20. Wie man sich Gott vorstellt

 

Schwedischer Besucher A.: Sind Intelligenz und Güte wirklich nur enge, auf den Menschen beschränkte Vorstellungen? Woher weiß man, daß Gott eine Person oder Persönlichkeit ist, oder daß ER persönliche Qualitäten hat?

 

Swamiji: Du möchtest wissen, ob Gott eine Person ist oder nicht? Du mußt wissen, daß dies für das Theologiestudium aller Religionen eine ziemlich bedeutsame Frage ist.  Alle semitischen Religionen (Judentum, Zarathustrianismus (Parsismus), Christentum und Islam) betrachten Gott als eine Über-Persönlichkeit und stellen sich IHN als einen Über-Vater vor. „Vater im Himmel, geheiligt sei Dein Name,“ so wird gebetet. All diese Beschreibungen über Gott besagen, daß ER eine große, all-umfassende Persönlichkeit ist. Du fragst mich danach, ob ER wirklich eine Persönlichkeit ist.

 

„Persönlichkeit“ ist eine menschliche Vorstellung. Wenn wir über den Begriff „Persönlichkeit“ sprechen, dann denken wir immer an eine menschliche Persönlichkeit.  Wir denken niemals an die Persönlichkeit eines Löwen oder Elefanten usw.. Unsere Gedanken werden durch menschliche Vorstellungen gesteuert. Ist die menschliche Gedankenvorstellung die einzig richtige Denkweise, oder gibt es noch andere Denkansätze? Ein Frosch denkt ebenfalls, ein Reptil, eine Kuh und ein Elefant denken auch. Glaubst Du, daß ihre Denkweise falsch ist?

 

Besucher A: Nein, denn es sind auch Persönlichkeiten.

 

Swamiji: Tiere sind auch Persönlichkeiten, aber wir glauben nicht , daß Gott ein riesiger Löwe ist. Für gewöhnlich glauben wir, daß ER die Form eines riesigen menschlichen „Korpus“, so groß wie das Universum, einnimmt. Zunächst denken wir wie menschliche Wesen, aber es ist nicht die einzig mögliche Denkweise. Es könnte sein, daß wir unsere Denkweise modifizieren müssen, wenn wir im Evolutionsprozeß fortschreiten wollen. Ein Mensch denkt auf eine bestimmte Art und Weise, ein Über-Mensch denkt auf eine andere Weise, und man kann davon ausgehen, daß der Mensch, bis er ein Gott-Mensch wird, zunächst zum Über-Menschen werden muß.

 

Eine andere Frage ist: Was bedeutet Persönlichkeit, -sei sie menschlich oder andersartig? Eine „Person“ existiert in Raum und Zeit. Wenn Raum und Zeit nicht vorhanden sind, gibt es auch keine „Persönlichkeit“. Eine „Person“ existiert also im Raum, - sie ist von Raum und Zeit umgeben. Wir glauben, daß Raum und Zeit von Gott erschaffen wurden, und daß es davor weder Raum noch Zeit gab. In den Schriften steht außerdem geschrieben, daß Gott „Himmel und Erde, Raum und Zeit usw.“ erschuf. Wenn dies der Wahrheit entspricht, dann kann Gott nicht von „Raum und Zeit“ abhängig sein; - mit anderen Worten: ER ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Aber, wenn ER sich nicht in Raum und Zeit befindet, wie willst Du IHN dann als eine „Person“ betrachten?

 

Daher ist Gott in Wirklichkeit keine „Person“. ER ist auch nicht nur im Himmel, denn ER erschuf den Himmel. Wo war ER, bevor ER den Himmel erschuf? Wir können also weder behaupten, daß ER eine „Person“ ist, noch daß ER im Himmel ist. Gott ist eine Universelle, Allumfassende, Unendliche Existenz. Wenn wir der Frage bezüglich der Natur Gottes so weit wie möglich nachgehen, dann scheint dieses die einzig mögliche Schlußfolgerung zu sein.

 

Aufgrund der persönlichen Hingabe wird es jedoch anders gesehen. Man kann nicht immer an die Unendlichkeit denken. Der Verstand hat nicht dieses Denkvermögen. Wir wünschen uns Berührung, Liebe und eine entsprechende Antwort darauf. Eine unendliche, alldurchdringende, sowie raum- und zeitlose Existenz kann uns ebensowenig berühren, wie eine logische bzw. mathematische Betrachtung dieser Existenz. Mathematik und Logik sind ausgezeichnete Wissenschaften, die wir zwar akzeptieren, aber nicht lieben können. Unser Herz sehnt sich nicht danach, sondern zieht die Malerei, Musik, Architektur, Gestaltung und Literatur vor. Wo sich unser Herz befindet, dort ist auch unsere Liebe und die Glückseligkeit zu finden. Um unsere Liebe zu verwirklichen, suchen wir nach Objekten, weshalb wir aus einsichtigen Gründen heraus das Unendliche nicht lieben können. Darum müssen wir IHN als göttlichen Vater betrachten. Manchmal betrachten IHN die Menschen in Indien (und anderswo auch) als göttliche Mutter.

 

Aus unserer Sicht und aufgrund der Sehnsucht der menschlichen Natur, ist es nicht falsch, Gott als eine Person zu betrachten, denn das Unendliche kann durchaus als Person Gestalt annehmen, wie durch die Hand eines Bildhauers aus einem Steinblock eine Statue werden kann. Der Steinblock beinhaltet keine fertige Statue, aber durchaus das Potential einer Statue. Gott kann eine Person sein, und doch brauchen wir IHN nicht auf eine Persönlichkeit zu begrenzen. ER ist wahrhaftig eine Überperson. Ich glaube, daß Gott so sein muß. Was meinst Du dazu?

 

Besucher A: Ich danke Dir für die ausgezeichnete Antwort.

 

Besucher B: Darf ich eine Frage stellen?

 

Swamiji: Wie lautet Deine Frage?

 

Besucher B: Ich stimme Deiner Beschreibung über die Natur Gottes zu, aber ich muß bekennen, daß ich mich ein wenig befremdet fühle, diese Vielzahl unterschiedlicher Idole in einem Hindu-Tempel vorzufinden. Wie paßt das zu dieser Idee von Gott?

 

Swamiji: Diese Frage wurde mir bereits einhundert Mal gestellt, so daß dieses jetzt die einhundert-und-erste Frage ist. Es ist schwierig für den westlichen Geist, sich da hineinzudenken, da man dort nicht daran gewöhnt ist, diese vielen Dinge zu sehen. Man muß sich tief in die Psychologie dieser Art von religiösem Verhalten hineinversetzen. Jemand, der ein Idol verehrt, verehrt damit nicht den individuellen „vordergründigen“ Gegenstand.

 

Wir alle kennen irgendwelche Menschen, die als Präsident oder Premierminister ihrer Länder bekannt sind. Wenn Du beispielsweise sagst, daß der Präsident oder der Premierminister gekommen ist, dann meinst Du damit eigentlich nur, daß ein Mensch wie Du oder ich gekommen ist. Der Präsident eines Landes ist genauso ein Mensch wie Du, oder wie ein Verkäufer in einem Ladengeschäft, ein Taxifahrer, ein Zugführer oder Hotelportier. Er ist genauso ein Mensch wie jeder andere, aber Du siehst in ihm etwas anderes. Wenn der Präsident eines Landes kommt, dann siehst Du nicht nur einfach einen Menschen vor Dir. Wer kommt denn nun wirklich? Ist es der Mensch oder ist es der Präsident, der kommt? Sag’ es mir. Du siehst den Präsidenten in jenem Menschen, der die ganze Macht und das Vertretungsrecht seines Landes in sich vereinigt. Du respektierst den Präsidenten, weil er das ganze Land repräsentiert. Aber in Wahrheit ist es doch nur Herr „Soundso“, oder nicht?

 

Die Person ist das Idol und Du brauchst Dich mit ihr überhaupt nicht verbunden zu fühlen. Fühlst Du Dich mit jedem Menschen in dieser Welt derartig verbunden? Es gibt so viele Menschen auf der Straße, aber, wenn ein Präsident kommt, dann wachst Du sofort auf und begegnest ihm mit allen Ehren. Wen verehrst Du denn da in Wirklichkeit? Du verehrst „etwas“, das Du in dem menschlichen Idol siehst. Verstehst Du diesen Punkt? Ähnlich ist ein Idol in einem Schrein oder Tempel nicht wirklich ein Idol, sondern die Vergegenwärtigung von etwas, das sich jenseits seiner sichtbaren Form und Gestalt befindet.

 

Das ganze Universum stellt ein vollständiges Ganzes dar. Die Natur setzt sich nicht aus Einzelteilen zusammen. Wenn ich mit dem kleinen Finger einen kleinen Teil Deines Körpers berühre, wirst Du sagen: „Du berührst mich.“ Diese Berührung eines kleinen Körperteils ist mit der Berührung des ganzen Körpers gleichzusetzen. Die Berührung eines kleinen Körperteils bedeutet, daß damit der ganze Körper angesprochen wird. Die Tatsache, daß die Natur ein alles umfassendes Ganzes darstellt, bedeutet, daß jedes Einzelteil ebenfalls Natur ist. Damit kann man sogar sagen, daß jedes Teil Gott selbst ist.

 

Dieses sogenannte „Teilkonzept“ ist nur eine Vorstellung. Gott besteht nicht aus Einzelteilen. In der Natur gibt es auch keine Einzelteile. Es gibt keine Teile in Deiner Persönlichkeit, denn Du bist eine „ganze“ Person. Wenn Du hierher kommst, dann kommt nicht ein Wirrwarr vieler Körperteile hierher, obgleich es tatsächlich so aussieht, denn Du bist ein Konglomerat vieler Glieder; dennoch kann man nicht einfach behaupten, daß nur viele Glieder kämen, wenn Du sagst: „Ich komme.“ In der gleichen Weise stellt die Natur eine ganzheitliche „Person“ dar, und ein Teil davon ist genauso gut wie jedes andere. Da es schwierig ist, das vollkommene Ganze aufgrund unserer unreifen Vorstellung von der Wirklichkeit sofort zu erfassen, versuchen wir ES in einem Idol auszudrücken. Durch den Fluß erreichen wir den Ozean. Wir können den Ozean nicht direkt erreichen. Ich werde in einem Boot sitzend auf dem Gangeswasser zum Ozean getragen. Alle Flüssen sind wie Idole, die zum Meer hinführen, welches alle Flüsse in sich vereint. Wenn Du irgendeinen Teil dieser Welt berührst, dann berührst Du damit auf ähnliche Weise die ganze Welt.

 

Die Verehrung eines Idols bedeutet nicht nur die Verehrung eines Teilaspektes, sondern eines symbolischen Teiles des Ganzen, der in jenem kleinen Teil versteckt ist, genauso wie der Präsident, der in Form seiner Amtsautorität in einem einzelnen Individuum gegenwärtig ist.

 

Ein anderes Beispiel betrifft die offiziellen Vertreter einer Regierung: die Polizisten, Steuerbeamten, Richter und andere Funktionäre. Jeder einzelne von ihnen vertritt die ganze Regierung. Wenn man die Regierung sehen will, dann kann man sie nicht physikalisch irgendwo als etwas gegenständliches sehen, vielmehr geht man zu den Amtsinhabern wie zum Beispiel dem Richter, dem Finanzbeamten oder dem Regierungsbevollmächtigten, die die Regierung vertreten. Wenn wir die Regierung sehen wollen, gehen wir zu einer einzigen Person. Das Ganze wird durch eine einzelne Person, die als administrative Autorität der Regierung gilt, vertreten. Die Regierung selbst ist unpersönlich.

 

Auf die gleiche Weise vertritt jeder Teil der Welt das ganze Universum, und darum sieht jemand, der ein sogenanntes Idol verehrt, in diesem Idol das Abbild des gesamten Kosmos. Erinnere Dich an die Beispiele, die ich zitiert habe. Genauso wie es nur einen Gott gibt, hat ein Land nur eine Regierung, aber mit vielen offiziellen Regierungsvertretern.

 

Besucher B: Du bist heute morgen gut in „Form“! Vielen Dank.

 

Swamiji: So habe ich jetzt viele Freunde.

 

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21. Die Entwicklung der Welt vom Materialismus hin zur Spiritualität

 

Besucher: Es scheint so, als ob sich die Welt weg von der Spiritualität hin zum Materialismus bewegt. Glaubst Du, daß man diesen Trend umkehren kann?

 

Swamiji: Was ist der Grund dafür? Wie ist es dazu gekommen? Wenn Du die Ursache dieser Situation nicht kennst, bist Du auch nicht in der Lage, damit umzugehen. Du hast etwas gesagt, was einer genaueren Untersuchung bedarf. Wodurch ist es überhaupt geschehen? Geschah es aufgrund historischer Ereignisse oder ethnischer, anthropologischer, erzieherischer bzw. geographischer Probleme? Irgend etwas hat diese Situation in der Vergangenheit verursacht, und das muß bereinigt werden.

 

Wenn man darüber nachgedacht hat und die Ursache bekannt ist, wird das Vorgehen einfach sein. Es ist wie bei einer medizinischen Diagnose und einer anschließenden Operation. Der Fall muß zunächst diagnostiziert werden, erst dann kann man überlegen, wie man der Sache begegnet. Du hast über die Krankheit gesprochen, für die es eine Diagnose gibt. Warum glaubst Du an einen solchen Trend?

 

Besucher: Ich glaube, es geschah, weil die Menschen in Ost und West andere Dinge für wichtiger hielten als die Spiritualität.

 

Swamiji: Warum sollten sie andere Dinge für wichtiger halten als die Spiritualität? Wie kommt es zu einem solchem Verhalten?

 

Besucher: Ich glaube, daß Maya (Scheinwelt) sehr attraktiv ist.

 

Swamiji: Das ist keine gute Antwort. Die Antwort sollte wissenschaftlich genau sein. Maya ist nur ein Wort, das selbst keine Bedeutung hat.  Man sollte solche Wörter nicht benutzen. Vergiß sie. Irgend etwas geschah mit ihrem Verstand, so daß sie gezwungen waren, sich in diese Richtung zu entwickeln. Was geschah mit ihnen? Diese Frage hat auch viele Menschen in Indien bewegt, aber nur wenige Menschen haben wirklich darüber nachgedacht. Die Antwort schmeckt vielen nicht, darum wollte man diese Frage überhaupt nicht beantworten.

 

Das Überbetonen von Wohlstand und materiellen Errungenschaften führt die Menschen zu dem Punkt, den wir gerade besprochen haben. Ist es, vom Standpunkt dieser Menschen aus gesehen, wichtiger nach Wohlstand und materiellen Errungenschaften zu streben, als sich um spirituelle Fortschritte zu bemühen? So zu denken bedeutet, daß bei diesen Menschen etwas vom Grundsatz her falsch ist. Die Krankheit ist tief verwurzelt. Sie haben das ganze Leben gründlich falsch verstanden. Um es kurz zu fassen, sie benötigen eine vollkommen neue Erziehung. Müßte man diese Menschen von Grund auf neu erziehen? Ich bin nicht dagegen. Man sollte sie alle neu erziehen. Aber wer will den Menschen das klarmachen? Wer will das durchführen?

 

Besucher: Leute wie Swami Sivananda und Swami Chinmayananda haben damit bereits begonnen.

 

Swamiji: Ja. Sie haben darin Großes geleistet und viele andere große Seelen wie Shri Aurobindo ebenfalls. Shri Aurobindo hat sich in der Wiederbelebung der wahren Werte seines Landes hervorgetan, so wie er es in seinen Schriften immer wieder betont hat. Er hat ein Buch über die „Grundlagen der Indischen Kultur“ geschrieben. Dieses Buch ist eine Pflichtlektüre für jedermann. Er versteht Indien wie kein anderer, - er verdient die größte Hochachtung. 

 

Indien ist irgendwie von Gott gesegnet. Es hat sich nicht wie andere Nationen wieder aufgelöst, und es sieht nicht danach aus, als ob Indien so einfach sterben wird. Indien hat aufgrund eines Fehlers in der Vergangenheit gelitten; es verlor für einige Jahrhunderte seine Unabhängigkeit, weil es den Wert der irdischen Existenz unterschätzte und sich zu sehr auf die transzendentale Existenz verlassen hatte. Das geschieht, wenn die Liebe zu Gott nicht mit der Pflicht gegenüber der Welt übereinstimmt. Genau das sagte auch Sri Aurobindo, denn Gott half Indien nicht, als es von den weltlichen Kräften angegriffen wurde, weil die Menschen Gott Selbst in Schöpfer und Schöpfung aufteilten. Das Land litt wirtschaftlich, militärisch und sogar in seinem spirituellen Konzept. Doch in seinem Streben nach Transzendenz, obwohl diese durch die Abtrennung von der weltlichen Existenz nicht richtig als vollkommenes Ganzes durchdacht war, war das intensive Verlangen der Seele so stark, daß Indiens Seele überlebte, obgleich es wirtschaftlich und vom Standpunkt der Verteidigungskräfte aus gesehen nicht viel gab, das ihr zur Ehre gereicht hätte.

 

Es war nicht so einfach, die Idee einer Harmonie zwischen der Welt und Gott durchzusetzen, denn die meisten Menschen Indiens beharren auf der Bedeutung des transzendenten Schöpfers. Gott und die Welt schienen immer zwei unterschiedliche Dinge zu sein und das wird auch so lange in den Köpfen bleiben, wie man in sterblichen Dimensionen denkt. Das umfassende Denken der Integration des Seins, in dem der Schöpfer und die Schöpfung EINS werden, ist die wahre Spiritualität der Upanishaden und der Bhagavad Gita. Doch wer lebt in Indien wirklich im Geist der Upanishaden und der Bhagavad Gita? Viele Menschen vollziehen nur Rituale zu Ehren einiger Gottheiten, die sie aus den Puranas (religiöse Erzählungen), den Epen, den Agamas (theologische Abhandlungen) und den Tantras (rituelle Anleitungen) entlehnt haben.

 

Wer lebt in Indien nach der Bhagavad Gita? Wer lebt nach den Upanishaden? Wer lebt entsprechend der Veden? Der ganze Hinduismus wird durch das Diktat der Puranas und Epen, von vielen Riten und der Mythologie bestimmt. Aus Einem Gott sind viele Gottheiten geworden, und wir verehren alle diese Gottheiten, ohne uns notwendigerweise bewußt zu sein, daß diese Gottheiten nur Aspekte EINES Gottes allein darstellen. Das Konzept des Einen Absoluten Gottes ist für die Menschen aufgrund der im Verstand erschaffenen Zweiteilung in Mensch und Welt, und in Welt und Gott nur schwer verständlich.

 

Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Indien ist wirtschaftlich stark. Militärisch ist es ebenfalls sehr stark. Aber etwas fehlt immer noch. Wir haben zwar einen starken „Körper“ und viele Werte angehäuft, dennoch scheint es so, als ob wir langsam unsere Seele verlieren. In der Vergangenheit wurde die außerkosmische Seele überbetont und der „Körper“ unterdrückt. Jetzt sorgen wir mehr für unseren Körper, auf den sich unser ganzer Bedarf richtet, aber dafür scheint sich die Seele hinter den Wolken zu verstecken, was hoffentlich nicht für alle kommenden Zeiten so bleiben wird. Wir befinden uns jetzt in einer Zeit des Übergangs. Indien ist als Nation erst fünfzig Jahre alt. In der Geschichte des Universums sind fünfzig Jahre eine kurze Zeitspanne. Der Tag wird kommen, an dem die Welt sieht, wie Indien sich in seiner ganzen Macht und Bedeutung wieder erhebt.

 

Man nimmt an, daß sich die Kultur von Osten nach Westen verlagert. Vor vielen Jahren waren China und Indien große Kulturnationen. Dann verlagerte sich allmählich das Zentrum der Kultur nach Griechenland, Italien und England. Diese Länder wurden mächtiger als die östlichen Herkunftsländer. Schließlich erreichte es Amerika, - das heute mächtigste Land. Doch die Kultur bewegt sich jetzt in Richtung Japan weiter, das immer mächtiger wird. Letztlich wird die Kultursonne wieder nach Indien in den Osten kommen und es wird denselben Status wie zur Zeit der Veden und Upanishaden erhalten, womit der Zyklus vollendet sein wird. Wir hoffen in Indien auf diese „Morgendämmerung“ mit seiner ganzen Schönheit und Helligkeit und werden mit den Dichtern sagen: „Mit Gott im Himmel und mit der Welt ist alles in Ordnung.“

 

Besucher: Was steuert die Divine Life Society dazu bei, um den spirituellen Geist lebendiger zu machen, - und um den Menschen die spirituelle Seite des Lebens auf verständliche Weise näher zu bringen?

 

Swamiji: Der Traum Swami Shivananda’s war die Integration der menschlichen Persönlichkeit zum Zweck der sozialen Integration, um damit schließlich, - was man als kosmische Integration bezeichnen kann, - die Gott-Verwirklichung zu erreichen. Die menschliche Persönlichkeit muß von einer niederen Ebene zu einer höheren Ebene entwickelt werden, um dann in der höchsten Ebene, in die Universalität, integriert zu werden. Shivananda arbeitete dafür, und die ganze Mission der Divine Life Society widmet sich dieser ehrenwerten Aufgabe.

 

Besucher: Die indische Bevölkerung, die fälschlicherweise die westlichen materiellen Werte zum Maßstab.......

 

Swamiji: Man kann nicht behaupten, daß dem alle Inder folgen. Die meisten Menschen, die ungenügend orientiert sind, verlieben sich aufgrund der äußeren, erwerblichen Möglichkeiten in die westliche Denkweise. Die Überbetonung dieser, auf Äußerlichkeiten bedachten Lebensart ist aufgrund eines Mißverständnisses über das tatsächliche Lebensziel entstanden, - das sollte besonders in Indien nicht so sein, wo man doch annimmt, daß sich dort die Wiege der alten Kultur befindet.

 

Äußerlichkeiten machen keinen Menschen aus. Es ist die ganze menschliche Erscheinung, die eine Persönlichkeit ausmacht. Ich will damit nicht sagen, daß äußere Möglichkeiten und Komfort unnötig sind, aber der Mensch lebt nicht nur mit diesen Äußerlichkeiten. Obgleich Äußerlichkeiten notwendig sind, sind sie doch nur eine Beigabe zur vollkommenen Persönlichkeit. Die Überbetonung nur eines Aspektes der Persönlichkeit bedeutet, daß man nur eine Seite der menschlichen Natur bedenkt und die andere Seite vollständig vergißt.

 

Du hast einen physischen Körper und bist eine soziale Einheit, ein politisches Individuum, eine biologische Struktur, ein psychisches Ganzes, ein Intellekt, eine Vernunft und ein Geist. Alle diese menschlichen Aspekte müssen mit der ihr eigentümlichen „Nahrung“, die wir Erziehung nennen, versorgt werden. Jeder vernachlässigte Aspekt führt zu einer Reaktion und damit zu den Schwierigkeiten im Leben.

 

Die Erziehung stellt den praktischen Lebensweg dar, den man jeden Tag, jede Minute, jeden Augenblick anwendet, wobei man alle Aspekte mit allen persönlichen Beziehungen zur Welt einbezieht. Dieses ist erforderlich, um mit seiner ganzen Persönlichkeit von einer niederen Stufe in eine höhere Dimension hineinzuwachsen, bis die höchste Dimension des SEINS, die Universelle Existenz, erreicht ist.

 

Besucher: Wie können  die Menschen in der Praxis auf all diesen Ebenen erzogen werden ?

 

Swamiji: Die technologische Vorgehensweise in der Erziehung der Menschen muß von einem kompetenten Lehrer gut vorbereitet werden. Genauso wie man es in Ausbildungsstätten, Schulen und Hochschulen handhabt, haben wir in unseren Ashram’s Lehrer, Mentoren und spirituelle Führungspersönlichkeiten, die manchmal Gurus genannt werden. Das Studium des Lebens wird unter einem kompetenten Meister in einer Institution wie zum Beispiel der Divine Life Society durchgeführt. Es ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Wenn man sich für ein Fach bei einem Professor einer Universität einschreibt, muß man sich nach dem Lehrplan für diesen Ausbildungsgang richten, am Unterricht teilnehmen und während der ganzen Ausbildungszeit mit seinem Lehrer in ständigem Kontakt bleiben.

 

Während der Ausbildung werden die Schüler schrittweise durch den ganzen Denkprozeß ihres täglichen Lebens geführt. Dieses wurde von Swami Shivananda weit mehr durch sein persönliches Lebensbeispiel als durch seine Worte und geschriebenen Bücher propagiert. Beispiele sind besser als Gebote. Das Leben des Lehrers, die Art und Weise wie er lebt, seine persönliche Ausstrahlung, sind Objekte der Beobachtung und für das Studium vorteilhafter als die geschriebenen Bücher des Lehrers. Dieses ist die Methode, die wir hier im Ashram der Divine Life Society anwenden. Es gibt in Indien noch viele solcher Ashrams. Die Divine Life Society ist nur ein Beispiel.

 

Besucher: Welche Botschaft hast Du für den westlichen Menschen, damit er sich dem spirituellen Leben nähern und diese Spiritualität in seinem Umfeld lebendig werden lassen kann?

 

Swamiji: Zuerst muß man lernen, ganzheitlich zu denken.  Man muß lernen, wie man ganzheitlich und nicht bruchstückhaft denkt. Ganzheitliches Denken bedeutet, an alles zur selben Zeit zu denken.

 

Die Kunst des ganzheitlichen Denkens bedeutet, in den Räumen des kosmischen Geistes zu denken. Ein ganzheitlicher Gedanke beinhaltet jeden Aspekt des Lebens, denn Spiritualität schließt alles ein. Das Objekt eines ganzheitlichen Gedankens schließt das vollkommene Verständnis der Existenzstruktur ein. Dieses verstehen wir letztendlich auch unter Yoga. Dieses ist Spiritualität, wirkliche Religion und die Pflicht eines jeden Menschen in seinem täglichen Leben, und dies praktizieren und lehren wir, soweit es in unserer Macht steht.

 

Besucher: Welches sind die Stufen, die jemand bis zum ganzheitlichen Denken durchlaufen muß?

 

Swamiji: Man muß einen Menschen von der niedrigsten zur höchsten Stufe führen. Zuerst müssen die Verwicklungen eines Menschen verstanden werden. Es gibt da politische, soziale, finanzielle, biologische und familiäre Verwicklungen. Darauf muß man zuerst Rücksicht nehmen. Zunächst darf man über nichts anderes sprechen. Die Menschen leiden sehr unter diesen Dingen und sorgen sich weniger um die anderen Angelegenheiten. Wenn diese Dinge klar sind, dann kann man sich um die psychologischen Verwicklungen, wie zum Beispiel den Verstand, Intellekt, Prana (Lebensenergie) und die Arbeitsweise des Körpers kümmern.

 

In der dritten Stufe geht es um die Einstimmung der Persönlichkeit mit der Natur des Ganzen, d.h., um den ganzen astronomischen Kosmos, mit dem man ebenfalls in Harmonie leben muß. Man kann sich nicht mit Sonne, Mond und Sternen anlegen. Sie bestimmen ebenfalls den Lebensweg auf eine bestimmte Art und Weise. Wenn dieses ebenfalls sorgfältig beachtet wird, dann zentriert man seine Seele in den Geist des spirituellen Kosmos, des Allmächtigen Gottes. So kommt man von außen nach innen. Von innen geht man in die Natur als Ganzes (Schöpfung) und kommt dann mit dem Absoluten in Berührung. Das ist der Weg, auf dem man schrittweise vom niederen Ganzen zum höheren Ganzen und zum Höchsten Ganzen, dem Absoluten, zu Gott gelangt.  

 

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22. Das Erscheinungsbild und sein Name

(Phänomen und Nomen)

 

Swamiji: Man sagt, daß man liebevoll, freundlich und voller Mitleid, hilfsbereit und großzügig sein soll, was sehr wichtig ist. Aber es gibt noch etwas viel wichtigeres; das letztendlich die Bestimmung der Seele des Menschen ist und was sich schließlich auch ereignet.

 

Die Welt mit all ihrer Menschlichkeit wird eines Tages verschwinden.  Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Sogar das Sternensystem wird nicht bis in alle Ewigkeit überleben. Es  wäre ein falsches Wohlbehagen, sich vorzustellen, daß alles, so wie es sich derzeit vor unseren Augen abspielt, in einem wunderbaren Zustand  ist. Die Dinge kommen und gehen. Menschen werden geboren und sterben wieder. Weltreiche entstehen und zerfallen wieder. Die Cäsaren und Napoleone sind gekommen und viele sind gleichzeitig wieder verschwunden. Nichts bleibt ewig. Was ist das für ein Spiel?

 

In dieser mysteriösen Darstellung der Geschichte des Universums und der Geschichte der Menschen, scheint nichts dauerhaft zu sein, und wenn etwas eine Zeitlang überlebt, so wissen wir doch nicht, wie lange es überleben wird. Niemand von uns weiß, wie viele Minuten oder Jahre er noch leben wird. Aus irgendwelchen Gründen mag es nur noch für einige Minuten sein. Wir müssen durch vergangene Erfahrungen und aus der Geschichte lernen.

 

Was verbirgt sich hinter diesem Spiel, diesem Bühnenstück der Menschheit? Warum sind wir so geschäftig? Welchen Geschäften gehen wir nach? Wofür arbeiten wir und warum laufen wir Projekten nach und verwickeln uns in alle möglichen Aktivitäten, so, als ob alles in dieser Welt nur ein „Zuckerlecken“ wäre?

 

Nun kommen wir zum tieferen philosophischen Sinn der menschlichen Kultur und der Geschichte des Menschen. Es gibt da etwas Überphysikalisches, Übersinnliches, Hellseherisches, Übersoziales und Überpersönliches. Es muß dort etwas geben, was das ganze Universum anzieht, ohne dessen Akzeptanz all unsere Tätigkeiten bedeutungslos erscheinen würden.

 

Die wahre Bedeutung des Lebens kann nicht das sein, was sich vor unseren Augen abspielt, denn das Leben unterliegt ständigen Veränderungen, es ist ein Dahin-Fließen und letztendlich unzuverlässig. Wir können uns hier nicht einmal für längere Zeit sicher sein. Es gibt nirgendwo Sicherheit. Alles ist zweifelhaft und doch tun wir so, als wären wir unsterblich. Niemand glaubt daran, daß sein Leben morgen schon zu Ende sein könnte, obwohl es tatsächlich so sein kann. Woher kommt dieser Widerspruch in den menschlichen Gedanken, der in uns den Eindruck vermittelt, daß das Leben ewig währt, obgleich wir sehr genau wissen, daß wir hier einem Irrglauben unterliegen? Wie ist diese falsche Vorstellung vom ewigen Leben, dem jedermann in dieser Welt unterliegt, überhaupt möglich?

 

Wir denken vollkommen konträr zu den Tatsachen. Obwohl die Auflösung aller Dinge eine Tatsache ist, scheint es ebenso eine Tatsache zu sein, daß wir gleichzeitig nicht daran glauben. Wir müssen uns damit abfinden, daß jeden Augenblick etwas passieren kann, doch wir hoffen im selben Moment, daß nichts geschehen wird, daß alles in Ordnung ist und morgen ein besserer Tag sein wird. Wir zweifeln niemals daran, daß morgen ein besserer Tag sein wird, obwohl es nicht so sein muß.

 

Einerseits scheint alles unsicher zu sein, wobei niemand weiß, was im nächsten Augenblick geschehen wird, und andererseits fühlen wir gleichzeitig, daß uns nichts geschieht, - daß alles in Ordnung ist, und daß morgen wieder ein besserer Tag sein wird und wir noch weitere fünfzig Jahre leben werden. Obgleich ich weiß, daß ich sterben muß, bin ich davon überzeugt, daß ich morgen nicht sterben werde. Niemand glaubt daran, daß er morgen vielleicht schon sterben muß .

 

Hier gilt es bestimmte Punkte zu betrachten. Es gibt eine Ewigkeit hinter der Maske des sterblichen menschlichen Individuums, die als große Universelle Tatsache durch alle Poren unserer Wahrnehmungsfähigkeit hindurchschaut und -schimmert. Wir gehören gleichzeitig der sterblichen und der unsterblichen Welt an. Wir unterliegen alle den sterblichen Aspekten unserer Persönlichkeit: Dem Körper, dem Raum-Zeit­-Komplex, dem Kausalgesetz, der menschlichen Gesellschaft und allem Außenstehenden. Alles wird sterben, was von vorübergehender Natur ist, was kausal gebunden ist und was der Beziehung von Ursache und Wirkung unterliegt, und doch gibt es etwas in uns, das in dieser Form nicht gebunden ist. Tief in unserem Inneren sind wir unsterblich. Das Unsterbliche erinnert uns ständig daran. Das ist der Grund, warum wir mit all den angebotenen Schätzen dieser Welt unzufrieden sind.

 

Selbst wenn uns die ganze Erde angeboten würde, wir wären nicht zufrieden. Auch wenn wir den ganzen Himmel besäßen, wir würden nicht zufriedener sein. Unsere Wünsche sind endlos. Wir wünschen uns Werte und Besitztümer ohne Ende, und selbst das Leben in dieser Welt sollte ewig andauern. Niemand wünscht sich weniger als endlos und fortgesetzt zu leben. In der Annahme, daß folgendes Beispiel sinnvoll ist: „Glaubt Ihr, daß ein WeltenEroberer davon ausgeht, nach seiner Eroberung nur noch drei Minuten lang zu leben? Nein. Selbst dann, wenn jemand nur für wenige Minuten alle Schätze dieser unendlichen Welt besäße, er wäre damit unzufrieden.

 

Darum muß die Zufriedenheit für immer sein. Unsere Unendlichkeit sollte mit der Ewigkeit konform sein. Raum und Zeit sollten sich gegenseitig ergänzen und ein Ganzes bilden. Man kann dieses durchaus das „Absolute“ nennen.

 

Um die Verwirklichung der kosmischen Universalität im täglichen Leben zu erreichen, sind wir so betriebsam, denn die Selbstverwirklichung ist unser Lebensziel. Wir sind nicht aufgrund irgendwelcher Äußerlichkeiten so geschäftig. Wir arbeiten nicht von morgens bis abends, weil uns die Erde etwas Wertvolles zu geben hätte, sondern wir tun die ganze Arbeit nur als Vorbereitung zur Universellen Selbstverwirklichung. Dies ist, kurz gesagt, das Ziel und die Absicht dieses Ashrams von Swami Shivananda, und es ist sicherlich auch das Ziel Deines Institutes. Ich würde gerne etwas von Dir hören, denn ich weiß, daß Du ein bekannter Mann bist und eine kleine Botschaft von Dir wäre eine Ehre für uns.

 

Roy Eugene Davis: Meine Begleiter wissen bereits, was ich sagen will. Unsere Philosophie, die sich auf die Veden bezieht, ist im Wesentlichen mit der hiesigen Auffassung identisch. Wir betonen die gleichen wichtigen Punkte.

 

Swamiji: Unterrichtest du auch Meditation.

 

R. E. Davis: Ja.

 

Swamiji: Wendest Du dabei besondere Techniken an?

 

R. E. Davis: Neuen Schülern lehren wir die Mantratechnik und gehen dann weiter.

 

Swamiji: Ihr singt Mantras?

 

R. E. Davis: Wir benutzen das „Hamsa“ (das Selbst ist Brahman) -oder „So-ham“ (Ich-bin-das-Selbst)  - Mantra. Dann praktizieren wir noch „Klang-Licht“, -Kontemplation, - eine bestimmte Kriya-Technik, wie sie von Yogananda gelehrt wurde.

 

Swamiji: Kriya-Technik zusammen mit ein wenig Technik von Patanjali?

 

R. E. Davis: Als Basisschrift benutzen wir die „Yoga-Sutras“ von Patanjali.

 

Swamiji: Patanjali hat in seinen Sutras so viele Dinge angesprochen, dennoch sind nur wenige für das tägliche Leben erforderlich.

 

R. E. Davis: „Yamas, Niyamas“ (ethische und moralische Übungen) sollten die Lebensführung bestimmen.

 

Swamiji: Yamas, Niyamas, Asanas (Körperhaltungen), Pranayama (Atemübungen), Pratyahara (Zurückziehen der Sinne), Dharana (Konzentration), Dyana (Meditation). Wir können bis dahin gehen und brauchen nicht weiter an Samadhi (das Einssein mit Gott) zu denken. Samadhi ist sehr interessant, nicht wahr? Es ist nicht leicht zu verstehen, was es wirklich bedeutet und was in diesem Zustand mit uns geschieht. Wir können uns nicht vorstellen, was im Falle der Gott-Verwirklichung mit uns geschieht. Angenommen, Du hast Gott erreicht. Was wird mit Dir geschehen? Welche Position nimmst Du dabei ein? Solche Fragen können wir nicht so einfach beantworten. Wir umgehen diese Dinge lieber, denn es wird schon alles in Ordnung sein.

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23. Das wahre Herz

 

Besucher: Swamiji, wenn wir meditieren, konzentrieren wir uns normalerweise auf das „Trikuti“ (inneres Auge der Erkenntnis in Stirnhöhe), aber manchmal wandern die Gedanken woanders hin und hören nicht auf zu wandern. Wir belassen es dann dabei und konzentrieren uns auf das Herzzentrum...

 

Swamiji: Meditationstechniken werden durch Einweihung direkt von einem Guru vermittelt. Man kann sich so etwas nicht selbst beibringen. Bist Du von einem Lehrer in diese Technik eingewiesen worden, der Dir gesagt hat, daß Du Dich auf einen Punkt des Körpers konzentrieren sollst?

 

Besucher: Ja. Es wurde mir empfohlen.

 

Swamiji: Was wurde Dir empfohlen?

 

Besucher: Ich folge dem Meditationssystem von Yogananda. Man hat mir empfohlen, mich auf das „Trikuti“ zu konzentrieren, aber entsprechend meiner eigenen Erfahrung ziehe ich es vor, mich auf das Herzzentrum zu konzentrieren.

 

Swamiji: Wie kommt es, daß Du eine andere Erfahrung gemacht hast, als das, was Dir Dein Guru erzählt hat? Dein Guru muß Dir etwas Richtiges erzählt haben. Wo liegt Dein Problem?

 

Besucher: Ich finde es einfacher, mich auf das Herzzentrum als auf das „Trikuti“ zu konzentrieren.

 

Swamiji: Wieso ist das einfacher?

 

Besucher: Ich empfinde dabei ein Gefühl von Frieden und Freude.

 

Swamiji: Gut, dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn Du Frieden und Freude empfindest, dann kannst Du Dich auf das Herzzentrum konzentrieren. Aber eine Frage muß dabei noch geklärt werden. Was verstehst Du unter „Herzzentrum“? Wenn Du sagst, daß Du Dich auf das „Herzzentrum“ konzentrierst, was meinst Du damit? Meinst Du jenes Körperorgan, das Blut durch die Adern pumpt?

 

Besucher: Ich meine den Platz, wo sich das „Anahata-Chakra“ (seelisches Herzzentrum) befindet.

 

Swamiji: Du konzentrierst Dich also nicht auf das physische Herzzentrum?

 

Besucher: Nein.

 

Swamiji: Du konzentrierst Dich auf ein konzeptionelles und nicht auf das physische Zentrum, nicht wahr?

 

Besucher: Ja. Ich ziehe es vor, mich auf das Herz-Chakra zu konzentrieren und dabei die Blütenblätter (des Lotos) zu visualisieren.

 

Swamiji: Hat es wirklich keine Verbindung zum physischen Herzen?

 

Besucher: Nein.

 

Swamiji: Gut. Seit wann konzentrierst Du Dich auf diese Weise?

 

Besucher: Ich folge dieser Art der Konzentration seit ungefähr 3-4 Jahren..

 

Swamiji: Aber Du hast die Konzentration auf das Herzzentrum hin geändert.

 

Besucher: Nein, denn ich konzentriere mich auch auf „Kutastha“ (etwas, das unbeweglich ist, auch Name Brahmans), aber, wann immer meine Gedanken zu wandern beginnen, dann......

 

Swamiji: Welches Ziel verfolgst Du eigentlich mit dieser Art von Konzentration?

 

Besucher: Ich möchte tiefer in mein Herz hineingehen.

 

Swamiji: Du benutzt hier lediglich ein paar Worte. Welches Ziel verfolgst Du damit? Es ist nicht gut, sich auf das Herz zu konzentrieren, denn man greift in gewisser Weise in die Herztätigkeit ein. Das Herz hat seine eigene Funktionsweise und wir sollten es nicht mit unseren Gedanken bombardieren. Wir sollten uns, genauer gesagt, auf überhaupt keinen Körperteil konzentrieren, weil der Körper auf seine Weise harmonisch arbeitet. Wenn man irgendeinen Körperteil mit seinen Gedanken bombardiert, stört man die harmonische Arbeitsweise des Organismus, es sei denn, man verfolgt damit einen bestimmten Zweck. Andererseits kannst Du so weitermachen, denn es ist nicht grundsätzlich falsch, sich so zu konzentrieren. Dein Guru sitzt hier. Stelle ihm alle weiteren Fragen.

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24.  Die Verbindung zwischen Körper und Verstand:
Der geliebte Gott

 

Besucher: Welche Verbindung gibt es zwischen Körper und Verstand?

 

Swamiji: In den kalten Ländern gefriert die Meeresoberfläche und wird zu festem Eis. Verstehst Du, was ich damit sagen will? In der Tiefe bleibt der Ozean flüssig und an der Oberfläche wird er fest. Die Festigkeit zeigt sich nicht plötzlich an einem bestimmten Fleck, sondern bildet sich allmählich zu immer festerem Eis. Aus der Tiefe des Ozeans heraus wird das Eis dichter und fester, und umgekehrt, je tiefer man sich von der festen Eisoberfläche nach unten begibt, desto weicher und durchlässiger wird das Eis, bis es schließlich wieder so flüssig wie Wasser geworden ist. Wo verläuft die Grenze zwischen dem Eis und dem darunter befindlichen Wasser? Wo ist die Verbindungslinie zwischen beiden?  Was verbindet das Eis an der Oberfläche mit dem Wasser am Grund? Gibt es eine Verbindung oder gibt es keine?

 

Besucher: Es gibt keine Verbindung.

 

Swamiji: Es gibt also keine Verbindung. Damit habe ich Deine Frage beantwortet, bzw., Du hast Dir Deine Frage selbst beantwortet.

 

Darum sage jetzt nichts mehr. Die Antwort muß aus dem Fragesteller selbst kommen. Die Antwort ist tief im Inneren des Fragestellers verborgen. Sie muß lediglich durch eine analytische Methode hervorgebracht werden. Was sagst Du nun? Die Antwort ist in Dir, doch Du fragst unnötigerweise, da Du nicht in der Lage bist, selbst die Antwort zu finden. Der Guru ist wie eine Hebamme. Ohne etwas Neues zu erschaffen, bringt er das hervor, was bereits vorhanden ist. Darum habe ich, wie eine Hebamme, etwas hervorgebracht. Möchte noch irgend jemand etwas fragen? - Als kurze Antwort genügt es zu sagen, daß der Verstand wie ein verflüssigter Körper ist. Wenn der Körper sich verflüssigt, wird er zum Verstand; Wenn der Verstand sich verfestigt, dann wird er zum Körper. Es gibt tatsächlich keine Verbindung; das, was als zwei Dinge erscheint, ist in Wirklichkeit nur eins. Wasser und Eis sind ein und dasselbe; es gibt keine zwei Dinge.

 

Man kann sich nicht auf eine Sache konzentrieren und sich dabei etwas anderes denken oder wünschen. Der Verstand ist mit den Wünschen identisch. Der Verstand setzt sich aus Wünschen zusammen und ist davon untrennbar, genauso wie ein Kleidungsstück aus vielen Fäden hergestellt wird und keinesfalls davon getrennt werden kann. Wie willst Du Dich konzentrieren, wenn nicht durch den Verstand, was gleichbedeutend mit den Wünschen ist? Wo sind die Wünsche? Welche Wünsche hast Du?

 

Wenn es Probleme bei der Einschätzung der Wünsche gibt, und wenn man nicht ganz genau weiß, was man tatsächlich in dieser Welt benötigt, dann ist der Verstand noch nicht zur Konzentration und Meditation bereit.

 

Du kannst Dich nur auf das konzentrieren, was Du Dir wünschst. Du kannst Dich nicht auf etwas konzentrieren, was nicht von Dir gewünscht wird. Du kannst Dich nur auf etwas konzentrieren, wozu Du tief im Inneren Deines Herzens eine Beziehung hast. Du kannst Dich nicht auf etwas konzentrieren, wozu Du keine Beziehung hast. Einige sagen: Konzentriere Dich auf einen Punkt an der Wand, eine Kerzenflamme, eine Rose oder einen Lichtblitz, praktiziere „Trataka“ (starrer, konzentrierter Blickkontakt auf ein Objekt). Das ist alles richtig. Dieses sind alles wundervolle Konzentrationsübungen. Aber, bist Du mit dem ganzen Herzen dabei? Hüpft Dein Herz vor Freude, wenn es an den Punkt an der Wand denkt? Oder betrachtest Du es als eine Art Bürde, die Dir durch einen Zuchtmeister auferlegt wurde? Ist die Yogameditation eine Art unfreundlicher Disziplin, die Dir als Bürde von irgend jemandem auferlegt worden ist, oder ist sie freudevoller spontaner Erguß Deiner eigenen Gefühle, weil Du es so wünschst?

 

Dies sind bestimmte gedankliche Hintergrundaspekte, deren Du Dir immer bewußt sein mußt. Wie kannst Du eine Liebe oder innere Beziehung zu einem Punkt an der Wand aufbauen, wenn Du genau weißt, daß er keine Bedeutung hat? Jemand behauptet, daß es gut für Deine Konzentration sei, und darum zwingst Du Dich zu dieser Konzentration auf den Punkt.

 

In der indischen Tradition begreifen wir das Objekt der Meditation als Ishtadevata. Im Sanskrit  bedeutet es „geliebtes Objekt“ oder „geliebter Gott“. Das, was Du am meisten liebst, ist für Dich Gott. Wenn Du etwas zu einhundert Prozent liebst, dann wird es in jeder Hinsicht zu Gott. Es ist Gott. Nach Gott kommt nichts mehr und auch außerhalb von Gott existiert nichts mehr. Wenn eine Mutter ein Kind bekommt, auf das sie jahrelang gewartet hat, wird das Kind für die Mutter zu Gott, - sie denkt nur noch an das Kind, umarmt es und verehrt es als das teuerste Gut Ihrer Seele. Gibt es irgend etwas in dieser Welt, das Du als das teuerste Gut Deiner Seele betrachten könntest? Das ist Dein Ishtadevata, das geliebte Objekt Deiner Meditation.

 

Jeder von Euch muß sein geliebtes Objekt zur Meditation auswählen. Dasjenige Objekt, das nicht der Zuneigung entspricht, kann vom Verstand nicht akzeptiert werden, und darum auch nicht als Konzentrationsobjekt herangezogen werden. Andererseits wirst Du nämlich an dem Glauben festhalten, daß Du meditierst und nach vielen Jahren feststellen müssen, daß Du nichts erreicht hast, weil Du Dich in der fraglichen Disziplin wie ein Schuljunge verhalten hast, dessen Herz sich ganz woanders befindet.

 

Unser Swami erzählte mir, daß Du Dich mit Yama-Niyama beschäftigst. Tatsächlich beinhalten die Yama-Niyama-Regeln die Analyse über Dein Herz und Deine Gefühle. Wo befindet sich Dein Herz und wo Deine Gefühle? Was magst Du gerne? Erzähle es mir und ich werde Dir sagen, wer Du bist. Du brauchst niemandem zu erzählen, wer Du bist, aber Du kannst es Dich selbst fragen. Frag’ Dich selbst: Was für ein Mensch bin ich? Würdest Du Dich als sehr bedeutenden oder perfekten und von den Göttern geliebten Menschen bezeichnen? Oder fühlst Du Dich als winziges Nichts, als ein Niemand in dieser Welt? Wie ist es?

 

Ein Suchender ist der angenehmste Yogaschüler. Jemand, der Gott von ganzem Herzen liebt, der kann sich auch aus ganzem Herzen konzentrieren. Aber jemand, der den armseligen Flitterkram in dieser Welt, der anziehend, hübsch und sehr wertvoll aussieht, mehr liebt als die wahren Werte des Lebens, der kann sich nicht spirituell konzentrieren. Ein Lehrer und geistiger Führer ist zwingend erforderlich.

 

Das tatsächliche Objekt Deiner Liebe wird Deine Seele befreien und Dich von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit führen. Dieses solltest Du als das Objekt Deiner Meditation anschauen. Wer kann Dich in dieser Welt, mit Ausnahme dessen, was nicht von dieser Welt ist, beschützen? Diese Welt ist brüchig wie Glas. Sie wird wie ein Windhauch von einem Tag zum anderen verschwinden. Im Kosmos gibt es etwas Wesentliches, Unsterbliches. Man nennt es den Allmächtigen Gott, das Absolute, das Höchste Sein. Auf das mußt du Dich konzentrieren. Du kannst Dich auf die Nasenspitze, auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, Dein Herz oder jeden anderen Körperteil konzentrieren, doch letztendlich muß Dein Verstand zum Absoluten Sein, dem Ishtadevata oder zum Objekt „der geliebten Anflehung“ geführt werden. Niemand kann Dich mehr lieben als Gott, und auch Du kannst niemanden mehr lieben als Gott. Gott liebt Dich und Du liebst Gott. Dieses ist Religion und Yoga zugleich. Wenn Dir dies klar ist, kannst Du Dich konzentrieren, ansonsten werden Deine Gedanken hin und her springen, weil Du nicht das richtige Objekt ausgewählt hast.

 

Das ausgewählte Objekt ist Ishtadevata, die am meisten geliebte, attraktivste und befreiendste Quelle Deiner Sicherheit. Du wirst herausfinden, daß es nichts Sichereres als Gott selbst gibt. Alles andere ist unsicher und letztendlich unzuverlässig. Darum ist Yoga im Sinne von „Gottesliebe“ eine Religion, und es ist im Sinne „der Konzentration des Verstandes“ eine Disziplin. Diese beiden Begriffe gehören zusammen. Tiefe Konzentration durch Willenskraft sollte mit auf Gott gerichtetem Gefühl vermischt sein. Religion und Yoga vereinigen sich in Form einer Aufwallung Deiner ganzen Persönlichkeit in Richtung auf den Schöpfer des Universums. Dies ist meine kleine Botschaft für Dich. Was soll ich Dir sonst noch erzählen? Gott segne Dich.

 

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25. Gott und Befreiung

 

Swamiji: Du hast völlig recht, wenn Du sagst, daß Du Dich selbst kennenlernen möchtest. Wissenschaftler, Philosophen, Volkswirtschaftler, Politiker, Soziologen und wer auch immer machen einen Fehler, in dem sie behaupten, daß sie sich außerhalb des Universums befinden, daß sie dieses Thema beherrschen und sich dabei wie Stiere, Pferde oder Elefanten ins Zeug legen, ohne zu wissen, daß sie selbst ein Teil dessen sind, wonach sie suchen.

 

Wenn Du selbst nicht weißt, wer Du bist, kannst Du Deine Umgebung auch nicht erkennen. Warum wird denn die gesamte Umgebungsstruktur, in der Du selbst eingeschlossen bist, so gründlich mißverstanden? Wir glauben immer, daß die Umgebung uns wie ein Schal oder eine Decke bedeckt, aber so ist es nicht. Die Umgebung ist keine Decke, mit der wir uns bedecken, so daß wir sie, wenn wir wollen, jederzeit beiseite schieben können. Die Umgebung ist eher wie eine Haut, die wir nicht einfach ablegen können. Doch kein Politiker wird aufgrund seiner Selbstsüchtigkeit diesen Punkt verstehen, denn er ist nur an kleinen vorübergehenden Zielen interessiert und denkt nicht im Geiste daran, wie ein wirklicher Staatsmann an die Zukunft zu denken.

 

Die Umgebung klebt wie eine Haut an Dir. Wie willst Du mit ihr umgehen, wenn Du Dich nicht zuerst behandelst? Was meinst Du dazu? Stimmst Du mir zu? Sehr langsam und zögernd stimmst Du mir zu, nicht wahr?

 

„Erkenne Dich selbst und sei frei.“ Du mußt herausfinden, wie es ist, sich durch Selbsterkenntnis zu befreien. Was gibt es für eine Verbindung zwischen der Selbsterkenntnis und der Freiheit? Das ist eine wichtige Frage. Die Beziehung zwischen der Freiheit und dem eigenen Selbst ist also auch nicht klar. Die ganze Sache ist sehr verwirrend. Es sieht so aus, als würden wir eine vollkommen neue Erziehung benötigen.

 

Wenn Du in Eile bist, wird nichts geschehen. Aufgrund menschlicher Bemühungen wird letztendlich nichts geschehen. Es gibt eine kosmische Ordnung, in der alles von sich aus im Gleichgewicht gehalten wird. Du solltest durch Dein egoistisches Verhalten der natürlichen Bewegung des Kosmos nicht im Wege stehen. Wenn Du für diese Bewegung offen bist, dann wird ER Dich in Sein Boot aufnehmen. Andererseits, wenn Du Ihn durch Deinen Widerstand behinderst, dann ist dieses Verhalten wie ein Riegel für Sein Tor, so daß es sich für Dich nicht öffnen wird. Hab’ keine Furcht.

 

Indischer Besucher: Nein, ich fürchte mich nicht.

 

Swamiji: ER wird kommen. Irgendwann wird ER kommen und jeder wird zu IHM kommen. Niemand ist ausgeschlossen. ER wird kommen.

 

Besucher: ER wird kommen, aber ich muß mir diesen Punkt klar machen.

 

Swamiji: Ja. Nun ist es klar, daß ER kommen wird. Alles, was Du wissen wolltest war, ob ER kommen oder nicht kommen wird und Du weißt es jetzt, daß ER kommen wird. Es ist ganz sicher. Darum kannst Du jetzt glücklich sein und lächeln. Du brauchst nicht mehr traurig zu sein. Sei’ glücklich. ER wird kommen.

 

Besucher: Kann man über irgend etwas kontemplieren, ohne sich dabei etwas vorzustellen?

 

Swamiji: Was möchtest Du Dir denn vorstellen? Du kannst Dir, was auch immer Du möchtest, ausdenken. Was möchtest Du denn gerne wissen?

 

Besucher: Wie wurde das Universum erschaffen?

 

Swamiji: Ja, jetzt verstehe ich. Wie möchtest Du es begreifen? Was für eine Methode hast Du? Welche Methode willst Du anwenden? Welche Vorstellungen hast Du?

 

Besucher: Daß das Universum von Gott zu Seinem eigenen Vergnügen erschaffen wurde.

 

Swamiji: Nun gut. Was möchtest Du nun genau wissen? Kontemplierst Du auf diese Weise?

 

Besucher: Nein, damit habe ich kein Problem, aber ein bestimmter Wunsch bleibt dennoch.

 

Swamiji: Ja. Das ist richtig.

 

Besucher: Wie kann eine befreite Seele in Wünsche verwickelt sein?

 

Swamiji: Es gibt keine befreite Seele, die in Wünsche verwickelt ist. Solch eine Person gibt es nicht.

 

Besucher: Doch wie konnte dies geschehen?

 

Swamiji: Es gibt weder ein solche Person, noch eine befreite Seele, die Wünsche hat.

 

Besucher: Also ist Gott nicht befreit?

 

Swamiji: Gott ist keine befreite Seele. ER hat überhaupt keine Seele. ER ist etwas vollkommen anderes. Warum nennst Du IHN eine befreite Seele, wenn ER doch gar kein Mensch ist? Du hast falsche Vorstellungen von IHM; Du kennst IHN doch gar nicht. ER ist nicht wie Herr Bannerjee, der vor mir sitzt. Der Schöpfer des Universums ist keine befreite Seele. Es sind zwei verschiedene Dinge. Das ewig Absolute hat keine Wünsche und ES ist weder ein Mensch noch eine befreite Seele.

 

Besucher: Ist es darum unser Ziel zu erkennen, daß wir ein Teil von IHM sind, aber dennoch niemals wie ER werden können?

 

Swamiji: Du wirst EINS mit IHM und Dich danach niemals mehr von IHM getrennt fühlen. Genauso wie Körper und Seele eins sind, wird sich die individuelle Seele mit dem Absoluten verbinden. Du wirst ein Gefühl von Einheit und universellem Verständnis empfinden und Allwissenheit wird in Dein Bewußtsein eintreten. Dafür meditierst Du täglich so lange und so intensiv wie möglich. Meditiere über die wunschlose Universelle Existenz.

 

Du kannst beten und Japa üben. Japa und Gebete sind die Eingangsstufen der spirituellen Praxis. Dann wird die Meditation automatisch folgen. Den Namen Gottes singen und beten sind die Eingangsstufen, wobei Du keine unnötigen Wünsche, Abneigungen, Kümmernisse, Emotionen oder Spannungen empfinden solltest. Alle diese Dinge haben dort keinen Platz. Wenn diese Dinge in Dir vorhanden sind, kannst Du nicht meditieren. Diese Schwächen sind gefühlsmäßig und sie müssen Schritt für Schritt aufgelöst werden.

 

Besucher: Was fühlt man zur Zeit der Befreiung gegenüber anderen Menschen?

 

Swamiji: Es gibt dann keine anderen Menschen. Sie sind nicht vorhanden. Du wirst mit IHM verbunden sein. Du wirst dann niemanden sonst wahrnehmen. Genauso wenig wie man im Wachzustand Traumobjekte sieht, so wird man dann auch keine Menschen sehen, denn diese werden auch verschwinden.

 

Besucher: Wer diesen Zustand erreicht hat.....

 

Swamiji: Was erreicht?

 

Besucher: Befreiung.

 

Swamiji: Derjenige wird zu jenem Zeitpunkt die Welt nicht sehen. Die Welt ist dann überhaupt nicht sichtbar, genauso wenig, wie man im Wachzustand die Traumobjekte sehen kann.

 

Besucher: In dem Moment, wo man befreit ist.....

 

Swamiji: Dann ist es zu Ende. Man ist sich dann nur noch der Universellen Existenz bewußt. Man wird dann keine Menschen sehen, genauso wenig, wie man Traumobjekt im Wachzustand sieht. Du hast im Traum einige Personen gesehen. Wo sind sie jetzt? Du kümmerst Dich nicht um sie. Sie existieren überhaupt nicht. Genauso wird es sich auch mit der übrigen Welt verhalten. Sie wird genauso wie die Traumobjekte verschwinden. Sie wird sich dann mit dem Universellen Geist verbinden. Selbst eine diesbezügliche Frage wird sich nicht mehr erheben.

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26. Der letzte Gedanke

(aus dem Buch: Antwort auf deine Fragen) 

 

Mila (Besucherin aus Venezuela): Bislang habe ich immer geglaubt, daß der letzte Gedanke der wichtigste Gedanke sei. Mir wurde jetzt aber gesagt, daß er nicht so wichtig ist. Der letzte Gedanke beeinflußt meine Wiedergeburt nicht in der Form, daß man, an ein Tier denkend, auch als Tier wiedergeboren wird.

 

Swamiji: Wenn Du denkst, daß Du ein Tier bist, dann wirst Du als ein Tier wiedergeboren werden.

 

Mila: Aber, mir wurde gesagt, daß es nicht so ist, und daß der letzte Gedanke auch nicht so wichtig ist. Darum sag’ mir bitte, wie es sich nun wirklich verhält?

 

Swamiji: Der letzte Gedanke ist der Ausdruck der Macht aller Gedanken, die Du während Deines gesamten abgelaufenen Lebens gehabt hast. Er ist wie eine Frucht Deines Lebensbaumes.

 

Mila: Aber woher kommt der Gedanke an ein Tier?

 

Swamiji: Das „Tier“ entsteht aus Deinen Bindungen, die Du hast. Dieser Gedanke kommt beispielsweise daher, daß Du ein kleines Kind zu Hause hast, um das Du Dich ständig sorgst und immer wieder daran denkst. Es ist richtig, daß Du betest und meditierst, aber Du denkst auch an das Kind. Ein kleiner Hase oder irgend etwas anderes, um das Du Dich kümmerst und an das Du immer wieder denkst, wird auch Dein letzter Gedanke sein können. Der Gedanke wird kommen, und die Meditationstechnik, die Du anwendest, wird nichts daran ändern, solange Du eine Bindung zu einem Kind hast. Dieser Gedanke an das Kind wird niemals aufhören, weil Dein Gefühl bei dem Kind und nicht bei der Meditation ist. Dein Intellekt ist in der Meditation und Dein Gefühl ist bei dem Kind. Darum wird zuletzt der Kindgedanke kommen und darin liegt die Gefahr. Deine Liebe zu Gott sollte gefühlsbeladen sein und nicht nur „ein intellektuelles Akzeptieren“ zum Inhalt haben. Unsere Beziehung zu einem Kind ist gefühlsbetont und nur gefühlsbetonte Dinge werden im letzten Augenblick auf  uns zukommen. Sag’ mir, woran Du den ganzen Tag denkst?

 

Mila: Nun, ich sehe das Bewußtsein in den Bäumen, in den Steinen, in allem.

 

Swamiji: Denkst du auch noch an andere Dinge?

 

Mila: Ich hoffe, daß ich nicht an andere Dinge denke, denn man sagt, daß man selbst noch vor der Himmelstür herunterfallen kann. Welchen Weg können wir im letzten Augenblick einschlagen?

 

Swamiji: Wenn Du immer und unter allen Umständen - morgens, abends, wenn Du zu Bett gehst und schläfst, wenn Du sprichst und wo auch immer Du bist, diesen einen Gedanken hegst - nur an das denkst, was ich bereits erwähnte, kannst Du IHN niemals vergessen, dann wird dies auch Dein letzter Gedanke sein. Aber Du mußt IHN auch in Deinem Herzen fühlen. Wo ist Dein Herz? Das, was Du ständig in Deinem Herzen trägst, wird auch Dein letzter Gedanke sein.

 

So wird sich beispielsweise an Deinem Lebensende eine heimliche Leidenschaft, von der Du niemandem etwas erzählst, mit großer Macht entfalten, und alles weitere bewirken. Wenn es aber nicht so ist, wenn  Du auch gefühlsmäßig nur an die eine große wundervolle Sache denkst und Du Dir nichts anderes in dieser Welt wünschst - auch keine Freunde -, wenn Du nichts besitzt und Dich nur mit IHM, dem Absoluten Sein, verbunden fühlst und Tag und Nacht nur an IHN denkst, dann wird der letzte Gedanke auch nur IHM gelten. Was Dir Dein Gefühl sagt, das wird Dein letzter Gedanke sein. War das die Antwort auf Deine Frage?

 

Mila: Ich habe die Frage nur gestellt, weil man mir sagte, Swami Chidananda hätte gesagt, daß der letzte Gedanke nicht wichtig ist. Ich war aber der Meinung, daß in der Bhagavad Gita zu lesen steht, daß der letzte Gedanke wichtig ist, das ist der Grund für meine Frage.

 

Swamiji: Wieso kann sich der letzte Gedanke von dem unterscheiden, was Du während Deines ganzen Lebens gedacht hast? Es wird derselbe Gedanke sein. Warum sollte sich der letzte Gedanke davon unterscheiden? Dieser letzte Gedanke ist das „Häubchen Sahne“, das alle Deine Gedanken garniert.

 

Mila: Man könnte abgelenkt werden.

 

Swamiji: Nein, von dem intensivsten Gedanken kann man nicht abgelenkt werden. Es gibt keine Ablenkung. Wie sollte das möglich sein? Wenn Du allerdings mit Deinen Gedanken sehr intensiv an Deinem Besitz, Erbe und Bankkonto hängst, unter dem Motto,  - wenn ich sterbe, wer wird dieses alles bekommen? - wird es sicherlich ein Problem geben. Viele Menschen beten zu Gott und meditieren, befürchten aber, daß der Falsche, - wenn sie sterben -, den Besitz erben wird? Dieser Gedanke bezüglich des Besitzes wird auch das Ende beherrschen.

 

Wenn Du aber sagst: „Laß den Besitz doch zur Hölle gehen. Es macht mir nichts aus, wenn er zur Hölle geht, denn ich habe schließlich meine Pflicht getan. Laß den Besitz irgend jemanden übernehmen. Ich werde ihn als mildtätige Gabe weitergeben und alles beenden, damit ich mit Gott alleine sein kann. Ich habe niemanden mehr außer Gott und mich selbst. Ich stehe vor IHM. Ich stehe für immer Tag und Nacht vor IHM. Ich schaue auf IHN und ER schaut auf mich.“ Wenn dies Deine Gedanken sind, gibt es auch keine Probleme. Denke darüber nach.

 

Mila: Und was sind die zukünftigen Hindernisse? Wir können doch indirektes Wissen erreichen.

 

Swamiji: Du betest und meditierst jeden Tag, nicht wahr? Welche Hindernisse sollte es dabei geben?

 

Mila: Nein. Das meine ich nicht. Du sagst, daß es drei Arten von Hindernissen gibt: Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

 

Swamiji: Kommen Dir diese Gedanken während der Meditation?

 

Mila: Nein. Aber ich denke daran, was die Zukunft wohl bringen wird? Wie bereite ich mir Hindernisse für die Zukunft? Ich verstehe die Vergangenheit und die Gegenwart, aber ich kann nicht die zukünftigen Hindernisse verstehen. Was kann ich bezüglich der Zukunft tun?

 

Swamiji: Die zukünftigen Hindernisse resultieren aufgrund jener Wünsche, die Du Dir erfüllen möchtest, aber im jetzigen Leben nicht erfüllen kannst. Aufgrund einiger Probleme kannst Du diese Wünsche im jetzigen Leben nicht erfüllen, und das sind die Probleme der Zukunft. Wenn es aber jetzt keine Wünsche mehr gibt, die zu erfüllen wären, wenn Du jetzt eine reine Weste hast, dann gibt es auch in der Zukunft keine Probleme mehr und die Zukunft wird Dir dann auch keine Probleme bereiten.

 

Mila: Vielen Dank.

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27. Weibliche Berge

 

Saravana Raja (männlicher Besucher): Ich möchte einen Zweifel ausräumen.

 

Swamiji: Gut, erzähle mir von Deinem Zweifel.

 

Saravana: Baba, im Augenblick beobachte ich jedermanns Bewegungen. Angenommen, hier sind viele Menschen, die sich bewegen, dann fühle ich die Kraft in den Menschen, was bedeutet, daß Gott in ihnen wohnt. Darum sehe ich nur Gott - die Männer als Shivas und die Frauen als Shaktis,- ist das richtig?

 

Swamiji: Wiederhole bitte noch einmal, was du gesagt hast.

 

Saravana: Ich sehe die Männer als Gott Shiva, und die Frauen als göttliche Shakti, Parvati. Ist das richtig?

 

Swamiji: Und wie denkst Du über Bäume und Berge?

 

Saravana: Bäume und Berge sind natürliche Dinge, die von göttlicher Kraft durchdrungen sind.

 

Swamiji: Gibt es auch männliche und weibliche Bäume?

 

Saravana: Ich habe diese Dinge nicht näher betrachtet. Ich weiß es nicht.

 

Swamiji: Du kennst keine männlichen und weiblichen Berge?

 

Saravana: Nein.

 

Swamiji: Dann gibt es auch weder männliche Menschen noch Frauen. Es handelt sich dabei ebenfalls um eine falsche Vorstellung. Wenn Du glaubst, daß es männliche und weibliche Menschen gibt, dann mußt Du auch daran glauben, daß es männliche und weibliche Berge gibt. Wenn Du nicht daran glaubst, daß es männliche und weibliche Berge gibt, gibt es dies auch nicht bei den Menschen. Es handelt sich dabei um ein Mißverständnis.

 

Genaugenommen gibt es keine männlichen und weiblichen Dinge. Wenn dies jedoch Deiner Auffassung entspricht, gibt es sie überall, und dann findest Du sogar männliche und weibliche Bäume. Ich mache keine Witze, denn es findet beispielsweise auch eine Querbesamung bei Bäumen statt,  so daß sich dort Früchte entwickeln können. Dies geschieht nur aufgrund einer Aktivität der männlichen und weiblichen Elemente. Sogar bei Insekten gibt es diese Unterscheidung von Männchen und Weibchen. In einem Bienenvolk, zum Beispiel, gibt es die weibliche Arbeitsbiene, die männliche Drohne und die weibliche Königin. Überall findet man männliche und weibliche Elemente.

 

Wenn man allerdings dieses Bewußtsein transzendiert und die Macht Gottes allgegenwärtig fühlt, verschmilzt das Positive und das Negative im Gottesbewußtsein und es gibt keinen Unterschied mehr. Diese Unterschiede werden in den unteren Stufen gesehen, aber in den höheren Stufen verschmelzen sie in Gottesenergie oder Gottesbewußtsein. Worin bestehen also Deine Zweifel?

 

Saravana: Und doch gibt es Mann und Frau. Wenn man auf ihre Gesichter schaut, worauf muß man sich denn dabei vorzugsweise konzentrieren?

 

Swamiji: „Konzentrieren“ auf was?

 

Saravana: Zum Beispiel auf die Augen......

 

Swamiji: Nein, nein. Worauf konzentrierst Du Dich?

 

Saravana: Angenommen, ich möchte mit Dir sprechen, dann hat alles seinen bestimmten Konzentrationspunkt. Was ist mit Blickrichtung auf das Gesicht von jemandem der geeignete Konzentrationspunkt?

 

Swamiji: Welchen Grund gibt es, sich auf das Gesicht von irgend jemanden zu konzentrieren?

 

Saravana: Angenommen, ich würde irgendwann heiraten, dann würde „Devi“ in mein Leben treten. Wenn ich sie anschaue, welches ist dann der richtige Konzentrationspunkt in ihrem Gesicht? Sind es die Augen oder ........

 

Swamiji: Wessen Augen?

 

Saravana: Die Augen der Frauen.

 

Swamiji: Man kann einen Menschen nicht nur nach seinen Augen, Ohren und seiner Nase usw. beurteilen, sondern man muß ihn als Ganzes sehen. Man muß den ganzen Menschen von Kopf bis Fuß auf einmal betrachten und nicht nur auf die Nase oder die Stirn schauen. Wenn man ihn nur Stück für Stück betrachtet, ist jedes Teil für sich ohne Bedeutung. Wenn man ihn als Ganzes sieht, dann ist alles wundervoll. Darum, was auch immer man anschaut, man muß es als vollkommene Struktur sehen. Wenn ich Dich anschaue, dann sehe ich nicht nur Deine Nase, die Augen und den Schnurrbart, sondern ich sehe Dich als vollkommene Persönlichkeit. Dann kann ich verstehen, wer Du bist. Kannst Du mich verstehen?

 

Saravana: Ja. ich verstehe.

 

Swamiji: Welches Problem gibt es sonst noch? Denke über das Ganze nach.

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28. Religiöses Bewußtsein

 

Jose: Swamiji, ist Religion für ein religiöses Bewußtsein notwendig?

 

Swamiji: Jeder, der etwas Höheres über sich fühlt, ist ein religiöser Mensch. Religion bedeutet, daß man ein Höheres Bewußtsein über oder jenseits von sich selbst fühlt. Das ist alles. Man braucht keine Religion, wenn man sich vollkommen fühlt und wenn es nichts über oder jenseits von einem selbst gibt. Dies ist eine einfache psychologische Standortbestimmung. Wenn Du Dir allerdings bewußt bist, daß es etwas über oder jenseits von Dir gibt, das größer oder mehr ist als Du selbst es bist, das Dich durchdringt und das Du gerne erreichen möchtest, dann handelt es sich dabei um Religion. Wenn Du möchtest, kannst Du es auch als religiöses Bewußtsein bezeichnen.

 

Nun fragst Du danach, ob es notwendig ist, religiös zu sein. Der Weg, auf dem Du Dich tagtäglich im Lichte des Bewußtseins in dieser Welt bewegst, ist Religion. Es gibt ein Bewußtsein, das Dein tägliches Leben beeinflußt und dem entsprechend Du Dich auf besondere Art und Weise verhältst. Dein Verhalten, Deine Führung und Handlungsweise werden durch dieses Bewußtsein bestimmt, wobei das eine die Ursache und das andere die Wirkung ist. Man kann sagen, daß einerseits das religiöse Bewußtsein die Ursache und andererseits die Religion die Wirkung ist. Sie gehören zusammen, denn das eine kann nicht ohne das andere sein.

 

Jose: Aber ist Religion für die religiöse Erfahrung erforderlich?

 

Swamiji: Erfahrung bedeutet nichts anderes als der direkte Eintritt in das religiöse Bewußtsein. Gegenwärtig entspricht Dein religiöses Bewußtsein nur einer Idee. Diese Idee ist im Augenblick noch nicht zu Deinem „Selbst“ geworden. Wenn ES zu Deinem Selbst wird, dann wirst Du ES erfahren. Dies ist ein weiterer Schritt auf eine höhere Ebene, die sich über dem bloßen Bewußtsein befindet. Zuerst ist ES eine außenstehende Offenbarung, dann ist es eine konzeptionelle metaphysische Grundlage und schließlich eine tatsächliche Erfahrung. Man kann sagen, daß es drei Entwicklungsstufen sind.

 

Religiös zu sein bedeutet, ein Bewußtsein über das eigene endliche Selbst zu haben, mit dem wachsenden Verlangen, über diese Grenzen des eigenen Selbst’ hinauszuwachsen. Wer fühlt sich nicht begrenzt? Auf diese Weise hat jeder ein Bewußtsein dafür, was jenseits dieser Grenzen ist, die er überschreiten möchte. Das ist Religion.

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29. Die Schönheit der Gedanken

 

Mila aus Venezuela: In Deinem Buch „Chandogya Upanishad“ steht geschrieben, daß unsere Gedankenmuster schön sein müssen. Bedeutet dies, daß unsere spontanen Gedanken, die töricht erscheinen, schön sein sollten? Ist dies die wahre Bedeutung?

 

Swamiji: Was ist ein spontaner Gedanke?

 

Mila: Es ist der Gedanke, der unvorbereitet kommt.

 

Swamiji: Normalerweise sind spontane Gedanken nicht schön, da sie gefühlsbedingt oder zerstörerisch sind, bzw. durch Ängste hervorgerufen wurden. Dies sind für gewöhnlich die Gedanken, die die Menschen haben. Wie können solche Gedanken überhaupt schön sein?

 

Mila: Wie können wir solche Gedanken schöner machen?

 

Swamiji: Du mußt glauben, daß Deine Gedanken schön sind, dann werden sie es auch sein. Du mußt nur fest daran glauben, daß etwas wundervoll ist, dann wird es durch den Einfluß Deiner Gedanken genauso wundervoll sein, wie Du es siehst. Sag’ mir, was ist denn wundervoll? Was ist wirklich schön?

 

Mila: Die Einheit.

 

Swamiji: Einheit von was?

 

Mila: Gott in allen Menschen und in allen Dingen zu sehen.

 

Swamiji: Wenn Du Gott überall einpflanzen könntest, dann siehst Du in allem nur Gott. Du wirst nichts anderes sehen. Wenn Du in allem nur Gott und nichts anderes siehst, ist das ein wundervoller Gedanke. Kein anderer Gedanke könnte wirklich so wundervoll sein.

 

Mila: Aber, wie kann ein spontaner Gedanke schön sein?

 

Swamiji: In einem weit fortgeschrittenen Stadium der Meditation werden die spontanen Gedanken ebenfalls zu wundervollen göttlichen Gedanken, aber, der normale Mensch kann leider nicht immer an Gott denken. Dafür bedarf es großer Mühe. Meditation kostet am Anfang einige Mühe, denn normale Menschen denken nicht an Gott. Sie denken über ihre eigenen Probleme, Geschäfte usw. nach, und solche Gedanken können nicht schön sein. Aber, wenn Du nur zu spontanen göttlichen Gedankenoffenbarungen und keinen anderen Gedanken in der Lage bist, dann sind auch die spontanen Gedanken wundervoll. Ist es möglich, nur an Gott und an nichts anderes zu denken?

 

Mila: Nein.

 

Swamiji: Darum sind normalerweise die spontanen Gedanken auch nicht schön. Diese Gedanken sind auch nur halbe Gedanken oder Gedankensplitter. Nur göttliche Gedanken sind schön und kein anderer Gedanke kann letztendlich als schön bezeichnet werden.

 

Für alles, was als „schön“ bezeichnet werden soll, ist eine vollkommene Struktur erforderlich. Unvollkommenes kann nicht als schön bezeichnet werden. Darum frage ich Dich, wer ist in dieser Welt wirklich vollkommen? Sag’ es mir. Niemand ist vollkommen und darum ist auch niemand schön. Manchmal wird Gott in einem Ding reflektiert und wirkt darum wunderschön. Verstehst Du das? Obwohl nur Gott letztendlich schön ist, wirkt auch ein Ding, in dem Gott reflektiert wird, ebenfalls schön. Ein Kind ist schön und ein Heiliger ist schön, weil das Kind und der Heilige kein „Ego“ haben. Alles, was kein Ego hat, ist schön. Alles, was ein Ego hat, sieht häßlich aus. Die Natur Gottes hat kein Ego und wird sowohl in einem Kind als auch in einem Heiligen reflektiert, darum sehen beide schön aus. Dagegen sind die anderen Menschen, die sich dazwischen befinden und somit weder Kinder noch Heilige sind, nicht schön. Verstehst Du mich?

 

Mila: Ja.

 

Swamiji: Das ist sehr wichtig. Du bist weder ein Kind noch ein Heiliger und alles andere ist nicht gut. Du befindest Dich genau dazwischen, und das ist für die Schönheit nicht gut.

 

Mila: Ich befinde mich genau in der Mitte. Ich bin alt und auch nicht schön.

 

Swamiji: Bist Du denn ein Kind oder ein Heiliger? Was bist Du?

 

Bhavagrahi: Ein Kind.

 

Swamiji: Ein Heiliger?

 

Bhavagrahi: Ein Kind.

 

Swamiji: Wenn Du ein Kind bist, dann bist Du schön, weil ein Kind unschuldig, frei von Egoismus und Selbstbestätigung ist, so daß unter diesen Bedingungen das Selbst Gottes reflektiert wird. Gott kann auch in anderen Dingen dieser Welt reflektiert werden, vorausgesetzt, sie sind ohne Ego und unschuldig.

 

Es gibt wunderschöne Dinge in dieser Welt, wie zum Beispiel kleine Babys. Kleine Kinder sind wunderschön. Alle Kinder dieser Welt sind schön. Wenn sie jedoch heranwachsen und schließlich einen Bart tragen und ein Ego haben, dann sind sie nicht mehr schön. Ein Heiliger hat ebenfalls kein Ego. Er ist wie ein Kind und darum strahlt er auch so. Das bedeutet, daß Gott letztendlich wunderschön ist. Das Wesen von allem ist DAS und alles, was Gott reflektiert, ist ebenso wunderschön. Darum ist auch Dein spontaner Gedanke schön, wenn er diese Voraussetzungen erfüllt.

 

Mila: Können wir dies nur erreichen, wenn wir es ständig praktizieren?

 

Swamiji: Ja. Durch die Praxis des vollkommenen Denkens.

 

Mila: Ist das der einzige Weg, diese Art spontaner Gedanken zu erreichen?

 

Swamiji: Ja, durch die Praxis kann es erreicht werden. Es bedarf anfangs großer Mühe Deinerseits, um einen „Vollkommenen Gedanken“ aufrechtzuerhalten. Nur ein vollkommener Gedanke kann ein schöner Gedanke sein.

 

Mila: Was ist ein vollkommener Gedanke?

 

Swamiji: Ein vollkommener Gedanke schließt alles ein, nichts existiert außerhalb davon und nur Gott Selbst kann so vollkommen sein. DAS ist die SCHÖNHEIT.

 

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