30. Östliches und westliches Denken
Ein Besucher aus Amerika: Ich möchte etwas über die östliche Denkweise bzw. Intuition erfahren. Und ich möchte gerne wissen, was Du glaubst, was wichtig für mich wäre, um Amerikaner und andere westliche Menschen im kreativen Denken zu unterrichten?
Swamiji: Unterrichtest Du in einem Kolleg oder einer Schule?
Besucher: Beides. Ich unterrichte kleine Kinder ebenso wie Erwachsene.
Swamiji: Was unterrichtest Du?
Besucher: Ich unterrichte kreatives Denken. Ich unterrichte die talentierten und aufgeweckten Kinder.
Swamiji: Kreatives Denken?
Besucher: Ja.
Swamiji: Ist das eine besondere Art von Psychologie?
Besucher: Es ist auch Psychologie dabei, aber der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung des kreativen Denkens.
Swamiji: Aber dennoch ist es ein Teil der Psychologie. Willst Du damit erreichen, daß Deine Schüler die rationale Denkweise aufgeben?
Besucher: Ich möchte es mit der intuitiven Denkweise vermischen.
Swamiji: Ja, es ist richtig, die rationale Denkweise nicht aufzugeben, sondern mit der intuitiven Denkweise zu vermischen.
Besucher: Ja. Vermischen.
Swamiji: Dieses Thema gehört beinahe zur Philosophie.
Besucher: Ja.
Swamiji: Es ist die Berührung des östlichen und westlichen Verständnisses über die Wertvorstellungen. Diese Frage kann man nicht in wenigen Minuten beantworten. Dies ist ein großes weltbewegendes Thema.
Besucher: Ich weiß, es ist ein riesiges Thema!
Swamiji: Hast Du dieses Thema studiert? Hast Du irgendwelche Bücher darüber gelesen?
Besucher: Ich habe gerade meine Dissertation darüber abgeschlossen und forschte darüber nach, wo ich die Frage .......
Swamiji: Was ist das Thema Deiner Dissertation?
Besucher: Es ist eine Untersuchung über den kreativen Denkprozeß. Über viele Jahre hinweg habe ich verschiedene Autoren studiert, die sich mit diesem Thema befaßt haben.
Swamiji: Nun, wo liegt Deiner Meinung nach der Fehler in der westlichen Denkweise?
Besucher: Der Fehler? Der Fehler liegt darin, daß sie den intuitiven Verstand entweder nicht schätzen oder nicht benutzen wollen. Sie benutzen weder die Bildersprache noch die Visualisierung als Denkprozeß. Sie hören weder auf ihre „Innere Stimme“ noch auf die „Quelle des Universums“. Ihre Körper sind vom Verstand, ihren Herzen und Gefühlen getrennt.
Swamiji: Ist der Körper bei jedem westlichen Menschen vom Verstand und vom Herzen getrennt?
Besucher: Nicht bei jedem westlichen Menschen - das hoffe ich nicht! Aber ich meine, daß in den Grundschulen......
Swamiji: Die europäische Denkweise ist normalerweise nur auf Erfahrungen aufgebaut.
Besucher: Ja.
Swamiji: Die Europäische Denkweise basiert auf Sinneswahrnehmungen und deren Schlußfolgerungen beruhen ebenfalls auf Wahrnehmungen durch die Sinne, wobei man nichts glaubt, was nicht wissenschaftlich nachprüfbar ist. Dies ist eine der typischen westlichen Charaktereigenschaften: Es wird nichts geglaubt, was nicht wissenschaftlich beweisbar ist. Diese Denkweise ist außerdem zum großen Teil von sozialen Aspekten abhängig, denn die westlichen Menschen denken in persönlichen und gesellschaftlichen Mustern. Die individuelle Wertigkeit und der persönliche Wert in der Gesellschaft wird nicht aufgegeben. In der östlichen Denkweise liegt die Betonung auf den Universellen Prinzipien des Lebens. Sie beruht nicht nur auf Erfahrungen, sonder auch auf Vernunft. Ihre Betonung liegt auf den Basisgrundsätzen aller Lebenswerte, von denen die Menschen im Osten glauben, daß sie ihrer Natur gemäß universell sind.
Das westliche Denken folgert die Universalität einer Sache aus der Beobachtung besonderer Einzelfälle. Wo viele Pferde sind, liegt dem östlichen Denken gemäß, ein allgemeines universelles Prinzip namens „Pferdhaftigkeit“ zugrunde. Die Universalität besteht in der westlichen Denkweise nicht grundsätzlich. Sie existiert nur aufgrund einer Schlußfolgerung, die bei der Beobachtung vieler Einzelheiten festgestellt wird. In der östlichen Denkweise steht die Universalität über dem Einzelnen, in der westlichen Denkweise hingegen steht das Einzelne über der Universalität. Hier liegt der große Unterschied zwischen der westlichen und der östlichen Denkweise. Tatsache ist, daß die Universalität nicht von der Beobachtung des Einzelnen abgeleitet werden kann, denn die Universalität kann auch ohne das Einzelne existieren.
Wir sind tief in das Reich der Philosophie hineingegangen, und ich möchte mit Dir nicht zuviel über dieses Thema sprechen. Ich kann Dir nur vorschlagen, bestimmte Dinge darüber zu lesen, wo beschrieben wird, wie Menschen eine Harmonie zwischen den beiden Denkweisen erreicht haben. Ich wäre überrascht, wenn Du irgendein Buch über die Vermischung der östlichen und westlichen Denkweise studiert hättest.
Besucher: Nein, habe ich nicht.
Swamiji: Hast Du von einem derartigen Versuch noch nichts gehört?
Besucher: Ich habe etwas von einer Ausbilderin in Kalifornien gehört. Sie heißt Barbara Clark. Sie versucht, die Vereinigung des rationalen mit der mehr intuitiven östlichen Denkweise zu erreichen.
Swamiji: Östliches Denken ist nicht irrational.
Besucher: Nein, nein! Es ist rationales Denken zuzüglich Intuition.
Swamiji: Es basiert auf intuitiver Wahrnehmung.
Besucher. Ja.
Swamiji: Rationalität steht nicht im Widerspruch zu intuitiver Wahrnehmung, obgleich seine Gültigkeit akzeptiert wird. Hast Du irgendein Buch über die östliche Philosophie gelesen?
Besucher: Welches? Jedenfalls keines über Erziehung.
Swamiji: Worüber wir diskutieren, hat nichts mit Ausbildung zu tun. Es ist etwas Philosophisches. Bist Du mit irgendeiner Abhandlung über dieses Thema schon in Berührung gekommen?
Besucher: Nein, eigentlich nicht.
Swamiji: Um herauszufinden, was wir wissen möchten, müssen wir zunächst wissen, woraus dieses Universum besteht. Du lebst in einer Welt, nicht wahr?
Besucher: Ja.
Swamiji: Aus welchem Material besteht die Welt? Woraus wurde sie gemacht? Wenn man aus größerer Entfernung das Universum, Dich und mich eingeschlossen, betrachtet - welche Struktur hat das Universum, und was bestimmt diese Struktur aller Dinge, die sich im Universum befindet? Alles im Universum wird in jeder Weise durch die Gesamtstruktur bestimmt, zu dem alle Einzelteile gehören. Darum muß man zuerst wissen, was dieses Universum eigentlich ist. Was ist dieses Universum? Hier beginnt die Philosophie.
Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Entsprechend der westlichen Denkweise befindet sich die Welt vollkommen außerhalb des Individuums. Die Welt wird als Objekt behandelt, weil sie sich außerhalb von Dir befindet und Dich nicht berührt. Die Welt ist das Objekt Deiner subjektiven Wahrnehmungen. Du kannst damit umgehen, ohne davon berührt zu sein oder irgend etwas mit der Außenwelt zu tun zu haben. Das Subjekt trägt nichts zur Natur des Objektes bei. Dies ist die moderne wissenschaftliche Betrachtungsweise. Die Welt der Wissenschaft betrachtet die Objekte der Welt als völlig unabhängig vom Beobachter. In Indien, - im östlichen Denken -, ist dies selbst völlig anders. Die Welt befindet sich hier nicht außerhalb des Betrachters, da man ein Teil der Welt ist, - wie will man sonst die Welt studieren? Studiert man womöglich sein eigenes Selbst? Man muß sich über die Konsequenzen dieser Denkweise klar werden. Kommst Du zu dem Ergebnis, daß sich die Welt vollkommen außerhalb von Dir selbst befindet und sie Dich überhaupt nicht berührt? Ich denke, daß es sich nicht so verhält.
Besucher: Es ist ein großer Fehler.
Swamiji: Die Welt beeinflußt Dich auf außerordentliche Weise, und man muß verstehen, um welche Einflußarten es sich dabei handelt. Es gibt zwei Einflußarten: mechanische und organische. Ein organischer Einfluß ist wie der Einfluß des ganzen Körpers auf seine Körperglieder. Das Mechanische verhält sich wie bei einer Maschine, wobei die Maschinenteile die Maschinenstruktur beeinflussen. Genauso muß man sich vorstellen, wie man selbst die Welt beeinflußt. Worin besteht die Beziehung zwischen Dir und der Welt? Über dieses Thema kommt man zu dem, was in philosophischen Zirkeln als Erkenntnislehre bekannt ist. Wenn man noch weiter darüber nachdenkt, steigt man tief in das Thema ein.
Da man nicht außerhalb der Welt stehen kann, beschließt man letztendlich, daß „man selbst die Welt ist“. Man wird zu diesem Ergebnis kommen. Wie aber will man mit der Welt umgehen, wenn man selbst die Welt ist? Man muß mit ihr in der Weise umgehen, wie man mit sich selbst umgeht. Weiter sollte ich jetzt nicht mehr mit Dir darüber sprechen, sondern Dich zunächst mit einigen Untersuchungen vertraut machen, so daß Du sehen wirst, welche enormen Unterschiede es dabei im Denken gibt. Das Studium der Welt ist nur ein Studium Deines eigenen Selbst’. „Kenne Dein Selbst und sei frei“, sagt das Orakel von Delphi.
Besucher: Das wird meine nächste Reise sein.
Swamiji: Ich werde Dich morgen wiedersehen. Hari Om.
Besucher: Wir haben gestern mit dem „Erkenne Dein Selbst“ aufgehört und es scheint so, daß sich der westliche Geist dagegen auflehnt „sein Selbst zu erkennen“.
Swamiji: Das liegt daran, daß der westliche Verstand nicht weiß, was das „Selbst“ ist. Ein altes Sprichwort sagt: „Verleumde erst den Hund und dann verdamme ihn.“ Wenn Du jemanden kritisieren möchtest, finde zuerst einen Fehler bei dieser Person, dann kannst Du sie kritisieren. Eine Person, die nicht weiß, was das Selbst ist, hat nicht das Recht darüber zu sprechen, - und der westliche Geist kann solange nicht darüber sprechen, solange er nicht genau herausgefunden hat, was das Selbst ist. Man hat selbst über das Selbst eine falsche Vorstellung. Was ist das Selbst, der westlichen Denkweise entsprechend. Es ist dort das rein körperlich gebundene psychologische Selbst? Dies ist es, was man dort glaubt, aber das ist eine falsche Definition. Das SELBST befindet sich nicht innerhalb des Körpers.
Besucher: Für den westlichen Verstand ist das SELBST häufig nur die Wahrnehmung, der Denkprozeß.
Swamiji: Das zeugt von Denkarmut, was sehr bedauerlich und unkorrekt ist. Das SELBST befindet sich nicht im Körper, es ist weder in der Großhirnrinde noch im Gehirn. Es ist Bewußtsein, ein Bewußtheitsprinzip. Warum stellst Du mir diese Frage? Welche Bedeutung hat sie für Deinen psychologischen Unterricht?
Besucher: Ich bin ein Lehrer.
Swamiji: Du brauchst das Thema vom SELBST Deinen Schülern nicht näherzubringen, weil es möglicherweise nicht Teil Deines Lehrplanes ist.
Besucher: Oh doch, ist es schon!
Swamiji: Warum sprichst Du über das SELBST? Die Psychologie benötigt kein SELBST. Sie ist ein Studium des Verstandes, der Vernunft und der Gefühle, ein Studium der psychischen Funktionen. Warum machst Du Dir also Gedanken über das SELBST? Laß es sein oder nicht sein. Was kümmert ES uns?
Besucher: ES sich entwickeln lassen, wie ES ist?
Swamiji: Kümmere Dich überhaupt nicht um das SELBST. Was macht es schon? Warum sollte es ein SELBST geben? Dein Verstand und Vernunft, Deine Gefühle und die psychischen Bewegungen sind da, und Du bist darin eingebunden, - das ist das wirkliche menschliche Sein. Was man menschliches Sein nennt, ist eine Anhäufung psychologischer Funktionen. Was findest Du darüber hinaus im menschlichen Dasein? Was gibt es außer diesem Körper und der psychologischen Funktionen noch im menschlichen Dasein? An dieser Stelle endet das westliche Denken und geht auch nicht darüber hinaus, weil darüber hinaus nichts sichtbar, wahrnehmbar, denkbar und auch nicht für das eigene Leben notwendig ist.
Welchen Nutzen hat das Leben? Es gibt ein Denksystem namens Pragmatismus und Utilitarismus. Alles, was gut im Leben funktioniert, ist wirklich und alles andere ist unwirklich, damit man ohne das Vorhandensein eines SELBST ein glückliches Leben führen kann. Was ist gut daran, über das Selbst nachzudenken? Es muß einen Grund dafür geben? Wie kommt das Selbst überhaupt in den Blickpunkt, wenn man Psychologie studiert? Es gibt kein SELBST in der Psychologie, es gibt dort nur eine mentale Funktion. Ich frage Dich deshalb, wieso hast Du die Frage nach dem SELBST gestellt, wenn ES nicht Teil Deines Lehrplanes ist?
Besucher: Für den westlichen Verstand?
Swamiji: Ja.
Besucher: Ich sage, daß ES sein sollte. Man sollte über ES sprechen.
Swamiji: Warum sollte man? Angenommen, man würde nicht darüber sprechen, worin liegt der Verlust?
Besucher: Was man dadurch verlieren würde?
Swamiji: Ja. Was würde man dadurch verlieren? Man kommt auch ohne ES gut aus.
Besucher: Oh, Ich nehme an, daß man auch so gut weiterkommt.
Swamiji: Ja, ja. Worin liegt also das Problem? Wenn man ES berührt, ist man sofort in einer „Zwickmühle“.
Besucher: Ja. Ist es denn für mich als Lehrer nicht notwendig, darüber zu sprechen?
Swamiji: Für einen persönlich Strebenden, einen neugierigen Sucher oder einen Liebhaber der Absoluten Wirklichkeit kann man ES in seine Betrachtung einbeziehen und versuchen herauszufinden, was ES ist, aber für einen Psychologielehrer ist es nicht erforderlich. Wenn man neugierig und wißbegierig ist und nach höheren Wirklichkeiten als denen strebt, die in der Welt zu Verfügung stehen, - wenn man mit allen sichtbaren Dingen in der Welt unzufrieden ist, - wenn man fühlt, daß es noch etwas mehr in dieser Welt geben muß, als nur Endliches und Sterbliches, und daß es etwas geben muß, das nicht dem Zeitprozeß unterworfen ist, - wenn man nach einer endlosen Wirklichkeit sucht, - wenn dieses Streben vorhanden ist, dann stellt sich die Frage nach dem SELBST. Verfolgst Du diesen Weg oder bist Du mit Deiner Aufgabe als Psychologielehrer zufrieden?
Besucher: Nein. Ich bin kein Psychologielehrer, aber ich glaube, daß die Leute auf eine Ebene der Bewußtheit im allgemeinen kommen und dabei den Widerstand gegenüber der Selbsterkenntnis ablegen sollten.
Swamiji: Du brauchst dafür ein Training in diesem Ashram. Du mußt Dich hier einem Studiengang unterziehen, denn dies ist kein Thema, das auf dem Marktplatz diskutiert wird.
Besucher: Nein, - das verstehe ich.
Swamiji: Dies ist eine ernste Angelegenheit. Sie kann nicht so einfach verstanden werden, aber, wenn man ES einmal erkannt hat, will man nichts anderes mehr in dieser Welt.
Besucher: Das ist wahr.
Swamiji: Du wirst einfach darauf gedrillt, um zu erkennen, was ES ist.
Besucher: Das ist wahr. Um ein Gefühl für das SELBST zu bekommen, frage ich als Lehrer: „Wie kann man ES in Kindern, in anderen Menschen und in Lehrern, die Lehrer unterrichten, entwickeln?“
Swamiji: Das ist Psychologie. Du kommst wieder zur Psychologie zurück. Man kann ein sehr guter Student und Psychologielehrer sein, ohne dabei über das SELBST zu sprechen. Psychologen sprechen tatsächlich niemals über das SELBST. ES existiert überhaupt nicht. Für die Psychologen, wie zum Beispiel David Hume, ist ES eine Art Illusion. Hast Du jemals von ihm und auch von Freud gehört?
Besucher: Ja, das habe ich.
Swamiji: Sie sagen, daß es so etwas wie das SELBST überhaupt nicht gibt, - ES existiert einfach nicht.
Besucher: Nun gut, ich teile deren Meinung nicht unbedingt.
Swamiji: Selbst wenn Du der selben Ansicht bist, was verlierst Du dabei? Wenn Du dadurch etwas verlierst, dann ist das etwas anderes. Einige standhafte westliche Denker - natürlich mit einigen Ausnahmen - beharren auf der Ansicht, daß das SELBST von zweifelhafter, begrifflicher und halluzinatorischer Existenz ist. Freud und andere wollen Glauben machen, daß Religion nur eine Illusion ist, und daß Gott, das SELBST und alle anderen nur Begriffe sind, die mit dieser Illusion verbunden sind, so daß wir auch ohne sie glücklich sein können. Man kann auch ohne Gott glücklich sein. Warum will jemand überhaupt einen Gott? Frage Freud, er wird Dir alles über diese Dinge erzählen. Kennst Du Freuds Psychologie? Was sagt er über das SELBST? ES existiert nicht!
Besucher: Ja. Er ist diesen Dingen gegenüber offen.
Swamiji: Frage Freud, ob ES existiert. Frag ihn! Ich kann Freud selbst fragen: „Existierst Du oder nicht? Oder existiert jemand anders?“
Luciano: Swamiji, Du sagtest, das Leben kann im psychologischen Sinne glücklich sein, doch die Erfahrung zeigt uns, daß nicht alle Leben glücklich verlaufen.
Swamiji: Alle sind glücklich, oder ist jemand nicht glücklich? Dann laßt es mich wissen, wer von den hier sitzenden Menschen nicht glücklich ist? Sie sind alle gesund, sie haben Frühstück und Mittagessen bekommen und sie haben gut geschlafen. Haben Sie auch Geld bekommen? Sag’ mir, was hast du für ein Problem? Wenn irgend etwa falsch läuft, laß es mich wissen. Du hast eine gute Arbeit, gutes Einkommen und eine gute Gesundheit, Du wirst medizinisch versorgt und kannst reisen, wohin Du möchtest. Was läuft in Deinem Leben verkehrt?
Luciano: Gar nichts.
Swamiji: Was ist am Leben falsch? Alles ist gut. Nach allgemeiner westlicher Auffassung sagt man, alles ist in Ordnung. Aber es ist eben nicht alles in Ordnung!
Amerikanischer Besucher: Das ist wahr.
Swamiji: Es gibt noch eine Kehrseite der Medaille. Man träumt, daß alles gut ist, und doch hängt das Damoklesschwert über Deinem Kopf, was jedoch niemanden interessiert und auch niemanden stört. Weißt Du, was das Damoklesschwert bedeutet?
Besucher: Ja.
Swamiji: Das Damoklesschwert - das Schwert des „Todes“ - kann alle Werte des Lebens innerhalb einer Minute auslöschen. Deine ganze Ehre, Studien, Pomp und Besitz können innerhalb einer Sekunde durch den Tod ausgelöscht werden. Wo befindet sich der Tod? Ich richte an Dich als Psychologen die Frage: Warum sollte überhaupt irgend jemand sterben? Was würde es ausmachen, wenn niemand sterben würde? Laß alle Leute am Leben.
Besucher: Es gibt einen Kreislauf.
Swamiji: Möchtest Du, daß jemand stirbt?
Besucher: Sie müssen sterben. Es ist ein Teil des natürlichen Kreislaufes.
Swamiji: Nun gut, glaubst Du an die Existenz der NATUR?
Besucher: Oh, ja.
Swamiji: Ist man der NATUR untergeordnet oder ist man unabhängig? Hat man keine Wahlfreiheit? Ist man ein Diener der Natur, deren Befehlen man gehorchen muß, um dann von ihr getötet und womöglich wiedergeboren zu werden? Ist man ein Sklave der NATUR-Gesetze oder ist man weitestgehend unabhängig? Sag’ es mir. Wer möchte schon der Sklave irgendwelcher Gesetze sein? Sogar in politischen Parteien suchen die Menschen nach Unabhängigkeit. Sie wollen auch keine Diener der Regierung sein. Sie wollen Unabhängigkeit. Jeder strebt nach Unabhängigkeit. Wie kannst Du sagen, daß die NATUR hart zu Dir ist und Dich sogar eines Tages töten will? Zu welcher Art von NATUR gehörst Du, und wer erschuf diese monströse NATUR? Wer ist diese gefährliche Person, die solch eine NATUR erschuf, die jeden wieder schluckt? Man muß diese Fragen beantworten und kann sich nicht einfach an ihnen vorbeidrücken. Dies ist der Samen des beginnenden psychologischen Denkens - Fragen über Fragen, bis man eine Antwort bekommt.
Besucher: Ja.
Swamiji: Ich kann nicht viel mit Dir sprechen. Ich habe Dir gesagt, daß Du für längere Zeit hierbleiben und an einem Kursus teilnehmen mußt, währenddessen Du einige Studien betreiben kannst, die vielleicht fünfzig Prozent Deiner Probleme lösen werden. Ich kann Dir etwas Literatur zum Studieren geben.
Besucher: Gut, das will ich tun.
Swamiji: Diese Fragen, die Du gestellt hast, und die ich versucht habe zu beantworten, sind Fragen, die das Leben als Ganzes betreffen. Es ist nicht Dein oder mein Problem, es ist ein Problem der ganzen Schöpfung. Man kann es nicht innerhalb einer Minute gründlich erörtern, man braucht dafür Zeit und genug Geduld und den starken Wunsch, es wissen zu wollen.
Besucher: Ja, ich verstehe das.
Swamiji: Andererseits, wenn alles in Ordnung ist, sei glücklich.
Besucher: Ich kann nicht hierbleiben, aber mein Herz bleibt bei Dir. Danke.
31. Die Sinne: Zwei Arten des Opfers
Swamiji: Sharmaji, im vierten Kapitel der Bhagavad Gita sagt Bhagavan Shri Krishna, daß es verschiedene Opferformen gibt. Einige opfern, indem sie die Objekte ihren Sinnen, und andere, indem sie ihre Sinne den Objekten opfern; darum gibt es zwei Arten des Opfers. Was bedeutet das? Es sieht so aus, als handelt es sich dabei um zwei gegensätzliche Dinge, denn in dem einen Fall opfert man das Objekt den Sinnen, und in dem anderen Fall opfert man die Sinne den Objekten. Was bedeutet das?
Shri Krishna Sharma: Ist das nicht dasselbe, Swamiji?
Swamiji: Man opfert einerseits die Sinne den Objekten und andererseits die Objekte den Sinnen. Wie kannst Du sagen, daß das dieselbe Bedeutung hat? Es sind zwei verschiedene Dinge. Aber, worin liegt ihre wahre Bedeutung? Beide werden, obwohl sie gegensätzlich sind, als Opfer betrachtet.
Srotradini’ndriyany anye samyam’agnisu juhvati; sabdadin visayan anya indriy’agnisu juhvati. Sarvani’ndriya-karmani pranakarmani ca’pare; atma-samyama Yogagnau juhvati jnana-dipite. So lautet der Sloka. Einige Leute verrichten ihre Opfer, in dem sie ihre Sinnesorgane vom Kontakt mit den Objekten zurückziehen. Das ist die Bedeutung dazu. Andere Leute opfern ihre Sinne dem Feuer der Objekte, indem sie „Om svaha“ ausrufen und Ghee in das Opferfeuer gießen. Auf diese Weise opfern sie ihre Sinne den Objekten. Wie funktioniert das? Wenn man die Sinne den Objekten opfert, erfährt man Befriedigung, was man nicht unbedingt als Opfer bezeichnen kann. Es gibt eigentlich keinen Grund weiter darüber zu sprechen, denn jeder opfert seine Sinne den Objekten, was aber dennoch ein Opfer sein kann.
Sharmaji: Dann sind dies zwei gegensätzliche Dinge.
Swamiji: Dies muß allerdings richtig verstanden werden. Die Gita ist keine einfache Lektüre und man kann wirklich nicht sicher sein, daß man sie verstanden hat. Die Funktionsweise des Universums, die hier erwähnt wird, ist ein tiefes Geheimnis. Es ist nicht für Dich, für mich oder für eine besondere Person gedacht, vielmehr richtet sich das Universelle Sein an die Schöpfung als Ganzes. Es sind auch nicht Arjuna oder Krishna, die das Universum vertreten, sondern es ist Gott, der zum Universum spricht.
Wenn die Sinnesobjekte als getrennt von uns betrachtet werden, dann sind sie unsere Feinde. Die Menschen laufen vorwiegend nur unter dieser Bedingung hinter den Sinnesobjekten her, doch sie würden niemals hinter diesen Sinnesobjekten herlaufen, wenn sie sich nicht als vollkommen außerhalb des Ganzen empfinden würden. Niemand wird hinter seiner eigenen Nase oder seinem Ohr herlaufen, sondern höchstens hinter der Nase einer anderen Person, weil sich diese außerhalb von einem selbst befindet.
Die Beziehungen zwischen Dir und dem Objekt muß richtig verstanden werden. Wie ist Deine Beziehung zu einem Objekt? Befindet es sich außerhalb von Dir oder nicht? Wenn man auf dem Abendspaziergang unterwegs ist, und eine Person die Straße entlang gehen sieht, erscheint diese deshalb vollkommen außerhalb von einem selbst, weil man keine Verbindung zu ihr hat. Angenommen, Du gehst mit dem eigenen Bruder spazieren, dann befindet sich dieser nicht außerhalb von Dir, obwohl sich doch beide (fremde Person und Bruder) außerhalb befinden. Worin liegt nun der Unterschied zwischen Deinem Bruder, der mit Dir auf der Straße spazieren geht, und dem Pilger, der ebenfalls auf der Straße geht? Sie befinden sich beide außerhalb von Dir, und doch ist Dein Bruder nicht vollkommen außenstehend. Warum?
Sharmaji: Er ist gefühlsmäßig mit mir verbunden, wohingegen es zur anderen Person keine derartige Beziehung gibt.
Swamiji: Ja. Auf die gleiche Weise muß man auch die Sinnesobjekte verstehen. Man wird ihnen hinterherrennen und sie verfolgen, denn man verfolgt nichts, was einem selbst gehört oder sich im eigenen Umkreis bzw. dem eigenen Verständnisumfeld befindet. Man denkt nicht Tag und Nacht an seinen teuren Bruder, sondern mehr an die Beziehungen, - seien sie positiv oder negativ -, mit jemandem, der sich gefühlsmäßig außerhalb befindet. Die Objekte der Welt sind weder positiv noch negativ. Wenn man sie als etwas Fremdes, als fremdes Element erachtet, dann fühlen sie sich schlecht an und man möchte sie je nach Sachlage ergreifen oder ablehnen. Wenn sie sich aber im Einklang mit den Sinnen befinden, dann wollen die Sinne sie niemals verfolgen.
Wenn zwei Wassertanks mit der gleichen Menge Wasser gefüllt sind, wird das Wasser nicht von einem zum anderen fließen, aber, wenn sich in dem einen Tank mehr Wasser als in dem anderen befindet, dann wird es fließen. Wenn sich also die Sinne und die Objekte in einem Zustand des Gleichgewichtes befinden, werden die Sinne niemals den Objekten nachgehen; wenn sie sich jedoch nicht mehr im Gleichgewicht befinden, werden sie den Dingen nachrennen. Solange sie im Gleichgewicht gehalten werden, sind sie Deine Freunde, und sich in sie zu versenken würde bedeuten, daß man sich in sich selbst versenkt.
Das ist es, was Shri Krishna in der Gita meint. Wenn man seine Sinne den Objekten opfert, so bedeutet dies, daß ein Freund einen Freund trifft. Aber es gibt einen Unterschied in der Begegnung mit Deiner Frau und Deiner Schwester. Beides sind Frauen; doch worin liegt der Unterschied zwischen beiden? Gibt es einen Unterschied oder nicht?
Sharmaji: Es gibt einen Unterschied.
Swamiji: Warum sollte es hier einen Unterschied geben? Beide sind gleichermaßen Frauen, zwischen denen es wirklich keinen Unterschied gibt. Das ist alles, und das ganze Problem liegt in dieser simplen Übereinstimmung. Beide sind gleichermaßen Frauen von derselben Kategorie, doch warum ist die eine eine Ehefrau und die andere eine Schwester? Warum gibt es da solch einen Unterschied?
Wenn Du ein weibliches Objekt liebst, wird es zu Deiner Ehefrau. Wenn es (das Objekt) sich, wie Deine Schwester, auf einer Ebene mit Dir befindet, wird es zum Opfer und Gegenstand der Meditation. Wenn man an die eigene Schwester denkt, fühlt man in seinem Verstand keine Unruhe. Man denkt sozusagen, wie beim Anblick eines Baumes oder Berges, an nichts. Beide Frauen sind statistisch gesehen gleich, dennoch ist die Art, auf Deine Frau zu schauen, anders als dies bei Deiner Schwester der Fall ist.
Sharmaji: Ja, Swamiji.
Swamiji: Man erschafft unnötigerweise einen Unterschied zwischen zwei Dingen, um dann im ersten Fall beunruhigt und im anderen Fall ruhig und still zu sein. Die Objekte gehören weder Dir, noch gehören sie nicht Dir; sie sind weder eine Ehefrau, noch eine Schwester, aber sie verwandeln sich aufgrund Deines Vorurteils in dieses oder jenes. Deshalb erwähnt der HERR beide Aspekte in zwei Halbversen. Die Sinne können sich in diese oder in eine andere Richtung bewegen. Die Welt ist weder ein schlechtes Objekt, noch zu Deinem Vergnügen erdacht worden. Sie ist genau das, was sie ist.
Wenn sich in einer Familie alle Familienmitglieder auf einer Ebene befinden, gibt es weder Liebe noch besonderen Haß untereinander. Doch sobald es eine Art Besitzverhältnis oder Beziehung zueinander gibt, entsteht ein Unterschied, indem man von „meinem Bruder, meiner Schwester oder meiner Ehefrau“ spricht und praktisch mit demselben grammatikalischen Satz zweierlei Dinge ausdrückt. Sogar das Wort „mein“ hat zwei unterschiedliche Bedeutungen. Was meinst Du dazu?
Sharmaji: Ja. Swamiji.
Swamiji: Bei den Aussagen „meine Schwester“ und „meine Frau“ hat zwar das „mein“ grammatikalisch dieselbe Bedeutung, aber eine unterschiedliche Zielsetzung. Es ist Dein Verstand, der auf verschiedene Weise mit dem „Mein“ arbeitet. Wenn man ein Objekt sieht, kann man es entweder mit „dies“ oder „das“ bezeichnen. Genauso, wie alle Frauen gleich sind, so sind auch alle Objekte gleich, aber man kann sie durch den Anstoß des Verstandes in meine Frau oder meine Schwester verwandeln.
Dies ist ein solch komplizierter Vers, so daß sich niemand wirklich darum bemüht, die wahre Bedeutung zu verstehen. In den Kommentaren geht man oberflächlich darüber hinweg, so als wäre alles vollkommen klar, dabei kann es gar nicht so leicht verstanden werden.
Es hängt von der Absicht ab, ob man das Objekt als seine Schwester oder als seine Frau erachtet. Da die Objekte niemandes Eigentum sind, kann man sie auch nicht „meine Frau“ nennen. Da die Objekte der Welt genauso bedeutungsvoll sind wie man selbst, ist auch eine Schwester kein Eigentum; sie ist eine ebenso unabhängige Person wie jede andere auch. Da sie auch keine Dienstboten sind, kann man sich ihrer (Dienste) nicht so einfach erfreuen.
Jedes wohlgefällige Schwelgen ist eine falsche Vorstellung des Verstandes. Die Welt ist keine von Gott erschaffene Fessel oder eine Schöpfung des Satans, des Bösen usw., um jemanden, wie die Leute sagen, in die Hölle zu befördern. Die Welt ist kein Gegenstand, sondern etwas, das genauso ist wie jedermann. Wenn die Welt eine Quelle der Knechtschaft ist, ist man es auch, denn man ist ein Teil der Welt. Man kann nicht von sich sagen, daß man vollkommen in Ordnung und die Welt das Übel ist. Man muß die Dinge auf eine höchst harmonische Weise betrachten, dann wird sozusagen jede Wahrnehmung zu Samadhi. Unter dieser Voraussetzung ist jede Wahrnehmung Samadhi. Was auch immer Du mit Deinen Augen siehst, betrachte es ausschließlich als Dein Selbst, dann wirst Du hinterher niemals irgendeine Beunruhigung verspüren.
Sharmaji: Es gibt dann auch keine Bindung zu dem Objekt.
Swamiji: In den beiden Halbversen der Gita, „Dein Selbst ist Dein Freund und Dein Selbst ist Dein Feind“ ist je nach Blickpunkt sehr viel Bedeutung enthalten. Zum einen ist dort Knechtschaft und zum anderen auch Freiheit enthalten. Wir erschaffen durch unsere Unwissenheit und Dummheit unnötigerweise Verwirrung. Das ist alles.
Sharmaji: Durch das in-Besitz-nehmen der Dinge.
Swamiji: Darum habe ich Dir einen Kommentar über diesen Vers gegeben.
Sharmaji: Wir sind glücklich darüber Swamiji.
Swamiji: Aber Du mußt Dich immer wieder daran erinnern. Ich habe einen sehr spitzfindigen Punkt erwähnt. Er ist nicht leicht zu verstehen und kann dem Verstand wieder entgleiten. Es wird allgemein und überall immer wieder gesagt, daß die Welt eine Knechtschaft ist, was aber nicht stimmt. Die Welt wird deshalb als Knechtschaft empfunden, weil man als Feind oder Außenstehender auf sie schaut. Wer hat Dich darum gebeten, so auf die Welt zu schauen? Gott hat weder Feinde noch Freunde erschaffen.
Sharmaji: Ja. Das ist wahr.
Swamiji: Hat Gott nichts anderes zu tun, als Feinde zu erschaffen? Man hat die Dinge in fremde Mächte verwandelt und schaut dann auf sie, als wären sie Freunde und Feinde. Die Welt ist kein fremdes Objekt. Sie befindet sich auf derselben Ebene wie alles andere auch, darum ist sie weder Freund noch Feind. Wenn man die Welt so betrachtet, ist sie eine wundervolle Schönheit. Sie ist Viratsvarupa! Ich habe Dich danach gefragt, was Du liest, und so kam diese Idee zu mir.
32. Intellektuelles Verstehen:
Norma (aus dem Libanon): Wir Ausländer kommen hierher und bitten deshalb um Deine Hilfe, weil wir nicht in der Lage sind, die Probleme, die wir uns selbst gemacht habe, zu lösen. Sehr oft, wenn ich mit einer Frage hierher gekommen bin, mußte ich feststellen, daß ich, wenn ich intensiv genug darüber nachgedacht habe, entweder irgendeine Art Antwort gefunden habe oder das Gefühl hatte, daß Du mir über das Buch „Das Mysterium der Existenz“ für jede Art von Ereignis eine Antwort mit den Worten gibst, daß man nur dann in der Lage ist wirklich etwas zu verstehen, wenn man es ausführt, und daß ich das Pferd stets von hinten aufzäumen wollte. Wir machen unser Leben selbst zu einem dramatischen Problem, sehen das Problem womöglich als Ganzes und lösen es auch durch diese Sichtweise; - ich versuche Tag um Tag, vielleicht auch Jahr für Jahr, meine Denkweise zu ändern und doch funktioniert es nicht. Vielleicht bin ich in der Lage, zehn Minuten lang zu erkennen, daß „ein Ding ein Ding ist, weil ich es als ein Ding bezeichne“, doch in dem Augenblick, wo ich es als Ding bezeichne, setze ich ein ICH voraus. Ich kann dies verstehen, aber es verändert nichts an meinem Zustand.
Swamiji: Es wird von Dir auch nicht nur erwartet etwas zu verstehen, sondern, daß Du das, was Du verstehst, auch im täglichen Leben anwendest.
Norma: Das, was ich verstehe, wende ich auch an, aber ich kann es mir irgendwie nicht ständig vergegenwärtigen. Darum möchte ich gerne wissen, warum das so ist?
Swamiji: Dieses Verstehen muß ein Teil Deines Lebens werden. Das ist das Wesen des spirituellen Lebens. Das Verstehen alleine ist nicht genug.
Norma: Ja. Ich weiß.
Swamiji: Das Verstehen ist nur eine Information, die einem gegeben wird, damit man es in seinem persönlichen Leben anwendet. Das bedeutet praktische Meditation. Man versenkt den Inhalt dessen, was man versteht, tief in sein Herz und wird praktisch zu dem, was man verstanden hat und verändert damit seinen Charakter. Das Objekt des Verstehens ist so weit eingedrungen, daß man es selbst wird. Dein Wissen und Dein Verstehen wird zu Deinem Wesen. Verstehst Du das?
Norma: Ich verstehe jetzt, aber dann fahre ich wieder nach Hause, lebe und kommuniziere mit anderen. Eine Zeitlang bleibe ich trotz aller äußeren Einflüssen standhaft, doch dann komme ich schließlich wieder zurück zu meinem „Ego“ und denke daran, „daß diese oder jene Person wohl wieder etwas von mir will“. Selbst, wenn ich dies bis zu einem bestimmten Punkt unter Kontrolle habe und dabei zu Anfang auch nicht verwirrt bin.....
Swamiji: Am Anfang kann man es nur eine bestimmte Zeit lang bewahren. Wenn Du als Anfänger still sitzt und meditierst, bist Du in der Lage, dieses Bewußtsein einige Minuten oder eine Stunde lang zu bewahren, aber es ist Dir dies nicht über den ganzen Tag oder für immer möglich.
Norma: Bist Du denn dazu in der Lage?
Swamiji: Nun, wir versuchen es, denn wir existieren nur zu diesem Zweck, - was hätte das Leben Besseres zu bieten?
Norma: Ja, aber die meisten von uns machen es nicht, und sogar in den Schriften ist zu lesen, daß es nur einer unter Tausenden schafft, dorthin zu gelangen.
Swamiji: Du mußt tagein und tagaus darüber nachdenken. Es gibt in dieser Welt nichts anderes zu tun. Du sagst, daß Du viel zu tun hast und Dein Verstand hin und her wandert.
Norma: Nein, ich sagte, daß ich sehen kann, wie unproduktiv es für mich ist, und daß es für meinen Verstand unmöglich zu sein scheint, sich zu ändern, obwohl ich es erkennen kann.
Swamiji: Das liegt daran, daß Du nicht in der Lage gewesen bist, Dein Verständnis zu einem Teil Deines Lebens zu machen. Du lebst auf die eine Weise und Dein Verstand befaßt sich anderweitig mit einem Buch oder mit dem Intellekt. Du bist aber kein Intellekt, sondern eine Seele und darum ist das, was Du als Verstehen bezeichnest, eine durch den Intellekt verstandene Wahrheit. Dieses Verständnis muß in die Seele eintreten, was ich übrigens meinte, als ich sagte, Wissen ist Sein. Es erfordert über einen längeren Zeitraum eine enorme Praxis, und was auch immer man in dieser Hinsicht verstanden hat, ist nicht unangemessen, sondern ausreichend.
Du weißt etwas, und das ist gut genug. Das einzige, was Du tun mußt ist, Dir Zeit zu nehmen, um alleine zu sitzen. Du magst eine sehr geschäftige Person sein, aber auch dann mußt Du im Anfangsstadium ein oder zwei Stunden, vielleicht auch weniger und doch so lange wie möglich, still sitzen, um mit Hilfe Deines Verstandes Dein Bewußtsein zu erkennen. Später, wenn Gott will, mag es Dir sogar möglich sein, den ganzen Tag daran zu denken, so daß Dich die Verwirrungen des Lebens nicht mehr umwerfen mögen.
In Wirklichkeit gibt es keine Verwirrung. Es sind lediglich verschiedene Dinge, die Du nicht, mit dem integrierten Ganzen in Einklang zu bringen vermagst. Die Dinge der Welt sind keine Zerstreuungen. Sie sehen nur deshalb so aus, weil Du nicht in der Lage bist, sie im richtigen Verhältnis zueinander einzuordnen.
Gott hat keine Zerstreuungen erschaffen. Er hat ein Universum erschaffen, das in sich selbst vollkommen ist, und darum mußt Du die ganze Welt so ansehen, wie Gott Selbst sie sehen würde, als vollkommenes Ganzes, in dem alle zerstreuten Elemente einen richtigen Platz finden, denn sie sind an ihrem eigenen Platz vollkommen richtig aufgehoben. Wenn man sie aus dem Zusammenhang nimmt, sehen sie ungleichmäßig aus und sind nicht immer wünschenswert usw.. Wenn man jedoch alles in den richtigen Zusammenhang bringt, ist alles in Ordnung. Die ganze Welt ist vollkommen, und auch Du selbst bist vollkommen, denn Du bist ein Teil davon. Diese Art Meditation habe ich in meinem Buch „Das Mysterium der Existenz“ vorgeschlagen. Denke darüber nach. Später, wenn Du in den Libanon zurückgekehrt bist und noch einige Fragen dazu hast, kannst Du uns schreiben.
Die Schöpfung ist voller Widersprüche. Nichts ist wie das andere. Kein Blatt am Baum gleicht irgendeinem anderem Blatt desselben Baumes. Keine Person ist wie eine andere Person. Alles ist unterschiedlich. Es gibt so viele Widersprüche und doch ist alles in einer harmonischen Mischung und stellt eine Schönheit der Schöpfung dar. Dies wird in den Widersprüchen innerhalb der Familie Lord Shivas und auch in der perfekten Harmonie symbolisiert, die ER beständig aufrecht hält. Das schlimmste Schlangengift ist Nektar für seinen Körper. Nichts kann IHM schaden. Gott Selbst ist die Absolute Vollkommenheit und in Ihm wird jeder Widerspruch auf wundervolle Weise harmonisiert.
In unserem Körper gibt es angenehme und auch weniger angenehme Dinge, die alle in unserer Persönlichkeit harmonisiert werden. Jeder hat Lungen, Herz, Magen, Eingeweide, Blut, Knochen, Fleisch und Mark bekommen, die alle sehr unschön anzusehen sind, - da sie aber in einem Käfig aus Haut eingeschlossen sind, sieht die Person schön aus. Angenommen, die Haut würde weggenommen, - würde die Person dann noch genauso hübsch aussehen? Man würde vor ihr in dem Glauben weglaufen, daß sich ein Geist nähert. Welch ein Widerspruch und Abscheu! Eine Zusammensetzung unschöner Dinge in unserem eigenen Körper führt durch den Hautüberzug zu einem schönen Anblick, so daß wir gut aussehen. Selbst in unserem eigenen Körper wird somit der Widerspruch harmonisiert. Wir sind wie ein kleiner Kosmos, ein Symbol Gottes. Man sagt, daß der Mensch ein Spiegelbild Gottes ist, der die Allmacht symbolisiert. Was auch immer Gott hat, das hat man ebenfalls.
33. Das zehnte Hindernis
Swamiji an Bhavagrahi gerichtet: Wie willst Du die natürlichen Impulse kontrollieren und in dieser Welt leben? Du mußt, wie beim Laufen über die glühenden Kohlen, Deinen Kurs genau durch die Mitte wählen. Es gibt Leute, die über glühende Kohlen laufen, ohne sich dabei zu verbrennen. Die Welt ist wie eine offene Feuerstelle und man muß darin leben, ohne sich zu verbrennen. Man muß wie ein Wassertropfen auf der Lotusblüte leben. Auf dem Blütenblatt der Lotusblume gibt es immer Wassertropfen, die nicht anhaften; sie sind wie Öl, das nicht klebt. Genauso muß man in dieser Welt leben, - ohne daran zu kleben.
Wie ist das möglich? Der Verstand muß sich doch mit etwas beschäftigen. Man denkt über etwas nach und der Verstand hält daran fest. Wenn man dem Verstand ermöglicht, sich besseren Dingen zuzuwenden, wird er sich nicht mit etwas Schädlichem befassen. Swami Shivananda Maharaj pflegte zu sagen: „Hinwendung, Loslösung, Hinwendung, Loslösung“, - löse Dich von weltlichen Dingen und wende Dich hin zu Gott. Wenn man sich von etwas lösen möchte, dann muß man sich etwas anderem zuwenden. Wer sich z. B. vom Westen wegbewegt, wendet sich dem Osten zu, und wer sich nach Osten bewegt, entfernt sich automatisch vom Westen. Wer sich also dem Universellen zuwendet, entfernt sich automatisch vom Individuellen. Wer sich Gott zuwendet, entfernt sich damit von der Scheinwelt.
Aber schließlich hegt man größte Zweifel, indem man sich fragt: Selbst wenn ich Gott sehe, was wird ER mir geben? Was hat ER anderen gegeben? Zusätzlich zu den neun Hindernissen Patanjalis hat man als zehntes Hindernis folgenden allergrößten Zweifel: Selbst, wenn ich IHN sehe, was wird ER mir geben? Dies wird den Verstand quälen. „Selbst, wenn ich dorthin gehe, wie lange werde ich mit Ihm zusammensein?“ „Wenn ER mich zurückweist, dann werde ich wieder in der Welt sein. ER hat mich bereits einmal zurückgewiesen, welche Garantie habe ich, daß ER es nicht ein zweites Mal tun wird? Wenn ER es einmal gemacht hat, dann kann ER es auch ein zweites Mal geschehen lassen.“
Dies ist eine sehr ernste Angelegenheit. „Ich habe so viel Leid und Mühe auf mich genommen, um Gott zu sehen; ich gehe zu ihm, doch ER wird mich zurückweisen.“ Angenommen, ER macht es. Was wird geschehen? Wir werden zu allen Gurus laufen und aufhören zu meditieren, weil uns größte Zweifel gekommen sind, - Zweifel in Gott Selbst, in der Form, daß ER uns, wenn wir zu IHM gehen, Ärger bereitet. Dieser Zweifel kann bei den größten Gelehrten vorkommen. Es ist eine herzzerreißende Frage.
Dann kommt ein zusätzliches Problem. Irgend jemand wird sagen, daß diese Frage eigentlich überflüssig ist, da es niemanden mehr geben wird, der (im Angesicht Gottes) solch eine Frage stellen könnte. Doch, wenn ich dann nicht mehr „Ich“ bin, warum sollte ich dann überhaupt dort hingehen? Worin liegt der Sinn, überhaupt irgend etwas zu tun? Ich werde nichts bekommen, weil ich selbst nicht mehr sein werde! Warum sollte ich solche unnötigen Dinge tun und für einen Zweck leiden, der keine Bedeutung für mich hat?
Wer ist denn dort, wenn ‘Ich’ nicht dort bin? Gott allein ist dort. Laß IHN allein dort sein, doch was ist mit mir? Es wird mein Schicksal sein, dort nicht mehr „Ich“ selbst zu sein, oder, falls ich doch dort bin, den ganzen Tag vor Gott zu sitzen und IHN anzuschauen. Beide Male wird mein „Ich“ gefangen sein und das Hirn wird sich pendelartig hin und her bewegen.
Die größte Tapas liegt darin, diesen Punkt zu verstehen. Zu hungern, im kalten Wasser zu sitzen und Schlafentzug sind keine Tapas. Allein die Fähigkeit, dieses Problem zu verstehen, ist Tapas. Ein großes Problem hat sich in den Verstand eingeschlichen. Wenn man in der Lage ist, die tatsächliche Bedeutung zu verstehen, warum sich dieses Problem ergeben hat, dann kann es kein größeres Tapas als die Lösung dieses Problems geben.
Wie kam es zu diesem Problem? Ob „Ich“ dort bin oder nicht dort bin, beide Wege sind problematisch. Wenn „Ich“ vollständig ausgelöscht bin, ist das schrecklich; wenn „Ich“ dort bin, was soll „Ich“ machen, nachdem „Ich“ dorthin gegangen bin? Wer sich diese Frage selbst beantworten kann, hat die größte Sadhana getan, darüber hinaus ist nichts mehr erforderlich. Möge jeder diese Frage für sich selbst beantworten: Was wird mit mir geschehen, wenn „Ich“ vor Gott stehe? Das Herz wird vor Furcht hüpfen. Soweit zu der Frage, was Gott-Verwirklichung bedeutet. Diese Frage ist endgültig. Möge sich jeder selbst diese Frage beantworten.
34. Vier Konfliktarten:
Swamiji: Es gibt vier Konfliktarten und jeder Konflikt ist in einer dieser vier enthalten. Zuallererst liegt der Konflikt in uns selbst, was auch als mangelnde Übereinstimmung der inneren Bestandteile der Persönlichkeit bekannt ist: der Verstand, das Gefühl und der Wille, die nicht miteinander harmonieren. Das, was mangelnde innere Übereinstimmung genannt wird, erzeugt Kummer. Es ist eine psychologische Krankheit, die jeden, aus unbekannter Ursache heraus, in einen Zustand der Angst, Ruhelosigkeit und Furcht versetzt.
Dieser interne Konflikt erschafft aufgrund seiner inneren Krankheit soziale Konflikte, womit wir beim zweiten sind. Man kommt aufgrund seines internen Konfliktes, den man mit sich selbst hat, auch nicht mit anderen aus. Man kann niemanden ausstehen, so als hätte man mit jedem Ärger. Dies ist der soziale Konflikt.
Der dritte Konflikt beruht auf mangelndem Einklang mit den Gesetzen der Natur und dem Universum der fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raumzeit-Gravitation). Die Bewegung findet aufgrund einiger Gesetze statt, mit denen man aber nicht im Einklang ist. Dadurch entsteht ein Widerspruch mit sich selbst, der Gesellschaft und schließlich mit dem Universum. Letztendlich gibt es auch keine Harmonie mehr mit dem Schöpfer und Gott Selbst. Welches Gesetz im Reich Gottes auch immer arbeitet, es stimmt mit der eigenen gegenwärtigen Stimmungslage nicht überein. Darum ist es ein psychologischer, sozialer und kosmologischer Konflikt und schließlich auch ein Konflikt mit dem Absoluten, - alles in dieser Welt ist in diesen vier Problemen eingeschlossen. Selbst wenn es Millionen Konflikte gäbe, so könnten sie auf diese vier Arten reduziert werden.
Die Bhagavad Gita versucht beispielhaft, alle vier Konflikte zu lösen. Wenn man alle achtzehn Kapitel der Gita Vers für Vers und Kapitel für Kapitel liest, wird man nicht so ohne weiteres erkennen, welcher Konflikt welches Subjekt gerade berührt. An vielen Stellen werden verschiedene Dinge gleichermaßen davon berührt. Wenn die Verse jedoch analysiert und logisch zugeordnet werden, kann man feststellen, daß die Gita für alle vier Konflikte Lösungen bietet. Wenn Du sie darüber hinaus ernsthaft, mit tiefer Konzentration und Leidenschaftslosigkeit richtig studierst, kann Sie Dir den Ausweg aus der mißlichen Lage zeigen.
Die NATUR, die wir letztendlich erreichen möchten, wird durch die Mittel, die wir einsetzen, bestimmt. Wir werden bis zu dem Punkt, wo unser Ziel unserem Verstand klar ist, auch mit unseren eingesetzten Mitteln und Wegen erfolgreich sein. Die Menschen haben unterschiedliche Ideen über den Zweck, was sehr entscheidend für die praktische Anwendung und für die Größe des Erfolges ist. Wenn man weiß, welchen Ort man erreichen möchte, dann kennt man auch den Weg dorthin.
Entsprechend der Gita gibt es vier Arten von Menschen, die nach Hilfe suchen. Die einen suchen nach materieller Hilfe und andere suchen nach Wissen. Eine dritte Art sucht aufgrund von gesellschaftlichen Problemen, und die vierte Art sucht nur nach Gott. Dies sind entsprechend der Bhagavad Gita die vier Arten des Suchens. Darum suche nur nach Gott, denn ER enthält alle Sucharten.
35. Aktivitäten nach der Erleuchtung:
Besucher: Es gibt Lehrer, die, trotz scheinbarer Erleuchtung dennoch in weltliche Aktivitäten verwickelt sind.
Swamiji: Entweder sind sie nicht wirklich darin verwickelt und Du hast lediglich eine falsche Vorstellung über sie, oder sie sind nicht erleuchtet. Eins von beiden ist möglich. Entweder beurteilst Du sie falsch, obwohl sie wirklich erleuchtet sind, oder sie sind es nicht. Es gibt nur diese beiden Betrachtungsmöglichkeiten.
Besucher: Kann eine erleuchtete Person etwas Schlechtes tun?
Swamiji: Unser Leben muß korrekt ausgerichtet sein. Was verstehst Du unter gut und was unter schlecht?, Dies muß dem Verstand zuerst klar sein, bevor man irgend etwas beurteilt. Die Idee von gut und schlecht mag durch bestimmte abgrenzende Faktoren hervorgerufen worden sein. Vielleicht fehlt auch die kosmische Sichtweise der Dinge. Darum kann möglicherweise unsere Beurteilung bruchstückhaft und unvollständig sein. Dies ist ein Aspekt der Angelegenheit.
Besucher: Kann jemand seine Erleuchtung wieder verlieren? Kann sie verlorengehen?
Swamiji: Jemand, der wirklich erleuchtet ist, kann nicht fallen. Das wäre genauso, als würde man sagen, daß jemand der erwacht ist, wieder schlafen will. Möchtest Du wieder schlafen, wenn Du bereits erwacht bist? Das ist unmöglich, weil Du bereits erwacht bist. Wenn Du wieder schlafen möchtest, bedeutet es, daß Du nicht vollständig erwacht bist. Du schläfst immer noch halb. Du mußt herausfinden, was Du unter „Erleuchtung“ verstehst. Es ist wie ein Erwachen aus dem Schlaf. Du hast gefragt, ob jemand, der erwacht ist, wieder schlafen kann. Warum sollte er schlafen wollen? Er ist bereits erwacht, denn ansonsten wäre er nicht vollkommen erwacht, sondern würde noch halbwegs schlummern.
Besucher: Was bedeutet Tugendhaftigkeit?
Swamiji: Du mußt Schüler eines Gurus werden und dort die Tugenden lernen, denn selbst ein kluger Mensch kann dies nicht verstehen. Es gibt viele politische und gesellschaftliche Definitionen dafür. Alles, was gut für Dein Land ist, ist auch moralisch richtig, nicht wahr? Dies ist eine Erklärung und doch ist es nicht die ganze Wahrheit.
Alles, was gut für Deine Familie ist, ist gut und tugendhaft, und dennoch ist auch dies nicht die ganze Wahrheit. Alles, was gut für Deine kleine Familie ist, muß noch lange nicht für die ganze Nation gut sein, und darum ist Deine Tugendhaftigkeit an dieser Stelle eingeschränkt. Alles, was für ein Land gut ist, braucht nicht für die ganze Welt gut zu sein und darum ist die Ethik auch hier eingeschränkt. Was verstehst Du also unter „Tugendhaftigkeit“? Man muß es im Zusammenhang beurteilen.
Es verhält sich wie bei der Medizin. Was verstehst Du unter „Medizin“? Wenn man nicht weiß, um welche Krankheit es sich handelt, kann man auch nicht die richtige Medizin zur Heilung dieser Krankheit benennen. Wenn man Medizin verschrieben haben möchte, wird man nach den Symptomen der Krankheit befragt. Nur dann wird eine Medizin verschrieben. Das ist der Grund, warum die Tugendhaftigkeit von den Umständen der physischen, intellektuellen, gesellschaftlichen, psychologischen und politischen Existenz abhängt und darum kann diese Frage auch nicht ohne Umschweife beantwortet werden. Wir können auf solche Fragen keine direkten Antworten geben. Alles hat seine Abhängigkeiten und Beziehungen.
Angenommen, jemand fragt: „Ist es gut, die Hand eines Menschen abzuschneiden?“ Du wirst antworten, daß es schlecht ist,- doch angenommen, Du bist ein Chirurg und würdest die Hand einer Person amputieren. Ist das gut? Ist das Abschneiden einer Hand gut oder schlecht? Auch hier steht die Frage wiederum einen Bezug. Darum ergeben sich auf alle Fragen relative Antworten, und man findet die richtige Antwort nur, wenn man die Bedingungen, Umstände und besonderen Situationen kennt.
Letztendlich kann nur das als gut bezeichnet werden, was Dir hilft, Gott direkt oder indirekt zu erreichen. Es kann nur das als gut bezeichnet werden, was vielleicht nicht unmittelbar, aber dennoch indirekt nützlich ist. Man muß selbst beurteilen, ob es letztendlich wenigstens indirekt dazu hilft, das Absolute zu erreichen? Dann ist es vollkommen richtig - es ist nichts Falsches daran.
Man sagt, daß es einem Mensch, der sich kurz vor dem Hungertod befindet erlaubt ist, Nahrung zu stehlen, obwohl man nicht behaupten kann, daß Stehlen gut ist. Angenommen, man schleicht sich leise hinter einen Wahnsinnigen, der ein Schwert in seinen Händen schwingt und stiehlt ihm das Schwert aus den Händen. War das eine gute oder eine schlechte Tat? Stehlen ist also nicht immer etwas Schlechtes und man kann nicht jede Frage nach einem endgültigen Schema beantworten, denn alles hat seine Beziehungen und Vorbedingungen.
Das Trinken von Branntwein ist sehr schlecht, aber, angenommen, jemand fällt vom Baum und wird bewußtlos. Man träufelt ihm einen Löffel Branntwein in den Mund, wovon er wieder aufwachen wird. Ist das Trinken von Branntwein nun gut oder schlecht? Auch hier kommt es auf die Situation an. Jede Frage muß in dieser Hinsicht sorgfältig gestellt werden, was auch für die Antwort gilt.
Besucher: Swamiji, würdest Du sagen, daß alles, was eine schädliche Wirkung auf andere Menschen hat, als unmoralisch anzusehen ist?
Swamiji: Es hat nichts mit „anderen“ Leuten zu tun, sondern mit den Leuten im allgemeinen, weil Du ebenfalls „andere Leute“ für die anderen Leute bist. Für Menschen, die anders sind als Du, bist Du ein „anderer Mensch“. Was verstehst Du denn unter „andere Leute“? Es gibt keine „anderen Leute“ in der Welt. Alle sind im Verhältnis zueinander gleich. Wenn Du für mich ein „anderer“ bist und ich für Dich ebenfalls ein „anderer“ bin, wenn man also stets von „anderen Leuten“ spricht, - wer sind dann diese „anderen“ Leute? Es wird nur noch nur „andere Leute“ geben. Was sagst Du dazu?
Benutze die Wörter sehr sorgfältig. Jeder ist unter „andere Leute“ zu verstehen, auch Du, denn Du bist auch in den „anderen Leuten“ eingeschlossen. Darum ist alles Gute für jeden gut. Sag niemals „andere Leute“. Alles, was für jeden gut ist, ist schön, und Du mußt Dir mit aller Sorgfalt ein Urteil darüber bilden, was für jeden gut ist.
Das Beste ist wohl, nicht vorschnell zu urteilen. Ein weises Wort sagt: „Urteile nicht, damit Du nicht verurteilst wirst.“ Man wird auf dieselbe Art beurteilt, wie man andere beurteilt. Die Welt ist auf diese Weise gemacht. Was auch immer Du von anderen Leuten denkst, denken diese Leute über Dich, und was auch immer Du anderen Leuten antust, wird Dir selbst widerfahren. Darum „gehe so mit den anderen Menschen um, wie Du es wünscht, daß sie mit Dir umgehen“. Dies ist höchste Tugendhaftigkeit. Wenn man wissen möchte, was tugendhaft bedeutet, kann man diesen einen Satz sagen: „Verhalte Dich anderen Menschen gegenüber so, wie Du es wünscht, daß sie sich Dir gegenüber verhalten sollen.“ Das ist alles.
Besucher: Wie verhält es sich mit Ritualen?
Swamiji: Vorstellungen, Idole, Bilder, Porträts oder was auch immer, sind so gut, wie alles andere auch. So wie jedes Teil mit dem Ganzen organisch verbunden ist, kann man über jedes Teil mit dem Ganzen in Verbindung treten. Das Verehren Gottes durch Rituale ist gleichbedeutend mit dem Versuch, mit IHM anhand von sichtbaren Offenbarungen in Verbindung zu treten. Dies ist eine Stufe der Religion oder Spiritualität. Aber, wenn der Verstand weit genug entwickelt ist, um das vollkommene Ganze zu erfassen, gibt es keine Notwendigkeit mehr, sich mit den Teilen zu beschäftigen. Man kann das Ganze mit einem Schlag erfassen; - ansonsten ist es jedoch besser, langsam, Stufe für Stufe, vorzugehen, worin auch die Bedeutung der Rituale auf dem Weg der Erleuchtung zu finden ist.
Besucher: Was geschieht nach der Erleuchtung?
Swamiji: Bedeutet „nach der Erleuchtung“, nach dem Erreichen Gottes? Ist es das, was Du meinst?
Besucher: Richtig. Nachdem man das Selbst erreicht hat.
Swamiji: Nein, nein, geh’ langsam voran. Hast Du Gott oder das Selbst erreicht? Was möchtest Du verwirklichen?
Besucher: Gott, - das Selbst mit dem großen „S“.
Swamiji: Nun was wird nach der Verwirklichung Gottes geschehen?
Besucher: Wie ist die Beziehung zur Praxis, nachdem man Gott erreicht hat?
Swamiji: Was wird tatsächlich geschehen, wenn man Gott erreicht hat. In welcher Verfassung befindet man sich im Zustand der Gott-Verwirklichung? Was wird tatsächlich geschehen? Hast Du eine Vorstellung davon?
Besucher: Es ist keinesfalls so, als hätte man irgend etwas erreicht.
Swamiji: Was wird geschehen, wenn Du Gott erreichst?
Besucher: Dann gibt es nichts anderes mehr. Alles ist Leere oder Fülle.
Swamiji: Es gibt nichts anderes.
Besucher: Richtig.
Swamiji: Und Du wirst nur Dich Selbst sehen. Es wird sich keine Frage mehr ergeben, wenn Du nur Dich Selbst siehst, denn wer will die Fragen dann stellen? An wen? Du stellst nur deshalb eine Frage, weil Du jemand anderen siehst, doch Du hast bereits gesagt, daß es niemanden „anderen“ mehr gibt. Wen also willst Du befragen? Die Fragen hören auf. Du wirst dort dasselbe tun wie Gott, und, was macht Gott gerade im Augenblick? Was auch immer es sein mag, das wirst Du tun. Solange immer noch ein kleiner psychologischer Abstand zwischen Dir und Gott bleibt, ergeben sich Fragen. Wenn Du tatsächlich mit Gott vereint bist, ergeben sich solche Fragen wie diese nicht mehr. Du hast bereits darauf bestanden, daß es dann nichts anderes mehr gibt. Was wird geschehen und was wirst Du tun, nachdem Du Gott erreicht hast? Du wirst genau das gleiche tun, was Gott tut. Sag’ mir, was Gott macht.
Besucher: Alles.
Swamiji: Dann wirst Du das gleiche tun.
Besucher: Wenn sich ein Fluß mit dem Ozean vereint, - könnte das eine andere Analogie sein?
Swamiji: Solange sich der Fluß nicht tatsächlich mit dem Ozean vereinigen würde, könnte er es gar nicht verstehen. Wir sprechen über eine Bedingung, die Du noch nicht erreicht hast. Darum ergeben sich auch diese Fragen. Solange Du diesen Zustand nicht erreicht hast, hört es sich so an, als ob ein schlafender Mann fragen würde, was er tun sollte, wenn er erwacht. Wenn man aufgewacht ist, weiß man, was zu tun ist. Warum fragst Du? Doch nur, weil Du noch nicht erwacht bist. Wenn man einmal erwacht ist, ist dies für den Verstand klar und man kennt seine Pflichten. Wenn man das Absolute Sein erreicht hat, wird man sich genauso wie das Absolute Sein verhalten. Es liegt in Deinem Ermessen, was ES tut. Du wirst das Gleiche tun, weil Du mit IHM untrennbar verbunden bist.
Die Frage war: „Was macht der Fluß, wenn er sich mit dem Ozean vereinigt?“ Er wird tun, was der Ozean tut. Er wird sich dann nicht mehr wie der Fluß verhalten, sondern er wird sich wie der Ozean verhalten, und es gibt im Ozean keinen Fluß mehr. Im Ozean gibt es keinen Ganges, Yamuna, Mississippi, Wolga oder Amazonas mehr, sondern nur noch den Ozean. Man findet im Ozean keinen Amazonas, Mississippi usw. und doch sind sie dort. Genauso wird man dort sein und wird doch nichts sehen, denn alles wird Ozean sein. So wird es geschehen und Du wirst dasselbe wie der Ozean tun.
Es ist eine große Freude, nicht wahr? Es reinigt den Verstand und befriedigt die Seele. Allein vom Hören, fühlt man sich stark und gesund. Was sagst Du dazu? Darum ist SATSANGA notwendig. SATSANGA heilt, - selbst der bloße Gedanke an die Gemeinschaft mit Weisen und Heiligen heilt.
Besucher: Bevor ich meinen jetzigen Lehrer traf, habe ich bei einem anderen Lehrer viele Erfahrungen durch bestimmte Rituale usw. sammeln können. Nachdem ich bei meinem jetzigen Lehrer Erleuchtung erfahren durfte, verschwand das Bedürfnis vollständig, diese Dinge weiterhin zu praktizieren. Es war so, als wäre es überhaupt nicht mehr notwendig.
Swamiji: Wenn Du das Universelle Absolute erreicht hast, gibt es keine Notwendigkeiten mehr. Es gibt dann keine Notwendigkeiten mehr, weil es niemanden mehr gibt, der sie ausführen könnte.
Besucher: Richtig.
Swamiji: Darum kann sich auch eine solche Frage nicht mehr ergeben. Man braucht nichts mehr zu tun, denn wer ist es, der etwas tun könnte? Handlung ist eine Manipulation des Individuums in bezug auf seine externen Beziehungen, doch diese externen Beziehungen hören dort auf. Alles löst sich in die Vollkommene Universalität auf. Wenn es nichts Außenstehendes mehr gibt, dann gibt es auch keinen Handlungsbedarf mehr.
Besucher: Darum wundere ich mich, warum irgend jemand nach der Erleuchtung noch irgendwelche Rituale ausübt.
Swamiji: Irgend jemand, der erleuchtet ist, wird irgend etwas tun, - was soll die Frage?
Besucher: Warum sollte jemand nach der Erleuchtung Rituale usw. ausüben?
Swamiji: Es hängt alles davon ab, was man unter Erleuchtung versteht. Wenn Erleuchtung „Vereinigung mit dem Absoluten“ bedeutet, gibt es danach keine Frage mehr über irgendwelche Handlungen, denn die Frage erübrigt sich von selbst. Aber, wenn man unter Erleuchtung irgend etwas anderes versteht, dann muß man zunächst definieren, was man unter Erleuchtung versteht. Wenn man in der Erleuchtung die Individualität als Herr Soundso aufrechterhält, dann wird man, - trotz der Erleuchtung, durch das Gesetz der biologischen Existenz zu Handlungen gezwungen. Man wird sich hungrig und durstig fühlen, man möchte schlafen, reisen und sprechen. Dies sind alles nur Rituale. Man wird es aber nur so lange tun, wie man im Körper existiert und sich dessen bewußt ist.
Wenn aber Erleuchtung die Vereinigung mit dem Universellen Sein bedeutet, stellt sich diese Frage nicht mehr. Man existiert dann überhaupt nicht und somit gibt es auch kein Handeln; denn, - was willst Du dann tun? Du bist nur „Sein“ und nicht „Handeln“. Gott ist „Reines Sein“ und keine „Handlung“. Im Sanskrit nennen wir diesen Zustand Sat-Chit-Ananda, - Existenz-Bewußtsein-Glückseligkeit. Das ist die Natur Gottes, - Reine Existenz, Reines Bewußtsein und Reine Glückseligkeit. Dies ist das Wesen Gottes.
Besucher: Nachdem man die Vereinigung mit dem Absoluten verwirklicht hat, kann es da noch etwas geben, das nicht im Sinne der tiefen Ergebenheit zu IHM im Einklang mit aufrichtiger Verwirklichung lebt?
Swamiji: Wenn man einmal mit IHM vereint ist, existiert man als diese Person nicht mehr. Fragen haben dann keine Bedeutung mehr. Man existiert überhaupt nicht mehr, denn man wird EINS mit dem Meer der Universellen Kräfte und stellt danach auch keine solchen Fragen mehr. Die Fragen erheben sich nach der Erleuchtung nur aufgrund des beharrlichen Fortfahrens der Individualität. Doch Erleuchtung bedeutet Vereinigung mit dem Universalen. Die Persönlichkeit hört auf zu existieren und es müssen keinerlei Fragen mehr gestellt werden, wenn die Person selbst nicht mehr da ist. Welche Frage stellt sich dann noch? Darum fahre nach der Vereinigung mit IHM nicht mit der Dualität fort. Man sollte nicht daran festhalten, daß man sich immer noch außerhalb von IHM befindet.
Nur, wenn man sich außerhalb von IHM befindet, erheben sich Fragen. Auf dem Weg oder im Prozeß der Selbstverwirklichung mag es Schwierigkeiten dieser Art geben. Aber es gibt kein Problem mehr, wenn man IHN tatsächlich einmal berührt hat. Auf dem Weg gibt es Probleme und zwar eine Vielzahl unterschiedlicher Probleme. Man wird hunderten von Schwierigkeiten begegnen. Viele davon kann man sich nicht einmal vorstellen; ungeahnte Probleme können sich ergeben.
Man muß die Lebensbeschreibungen der Heiligen lesen und deren Probleme, denen sie gegenüber standen und die Stufen, die sie dabei zu durchlaufen hatten. Denken wir beispielsweise an Buddha - man muß über das Leben Buddhas gelesen haben. Hierzu gebe ich eins von vielen Beispielen. ER versuchte viele Wege der Erleuchtung. Zuerst ging er zu einem Guru, der ihn in physischen Übungen - Asanas und Pranayamas usw. - unterwies. Er übte eifrig, aber nichts geschah. Die Erleuchtung kam nicht. Dann begann er zu fasten: „Laß mich nichts essen. Ich will hier sitzen, bis die Knochen hinwegschmelzen, doch ich werde nicht von diesem Platz weichen.“ Er nahm nichts zu sich und sein Körper begann so zu verwelken, als ob er kurz vor dem Zusammenbruch und am Ende wäre. Er hatte sogar nicht einmal mehr die Kraft zu kriechen. Er fühlte, daß all sein Bemühen verschenkte Zeit und ein wertloses Unterfangen war, denn nichts geschah: „Dies ist mein letzter Tag.“ Zu diesem Zeitpunkt kam eine Dame des Weges, brachte Ihm etwas Haferschleim und gab ihm zu essen. Er hatte einige Freunde, die ihn essen sahen, und sie glaubten, daß er aufgegeben hätte. „Oh, Du hast gegessen! Das ist nicht gut, wir werden Dich darum verlassen und besser gehen.“
Er sagte: „Gut, Ihr könnt gehen.“ Weder sie noch Buddha hatten damals verstanden, was wirklich gut ist, - Fasten oder Essen. Wie auch immer, er nahm Essen zu sich und kam ein wenig zu Kräften, aber er war sehr niedergeschlagen. „Was ist los? Nichts geschieht, - keine Erleuchtung; ich bin in derselben Verfassung wie zuvor“, - und er setzte seine Sitzungen fort.
Plötzlich sah er seine eigene Frau vor sich, die er verlassen hatte. Sie hatte ein kleines Kind auf dem Schoß: „Mein Gebieter, Du hast mich verlassen und bist hierher gegangen. Warum bist Du so grausam?“
Er sagte: „Wie ist diese Frau hierher gekommen?“ Er war weit weg unter einem Baum in einem Wald und der Palast dieser Frau war irgendwo anders. „Oh, es ist eine Illusion!“ sprach er zu sich selbst, „Meine Wünsche offenbaren sich selbst in Form dieses Individuellen. Geht hinweg von hier!“ sagte er.
Es war wirklich grausam, denn sie saß vor ihm und weinte: „Oh, mein Gebieter, Du hast mich verlassen.“
Er sagte: „Nein, nein, nein. Hinfort mit Dir! Du bist eine Illusion. Du willst mich auf die Probe stellen!“ Wie auch immer, die Vision verschwand danach und er saß wieder wie zuvor.
Edwin Arnold hat ein Gedicht unter der Überschrift „Light of Asia“ (Lichter Asiens) geschrieben. Ich weiß nicht, ob Du das Buch gelesen hast. „Light of Asia“ ist eine poetische Biographie über Buddha, die von einem gelehrigen Schüler geschrieben wurde. In einem Kapital beschreibt er die psychologischen Qualen, denen sich Buddha unterziehen mußte. Engel stiegen vom Himmel herab und suchten ihn mit tausenderlei Versuchungen, wie Tanz, Musik und Nektar, heim. Sie sagten: „All das gehört Dir. Komm Meister, Du hast die Erleuchtung erreicht! Hör auf zu meditieren, denn hier fließt der Fluß aus Nektar, hier ist der Pool voller Honig, hier sind die dienenden Mädchen und Paläste; Du bist der König der Götter, komm!“
„Geht weg von hier!“ sagte Buddha: „Ihr wollt mich mit all den Tänzen usw. in Versuchung führen. Nein! Ich will das nicht.“ Nachdem er darauf beharrte, daß sie verschwinden sollten, lösten sich die Visionen auf.
Doch dann begann eine noch grausamere Vision: „Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist? Wir zermalmen Dich jetzt zu Staub. Wir werden Dich verprügeln! Steh von Deinem Platz auf! Du bist ein Idiot!“ Dämonen kamen und begannen so mit ihm zu sprechen.
Er sagte: „Was soll das? Zuerst kamen jene Visionen und nun diese. Sprecht nicht zu mir! Ihr könnt mich zu Staub zermalmen oder mich verprügeln. Ich werde nicht mit Euch sprechen.“ Er blieb ruhig und setzte seine Meditation fort. Daraufhin verschwand die Vision.
Dann kamen starke Winde auf, Tornados und Zyklone mit Schlamm und einem Hagelsturm und prasselten auf seinen Kopf nieder. In Wirklichkeit war dies kein physikalischer Hagelsturm. Es war dies eine psychologische Welt, die sich selbst offenbarte, bevor der Unrat des Verstandes hinausgeworfen wurde. Wenn man den Fußboden reinigt, fliegt der ganze Staub hoch und verdeckt die Sicht, - dennoch ist es ein Reinigungsprozeß. Selbst dann dachte er bei sich selbst: „Nichts ist geschehen. Ich habe keine Erleuchtung oder sonst irgend etwas erfahren.“ Als er sich an jenem Tag in dieser schwierigen Situation und in einem Zustand der Verzweiflung fühlte, eröffnete sich ihm mitten in der Nacht das Licht und er wurde erleuchtet.
Ich habe nun erwähnt, welche Schwierigkeiten die spirituell Suchenden durchstehen müssen. Es ist kein leichter und einfacher Weg. Es ist ein harter und schwieriger Job, den Verstand zu kontrollieren. Der Verstand kann nicht beherrscht und fortdauernd auf irgend etwas Bestimmtes konzentriert werden. Er ist auf zwanzig verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig und springt dabei von einer zur anderen. Wenn man über irgend etwas nachdenken möchte, kommt automatisch etwas anderes hinzu. Dies sind die Schwierigkeiten in der Yogapraxis. Selbst an Gott zu denken ist dann unmöglich, denn wenn man an Gott denkt, kommt stets auch eine Idee über den Markplatz, eine Reise, die Eisenbahn oder sonst irgend etwas Hinderliches dazwischen.
Monate und Jahre der Praxis, der Zähigkeit und der außergewöhnlichen Härte im Versuch der beständigen Konzentration des Verstandes auf die eine Sache und ein vollkommenes Vertrauen darin, daß man, wenn man ES bekommt, alles bekommen wird, ist notwendig. Darum erzähle dem Verstand: „Oh Du dummer Verstand! Warum eilst Du hierhin und dorthin? Wenn Du ES erreichst, bekommst Du alles, also, was soll gut daran sein, dem kleinen Flitterkram hier und dort hinterherzulaufen?“ Erzähl’ dies immer wieder Deinem Verstand.
Der Verstand fühlt, daß er alles verliert, wenn er zu Gott geht. Alle Freunde, Verwandte, Geld, Werte und guten Dinge verschwinden. Es mag sich zwar so anfühlen, aber es ist nicht das Ergebnis wirklicher Konzentration. Sag’ ihm: „Nein, es ist nicht so, denn das, was Du sieht, ist nur ein Schatten und die Wirklichkeit ist irgendwo anders. Wenn die Schatten so anziehend auf Dich wirken, wie verhält es sich dann mit der Wirklichkeit? Diese Schatten sind in das Ziel Deiner Meditation eingeschlossen, so daß Du überhaupt nichts verlierst, vielmehr alles bekommen wirst.“
Sag’ dem Verstand, daß es einen Weg gibt, ihn (sich selbst) zu kontrollieren. Sprich mit dem Verstand, wie man mit einem kleinen Kind spricht, „schrei’ nicht, schrei’ nicht!“ - ansonsten wird er nicht zuhören. Selbst Kinder hören nicht zu, denn sie sind sehr ungezogen. Dies waren nun einige interessante Dinge auf dem spirituellen Weg, der sehr gewagt ist und viel Zeit in Anspruch nimmt; doch das ist die Anstrengung wert, denn letztendlich ist dies die einzig lohnenswerte Sache, die es zu befolgen gilt. Was sagst Du dazu?
Besucher: Du hast früher gesagt, daß es nach der Erleuchtung keine externen Beziehungen mehr gibt? Ist das richtig? Könntest Du mehr darüber sagen?
Swamiji: Welche Erklärung? Was ich Dir gesagt habe ist klar genug. Ich denke, daß die Botschaft sehr klar ist. Welche Schwierigkeiten hast Du, sie zu verstehen?
Besucher: Ich wundere mich darüber, wie Leute nach der Erleuchtung zusammenleben können.
36. Über Patanjali’s Yoga
Besucher: Was gibt es Wissenswertes über Patanjali?
Swamiji: Es gibt ein Yoga-System, das Patanjali-Yoga genannt wird. Ich weiß nicht, ob Du davon gehört hast. Hast Du davon gehört?
Besucher. Ja, ich habe ein wenig über Patanjali gehört.
Swamiji: Er hat die acht Stufen des Yoga beschrieben. Sie werden im Sanskrit Yama und Niyama (ethische und moralische Übungen), Asana (Körperhaltung), Pranayama (Atemübung), Pratyahara (Zurückziehen der Sinne), Dharana (Konzentration) und Samadhi (EINSSEIN mit Gott) genannt. Samadhi ist die letzte und Yama ist die erste Stufe. Du hast danach gefragt, was die erste Stufe bedeutet, nicht wahr?
Besucher: Ja.
Swamiji: Yama besteht aus den fünf Einführungsschritten. Verletze niemals ein lebendes Wesen durch Deine Worte und Taten oder auf irgendeine andere Art und Weise, sei es körperlich oder seelisch. Das kann man Ahimsa nennen. Niemand sollte ein anderes lebendes Wesen, - nicht nur menschliche, sondern alle Lebewesen -, weder durch Gedanken noch durch Worte oder Taten verletzen.
Zweitens, täusche niemals irgend jemanden durch Unwahrheiten jeglicher Art. Man soll sich niemals irgendeinen Besitz oder Eigentum aneignen, der einem selbst nicht rechtmäßig zusteht. Dann kommt eine andere Sache: Hänge nicht an irgendwelchen Dingen, die für die normale Existenz unwesentlich sind, wie zum Beispiel an fünf Automobilen, zehn Armbanduhren, zehn Häusern und anderen Luxusgegenständen, denn sie sind für die Existenz nicht erforderlich und bedeuten deshalb eine Art Ausbeutung. Man beutet durch diese Art von luxuriösem Leben die Leute aus. Greife nicht nach dem Besitz anderer.
Dann ist da noch die Selbstbeschränkung, worunter man die Kontrolle der Sinnesorgane versteht. Die Augen, die Zunge und die Ohren; alle Sinnesorgane wollen sich einmischen. Diese Sinnesorgane sollten seinerseits durch tägliche Mühe so weit wie möglich zurückgehalten werden. Diese Dinge sind als die erste Stufe im Yoga zu bezeichnen. Wir sprechen am Anfang nicht über Meditation und all diese Dinge. Ein bißchen Selbstbeschränkung ist, wie bereits erwähnt, notwendig. Sie sind als Yama, dem Selbstveredelungsprozeß, bekannt.
Du hast gefragt, wie man beginnen sollte. Genau so muß man anfangen. Ich erzähle nicht mehr darüber. Dann folgen andere, noch schwierigere Dinge.
Sei zu aller erst ein guter Mensch. Bevor man ein göttlicher Mensch wird, man muß ein wirklich guter Mensch werden. Das ist die erste Stufe.
Besucher: Du sagtest: „Verletze niemanden durch Deine Gedanken.“ Könntest Du mir das erklären.
Swamiji: Angenommen, Du verfluchst geistig jemanden: „Laß diese Person sterben; dieser Idiot verdient es nicht zu existieren. Er ist eine teuflische Wiedergeburt.“ Auf diese Weise verletzt man jemanden durch seine Gedanken, die auf ihre Weise wirken. Obgleich es nur ein Gedanke ist, wird er jene Person beeinflussen, die man auf diese Weise verflucht hat. Als Yogaschüler wirst Du dies letzten Endes, nehme ich an, nicht tun.
Besucher: Ist es nicht möglich, den Gedanken, der durch den Kopf geht, nicht zu glauben, - nur darüber zu lachen und nicht daran zu glauben? Wenn man schlecht über jemanden denkt, wenn ein schlechter Gedanke in den Kopf kommt, - ist dieser Gedanke wirklich ernst zu nehmen oder genügt es, nicht an ihn zu glauben?
Swamiji: Nein, man sollte sich mit solchen Gedanken nicht beschäftigen. Die Frage nach dem Loslassen kommt erst, wenn man sich damit beschäftigt, nur dann erhebt sich die Frage nach dem Loslassen. Laß den Gedanken überhaupt nicht aufkommen.
Besucher: Das bedeutet, daß man seinen Verstand nicht kontrollieren kann, und daß Gedanken kommen und gehen können, ohne daß man es verhindern kann.
Swamiji: Ich verstehe. Wenn Gedanken auf diese Weise kommen und gehen, dann sprich zu Dir selbst: „Solche Gedanken sollten nicht in meinem Verstand aufkommen. Ich werde in Zukunft nicht mehr auf diese Weise denken.“ Am nächsten Tag denkst Du: „Ich habe einen Fehler in meiner Denkweise gemacht; das sollte nicht sein. Es tut mir leid. Ich will in Zukunft nicht mehr in dieser Weise denken.“ Wenn Du Deinem Verstand sagst, daß er in Zukunft nicht mehr so denken soll, dann denkt er auch nicht mehr so. Vergangenheit bleibt Vergangenheit; laß sie ruhen, denn in Zukunft wirst Du es letztendlich nicht mehr so machen. Du hast einen Fehler gemacht; gut, doch letztendlich hast Du ihn bereut und den Entschluß gefaßt, diesen Fehler in Zukunft nicht mehr zu wiederholen.
Besucher: Selbst wenn man über jemanden schlecht gedacht hat, und selbst wenn man diesem Gedanken keinen Glauben schenkt, könnte er dennoch Karma erzeugen.
Swamiji: Wenn man über etwas nachdenkt, erzeugt es Karma, denn jeder Gedanke erzeugt Karma. Solange Dein Denken nicht auf universelle Art und Weise organisiert ist, und sich Deine Gedanken nicht in Harmonie mit der Universellen Existenz befinden, wird Karma hervorgerufen. Karma ist nichts weiter als die Reaktion, die durch Aktionen hervorgerufen wurden. Gedanken sind auch Aktionen, darum kann jeder Gedanke eine Reaktion hervorrufen; doch, wenn Deine Gedanken in Harmonie mit der Universellen Struktur der Dinge sind, werden sie keine Reaktion oder Karma hervorrufen; wenn Du aber wie ein normales Individuum denkst, werden Reaktionen die Folge sein.
Besucher: Swamiji, ich habe eine Frage bezüglich Deiner Aussage am Anfang unseres Gespräches. Nach unseren Erfahrung ist das von Dir beschriebene Verhalten eine Folge der Gott-Verwirklichung, aber ohne diese Gott-Verwirklichung ist es unmöglich, auf diese Weise zu denken.
Swamiji: Sogar jetzt, wo Du noch keine Gott-Verwirklichung erreicht hast, wirst Du dies als ein gutes Verhalten zu schätzen wissen, oder nicht? Möchtest Du erst ein guter Mensch werden, nachdem Du Gott erreicht hast und vorher schlecht sein? Du mußt bereits jetzt versuchen gut zu sein und Dir dabei weiterhin Mühe geben. Du magst nicht vollkommen sein, doch letztlich ist ein kleiner Schritt, ebenso gut wie viel Erfolg zu haben. Selbst eine Stufe, die Du in Richtung Gott nimmst, ist eine Leistung, obwohl es nur eine Stufe ist.
Auf dem spirituellen Pfad gibt es keine verlorene Mühe. Jede noch so kleine Anstrengung, die man in dieser Richtung aufwendet, wird zu einem Guthaben auf dem spirituellen Konto. Selbst ein Pfennig, den man zur Bank bringt, ist ein persönliches Guthaben, obwohl es nur ein Pfennig ist. Viele Pfennige lassen das Konto anschwellen, darum gehe langsam, Schritt für Schritt, voran. Viele Tropfen ergeben den Ozean, doch „ohne Fleiß kein Preis“.
Besucher: Ist es nach Deinen Erfahrungen in der Gott-Verwirklichung notwendig, alle Stufen, von denen Patanjali sprach, zu durchschreiten?
Swamiji: Welche Vorgehensweise würdest Du sonst vorschlagen? Du mußt einen Weg gehen. Wonach gehst Du vor?
Besucher: Nun gut, als ich meinen Lehrer traf, habe ich mit allen Übungen, wie Yoga und Meditation, die ich vorher praktizierte, aufgehört, und ich fühlte, daß ich sie auch nicht mehr länger benötigte.
Swamiji: Was benötigst Du denn?
Besucher: Nichts.
Swamiji: Wenn das der Fall ist, dann benötigst Du auch keinen Guru. Was sagst Du dazu? Gehe bitte sorgfältig mit Deinen Gedanken um, wenn Du Entscheidungen triffst, und treffe keine voreiligen Entschlüsse. Du kannst nicht einfach sagen, daß Du nichts benötigst, denn Du brauchst sicherlich viele Dinge.
Besucher: Das ist richtig, natürlich war mein Guru notwendig, ganz bestimmt sogar.
Swamiji: Nicht nur das, denn Du hast noch viele andere Bedürfnisse in dieser Welt. Es gibt viele Bedürfnisse bezüglich der körperlichen Existenz. Wie kannst Du also sagen, daß Du keine Bedürfnisse hast? Du mußt Dich auf vielerlei Weise schützen, denn das ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Du benötigst Kleidung, Essen und ein Dach über dem Kopf; sind das keine Bedürfnisse?
Besucher: Ja, doch.
Swamiji: Warum sagst Du dann, daß Du keine Bedürfnisse hast?
Besucher: Nein, weil ich es auf die Übungen bezogen habe. Ich habe mich nur gewundert, weil......
Swamiji: Wenn Du also solche physikalischen Grundbedürfnisse hast, warum gehst Du dann mit den höheren Bedürfnissen so lieblos um?
Besucher: Es tut mir leid, aber ich habe das nicht richtig verstanden...
Swamiji: Aber was erzählst Du mir dann eigentlich?
Besucher: Ich habe nur gefragt, ob Du gemäß Deiner Erfahrung der Gott-Verwirklichung alle diese Stufen, über die Patanjali gesprochen hat, durchgegangen bist.
Swamiji: Man muß Patanjali nicht unbedingt folgen. Diese technologischen Terminologien sind nicht unbedingt erforderlich, aber man muß die Grundsätze befolgen. Patanjali sagt: „Sei ein guter Mensch.“ Wenn man nun Patanjali in dieser Hinsicht nicht folgt, ist man dann wirklich ein schlechter Mensch?
Besucher: Nein.
Swamiji: „Wenn ich Patanjali nicht folge, werde ich schlecht sein“, - so ist das nicht gemeint. Die Grundsätze gelten für jeden - für Patanjali oder irgend jemand anderen, denn die Stufen sind für alle Leute gleich. Wer wollte nicht gerne ein guter Mensch sein? Wer möchte sich nicht gerne selbst beherrschen? Wer möchte nicht gerne selbstlos sein? Dies sind Grundsätze, die für alle gelten, so daß sie niemand missen kann, denn dies sind die vorbereitenden Stufen.
Besucher: Sicher, aber ich bezog mich mehr auf die Yogapraxis, Pranayama, Pratyahara....
Swamiji: Du kannst daraus erkennen, daß körperliche Yogaübungen und Pranayama für Dich persönlich nicht erforderlich sein mögen, aber für jemand anders können sie nützlich sein. Willst Du deshalb irgendeinen Grundsatz verallgemeinern? Du könntest Dich auf einer Stufe befinden, wo sie nicht notwendig sind. Da stimme ich Dir zu, aber, für einige andere, die sich auf einer anderen Stufe befinden, können sie von Bedeutung sein, darum laß alles so, wie es ist.
Besucher: Vielen Dank.
Swamiji: Ich bin glücklich, weil Ihr alle sehr gute, aufstrebende Seelen seid. Dies empfinde ich deshalb, weil Eure Fragen alle sehr praktisch und intelligent sind. Ihr habt keine unsinnigen Fragen gestellt. Das bedeutet, daß ihr auf dem richtigen Weg seid. Sehr gut. Ich bin glücklich, Euch hier zu sehen.
37. SATSANGA
(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen)
Janie: Es scheint, so wie ich es verstanden habe, daß Du darüber gesprochen hast, daß es nur in geistiger Hinsicht möglich wäre, glücklich und dabei im eigenen Selbst zu sein.
Swamiji: Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich gesagt habe. Kannst Du es bitte wiederholen.
Janie: Ich erinnere mich Deiner Worte nicht mehr genau, aber es hatte etwas mit „im eigenen Selbst sein“ zu tun.
Swamiji: Du meinst damit allein zu sein, mit Dir selbst allein zu sein. Ja. Was ich gesagt habe war, je glücklicher Du bist, wenn Du mit Dir selbst allein bist, desto näher bist Du möglicherweise Deinem Selbst. Je näher Du Deinem Selbst bist, desto mehr fühlst Du die Notwendigkeit, mit Dir allein zu sein, weil das Selbst keine Freunde hat. ES hat keinen Kontakt mit irgend etwas Äußerem, denn Es ist Universelle Existenz. ES ist in Dir gegenwärtig und je mehr Du Dich zu dem Universellen hin bewegst, desto mehr fühlst Du diese Notwendigkeit und desto glücklicher fühlst Du Dich, allein zu sein. Dies sagte ich, und wie lautet jetzt Deine Frage?
Janie: Nun meine Frage lautet: In der Erfahrung, die wir mit unserem Lehrer haben, ist das Wachsen der Sangha......
Swamiji: Sangha? Sangha bedeutet Gruppe.
Janie: Ich meine Gruppe, aber eine Gruppe von Menschen, die die Erfahrungen über das Selbst teilt und die mit dem Selbst allein dasteht, woraus eine gemeinsame Verherrlichung und Freude miteinander entspringt. Dies hat nichts mit Freundschaft im sozialen Sinne zu tun, sondern ist als ein Beisammensein im Selbst zu verstehen.
Swamiji: Dies ist eine Stufe des Bewußtseins. Es gibt im aufsteigenden Bewußtsein einige Stufen. Man springt nicht sofort in etwas hinein, sondern bewegt sich Schritt für Schritt von einer niedrigeren oder mehr äußerlichen zu einer höheren bzw. mehr inneren Stufe. Vom Äußeren bewegt man sich zum Inneren und vom Inneren zum Universalen. Dies sind die drei Stufen des spirituellen Aufstieges.
Am Anfang ist das Bewußtsein in Äußerlichkeiten verwickelt. In dem Augenblick, wo ich zu Dir spreche oder Du zu mir sprichst, bewegt es sich in der äußeren Atmosphäre, aber es ist sich auch seiner Bewegung bewußt. Darum gibt es zwei Arten der Bewegung. Bewußtsein, das sich in der äußeren Atmosphäre bewegt, nicht wissend, daß es sich auf diese Art und Weise bewegt, führt zur Fesselung der Aktivitäten der normalen Menschen in dieser Welt, denn diese Menschen sind äußerlich durch den Kontakt mit den Außenobjekten gezwungen, ihre Sinnesorgane zufrieden zu stellen. Dies ist eine Bewegungsweise des Bewußtseins.
Im anderen Falle bewegt ES sich so wie jetzt. Du bist nicht in mir und ich nicht in Dir verwickelt. Doch das Bewußtsein bewegt sich in dem Sinne in einer veräußerlichten Form, als mir bewußt ist, daß Du außerhalb von mir sitzt und Du Dir bewußt bist, daß ich außerhalb von Dir sitze. Dies ist die zweite Stufe. Die erste Stufe ist eine Bewegung, ohne sich einer Bewegung gewahr zu sein. Dies ist das normale Leben in der Welt mit seinen Wünschen, Leidenschaften, Ärger, Konflikten usw., - das soziale Leben mit all seinen Verwicklungen und Bindungen. Das zweitgenannte beinhaltet die Verwicklungen in der Gesellschaft, ohne Verhaftungen und ohne Bindungen, was Satsanga, Gruppe, allgemeine Meditation usw. genannt wird, so wie Du es angesprochen hast, doch es ist nicht die höchste Stufe. Das tatsächliche Ziel ist das Bewußtsein der Universalität, und das Sich-dessen-bewußt-werden.
Wenn Du Dir des Universalen bewußt bist, was siehst Du dann? Kannst Du Dir diese Situation vorstellen? Du wirst in dieser dritten Stufe, die ich bereits erwähnte, fühlen, daß all die Leute um Dich herum, all die Dinge, wie Hügel und Täler, Wälder, Berge, Flüsse und was auch immer, Glieder des Universalen Körpers sind. Siehst Du sie so, wie Du Deine eigenen Finger und Hände siehst? Du siehst Objekte, - Du siehst sie als Objekte. Wenn ich etwas sehen kann, dann sehe ich es als Objekt und dennoch ist es kein Objekt, da es Teil meines Organismus selbst ist.
In der ersten Stufe herrscht ein Bewußtsein, das die Objekte als gänzlich verschieden von sich selbst sieht. Das Bewußtsein von Objekten als ein untrennbarer Teil einer spirituellen Ansammlung ist die zweite Stufe. Die dritte Stufe schließlich ist das Bewußtsein von Objekten als eine organische Verbindung mit der eigenen kosmischen Existenz. In der höheren Stufe werden keine Glieder mehr vorhanden sein, weil das Bewußtsein für die Glieder nur aufgrund von Raum und Zeit entsteht, die sich zwischen den beiden (Subjekt und Objekt) befinden. Wenn Raum und Zeit nicht vorhanden sind, wird man auch die Hand nicht sehen. Man stellt sich Gliedmaßen vor und ist sich dessen aufgrund der Einbildung von Raum und Zeit bewußt, - das, was man als Gott oder Universalität bezeichnet, befindet sich jenseits von Raum und Zeit. Wir haben heute morgen ein wenig darüber gesprochen. ES ist zeitloses Sein, wie ich einem Deiner Freunde sagte. „Was geschieht danach?“ hat er gefragt, und ich sagte: „Es gibt kein ‘hinterher’ oder ‘danach’.“ Es gibt kein „hinterher“, weil sich die Frage nach dem „danach“ nur durch das Hinzufügen der Zeit ergibt; auch gibt es dort kein Satsanga, denn Gott hat kein Satsanga, sondern ist ausschließlich SEIN.
Darum ist das, was Du angesprochen hast, eine wichtige Stufe. Es handelt sich um eine höhere Stufe als die Stufe der normalen Verwicklungen, doch es gibt noch eine weiterführende Stufe. Die Schriften erzählen von sieben Entwicklungsstufen, wobei ich mich nicht auf das Yoga-System von Patanjali beziehe, sondern auf die sieben Stufen, die als Stufen des Wissens bekannt sind. In der siebenten und höchsten Stufe weißt Du nicht, was mit Dir geschieht, denn gewöhnliche Sterbliche und Leute, die in körperlichen Bedingungen und sozialer Vielfalt denken, können sich nicht vorstellen, was wohl in dem Augenblick geschehen würde, wenn das Sterbliche unsterblich wird, oder, wenn das, was sich in Raum-Zeit befindet, in die raum- und zeitlose Ewigkeit eintritt. Wir können uns nur etwas in figürlicher und symbolischer Weise vorstellen, doch wir wissen es nicht wirklich. Wir wissen nicht, was vor uns ist; wir können uns nur daran erinnern, was hinter uns in der Vergangenheit liegt. Wir können nur einen und nicht einhundert Schritte vorausschauen, denn der Geist ist in seiner Wissenskapazität begrenzt.
Was ich letztendlich damit sagen will ist, daß diese von mir erwähnte besondere Stufe namens Satsanga eine schöne Sache ist, weil es sich dabei um eine höhere Stufe als die Stufe der Verwicklungen in der normalen Gesellschaft handelt, daß es aber noch höhere Stufen als diese gibt, wo man in verschiedenerlei Hinsicht allein sein wird. Dieses Alleinsein hat nichts mit dem physischen Alleinsein zu tun; vielmehr ist es ein Alleinsein im Bewußtsein, denn die Universalität fühlt das Alleinsein durch das eigene SELBSTSEIN. Das unendlich weite Meer des Kosmos fühlt Sein ALLEINSEIN. Auf diese Art des Alleinseins wird Bezug genommen, denn es ist darunter nicht ein physisches Alleinsein von irgend jemandem zu verstehen, der sich allein in einem Raum befindet, - das meinte ich nicht. Verstehst Du diesen Punkt?
Janie: Nach meinen Erfahrungen verhält es sich so: je mehr sich die Leute in der Sangha allein empfinden, desto mehr fühle ich mich allein....
Swamiji: Nach der Buddhistischen Lehre gibt es drei Stufen: Buddha, Dharma und Sangha. Sangha ist die erste, Dharma die nächste und Buddha die höchste Stufe. Am Anfang steht Sangha, die Versammlung der Devotees, Brüder und Schwestern usw.. Es ist eine notwendige Einrichtung und als institutionelles Leben bekannt. Darüber steht das reine Dharma, das einzige geltende Gesetz, das nicht den menschlichen Bedingungen wie bei einer Versammlung oder Sangha unterworfen ist. Letztlich ist das Universum nichts anders als das handelnde Gesetz. Es ist ein abstraktes Gesetz, obgleich es wie ein festgefügtes Objekt aussieht. Das Universum besteht nicht aus festen Substanzen; das ist nur eine Wahrnehmung der Sinnesorgane. Wenn man darüber hinausgeht, verschmelzen diese in ein reines abstraktes Gesetz. Darüber steht Buddha, - das Reine Sein.
In allen Religionen finden diese drei Stufen Anerkennung, einzig die Leute geben ihnen unterschiedliche Namen.
38. Prüfen unseres Fortschritts auf dem spirituellen Weg
Swamiji: Wenn ein Baby schreit, weiß man manchmal genau, was es wünscht, und ein anderes Mal weiß man überhaupt nicht, warum es schreit. Häufig schreien die Kinder, ohne zu sagen warum. Sie hören auch nicht auf zu jammern, wenn man sie fragt, und sie sprechen auch nicht, wenn man danach fragt, was denn los sei. Nur selten sagen sie, was sie wünschen.
Darum muß man diesem Phänomen auf jeden Fall Aufmerksamkeit schenken. Man muß sich auch selbst sehr sorgfältig die Frage stellen, ob man alles bekommen hat, was man sich wünscht oder ob man das Gefühl hat, daß es nicht alles war. „Ich habe nicht alles bekommen; es gibt noch bestimmte Dinge, die ich mir wünsche.“ Prüfe, ob sich im Inneren eine solche Stimme erhebt.
Auf diese Weise kann man sich selbst überprüfen. Wie häufig wird man tagsüber ärgerlich? Man stelle sich folgende Frage: „Wie oft habe ich mich im letzten Monat geärgert?“ Falls es keinen Ärger gegeben hat, ist es wundervoll, gut und schön. Wenn es jedoch Ärger gegeben hat, warum ist es geschehen? In diesem Fall kann man sich die Frage stellen: „War er berechtigt?“
Es gibt zwei Arten von Ärger. Der Ärger der Mutter über das kleine ungezogene Kind, um es vor Schaden zu behüten; der Ärger des Arztes über den ungehorsamen Patienten und der Ärger des Lehrers über den Schüler, der seine Schulaufgaben nicht ordentlich erledigt, dies sind alles erzieherische Ärgernisse, aber kein wirklicher Ärger. Das ist gut so, denn hier werden die Gefühle nicht unnötig strapaziert. Der Richter wird ärgerlich, wenn ein Rechtsanwalt nicht richtig argumentiert, aber dies ist kein gefühlsbetonter Ärger, sondern nur ein intellektuelles Befremden.
Der schädliche Ärger entsteigt den Gefühlen des Herzens und verletzt wirklich jemanden. Dies ist gefühlsmäßiger Ärger und man muß sich sehr davor schützen: „Habe ich mich auf diese Weise geärgert? Wenn ja, dann muß ich darauf achten, daß es in Zukunft nicht wieder vorkommt.“
Gestern hat mich jemand nach der ersten Stufe im Yoga gefragt und ich habe dazu vier oder fünf Prinzipien erwähnt. Brichst Du irgendeines dieser Prinzipien im täglichen Leben? Es sind wichtige Grundprinzipien, da sie sich mit den Beziehungen zu anderen Leuten und dem Ausmaß der erreichten Gefühlsbeschränkungen, die man erreicht hat, befassen. Bei diesen kleinen Dingen kann man etwas darüber erfahren, welche Fortschritte man macht.
Es gibt noch eine andere Sache. Fühlst Du Dich inmitten vieler Leute wohl, oder bist Du glücklich, wenn Du vollkommen allein und unbekannt bist? Angenommen, Du bist drei Tage lang allein und bekommst niemanden zu Gesicht, es besucht Dich auch niemand, denn Du bist weitab in einer isolierten Region an einem abgesonderten Platz, - fühlst Du Dich unter diesen Bedingungen glücklicher als inmitten von vielen anderen Menschen, oder fühlst Du eher, daß dies ein Unglück ist, daß Du auf diese Weise nicht allein sein kannst, sondern eine bestimmte sozial Atmosphäre um Dich herum brauchst?
Je glücklicher jemand ist, wenn er allein ist, desto spirituell fortgeschrittener ist er. Je miserabler sich jemand fühlt, wenn er allein ist, desto weniger Fortschritte hat er gemacht. Die großen Mystiker erzählen uns manchmal tatsächlich, daß das eigene außerordentliche Bemühen ein „Alleinflug zum ALLEINSEIN“ ist.
Wir sind letztendlich allein in diesem Universum, doch wir erkennen diese Tatsache aufgrund unserer Illusionen nicht. Unser Geist ist in einem Netzwerk voller Irrtümer gefangen, aufgrund dessen wir fühlen, daß wir viele Freunde haben, die uns unterstützen, doch in Wirklichkeit sieht es anders aus.
In dieser Welt, die auf Verhältnismäßigkeit eingerichtet ist, kann kein Teil von sich behaupten, Freund eines anderen Teils zu sein. Alle sind wie Kettfaden und Schuß in einem Stück Stoff miteinander verflochten und sind in diesem Sinne als Teile des Universalen Ganzen voneinander abhängig, wobei niemand ein Freund bzw. Feind des anderen ist. Man kann dies als Kosmische Demokratie bezeichnen, in der man weder Gelegenheit hat, irgend jemanden zu mögen, noch jemanden nicht zu mögen. Die Dinge sind wie das Garn bei einem Kleidungsstück durch Kette und Schuß voneinander abhängig, und sie sind eng miteinander verbunden, so daß man sie als Brüder oder Schwestern bezeichnen kann, doch man kann ein Stück Garn nicht als Freund eines anderen Stück Garns ansehen. Es ist eine Zusammenarbeit, die zwischen den Garnen stattfindet, und diese Zusammenarbeit ist mehr eine transzendentale Handlung als eine gefühlsbetonte Freundschaft.
Das bedeutet jedoch letztendlich, daß Du allein bist, daß Du zu niemandem gehörst und niemand zu Dir gehört. In diesem Bewußtsein nähert man sich jenem Höchsten ALLEINSEIN, welches das Absolute ist. Gott hat weder Freunde noch Verwandte und dennoch kann ER deshalb nicht als weniger glücklich angesehen werden. Kann man sagen, daß Gott, nur weil ER keine Freunde und keine Familie hat, deshalb eine unglückliche Person ist, und daß es uns besser geht, nur weil wir all dieses Zubehör haben? Das Gegenteil ist der Fall.
Je weiter man sich der letzten Form des ALLEINSEINS nähert, desto größer ist der Fortschritt, den man auf dem spirituellen Sektor gemacht hat. Doch, wenn man in Gesellschaft, Politik, Gemeinschaft usw. verstrickt ist, bleibt man solange unglücklich, wie man nicht im Mittelpunkt des Marktplatzes, Kinos und Ballsaales steht, denn ohne diese gibt es keinen Frieden, was wirklich eine tragische Bedingung des Geistes ist. Wer jedoch mit sich selbst zufrieden ist und von niemandem irgend etwas begehrt - „Mein Bewußtseinszustand ist so, daß ich alles, was ich jetzt zum Leben brauche, aufgrund der kosmischen Handlungen bekomme“ - der braucht niemanden um irgend etwas zu bitten, denn „Alle diese Dinge werden Dir zuteil werden.“
Das Universum ist sowenig außerhalb von Dir, wie sich ein Stück Stoff außerhalb des Garns befindet. Wenn das Garn mit dem Stoff etwas besprechen muß, dann braucht es zur Begegnung kein Flugzeug, denn es ist bereits dort. Wenn Du also irgend etwas von der Kosmischen Bewegung wünschst, dann brauchst Du nicht hierhin und dorthin zu gehen, denn „ALLES“ berührt bereits Deine Nase,- nimm es in Anspruch, denn es ist bereits da.
Soweit zum Wesen der Überprüfung, die man bei sich selbst bezüglich des eigenen Fortschritts auf dem spirituellen Weg anwenden kann. Dies ist meine kurze Botschaft an Dich. Ohne eine Frage von Dir, habe ich Dir nun einiges erzählt.
39. Nach der Selbstverwirklichung
Amy: Wenn Wunschgedanken oder Ärger den Verstand erfüllen, wundere ich mich darüber, denn das Selbst steht doch über dem Verstand und hat keinerlei Beziehungen zu diesem...
Swamiji: Es gibt doch eine Beziehung, denn, wenn es keine Beziehungen gäbe, wie wollte man dann durch den Verstand mit dem Selbst in Verbindung treten? Es hat die gleiche Verbindung wie das Sonnenlicht mit dem sich auf einem Spiegel reflektierenden Sonnenlicht.
Ich gebe Dir ein Beispiel. Stelle Dir vor, die Strahlen der Sonne treffen hier im Raum auf einen Spiegel. Dieser Spiegel empfängt das Sonnenlicht und projiziert es auf eine Wand. Nun kann das Licht an der Wand jedoch nicht als das tatsächliche Sonnenlicht angesehen werden, weil das tatsächliche Sonnenlicht, wenn es dort wäre, sogar dann gesehen werden könnte, wenn der Spiegel entfernt würde. Wenn der Spiegel nicht vorhanden wäre, könnte man es (das reflektierte Licht) auch nicht sehen und doch ist es einzig und allein Sonnenlicht. Auf die gleiche Weise ist der Verstand die Reflexion des Bewußtseins, obwohl er nicht dasselbe wie das Selbstbewußtsein ist.
In der gleichen Weise, wie das reflektierte Licht mit dem Originallicht in Verbindung steht, kann der Verstand das Höchste Selbst erreichen. Es ist nicht so, daß es keine Verbindung gibt, obwohl es nicht im selben Sinne identisch ist, wie dies in der erwähnten Analogie der Fall ist. Wie lautet nun letztendlich Deine Frage?
Amy: Meine Frage betrifft die Natur des Verstandes selbst, in den viele Gedanken kommen und gehen, und der lieber irgendwo sonst Wurzeln zu schlagen, nicht zu handeln oder zuviel Bedeutung in etwas zu legen versucht, als die Objekte, die sich in ihm erheben und vorbeiziehen, abzumessen und zu beobachten. Darum sag’ mir, wenn Ärger im Verstand aufsteigt und wieder verschwindet, sollte man sich davon nicht beeinflussen lassen.......
Swamiji: Ärger usw. erhebt sich im Verstand nur deshalb, weil das eigene Bewußtsein nicht in sich selbst ruht. Es bewegt sich außerhalb; denn ansonsten gibt es keinen Anlaß, sich zu ärgern. Der Verstand und das Selbst sind keine zwei Paar Schuhe, - man kann sie nicht voneinander trennen. Du sprichst jetzt ausschließlich mit Deinem Verstand zu mir.
Amy: Ja.
Swamiji: Wäre der Verstand nicht da, würdest Du jetzt nicht sprechen, dennoch entspringt das hinter dem Sprechen stehende Bewußtsein dem Selbst. Du bist Dir bewußt, daß Du zu mir sprichst, womit eine doppelte Aktivität stattfindet. Der Verstand ist aktiv und das Selbst ist ebenfalls aktiv; beide handeln spontan und direkt. Dies ist der Grund, warum Du sprichst und weshalb Du Dir auch des Sprechens bewußt bist. Sprechen ist eine Aktivität des Verstandes und das Bewußtsein vom Sprechen ist eine Aktivität des Selbst. Darum findet in diesem Augenblick eine duale Aktivität statt. Wenn der Verstand nun ärgerliche Gedanken, Wunschgedanken usw. hegt, hat er das Bewußtsein irgendwohin abgelenkt, anstatt es in die Mitte des Selbst’ zu lenken.
Das ganze Problem im spirituellen Leben besteht darin, das Bewußtsein nicht außerhalb des Selbst’ zu lenken. Das Selbst sollte nicht zum „Nichtselbst“ werden, denn man sollte nicht zu etwas anderem werden oder zu etwas, was man selbst nicht ist. Man muß das bleiben, was man ist. Wenn das Bewußtsein an etwas anderes als sich selbst denkt, dann ist A zu B geworden. Du bist jemand anderes geworden, doch wie kannst Du jemand anderes werden, wenn Du das bist, was Du bist? Der Gedanke, daß es noch etwas außerhalb von Dir gibt, beruht auf einer falschen Behauptung des Bewußtseins, nämlich, daß es außerhalb von ihm selbst noch etwas gibt. Es ist eher die Behauptung einer Besonderheit, als die der Universalität. Ich hoffe, daß Du diesen Punkt verstanden hast, denn dies ist wichtig und ein sehr spitzfindiger psychologischer Punkt.
Amy: Ja.
Amir: Mir ist die Wirklichkeit des Absoluten bekannt, mir ist bewußt, daß ich, unabhängig davon, wie ich fühle und welche Gedanken in mir vorgehen, nicht mein Verstand bin. Darum macht es auch aus dieser Perspektive keinen Unterschied, ob sich Verwirrungen oder Ärger im Verstand erheben.
Swamiji: Warum treten sie dennoch auf?
Amir: Weil es sich dabei um eine mechanische Handlung des Verstandes handelt.
Swamiji: Nein, sie ist nicht mechanisch, denn, wenn sie mechanisch wäre, dann wäre man sich des Ärgers nicht bewußt, und es wäre so, als würde sich eine Dampfwalze auf der Straße bewegen, ohne zu wissen, daß sie sich bewegt, doch man ist keine Dampfwalze, denn man ist sich des Ärgers bewußt. Dies zeigt, daß es sich nicht um eine mechanische, sondern um eine wohlüberlegte Handlung handelt. Darin liegt die ganze Gefahr. Wäre sie jedoch mechanisch, dann wäre man sich nicht einmal bewußt, daß man ärgerlich ist; die Handlung würde sich wie ein Automobil ohne Fahrer fortbewegen, doch hier handelt es sich um ein Automobil mit Fahrer. Darin liegt der Unterschied.
Amir: Du meinst also, daß ich mir den Arger tatsächlich selbst erschaffe?
Swamiji: Das ganze Problem ist, daß man sich den Ärger aus irgendeinem Grund heraus selbst erschafft. Ohne Grund wird niemand ärgerlich. Wer ärgert sich schon unnötigerweise, es sei denn, man ist verrückt? Vielmehr steht dahinter eine wohlüberlegte Bemühung. Der Ärger kommt daher, daß man etwas Bestimmtes erreichen möchte, dessen man sich auch bewußt ist. Man ist nicht ohne Bewußtsein; denn, wäre dies der Fall, dann würde sich dafür keine Verantwortung erheben. Unbewußte Handlungen erzeugen keine Ergebnisse; es sind die bewußten Handlungen, die Ergebnisse hervorbringen. Dies ist es, was dahinter steht, und darum muß man sehr wachsam sein.
Das ganze Leben eines Menschen ist in vielerlei Hinsicht ein Spiel des Bewußtseins, und wo immer Bewußtsein vorhanden ist, ist man auch darin verwickelt. Ohne Bewußtsein gibt es keine Verwicklungen. Wenn unbewußt etwas geschieht, ist man nicht darin verwickelt. Wenn man sich jedoch dessen bewußt ist, dann ist man auch dafür verantwortlich.
Janie: Swamiji, nach meinem Verständnis, kommt die Bewußtheit oder das Bewußtsein des Ärgers nicht aus meinem Verstand, sondern es kommt von meinem Selbst, das jenseits des Verstandes ist. Ich kann aufgrund meines Selbst’ die Gedanken unterschiedlich behandeln und danach auswählen, welchen Sinn sie haben, nicht aber, um aus ihnen heraus zu handeln und ihnen gemäß zu reagieren.
Swamiji: Nicht zu reagieren?
Janie: Ja.
Swamiji: Ja, ja. Sicherlich. Man sollte nicht reagieren.
Janie: Ich will damit sagen, daß das die Freiheit ist - darin liegt die Freiheit.
Swamiji: Freiheit?
Janie: Freiheit vom Verstand, was bedeutet, zu wissen, daß ES sich jenseits des eigenen Geistes befindet.
Swamiji: Nun, ich kann nicht genau erkennen, wovon Du sprichst. Falls Du Dich jenseits des Verstandes befindest, kannst du Dich nicht ärgern, denn es ist der Verstand, der sich ärgert. Das Selbst kann sich nicht ärgern, denn ES ist das Universale Bewußtsein. Du bist irgendwie nicht in das Selbst eingebunden. Du hast Dich mit diesem Medium, wie mit einem Spiegel, der, wie ich schon erwähnte, der Verstand ist, identifiziert und das beunruhigt Dich. Wenn er beunruhigt, dann fühlt man, daß man etwas tut, denkt, sich ärgert oder sonst etwas. Das Bewußtsein greift nicht ein, ES gerät nicht in Schwingungen oder tut irgend etwas; es ist der Verstand, der alle diese Dinge bewirkt. Wenn man die Sonne sich auf der Wasseroberfläche bewegen sieht, ist es nicht wirklich die Sonne, sondern die Wasseroberfläche, die sich bewegt, doch man sieht es anders und eine unintelligente Wahrnehmung kann zu dem Schluß führen, daß sich die Sonne bewegt, denn es sieht so aus, als ob sich die Sonne bewegen würde.
Auf die gleiche Weise fühlt man, daß man über etwas nachdenkt, während man tatsächlich nichts dergleichen tut, da es sich, wie ich bereits erwähnte, um eine gleichzeitige Handlung von Verstand und Bewußtsein handelt. Die Bewußtheit darüber kommt vom Selbst; die Aktivität stammt vom Verstand. Sie sind harmonisch miteinander verbunden und es sieht dabei so aus, als ob man selbst der Handelnde wäre.
Amir: Swamiji, gibt es nach Deinen Erfahrungen einen Unterschied oder eine Veränderung im Inhalt des Verstandes?
Swamiji: Inhalt?
Amir: Ja. Was erhebt sich nach der Selbstverwirklichung im Verstand - findet nach der Selbstverwirklichung im Inhalt des Verstandes eine Veränderung statt?
Swamiji: Nun, wir haben gestern diese Frage diskutiert. Man muß sich zuerst darüber klar sein, was unter „Selbstverwirklichung“ zu verstehen ist. Wir haben es bereits zum wiederholten Male diskutiert. Verstehst Du unter „Selbstverwirklichung“ Deine eigene Vereinigung mit dem Universalen Selbst?
Amir: Ja.
Swamiji: Dann ergibt sich auch keine Frage mehr bezüglich des „Danach“, weil es dann keinen Zeitbegriff mehr gibt. „Danach“ ist ein zeitlicher Begriff, doch es gibt weder ein „Danach“ noch ein „Davor“, weil keine „Zeit“ mehr vorhanden ist. Es ist zeitlose Ewigkeit, in der sich die Frage nach dem „Danach“ nicht mehr erhebt. Es handelt sich um „Ewigkeit“, die nicht in Zeitbegriffen verstanden werden kann. Für Gott oder für einen Selbstverwirklichten Menschen gibt es kein „Danach“. So etwas wie „Danach“ gibt es nicht, weil damit der Zeitfaktor mit ins Spiel gebracht wird, der zu dem Zeitpunkt nicht existent ist.
Amir: Aber dennoch findet das Ereignis der Selbstverwirklichung in der Zeit statt.
Swamiji: Die Charakteristik der Ereignisse hört mit dem Ereignis der Selbstverwirklichung auf. Es existiert nicht mehr, denn ein Ereignis unterliegt auch einem zeitlichen Konzept. In dem Augenblick, wo man dort eintritt, wo es keine Zeit mehr gibt, kann nicht mehr länger unter den Bedingungen von Zeit geurteilt werden, da der Zeitfaktor verschwunden ist. Es ist wie mit dem Aufwachen aus einem Traum, - die Gesetze des Träumens funktionieren nicht im Wachzustand, und darum gibt es weder ein „Davor“ noch ein „Danach“. „Was geschieht nach der Selbstverwirklichung?“ - Solche Fragen sollten sich nicht erheben, weil es kein „Danach“ mehr gibt. Der Zeitbegriff selbst ist nicht mehr vorhanden und man wird dann Universal und All-durchdringend sein, denn das Selbst steht über der Zeit.
Kelly: Du hast gesagt, daß man entweder wach ist und nicht wieder einschlafen kann, oder man ist es nicht; ansonsten würde man schlummern. Ich würde mich freuen, wenn Du mehr darüber sagen könntest.
Swamiji: Was soll’s? Du hast es bereits korrekt erklärt.
Kelly: Ich habe es nicht genau verstanden, wie man entweder wach sein oder schlafen kann oder ........
Swamiji: Im Augenblick bist Du wach, nicht wahr?
Kelly: Ja.
Swamiji: Nun, schläfst Du jetzt auch gleichzeitig?
Kelly: Nein.
Swamiji: Genau dies ist der Punkt. Du kannst nicht zur selben Zeit schlafen und wach sein. Wenn Du schläfst, dann bist Du nicht wach und umgekehrt, wenn du wach bist, kannst Du nicht gleichzeitig schlafen. Wie lautet nun Deine Frage?
Kelly: Aber, Du hast auch gesagt, daß man schlummern könnte.
Swamiji: Wenn Du nicht vollständig wach bist und die Eindrücke des Schlafes noch bestehen, dann könntest Du schlummern, doch, wenn Du völlig wach bist und die Notwendigkeit zu schlafen vergangen ist, dann schlummerst Du nicht.
Kelly: Eindrücke von.....
Swamiji: Die Eindrücke des Schlafes, weil man manchmal nicht gut geschlafen hat, aufsteht und sich am liebsten gleich wieder hinlegen möchte. Du hast schlecht geschlafen und fühlst Dich schläfrig, obgleich Du sprichst, ein wenig arbeitest, frühstückst usw.. Doch, wenn Du richtig aufgewacht bist und ausgeschlafen hast, wirst Du nicht schlummern. Darum wird derjenige, der ausgeschlafen hat, auch nicht wieder einschlafen, sonst setzen sich die Schlafmerkmale fort und man fühlt sich schläfrig. Aber in der Selbstverwirklichung ist alles überall wach.
Amir: Ist es nicht möglich, manchmal vollkommen wach und manchmal schläfrig zu sein?
Swamiji: Du kannst hier nicht das Wort „vollkommen“ gebrauchen.
Amir: Ich fühle mich vollkommen wach.
Swamiji: Du bist nicht vollkommen wach, sonder eher halbwach. „Vollkommenheit“ schließt alle anderen Faktoren aus. Wenn man das Wort „Vollkommen“ gebraucht, dann kann man keinen anderen Faktor hinzufügen. Wenn man „Vollkommen“ ist, gibt es keine Wünsche mehr, weil Deine Persönlichkeit jeden Tag „Vollkommenen“ ist und keine Wünsche mehr hat. „Vollkommene“ Wachheit unterscheidet sich dadurch, daß der „Vollkommenheit“ kein Faktor hinzugefügt werden kann.
Amir: Ich verstehe.
Michael: Swamiji, ich bin sehr daran interessiert von Dir zu hören, was Dir auf dem Wege zur Erleuchtung widerfahren ist.
Swamiji: Nichts ist mit mir geschehen. Ich bin durch nichts hindurchgegangen. Was soll ich Dir erzählen?
Michael: Ich meine, wie hast Du ES entdeckt?
Swamiji: Ich habe nichts entdeckt. ES ist irgendwie - und das weiß nur Gott - zu mir gekommen. Vielleicht habe ich in früheren Leben etwas Gutes getan, und diese Eindrücke haben die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung erblühen lassen, die sich dann in dieser Geburt spontan vollzogen hat. Ab dem Alter von sechs Jahren befand ich mich auf dem religiösen Weg, denn bereits in diesem Alter hatte ich Verlangen nach Gott, was keiner persönlichen Bemühung angelastet werden kann, denn um welche Bemühungen sollte es sich hier handeln? Ich weiß heute noch, worüber ich als Sechsjähriger nachgedacht habe. Das gibt mir ein Gefühl von Bewunderung darüber, wie die Dinge funktionieren.
Ich wurde in einer sehr religiösen Familie geboren. Mein Vater und mein Großvater waren Heilige, Meister der Veden und Weise, deren Segen darüber liegen muß. Wenn man an die Vererbbarkeit der Gene glaubt, müssen ihre Gene auch in mir sein. Mein Vater und mein Großvater waren wirklich Heilige. Das mag ebenfalls ein Faktor gewesen sein; außerdem mag es auch an guten Taten in früheren Leben gelegen haben, und alles zusammen genommen hat das aus mir gemacht, was ich bin. Dies ist meine kurze Autobiographie.
Janie: ... Die Hauptsache ist, daß man von der Absicht, „frei zu sein“ geführt wird. Daß man an die Absicht „frei zu sein“, denkt?
Swamiji: Der Gedanke an die Absicht, frei zu sein, sollte andauern. Ist es das, was Du meinst?
Janie: Und jeder andere Gedanke, glaube ich....
Swamiji: Jeder andere Gedanke unterscheidet sich davon. Ich erwähne jedoch besonders die Gedanken, die im Zusammenhang mit der endgültigen Freiheit stehen.
Janie: Ja. Richtig.
Swamiji: Wie erzeugst Du diesen Gedanken?
Janie: Ich verweile wirklich bei dem Verlangen, frei zu sein, das ist alles.
Swamiji: Dieses Verlangen ist etwas, das Du als Bewußtheit in Dir selbst bewahrst. Du bist Dir immer Deines Verlangens „frei zu sein“ bewußt.
Janie: Ja.
Swamiji: Es ist sehr wichtig, daß Du Dir immer Deine Bewußtheit darüber bewahrst und niemals darauf verzichtest; doch manchmal ist es möglich, daß der Verstand in andere Gedanken abgleitet. Es ist auch manchmal unvermeidlich, auf eine andere Weise zu denken, als vorher beschrieben, z.B. wenn man verreist, einen Fahrschein kauft, im Markt spazieren geht usw.. Was sagst Du dazu?
Janie: Ja, dies geschieht, doch zu Hause ist immer wieder dieses Verlangen, „frei zu sein“, vorhanden.
Swamiji: Obgleich die anderen Gedanken nicht grundsätzlich dem Hauptgedanken widersprechen, so können sie doch verwirrend sein, wenn man nicht in der Lage ist, die Harmonie zwischen der weltlichen Existenz und seinem Leben in der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung zu entdecken. Die meisten Menschen, die Mehrheit, ja nahezu neunundneunzig Prozent der Menschen sehen keine lebende Verbindung zwischen dem eintönigen weltlichen Leben und dem Leben spiritueller Sehnsucht. Sie glauben, es seien zwei unterschiedliche Dinge, doch tatsächlich ist es nicht so, denn es sind lediglich zwei Aspekte des Wirkens menschlicher Umstände. Immer, wenn man fühlt, daß es zwei unterschiedlicher Dinge sind, wird man des normalen weltlichen Lebens überdrüssig. Man hat keine Lust mehr und möchte allem entsagen, wie die Leute im allgemeinen sagen. Das liegt daran, daß man etwas abgeben möchte, was man auf dem spirituellen Weg als nicht mehr notwendig erachtet. Dies ist eine psychologische Sackgasse, durch die die Menschen gehen müssen, und jeder, ob groß oder klein, und wer immer es auch sein mag, muß dort hindurch gehen.
Man ist normalerweise nicht in der Lage, die beiden Dinge miteinander zu versöhnen, nämlich einerseits die Welt der Handlungen und Konflikte, von Krieg und was sonst auch immer, und andererseits die Allmacht Gottes. Obwohl wir mit der Tatsache, daß Gott diese Welt geschaffen hat, einverstanden sein mögen, wissen wir nicht, wie wir beides unter einen Hut bekommen können. Was für eine Welt hat Gott erschaffen? Man fühlt, daß nicht alles in dieser Welt wunderbar und friedvoll ist. Man möchte sich eine bessere Welt wünschen. Das wäre in gewisser Weise ein Vorwurf gegenüber Gott, daß er keine gerechte Welt erschaffen hätte. Wenn man eine bessere Welt erwartet als das, was man mit den eigenen Augen sieht, so will man damit ausdrücken, daß Gott vor der Schöpfung dieser Welt nicht gut genug darüber nachgedacht hätte. Diese unsere Einstellung ist nicht richtig, denn Gott hat gut gedacht und keine unansehnlichen, unästhetischen Dinge in dieser Welt erschaffen; dennoch scheinen sie sich vor unseren Augen zu befinden.
Das Problem für einen spirituellen Sucher liegt in der Versöhnung dieser beiden Dinge, die Integration des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren, des Äußeren mit dem Inneren, der Erfahrung mit dem Transzendentalen, des Weltlichen mit dem Spirituellen und der Welt mit Gott. Wenn sie harmonisch miteinander vermischt werden können, wie dies mit Seele und Körper der Fall ist, führt man ein integrales Leben. Dies ist das Problem für einen spirituellen Sucher, und diese Spaltung, die man im Bewußtsein wahrnimmt, geschieht aufgrund des Anstoßes der Sinnesorgane, die in eine Richtung drängen, und des Bewußtseins, das sich in eine andere Richtung bewegt. Hierin liegt die große Aufgabe des spirituellen Suchers.
Janie: Bevor ich meinen Meister traf, war ich immer nur dann in der Lage, mit Gott in Verbindung zu treten, wenn ich an einem ruhigen Platz meditierte. Nachdem ich meinen Meister getroffen habe, wußte ich, daß das nicht richtig ist, denn, wie Du ja weißt, Gott ist überall.
Swamiji: Ja, Du beklagst Dich nicht mehr so wie früher. Das ist gut. Dein Meister hat Dich in Euren Satsangas (spirituellen Treffen) unterwiesen, nicht wahr?
Janie: Ja.