Die Menschen sind sehr geschäftig und unternehmen alle möglichen Dinge, weil sie niemals daran denken, daß morgen der letzte Tag sein könnte, - es wird noch fünfzig Jahre gut gehen, doch gleichzeitig ist die Furcht vorhanden, daß uns der Tod ereilen könnte.
Das Ego fühlt ebenfalls die Notwendigkeit, seinen Zustand zu erhalten. Selbstbewahrung und Selbstzeugung, - dies sind die beiden Urinstinkte. Wir möchten uns irgendwie durch die Anhäufung von Werten, Reichtum usw., wie ich bereits erwähnte, selbst erhalten. Doch das andere Gefühl, daß uns eines Tages der Tod ereilen könnte, erzeugt in unserem Ego eine Furcht, so daß es sich wünscht, sich fortzusetzen; wobei es sich durch die Zuneigung von Nachkommenschaft auf eine sehr dumme Weise fortzusetzen wünscht.
Aus diesem besonderen Drang heraus entsteht so viel Druck. Der Wunsch für immer fortzubestehen, ist tatsächlich der Druck der Ewigkeit in Dir. Das Ewige verbirgt sich auf verkehrte Art und Weise hinter dem Wunsch nach Nachkommenschaft. Dies ist der Grund, warum der Sexualtrieb so stark ist. Außerdem gibt es auch einen Wunsch nach Sicherheit, zu dem sich weitere dumme Wünsche nach Anhäufung von Werten, von Besitz, von diesem und jenem usw. hinzufügen, so daß es zwei Dummheiten gibt, in denen die Menschen unaufhörlich gefangen sind.
Unter dem Eindruck, daß alles schön sei, lebt die Welt ein idiotisches Leben. Dies ist der Grund, warum ich nicht über diese Angelegenheiten sprechen möchte. Es hat weitere Nachspiele, darum habe ich nur kurz etwas in Beantwortung Deiner Frage gesagt. Es ist ein sehr tief gehendes Thema.
Andrea: Vielen Dank.
Ein amerikanischer Besucher: Wie kann diese Liebe, die unaufhörlich fließt und alles überflutet, eingeschränkt und irgendwelchen Bedingungen unterworfen werden.
Swamiji: Wenn Du ihr irgendeine Bedingung auferlegen möchtest, kannst Du es tun, doch wenn Du keine Bedingungen erschaffen möchtest, bedarf es keiner Bedingungen. Es hängt von dem eigenen Willen ab. Wenn man nur bestimmte Dinge und nicht alles lieben möchte, ist es eine Liebe, die auf Bedingungen beruht, doch wenn man alles gleichermaßen lieben möchte, ist es eine unbeschränkte Liebe. Es hängt von der individuellen Entscheidung ab.
Ein amerikanischer Besucher: Ich halte es mehr mit der unbeschränkten Liebe.
Swamiji: Denke sorgfältig darüber nach. Kannst Du Gott und den Teufel gleichermaßen lieben?
Ein amerikanischer Besucher: Es gibt keinen Teufel.
Swamiji: Die bloße Idee der Selbstexistenz steht im Gegensatz zur letztendlichen Wirklichkeit. Wer hat Dir gesagt, daß Du getrennt davon existierst? Diese Idee als solche ist der Anfang des Problems. Man muß es nicht unbedingt Teufel nennen, doch es ist etwas, das im Gegensatz zu Gott existiert. Man glaubt nicht, daß nur eine Sache existiert, da man denkt, daß man selbst auch existiert. Eine Aussage über etwas zu machen, erschafft Dualität. Wenn Du sprichst, dann sprichst Du nicht über Dich selbst, sondern Du sprichst über etwas anderes. Dieses „etwas“ und Du selbst erschaffen eine Dualität.
Wir müssen sehr sorgsam mit der Führung unserer Gedanken umgehen. Zu unterschiedlichen Zeiten fühlen wir unterschiedliche Dinge, und in verschiedenen Evolutionsstufen machen wir unterschiedliche Erfahrungen. Manchmal fühlen wir, daß wir alles selbst erledigen können und bedürfen keiner Hilfe. Ein anderes Mal fühlen wir, daß wir nichts selbst machen können, - alles geschieht sofort wie von selbst. Beide Gefühle entstehen in unserem Verstand zu unterschiedlichen Zeiten.
Manchmal scheint alles hoffnungslos zu sein: Nichts kann in dieser Welt erreicht werden. Diese entmutigende Verzweiflung kann sich auch unter bestimmten Bedingungen erheben. Es ist nicht so, daß jedermann so empfindet. Es gibt da Voraussetzungen, Umstände, die solche Gefühle hervorbringen können. Jene, die alles verloren haben, deren Verwandte verstorben sind und deren Leben an einem Wendepunkt angekommen ist, - was fühlen diese Menschen in dieser Zeit? Frage diese Menschen. Sie werden niemals glauben, daß es eine Gerechtigkeit in dieser Welt gibt. Obwohl deren Denkweise nicht richtig sein mag, so gibt ihnen die Tragödie, in der sie sich befinden, doch dieses Gefühl. Sie verfluchen selbst Gott. „Ich bin meiner selbst nicht sicher, denn alles wurde mir genommen, und solch ein Gott existiert.“
Existiert Gott? Diese Frage stellt Draupadi in der Mahabharata. Ich weiß nicht, ob Du Draupadi’s Geschichte kennst. Es ist ein interessantes Heldenepos aus Indien. Sie verflucht schließlich Gott Selbst. „ Ich weiß nicht, ob solch ein Gott existiert, DER uns in diese Tragödie gebracht hat,“ schrie sie. Dies ist die Situation, wo der Verstand zerbricht und die erlittenen Erfahrungen nicht mehr tolerieren kann. Es gibt Erfahrungen, die nicht tolerierbar sind, und viele Menschen gehen durch sie hindurch, als wären es Todesqualen.
Nicht jedermann ist mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden. Es gibt die unterschiedlichsten Erfahrungen, mit denen jeder rechnen muß. Große Könige wurden zu Staub zermalmt, Weltreiche dem Erdboden gleich gemacht. Machthaber, die die Erde regierten und glaubten, daß sie die Meister aller Dinge wären, haben sich in Luft aufgelöst. Warum geschehen all diese Dinge? Ist das nicht eine Tragödie?
Die Menschen können alle diese Dinge nicht so einfach schlucken. Sie wissen nicht, was da vor sich geht. Kriege finden statt und niemand weiß, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Wer geht? Wer kommt? Niemand weiß es. Wer läßt alle diese Dinge geschehen?
Nur ein beteiligter Mensch weiß, welche Gefühle sich in dieser Zeit erheben. Man muß mit der Tragödie des Krieges vertraut sein, dann erst wird man sehen, welche Gefühle man in dieser Zeit hat. Wenn man weit davon entfernt ist, drehen sich die Gedanken um andere Dinge.
Angenommen, jemand ist Kriegsgefangener und wird in ein Konzentrationslager gesteckt. Welche Gefühle wird er wohl haben? Wird er jetzt an Gott glauben? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es zeigt die Situation, die der Verstand verarbeiten muß, und er ist nicht in der Lage, alle Situationen zu verarbeiten. Bestimmte Dinge kann er verarbeiten, andere Dinge wiederum nicht; er zerbricht.
Es ist für einen Menschen eine große Sache, alles in dieser Welt zu erwarten; sogar das schlimmste muß angenommen werden, weshalb man auch nicht überrascht sein sollte, wenn es kommt. Man sollte nicht sagen: „Oh, dies habe ich niemals erwartet.“ Es gibt nichts, auf das man nicht vorbereitet sein sollte, sogar auf das schlimmste, selbst die Hölle, - man sollte auf alles vorbereitet sein. Selbst auf das sollte man vorbereitet sein. Denn man erwartet sie bereits und ist ihrer angesichtig. Doch, wenn sie überraschend kommt, weißt man nicht, wie man damit umgehen soll.
Da wir nicht allwissend sind, und da wir nicht mit allen Ereignissen im ganzen Kosmos vertraut sind, können wir nicht wissen, was zu welcher Zeit geschieht, denn wir stehen außerhalb des handelnden Mediums.
Wir fühlen sehr häufig, daß bestimmte Dinge geschehen sollten; gleichzeitig fühlen wir, daß bestimmte Dinge nicht geschehen sollten. Manchmal haben wir auch zwiespältige Gefühle. Warum sagen wir, daß bestimmte Dinge nicht geschehen sollten? Wir haben selbst eine Dualität in der Schöpfung erschaffen, denn solche Dinge, von denen wir wünschen, daß sie nicht stattfinden, werden als nicht schmackhaft und sogar zerstörerisch für unseren wertvollen Körper und Verstand bezeichnet. Dinge, die im Gegensatz zu unserem Wohlergehen stehen, nennen wir schlecht, und jene Dinge, die zu unserem Vergnügen beitragen, bezeichnen wir als gut. Unsere Idee von gut und schlecht ist mit unserer persönlichen Wahrnehmung verbunden, - so wie wir es wahrnehmen.
Nicht alle Menschen können die verschiedenen Prüfungen, die Gott uns als Strafe für die Selbstbehauptung des Ego’ Tag für Tag auferlegt, glücklich überstehen. Unser Ego ist der Dämon. Dies ist Luzifer, falls es so etwas überhaupt gibt. Das Beharren auf der Individualität ist Luzifer, und Gott hat ihn kopfüber aus dem Paradies geworfen; doch genauso sehen wir die Dinge. Wir erkennen das Äußere als das Innere und das Innere als das Äußere. Dies geschieht mit uns allen.
Die Welt befindet sich nicht außerhalb von uns; und doch sehen wir sie so. Dies ist die Strafe, die Gott über uns verhängt hat: „Ihr seht alles seitenverkehrt, denn Ihr habt Euch alle als unabhängig von MIR betrachtet. Geht! Ich werde ein Flammenschwert am Tor des Himmels aufstellen, damit Ihr nicht eintreten könnt.“ Dies ist die Geschichte vom Ego; dem Gegenspieler Gottes.
Was bedeutet Hochzeit:
Den Wissenschaftlern ist das Phänomen des „Urknalls“ als Ereignis, welches als ursächlicher Schöpfungsakt angenommen wird, bekannt. Die Bedeutung, die diesem Phänomen beigemessen wird lautet, daß das Universum ursprünglich ein einziges kosmisches Atom war (in der Sanskritterminologie als Brahmanda bekannt), welches durch den Urknall in einer beispielhaften Selbstteilung, in ein sogenanntes Kosmisches Subjekt und Objekt zerfiel. In der Brihadaranyaka Upanishad wird bereits beschrieben, daß das Eine Universale Selbst sich als eine subjektive und objektive Seite des Selbst (Kosmisches Positiv und Kosmisches Negativ) projiziert. Es scheint dies das fesselnde Geheimnis hinter der Beziehung der beiden Kosmischen Teile zu sein, daß auf der einen Seite die Dualität des Positiven und Negativen und auf der anderen Seite die Wechselbeziehung des Positiven und Negativen existiert, die beiden Phasen wirklich als die beiden Arten des phänomenalen Ereignisses, in der ansonsten als Einheit unteilbaren, ursprünglichen Existenz in Erscheinung treten.
Der Heilige Yajnavalkya sagt, daß jede Lebenseinheit, eine Teil-Erbse darstellt, von der man nicht so einfach sagen kann, ob die Erbse aus einem Teil oder zwei Teilen besteht, die zusammengefügt wurden. Auch die Idee einer zweipoligen Einflußnahme vermittelt den Eindruck der gegenseitigen Existenz von Raum und Zeit, und selbst wenn das scheinbar zwiefältige Leben als eine Erscheinung des ursprünglichen einen Lebens akzeptiert wird, kann die Idee des „anderen“ sich nicht erheben, wenn kein Medium, durch das es wahrgenommen wird, vorhanden ist, so als würde eine Person sich selbst im Spiegel sehen. Solch eine Möglichkeit schließt die Existenz von Raum und Zeit ein, die in der Schöpfung die größte Ausdehnung haben. Niemand kann die wirkliche Bedeutung verstehen, seitdem diese Dinge mit dem Denkprozeß verbunden sind und auch niemand kann seine Existenz verneinen.
In der Brihadaranyaka Upanishad steht weiter geschrieben, daß die beiden kosmischen Teile dem Ehemann und der Ehefrau zugeordnet werden können, wobei in diesem Zusammenhang der eine Teil hinter dem anderen herläuft, um mit ihm in Berührung zu kommen, während der andere Teil vor der Berührung davonläuft, da solch eine Berührung unmöglich ist, weil der sogenannte „andere“ nicht von dem Kontaktsuchenden zu trennen ist. Es steht in den Unpanishaden geschrieben, daß, obwohl sich der weibliche Aspekt der männlichen Berührung entziehen will, dieser Versuch durch die Ähnlichkeit der beiden Aspekte einer solchen Berührung bedeutungslos und verfehlt zu sein scheint. In den Unpanishaden geht man noch weiter und sagt, daß durch die gegenseitige Anziehungskraft des Ganzen, sich das Selbst von den Göttern im Himmel bis hinunter zu den Menschen, Tieren, Pflanzen und Bäumen und weiter bis hin zu den niedrigsten Geschöpfen, wie Insekten reduziert und zu einem immer kleiner werdenden „Ganzen“ wird, und daß diese duale Anziehungskraft überall in der Schöpfung vom höchsten bis hin zum niedrigsten erschaffenen Element gegenwärtig ist.
Seitdem es im menschlichen Dasein ein Element des Instinktes der niederen Spezies und gleichzeitig einen Verstand gibt, der die Charakteristik den transzendentalen Existenz widerspiegelt, nimmt diese ursprüngliche Existenz der gegenseitigen Anziehungskraft auf der menschlichen Ebene eine interessante Wendung. Während in den früheren Stufen der Evolution, wie bereits erwähnt, der Prozeß der gegenseitigen Anziehungskraft mehr oder weniger spontan abläuft, so wird es durch den Zusammenstoß von Verstand und Instinkt auf der menschlichen Ebene etwas komplizierter, was Not und Elend hervorruft, und was jeder in seinem Leben tagtäglich erleben kann. Der Mensch ist einerseits ein Teil der menschlichen Gesellschaft, deren Gesetze die Aktivitäten des Einzelnen bestimmen, während anderseits die instinktiven Impulse aus einer anderen Ebene kommen und beharrlich auf einer übergeordneten Lenkung bestehen, und wenn diese Instinkte stark genug sind, können sie sehr zum Verdruß des Einzelnen, wie aus der Geschichte der Menschheit bekannt ist, gegen gesellschaftliche Normen rebellieren. Um diesen Konflikt zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft zu beseitigen, haben die Menschen unter sich in einer allgemein gültigen Übereinkunft ein System, nämlich die Hochzeit, eingeführt.
Was bedeutet Hochzeit wirklich? Es ist ziemlich eindeutig, daß dies die Legalisierung zur Erhaltung und dann zur Kontrolle über eine unkontrollierte Aktivität der Vernichtung des angeborenen Instinktes der existierenden gegenseitigen Anziehungskraft darstellt. Der Grund dafür ist, daß der Mensch nicht isoliert außerhalb der Gesellschaft leben kann, denn die Existenz ohne Kooperation mit anderen ist schwierig. So lange dieser Instinkt in jedem Menschen gegenwärtig ist, und jeder ihn so weit wie möglich auslebt, kommt es bei solchem Verhalten dann zu Schwierigkeiten, wenn jemand anders dasselbe tun möchte. Dies führt dazu, daß die Institution der Ehe diesem Instinkt einen bestimmten Rahmen der Freiheit innerhalb der gesellschaftlichen Normen unter der Berücksichtigung des Wohlergehens für jeden Menschen dieser Gesellschaft gewährt.
Doch bei allem, was vorher gesagt wurde, erhebt sich die Frage, wie kommt es zwischen Mann und Frau zu einer solchen Anziehungskraft. Um diese Frage philosophisch im Lichte dessen, was vorher gesagt wurde, zu beantworten, gibt es dafür die Erklärung, daß es sich hierbei um das Bemühen zweier Teile eines Ganzen handelt, die sich in einer einzigen Existenz vereinigen möchten. Doch da zwei Dinge nicht EINS werden können, scheitert der sexuelle Drang in der Erfüllung seines Zieles und endet in Erbitterung, Auflösung und einem Mißtrauen gegenüber dem Sinn des Lebens. Der andere Aspekt ist die vernachlässigte Seite des Phänomens, nämlich, die Absicht der Natur, die Spezies zu vervielfältigen. Ein jeder kennt die Macht der Natur und kann ihr nicht widerstehen. Die Wahrscheinlichkeit des Neuankömmlings (Geburt), die die Welt vorwärtstreibt und, was wir als kommende Existenz eines Kindes bezeichnen, ist der Prozeß eines Impulses, seit das Kind genauso wie Vater oder Mutter ein vollkommenes Ganzes ist. Der Druck des kommenden Individuums ist sehr stark, und er zwingt Mann und Frau, mit derartig großer Heftigkeit einander zu suchen, daß selbst die männlichen und weiblichen Elemente, wenn dieser Impuls nicht befriedigt werden könnte, den Wunsch hätten zu sterben, wobei sie dabei vergessen, daß sie nur der Eingebung der Natur folgen, obgleich die Natur sie klugerweise in der Illusion beläßt, daß das, was sie tun, für ihr eigenes Wohlergehen sei. Seit alles durch die Zeit zerstört wird, wird befürchtet, daß die eigene Existenz eines Tages beendet sein könnte, und um diesem möglichen Kummer zu entfliehen, wünscht sich der biologische Impuls ein Kind, ein Sohn oder eine Tochter als eine Kopie der Eltern, zu reproduzieren, so, als würden sie sich selbst umarmen können, und als wäre das Kind untrennbar von den Eltern. Wenn man die Tatsache betrachtet, daß sich niemand gegen den Einfluß der Natur wehren kann, sollte das durch die Hochzeit erlaubte Sexualleben als vernünftig und unvermeidbar angesehen werden, doch, betrachtet man das Wohlergehen von Mann und Frau, so bringt es keinen solchen Vorteil, denn es endet im Energieverlust, im langsamen Älter werden und in physikalischer Auflösung. Es sieht so aus, als wäre die ganze Schöpfung ein „Versteckspiel“ der existentiellen Wahrheiten, wobei jeder unter dem Eindruck seiner Hoffnungslosigkeit etwas tut, von dem er annimmt, daß er es aus freiem Willen und in der Annahme der eigenen unsterblichen Zufriedenheit täte, während es sich bei dem ganzen Unternehmen tatsächlich eher um den angenommenen freien Willen einer hypnotisierten Person handelt, dem Willen des Hypnotiseurs folgend.